EIN BISSCHEN ZU VIEL NICHTS

Sometimes I feel like exploding. I don’t fit into myself. There is so much will, but so little time, only two hands, two feet and only this little me. (29.01.2012, 7:48 pm)
Als junges Mädchen laß ich gerne Bücher über starke Frauen, die gegen ungerechte Verhältnisse, brutale Dikatoren und furchteinflößende Regimes ankämpften. Sie leisteten Widerstand, während alle anderen, Nachbarn und Freunde, in ein und derselben Gesellschaft das himmelschreiende Unrecht nicht nur nicht sahen, sondern gar verinnerlichten. Zum Entsetzen des Lesers, zu meinem Entsetzen.

Neben den vielen Büchern über Frauen im Dritten Reich, der Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika oder die Bürgerrechtsbewegungen gegen die rassistischen USA, war es auch die Widerstandsbewegung gegen den dominikanischen Dikator Rafael Trujillo im Buch “Zeit der Schmetterlinge”, die mich inspirierte. Minerva Mirabal und ihre Schwestern waren die starken Hauptfiguren und Köpfe der Bewegung, die sich selbst als “Schmetterlinge” bezeichnete. (2001 wurde eine Filmadaption des Buches veröffentlicht – habe ihn vor Jahren gesehen, damals fand ich ihn unheimlich toll und inspirierend)

Ich bewunderte diese Frauen. Ich bewunderte Minerva dafür, dass sie hinschaute, sah und verstand. Dass sie das Verstandene aussprach, ganz gleich, was die Folgen für sie sein mochten. Ich bewunderte ihren Mut und ihre Passion.

Nach der Lektüre dieser Bücher schaute ich mich enttäuscht um in Deutschland, in der Gesellschaft. Und ich sah nur Luxus, Sorglosigkeit und Dekadenz. Nichts, wofür es sich mutig zu sein lohnte. Kein Unrecht, keine nennenswerten Probleme. Was ich damals nicht wusste, war, dass ich nichts wusste. Ich war uninformiert. Mit Unwissenheit kommt Sorglosigkeit, mit der Sorglosigkeit die Dekadenz. Und mit letzterer Ignoranz.

Das himmelschreiende Unrecht schreit nämlich niemals in den Himmel. Ungerechtigkeit sieht nur, wer von ihr weiß. Manchmal widerfährt sie dir, manchmal einem Freund, manchmal ist es der Zufall, der deinen Schleier der Unwissenheit in einem kurzem Moment durch eine leichte Brise anhebt – und plötzlich siehst du, was du bisher nicht sahst und was die anderen nicht sehen. Überall. Erst dann hört man das Unrecht schreien. Erst dann findet man die eigene Privilegiertheit unerträglich. Die Verhältnisse, der Konsens. Unerträglich.

Erst dann füllt sich tief im Brustkorb ein Organ mit Willen und Energie, die nicht mehr in den Menschen passen. Der Körper zu klein, die zwei Hände zu wenig, die Beine zu langsam, die Stimme zu leise. So viel Willen, wohin damit? Wohin? Und dann sitzt der Mensch da, lethargisch, unbeweglich und hilflos.

Aber er weiß zu viel, um zu vergessen.

Ein anderes Mal schaffst er es, den Willen zu kanalisieren und handelt. Deshalb schreibe ich diesen Text.

***

Himmelschreiende Bilder aus dem Kalender der Gewerkschaft der Polizei Bayern. In solchen Momenten will ich nicht mehr zurück nach Deutschland, meine kleine Wunderblase hier in Oxford nicht verlassen. Aber ich weiß, dass ich nichts weiß. Und das bisschen Nichts ist zu viel, um zu vergessen.




NACHTRAG
(3. März, 7:30)
Hass schürt Hass schürt Hass schürt Hass.

Die Bilder des Polizeikalenders sind extrem verstörend. Angesichts dieser hasserfüllten Bilder fühlt sich manch Betroffener unwohl und unwillkommen. Vielleicht auch zornig. Gestern Abend starb für einen Moment jeglicher Wille in mir, jemals zurückzukehren. Aber wie ich gestern bereits schrieb: Ich weiß zu viel, um wegzusehen und untätig zu sein.

Die Empörung über die Bilder ist gut. Empörung ist eine gesellschaftliche Sanktion inakzeptablen Verhaltens. Nicht nur MigrantInnen sind es jedoch, die sich empören, sondern eine Vielzahl sensibilisierter Deutschdeutscher (Urdeutscher/Biodeutscher), guttuend viele Menschen. “Du weißt hoffentlich, dass es hier nicht überall so deprimierend aussieht” schrieb mir gestern jemand über Twitter. Ja, das weiß ich. Aber es ist sehr gut, das nochmal in Erinnerung zu rufen. Erfrischend viele, die sich empören.

Hass schürt Hass schürt Hass schürt Hass.

Auf Hass kann nur mit klarem Verstand, Bedachtheit und einem Willen, das Land besser zu gestalten, reagiert werden – um Populismus und Schwarzmalerei vorzubeugen. Um jenen gegenüber verantwortungsbewusst zu sein, denen die Möglichkeiten und das Bewusstsein fehlen, solche Bilder einzuordnen – damit Hass nicht Hass schüren kann.

Der gestrige Tag fing übrigens mit einem großartigen Schlagabtausch zwischen Marietta Slomka und Innenminister Friedrich an. Ich war mächtig stolz darauf, dass wir so wunderbar unbequeme, blitzschnelle und famos kritische Journalistinnen haben in unserem Land. “This made my day” tweetete ich gestern Früh. Und von diesen Kalenderbildern will ich mir nichts verderben lassen.

Lieber betroffener Mensch:
Be happy, right in their face.

11 Comments EIN BISSCHEN ZU VIEL NICHTS

  1. Anonymous

    Großartiger Artikel, der mir sehr aus dem Herzen spricht- vielen Dank!

    Und bei diesen Bildern aus dem Kalender hat es mir wirklich die Sprache verschlagen- ich war dem Eindruck erlegen, um so einen geballten Haufen an Widerlichkeiten zu treffen, müsste man schon auf Homepages gewisser rechtsextremistischer Parteien gehen… es ist erschreckend, dass sowas z.T. als “normal” und “akzeptabel” gilt.

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  2. Anonymous

    Da hatte Marietta Slomka wirklich einen guten Tag.
    Es ist so oft das vordergründig Freundliche, was sich dann jedoch in Widersprüchen verstrickt (wie, dass der Islam nicht zu Deutschland, die Muslime aber zur deutschen Gesellschaft gehören sollen)- es sind nicht immer direkt Radikale, es gibt viel öfter und viel zu oft einfach Tendenzen in beunruhigende Richtungen (oft genug verpackt in freundliche Leerformeln). Ich selbst muss schlucken, wenn mir bewusst wird, dass ich mich nach äußeren Kriterien der Gesellschaft als Deutsche sehen müsste und dass ich auch so direkt von der Gesellschaft gesehen werde, obwohl ich das selbst selten bewusst so sehe. Auf diese Art und Weise pauschal in eine ungerechtfertigterweise negativ behaftete Gruppe gesteckt zu werden wird den Menschen, die dahinter stehen nicht gerecht.

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  3. Anonymous

    Das schlimmste sind die 10 Morde?
    Hier wird etwa an der Realität geschraubt, denn ich bin aus Berlin-Kreuzberge geflüchtet. Die Morde der Ausländer an den Deutschen, sind im Gutmenschentum nicht erwähnenswert.

    „BKA-Präsident Jörg Ziercke hat sich entschlossen, Klartext zu reden: Ausländische Jugendliche sind vier Mal häufiger in Raubstraftaten verwickelt als ihre deutschen Altersgenossen. Noch dreimal häufiger fallen sie in den Polizeistatistiken mit Gewalttaten auf.“
    (t-online.de, „Zuwanderer werden häufiger straffällig“, 16.11.2006)

    “Jede Woche werden 7 Deutsche durch Migranten getötet und etwa 3.000 misshandelt.”
    http://kompakt-nachrichten.de/2011/12/auslandergewalt-7500-tote/

    Und bei den 10 Morden die hier bei euch aufgeführt worden sind, sind einige von den eigenen Landsleuten verübt worden und den Deutschen in die Schuhe geschoben worden…

    Die Zeichnungen sind unterste Schublade, doch eine einseitige Berichterstattung zu Kosten der deutschen Bevölkerung, ist genau so unterste Schublade…

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  4. s.

    Und was schlägst du vor, wie man diese Lethargie überwinden kann? Wie kann man seinen Willen kanalisieren und handeln?

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  5. Anonymous

    AgentMorpheus sagt:
    @ s. Großartige Frage. Gut daß du dich freiwillig gemeldet hast sie für uns alle zu klären, die besten Antworten herauszufinden und für uns alle als PDF zum downloaden kostenlos ins Netz zu stellen, damit dir eine ganze Menschheit dankbar sein kann, angesichts soviel selbstloser Einsatzbereitschaft. Oder brauchst du immer noch irgend einen STARKEN FÜHRER im AUßEN, der dir zeigt wo es lang geht?

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    1. Anonymous

      stimmt. krankheit muss man von innen bekaempfen. die türken in der türkei sagten auch jahrelang es käme von aussen. aber es war doch von innen so wie es sich herausstellt. wenn man bedenkt wie schlecht die krankheit den türken gefressen hat (der kranke mann am bosporus), kann ich es nicht für deutschland wünschen.

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  6. Anonymous

    “Luxus, Sorglosigkeit und Dekadenz. Nichts, wofür es sich mutig zu sein lohnte.”

    Wenn der Widerstand gegen lateinamerikanische Diktatoren Ihr Maßstab ist (oder war) dann sind rassistische Karikaturen* und eine unglücklich präsentierte Studie aber eine magere Ausbeute auf der Suche nach Veranlassungen, die Ihres Engagements würdig sind.

    Wie wäre es mit Syrien ? Dort gibt es viele Minerva Mirabals.

    “Ich war uninformiert. Mit Unwissenheit kommt Sorglosigkeit, mit der Sorglosigkeit die Dekadenz. Und mit letzterer Ignoranz.”

    Unkritisch und sorglos gegenüber Ihren eigenen hohen Ansprüchen, würde ich sagen.

    *h–p://www.taz.de/Polizeikalender-in-Bayern/!88910/
    h–p://www.hna.de/nachrichten/panorama-lokal/bayerns-polizeipraesidien-verbannen-umstrittenen-kalender-1637977.html

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  7. Pingback: VIER JAHRE & FÜNF TAGE | ein fremdwörterbuch

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