GESCHICHSTANBUL

Der Herr neben mir im Zug irgendwo zwischen Hannover und Bremen bearbeitet auf seinem Laptop eine Excel-Liste voller Chemikaliennamen. Perfekt. Hier kommt mein Lieblingsspiel: Beruferaten.

Ich: „Sagen Sie, sind Sie Chemiker?“
Er: „Nein.“ (grinst)
Ich: „Hmm… arbeiten Sie in der Pharma-Industrie?“
Er: „Nein.“
Ich: „Vertreiben Sie Muskelaufbau-Mittel.“ (nachdem ich schielend das Wort „Muskelaufbau“ in der Excel-Liste entdeckte)
Er: „Nein. Soll ich auflösen?“
Ich: „Noch nicht. Bin ich nah dran? Warm oder kalt?“
Er: „Ganz kalt.“
Ich: „Na gut, dann geben Sie mir einen Tipp.“
Er: „Es hat was mit Google zu tun.“
Ich: „Ach, dann haben Sie vielleicht ein Start-Up gegründet…“
Er: „Was ist ein Start-Up?“
Ich: „Ähm ja. Vielleicht… Verbessern Sie Google-Rankings?“
Er: „Richtig, ich bin ein Suchmaschinenoptimierer. Der Job hier ist für ein Muskelaufbau-Produkt.“
Ich: „Cool, ich hab mal jemanden kennengelernt, der auch Suchmaschinenoptimierer ist. Er hatte einen ganz lustigen eigenen Begriff dafür erfunden: Traffic-Schlampe. Kennen Sie den Begriff?“
Er: „Nein.“ (grinst nicht mehr)


***

„Entschuldigen Sie, wissen Sie, wo hier am Flughafen die Laptop-Arbeitsplätze sind?“, frage ich die Dame mit dem streng zurückgebundenen Haar, dem dunkelblauen Rock und Blazer, der weißen Bluse und dem blumigen Seidenschaal um den Hals. Auf Englisch. In Frankreich. Und wage es auch noch auszusprechen, was ich gerade denke: „Ach, Sie arbeiten hier gar nicht?“ Und bevor sie mich mit ihrem erschreckend stechenden Blick und entrüsteten „Mon Dieu!“s ermorden kann, renne ich davon.

***

„Bono von U2 bin ich mal gefahren“, erzählt mir der Dubliner Taxifahrer, „er ist ein furchtbarer Typ, kein guter Mensch. Ich mag ihn nicht.“ Komisch sei es, prominente Menschen auf dem Rücksitz sitzen zu haben und dann festzustellen, dass sie so gut und schlecht seien, wie alle anderen Menschen auch. Die meisten wollten einfach ihre Ruhe, kein Gerede. Andere ließen ihre Arroganz ganz schön raushängen, erzählt er. Irgendwann sprechen wir über den blutigen Teil der jüngeren irischen Geschichte. „Erinnerst du dich an den Taxi-Fahrer eben im Wagen vor uns?“, fragt er. Das sei der Onkel seiner Frau. Er und sein Bruder hätten jahrelang an vorderster Front der IRA mitgekämpft und seien nur knapp dem Tod entkommen. „Ich habe ihnen damals gesagt: Ihr habt eine zweite Chance bekommen. Eine zweite Chance für eure Familie und eure Liebsten.“ Für die Mächtigen sei Politik ein Puppenspiel und der einzelne Mensch nicht einmal eine Puppe wert.

Am Ende einer langen gesprächsreichen Fahrt spielt der Taxifahrer mein Lieblingsspiel, allerdings mit mir. “Lassen Sie mich raten”, sagt er, ,”Sie sind Journalistin, richtig?”

***

Manchmal wird mir meine Neugier zum Verhängnis. Aber nur manchmal, meistens entstehen so nämlich die tollsten Geschichten. Es sind diese kleinen scheinbar unwichtigen Begegnungen, die das Reisen für mich so spannend machen. Das Eintauchen in die Welten anderer Menschen, die man sonst nicht treffen würde, das Träumen in den Farben ihrer Geschichten. Irgendwie irgendwann steht einem ein absoluter Fremder gegenüber, mit dem man Zeit verbringen, Platz teilen und beisammen sein muss. Manchmal läuft’s ganz gut. Manchmal weniger. Aber die Geschichte, die ist es mir wert.

Deshalb sind wir jetzt mal wieder in Istanbul. Dieses Mal wollen wir hier bis Mitte/Ende April wohnen (bevor es wieder zurück nach England geht). In einer Stadt mit mindestens 13.120.596 Geschichten.

PS: Wer auch hier ist oder hier sein wird, kann gerne eine E-Mail schreiben. Dann zwingen wir uns in ein Cafe und ich platze dort dann vor Neugier. :)

7 Comments GESCHICHSTANBUL

    1. Anonymous

      nachträglich habe ich die andere geschichte gelesen. das ist natürlich unschön. hoffentlich war der gleiche typ.

      Reply
  1. Anonymous

    Hoffentlich gelingt es dir in Istanbul aus den vielen tausend Geschichten den wertvollste achtungsvollsten herausfiltern…

    Reply
  2. Anonymous

    Was regen Sie, vereehrte Autorin sich eigentlcih über irgendwelche Leute auf, die sie selber wegen ihres Kopfschmuckes nicht mögen, wenn Sie wildfremde Männer im ZUg einfach aus Lust und Laune beleidigen?

    Reply

thoughts?