LUDIN, ULUSOY – SIE SPRICHT, DIE MUSLIMISCHE FRAU.

fereshta

Ich kenne sie. Ich kenne sie als Frau, die ihre Worte mit Bedacht wählt, ruhig und balanciert. Eine weise Frau, stark und mit aufmerksamen Blick, klug und liebevoll. Eine Frau mit einer herzlichen Familie, die wiederum meine kleine Familie unterstützte als wir unsere Zelte in Berlin abbauten, um nach Kairo zu ziehen.

“Das erste Mal in meinem Leben saß ich sprachlos vor Gott” – Fereshta Ludin

Ich kannte jedoch nicht die Details des Lebens, der Jahre, die Geschichte, die Gesellschaft, die sie zu der Frau machte, die sie heute ist. Ich kannte nicht die Hintergründe der zermürbenden Jahre, in denen sie Freiwild für Presse und Politik war: Verspottet als sture, bockige Islamistin, Kopftuchfrau, die – statt zu danken, hier überhaupt studiert haben zu dürfen – nun dreisterweise auch noch an deutschen Schulen deutsche Kinder unterrichten wollte. Die Lehrerin Fereshta Ludin, die aufgeregt den Gerichtssaal betrat, um für die Ausübung ihres Berufs einzustehen und auf der Empore im Saal von zwei Frauen in pinken Burkas begrüßt wurde, die gegen sie protestierten. Die Studentin Ludin, die sich gegen ihre diskriminierende Dozentin wehrt, um an anderer Stelle dafür zu büßen. Die Referendarin Ludin, die in Tränen ausbricht, als das Oberschulamt ihr wegen vermeintlicher “mangelnder persönlicher Eignung” den Weg zur Ausübung des Lehrberufs versperrt. Die starke Kämpferin Ludin, die unter dem öffentlichen Druck zusammenbricht – nach Jahren der Demütigung, Erniedrigung, Bevormundung und Drohungen… Aber auch das kleine Mädchen Ludin, die mit dem plötzlichen Tod ihres Vaters zu Gott findet; die Jugendliche Ludin, die diszipliniert Deutsch lernt und sich den Weg ins Gymnasium hart erarbeitet und sich in einen jungen Mann verliebt.

Der Mensch Ludin hält in ihrem Buch die Verletzungen fest, die kleinen und großen; die Eindrücke, die weltbewegenden und persönlichen. Der Anfang des Buchs, ihre Kindheit, liest sich romantisiert und idealisiert – so wie vermutlich bei vielen, die aus den unbeschwerten Kindsjahren Kraft und Energie ziehen.

Ich kannte Fereshta Ludin so nicht. Und obwohl ich schon vorher großen Respekt vor ihr hatte, ist er nun mit einem Mal, nach dem Lesen ihrer Autobiographie, um einiges größer geworden. Meine Bewunderung für diese starke Frau ist einmal mehr gewachsen. Beim Erzählen ihrer ganz persönlichen Geschichte, hält sie unserer Gesellschaft einen Spiegel vor, nackt und ungeschminkt, direkt und ungefiltert, greifbar und unbegreifbar zugleich. In was für einem Land lebten wir eigentlich, fragte ich mich immer wieder beim Lesen. Und in was für einem Land werden wir künftig leben?

“Und wie gern hätte ich ihnen nahegebracht, dass sich Gott hinzugeben für mich absolute Freiheit bedeutete.” – Fereshta Ludin

Letztlich war Ludins Kampf auch einer gegen die Stille, die verstummte muslimische Frau. Das Buch “Die Enthüllung der Fereshta Ludin” ist nur der (vorerst) letzte Schritt im Bemühen nicht die, wie sie schreibt, “mundtote” 14-Jährige zu sein, die nach Deutschland kam, ohne Deutsch zu sprechen. Das Mädchen, das hier nicht für sich sprechen konnte, hier nicht verstanden wurde.

Während ich diesen Text schrieb, stellte ich fest: Knapp 13 Jahre später beginnt nun der Kampf einer anderen muslimischen Frau. Der Rechtsreferendarin Betül Ulusoy. Ihr wird vom Neuköllner Bezirksamts eine Station ihrer Ausbildung verwehrt:

“#‎schauhin‬, wenn du als Rechtsreferendarin eine Station in der Verwaltung machen m u s s t, dir eine Stelle im Bezirksamt ‪#‎Neukölln‬ telefonisch bereits zugesagt wird, du heute Morgen lediglich zur Unterzeichnung deines Formulars zum Rechtsamt fährst und dir der Herr dort dann munter erzählt, er sehe ja nun, dass man ein ‪#‎Kopftuch‬ trüge und dass das leider problematisch sei. Er selbst sei da zwar “völlig leidenschaftslos”, das Bezirksamt fahre da aber eine “ganz klare Linie” und stelle selbst Praktikanten mit Kopftuch im höheren Dienst nicht ein. Darum müsse er nun doch noch einmal mit der Personalabteilung und “höheren Stellen” sprechen, das würde nun wohl “ganz hoch diskutiert” werden und ich solle mich doch morgen noch einmal bei ihm melden.

Wenn morgen die Linie des Bezirksamts Neukölln immer noch ganz klar ist, dürfen sich sehr gern Journalisten aus meiner Freundesliste bei mir melden.

Das wirklich traurige an der Geschichte ist, dass ich mir als erwachsene Juristin gerade vorkomme wie das kleine Mädchen, das damals heulend von der Schule wegen ähnlicher Erfahrungen nach Hause rannte. Man sollte meinen, man müsste sich doch über die Jahre an immer die selben Diskriminierungen gewöhnt haben und damit rechnen, wenn man mit Kopftuch irgendwo aufschlägt und ich bin wirklich wütend auf mich, weil mir das noch immer so nah geht und ich ein mal mehr zitternd einen blöden Text über das Leben mit Kopftuch tippe(n muss)…”

Auch Ulusoy kämpft nun gegen das Verstummen, Bevormundung, die Infantilisierung an, stark und klug. Ihre Stimme ist laut und wird gehört. Denn Frauen wie Ludin haben Ulusoy, mir und etlichen anderen Frauen den Weg geebnet in dieser Gesellschaft eine Stimme zu finden und Unrecht zu benennen. Wir lassen uns nicht mehr aus der Mitte an die Ränder dieser Gesellschaft drängen.

Es liegt an uns, der Gesellschaft, Ulusoy in ihrem Kampf für ihr Recht zu unterstützen, sie nicht alleine zu lassen. Es geht hier nicht um sie als Person oder um eine persönliche Befindlichkeit, sondern um einen Wandel in unserer Gesellschaft; die Entpolitiserung des Kopftuchs und um die Frage: Wen lassen wir in unsere Mitte, wen nicht?

Wie man Ulusoy unterstützen kann? Lest hier.

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