ZWEI JAHRE SEIT MARWA EL SHERBINI UND WIR HABEN NICHTS GELERNT?


Wir hatten diese Debatten schon einmal in ähnlicher Form:
Vor zwei Jahren als die Ägypterin Marwa El Sherbini vor Gericht von einem Rassisten erstochen wurde. Da war man auch erst einmal still, paralysiert und viele Medien und Politiker redeten dann ganz schnell am Thema vorbei. Wir sind es halt noch nicht gewohnt, das Kind beim Namen zu nennen: Rassismus. Ganz im Gegenteil, wir sind noch weit davon entfernt. (Darum geht es auch in einer morgigen Kolumne in der taz)


Ein Jahr nach Marwa El Sherbini machte Sarrazin Schlagzeilen, sein Buch “Deutschland schafft sich ab” wurde zu einem Bestseller. Als wäre nie etwas passiert. Denn rechtsradikale Gewalt geht natürlich von verrückten Einzeltätern aus und Rassismus ist nur ein Randproblem von ein paar Nazis, an denen sich einige heulend-maulenden hypersensiblen “Ausländer” stören. Heute erfahren wir von einer rechtsradikalen Terrorszene, die seit einem Jahrzehnt in Deutschland mordet.

Damals schrieb ich in meinem Blogeintrag “Was tun wir jetzt? – Der Fall Marwa” über die Versäumnisse der Politik:

Die Islamaphobie wird von der Mehrheitsgesellschaft und der Bundespolitik nicht als Problem – bzw. gesellschaftlicher Missstand – erkannt.

Weiterhin zitierte ich:

Josef Winkler, der migrationspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, sagte der taz (9. Juli 2009) hierzu, “verkappt islamfeindliche Positionen” seien bis in höchste Regierungskreise verbreitet.
Sevim Dagdelen, migrationspolitische Sprecherin der Linken zum gleichen Thema: “Die Bundesregierung macht den Fehler, Rassismus nur als Problem der extremen Rechten zu sehen. Rassismus reicht aber bis in die Mitte der deutschen Gesellschaft und Übergriffe gehören zum Alltag dieser Republik.”

Ich könnte den gleichen Text in leicht abgeänderter Form heute nochmal bloggen. An Relevanz haben diese Worte nicht verloren. Das ist traurig, ein Armutszeugnis. Also zwei Jahre und keinen Schritt vorwärts?

Nicht ganz. Ich beobachte eine hohe Sensibilisierung und einen sehr selbstbewussten Umgang mit dem Thema Rassismus bei Migranten, Deutschen mit Migrationshintergrund und engagierten autochtonen Deutschen: Keine lethargische Hilfslosigkeit mit flehendem Blick nach “oben” zur Mehrheitsgesellschaft – “Helft uns!” – sondern Souveränität. Mehr und mehr begreifen das Thema tatsächlich als gesamtgesellschaftlichen Missstand, formulieren dies so, wehren sich gegen Marginalisierung und scheuen sich nicht lautstark auf Fehler hinzuweisen. Doch das reicht noch lange nicht:

Wir müssen vor allem in der Mehrheitsgesellschaft einen neuen Umgang mit diesem Thema finden und die Probleme tatsächlich ernst nehmen. Keine Abwiegelungen ala Ministerin Schröder, die jede Diskussionen über Rassismus mit ihrem Superthema “Deutschenfeindlichkeit” zum Erliegen bringt und konstruktive Diskussionen, die zu einem besseren Miteinander in unserer Gesellschaft beitragen könnten mit allen Mitteln verhindert. Zum Beispiel mit ihrer Kürzung von staatlichen Geldern für Anti-Rassismus-Projekte, wie bereits öffentlichkeitswirksam nun diskutiert wurde. (Eine gute Zusammenfassung zu Schröder ist hier zu finden)

Zum Abschluss ein Appell von damals, der mich heute nachdenklich macht:

Wir alle dürfen die Diskussion nicht auf den Fall Marwa E. reduzieren. Marwas Fall hat Diskussionen ausgelöst, die nicht gleich abebben und auf den nächsten Mord warten dürfen. Wir müssen es schaffen, konstant miteinander im Dialog zu bleiben.

Hinweis: Derzeit gibt es in vielen deutschen Städten die Möglichkeit sich zumindest symbolisch durch Rechts aufzustellen – “Schweigen gegen das Schweigen”. Nähere Informationen finden sich auf der Facebook-Seite.

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