“ZEIT FÜR EINEN DISKURS – ÜBERALL”

Seit einigen Tagen diskutiert die muslimische Community auf sozialen Medien das Thema Heirat & Partnersuche. Dabei wurde mancherorts nach der Perspektive und Stimme der Männer gefragt. In den nächsten Wochen werden hier einige Männer in Q&As (oder anderen Formen) ihre Sicht teilen (die sich vielleicht in manchen Punkten wahrscheinlich nicht groß von denen der Frauen unterscheidet, in anderen aber umso mehr).

Den Anfang macht heute Ali Aslan Gümüşay (der übrigens mein Mann ist). In seinem Text beschreibt er, weshalb es wichtig ist, dass auch Männer sich in diesem Diskurs stärker einbringen und an der Lösung der Missstände arbeiten, von denen sie möglicherweise annehmen gar nicht betroffen zu sein. Danke Ali!

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ZEIT FÜR EINEN DISKURS – ÜBERALL

Warum Männer sich am Diskurs um Heirat und
Partnersuche stärker beteiligen sollten. 
- von Ali Aslan Gümüşay

Die Partnerwahl ist die wohl wichtigste Entscheidung im Leben eines Menschen. Allerdings gibt es kaum praktische Hilfsmittel, die einem diese komplexe Entscheidung erleichtern könnten. Keine Ehegattenrankings à la Arbeitgeberrankings, noch eine Metrik, die das Messen und Bewerten überhaupt ermöglichen. Die Ehe ist ein Bündnis für zwei Leben. Ein gewisses Wagnis gehört dazu.

Der Mann

Kübra hat über den muslimisch-akademischen Heiratsmarkt geschrieben. Auf verschiedenen Social-Media-Kanälen wurde daraufhin die fehlende männliche Sicht beklagt. Eine männliche Sicht soll also her. Dieser Text soll allerdings keine Verteidigung oder Interessenvertretung im Sinne von „Männer aller Länder vereinigt euch“ sein.

Eher ist es ein Ausruf und Zuruf an Männer, in einem Diskurs mitzuwirken, der uns nicht nur auch betrifft – gar zu 50% würde ich meinen – sondern dessen Ausübung als solche schon positive Veränderung bewirken vermag. Wir brauchen diesen Diskurs und beginnen also nicht mit: Tue Gutes und sprich darüber; sondern mit: sprich darüber, damit Gutes getan wird.

Die (un-)sichtbare Wand

Es gibt falsche Vorstellungen vom und über den Eheprozess. Einige werde ich hier skizzieren: Männer neigen also dazu,  jüngere Frauen als Partner zu bevorzugen und diese wiederum eher Männer, die älter sind als sie. Bildlich gesprochen heißt das: Während Frauen gegen eine zeitliche Wand (der immer weniger werdenden älteren Single-Männer) rennen, brauchen Männer scheinbar kein Hindernis in der Zukunft zu fürchten. So machen sich Frauen in relativ jungen Jahren und mit wachsendem Alter immer mehr Sorgen, Männern dagegen wird mancherorts gar davon abgeraten, jung zu heiraten: erst der Job, dann das Geld für die Hochzeit und schließlich die Ehe. Dabei könnte genau in diesen unsicheren Zeiten eine Ehe erstarken und sich formen, in dem Probleme gemeinsam gemeistert werden.

Unsere Familien, Bekannte, Freunde, Gemeinschaften müssen verstehen, dass wir heutzutage lange bzw. längere Lernwege zu gehen haben: Du studierst noch? Wann arbeitest du denn endlich? – Die finanzielle Unabhängigkeit vor allem für Akademiker zögert sich hinaus. Damit verzögert sich aber auch das Eingehen einer partnerschaftlichen Bindung – mit negativen Folgen. Angesichts falscher Erwartungen und Ansprüche bestimmt das Bildungssystem, wann wir heiraten, statt der eigene Wunsch und die persönliche Reife. Seltsam, dass wir als Gemeinschaft und Gesellschaft dies zulassen, ja dies darüberhinaus fordern und fördern.

Es sind also scheinbar die Frauen, die auf eine Wand zu rennen, aber unscheinbar sind es auch Männer, die vielfach leiden. Unbewusst. Sie müssen zwar unter Umständen nicht im gleichen Maße wie Frauen fürchten, später im Leben nicht die „Richtige“ finden zu können. Sie leiden aber in einem anderen Punkt: Entgegen der allgemeinen Annahme, Männer würden wie Wein mit dem Alter reifen, laufen sie Gefahr wie Milch zu versauern. Mit der Zeit vernebelt der Blick auf die Person, die man wünscht zu heiraten, den Blick darauf, wer man selber geworden ist.

Männer haben nicht, wie sie womöglich im Irrglauben annehmen, ewig Zeit, um eine Partnerin zu finden, da es immer jüngere Single-Frauen geben wird. Auch sie verändert die Zeit. Damit mögen sie ebenfalls immer weniger für eine Ehe geeignet sein. So sollte auch Männer das Thema früh beschäftigen, auch sie sollten ein Interesse daran haben, gesellschaftliche Barrieren abzuschaffen, die eine Heirat vor der beruflichen Vollkommenheit erschweren und verhindern.

In diesem digitalen Diskurs der letzten Tage wird deutlich, dass Frauen erkennbar stärker Position beziehen und die Situation, die wir geschaffen haben, anprangern. Es wird an der Zeit, dass auch Männer die vielleicht stärker verborgenen Probleme der gelebten Situation ansprechen. Empört euch! Es ist in unserem Interesse. Übrigens nicht nur deswegen, sondern auch, weil es nicht um eine individuelle Nutzenfunktion und Nutzenmaximierung geht, sondern um unsere Verantwortung im gesellschaftlichen Füreinander.

Unsicheres Nebeneinander

Wir haben ein Selbstbewusstseins- und Bewusstseinsproblem. Die Thematik der  Beziehungen zwischen den Geschlechtern wird kaum besprochen – als ob sie durch Stille nihiliert werden könnte. Das Gegenteil ist der Fall. Diese Stille erzeugt wenig durchdachte Praktiken und Prozesse. Der Weg zur Ehe wird so tabuisiert, als sei er verpönt. Dabei ist der Weg zu einer guten Tat, eine gute Tat. Der Eheprozess ist ein selbstverständlicher Teil unseres gesellschaftlichen Miteinanders und sollte auch so verstanden und behandelt werden.

Wir fürchten, nicht perfekt zu sein – Dank gebührt den vielen medialen Projektionen unrealistischer Frauen- und Männerideale. Es gibt die Sorge, man könne von der anderen Person abgelehnt werden oder den Ansprüchen nicht genügen.  Dabei geht es in der Partnerfindung nicht um gut, sondern um richtig: Ist man richtig füreinander, um gemeinsam das Leben aufzubauen, das man sich erstrebt? Eine Ablehnung ist in diesem Fall ein vermutetes Missmatch, aber keine Wertung der Person und Persönlichkeit. Es ist also weder Wertendes noch Verwerfliches daran, abzulehnen bzw. abgelehnt zu werden.

Gleichzeitig brauchen wir mehr Transparenz, Nachsicht und Empathie im Heiratsprozess. Es gibt viele kulturelle Normen und Traditionen, die variieren: Wo und wann darf man eine Frau ansprechen, wo und wann nicht? Wie fragt man in Kultur X an; was ist verpönt? Wie muss ich mich verhalten? Was wird von der Frau erwünscht, was nicht? Wie vermittelt man ernste Absichten? Wie spricht man eine Frau an – ohne ihr zu Nahe zu kommen? Es gibt mehr Dinge, die man(n) falsch machen kann, als geahnt. Das verunsichert, schreckt ab.

Diese Unsicherheit liegt auch daran, dass Frauen wie Männer in muslimischen Kreisen vorher meist keine Beziehungserfahrung haben. Ebenso wie Frauen beziehen muslimische Männer ihre Normen, Werte und Vorstellungen aus Erzählungen, Gesprächen, Büchern und Filmen. Diese Narrative sollten wir ergänzen und so beim nächsten Männerabend, dem nächsten gemeinsamen Kaffee, der nächsten Veranstaltung über den Heiratsprozess und die Ehe sprechen.

Dabei sollte betont werden: Die Forderung nach einem Diskurs um die Sache, ist kein Diskurs über die einzelnen Personen. Wer sich mit wem trifft oder wer wen kennenlernt, solle nur die Betroffenen interessieren. Diese Art von Gespräch sollten wir meiden und dafür einen Diskurs für und um die Sache eingehen, um Missgunst und Konflikte in der Gemeinschaft zu verhindern.

Warum also einen Diskurs?

Der Eheprozess misslingt in der Praxis nicht, weil die Theorie nicht stimmt, sondern weil es an der Kontextualisierung scheitert. Wir brauchen also einen Diskurs, um uns zu überdenken und Normen zu formen und zu verändern. Wir müssen insbesondere Folgendes überdenken:

1) Welche Rollenzuschreibungen haben wir in unserer Gesellschaft? Welche neuen Normen wollen und können wir schaffen?

2) Welchen Rahmen und Räume bieten wir dem Kennenlernprozess? Wie können wir diesen überdenken?

3) Worin mündet dieser Prozess? Welches Bild von Ehe haben wir?

Mechanismen

Wir müssen Mechanismen entwickeln, um das Diskutierte in die Praxis umzusetzen. Hierfür bedarf es einer Bestandsanalyse und der Sichtung und Streuung von best practices. Es geht also um eine Ermutigung durch Re-Normierung und eine Ermöglichung der Umsetzung durch konkrete Alternativmodelle. Konkrete Beispiele wären: Die Hochzeit im kleinen Kreis; die Meisterung der Ehejahre im jungen Alter mit wenig Geld, aber viel Wert(vollem); Ehen, in denen die Frau gebildeter, älter oder besser bezahlt ist als der Mann; und so weiter.

Institutionen

Diskurse und Mechanismen brauchen Institutionen, welche diese leben und mit Leben füllen. Wir müssen also Themen, Prozesse und Orte definieren, um Veränderung im Kopf und in der Tat zu bewirken. Dies bedarf eines institutionellen Wandels wie auch der Schaffung neuer Institutionen – also weiterhin ein hoher Bedarf an sozialem Unternehmertum, der Wert schafft und Werte fördert.

Wir

Die Ehe ist ein Ort der Geborgenheit und der Wir-Verwirklichung. Hier findet sich der stärkste Befürworter der eigenen Person bei der gleichzeitig stärksten Kritik an der Tat, dort, wo es ihrer bedarf. Ehe ist zu verstehen und zu fühlen, als ein gelebter und erarbeiteter Raum der konstanten gemeinsamen Veränderung zweier Menschen, die sich und einander finden. Als ein Ort, in dem das Aufgeben Zufriedenheit und Erfüllung mit sich bringt.

Die Ehe ist eben keine Zweckoptimierung eines homo oeconomicus mitsamt einer oktroyierten falschen Metrik des gut und besser, sondern ganz im Gegenteil ein Bündnis entfernt von messbaren eigennützigen Kalkulationen, fernab vom Ich. Sie ist jedoch keine Negierung des Ichs, sondern dessen Stärkung durch ein richtiges Wir – als Teil eines größeren gemeinschaftlichen Wirs, dem wir angehören, verpflichtet sind und in dem wir füreinander miteinander Verantwortung tragen.

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Ali Aslan Gümüşay ist Doktorand an der Saïd Business School und Dozent am Magdalen College der Oxford Universität. Er lehrt und forscht zu Management, Strategie, Organisationen, Entrepreneurship und Innovation.
Mehr zu seinen Forschungsthemen könnt ihr auf seinem Blog lesen oder in dem ihr ihm auf Twitter folgt.

9 Comments “ZEIT FÜR EINEN DISKURS – ÜBERALL”

  1. Müzeyyen

    Ich bin zwar kein Mann, aber möchte mich auch bei dir bedanken, dass du diesen Beitrag verfasst hast. Vor allem auch, dass du zum Diskurs aufrufst!
    Allah razi olsun…Nun gebe ich den Vortritt den zum Diskurs eingeladenen Akademikern/Männern, die doch hoffentlich auch diesen Beitrag lesen…

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  2. Pingback: DER MUSLIMISCH-AKADEMISCHE HEIRATSMARKT (TEIL 2) | ein fremdwörterbuch

  3. Rastafarian

    Danke für den Beitrag.
    Ich selbst komme aus Bosnien und bei uns stellen oft nicht klaren regionalen Traditionen Hürden dar. Als ich um die Hand meiner Gattin anhalten wollte (Ich ging mit meinen Eltern zu den ihren) war dies ein absolutes Novum im Freundeskreis.

    Häufig ist zu beobachte dass “ältere” (30+) Brüder tatsächlich Sorgen machen und auf den “heimischen Markt” ausweichen. Über Kontakte und Bekanntschaften wird versucht an die Damen der Gunst zu gelangen.

    Noch zum Diskurs: Ich hörte auch, dass in Dänemark die Situation für die Schwestern sehr prekär sein soll, da das Bildungsniveau im Durchschnitt höher sein soll und man so kaum geeignete Lebenspartner finden kann. Mich würde die Lage in der BRD interessieren

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    1. nur

      As salam u aleikum,

      die Lage hier in der BRD ist mindestens genauso prekär – sofern man keine türkische Muslima ist.
      Das soll in keinster Weise falsch verstanden werden, aber als Muslima, die noch dazu höhere Aspirationen hat, als die bloßen vier Wände, die aufgeschlossen für fremde Kulturen und Interesse an gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge hat, die sich nicht nur als Ehefrau und Mutter, sondern auch als Akademikerin verwirklichen will und die den Islam leben und andere lieben lernen lassen will, ist es noch schwieriger, das passende Gegenstück zu finden, als eine Nadel im Heuhaufen. Und als ob die o.g. Kriterien nicht ohnehin schon die Auswahl auf ein Promille-Grädchen reduziert hätte, kommt zu allem Verdruss noch hinzu, dass man eben kein Teil der türkischen Community ist, das einem Nationalität nunmal nicht wichtiger ist, als die islamische Identität und dass man deshalb so gut wie keine Chancen hat, an eine muslimische community (ummah) mehr als nur sozialen Anschluss zu finden.

      So viel zur Lage in der BRD.

      Ich wäre dankbar, wenn mir irgendwann mal jemand das Gegenteil beweisen würde…

      wasalam
      eine weibl. Muslima

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  4. Ali

    Wenn Interesse besteht, kann ich gerne meinen Weg hier in Form eines Gastbeitrages niederschreiben. Es ist schließlich gewünscht, dass man sich als Mann an dem Diskurs beteiligt.

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  5. nur

    Lieber Ali, as salam u aleikum,

    abgesehen davon, dass dein Artikel stellenweise klingt wie die ökonomische Analyse für den Markteintritt eines neuumworbenes Produkt ;)), hast du das Kernproblem teilweise erkannt, wenn du sagst “Es gibt viele kulturelle Normen und Traditionen, die variieren: …”. Diese “kulturellen Normen” sind es gerade, die der Partnerfindung für Muslime im Weg stehen, sie unmöglich machen, erschweren oder sonst obstruieren. Das Problem sind unislamische kulturbedingte Zwänge und Riten, mit denen die junge Generation (zu Recht) nichts zu tun haben will. Solange sich die Älteren nach diesen richten und nicht nach islamischen Kriterien, wird es nur Unheil und Verzweiflung geben.

    Wa salam.

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