VIER JAHRE & FÜNF TAGE

Marwa El Sherbini und ihr Mann Elwy Ali Okaz

Marwa El Sherbini mit ihrem Mann Elwy Ali Okaz auf ihrer Hochzeit. – Bild via dpa

Heute vor vier Jahren, in einem Gerichtssaal in Dresden, drehte sich die Ägypterin Marwa El-Sherbini zu dem Angeklagten Alex W. Mit einem freundlichen Lächeln sagte sie zu ihm, der Islam sei eine friedliche Religion. Sie verstehe seine Reaktionen nicht. (Spiegel, 27.10.2009) Wochen zuvor hatte er sie auf einem Spielplatz beschimpft, “Terroristin” und “Schlampe” hatte er sie genannt. Heute saßen sie im Gerichtssaal, um über den – eigentlich unscheinbaren – Vorfall auszusagen. “Haben Sie überhaupt ein Recht, in Deutschland zu sein?” wurde sie von Alex W. gefragt. Und er beanwortete die Frage gleich selbst: “Sie haben hier nichts zu suchen. (…) Wenn die NPD an die Macht kommt, ist damit Schluss!” Wenige Minuten nach diesen Worten wurde Marwa El Sherbini von Alex W. erstochen. 18 Messerstiche in 32 Sekunden. Ihr Mann Elwy Ali Okaz überlebte trotz der 16 Messerstiche. Ihr drei-jähriger Sohn wurde Zeuge des Entsetzens. (Was der Richter derweil tat und erlebte ist hier nachzulesen)

Und ganze fünf Tage lang schwieg sich die deutsche Medienlandschaft über den Fall aus. Nur auf Blogs und in Foren wurde heftig diskutiert. Warum berichtet niemand?, fragten wir uns. Ich fühlte Ohnmacht. Und Fassungslosigkeit. Wir waren Zeuge des ersten offensichtlich islamophoben Mordes in Deutschland geworden. Was bedeutet das für uns?, fragten wir uns Muslime. Was wäre eine angemessene Reaktion?

In dieser Zeit waren es Personen wie Stephan Kramer, die die richtigen Worte fanden: “Man muss kein Muslim sein, um sich gegen antimuslimisches Verhalten zu wenden, und man muss kein Jude sein, um gegen Antisemitismus vorzugehen”, sagte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden. Genau das war es, was in diesen Tagen nämlich gefehlt hatte: Das Einstehen für Andere, Zivilcourage.

Dann diskutierte die deutsche Öffentlichkeit erstmals in Feuilletons, wohin die Islamfeindlichkeit, der antimuslimische Rassismus uns geführt hat. Wo er stattfindet und die Verantwortung, die wir alle tragen. Beim Durchsehen alter Unterlagen und Blog-Artikel entdeckte ich jedoch die Aussage von Josef Winkler, dem migrationspolitischen Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. Er sagte der Taz (9. Juli 2009) “verkappt islamfeindliche Positionen” seien bis in höchste Regierungskreise verbreitet. In höchste Regierungskreise also. Wir haben in den vergangenen Monaten hin und wieder vorsichtig über Rassismus in der Polizei diskutiert, beim Verfassungsschutz und in bestimmten Ministerien. Aber wir haben nicht ganz nach oben hingeschaut, dorthin, wo der Ton angegeben wird.

Was denkt Angela Merkel über Muslime in Deutschland? Was denkt sie über Schwarze? Was denkt sie über Migranten? In der Regierung (genauso wie anderswo auch) sitzen Menschen mit Meinungen, Werten und Wertevorstellungen. Diese haben selbstverständlich auch einen großen Einfluss auf ihre politische Arbeit.

Als man mich vor Jahren fragte, wie für mich ein idealer Politiker aussähe, sagte ich deshalb unter anderem Folgendes: Ein idealer Politiker wählt auch sein privates Umfeld mit Bedacht. Er muss proaktiv den Kontakt zu Einzelpersonen aus Minderheiten und ihm “fremden” Gruppen suchen und zumindest versuchen ein freundschaftliches Verhältnis zu pflegen. Wie kann ein Politiker, der niemals selber Hartz IV bezogen hat, keine solche Person im eigenen Freundes- oder Familienkreis hat, nachvollziehen, wie es sich als Hartz IV-Empfänger lebt in Deutschland? Wie kann er glaubhaft die Interessen auch dieser Bürger vertreten? Auch sie sind Bürger dieses Landes. Wer gewählt wird, muss auch diese Bürger vertreten. Wer sich nur mit wohlhabenden Akademikerfreunden eines bestimmtes Schlages umgibt, kann nur schwer die Realtität anderer nachvollziehen. Aufmerksame Berater und mit Blitzlicht begleitete “Gespräche” mit Minderheiten sind nicht ausreichend. So eine Politik kann nur realitätsfern sein.

Deshalb spielen – auf dem Weg zu diesem Idealzustand – öffentliche, mediale Diskurse eine große Rolle. Sie können Probleme und Misstände, die bis dato übersehen und übergangen worden sind, an die Politik und in das öffentliche Bewusstsein tragen.

Marwa El Sherbinis Tod hat mich geprägt. Er war aufrüttelnd. Marwa El Sherbini ermutigte mich und andere, offener über Diskriminierung und Anfeindungen zu sprechen. Nicht aber um anzuklagen, sondern, um aufzuwecken und das Thema an die Tagesordnung zu bringen. Ich denke, das offene Sprechen hat viel Positives bewirkt, und ich hoffe, dass wir als Gesamtgesellschaft hellhöriger geworden sind – beizeiten zwar sensibel und verletzlich – aber insgesamt gestärkt. Dass kopftuchtragende Frauen sich nun viel selbstbewusster gegen Diskriminierung wehren und ihre Stimme erheben, empfinde ich als kleinen, aber wichtigen Erfolg.

Der 1. Juli wird für mich auf ewig ein Gedenktag bleiben. Eine Erinnerung daran, selbstbewusst, ruhig und mit Bedacht zu sprechen. Mit einem Lächeln im Gesicht, so wie sie es zuletzt getan hatte.

Marwa El Sherbini starb heute vor vier Jahren. Und mit ihr das drei Monate alte ungeborene Kind in ihrem Bauch. Möge Allah sie mit dem Himmel segnen.

إِنَّا لِلّهِ وَإِنَّـا إِلَيْهِ رَاجِعونَ

Nachtrag (1. Juli 2014)

Der Rat muslimischer Studierender & Akademiker (RAMSA) startet anlässlich des fünften Jahrestages der Ermordung der Dresdenerin Marwa el-Sherbini einen bundesweiten Aktionstag, um auf den wachsenden antimuslimischen Rassismus in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen und hat den Jahrestag des Verbrechens, den 1. Juli, zum „Tag gegen antimuslimischen Rassismus“ erklärt.

 

Nähere Infos finden Sie hier: http://www.tag-gegen-antimuslimischen-rassismus.de/

Machen Sie mit, zeigen Sie Gesicht – Auf der Facebook-Seite.

Nehmen Sie teil, zeigen Sie Präsenz – Auf den Veranstaltungen.

9 Comments VIER JAHRE & FÜNF TAGE

  1. Rachidi M.

    Barakallahu feek liebe Schwester!!!

    Man darf dies nie vergessen… Wir müssen uns zumindest bei diesem Thema, als eine Ummah präsentieren. So lange wir dies nicht erkennen, werden solche Gräueltaten immer nur als “Einzeltaten” in dieser Gesellschaft abgetan… Ich bete dafür, das wir uns alle, egal welcher Rechtsschule/Ansichten etc. angehören. Das wir uns alle an einem Tisch setzen können und erkennen, dass wir alle nur den einen anbetungswürdig Gott anbeten. Und Ihnen wünsche ich auf ihrem Weg alles gute und möge Allah subhana ua taala ihren Einsatz als Hassanat annehmen. Möge Allah Sie beschützen! Amin

    Reply
  2. Frau ö

    Danke liebe kubra für diesen Artikel…. Eines der Gemeinsamkeiten zwischen Marwa und mir schläft gerade mit seinen dreieinhalb Jahren neben mir. Ihr Kind wäre so alt wie mein Sohn jetzt. Für mich war es ein Doppelmord!

    Reply
  3. Pingback: Punks, Neurobiologen & kleine Menschen « Reality Rags

  4. Nessi

    Ich finde es gut, dass du informierst, dass du aufklärst und keinen Hass oder Rachegedanken weiterträgst. Was diesen Menschen geschehen ist, ist ein unwiedergutzumachendes Unrecht. Aber ich bin sicher, wenn mehr leute deinen post lesen, werden sie nicht in Vergessenheit geraten. Ich bin kein Rassist und ich lebe gern in einer multikulturellen Gesellschaft, aber ich habe trotzdem das Bedürfnis mich für die Taten eines anderen entschuldigen zu müssen. Weil es sonst keiner tut. Es tut mir unendlich leid. Nichts kann diesen geliebten Menschen zurückbringen und die seelischen Wunden heilen. Ich wünsche mir, dass diese ausländerfeindlichen Menschen zur Einsicht kommen.

    Reply
  5. Pingback: 1. JULI – MEHR ALS NUR ERINNERN | ein fremdwörterbuch

  6. werker

    Ich schäme mich für das was in Deutschland und in Europa passiert, und wieder lernen wir nichts aus der Vergangenheit. Geschichte wiederholt sich immer wieder, Es wird wie schon so oft in den letzten 2000 Jahren wieder Hass und Krieg in Europa geben, ich wünschte ich wüsste wie ich das verhindern könnte und hoffe, dass ich es nicht mehr erleben werde, es ist so traurig….

    Reply
  7. Pingback: Erster Juli. Die Nacht der Bestimmung.#RamadanSquad – Diaspora Reflektionen

Hinterlasse einen Kommentar zu Frau ö Antwort abbrechen