UND DANN WAR SIE STUMM…

Komm her, mein Kind”, sagt der alte Professor und führt die 17-Jährige in sein Büro. Gemächlich setzt er sich hinter seinen massiven Schreibtisch und lehnt sich zurück. Durchdringend schaut er sie an. Dann holt er tief Luft: “Auch ich bin Muslim, Allah sei dank”, sagt er, “Ich bete manchmal. Und Arabisch kann ich auch ein bisschen.” Er lächelt sie väterlich an. Das junge Mädchen rutscht auf ihrem Stuhl herum. “Du kannst mir vertrauen”, beteuert der Professor. “Wer hat dich beauftragt?”, fragt er schließlich.

Die junge Studentin blickt ihn stumm an. Heiß und kalt wird ihr. Still und regungslos sitzt sie da. “Welches Regime hat dich beauftragt? Saudi-Arabien?”, wiederholt er und blickt auf das Stück Tuch auf ihrem Kopf, das ihr in einigen Wochen die Sicherheitskräfte vor der Uni abziehen werden. Das Kopftuch ist an türkischen Universitäten verboten.

Noch im selben Jahr verlässt das junge Mädchen die Universität. Sie, die in der Schule immer die Beste war, kehrt als gebrochener Mensch in ihre anatolische Kleinstadt zurück.

Zwei Jahre später liegt sie in Deutschland im Krankenhaus. Ihr erstes Kind ist auf dem Weg. Das Krankenzimmer teilt sie sich mit einer Afghanin und einer Deutschtürkin. Beide verstehen die Ärzte. Sie nicht. Die Deutschtürkin hilft ihr. Und wenn sie mal nicht da ist, sprechen die Ärzte mit der Afghanin. Die Afghanin erzählt es später der Deutschtürkin und sie wiederum übersetzt. Die werdende Mutter fühlt sich erniedrigt. Sie spricht fließend Arabisch und Englisch, hat Gedichte in türkischen Zeitungen veröffentlicht. Nichts hilft ihr hier.

Nach der Geburt ihres Kindes, es wird ein Sohn, besucht sie einen Deutschkurs. Sie lernt schnell, aber die Lehrerin ist ungeduldig mit ihr. Sie spricht langsam und mit Akzent.

Ihr gefällt ein Kleid in einer kleinen Boutique. Die Verkäuferin klackert mit ihren roten Nägeln auf dem Tresen und beobachtet sie. Im Kopf baut die junge Mutter ihre Frage zusammen. Sie will nach dem Preis des Kleides fragen, natürlich fehlerfrei. Die Verkäuferin wartet nicht. Sie reißt ihr das Kleid aus der Hand, sagt energisch “Zu teuer” und hängt es wieder auf. Die Fremde schweigt.

Sie stürzt sich in die Erziehung ihrer drei Kinder, sie sollen erfolgreich sein. Ihr Sohn hat in der vierten Klasse ein gutes Zeugnis. Er soll auf das “Jimmy lazim”, eine gute Schule. Danach kann man studieren, haben ihr die Nachbarn erzählt. Die Lehrerin aber glaubt nicht an ihren Sohn. Sie schickt ihn trotzdem hin.

Auf dem Gymnasium ist Elternabend. Ihr Mann muss arbeiten, deshalb geht sie alleine. Die Eltern setzen sich zusammen mit ihren Kindern in eine Runde und besprechen mit der Lehrerin den Klassenstand. Es gibt Lob. Auch ihr Sohn ist gut, hat viele Freunde und ist beliebt. Sie freut sich. Ob die Eltern noch etwas anzumerken hätten, fragt die Lehrerin. Sie meldet sich. Ihr Sohn nimmt ihre Hand und legt sie runter. “Mama”, sagt er, “bitte rede nicht.”

Sie schweigt.
Im Bus, im Supermarkt und im Wartezimmer.

Das ist die Geschichte meiner Mutter, Tanten, vieler ihrer Nachbarinnen und Freundinnen. Das ist die Geschichte der Frauen, die wir als “stumm” bezeichnen. Das ist die Geschichte der Frauen, die noch mehr, noch lauter, noch länger erzählen müssten.

taz, Tuch-Kolumne, 16.02.2010

23 Comments UND DANN WAR SIE STUMM…

  1. Lucrezia

    Liebe Kübra,
    ich habe deine Kolumne und dein Fremdwörterbuch durch den Blog Mädchenmannschaft entdeckt. Deinen Text finde ich sehr rührend. Jetzt hilfst du diesen Frauen, ihre Stimme wiederzuerlangen und der Gesellschaft, ihre Situation zu verstehen.

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  2. Moslemistan

    Traurige Geschichte, aber nicht überraschend, wenn man die menschliche Kälte in Almanya berücksichtigt.

    Bei uns in Moslemistan wäre soetwas undenkbar. Allah sei Dank.

    Allah’u'Akbar.

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  3. Iris Bleyer

    @Moslemistan:

    Was ist das denn für ein seltsamer Kommentar? Der ist der erzählten Geschichte m.E. nicht angemessen. Menschliche Kälte in ihrer Heimat hat sie doch überhaupt erst nach Deutschland gebracht. Herzlose Menchen gibt es in jedem Land und in allen Glaubensgemeinschaften.

    Die Spaltung in ‘Wir und die Die’ und die damit verbundene Auf- bzw. Abwertung, DAS ist doch das eigentliche Problem.

    Intelligente Menschen mit etwas Herzensbildung müssten wissen, dass Intelligenz und soziale Kompetenz sich nicht anhand von Sprachen oder Kopftüchern erkennen lassen (sondern vielmehr _auch_ an der Haltung gegenüber dem Fremden).

    Das erste und höchste Gesetz dieses Staates, DAS hat etwas mit dieser Geschichte zu tun:
    Die Würde des Menschen ist unantastbar.
    Da steht weder ‘des deutschsprachigen Menschen’, noch ‘des christlichen oder unreligiösen Menschen’. Und das ist kein Versehen.

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  4. Moslemistan

    @Iris Berber

    Salaam, Christin!
    Lebst Du in einem fernen Land, weit weg von der Realität? Selbstverständlich gibt es ein Wir und ein die. Schau Dir deutsche Nachrichten an, am besten Zeitungen vom Axel Springer-Verlag.

    Dann sollten Dir die Augen geöffnet werden. Falls sie denn sehen können.
    Und möchten.

    Allah’u'Akbar.

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  5. Iris Bleyer

    @Moslemistan:

    “Selbstverständlich gibt es ein Wir und ein die.”

    Und wo hab ich das bestritten? Im Gegenteil, ich schrieb doch, dass ich genau in dieser Spaltung unserer Gesellschaft in ‘Wir und Die’ das Problem sehe (und die Ursache für gescheiterte Integrationsversuche). Allerdings trägt es m.E. überhaupt nichts zur Lösung bei, menschliche Kälte nur Deutschland zuzuschreiben. Das zementiert die Kluft hierzulande nur und klingt, als ob es sich dabei um eine Art Naturgesetz handeln würde, an dem Deutschlands Bewohner mit Vernunft und Herz nichts ändern könnten. Das glaube ich aber nicht. Ich glaube an die Macht der Aufklärung – auch wenn die lange dauert und immer wieder Rückschläge verzeichnen muss (Gesellschaften lernen nun mal langsam). Kennst Du denn einen besseren Weg hin zum friedlichen Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen?

    “Schau Dir deutsche Nachrichten an, am besten Zeitungen vom Axel Springer-Verlag.”

    Ist das ein ernst gemeinter Rat? Falls ja, nein danke: Ich interessiere mich nur für seriöse oder wenigstens halbwegs sachliche Berichterstattung. Springer-Presse informiert nicht über den Islam in Deutschland, sie unkt nur (bestenfalls!)

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  6. Iris Bleyer

    @Ramazan Arslanoğlu:

    Kein Tyrann auf der Welt hat jemals allein Macht über ein Volk erlangt. Jeder von ihnen hatte viele Unterstützer in seinem Land, die ihm geholfen haben. Und ob diese Hilfestellung durch Wahlen, Putsche oder auch nur Duldung geschah, ist doch für die Folgen nebensächlich, oder?

    Das Grundgesetz wurde erst nach dem Sieg über die Nazi-Diktatur als oberstes Gesetz in Deutschland eingeführt. Und die Grundrechte, die es enthält – allen voran das Recht auf Menschenwürde – sollten garantieren, dass hierzulande Menschen nie wieder solches Unrecht angetan wird wie zu Hitlers Zeiten. Es ist ein gesamtgesellschaftlicher Vertrag, der allen hier lebenden Menschen dieselben Rechte verspricht. Doch damit diese Rechte in der Wirklichkeit nicht verletzt werden, braucht es immer noch Menschen, die sie achten und beschützen. Und dafür sind in meinen Augen alle verantwortlich, die in diesem Land leben. Gemeinsam für ein friedliches und respektvolles gesellschaftliches Miteinander ALLER hier lebenden Menschen einzustehen ist in unser aller Interesse sowie im Interesse unserer Nachkommen. Ungerechtigkeit, Hass und Unterdrückung hingegen führen letztlich zum Untergang ALLER. Das ist meine Überzeugung. Ich halte sie für wahr, und darum trete ich dafür ein – unabhängig davon, wie viele es mir gleichtun.

    Im übrigen: Toleranz ist mir nicht genug! Denn Toleranz heißt Duldung. Ich aber will meine Mitmenschen – gleich welcher Herkunft, Sprache oder Religion – nicht nur geduldet sondern als gleichwertig und gleichberechtigt anerkannt wissen. Respekt ist gut, wenn damit die grundsätzliche Wertschätzung ALLER Menschen gemeint ist, aber er ist in meinen Augen gar nichts wert, wenn er sich nur im unkritischen Aufschauen zu persönlichen Idolen oder in der Anerkennung von seinesgleichen zeigt. Worte sind nur leere Hülsen, in die viel hineininterpretiert werden kann. Es kommt letztlich auf jeden einzelnen Menschen und seine Haltung an.

    Herzliche Grüße und einen schönen Restsonntag allerseits,
    Iris

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  7. Iris Bleyer

    Nachtrag @ Ramazan Arslanoğlu und gleichzeitig mein Schlusswort an dieser Stelle:

    Das Grundsetz ist m.E. für Deutschland von so elementarer Wichtigkeit, weil eine multikulturelle Gesellschaft, die wir de facto sind, eine Rechtsgrundlage braucht, die alle hier lebenden Menschen bindet und auf die sich alle berufen können. Wenn sich nämlich einer auf die Bibel, der nächste auf den Koran, der dritte auf den Dalai Lama und wieder ein anderer auf Karl Marx, Mahatma Gandhi oder John Lennon beruft, dann haben wir keine verlässliche Basis für eine rechtsstaatliche Gesellschaftsordnung. Die umfassenden und allgemeingültigen Regeln des Grundgesetzes sind quasi der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Und darum sollten wir uns hüten, daran zu kratzen sondern ihn stattdessen alle gemeinsam hegen und pflegen.

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  8. Moslemistan

    @Ramazan

    So, so, so, der böse Kapitalismus ist dran Schuld.
    Deshalb geht es Muslimen ja auch so gut in China. Oder im Iran.

    Nun ja, möge Allah urteilen, ob es bloss an einem Wirtschaftssystem liegt.

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  9. Iris Bleyer

    @Ramazan Arslanoğlu

    “Denn wenn du alle Muslime hinter dir hast, kannst du die Welt zeigen wo es lang geht.”

    Hast Du aber nicht und wirst Du auch m.E. nie haben. Denn es gibt unter den Muslimen der Welt offensichtlich mindestens ebenso viele nationale, ökonomische und traditionelle Uneinigkeiten wie unter den Gläubigen der anderen großen Weltreligionen. Und wie willst Du denn z.B., ohne Gewalt und Unterdrückung, alle in Deutschland lebenden Menschen unter eine islamische Ordnung bringen? Es gibt zwar unter den Migranten und ihren Nachfahren einen relativ großen muslimischen Anteil (was m.E. auch einer der wesentlichen Gründe ist, dass sich die Fremdenfeindlichkeit hierzulande derzeit auf sie konzentriert), aber in Relation zur Gesamtbevölkerung sind die Muslime dennoch eine Minderheit. Was machst Du also konkret, wenn die Mehrheit einfach nicht mitmachen will bei der Realisierung eines muslimischen Deutschland oder Europa?

    Ich halte das für eine Illusion. Der einzige, mir bis dato realistisch erscheinende Weg für ein friedliches Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen mit z.T. verschiedenen religiösen Überzeugungen, ist eine konsequente Trennung zwischen Religion und Staatsgewalt. Diesbezüglich sind wir allerdings mit der (durch die europäische Aufklärung begonnenen) Durchsetzung noch lange nicht am Ziel. Denn die christlichen Kirchen haben hier m.E. immer noch zu viel Einfluss auf Kompetenzbereiche des Staates – mehr als andere religiöse Institutionen. Und das empfinde ich in der Tat als ungerecht. Doch Barmherzigkeit (merhamet), die ja ursprünglich auch eine Forderung Jesu an die Christenheit ist, kannst Du jedoch auch in eine demokratisch verfasste Gesellschaft wie die unsrige einbringen. Denn Barmherzigkeit widerspricht ja nicht dem Geiste unserer Verfassung, dem Grundgesetz. Das Problem ist also nicht, dass es diese hehren Ideale hierzulande noch nicht gäbe, sondern dass sie von den Menschen nicht immer oder vollumfänglich realisiert werden.

    Davon abgesehen: Mein Glaube ist eine Angelegenheit zwischen mir und Gott. Sie geht weder den Staat, noch irgendeine religiöse Institution etwas an. Allein Gott bin ich Rechenschaft darüber schuldig. Und so soll es auch bleiben!

    Herzliche Grüße und einen angenehmen Start in die neue Woche allerseits,
    Iris

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  10. Iris Bleyer

    @Ramazan Arslanoğlu:

    Vielen Dank für Deine Antwort. Deine Befürwortung der Entscheidung aus freiem Willen, die ich aus Deinen Worten lesen kann, ist mir sehr sympathisch. Und sie scheint mir auch ein Verständnis des Islams zu sein, die seiner ursprünglichen Intention am ehesten entspricht. Ich fürchte mich übrigen nicht vor dem Islam – habe ich noch nie. Denn ich weiß, der Islam hat die Welt in der Vergangenheit kulturell sehr bereichert. Und es würde mich freuen, wenn die heutigen islamischen Gesellschaften sich mit Stolz auf diese Hochkulturen besinnen und sie weiterentwickeln (statt sich von raffgierigen Kapitalisten demütigen und in Kriege verwickeln zu lassen). Ich bestehe nicht darauf, dass die Aufklärung der Menschheit und Vermehrung ihres Wissens allein Sache des Abendlandes ist. Auch Muslime hatten in ihrer glorreichen Geschichte großen Anteil daran. Ich hüte mich nur vor hasserfüllten Fanatikern, die es unter den Scheingläubigen aller Glaubensrichtungen und auch unter den weltlichen Ideologen gibt. Ihnen stelle ich mich entgegen – egal unter welchem Banner sie Menschen mit ihrem Hass verfolgen.
    Diese Diskussion war mir eine Freude.

    Herzliche Grüße,
    Iris

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  11. Pingback: ES WAR SCHÖN MIT DIR, LIEBE KOLUMNE! | ein fremdwörterbuch

  12. Michael Herzog

    Der Text kam kürzlich über einen Retweet in meine Timeline und lässt mich sehr ratlos zurück. Aus meinem Inneren ruft es “Jetzt sei doch nicht so ein verdammter Fußabtreter!” oder “Ist halt alles nicht so einfach!”, um ein vielfaches lauter als die zarteren Stimmen der Empathie.

    Irgendwo bin ich sicherlich einfach die falsche Zielgruppe. Eine Basis für das Wiedererkennen ist als Mensch mit anderer Herkunftsgeschichte nicht so da und statt einfach mitzufühlen hänge ich schrecklich an den Lücken in der Erzählung, die ich mit Graustufen und Grübeleien fühle.

    “Die junge Studentin blickt ihn stumm an. Heiß und kalt wird ihr. Still und regungslos sitzt sie da. “Welches Regime hat dich beauftragt? Saudi-Arabien?”, wiederholt er und blickt auf das Stück Tuch auf ihrem Kopf, das ihr in einigen Wochen die Sicherheitskräfte vor der Uni abziehen werden. Das Kopftuch ist verboten.”

    Ja, das muss einen religiösen Menschen ganz schön angehen. Mal sehen wie das ihr Studium beeinflusst.

    “Noch im selben Jahr verlässt das junge Mädchen die Universität. Sie, die in der Schule immer die Beste war, kehrt als gebrochener Mensch in ihre anatolische Kleinstadt zurück.”

    Huch, Moment mal. War es die religiöse Verfolgung, die sie nicht ertragen hat? Gab es das auf der Schule nicht? Wusste sie nichts davon? Welche Konsequenzen gab es genau? Oder war es der Druck durch die patriarchalen Strukturen? Hier wird ja immerhin ein Professor in einer Machtposition beschrieben… hmm. Erstmal akzeptieren und weiterlesen.

    “Zwei Jahre später liegt sie in Deutschland im Krankenhaus. Ihr erstes Kind ist auf dem Weg. Das Krankenzimmer teilt sie sich mit einer Afghanin und einer Deutschtürkin. Beide verstehen die Ärzte. Sie nicht. Die Deutschtürkin hilft ihr. Und wenn sie mal nicht da ist, sprechen die Ärzte mit der Afghanin. Die Afghanin erzählt es später der Deutschtürkin und sie wiederum übersetzt. Die werdende Mutter fühlt sich erniedrigt.”

    Hier stolpere ich auch wieder. In der Fremde im Krankenhaus zu liegen und sich nicht mit den Ärzten verständigen können, ist ein Alptraum. Sollte ich mir in China irgendwie etwas kompliziertes zulegen und wir kämen nicht auf Englisch zueinander, Horror. Es würde wahrscheinlich auch darin enden, dass ich auf Laien-Übersetzer vor Ort angewiesen bin und ich ansonsten “stumm” bleiben müsste. Der Stolperstein kommt mit dem Gedanken, dass einer Geburt eine lange Schwangerschaft vorausgeht und der Teil der Geschichte fehlt. Hat sich die werdende Familie darüber keine Gedanken gemacht? War der Vater desinteressiert? Keiner auf die Idee gekommen zu schauen, wo es Ärzte gibt, die Türkisch sprechen? Oder war das 18frühling und sowas gab es noch nicht? Hmm. Weiterlesen.

    “Nach der Geburt ihres Kindes, es wird ein Sohn, besucht sie einen Deutschkurs. Sie lernt schnell, aber die Lehrerin ist ungeduldig mit ihr. Sie spricht langsam und mit Akzent.”

    Ja, den falschen Lehrer zu haben ist mist – immerhin hat sie schonmal eine Basis, das ist gut.

    “Ihr gefällt ein Kleid in einer kleinen Boutique. Die Verkäuferin klackert mit ihren roten Nägeln auf dem Tresen und beobachtet sie. Im Kopf baut die junge Mutter ihre Frage zusammen. Sie will nach dem Preis des Kleides fragen, natürlich fehlerfrei. Die Verkäuferin wartet nicht. Sie reißt ihr das Kleid aus der Hand, nennt den Preis und hängt es wieder auf. Die Fremde schweigt.”

    Oh – der Teil mit dem Sprache lernen ist schon durch? Passierte das jetzt kurz nach dem Kurs? Wie ging es da eigentlich weiter? Sprache meistert man ja nur, wenn man sie spricht. Hatte sie keinen Kontakt zu Muttersprachlern? Naja gut, woher soll sie die kennen, wenn sie kein Deutsch spricht… hmm. Meine Nachbarin spricht mit ihren Freundinnen ja auch nur Türkisch.

    Tja, die Verkäuferin, das ist natürlich eine Unverschämtheit. Muss man mal auf den Tisch hauen, das geht so nicht. Naja, wahrscheinlich ist sie in Anatolien nicht so erzogen worden und dann war ja auch noch das mit der Uni damals, nicht so gut.

    “Sie stürzt sich in die Erziehung ihrer drei Kinder, sie sollen erfolgreich sein. Ihr Sohn hat in der vierten Klasse ein gutes Zeugnis. Er soll auf das “Jimmy lazim”, eine gute Schule. Danach kann man studieren, haben ihr die Nachbarn erzählt. Die Lehrerin aber glaubt nicht an ihren Sohn. Sie schickt ihn trotzdem hin.”

    ** Hier war ich selber zu doof beim ersten Lesen aus “Jimmy lazim” das Gymnasium zu machen und stolperte über den seltsamen Namen für eine Schule in Deutschland. Beim schreiben des Kommentars habe ich es dann hingekriegt. ;) **

    “Sie freut sich. Ob die Eltern noch etwas anzumerken hätten, fragt die Lehrerin. Sie meldet sich. Ihr Sohn nimmt ihre Hand und legt sie runter. “Mama”, sagt er, “bitte rede nicht.” Sie schweigt. Im Bus, im Supermarkt und im Wartezimmer.”

    Der Rotzlöffel der! Naja gut, vielleicht ist ihm das schlechte Deutsch der Mutter peinlich oder sowas und sie nimmt darauf Rücksicht, hmm, hmm. Vielleicht ist seiner Formulierung aber jetzt auch nur ein Kunstgriff um den Bogen um die Geschichte zu spannen, hmm.

    Tut mir leid, dass ich keine intensivere Reaktion auf den Text anbieten kann. Vielleicht ist das für die Diskussion aber nicht ganz wertlos.

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  13. Ali

    Auch Elternabend am Gymnasium, auch mit meiner Mutter dort.

    Sie fragte mich (auch Sohn): Soll ich wie alle anderen Mütter auch ohne Kopftuch hin?

    NEIN, antworte ich, NIEMALS! Sie war zwar dennoch stumm, wohl aber stolz.

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  14. Hiba Zm

    soll sie nun sprechen oder schweigen? Wie auch soll sie das wissen, wenn sie für das Sprechen im gleichen Maße gescholten wird wie für das Schweigen??! Und wir, die sich für das Sprechen entschieden haben und täglich die Schelte dafür ertragen, geht es uns wirklich so viel besser als der Fremden??!!
    Auch jetzt wo ich die Geschichte der Fremden zum dritten Mal lese muss ich weinen.

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  15. Pingback: LUDIN, ULUSOY – SIE SPRICHT, DIE MUSLIMISCHE FRAU. | ein fremdwörterbuch

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