#NSU

Bildschirmfoto 2013-06-18 um 11.24.45Anzahl der Tweets mit dem Hashtag #NSU in den letzten 180 Tagen in wöchentlichen Intervallen – via topsy.com, eigene Suche & Screenshot

“Man muss es ab und auch mal aussprechen”, sagte meine Schwester. “Wir nutzen immer nur die Abkürzung ‘NSU’.” National Sozialistischer Untergrund. Dafür steht NSU.

Es wird vermutlich Jahre dauern bis es im NSU-Prozess zu einem Urteil kommt. Der Verhandlungsbeginn war holprig, man erregte sich über die Unterbrechungen, die Vertagung, Zschäpes Kleidung & Haltung, das Kreuz, die Verteidiger-Namen und vieles mehr. Heute am 11. Verhandlungstag des NSZ-Prozesses ist die Berichterstattung abgeflaut (englischsprachige Medien berichten inzwischen kaum/gar nicht mehr) – auch das ist natürlich und war erwartbar bei Prozessen dieser Art. Zeit Online hat eigens für den NSU-Prozess einen Blog eingerichtet und damit einen nachhaltigen Weg gewählt. Statt eines Livetickers, schreiben sie, starteten “wir also ein Projekt mit langem Atem. Wir wollen auch dann noch hinschauen, wenn sich manche, die wie auch wir lautstark einen Platz im Gerichtssaal einforderten, vielleicht schon wieder abgewandt haben.”

Den Live-Ticker der Süddeutschen Zeitung hatte ich mehrmals lobend erwähnt. Mittlerweile finde ich aber den Zeit Online Blog sehr viel überschaulicher und handlicher zur Verfolgung des Prozesses. Ich denke, die Langatmigkeit lohnt sich bereits jetzt, in den ersten Prozesswochen.

Nur vereinzelt entdecke ich derzeit auf Twitter und Facebook noch Menschen, die Artikel und Meldungen zum Thema NSU teilen. Das empfinde ich deshalb als erwähnenswert, da Twitter und Facebook – für mich persönlich – immer ein relativ zuverlässiger Barometer für die Befindlichkeiten bestimmter Gesellschaftsgruppen waren und sind. Die große Mehrheit der deutsch-türkischen Community in sozialen Netzwerken beschäftigt sich derzeit – das kann man sich sicher denken – (berechtigterweise*) in erster Linie mit den Protesten in der Türkei. Hin und wieder tauchen mahnende Stimmen auf, man möge doch bitte den gleichen Einsatz auch in der deutschen Politik zeigen, wenn es um Hochwasser, NSU und andere Themen geht. *Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

// UPDATE: Es gibt natürlich auch ein Watchblog, das hier nicht unerwähnt gelassen darf: NSU-Watch.info Dass ich NSU-Watch hier nicht als wachsames öffentliches Auge erwähnte, ist ein Faux Pas! NSU-Watch wird redaktionell von apabiz e.V. betreut und verfolgt, wie der Name sagt, nicht nur den NSU-Gerichtsprozess, sondern auch die Ermittlungen und Recherchen zum Thema NSU im Allgemeinen. Ihre Artikel veröffentlichen sie auch auf Englisch und Türkisch. Die aufwendige Arbeit kann man hier mit einer Spende unterstützen.

– Gibt es noch andere Medien/Blogs & Co, die sich durch Langatmigkeit und Wachsamkeit hervortun? Bitte hier in den Kommentaren vermerken. –

UPDATE II: Auf NSU-Nebenklage verfolgen zwei Rechtsanwälte ebenfalls kontinuierlich den NSU-Prozess, eine Sozialpädagogin übersetzt die Texte ins Türkische (Danke an Fasel für den Hinweis!) //

Bei Verhandlungsbeginn fragte ich auf meiner öffentlichen Facebook-Page einige Nutzer, was sie vom Prozess erwarten. Erwartungsgemäß war die Stimmung eher pessimistisch. Ich möchte daran erinnern, damit uns unsere eigenen Worte ermahnen. Continue reading

DAMALS

IMG_0036Es ist Sonntagnachmittag in Hamburg. Meine Großfamilie hat sich bei meinen Großeltern versammelt, um sie zu verabschieden. Sie werden – wie jedes Jahr – ein halbes Jahr in der Türkei verbringen. Jedes Mal, wenn sie gehen, fühle ich mich durstig nach ihren Geschichten, ihrer Vergangenheit. Jedes Mal ergreift mich die Sorge, es könnte die letzte Gelegenheit sein. Ich spüre den Drang, sie festzuhalten, als Geschichten. Bevor sie vergessen werden könnten – so als hätte es sie nie gegeben.

“Hast du schon mal jemanden sterben sehen?”, frage ich meinen Onkel und stochere lustlos im Kartoffelsalat. “Hm, ja”, sagt er und beißt in die Hähnchenkeule. “Echt?” “Ja. Zwei Kumpel von mir.” Er isst weiter. Ich lege meine Gabel hin und schaue ihn ungläubig an. “Also vor deinen Augen?” Er nickt und füllt sich den Teller auf. Ich schnappe mir mein Notizbuch.

Beim ersten Mal war mein Onkel gerade einmal 12 Jahre alt. Mit seinen Freunden Georgie und Johnny spielte er nach Schulschluss auf dem Fußballfeld hinter der Schule. Sie hielten sich am Lattenrost des Fußballtors fest und baumelten hin und her, als das Tor nach hinten kippte und Georgies Kopf einklemmte und tödlich traf. Georgies Familie gehörte ein griechisches Restaurant. Nach Georgies Tod sind sie mit ihrer Tochter für immer nach Griechenland zurückgekehrt, erzählt mein Onkel.

Ein paar Jahre später, mein Onkel war inzwischen ein Jugendlicher, hatte er sich mit Freunden auf dem Spielplatz versammelt, als ihr Freund Schlappi dazukam, mit einer Waffe in der Hand. “Na, soll ich schießen?”, fragte er und lachte. Dann zielte er auf Stefans Kopf: “Soll ich dich erschießen, Stefan?” Er drückte ab, die Kugel schoss durch Stefans Kopf und tötete ihn. Abdus, der hinter ihm stand, wurde durch die Wange in die Luftröhre getroffen. Entgeistert sei Schlappi davongerannt, erzählt mein Onkel. Später erfahren sie durch die Polizei, dass er sie eigentlich nur erschrecken wollte. Er hatte heimlich die Waffe seines Vaters genommen und die Munition entfernt. Eine Kugel sei aber noch im Lauf gewesen. “Schlappi ist danach abgetaucht. Wir haben ihn nie wieder gesehen”, sagt mein Onkel. “Und Abdus?” “Er hat heute noch eine Narbe an der Wange.”

Mein Onkel hatte schon immer eine gewisse Coolness an sich. Als Jugendlicher war er sportlich, gut gebaut, Ringer, trug gepflegte Tolle, Pilotenbrille, Jeans und T-Shirt. So habe ich ihn aus Kameraaufnahmen in Erinnerung. Noch heute, Geschäftsmann mit Frau und drei Kindern, hat er eine Lässigkeit, als würde er der Welt sagen wollen “Macht doch mal locker.”

Es ist das erste Mal, dass er mir im Detail Geschichten aus seiner Jugend erzählt, von Hamburgs Straßen vor zwanzig Jahren und dem Leben in den Gastarbeitervierteln. Davon, wie seine Freunde und er am Wochenende nach Bergedorf fuhren, um dort Neonazis zu verprügeln. “War Rassismus damals Thema bei euch?”, frage ich. “Natürlich.” Mein Onkel erzählt von Solingen, Mölln, Hoyerswerda und Rostock. Von der Wut, dem Ärger. Und wie sie damals aus Hamburg gemeinsam nach Solingen fuhren, um zu demonstrieren.

Es ist das erste Mal, dass er mir die Türen zu einem anderen Hamburg öffnet. Das erste Mal, dass ich einen neuen, persönlichen Blick auf die Brandanschläge bekomme, die sich diese Woche zum zwanzigsten Mal jähren. Es ist aber auch das erste Mal, dass ich ihn frage.

 

Diese Kolumne erschien zunächst in der Taz vom 27. Mai 2013

 

“TAKTLOS” – REAKTIONEN ZU ANNE WILLS THEMENWAHL AM 20. JAHRESTAG VON SOLINGEN

Die Diskussion heute auf Twitter zu Anne Wills Sendung “Allahs Krieger im Westen – wie gefährlich sind radikale Muslime”, die ausgerechnet am 20. Jahrestag des rassistischen Brandanschlags in Solingen stattfindet, habe ich auf Storify zusammengefasst:

 

 

ZWANZIG JAHRE

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Standbild aus den ARD-Aufnahmen des Brandes am 29. Mai 1993 in Solingen

20 Jahre ist der Brandanschlag in Solingen her. Doch es ist, als brenne das Haus von Mevlüde Genc noch heute lichterloh. So präsent, so wichtig und aktuell erscheint das Feuer.
Mögen Hülya Genç, Gülistan Öztürk, Hatice Genç, Gürsün İnce und Saime Genç in Frieden ruhen.

Wir müssen zusammen leben wie Geschwister. Wir sind alle Menschen, die von Gott erschaffen wurden. Wir haben den gleichen Gott. – Mevlüde Genc

Heute findet in Solingen die Premiere des Dokumentarfilms 93/13 von Mirza Odabasi statt. Odabasi reiste durch Deutschland und dokumentierte die vergangene, gegenwärtige und künftige Erinnerung des Brandanschlags in einem berührenden Film.

DIE DEUTSCHEN HAUSTÜRKEN

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Necla Kelek und Thilo Sarrazin am 30. August 2010 auf der Pressekonferenz anlässlich Sarrazins Buchveröffentlichung “Deutschland schafft sich ab” in Berlin (Bildcredit Taz)

Auch als Minderheit hat man Privilegien. Beispielsweise dann, wenn man sich in der Öffentlichkeit bewegt. Dort haben wir eine Deutungs- und Meinungshoheit über unsere Leute, unsere Minderheit. Das ist unsere Geldmaschine. Unsere Macht.

Ich könnte jeden Schwachsinn erzählen, ich würde immer irgendwo Menschen finden, die ihn bereitwillig glauben. Denn wenn ich es sage, „die Türkin“, „die Muslimin“, dann wird es schon stimmen. Ich muss nichts beweisen. Das fängt an bei ironischen Märchen wie: „Na klar duschen wir mit dem Kopftuch“ (schon passiert). Und hört tatsächlich nirgendwo auf. Er geht so weit, wie „der Türke“ oder „die Türkin“ ihn gerne treiben mag.

„Die [islamisch erzogenen, Anm. der Red.] Menschen haben nicht die Fähigkeit, ihre Sexualität zu kontrollieren“, sagte Necla Kelek im ZDF und fuhr fort: „Besonders der Mann nicht, und der ist ständig eigentlich herausgefordert und muss auch der Sexualität nachgehen. Er muss sich entleeren, heißt es, und wenn er keine Frau findet, dann eben ein Tier […].“

Tja, wenn selbst „die Türkin“ (und wenn sie Lust hat, auch „die Muslimin“) Kelek erzählt, dass muslimische Männer ihre Sexualität an Tieren entleeren, dann muss es halt stimmen. Und ganz egal, was die UNO kürzlich dazu sagte – Thilo Sarrazin kann kein Rassist sein, weil „die Türkin“ Kelek doch eifrig nickte, bei seiner Buchveröffentlichung mit am Tisch saß. Wenn selbst „die Türkin“ ihm zustimmt, dann hat er sicher recht. Continue reading

ÜBER DEN BEGRIFF “HAUSTÜRKEN”

Mit “Die imaginären Haustürken” hat Anatol Stefanowitsch einen klugen und kritischen Kommentar zu meiner letzten Kolumne in der Taz “Die deutschen Haustürken” geschrieben. Deshalb möchte hier auf meinem Blog darauf eingehen. In seinem Kommentar kritisiert er die Verwendung des Begriffs “Haustürken.”

Seine erste Kritik bezieht sich auf den historischen Zusammenhang. Nachdem er den Zusammenhang und die Berechtigung der Nutzung dieses Begriffs durch Malcolm X erklärt, fährt Stefanowitsch wie folgt fort:

Tatsächlich aber dürften wenigstens Zweifel an der Existenz einer großen Zahl von „Onkel Toms“ angebracht sein. (Quelle: “Die imaginären Haustürken”)

Ich denke nicht, dass die Zahl der “Onkel Toms” in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist, da es sich um eine Typologisierung einer Mentalität handelt.

Auch Haussklaven waren Sklaven, die ausgebeutet und missbraucht und ohne Rücksicht auf Familienbeziehungen ge- und verkauft wurden. Die Idee, dass sie das nicht durchschaut und sich stattdessen in großer Zahl mit ihren Peinigern solidarisiert haben, dürfte eher (weißen) medialen Darstellungen als der Wirklichkeit entspringen. Zumindest verbietet es sich, die Narrative unreflektiert zu übernehmen und auf andere Zusammenhänge anzuwenden, wie Gümüsay das tut. Spätestens mit dieser Übertragung akzeptiert man den Wahrheitsgehalt, und damit die rassistische Perspektive, dieser Narrative. (Quelle: “Die imaginären Haustürken”)

So habe ich Malcolm X nicht verstanden. Continue reading

DER ALLER-SUPADUPA-HYPER-ÜBERTRIEBEN-BESTE DEUTSCHE

“Sie [Die Deutschen] sind mittlerweile zu einem Haufen von Duckmäusern pervertiert, die unter der linksgrünen Gesinnungsdiktatur in völliger Furcht um ihr gesellschaftliches Ansehen, inzwischen auch um ihre Existenz nichts mehr politisch Unkorrektes zu sagen wagen, schon gar nicht würden sie dafür demonstrieren. Denn wie wir derzeit den Medien entnehmen, wird eher ein Salafist zum Polizisten, als ein Deutscher, der sich zum Patriotismus bekennt. Zudem haben die Deutschen ihr Leben und die Verantwortung dafür zur Gänze dem Staat anvertraut. Der Nachbarsjunge ist von Ausländern erschlagen worden? Ja schade um ihn, da soll sich aber der Staat drum kümmern. Was hab ich denn damit zu tun? Nachher denkt man, ich bin ausländerfeindlich.”

Das Schlachten hat begonnen”

Ich will gar nicht viele Worte verlieren, denn über Menschen
wie Akif Pirinçci ist eigentlich alles schon einmal gesagt worden.

WENN DIE KAMERAS AUS SIND…

Die Debatten in deutschen Talkshows sind gut bezahlte Hahnenkämpfe. Das mag keine brisante Neuigkeit für Sie sein, vielleicht sollte sich das jeder gescheite Mensch auch denken können. Vor zwei Jahren, ich war noch jung, lernte ich das auf die ungemütliche Tour.
Es war eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, die mich zur Debatte einlud. Der Titel war schön knallig. Ein Prise Islam hier, eine Prise Ur-Deutsches da: „Kopftuch und Currywurst.“ Ein Titel wie aus der Bild. Eigentlich wäre das schon Grund genug gewesen, abzusagen.
Aber wie gesagt, ich war jung, ich hatte Hoffnung. Und die Gästeliste war okay. Nur ein Gast, ein geübter Talkshow-Gänger und Quoten-Muslim, versprach dicke Luft. Die meisten in meinem Freundeskreis rieten mir ab. Dann aber erzählte mir ein Freund, dass er den Mann kürzlich interviewt habe. Mit dem lasse sich diskutieren. Klingt gut, dachte ich. Herausforderung angenommen. Mein Plan: Mich mit dem Gast vorab treffen und kennenlernen. Denn wenn ihm wirklich etwas an dem Thema läge und sich wirklich mit ihm diskutieren ließe, dann würden wir die Sendung schon rocken – konstruktiv und inhaltsreich!
So weit, so naiv. Wir trafen uns also tatsächlich vor der Sendung und ich erlebte einen wunderbar angenehmen Gesprächspartner. Wir sprachen über die Probleme der muslimischen Community, diskutierten Lösungsansätze, kritisierten Islamophobie und Rassismus. Wir verstanden uns gut. Bis wir im Studio saßen. Die Kamera läuft.

RASSISTIN? ICH?

Kritik an rassistischen Wörtern ist richtig. Verletzte Journalistenstölzlein nicht. (Das Bild zeigt das Cover der Zeit 17. Januar 2013)
Vor ein paar Jahren besuchte ich in Wien ein Café und entdeckte dort auf der Karte „Mohr im Hemd“ mit einer leckeren schokoladigen Beschreibung. Ich hatte aber bereits bestellt und schrieb später auf Facebook: „Das nächste Mal in Wien möchte ich Mohr im Hemd essen.“ Es hagelte Kritik. „Mohr“ sei eine rassistische Bezeichnung für Schwarze. Einer schrieb, ich sei eine Rassistin.
Aber, aber, schrieb ich, das hätte ich doch nicht so gemeint. Ich fühlte mich zu Unrecht kritisiert. Ich hatte doch keine böse Absicht.
In den letzten Wochen tobte es in der deutschen Feuilletonlandschaft. Nach der Ankündigung des Verlegers des Kinderbuchs „Die kleine Hexe“, in der neuen Ausgabe unter anderem das N-Wort zu ersetzen, veröffentlichte die Wochenzeitung Zeit eine Titelgeschichte zu dem Thema. Nicht nur dort, sondern auch anderswo verteidigten zahlreiche Feuilletonisten das N-Wort, und so manch einer witterte Zwang, gar Zensur.

AB IN DIE WUTBOX

Ganz ehrlich? Ihr könnt mir mal den Buckel runterrutschen, ihr hasserfüllten Paukenhauer, globalen Klassenclowns und mediengeilen Störenfriede. Ihr lauten Menschen. Kauft euch ’ne schalldichte Wutbox und tobt euch dort aus, haut euch gegenseitig die Köppe ein. Aber das würdet ihr niemals alleine machen. Ihr funktioniert nämlich nicht ohne uns, die Moderaten dieser Welt. Ihr braucht uns. 
Was wäre eine Demonstration muslimischer Extremisten ohne Publikum? Was wären die islamischen Hassprediger auf der einen Seite und Ayaan Hirsi Ali plus Henryk M. Broder auf der anderen ohne uns? Nichts. Sie brauchen uns, damit wir über sie diskutieren. Darüber, ob sie recht haben oder nicht. Ob es in Ordnung ist, wie sie sind, was sie tun und was das für Folgen haben könnte. 
Wir verhelfen ihnen damit zu noch mehr Prominenz und noch mehr Aufmerksamkeit. Wir holzen Hunderte von Bäumen ab, nur um in Zeitungen darüber zu grübeln, wie wir ihren Anliegen gerecht werden, ihren Vorwürfen begegnen, ihr Geschrei beruhigen. Und schon während ich diesen Text schreibe, tut es mir leid um die Bäume. Aber einmal muss es raus. 
Was wären die Extremisten ohne einander? Wie Nietzsche richtig sagte: „Wer davon lebt, einen Feind zu bekämpfen, hat ein Interesse daran, dass er am Leben bleibt.“ Nur so kommen die Autoren der Extremen zu ihren Titelseiten, zu ihren Medienauftritten, zu ihrer Aufmerksamkeit und letztendlich zu Geld. Politisch passt es manchem Regierenden auch sehr gut in den Kram. Schön, wenn sich die Beherrschten eher über einen angeblichen Feind, den ihnen Extremisten immer willig zeigen, aufregen als über den Mist, den die Machthaber bauen. 
 Und während die Moderaten von der einen Seite zur anderen hoppeln, in dem Bemühen, den Extremen die anderen Extremen zu erklären, stilisieren die sich als mutige Heroen, die endlich ansprechen, was sich niemand anders traut. 
An sich selbst als an das Gute und Hehre zu glauben, während der Feind durch und durch böse ist – komfortabler lässt es sich im eigenen Oberstübchen nicht einrichten. Dabei sind die wahren Helden die Moderaten. Es braucht Mut, moderat zu sein. Es braucht Kraft, nicht ins verlockend simple Schwarz-Weiß abzudriften und selbst im vermeintlichen Feind noch einen Menschen zu sehen. 
Und einfach ist es wahrlich nicht, um das herauszufinden, braucht es keine berühmten Hetzer aus der Presse. Was macht man zum Beispiel, wenn sich der Mann neben einem im Flugzeug als amerikanischer Waffenlobbyist entpuppt? Als er mir seinen Beruf beschrieb, wusste er sehr schnell, wie ich das fand. Übel. Den Rest des Flugs sprachen wir über unsere Familien. 
Er, Ende vierzig, polnisch-italienischer Herkunft, erzählte von seiner Kindheit, dem frühen Tod seiner Mutter und wie er nun versucht, seinen Kindern das zu geben, was er niemals hatte: eine große Familie mit viel Leben und Geborgenheit. Zwischendurch schob ich Gewissensfragen ein. Er wich aus. Wir entdeckten unsere gemeinsame Leidenschaft für gute Küche. Wir tauschten Filmtipps aus und luden uns gegenseitig nach Hause ein, wohl wissend, dass wir uns niemals besuchen werden. Wir mochten nicht, was der jeweils andere tat, aber wir waren deshalb keine Feinde. Wir haben uns wunderbar unterhalten.

FRAGEN IM FERNSEHEN

Eva hat Abdul Zuhause besucht, hat mit seiner Schwester ein Kopftuch anprobiert, ist mit ihm durch Berlin gelaufen, in eine Moschee und hat neugierig Fragen gestellt. Miteinander sprechen, einfach mal aufeinander zugehen, einfach mal den Menschen im Gegenüber sehen. Das ist schön.
Darüber haben dann Franziska, Eva und ich im Münchner Klub Konkret Studio geredet. Ein großartiger Tag war das. Danke!(Und heute Morgen sprach ich im DeutschlandRadio Kultur darüber, dass Islamophobie mehr ist als nur eine Angst vor eine Religion: Klick zum Nachhören!)

STILLE.

 

Nichts. 
Es ist eine merkwürdige Stille am Telefon.
Er, nennen wir ihn Yunus, schweigt. 
Dann ringt er nach Worten.
„Wie bitte?“ Er räuspert sich. „Wie kommst du da drauf?“, fragt er. „Also, das sagen ja viele, aber … Ich bin nicht so. Bin ich nicht.“ Die Stimmung ist angespannt. Ich entschuldige mich.
Ich entschuldige mich für die unangenehme Situation, in der wir uns beide jetzt befinden. Yunus ringt nicht nur mit Worten, er ringt mit sich. „Es tut mir wirklich leid. Ich wollte dir nicht zu nahe treten“, sage ich. „Kein Problem“, beeilt er sich. Obwohl offen und geradeheraus so etwas zu fragen, sei ja doch schon ziemlich komisch, fügt er hinzu und lacht vorsichtig. Ich stimme ihm zu und entschuldige mich noch einmal.
„Du bist natürlich nicht die Erste“, erklärt er. „Meine Mutter hat mich groß gezogen – ohne Vater. Deshalb bin ich so, wie ich bin, und manche Leute sprechen mich halt schon darauf an. Sie sagen, das liege daran, dass ich so höflich spreche.“ Er pausiert. „Aber das ist doch etwas Gutes. Höflich sprechen ist doch gut. Ich verstehe das nicht. Und ich bin ja wirklich nicht, also …“ Er verhaspelt sich. „Du musst mir nichts erklären. Egal was ist, das ist deine Privatsache, das geht mich überhaupt nichts an. Das anzusprechen war falsch von mir“, sage ich. „Ja, stimmt. Ich muss nichts erklären“, wiederholt Yunus.
Yunus und ich hatten uns zufällig auf einer islamischen Veranstaltung kennengelernt. Ob ich ihm mit ein paar beruflichen Tipps helfen kann, hatte er gefragt. „Klar“, hatte ich gesagt. Wochen später telefonierten wir.
Er hat da ein kleines Projekt vor, das Thema verrät er nicht. Ich dränge nicht, frage nicht nach. Irgendwann ahne ich aber, worum es gehen soll. Ich warte ein bisschen. Wir sprechen weiter. Ich bin mir jetzt sicher. „Habe ich recht?“, frage ich. Er ist überrascht. „Ist ja naheliegend“, erkläre ich, „so wie du das beschrieben hast.“ – „Ja, stimmt, so kommt man sehr schnell drauf“, sagt er nachdenklich.
Ein schwieriges Thema habe sein Projekt, denn man spreche nie darüber. Das Thema sei ein Tabu. Yunus war bei Imamen. Die seien keine Hilfe gewesen, ganz im Gegenteil. Die einen sagten ihm, das sei eine Krankheit, das müsse behandelt und geheilt werden. Die anderen sagten, sie wüssten auch nicht weiter. Das müsse man selbst lösen, selbst entscheiden. Das sei halt eine harte Prüfung, da müsse man durch.
Tabu. Stille.
Es war nichts und es ist nie etwas gewesen.
Eine sehr harte Prüfung, denn es ist absolut verboten.
Entweder oder. Es gibt kein Dazwischen, kein Beides. Zumindest keines, das akzeptiert wäre. Etwas, worüber sich Gelehrte einig wären. „So ein Mensch könnte ja einfach sagen: Dann bin ich halt nicht mehr religiös!“, sagt Yunus. Einfach den einfachen Weg könnte „so ein Mensch“ wählen.
Aber was ist, wenn „so ein Mensch“ glaubt?
Wenn „so ein Mensch“ tief im Herzen glaubt
und weiter glauben will?
„So ein Mensch“ sei ratlos, sagt Yunus. Und traurig auch. Die Leute sprächen nicht darüber. Die meisten fänden das krank. „Aber das gibt es halt. Es gibt solche Muslime.“
„Und du?“, frage ich. Schon während ich die Frage stelle, bereue ich sie.
Nichts.
Es ist eine merkwürdige Stille am Telefon. 
Er, nennen wir ihn Yunus, schweigt.

RASSISMUS AN DEUTSCHEN UNIVERSITÄTEN

 

»Weißt du, Kübra, für mich bist du keine Deutsche.« Das sagt mir Manuel an einem Sommertag im Café, als wir mit Freunden gerade über Deutschland diskutieren. Eigentlich mögen wir uns, Manuel und ich. Wir haben zwei Jahre lang gemeinsam Politikwissenschaft studiert und sitzen in unserer Freizeit immer wieder in diesem Café. »Warum?«, frage ich. »Weil du ein Kopftuch trägst.«
Ich lache und erkläre ihm, dass das absurd sei. Wegen meines Kopftuchs bin ich keine Deutsche? »Gilt das auch für Bio-Deutsche, die zum Islam konvertieren?«, frage ich. »Bio-Deutsche«, so bezeichnete Cem Özdemir, der Parteivorsitzende der Grünen, im Spaß einmal Menschen, die sich in einem winzigen Detail von ihm selbst unterscheiden: »Bio-Deutsche« sind Deutsche, deren Vorfahren in Schwäbisch Gmünd oder Bad Salzuflen lebten und nicht in Izmir oder Ankara. »Das ist etwas ganz anderes!«, sagt Manuel. Andere in unserer Runde nicken, um ihm zuzustimmen. Plötzlich fühle ich mich, als hätte Manuel eine Wahrheit ausgesprochen, die sich zuvor niemand zu sagen getraut hat: In ihren Augen habe ich nie zu Deutschland gehört. Ich lächele weiter und schweige. In mir aber stürmt es.
Immer wieder erlebe ich, dass mir Kommilitonen in einer Seminardiskussion widersprechen, um gleich im nächsten Satz zu wiederholen, was ich zuvor gesagt habe. Als müsste man bei mir erst mal dagegenhalten und meinen Intellekt grundsätzlich infrage stellen.
 
Rassismus ist ein Problem der gesamten Gesellschaft 
Ich bin nicht allein: Während manche die Universität als eine Oase der Freiheit und Vorurteilslosigkeit empfinden, berichten mir zahllose andere – Schwarze, Kopftuchtragende, Studenten mit Migrationshintergrund und Angehörige religiöser Minderheiten aus ganz Deutschland – von rassistischen Erfahrungen. Sie erzählen von Dozenten, die sie konsequent übersehen und nicht zu Wort kommen lassen. Sie berichten, wie sie an der Uni über die rassistischen Thesen von Thilo Sarrazin streiten und der Professor die Diskussion mit den Worten abschließt, Sarrazin habe zwar einige schwierige Sätze geschrieben, aber, tja, insgesamt habe er doch recht. Auch Gaststudenten aus dem Ausland erzählen mir, dass man sie nicht ernst nehme, weil sie ein Kopftuch trügen und kein akzentfreies Deutsch sprächen.
Ich hätte mich mit dieser Situation womöglich einfach abgefunden, hätte ich in meinen zwei Auslandssemestern in London nicht erlebt, dass es auch anders geht. Mein Professor stellte uns dort gleich in der ersten Politikvorlesung die Theorien von Edward Said vor, einem frühen Kritiker des akademischen Rassismus. Souverän stand dieser Professor vor uns Studenten und erklärte, dass es Rassismus auch an Universitäten gibt, denn Universitäten werden von Menschen bevölkert – meist von weißen, männlichen Menschen aus der Mittel- und Oberschicht –, und Menschen machen Fehler. Ich fand das mutig. Dabei ist das, was er sagte, eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Viel zu oft denken wir, Rassismus und andere Ausgrenzungsmechanismen seien Probleme der Unterschicht. Dabei sind sie ein Problem der gesamten Gesellschaft. Akademiker sind nur viel besser darin, ihre Gesinnung hinter komplizierten Definitionen und Thesen zu verstecken. Es ist der subtile Rassismus, der besonders wehtut. Der unausgesprochene, die Blicke, die uneindeutigen Aussagen. Das Ungreifbare.
Mich erstaunt, wie empfindlich viele Akademiker reagieren, wenn man sie darauf hinweist, dass sie sich rassistisch oder sexistisch verhalten. Diese Kritik kratzt offenbar an ihrem Ego. Und am Bild des abwägenden Wissenschaftlers, der völlig frei von Vorurteilen ist. Dabei ist kein Mensch frei von Vorurteilen und Fehlern – und gerade Studenten, Akademiker und Wissenschaftler sollten ihre Worte und Taten kritisch hinterfragen können. Wo, wenn nicht in der Universität, ist Raum für Selbstkritik und Vielfalt?
An meiner Uni in London funktionierte das: Dort war der Vorsitzende der Vereinigung für lesbische, schwule und transsexuelle Studenten ein Muslim. Die Leiterin der Palästinagruppe war Israeli. Einige der Sekretärinnen trugen indische Gewänder, manche Dozentinnen Kopftücher, ein Referent buddhistische Mönchskleidung.
Zurück in Deutschland, erlebte ich dagegen gleich im ersten Monat Folgendes: Eine befreundete Medizinstudentin, kopftuchtragend, betrat in der Kölner Uni das Auditorium. Der Professor schaute sie mit gerunzelter Stirn an und sagte dann: »Die Putzkammer befindet sich am Ende des Flurs.« Meine Freundin antwortete: »Ach, und ich dachte für einen Moment, Sie wären der Hausmeister.«
[Exklusiv: Das Beispiel von Neslihan, das es aus zeitlichen (Platz-)Gründen nicht mehr ins Heft geschafft hat:
Als Neslihan am Londoner Flughafen ankommt rennt sie auf die Toilette, schließt die Tür eilig hinter sich zu, setzt ihren Koffer ab und fängt zitternd an zu heulen. »Jedes Mal passierte das«, sagt Neslihan. »Jedes Mal musste ich weinen, wenn ich endlich weg aus Deutschland war, wieder zurück in England. Eine riesige Last fiel von mir ab, ich war endlich dem Rassismus entkommen.«
Nach ihrem Master in Oxford hatte sich Neslihan, die junge erfolgreiche Tochter einer religiösen Istanbuler Familie, für eine Doktorandenstelle in Heidelberg beworben. »Das größte Trauma meines Lebens«, sagt sie über diese Zeit und lacht dabei. Das tut sie die ganze Zeit während sie von ihren Erlebnissen in der Heidelberger Akademia erzählt. Davon, wie die anderen Doktoranden sie mieden, Neslihans Bemühungen Deutsch zu sprechen ignorierten und ihr Englisch überhörten. Aber wie sich die gleichen Leute nicht scheuten, ihr islamkritische Texte von Salman Rushdie oder Ayaan Hirsi Ali zu schicken – gespannt darauf wie sie, die Kopftuchtragende Neslihan, darauf reagieren würde.]