DIE TÜRKISCHE SOCIAL MEDIA KULTUR

Bildschirmfoto 2013-06-14 um 20.35.21Dieser Text erschien zuerst auf Zeit Online. Das Bild ist von mir.

Bei CNN Türk watschelten niedliche Pinguine über den Bildschirm. Währenddessen berichtete CNN International per Live-Schaltung von den Protesten und der Polizeigewalt auf dem Istanbuler Taksim-Platz. Es waren die Anfangstage der Gezi-Park-Proteste in der Türkei. Auch woanders im türkischen Fernsehen spielte man da noch heile Welt: Kochsendungen, Serien und Quizshows.

Die Wut der türkischen Protestierenden über die Selbstzensur der heimischen Medien ließ nicht lange auf sich warten. Auf Twitter und Facebook kritisierten sie die Sender, forderten ausführliche Berichterstattung und produzierten schließlich – wie bereits seit Anfang der Proteste – eigenständig Bilder, Kurzvideos und Informationen. Damit schufen sie eine Gegenöffentlichkeit zu den türkischen Fernsehsendern und Zeitungen, die nur schwerfällig und unzureichend berichteten.

Die Dokumentation der brutalen Polizeigewalt, der Verletzungen und der mittlerweile zwei Toten leisteten die Demonstranten selbst. Über eine Crowdfunding-Plattform sammelten drei Protestierende Spenden für eine ganzseitige Anzeige in der New York Times, die am Mittwoch geschaltet wurde. Mit Erfolg: Ausländische wie türkische Medien zogen nach, gaben den Protesten mehr Platz, verschafften ihnen mehr Aufmerksamkeit.

Das steht jetzt schon fest: Ohne die sozialen Medien wäre die Zahl der Demonstranten sicher deutlich kleiner ausgefallen. Die dürftigen Berichte in den klassischen Medien, die Polizeigewalt und die Hilferufe in den sozialen Netzwerken zogen selbst die jungen Türken aus dem Haus, die sonst nie durch politische Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht hatten: “Non-Activist Participationnennt die Social-Movement-Forscherin Zeynep Tüfekci das Phänomen, die Beteiligung jener, die bislang nicht zu den Aktivisten zählten.

Obwohl Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan Twitter als “Ärger” abtat, twitterten auch Tausende seiner Unterstützter unter dem Hashtag #yedirmeyeceğiz (Kaufen es nicht ab/Schlucken das nicht. wörtlich: Lassen es nicht essen).

Die Hashtags #GeziParki, #DirenGeziParki (Halte durch/Leiste Widerstand Gezi-Park) und #OccupyGezi wurden weltweit zu Trending Topics. Allein #OccupyGezi wurde knapp eine Million Mal auf Twitter verwendet. Im Gegensatz zum arabischen Frühling vor zwei Jahren stammen dabei 90 Prozent der geografisch georteten Tweets jedoch aus der Türkei.

7,2 Millionen Türken twittern

Es ist nicht das erste Mal, dass türkische Facebook- und Twitter-Nutzer als kritische und meinungsstarke Masse auftreten. 2011 wurde zuerst auf Twitter von den Luftangriffen auf Uludere berichtet, bei dem 34 Zivilisten umgekommen sind. TV und Print hatten der Nachricht bis dahin keine Beachtung geschenkt.

Twitter und Facebook sind mittlerweile ein fester Bestandteil der türkischen Debattenkultur. Fast die Hälfte der türkischen Bevölkerung war im vergangenen Jahr online, mehr als 7,2 Millionen nutzen Twitter und mit über 30 Millionen Facebook-Nutzern gehört die Türkei zu den zehn am stärksten dort vertretenen Ländern weltweit – gleichauf mit Großbritannien.

Was auf Twitter passiert, wird meistens auch im Fernsehen und in der Zeitung Thema. In Nachrichten- und Unterhaltungssendungen werden Hashtags eingeblendet, über die sich Zuschauer austauschen und die Sendung kommentieren können. Immer wieder beginnen Kolumnisten ihre Texte mit den Worten “Letztens auf Twitter…”.

Tweets und Postings stoßen Debatten an, die das ganze Land bewegen. 2011 sagte ein Journalist im Fernsehen, dass der Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk ein Diktator gewesen sei. Der Hashtag #AtaturkDiktatordur (Atatürk ist ein Diktator) wurde zum Trending Topic in der Türkei und löste eine Diskussion über ein Tabu aus: Herabsetzende Äußerungen über Atatürk, der in der Türkei bis heute stark verehrt wird, sind strafbar. Einige Journalisten, die den Hashtag auf Twitter verwendeten, wurden daraufhin angeklagt. Einer twitterte: “Wegen des Atatürk-Schutzgesetzes wurden drei Anklagen gegen mich erhoben. Das heißt also, Atatürk ist ein Diktator.”

Noch ein Beispiel: Seit April dieses Jahres verwenden Tausende türkische Facebook-Nutzer das Kürzel “T.C.” vor ihrem Namen. Der Grund: Das türkische Gesundheitsministerium hatte bei der Entwicklung eines neuen Logos das “T.C.” für Türk Cumhuriyeti (Türkische Republik) weggelassen. Das Ministerium zog die Entscheidung schließlich zurück und ließ das Logo neu designen.

Medien sind ein Politikum

Soziale Medien haben mittlerweile eine Tradition in der Türkei. Wer aber das emotionale Moment der Gezi-Parki-Proteste im Netz verstehen will, der muss auch einen Blick in die türkische Medienkultur werfen. “Sag mir, welche Zeitung du liest, und ich sage dir, wer du bist”, heißt es im türkischen Volksmund. Denn eine Zeitung ist in der Türkei nicht nur eine Informationsquelle. Sie kann auch als Bekenntnis einer politischen oder religiösen Gesinnung dienen. So gelten Cumhuriyet-Leser gemeinhin als radikal kemalistisch, Yeni-Safak-Leser als religiös-konservativ oder Taraf-Leser als liberal-links. Die Zeitung ist ein Politikum.

Das rührt nicht von ungefähr. Die türkische Gesellschaft ist stark polarisiert und fragmentiert: Säkulare, Kemalisten, Religiöse, Traditionalisten, Kommunisten und Nationalisten – um nur einige Gruppierungen zu nennen. Die Zeitungen dienen ihnen als politisches Sprachrohr. Dabei wird nur selten strikt zwischen Meinung und Nachricht unterschieden. Stattdessen dominiert Meinungsjournalismus die türkische Medienkultur.

Symbolisch hierfür steht der türkische Kolumnistenkult. Niemand prägt die Zeitung und ihre Leser so sehr, wie die zahlreichen Kolumnisten es tun. Fast täglich kommentieren sie aktuelle Ereignisse im Land, setzen Debatten und tun ihre Meinung kund.

Falschmeldungen und Propaganda

So lassen sich auch in der türkischen Webkultur Beispiele finden: Prominenter als Wikipedia (türkisch: Vikipedi) ist in der Türkei das Wörterbuch Ekşi Sözlük (frei übersetzt: saures Wörterbuch), das ausschließlich von Nutzern aufgebaut wird. Sie geben dort nicht unbedingt wahre und korrekte Informationen über die Personen und Ereignisse wieder, die sie dort besprechen. Stattdessen teilen sie ihre subjektive Wahrnehmung.

Ähnliche Strukturen lassen sich auch auf Twitter beobachten, wo in den vergangenen Tagen viele provozierende und destruktive Falschmeldungen zirkulierten: Beispielsweise das Gerücht, die Polizei hätte das giftige und tödliche Gas Agent Orange eingesetzt oder das Bild, das eine große Menschenmasse auf der Bosporus-Brücke zeigt. Dabei handelte es sich aber nicht um Protestierende, sondern um Marathonläufer aus dem Jahr 2012. Auch gab es falsche Todesmeldungen und dieses fingierte Bild eines kleinen Jungen, der angeblich vor türkischen Polizisten davonläuft.

Auch die Gegenseite nutzte solche Propaganda. So zirkulierten Bilder von Protestierenden, die in einer Moschee Zuflucht gesucht und sich scheinbar mit Schuhen und Bierdosen auf dem Teppich breit gemacht hatten und hinterher alles chaotisch und schmutzig hinterließen. Der Imam der Moschee erklärte später in einem Interview, er habe niemanden in der Moschee Alkohol konsumieren sehen, den Protestierenden sei dort primär Erste Hilfe geleistet worden. Die Bilder seien sehr missverständlich.

Zu unkritischer Umgang mit Informationen

Es ist der Hang zu Meinung und Polarisierung, der sich in den Falschmeldungen spiegelt. Sie heizten die ohnehin angespannte Stimmung zwischen den verschiedenen Gesinnungen weiter an. Die Folge? In Izmir wurde eine Gruppe kopftuchtragender Frauen von einem Mob attackiert; das Gebäude der regierenden Partei AKP in Izmir wurde in Brand gesetzt.

Ob das direkte Folgen der gesellschaftlichen Polarisierung sind, die durch soziale Medien noch verstärkt wird, lässt sich nicht sagen. Doch das ist sicher: Es mangelt an kritischem Umgang mit Informationen.

Das ist auch vielen Journalisten und Bürgern bewusst, die deshalb mit dem Hashtag #sagduyu (Tritt vernünftig, besonnen an etwas heran) zu Mäßigung aufrufen und mit #provokasyonagelmiyoruz versuchen, die Provokationen zu entschärfen. Unter dem Hashtag #sulhicindua riefen Twitter-Nutzer am Wochenende zum Gebet für den Frieden auf.

Gestern Nacht, beim Miraç Kandili, bei dem Muslime die Himmelfahrt des Propheten Muhammed feiern, fanden sich Protestierende auf dem Taksim-Platz zum gemeinsamen Gebet zusammen. Säkulare, Kemalisten, Religiöse, Traditionalisten, Kommunisten und Nationalisten. Demonstrativ, für #sagduyu.

8 Comments DIE TÜRKISCHE SOCIAL MEDIA KULTUR

  1. Gül

    in dem beitrag gehst du mir zu unkritisch mit der machtmanier des “sultans” erdogan um und beschränkst den unmut der menschen auf die polizeigewalt und “provozierende” falschmeldungen der twitter-user. Man muss die bevölkerung mit wahren, manchmal polarisierenden bildern konfrontieren, damit sie wach gerüttelt werden und begreifen, dass man sie unter anderem ihrer selbstbestimmung beraubt.

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  2. Sabine W

    Welche Polarisierung die Situation in der Türkei hier in Deutschland unter den hier lebenden Deutsch-Türken erzeugt,wäre einen genauen Blick wert. Die Verzerrungen der medialen Berichterstattung sind etwas, mit dem man besonders auf Echtzeit-Plattformen rechnen muss und politisch aktive Twitterer kennen das schon aus den MENA-Staaten oder von konkurrierenden Gruppen. Auf Twitter sind auch Stimmen von hier lebenden säkular orientierten Menschen (oder Christen?) , gerichtet an die moslemischen Gemeinden, zu lesen, zögernd noch,aber präsent.

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  5. Esra

    Ich lese Ihren Blog mit Begeisterung. Ihre Texte amüsieren mich und oft stimme ich Ihnen zu. Doch dieser Beitrag ist eine Enttäuschung. Glauben Sie wirklich, dass ein Gerücht der Menschen Antrieb ist? Dass ein paar Zeilen auf Twitter einen Mob auf die Straße treiben, der verschleierte Frauen angreift oder eine AKP-Zentrale anzündet? Trauen Sie einer weltoffenen, demokratie-hungrigen und belesenen Jugend sowas zu? Ihre Argumentation und die Beispiele derer Sie sich bedienen, offenbaren doch eine politische Gesinnung, die (nehmen Sie es mir bitte nicht persönlich) bei Ihrem kulturellen Hintergrund zwar naheliegt, ich aber aufgrund Ihrer Weltgewandheit nicht erwartet hätte. Warum schreiben Sie denn nicht, dass nicht bloß fungierte Bilder von vermüllten und angeblich “entweihten” Moscheen kursieren, sondern der Premier solche Unwahrheiten vor laufenden Kameras behauptet, was sicherlich stärker wirkt. Lügen und Hasstiraden aus dem Mund des Premiers nähren den Zorn der Menschen, nicht ein paar Zeilen auf Twitter…..

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    1. kübra gümüşay

      Der Artikel ist lange vor den Aussagen von RTE geschrieben worden, am 06.06. ist er erschienen, also noch in der ersten Woche der Proteste. Natürlich, mittlerweile könnte man dem Text viele Beispiele hinzufügen, aber wie gesagt: mittlerweile. Es ist unfair zu behaupten, ich hätte Infos unterschlagen oder absichtlich nicht genannt, wenn sie zu dem Zeitpunkt noch gar nicht bekannt waren. Ziel des Textes war die türkische Social Media Kultur näher zu beschreiben, die Bedeutung und Stellung von Twitter in der Türkei (keinesfalls vergleichbar zu Deutschland), um Hintergrundwissen zu bieten – nicht um eine bestimmte Kausalität vorzugeben. Ich finde, das wird im Text sehr deutlich, deshalb teile ich die Kritik in diesem Kontext nicht.

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  6. Nura

    Die Aussage, dass die Moscheen nicht angegriffen wurden, und dass dort nicht getrunken wurde, muss ich korrigieren und die Informationen aktualisieren. Erst einmal, hat der Müezzin der Moschee in den letzten Tagen seine vorherige Lüge berichtigt, und seine Angst vor Angriffen veröffentlicht. Er habe nämlich doch betrunkene in den Moscheen gesehen. Ich habe persönlich mitgekriegt, wie in einer anderen Istanbuler Moschee der Imam aus Angst das Gebet verkürzt, und die Moschee abgesperrt hat, da sich Protestierende der Moschee genähert haben.
    Und die Erste-Hilfe-Einsätze vonseiten der Ärzte und Sanitäter während der Proteste halte ich für sehr unwahrscheinlich. Wie können nämlich 30-40 Ärzte unter diesem Radau sich in einer Moschee zusammenfinden? Da lief etwas ganz anderes ab. Die Regierung weiß von Allem Bescheid, es gibt nämlich Videoaufnahmen, die der Bevölkerung vorenthalten werden, da sie die konservative Seite, die mit der Erdogan-Regierung zufrieden ist, wohl auf die Gezi-Protestierende hetzen würde. Man will einfach keinen Bürgerkrieg.

    Unmöglich unverschämt finde ich die so einseitig erfolgende Berichterstattung über die türkische Politik und Erdogan. In Europäischen Medien sieht man nur einen kleinen Puzzleteil des ganzen Bildes, und um die Darstellung der kompletten Landschaft mit Hintergrundfakten bemüht sich niemand. Erdogan wird von der EU als Diktator dargestellt, um von eigenen Fehlern und Problemen abzulenken. Näher möchte ich darauf nicht eingehen, da der Artikel auf ein anderes Thema absieht.

    Ich kann für Türkischsprachige Leser die Serie “deşifre” empfehlen. Die Diskussionen sind einmalig, da sie ohne Manipulation durch “geziciler” berichten und Lügen aufdecken.

    Trotzdem haben Sie die türkische Medienlandschaft nahezu perfekt beschrieben. Dass man durch die gelesene Zeitung die politische Gesinnung, oder sogar den sozialen Hintergrund des Leser beschreiben kann, halte ich für etwas pauschal aber eigentlich richtig gesagt.

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