BAKI, AZƏRBAYCAN. BU TACIRLƏR ÇOX YAXŞI

“Was kostet der Teppich?”, frage ich den Teppichhändler und zeige auf den kleinen Seidenteppich. “200 Manat”, antwortet er. Das sind ungefähr 200 Euro. Feilschversuch numero eins. “Sagen wir 60?” Er schüttelt grinsend den Kopf.  Feilschversuch numero zwei. “Im Flugzeug hierher hat mir jemand aber gesagt, dass die Händler in Baku echt gerissen sind und immer mindestens den doppelten Preis nennen”, sage ich und lache.

Er mustert mich einen kurzen Moment und lächelt mich väterlich an. Dann hebt er die rechte Hand, alle fünf Finger weit aufgespreizt, und nickt mir zu. Er will meine volle Aufmerksamkeit. So. “Siehst du den Daumen?” Er zeigt auf seinen großen, alten Daumen, der schon viel erlebt haben muss auf dieser Welt. Ich nicke. Langsam zieht er rüber auf seinen Zeigefinger und fragt, auf ihn zeigend: “Sind die beiden gleich?” – “Nein”, antworte ich brav. Er zieht von Zeigenfinger zum Mittelfinger. “Sind die beiden gleich?” – “Nein.” Das geht so weiter bis zum kleinen Finger. Dann sagt er: “Siehst du? Alle fünf Finger hier sind von einer Hand, sie sind aber alle sehr unterschiedlich.”

Die Händler hier in Baku sind echt gerissen.

#NSU

Bildschirmfoto 2013-06-18 um 11.24.45Anzahl der Tweets mit dem Hashtag #NSU in den letzten 180 Tagen in wöchentlichen Intervallen – via topsy.com, eigene Suche & Screenshot

“Man muss es ab und auch mal aussprechen”, sagte meine Schwester. “Wir nutzen immer nur die Abkürzung ‘NSU’.” National Sozialistischer Untergrund. Dafür steht NSU.

Es wird vermutlich Jahre dauern bis es im NSU-Prozess zu einem Urteil kommt. Der Verhandlungsbeginn war holprig, man erregte sich über die Unterbrechungen, die Vertagung, Zschäpes Kleidung & Haltung, das Kreuz, die Verteidiger-Namen und vieles mehr. Heute am 11. Verhandlungstag des NSZ-Prozesses ist die Berichterstattung abgeflaut (englischsprachige Medien berichten inzwischen kaum/gar nicht mehr) – auch das ist natürlich und war erwartbar bei Prozessen dieser Art. Zeit Online hat eigens für den NSU-Prozess einen Blog eingerichtet und damit einen nachhaltigen Weg gewählt. Statt eines Livetickers, schreiben sie, starteten “wir also ein Projekt mit langem Atem. Wir wollen auch dann noch hinschauen, wenn sich manche, die wie auch wir lautstark einen Platz im Gerichtssaal einforderten, vielleicht schon wieder abgewandt haben.”

Den Live-Ticker der Süddeutschen Zeitung hatte ich mehrmals lobend erwähnt. Mittlerweile finde ich aber den Zeit Online Blog sehr viel überschaulicher und handlicher zur Verfolgung des Prozesses. Ich denke, die Langatmigkeit lohnt sich bereits jetzt, in den ersten Prozesswochen.

Nur vereinzelt entdecke ich derzeit auf Twitter und Facebook noch Menschen, die Artikel und Meldungen zum Thema NSU teilen. Das empfinde ich deshalb als erwähnenswert, da Twitter und Facebook – für mich persönlich – immer ein relativ zuverlässiger Barometer für die Befindlichkeiten bestimmter Gesellschaftsgruppen waren und sind. Die große Mehrheit der deutsch-türkischen Community in sozialen Netzwerken beschäftigt sich derzeit – das kann man sich sicher denken – (berechtigterweise*) in erster Linie mit den Protesten in der Türkei. Hin und wieder tauchen mahnende Stimmen auf, man möge doch bitte den gleichen Einsatz auch in der deutschen Politik zeigen, wenn es um Hochwasser, NSU und andere Themen geht. *Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

// UPDATE: Es gibt natürlich auch ein Watchblog, das hier nicht unerwähnt gelassen darf: NSU-Watch.info Dass ich NSU-Watch hier nicht als wachsames öffentliches Auge erwähnte, ist ein Faux Pas! NSU-Watch wird redaktionell von apabiz e.V. betreut und verfolgt, wie der Name sagt, nicht nur den NSU-Gerichtsprozess, sondern auch die Ermittlungen und Recherchen zum Thema NSU im Allgemeinen. Ihre Artikel veröffentlichen sie auch auf Englisch und Türkisch. Die aufwendige Arbeit kann man hier mit einer Spende unterstützen.

– Gibt es noch andere Medien/Blogs & Co, die sich durch Langatmigkeit und Wachsamkeit hervortun? Bitte hier in den Kommentaren vermerken. –

UPDATE II: Auf NSU-Nebenklage verfolgen zwei Rechtsanwälte ebenfalls kontinuierlich den NSU-Prozess, eine Sozialpädagogin übersetzt die Texte ins Türkische (Danke an Fasel für den Hinweis!) //

Bei Verhandlungsbeginn fragte ich auf meiner öffentlichen Facebook-Page einige Nutzer, was sie vom Prozess erwarten. Erwartungsgemäß war die Stimmung eher pessimistisch. Ich möchte daran erinnern, damit uns unsere eigenen Worte ermahnen. Continue reading

DIE TÜRKISCHE SOCIAL MEDIA KULTUR

Bildschirmfoto 2013-06-14 um 20.35.21Dieser Text erschien zuerst auf Zeit Online. Das Bild ist von mir.

Bei CNN Türk watschelten niedliche Pinguine über den Bildschirm. Währenddessen berichtete CNN International per Live-Schaltung von den Protesten und der Polizeigewalt auf dem Istanbuler Taksim-Platz. Es waren die Anfangstage der Gezi-Park-Proteste in der Türkei. Auch woanders im türkischen Fernsehen spielte man da noch heile Welt: Kochsendungen, Serien und Quizshows.

Die Wut der türkischen Protestierenden über die Selbstzensur der heimischen Medien ließ nicht lange auf sich warten. Auf Twitter und Facebook kritisierten sie die Sender, forderten ausführliche Berichterstattung und produzierten schließlich – wie bereits seit Anfang der Proteste – eigenständig Bilder, Kurzvideos und Informationen. Damit schufen sie eine Gegenöffentlichkeit zu den türkischen Fernsehsendern und Zeitungen, die nur schwerfällig und unzureichend berichteten.

Die Dokumentation der brutalen Polizeigewalt, der Verletzungen und der mittlerweile zwei Toten leisteten die Demonstranten selbst. Über eine Crowdfunding-Plattform sammelten drei Protestierende Spenden für eine ganzseitige Anzeige in der New York Times, die am Mittwoch geschaltet wurde. Mit Erfolg: Ausländische wie türkische Medien zogen nach, gaben den Protesten mehr Platz, verschafften ihnen mehr Aufmerksamkeit.

Das steht jetzt schon fest: Ohne die sozialen Medien wäre die Zahl der Demonstranten sicher deutlich kleiner ausgefallen. Die dürftigen Berichte in den klassischen Medien, die Polizeigewalt und die Hilferufe in den sozialen Netzwerken zogen selbst die jungen Türken aus dem Haus, die sonst nie durch politische Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht hatten: “Non-Activist Participationnennt die Social-Movement-Forscherin Zeynep Tüfekci das Phänomen, die Beteiligung jener, die bislang nicht zu den Aktivisten zählten.

Obwohl Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan Twitter als “Ärger” abtat, twitterten auch Tausende seiner Unterstützter unter dem Hashtag #yedirmeyeceğiz (Kaufen es nicht ab/Schlucken das nicht. wörtlich: Lassen es nicht essen).

Die Hashtags #GeziParki, #DirenGeziParki (Halte durch/Leiste Widerstand Gezi-Park) und #OccupyGezi wurden weltweit zu Trending Topics. Allein #OccupyGezi wurde knapp eine Million Mal auf Twitter verwendet. Im Gegensatz zum arabischen Frühling vor zwei Jahren stammen dabei 90 Prozent der geografisch georteten Tweets jedoch aus der Türkei.

7,2 Millionen Türken twittern

Es ist nicht das erste Mal, dass türkische Facebook- und Twitter-Nutzer als kritische und meinungsstarke Masse auftreten. 2011 wurde zuerst auf Twitter von den Luftangriffen auf Uludere berichtet, bei dem 34 Zivilisten umgekommen sind. TV und Print hatten der Nachricht bis dahin keine Beachtung geschenkt.

Twitter und Facebook sind mittlerweile ein fester Bestandteil der türkischen Debattenkultur. Fast die Hälfte der türkischen Bevölkerung war im vergangenen Jahr online, mehr als 7,2 Millionen nutzen Twitter und mit über 30 Millionen Facebook-Nutzern gehört die Türkei zu den zehn am stärksten dort vertretenen Ländern weltweit – gleichauf mit Großbritannien.

Was auf Twitter passiert, wird meistens auch im Fernsehen und in der Zeitung Thema. In Nachrichten- und Unterhaltungssendungen werden Hashtags eingeblendet, über die sich Zuschauer austauschen und die Sendung kommentieren können. Immer wieder beginnen Kolumnisten ihre Texte mit den Worten “Letztens auf Twitter…”.

Tweets und Postings stoßen Debatten an, die das ganze Land bewegen. 2011 sagte ein Journalist im Fernsehen, dass der Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk ein Diktator gewesen sei. Der Hashtag #AtaturkDiktatordur (Atatürk ist ein Diktator) wurde zum Trending Topic in der Türkei und löste eine Diskussion über ein Tabu aus: Herabsetzende Äußerungen über Atatürk, der in der Türkei bis heute stark verehrt wird, sind strafbar. Einige Journalisten, die den Hashtag auf Twitter verwendeten, wurden daraufhin angeklagt. Einer twitterte: “Wegen des Atatürk-Schutzgesetzes wurden drei Anklagen gegen mich erhoben. Das heißt also, Atatürk ist ein Diktator.”

Noch ein Beispiel: Seit April dieses Jahres verwenden Tausende türkische Facebook-Nutzer das Kürzel “T.C.” vor ihrem Namen. Der Grund: Das türkische Gesundheitsministerium hatte bei der Entwicklung eines neuen Logos das “T.C.” für Türk Cumhuriyeti (Türkische Republik) weggelassen. Das Ministerium zog die Entscheidung schließlich zurück und ließ das Logo neu designen.

Medien sind ein Politikum

Soziale Medien haben mittlerweile eine Tradition in der Türkei. Wer aber das emotionale Moment der Gezi-Parki-Proteste im Netz verstehen will, der muss auch einen Blick in die türkische Medienkultur werfen. “Sag mir, welche Zeitung du liest, und ich sage dir, wer du bist”, heißt es im türkischen Volksmund. Denn eine Zeitung ist in der Türkei nicht nur eine Informationsquelle. Sie kann auch als Bekenntnis einer politischen oder religiösen Gesinnung dienen. So gelten Cumhuriyet-Leser gemeinhin als radikal kemalistisch, Yeni-Safak-Leser als religiös-konservativ oder Taraf-Leser als liberal-links. Die Zeitung ist ein Politikum.

Das rührt nicht von ungefähr. Die türkische Gesellschaft ist stark polarisiert und fragmentiert: Säkulare, Kemalisten, Religiöse, Traditionalisten, Kommunisten und Nationalisten – um nur einige Gruppierungen zu nennen. Die Zeitungen dienen ihnen als politisches Sprachrohr. Dabei wird nur selten strikt zwischen Meinung und Nachricht unterschieden. Stattdessen dominiert Meinungsjournalismus die türkische Medienkultur.

Symbolisch hierfür steht der türkische Kolumnistenkult. Niemand prägt die Zeitung und ihre Leser so sehr, wie die zahlreichen Kolumnisten es tun. Fast täglich kommentieren sie aktuelle Ereignisse im Land, setzen Debatten und tun ihre Meinung kund.

Falschmeldungen und Propaganda

So lassen sich auch in der türkischen Webkultur Beispiele finden: Prominenter als Wikipedia (türkisch: Vikipedi) ist in der Türkei das Wörterbuch Ekşi Sözlük (frei übersetzt: saures Wörterbuch), das ausschließlich von Nutzern aufgebaut wird. Sie geben dort nicht unbedingt wahre und korrekte Informationen über die Personen und Ereignisse wieder, die sie dort besprechen. Stattdessen teilen sie ihre subjektive Wahrnehmung.

Ähnliche Strukturen lassen sich auch auf Twitter beobachten, wo in den vergangenen Tagen viele provozierende und destruktive Falschmeldungen zirkulierten: Beispielsweise das Gerücht, die Polizei hätte das giftige und tödliche Gas Agent Orange eingesetzt oder das Bild, das eine große Menschenmasse auf der Bosporus-Brücke zeigt. Dabei handelte es sich aber nicht um Protestierende, sondern um Marathonläufer aus dem Jahr 2012. Auch gab es falsche Todesmeldungen und dieses fingierte Bild eines kleinen Jungen, der angeblich vor türkischen Polizisten davonläuft.

Auch die Gegenseite nutzte solche Propaganda. So zirkulierten Bilder von Protestierenden, die in einer Moschee Zuflucht gesucht und sich scheinbar mit Schuhen und Bierdosen auf dem Teppich breit gemacht hatten und hinterher alles chaotisch und schmutzig hinterließen. Der Imam der Moschee erklärte später in einem Interview, er habe niemanden in der Moschee Alkohol konsumieren sehen, den Protestierenden sei dort primär Erste Hilfe geleistet worden. Die Bilder seien sehr missverständlich.

Zu unkritischer Umgang mit Informationen

Es ist der Hang zu Meinung und Polarisierung, der sich in den Falschmeldungen spiegelt. Sie heizten die ohnehin angespannte Stimmung zwischen den verschiedenen Gesinnungen weiter an. Die Folge? In Izmir wurde eine Gruppe kopftuchtragender Frauen von einem Mob attackiert; das Gebäude der regierenden Partei AKP in Izmir wurde in Brand gesetzt.

Ob das direkte Folgen der gesellschaftlichen Polarisierung sind, die durch soziale Medien noch verstärkt wird, lässt sich nicht sagen. Doch das ist sicher: Es mangelt an kritischem Umgang mit Informationen.

Das ist auch vielen Journalisten und Bürgern bewusst, die deshalb mit dem Hashtag #sagduyu (Tritt vernünftig, besonnen an etwas heran) zu Mäßigung aufrufen und mit #provokasyonagelmiyoruz versuchen, die Provokationen zu entschärfen. Unter dem Hashtag #sulhicindua riefen Twitter-Nutzer am Wochenende zum Gebet für den Frieden auf.

Gestern Nacht, beim Miraç Kandili, bei dem Muslime die Himmelfahrt des Propheten Muhammed feiern, fanden sich Protestierende auf dem Taksim-Platz zum gemeinsamen Gebet zusammen. Säkulare, Kemalisten, Religiöse, Traditionalisten, Kommunisten und Nationalisten. Demonstrativ, für #sagduyu.