VON EINER, DIE AUSZOG

marshmallow26

via Hyperbole & A Half – because she gets what she wants.

Disclaimer: Dieser Artikel ist für den Rest der Welt vermutlich absolut uninteressant und irrelevant. Aber das ist mein Blog und deshalb wird der Text hier trotzdem veröffentlicht.

 

Meine Damen und Herren. Schauet und genießet das neue Design.

 

schrieb ich vor knapp einem Jahr als mich wieder einmal die Beklemmung ergriff. Das Gefühl, etwas radikal ändern zu müssen. Andere Menschen verpassen sich in solchen Situationen eine verrückte Frisur, entrümpeln ihren Kleiderschrank oder schieben das Sofa in eine andere Zimmerecke. Ich hingegen setzte ich mich jedes Mal an meinen Laptop und versuchte mein Blogspot-Blog umzustylen. Herzklopfend und aufgeregt wagte ich mich in den gefährlichen HTML-Bereich meines Blogs und legte etliche Zwischenspeicher an – in Angst, die vielen Jahre Blogarbeit könnten mir mit einem Klick davonflutschen, auf Nimmerwiedersehen im HTML-Nirvana.

Das war auch der Grund, warum ich nie auszog und meine Bloggerheimat Blogspot verließ. Würden all die Liebe, der Schweiß und das Herzblut mit mir ziehen nach WordPress? Ich war mir unsicher. Niemand konnte mich von den technischen Finessen der Internet-Neuzeit überzeugen und so blieb ich dabei. Denn ein echter Paint-Profi, redete ich mir ein, macht aus seiner Situation das Beste und zaubert sich einfach ein Design hämmert, klebt und tackert sich eine Seite in mühevoller Arbeit einfach zusammen (Durchstreichen. Ha. Das wollte ich schon immer Mal tun!). Deshalb schrieb ich damals stolz:

 

Ich bin eine HTML-Königin mit Paint-Profi-Syndrom. Und das ist auch gut so.

 

 Heute weiß ich’s besser: Das ist nicht gut so. Das ist höchstens okay.

Auch ich möchte nämlich endlich, endlich ganz praktisch – mit nur einem Klick! – einen Weiterlesenknopf Continue reading

ELFIS BRISLEY

You walk into a newspaper building in another part of the world, Bahrain, open up the archive of 1971 and there he is: Elfis Brisley. You giggle. And then you stop. You think.
You thought you always knew but you never truly grasped: Histories happen simultaneously. Histories interact.
And traveling is the act of leaving places and histories behind. The act of interfering in another history, creating a new kind. And it, again, makes you appreciate a truth you thought you always knew but never truly grasped: You’ve never been everywhere. You’re constantly missing out. Time goes by unforgivingly everywhere.
And your road is just one of 7 billion other roads.

DIE DIGITALE TÜRKISCHE FAMILIE – WHAT’S UP?

Lampenreflektion auf dem iPhone

Mit meinen beiden kleinen Fingern versuche ich hastig, mein Handy zu bedienen. Der Rest meiner Hand ist schmutzig und fettig. Ich stehe in der Küche und verzweifle gerade mal wieder an einem türkischen Teiggericht. Über Skype rufe ich meine Oma in Deutschland an. „Oma, ich kriege die Börek nicht hin!“ Eigentlich kann ich ja backen, aber die Hefe! Die Hefe will nicht, wie ich will. In England gibt es eben nicht so tolle Feuchthefe wie in Deutschland, rede ich mir ein. Und frage verzweifelt: „Ich kann das doch, ne, Oma?“

Sie beruhigt mich und diktiert mir schnell ein Börek-Rezept ohne Hefe. „Was ist los?“, fragt mein Opa besorgt im Hintergrund. Das Übliche, will ich antworten. Ich rufe in der nächsten Stunde noch vier Mal an, dann sind die Börek endlich fertig.
“Und?“, fragt mich meine Tante wenige Minuten später über WhatsApp, dieses kostenlose Kurznachrichten/Chatding, über das neuerdings jeder mit einem Smartphone kommuniziert. „Haben die Börek geklappt?“ „Woher weißt du das?“, frage ich. Meine Oma hat mit meiner Mutter telefoniert und die hat gerade eben mit meiner Tante gesprochen. „Geht so“, schreibe ich meiner Tante und schicke ihr Bilder von den versalzenen Börek.

"MUSLIME SIND JETZT TEIL DES MAINSTREAMS"

“Wir befinden uns in einer Übergangsphase, in der Muslime immer sichtbarer werden – das empfinden manche als Problem. Sie glauben, dass Menschen, die durch ihre Kleider als Muslime erkennbar sind, nicht integriert seien. Das Gegenteil ist wahr: Gerade weil Muslime im Alltag sichtbar werden, sind sie integriert. Sie haben das geografische und soziale Ghetto, in dem viele anfangs lebten, verlassen. Muslime sind jetzt Teil des Mainstreams.”

Tariq Ramadan im Interview das ich für Zeit Campus 01/2013 führte – weiterlesen hier.

Der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan, 50, ist Professor an der Universität Oxford. Die Zeitschriften Time, Foreign Policy und Prospect bezeichneten ihn mehrfach als einen der hundert wichtigsten Intellektuellen der Welt.

WUT VERLASSEN

 

Irgendwann habe ich beschlossen, nicht mehr wütend zu sein. Nicht mehr wütend über die bis in den Himmel stinkenden Ungerechtigkeiten von Menschen und auf ihre Macht. Denn die Wut ändert nichts an der Ungerechtigkeit, aber mich. Sie macht den Wütenden kaputt, verbittert. So will ich nicht werden.

Und dann ist es passiert: Die Wut war weg. Ich kann nicht mehr genau sagen, wann das geschehen ist. Die Wut ist langsam und vorsichtig gegangen und hat eine seltsame Gelassenheit in mir hinterlassen. Eine, die mich manchmal selbst überrascht. Ich spüre kein dringendes Verlangen mehr, alles und jeden zu überzeugen, mich zu verteidigen. In Menschen, die mich aufgrund von Äußerlichkeiten nicht mögen oder gar hassen, sehe ich eine spannende Herausforderung. Ich will sie verstehen.

Vielleicht ist das nur eine Phase, vielleicht bin ich jetzt erwachsen. Ich vermute aber, dass es die Reisen sind, die mich verändert haben. Die neuen Menschen und Welten; Dinge, die mich herausfordern. Momente, in denen ich mich mit Menschen verbunden fühle, mit denen ich – scheinbar – nichts gemeinsam habe. Es ist als würde man beim Reisen Graben überwinden, Normen und Gewohnheiten.

Im Zug zwischen Davis und Berkeley an der Westküste der USA schreit mich eine Frau an. Sie schimpft über die Muslime, die den Westen ruinierten. Dann schaut sie mir in die Augen. „Nichts gegen dich“, sagt sie. „Aber die Muslime sollten endlich zurück in ihre Länder. Und ihr Öl können sie mitnehmen!“

Sie dreht sich um und setzt sich auf den Platz direkt vor mir. Ihre Hose ist hinten verdreckt, das T-Shirt zerrissen und ihre ergrauten Haare zerzaust. Sie sieht müde aus.

Ich schaue aus dem Zugfenster auf die Landschaft, an der wir vorbeirasen. Es ist ein anderes Amerika, das ich bei dieser Reise erlebe. Nicht mehr nur Großstädte mit Glitzer, hellen Nächten und beschäftigten Menschen, sondern auch Natur, Grün, ruhige, kaputte Menschen, Armut und Einsamkeit. Ich nehme mir meine Kamera aus der Tasche und filme die Landschaft.

Die Frau lächelt. Sie schnappt sich ebenfalls ihre Kamera und macht Fotos. „So schön“, sagt sie und seufzt. „Endlich zurück.“ „Ja“, sage ich, „sehr schön.“

Ich beobachte, wie sie aus dem Fenster schaut, schmerzvoll lächelnd und zitternd. „Weißt du“, flüstert sie, „ich bin gekommen, um zu sterben.“ Sie habe Krebs, keine Versicherung, einen Sohn im Gefängnis, eine Mutter, die sie hasst, und bald werde es ein Tsunami geben. Sie werde ihn stoppen. Weil ihr Sohn im Gefängnis nicht weglaufen und sich schützen könne.

Ein paar Wochen später bin ich im konservativen US-Staat Texas. Meine Freundin Macarena ist dort Professorin an einer kleinen Universität. Letzte Woche hätten sie im Unterricht über Muslime diskutiert, hitzig und schwierig sei die Debatte gewesen. „Die haben noch nie Muslime getroffen“, erklärt Macarena. Heute sitze ich mit ihr vor den Studenten. Einige vermeiden Augenkontakt. Die Stimmung ist angespannt. Ich erzähle drauf los, die Stimmung löst sich. „Fragt ruhig“, sage ich anschließend. „Egal, was ihr wollt.”

Es kommen die klassischen Fragen zu Terror, Unterdrückung und Kopftuch. Dann meldet sich eine Studentin zu Wort. Ich kenne sie, sie war vergangene Woche auf der Konferenz, zu der Macarena mich eingeladen hatte. Sie möchte gerne etwas gestehen, sagt sie. Das erste Mal habe sie von Muslimen aus dem Fernsehen erfahren, der 11. September war es gewesen. Später habe sie in der Schule ein Buch über eine unterdrückte Frau in Saudi Arabien gelesen. „Jedes Wort habe ich aufgesaugt”, sagt sie.

„Und dann hatten wir eine muslimische Nachbarin. Ich habe sie nicht sehr oft gesehen.” Sie wird rot, ihre Augen gläsern. „Eines Tages stand ein Krankenwagen vor ihrem Haus. Ihr Mann hatte sie die Treppen heruntergestoßen.” Sie lächelt mich an. „Es ist das erste Mal, dass ich eine Muslimin wie Sie kennenlerne.”

Macarena schickt mir später einen Text, den die Studentin über unsere Begegnung geschrieben hat. Er endet mit den Worten: „Ich möchte meine Welt neu ordnen, verstehen und mögliche Missverständnisse beheben. Ich weiß, es wird lange dauern. Aber ich kann mir keinen besseren Weg mehr vorstellen, als mein Leben mit der Suche nach der Wahrheit zu verbringen, statt mit Lügen zu leben.“

Das möchte ich auch. Denn die Wut macht blind.

Eine verkürzte Fassung dieses Textes erschien zuvor in der Taz-Tuchkolumne am 03. Dezember 2012

Übrigens: Zusammen mit diesem Text produzierte ich dieses Video, klick hier.

MANCHE GEFÜHLE LEBEN NUR IN BESTIMMTEN SPRACHEN

Plötzlich weinte ich.

Es war der Festtagsmorgen, an Bayram. Wir saßen in Oxford am Frühstückstisch, als im Radio eine Sendung über das Bayramfest in Deutschland lief. Der Moderator erzählte von Vätern, die sich auf den Weg in die Moschee machen, von der Aufregung, die zuhause herrscht, die letzten Vorbereitungen für das große Frühstück und die Kinder, die erwartungsvoll um die Geschenktüten herum tanzen. Die vertrauten Geräusche aus dem Radio erfüllten unsere Küche – und ich sah zum ersten Mal die Leere. Die fehlenden Menschen. Meine liebevollen Eltern und Geschwister, meine sentimentalen Großeltern, Tanten und Onkels, Cousinen und Cousins. Die Älteren der Gemeinde, die mich jedes Mal fest an sich drücken und davon erzählen wie ich so war als Kind und wie die Zeit doch vergehe.

Doch eigentlich waren nicht sie abwesend, sondern ich. Ich bin fort, ich lebe im gurbet. Was das ist?

Als ich mich an meinen Schreibtisch setzte und versuchte meine Gefühle in Worte zu fassen, tanzten meine Finger auf der Tastatur. Ich schrieb fließend, ganz natürlich. Erst viel später bemerkte ich, dass ich auf Türkisch geschrieben hatte.

„Es ist merkwürdig“, schrieb eine Freundin, „das Wort ‚gurbet’ lässt sich nicht so einfach in andere Sprachen übersetzen.“ Würde ich gurbet als „das Leben in der Fremde“ übersetzen, würde es niemals ausreichen, um meinem Gegenüber das Gefühl zu beschreiben, dass dieses Wort erzeugt.

Gurbet. Ganz alleine, ohne jeglichen Zusatz kann dieses Wort den Menschen, der gurbet kennt, Erinnerungen hervorrufen lassen, Sehnsucht und Schmerz fühlen lassen, die Wangen nässen. Die türkische Autorin Elif Safak beschreibt es als einen unsichtbaren Splitter unter der Haut, an der Spitze des Fingers. „Willst du ihn entfernen, vergeblich. Versuchst du ihn zu zeigen, ebenso vergeblich. Er wird zu deinem Fleisch, deinen Knochen, ein Teil deines Körpers. Ein Gliedmaß, das sich nicht mehr entfernen lässt, sei es dir noch so fremd, so anders“, schreibt sie.

Gurbet ist eines der vielen Worte, für die ich im Deutschen keine einfache Übersetzung finde. Genauso, wie ich Gedanken im Deutschen in keinen einfachen türkischen Satz fassen kann. Ich will auch mal „doch“ im Türkischen sagen. Ich will die „Herausforderung“ erklären, das „Dasein“ und die „Schadenfreude“. Für jedes einzelne Wort braucht es mehrere Sätze. Nur dann versteht mein Gegenüber, das, was ich dabei fühle.
So leben manche Gefühle nur in bestimmten Sprachen. Sprache öffnet uns die Welt und grenzt uns ein – im gleichen Moment.

„Bir lisan, bir insan. Iki lisan, iki Insan“, lautet ein türkisches Sprichwort: Eine Sprache ist ein Mensch, zwei Sprachen sind zwei Menschen. Folglich sind drei Sprachen, drei Menschen.

Im Deutschen spreche ich viel und schnell. In die Zeit, die man mir gibt, versuche ich so viel unterzubringen, wie nur möglich – denn ich will erzählen, erklären. Deutsch sprudelt aus mir heraus. Ich liebe diese Sprache, mit dessen Worten ich gerne spiele und vor der ich großen Respekt habe.

Im Englischen bin ich ruhiger. Ich rede nicht so eloquent wie im Deutschen, aber da ist es mir auch nicht so wichtig. Ich vertraue auf das, was ich sage, und auf mein Gegenüber, das mit mir denkt. Dort überlasse ich den Gedanken Raum. Und wenn mir mal ein Wort nicht einfällt, erfinde ich einfach eines. Meistens funktioniert’s.

Im Türkischen schreibe ich Gedichte. Im Türkischen bete ich. Im Türkischen weine ich. Es ist die Sprache, die ich als Erstes lernte. Die Sprache, in der ich von meiner Familie geliebt wurde, die Sprache, in der ich das erste Mal weinte, die Sprache, in der ich das erste Mal liebte.

Und so, egal in welcher Sprache ich spreche, es fehlt die andere. Und das ist eine schöne Herausforderung.

Nachtrag

Den türkischen Text “Özlem“, den ich in der Kolumne erwähne, findet ihr hier. Ich möchte mich für die vielen wunderbaren Reaktionen auf den Text bedanken. Diejenigen wissen sicher, dass sie gemeint sind. Danke! Eine möchte ich jedoch namentlich nennen, meine geliebte Canan Abla. Senin sohbetine doyum olmuyor.

ÖZLEM

Basit bir radyo programıydı beni bugün kahvaltıda ağlatan. Beklenmedik bir anda yakaladı o beni. O tanıyamadığım his.

 

Her sabah kahvaltıda eşimle birlikte farklı dillerde radyodan haberleri dinleriz. Almanya ve Mısır’dan sonra Ingiltereye yerleştik, bir senedir Oxford’da yaşıyoruz. Kahvaltıda Alman bir radyo kanalının Türk programında Almanyadaki bayramı anlatıyorlardı. Babaların bayram namazına gitmelerini, evde ailelerin birlikte bayram kahvaltısı hazırlamalarını, börekleri, çörekleri, tatlıları, hediyeleşmeleri, büyüklerin, küçüklerin, herkesin bir arada olmalarını anlatıyorlardı. O eşsiz karmaşayı, sevgiyi ve muhabbeti – benim eşimle beraber o anda mahrum olduğum bir bayram ortamını tasvir ediyorlardı.


Kahvaltı masasında ilk defa o sevdiğim insanların yokluklarını hissettim. Bir ah çektim içimden. „Bizler de bir gün, Allah bizlere çocuklar nasip eylerse, böyle bir ortam sağlayabilir miyiz?“ diye sordum kendime. Tutamadım gözyaşlarımı. Eşim şaşkınlıkla bana baktı. „Özlüyorum“ dedim, bükük bir dudakla. Komik durmuş olmam lazım ki, güldü. Ama haklı, beni öyle tanımıyordu ki. Ben bile kendimi böyle tanımazdım. Gezmekten, dolaşmaktan, dünyayı, farklı insanları, yenilikleri keşfetmekten hoşlanan, meraklı biriyim ben. Ailemi severim, ama her ayrılığında elbette bir sonu olduğunun bilinciyle yaşadığım için, özlem çekmezdim. Aksine ayrılıktan hoşlanır, farklı hazinelerle geri dönüp paylaşmayı severdim. Herkes dünyayı gezsin, herkes bir köşesini görsün, bir dalından tutsun, sonra bir araya gelip birbirimizi zenginleştirelim, dalları toplayalım isterdim. Benim için ayrılık her zaman zenginlik demekti.


Arkadaşlarımı uzaktan severim, devamlı olarak telefonlaşıp, yazışmam. Hemen hemen hiç birini doğum gününde arayıp tebrik etmem. Bana yazmazlarsa gönül koymam. Çünkü sevgi ve muhabbetin tarihlerden ibaret olmadığına inanırım. Ben onları her gün severim, her gün düşünürüm. Aynı zamanda buluşmak için çok çabalarım. Gezerken, onların bulunduğu şehirlerden geçerken muhakkak onları ziyaret edip, onları görmek isterim. Sevgimi o zaman en içten, en doğal ve dürüst haliyle gösteririm onlara. Muhabbetlerine doyamam, zor ayrılırım. Birçok arkadaşımla iki sene hiç görüşmemişimdir, ama kalbimde yerleri halen aynıdır.


Ta ki, bu sabahki kahvaltıya kadar. Continue reading

AB IN DIE WUTBOX

Ganz ehrlich? Ihr könnt mir mal den Buckel runterrutschen, ihr hasserfüllten Paukenhauer, globalen Klassenclowns und mediengeilen Störenfriede. Ihr lauten Menschen. Kauft euch ’ne schalldichte Wutbox und tobt euch dort aus, haut euch gegenseitig die Köppe ein. Aber das würdet ihr niemals alleine machen. Ihr funktioniert nämlich nicht ohne uns, die Moderaten dieser Welt. Ihr braucht uns. 
Was wäre eine Demonstration muslimischer Extremisten ohne Publikum? Was wären die islamischen Hassprediger auf der einen Seite und Ayaan Hirsi Ali plus Henryk M. Broder auf der anderen ohne uns? Nichts. Sie brauchen uns, damit wir über sie diskutieren. Darüber, ob sie recht haben oder nicht. Ob es in Ordnung ist, wie sie sind, was sie tun und was das für Folgen haben könnte. 
Wir verhelfen ihnen damit zu noch mehr Prominenz und noch mehr Aufmerksamkeit. Wir holzen Hunderte von Bäumen ab, nur um in Zeitungen darüber zu grübeln, wie wir ihren Anliegen gerecht werden, ihren Vorwürfen begegnen, ihr Geschrei beruhigen. Und schon während ich diesen Text schreibe, tut es mir leid um die Bäume. Aber einmal muss es raus. 
Was wären die Extremisten ohne einander? Wie Nietzsche richtig sagte: „Wer davon lebt, einen Feind zu bekämpfen, hat ein Interesse daran, dass er am Leben bleibt.“ Nur so kommen die Autoren der Extremen zu ihren Titelseiten, zu ihren Medienauftritten, zu ihrer Aufmerksamkeit und letztendlich zu Geld. Politisch passt es manchem Regierenden auch sehr gut in den Kram. Schön, wenn sich die Beherrschten eher über einen angeblichen Feind, den ihnen Extremisten immer willig zeigen, aufregen als über den Mist, den die Machthaber bauen. 
 Und während die Moderaten von der einen Seite zur anderen hoppeln, in dem Bemühen, den Extremen die anderen Extremen zu erklären, stilisieren die sich als mutige Heroen, die endlich ansprechen, was sich niemand anders traut. 
An sich selbst als an das Gute und Hehre zu glauben, während der Feind durch und durch böse ist – komfortabler lässt es sich im eigenen Oberstübchen nicht einrichten. Dabei sind die wahren Helden die Moderaten. Es braucht Mut, moderat zu sein. Es braucht Kraft, nicht ins verlockend simple Schwarz-Weiß abzudriften und selbst im vermeintlichen Feind noch einen Menschen zu sehen. 
Und einfach ist es wahrlich nicht, um das herauszufinden, braucht es keine berühmten Hetzer aus der Presse. Was macht man zum Beispiel, wenn sich der Mann neben einem im Flugzeug als amerikanischer Waffenlobbyist entpuppt? Als er mir seinen Beruf beschrieb, wusste er sehr schnell, wie ich das fand. Übel. Den Rest des Flugs sprachen wir über unsere Familien. 
Er, Ende vierzig, polnisch-italienischer Herkunft, erzählte von seiner Kindheit, dem frühen Tod seiner Mutter und wie er nun versucht, seinen Kindern das zu geben, was er niemals hatte: eine große Familie mit viel Leben und Geborgenheit. Zwischendurch schob ich Gewissensfragen ein. Er wich aus. Wir entdeckten unsere gemeinsame Leidenschaft für gute Küche. Wir tauschten Filmtipps aus und luden uns gegenseitig nach Hause ein, wohl wissend, dass wir uns niemals besuchen werden. Wir mochten nicht, was der jeweils andere tat, aber wir waren deshalb keine Feinde. Wir haben uns wunderbar unterhalten.

FRAGEN IM FERNSEHEN

Eva hat Abdul Zuhause besucht, hat mit seiner Schwester ein Kopftuch anprobiert, ist mit ihm durch Berlin gelaufen, in eine Moschee und hat neugierig Fragen gestellt. Miteinander sprechen, einfach mal aufeinander zugehen, einfach mal den Menschen im Gegenüber sehen. Das ist schön.
Darüber haben dann Franziska, Eva und ich im Münchner Klub Konkret Studio geredet. Ein großartiger Tag war das. Danke!(Und heute Morgen sprach ich im DeutschlandRadio Kultur darüber, dass Islamophobie mehr ist als nur eine Angst vor eine Religion: Klick zum Nachhören!)

40 KILO FREMDSCHÄMEN


Kennen Sie diese türkischen Großfamilien, die mit etlichen Koffern, zig Kartons, Rucksäcken und Taschen am Flughafen stehen und ewig lange am Flughafenschalter mit dem Personal diskutieren? Ich kenne sie. Und kennen Sie die pubertierende Tochter der Großfamilie, die ihr Gesicht beschämt in einem Buch vergräbt? Das war ich.
Jedes Jahr die gleiche Tortur. Ich stand etwas abseits, las und versuchte möglichst unbeteiligt auszusehen. Ab und an schüttelte ich meinen Kopf, trat unauffällig einen weiteren Schritt zur Seite. Und bewunderte dabei aus dem Augenwinkel das Verhandlungsgeschick meines Vaters, der so lange mit der Frau am Schalter redete, bis sich unsere vierzig Kilo Übergepäck in Nichts auflösten. Blieben nur noch die vielen Rucksäcke, Taschen und Handkoffer. Die standen gut versteckt außerhalb der Sichtweite der Flughafenfrau.
Ich hatte versucht, es zu verhindern – mit Nörgeln. Beim Einpacken fing ich an. „Warum“, fragte ich meine Mutter, „müssen wir denn so viel mitnehmen?“, und zeigte auf die sich stapelnden Gemüsekartons. Die Hälfte unseres Gepäcks war befüllt mit Gurken, Paprika, Gewürzen, Tee, Baklava, Trauben, Feigen, Orangen und Olivenöl. „Als ob es diese Sachen nicht auch in Deutschland gibt. Da kannst du das alles doch auch kaufen“, nervte ich weiter. Sie sollte endlich zur Vernunft kommen.
Kam sie aber nicht. Meine Mutter war nörgelresistent. Die von meinem Großvater liebevoll handgepflückten Gurken, Paprika, Trauben, Feigen, Orangen, das natürliche Olivenöl aus dem Garten unseres Ferienhauses, die Gewürze, die meine Oma höchstpersönlich für meine Mutter getrocknet hatte und die besten Baklava der türkischen Urlaubsstadt wurden in Kartons verstaut und zum Flughafen transportiert. 
„Das hat mit Sehnsucht zu tun“, sagte meine Mutter. Ich verstand das nicht. Im Auto lehnte ich mich entnervt auf den Gurkenkarton und nörgelte weiter: „Können wir nicht einmal, nur einmal Urlaub machen wie die anderen?“ Nur einmal, wünschte ich mir, elegant das kleine Gepäck über den glänzenden Flughafenboden zu tragen, statt die groben großen Gepäckwagen mit Mühe durch die Menschenmenge zu schieben.
Einmal nicht als letzte Familie am Gepäckband in Hamburg stehen und auf unseren Karton warten, unsicher, ob er nicht schon irgendwo unter dem Kofferhaufen auf einem der Gepäckwagen steckt. Und einmal nicht bestürzt feststellen, dass das Olivenöl ausgelaufen ist, und dem Fleck hinterher starren, der riesig groß auf dem Gepäckband glänzt. Einmal nicht so aussehen, als würden wir Hilfsgüter zu einer Katastrophe ungekannten Ausmaßes transportieren.
Letzte Woche stand ich am Hamburger Flughafen am Schalter, ich war auf dem Weg zurück nach Oxford. Mein Koffer enthielt die Tarhana-Suppenmischung meiner Großmutter, handgefertigtes Paprikagewürz meiner anderen Großmutter, einen großen Vorrat an deutschem Gouda, türkischem Käse, deutscher Schokolade, natürlich Lakritze und noch einiges mehr.
Mein mindestens fünfzehn Kilo schweres und mit Büchern vollgestopftes Handgepäck stand gut versteckt und außerhalb der Sichtweite der Flughafenfrau bei meinem Vater. Als ich meinen Koffer erfolgreich ins Flugzeug verhandelt hatte und auf ihn zuging, grinste er. Wir wussten beide: Das hat mit Sehnsucht zu tun.


Übrigens, mein Lieblingskommentar zu dieser Kolumne kommt vom “Käseschlepper” (Taz-Kommentarbereich):

“Ganz sicher ist manchen damals in der ‘inwendigen Dachgepäckträger-Ära der Turkish Airlines’ auch ein Junge(Mann) aufgefallen, der beladen mit einem 50 kg schweren Schafskäsekanister sich auf Geheiß der Frau Mama je Boardingetappe jeden Sommer immer wieder aufs Neue zu bewähren hatte. Es galt den besagten Kanister bis zum Punkt-of-no-return soweit in die Kabine zu schmuggeln und danach einige der angeblich sichersten Sitzplätze, welche die ersten Sitzreihen im Flugzeug sein sollten, zu ergattern.”

UNTER DEM WALNUSSBAUM

Ich musste lachen, als ich zum ersten Mal einen türkischen Friedhof besuchte und auf den Grabsteinen Daten wie 1290–1928 oder 1305–1940 las. So lange lebt doch niemand; was für ein bitterer Fehler ausgerechnet auf dem Grabstein, dachte ich. Bis ich vor dem meines Urgroßvaters Molla Mehmet stand. Er lebte von 1328 bis 1990, in aufwühlenden Zeiten.

In einer kleinen Hütte ohne Fenster, versteckt zwischen den Orangenbäumen neben seinem Haus, lehrte Molla Mehmet 18 Jahre lang jede Nacht seine Schüler den Koran, bis im Morgengrauen der Gebetsruf Tanr uludur, tanr uludur, haydi namaza (»Gott ist groß, Gott ist groß, auf zum Gebet«) von den Minaretten der kleinen Stadt im Südwesten der Türkei ertönte. Seine Schüler, Kinder und Erwachsene, verschwanden in der Dunkelheit. Molla Mehmet ging dann in sein Haus, wusch sich, zog sich ein sauberes weißes Hemd an, kämmte seinen Bart und machte sich – als sei nichts gewesen – auf den Weg zum Morgengebet in die Moschee. In die Moschee, wo das Lesen und Lehren des Korans neuerdings verboten war.

Die laizistische Türkische Republik hatte der Religion den Kampf angesagt. Unter anderem war der Kalender umgestellt worden. Es galt nicht mehr der islamische, der 622, mit dem Jahr der Auswanderung des Propheten Mohammed aus Mekka, beginnt und der in Mondjahren zählt, sondern der gregorianische. So folgte in der Türkei auf den 31. Dezember 1341 der 1. Januar 1926. Auch das arabische Alphabet wurde abgeschafft und stattdessen das lateinische eingeführt.

Von einem Tag auf den anderen wurden Tausende von Gelehrten und Studierten zu Analphabeten. Und statt des arabischen Gebetsrufes Allahu Akbar ertönte nun der türkische, Tanr uludur, von den Minaretten. Militärs patrouillierten vor den Moscheen und inhaftierten Imame, die sich den Anordnungen widersetzten. Schließlich stürmten Soldaten sogar in die Häuser und verbrannten alle Korane, die sie finden konnten. Molla Mehmet versteckte seine in der kleinen Hütte zwischen den Orangenbäumen. Dort führte er seinen ganz eigenen Widerstand.

Viele Jahre später war mein Urgroßvater einer der angesehensten Männer der Stadt. Durch sein Wissen, seine Ehrlichkeit, seine tiefe Religiosität und seine ruhige, weise Art war er für viele in der Kleinstadt zu einer Respektsperson geworden. Menschenschlangen bildeten sich vor seinem Haus. Die Leute fragten ihn um Rat. Neuankömmlinge – Lehrer, Bürokraten und Gäste – klopften bei ihrer Ankunft in der Stadt zuerst an seine Tür. Er baute zwei Moscheen und gründete in den siebziger Jahren ein religiöses Gymnasium. »Und trotzdem nahm er sich für jeden seiner Enkel Zeit«, erinnert sich meine Mutter. Sie erzählt, wie er sie bei den Hausaufgaben für die Schule unterstützte, sie ermahnte, sich zu bilden, und sie viel religiöses Wissen lehrte. »Deshalb haben wir, seine Enkel, ausnahmslos alle studiert.« Noch heute ist meine Mutter voller Bewunderung für ihn, für seine Geduld, sein Wissen, seine Offenheit.

Ich habe meinen Urgroßvater nie kennengelernt. Aber ich finde überall seine Spuren. Etwa wenn wir im Sommer unter dem großen Walnussbaum vor seinem Haus sitzen und die Älteren uns von früher erzählen, zum Beispiel von der Kindheit meines Urgroßvaters.

Er kam als Halbwaise zur Welt. Sein Vater, ebenfalls ein Gelehrter und Imam, war auf der Pilgerreise in Mekka erkrankt und gestorben. Als Molla fünf Jahre alt war, starb auch seine Mutter. Er wurde von seinen Tanten großgezogen, die ihn als Jugendlichen in eine Madrasa, eine religiöse Schule, schickten. Als kurz vor dem Ende seiner Ausbildung die Madrassen auf Geheiß Atatürks geschlossen wurden, kehrte er zurück zu seiner Familie. »Wir stammen von den Yörüks ab«, erzählt mein Großonkel. Die Yörüks waren ein urtürkischer Nomadenstamm, der mit seinem Vieh durch das Land zog. Und so kam es, dass mein Urgroßvater damals als Hirte in den Bergen lebte und sich gleichzeitig weiterbildete, Bücher las, philosophierte.

Manchmal frage ich mich, woher die Rastlosigkeit in mir kommt, während ich durch die Welt reise, immer auf der Suche nach neuen Orten, neuen Menschen. Ich frage mich, woher mein Durst nach Wissen kommt. Und die Liebe zur Religion, die Bindung zu ihr.

Wenn ich dann durch die kleine Stadt im Südwesten der Türkei gehe, durch die Orangenhaine, wenn von den Minaretten der Gebetsruf ertönt, wenn ich an den Moscheen vorbeilaufe und wenn ich vor dem Grab meines Urgroßvaters stehe, weiß ich, wie die Antwort lautet.

Dieser Text erschien zuerst in ZEIT Geschichte “Der Islam in Europa” und hier auf Zeit Online.

ICH, KRIMINELL?

Quelle: motifake.com



Eine Internet-Aktivistin bekommt Besuch von der Polizei. Sie versteht nicht, was sie verbrochen haben soll.

Der Tag, an dem das Wort »Verbrechen« zum ersten Mal eine Bedeutung in ihrem Leben bekommt, beginnt sonnig und früh. Als Andrea Simmer (Name geändert) um kurz vor acht aus dem Haus tritt, sieht sie fünf Männer in Zivil mit Pistolen am Gürtel. Es sind Polizisten. Sie kommen direkt auf sie zu. »Können Sie den Weg frei machen? Ich muss zur Arbeit«, fragt sie. »Nö«, antwortet einer der Beamten. Und fragt: »Sind Sie Andrea Simmer?« – »Ja, warum?« Er zieht ein Papier aus der Tasche, ein Landeswappen ist drauf zu sehen, es ist ein Durchsuchungsbeschluss. Es geht um einen Angriff auf eine Webseite.

Ihr Kopf rauscht, auf einmal ist sie ganz wach. Denkt an ihre Kinder, ihre Arbeit, ihr Zuhause. Was will man von ihr? Irritiert schaut sie die Polizisten an. Sie folgen ihr ins Haus, Simmer weckt erst den 18-jährigen Sohn, dann die 19-jährige Tochter. »Nicht erschrecken, die Kriminalpolizei wird das Haus durchsuchen«, sagt sie. Die beiden Kleinkinder sind schon aus dem Haus. Die Beamten bahnen sich währenddessen den Weg ins Wohnzimmer, Spielzeugautos und Dreiräder blockieren den Flur.
»Es geht um eine Internet-Attacke durch Anonymous im Dezember 2011«, sagt einer der Polizisten. »Anonymous?«, wiederholt Simmer, »dann geht es um mich, Sie brauchen nicht das ganze Haus zu durchsuchen.« Sie rennt in ihr Zimmer und holt ihre beiden Laptops, um sie den Männern zu übergeben. In Panik reißt sie den Aufkleber mit dem Anonymous-Logo von einem der Computer ab.
Vor wenigen Wochen ist Simmer eine von 106 Verdächtigen, deren Räume in 14 Bundesländern durchsucht werden. Es ist ein Schlag gegen eine Gruppe, die keine ist: Anonymous ist eine Protestbewegung im Netz, jeder kann sich ihr anschließen und dabei mitmachen, eine Webseite lahmzulegen oder vertrauliche Informationen zu veröffentlichen. Es ist die erste große Razzia dieser Art in Deutschland, sie soll die Internet-Aktivisten abschrecken.
»Wir wollten deutlich machen, dass dieses Verhalten strafbar ist«, sagt der Sprecher der leitenden Oberstaatsanwaltschaft Frankfurt. Die Razzia ist die Antwort der Behörden auf einen neuen, virtuellen Protest. Der Kulturkampf, der seit Längerem im und über das Internet herrscht, verschärft sich auf einen Schlag.
In den letzten Jahren haben Anonymous-Aktivisten immer wieder mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam gemacht; raids nennen sie das, Überfälle. Im Dezember 2010 legten sie die Webseite von Mastercard lahm, weil die Firma das Spendenkonto von WikiLeaks blockierte. Anfang 2011 griffen sie die Webseite der damaligen ägyptischen Regierung an, um die Proteste zu unterstützen. In Deutschland haben sie die Namen von NPD-Mitgliedern veröffentlicht und sind Teil der Occupy-Bewegung in Frankfurt. Seitdem kennen sogar Banker ihr Markenzeichen, die grinsende Maske des englischen Attentäters Guy Fawkes aus dem 17. Jahrhundert. Anonymous heißt so, weil jeder anonym mitmachen kann.
Auch Andrea Simmer möchte anonym bleiben. Man darf weder ihren echten Namen noch ihren Wohnort nennen. Sie will andere Anons nicht gefährden. Ein, zwei Mal hat sie andere Anons kennengelernt, einer davon ist heute ihr Partner. Aber bei Anonymous geht es ihrer Meinung nach nicht um die Person, sondern um die Sache. »Es ist egal, ob man Mann oder Frau ist oder arm oder reich«, sagt sie, »das lenkt doch nur von der Arbeit ab.«
Die meisten, die durchsucht wurden, waren junge Männer, Computernerds. Simmer ist anders. Sie sitzt in ihrem Garten und schaut auf ihre Pferde, die auf dem Gelände nebenan herumlaufen; früher ist sie oft geritten und hat an Wettkämpfen teilgenommen. Ihre Haare sind rot und kurz. Früher mochte sie Jazzmusik, seit sie bei Anonymous ist, hört sie Electro.
Simmer wuchs in einer Kleinstadt in Bayern auf. Als Schülerin erhielt sie einmal von ihrem Lehrer einen Verweis, weil sie sich einen Button mit »Stoppt Strauß« angeheftet hatte. Später freundete sie sich mit Hausbesetzern an und begann, sich für die Tierschutzorganisation Peta und Greenpeace zu engagieren. »Ich war gerne die Rebellin«, sagt sie. Heute arbeitet Simmer im sozialen Bereich. Das hat ihr Denken geprägt: Warum teilt sich die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer? Warum wird der Unterschied zwischen Arm und Reich größer?
Sie war begeistert, als sie letzten Herbst von der Occupy-Bewegung hörte. Auf Facebook klickte sie sich durch die Seiten der Protestbewegung, immer wieder fiel ihr der Name Anonymous auf. Anfangs las sie nur die Diskussionen mit, dann begann sie, selbst zu kommentieren. Sie freundete sich virtuell mit Aktivisten an, schloss sich so der Bewegung an. »Im Internet kann man protestieren, ohne sich eine blutige Nase zu holen«, sagt sie. Das Netz ermöglicht ihr – einer berufstätigen Mutter in einer Kleinstadt –, jederzeit mit Menschen in aller Welt zu kommunizieren.
Sie glaubt, dass Regierungen Informationen bewusst zurückhalten. Anonymous könne sie ihnen entreißen und allen zugänglich machen. Mittlerweile leitet sie bei Anonymous eine Kunst-Gruppe, außerdem vermittelt sie neue Mitglieder in die 400 Arbeitsgruppen, in denen sie Mitglied ist. Auf ihrem Auto klebt ein Sticker mit dem Logo, manchmal erzählt sie ihren Kollegen und Freunden davon.
Der Anlass für die große Razzia war ein Angriff von Anonymous-Mitgliedern auf die Gema, bei dem Simmer beteiligt gewesen sein soll. Die Gema ist eine Treuhandgesellschaft, die Urheberrechte der Musikindustrie in Deutschland schützt. Sie liegt mit YouTube seit drei Jahren im Rechtsstreit, viele Videos auf dem deutschen YouTube sind deshalb gesperrt. Für die Aktivisten von Anonymous ist die Gema ein Feind: Sie sehen sie als Zensurbehörde des freien Internets. Nach eigenen Angaben haben sie sie mehrmals angegriffen, einmal haben sie sich sogar in den Firmenserver gehackt, die Telefone blockiert und Daten gestohlen.
Der Angriff, der zur Razzia führte, fand am 17. Dezember statt. Ab sechs Uhr abends funktionierte die Webseite nur sehr langsam. Mehr als dreihundert Computer bombardierten sie sieben Stunden lang mit Anfragen. Es handelte sich um eine sogenannte DDoS-Attacke: Ein Mitglied hatte dafür einen Link gebaut, auf dem »Feuern!« stand. Mit jedem Klick wurden 50 bis 100 Zugriffe verschickt, um die Webseite durch die Massenanfrage zum Einstürzen zu bringen. Der Link kursierte auf Facebook und Twitter. Es hieß, man wolle »just for the lulz die Gema plattmachen« – eine Attacke spaßeshalber also. Simmer sagt, sie sei damals noch kein aktives Mitglied gewesen. »Ich habe daran nicht teilgenommen«, sagt sie. »Die Welt hat größere Probleme als die Gema.«
Für die anderen Anons mag es ein Streich gewesen sein, für die Gema war es ein krimineller Akt. Ihre IT-Abteilung protokollierte die Zugriffe und gab sie an das Bundeskriminalamt weiter. Obwohl die Angriffe die Seite nur verlangsamt und nicht beschädigt hatten, erstattete die Gema Strafanzeige. Die zuständigen Richter ordneten 106 Hausdurchsuchungen an, um Beweise sicherzustellen. Eine überraschende Größenordnung: »Eine solche Anzahl an Durchsuchungsbeschlüssen dürfte eher die Ausnahme darstellen«, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft in Frankfurt.
Zwei Tage nach der Hausdurchsuchung wird Simmer auf einer Polizeiwache vernommen. Der Polizist macht Witze und stellt ihr kaum Fragen zu dem Angriff. Sie hat den Eindruck, er würde die Sache nicht ernst nehmen. »Wir können uns nicht erklären, warum es so eine große Razzia gegeben hat«, sagt er. Dann: »Ich glaube nicht, dass Sie kriminell sind.« Simmers Laptop wird zur Zeit nach Spuren des DDoS-Angriffs untersucht. Falls sie eine Strafe bekommt, will sie juristisch dagegen vorgehen.
Seit der Razzia macht Simmers älteste Tochter ihr immer wieder Vorwürfe: Wo hast du dich da reingeritten?! Wieso machst du bei Anonymous mit?! Die Tochter ist 25 und in der Kirche aktiv; die Internet-Aktivitäten ihrer Mutter waren ihr schon immer suspekt. Nach der Hausdurchsuchung hat sie den Anonymous-Aufkleber vom Auto abgerissen und das Kabel für den WLAN-Router versteckt.
Inzwischen kann Simmer zu Hause wieder das Internet benutzen, sie verbringt nun Stunden in Foren und Chaträumen, um mit anderen Anons über ihre Situation zu sprechen. Sie hat von Leuten gelesen, deren Wohnungen durchsucht wurden, obwohl sie nichts mit Anonymous zu tun haben. Sie hat von anderen gelesen, die sich auch nicht daran erinnern, an dem Angriff teilgenommen zu haben. Die meisten, zu denen die Polizei kam, hatten offenbar kaum Ahnung von Computern – es wäre nicht schwer gewesen, ihre Spuren zu verschleiern. In einem neuen Video hat Anonymous seine Anhänger dazu aufgefordert, sich technisch weiterzubilden.
Die Razzia hat die deutsche Anonymous-Community aufgeschreckt: Sie erleben zum ersten Mal, dass ihre virtuellen Angriffe reale Folgen haben können. Dass es Gesetze dagegen gibt und Polizeibehörden, die sie mit aller Macht verfolgen. Computersabotage ist erst seit fünf Jahren eine Straftat, virtuelle Protestformen wie DDoS-Angriffe waren lange in der rechtlichen Grauzone. Bis jetzt.
Die Razzia hat Simmer nicht von ihrer Haltung abgebracht. »Anonymous ist nicht kriminell«, sagt sie. Sie hat ihre Sticker wieder an ihr Auto und ihren Laptop geklebt. Sie will weitermachen bei Anonymous, jetzt erst recht.
Dieser Artikel – geschrieben zusammen mit Khuê Pham und Selma Stern – erschien zuerst in der ZEIT vom 21.6.2012 (Nr. 26) und online (Link). Außerdem verfügbar als Audio (Downloadlink).