TRAVEL

 
Traveling teaches you to give, to love and to move. It makes you give love and move your love. Travels give love to you and move you around the world. Travel. Give. Love. Move.

 I love coming home, relishing the steadiness and then slowly discovering how those stories you’ve heard, people you’ve met, experiences you’ve had, pop up in your mind. Ready to be written down. Or put together in a short film.
I have had been traveling a lot recently, hence the few updates. When my camera got stolen in Berkeley, California (that’s another story…) I had nothing but my iPhone left to capture those beautiful landscapes I was quickly moving by. And to my surprise, it turned out to work quite well.
The two last trips to the US have changed my perception of this country. Leaving the big cities to be with the people, to look behind closed sparkling doors to discover darkness, pain, poverty, discovering strength and determination alongside indulgence.

The beautiful and thoughtful music is “Remembrance” by the minimalist instrumental ensemble Balmorhea from Texas.

MANCHE GEFÜHLE LEBEN NUR IN BESTIMMTEN SPRACHEN

Plötzlich weinte ich.

Es war der Festtagsmorgen, an Bayram. Wir saßen in Oxford am Frühstückstisch, als im Radio eine Sendung über das Bayramfest in Deutschland lief. Der Moderator erzählte von Vätern, die sich auf den Weg in die Moschee machen, von der Aufregung, die zuhause herrscht, die letzten Vorbereitungen für das große Frühstück und die Kinder, die erwartungsvoll um die Geschenktüten herum tanzen. Die vertrauten Geräusche aus dem Radio erfüllten unsere Küche – und ich sah zum ersten Mal die Leere. Die fehlenden Menschen. Meine liebevollen Eltern und Geschwister, meine sentimentalen Großeltern, Tanten und Onkels, Cousinen und Cousins. Die Älteren der Gemeinde, die mich jedes Mal fest an sich drücken und davon erzählen wie ich so war als Kind und wie die Zeit doch vergehe.

Doch eigentlich waren nicht sie abwesend, sondern ich. Ich bin fort, ich lebe im gurbet. Was das ist?

Als ich mich an meinen Schreibtisch setzte und versuchte meine Gefühle in Worte zu fassen, tanzten meine Finger auf der Tastatur. Ich schrieb fließend, ganz natürlich. Erst viel später bemerkte ich, dass ich auf Türkisch geschrieben hatte.

„Es ist merkwürdig“, schrieb eine Freundin, „das Wort ‚gurbet’ lässt sich nicht so einfach in andere Sprachen übersetzen.“ Würde ich gurbet als „das Leben in der Fremde“ übersetzen, würde es niemals ausreichen, um meinem Gegenüber das Gefühl zu beschreiben, dass dieses Wort erzeugt.

Gurbet. Ganz alleine, ohne jeglichen Zusatz kann dieses Wort den Menschen, der gurbet kennt, Erinnerungen hervorrufen lassen, Sehnsucht und Schmerz fühlen lassen, die Wangen nässen. Die türkische Autorin Elif Safak beschreibt es als einen unsichtbaren Splitter unter der Haut, an der Spitze des Fingers. „Willst du ihn entfernen, vergeblich. Versuchst du ihn zu zeigen, ebenso vergeblich. Er wird zu deinem Fleisch, deinen Knochen, ein Teil deines Körpers. Ein Gliedmaß, das sich nicht mehr entfernen lässt, sei es dir noch so fremd, so anders“, schreibt sie.

Gurbet ist eines der vielen Worte, für die ich im Deutschen keine einfache Übersetzung finde. Genauso, wie ich Gedanken im Deutschen in keinen einfachen türkischen Satz fassen kann. Ich will auch mal „doch“ im Türkischen sagen. Ich will die „Herausforderung“ erklären, das „Dasein“ und die „Schadenfreude“. Für jedes einzelne Wort braucht es mehrere Sätze. Nur dann versteht mein Gegenüber, das, was ich dabei fühle.
So leben manche Gefühle nur in bestimmten Sprachen. Sprache öffnet uns die Welt und grenzt uns ein – im gleichen Moment.

„Bir lisan, bir insan. Iki lisan, iki Insan“, lautet ein türkisches Sprichwort: Eine Sprache ist ein Mensch, zwei Sprachen sind zwei Menschen. Folglich sind drei Sprachen, drei Menschen.

Im Deutschen spreche ich viel und schnell. In die Zeit, die man mir gibt, versuche ich so viel unterzubringen, wie nur möglich – denn ich will erzählen, erklären. Deutsch sprudelt aus mir heraus. Ich liebe diese Sprache, mit dessen Worten ich gerne spiele und vor der ich großen Respekt habe.

Im Englischen bin ich ruhiger. Ich rede nicht so eloquent wie im Deutschen, aber da ist es mir auch nicht so wichtig. Ich vertraue auf das, was ich sage, und auf mein Gegenüber, das mit mir denkt. Dort überlasse ich den Gedanken Raum. Und wenn mir mal ein Wort nicht einfällt, erfinde ich einfach eines. Meistens funktioniert’s.

Im Türkischen schreibe ich Gedichte. Im Türkischen bete ich. Im Türkischen weine ich. Es ist die Sprache, die ich als Erstes lernte. Die Sprache, in der ich von meiner Familie geliebt wurde, die Sprache, in der ich das erste Mal weinte, die Sprache, in der ich das erste Mal liebte.

Und so, egal in welcher Sprache ich spreche, es fehlt die andere. Und das ist eine schöne Herausforderung.

Nachtrag

Den türkischen Text “Özlem“, den ich in der Kolumne erwähne, findet ihr hier. Ich möchte mich für die vielen wunderbaren Reaktionen auf den Text bedanken. Diejenigen wissen sicher, dass sie gemeint sind. Danke! Eine möchte ich jedoch namentlich nennen, meine geliebte Canan Abla. Senin sohbetine doyum olmuyor.

ÖZLEM

Basit bir radyo programıydı beni bugün kahvaltıda ağlatan. Beklenmedik bir anda yakaladı o beni. O tanıyamadığım his.

 

Her sabah kahvaltıda eşimle birlikte farklı dillerde radyodan haberleri dinleriz. Almanya ve Mısır’dan sonra Ingiltereye yerleştik, bir senedir Oxford’da yaşıyoruz. Kahvaltıda Alman bir radyo kanalının Türk programında Almanyadaki bayramı anlatıyorlardı. Babaların bayram namazına gitmelerini, evde ailelerin birlikte bayram kahvaltısı hazırlamalarını, börekleri, çörekleri, tatlıları, hediyeleşmeleri, büyüklerin, küçüklerin, herkesin bir arada olmalarını anlatıyorlardı. O eşsiz karmaşayı, sevgiyi ve muhabbeti – benim eşimle beraber o anda mahrum olduğum bir bayram ortamını tasvir ediyorlardı.


Kahvaltı masasında ilk defa o sevdiğim insanların yokluklarını hissettim. Bir ah çektim içimden. „Bizler de bir gün, Allah bizlere çocuklar nasip eylerse, böyle bir ortam sağlayabilir miyiz?“ diye sordum kendime. Tutamadım gözyaşlarımı. Eşim şaşkınlıkla bana baktı. „Özlüyorum“ dedim, bükük bir dudakla. Komik durmuş olmam lazım ki, güldü. Ama haklı, beni öyle tanımıyordu ki. Ben bile kendimi böyle tanımazdım. Gezmekten, dolaşmaktan, dünyayı, farklı insanları, yenilikleri keşfetmekten hoşlanan, meraklı biriyim ben. Ailemi severim, ama her ayrılığında elbette bir sonu olduğunun bilinciyle yaşadığım için, özlem çekmezdim. Aksine ayrılıktan hoşlanır, farklı hazinelerle geri dönüp paylaşmayı severdim. Herkes dünyayı gezsin, herkes bir köşesini görsün, bir dalından tutsun, sonra bir araya gelip birbirimizi zenginleştirelim, dalları toplayalım isterdim. Benim için ayrılık her zaman zenginlik demekti.


Arkadaşlarımı uzaktan severim, devamlı olarak telefonlaşıp, yazışmam. Hemen hemen hiç birini doğum gününde arayıp tebrik etmem. Bana yazmazlarsa gönül koymam. Çünkü sevgi ve muhabbetin tarihlerden ibaret olmadığına inanırım. Ben onları her gün severim, her gün düşünürüm. Aynı zamanda buluşmak için çok çabalarım. Gezerken, onların bulunduğu şehirlerden geçerken muhakkak onları ziyaret edip, onları görmek isterim. Sevgimi o zaman en içten, en doğal ve dürüst haliyle gösteririm onlara. Muhabbetlerine doyamam, zor ayrılırım. Birçok arkadaşımla iki sene hiç görüşmemişimdir, ama kalbimde yerleri halen aynıdır.


Ta ki, bu sabahki kahvaltıya kadar. Continue reading

JEDES MAL IN ZÜRICH.

Jedes Mal, wenn ich in Zürich bin (bisher zwei Mal), besuche ich das Dada Haus, Cabaret Voltaire. Mein derzeit absoluter Lieblingsort in Zürich. Beim ersten Mal 2010 – kurz nach dem Minarettverbot – entdeckte ich beim Verlassen das obere Schild, beim zweiten Mal – Ende 2011 – das untere. Lust’ge Schilder.

Lachen tat ich übrigens oft und unfreiwillig im Zusammenhang mit Zürich.

Denn jedes Mal, wenn ich in Zürich bin (bisher zwei Mal), erlebe ich all die Flugabenteuer, von denen ich sonst nur lese und mir sicher bin, dass sie immer nur anderen geschehen. Mir jedenfalls nicht (von Flugzeugverpassen mal abgesehen oder anderen Begebenheiten wie alte Anzugtragende männliche Sitznachbarn, die vor dem Start des Flugzeugs irritiert durch meine Existenz, drei Reihen nach vorne springen, um dem Realitätsschock zu entgehen).

Beim ersten Mal sollte es von Zürich zurück nach London gehen. Dort schneite es aber, deshalb entschloss sich London City Airport eine halbe Stunde vor unserer Landung unser Flugzeug samt Inhalt (also uns) zurück nach Zürich zu schicken. Als der Kapitän ankündigte, dass wir mitten im Flug kehrt machen würden, war es einen kurzen Moment lang still. Dann lachten wir Fluggäste – bis das Flugzeug tatsächlich in der Luft umdrehte und zurück nach Zürich flog. Umgekehrt! Wegen ein paar weißer lockerer Flocken, die vom Himmel fielen.

So standen wir fünf Stunden später verzweifelt, müde, hungrig und böse an der Riesenschlage am Schalter der Fluggesellschaft, wo man uns endlich ein Hotel für die Nacht zuwies. Als ich irgendwann nach Mitternacht erschöpft und erleichtert meine Hotelzimmer-Tür öffnete, lag ein nackter Mann in meinem Bett. Und schnarchte.

Hysterisch lachend lag ich eine Stunde später im einzigen noch freien und nicht doppelt gebuchten Zimmer des Hotels, dem Raucherzimmer, und versuchte dabei möglichst wenig zu atmen.

Beim zweiten Mal raste ich zum Irrgarten-Flughafen Heathrow, suchte den CheckIn-Shalter und hielt dem Boden-Steward meinen Pass hin.
“Which flight?”, fragte er.
- “20.30 to Zurich.”
“That flight’s been cancelled, Ma’am.”
- “… ”
Wie bitte?. Jajaja, die lust’gen Schweizer Firmenmitarbeiter! Lachend fragte ich:
“You must be kidding, right?”
- “No, why would I?”

BILD DIR DEINE MEINUNG ÜBER DIEKMANN

Man achte auf den Notausgang. So nett, wie auf dem Bild, waren wir nicht zueinander.

Kai Diekmann, Bild-Chef. Der Typ ist einfach mal erfahren, irre abgebrüht und kumpelhaft. So wie der Böse in der Klasse, den man halt mögen muss. Viele aus Angst, die meisten aber, weil sie nicht wirklich glauben wollen, dass er böse ist. Aalglatt ist er. Doch unter der dicken Schicht Haarschaum verbirgt sich eine krause Lockenmähne. So glatt ist er dann doch nicht.

Am Dienstag war Diekmann in die German Society der Universität Oxford eingeladen. Der Saal ist voll. Und die erste Überraschung erleben wir gleich beim Eintreten: Neuerdings trägt Diekmann einen Bart zu seiner Hornbrille – um sich, etwas spät, von Guttenberg abzusetzen? Der Chef des Boulevard-Blatts, das unter anderem für seine Schlagzeilen berüchtigt ist, haute an diesem Abend eine Schlagzeile nach der anderen raus.

Seine Rede über Zeitungsmarkt, Internet, Verantwortung und Bild, Bild, Bild beginnt er mit den Worten: “Meine Damen und Herren, ich stelle fest. Volker Kauder hat Recht. In Europa wird Deutsch gesprochen, auch in Oxford.” (Anlehnung an
diese Aussage) Es ist klar: Wir sollen heute mehr lachen und weniger denken.

Bild ist mächtig. Das weiß Diekmann, er sagt es aber nicht an diesem Abend. Sondern behauptet eher, die Bild-Zeitung zeige wie Deutschland ticke. “Nicht andersherum”, frage ich? Um das Wort “Macht” macht er also einen grossen Bogen, redet aber eigentlich den ganzen Abend nur darüber:

Dem Zeitungsmarkt gehe es schlecht, Auflagen sinkten – nur die Bild nicht! “Wir haben 45% Marktanteil an verkauften Zeitungen am Kiosk”, sagt Diekmann nicht ohne Stolz. Fast jede zweite Zeitung, die über den Tresen wandert, ist also die Bild. Und selbst Online sei Bild das meist besuchte “Nachrichtenportal”, noch vor SpiegelOnline.

Fernsehen sei fragmentiert, es gebe keine nationalen Gemeinschaftserlebnisse mehr, wie etwa vor zwanzig Jahren: “Wenn ich in der Schule meine Freunde fragte, wie sie gestern Abend Dalli Dalli fanden, dann konnte ich sichergehen, dass spätestens der Zweite die Sendung auch gesehen hatte.” Fernsehen ist kein Gemeinschaftsmedium mehr – aber die Bild schon! Nach dem Ende von “Wetten, dass” wird die Bild – so Diekmann – das letzte Medium sein, das derart bündelt und die Nation “zusammenhält.”

“Bild”, die letzte deutsche Hoffnung also. Das sei eine “grosse Verantwortung”, sagt Diekmann. Apropos:

Wie halten Sie es mit der Verantwortung, Herr Diekmann? Es folgen eine Reihe von Beispielen, bei denen Bild vorbildlich agiert habe (zum Beispiel die Nicht-Berichterstattung über Bürger, die in Scharen ihr Geld von den Banken abheben, um damit eine Panikwelle und also eine Finanzkrise zu verhinden). Egal welche Frage, welche Kritik: Die Bild hat aber auch diese und jene gute Sache gemacht, so schlimm kann sie dann ja eigentlich nicht sein.

Volksverdummung? Aber die Bild stellt doch jedes Jahr einen zeitgenössischen Künstler ganzseitig vor und lässt ihn die Seite gestalten. Und zu 9/11 gab es eine ganze vollgeschriebene Seite, die “ich bis heute nicht verstanden habe”, so Diekmann.

Rassimus und stereotypisierende Darstellung? Aber die Bild hat doch die Kooperation mit der türkisch Boulevard-Zeitung Hürriyet, zu dem 50. Jubiläum zum Anwerbeabkommen hat die Bild doch jeden Tag erfolgreiche Türken vorgestellt und ausserdem schreibt jede Woche ein türkischer Kolumnist im Blatt – als ob türkisch-stämmige Kolumnisten DIE Erfindung des Jahres wären. Als ob der jüdische Nachbar von Antisemitismus befreit.

Herr Diekmann, Ausnahmen bestätigen die Regel. Und ihre Beispiele sind nichts mehr als Ausnahmen. Übrigens, als ich auf Ihre “Türkenfreundlichkeit” erwiderte, wie es denn komme, dass Sie die Namen deutscher Täter zu türkischen änderten, wiegelten Sie ab. Das stimme nicht. Nun hab ich den Bildblog-Eintrag rausgekramt und entdecke zudem, dass die “Bild” für die diskriminierende Namenswahl vom Deutschen Presserat gerügt worden ist. Lesen Sie hier – schicke ich Ihnen aber auch gerne per Mail zu.
Vermutlich antworten Sie jetzt wieder: “Wo gearbeitet wird, werden auch Fehler gemacht.”

Anzeigenjournalismus? Unbestechlich sei die Bild in diesem Zusammenhang. Einmal habe eine Auto-Firma bei der Anzeige gebeten, auf der Seite keine Unfälle zu veröffentlichen. Diekmann: “An dem Tag habe ich alle Unfälle, die ich finden konnte, um die Anzeige herum veröffentlicht.”

Der Saal lacht. Diekmann hat es geschafft. Er ist der sympathische Böse, der Freche. Er rühmt sich als “Hauptarbeitgeber des deutschen Presserates” und findet das cool, weil er anschliessend all jene Beschwerden aufzählt, die der allgemeinen Belustigung dienen. So wie der Deutschlehrer, der sich über die “Wir sind Papst”-Schlagzeile (as Ratzinger Papst wurde) beschwerte, da dieser Satz 1. grammatikalisch falsch und 2. auch inhaltlich nicht wahrheitsgemäss sei, da ja nicht alle Deutschen Papst seien.

Ja, lustig. Aber darum geht es nicht. Trotzdem ist der Abend gespickt mit vielen cleveren Bild-Schlagzeilen, belanglosem Smalltalk-Wissen (“1955 war die Lieblingsbeschäftigung der Mehrheit der Deutschen aus dem Fenster zu schauen, heute ist sie Fernsehen”) und natürlich Belustigungen auf Kosten anderer: Zum Beispiel liest uns Diekmann die Übersetzung der Miss South Carolina-Antwort auf die Frage, warum jeder fünfte Amerikaner die USA auf der Weltkarte finden könne, vor. Im Saal lachte aber kaum jemand. Nicht weil Oxford-Studenten von Schadenfreude-Voyeurismus ausgenommen wären, sondern weil alle das Video schon gesehen hatten (bei knapp 53 Mio. Klicks kein Wunder…).

Die letzte halbe Stunde des Abends füllt Diekmann übrigens mit Lobeshymnen auf die Taz. Die “andere Boulevardzeitung”, weil sie so tolle Titelseiten haben (Als Merkel erste Bundeskanzlerin wird titelt die Bild “Miss Germany”, die taz “Es ist ein Mädchen”.). (Mehr über den Taz-Bild-Schlagabtausch
hier.) Das macht er klug und raffiniert. Indem er von der Boulevardisierung der traditionellen Blätter wie FAZ und Süddeutsche erzählt, rühmt er sich, die Bild. Bild, Süddeutsche, FAZ, Taz – alle in der gleichen Kategorie. Nur die Bild kann in dieser Reihe gewinnen als der erfolgreiche und bewusst anstossende Vordenker. Klar.

Dabei ist doch nun auch wissenschaftlich bewiesen, dass die
Bild gar keine Zeitung ist.

Schade, Herr Diekmann, dass Sie so furchtbar gut herumreden, zutexten und witzeln können. Das macht es schwer, Sie nicht zu mögen:

Bildcredit:blog.druckerey.de

Auf Facebook und Twitter sammelte ich Fragen an Diekmann. Hier einige Antworten, die nicht oben in den Text eingebaut sind.

Barabara, die Fritzl-Familienbilder hat er nicht, meint er. Dianas Unfallbilder übrigens auch nicht. Und Fabs, er verwendet kein Gel, sondern Haarschaum. Yasemin: Zu ihrer Meinung komme die Bild-Redaktion durch Diskussionen. Mehr war – trotz beharrlicher Nachfragen eines Zuhörers – nicht herauszukriegen.

Auf meine Frage, für wie dumm er die deutsche Gesellschaft halte, bekam ich übrigens auch keine abschliessende Antwort. Aber wenn Taten sprechen, braucht man ja keine Worte vergeuden.

HAUBENRENNEN

Das sind die Herzballons mit Glückwünschen unserer Freunde auf dem Weg in den Himmel.

Und hier ein unveröffentlichter Text aus meiner Single-Zeit. Meine Güte, wie die Zeit rennt.

Es ist Samstagmorgen, die Vögel zwitschern. Die Sonne scheint durch das WG-Fenster. Ich wache glücklich auf. Gestern hat die stressige Uni-Prüfungszeit endlich ihr Ende gefunden. Yey! Um das zu Feiern versammelten wir uns mit Freunden im WG-eigenen Garten. Ich kochte ganz viel Essen mit echtem (!) Gemüse. Und wir tranken marokkanischen Tee mit frisch gepflückten Minzblättern. So entspannt, so stressfrei. Heute Morgen habe ich eigentlich allen Grund glücklich zu sein. Aber man soll den Tag bekanntlich nicht vor dem Abend loben.

Auf meinem Weg ins Bad werde ich von meinen Mitbewohnerinnen aufgehalten. „Kübra, schau! Arzus Cousine hat geheiratet“, rufen sie. Oh nein. Ich sehe es kommen. Das wird ein langer Morgen. Ich lasse mich also ins Zimmer zerren und erblicke vier junge Mädchen in Pyjama, um die Zwanzig, die vor dem Laptop hocken und Hochzeitsbilder analysieren. Serra, mit 19 die Jüngste und Kleinste in unserer Runde, gibt eine detaillierte Kritik des Brautkleides zum Besten. Das kann sie, das quirlig, selbstbewusste Mädchen ist schließlich Expertin. Ihr Verlobungskleid hat sie bereits ausgesucht, das Hochzeitskleid sowieso. Die Band auch. Karmate aus der türkischen Schwarzmeerregion soll es werden. Eigentlich ist alles vorbereitet, nur der passende Mann fehlt. (Den Front-Sänger in Karmate findet sie verdächtig toll.)

Den will Serra in fünf Jahren kennenlernen, nachdem sie idealerweise ihren Master in Harvard beendet hat und zur Promotion nach Oxford zieht. Sie hat Träume, sie ist ambitioniert. Genau wie ihre Hochzeit sind nämlich auch die nächsten zehn Jahre ihrer Karriere bis ins letzte Detail verplant. Ihr Zukünftiger soll ein junger, praktizierender Muslim, intelligent und voller Energie sein. Und wenn sie ihn trifft, dann will sie um seine Hand anhalten. Warum nicht? Khadijah, die erste Frau des Propheten Muhammed, hatte es ja auch so gemacht.

Mittlerweile haben sich meine Mitbewohnerinnen vor dem Laptop darauf geeinigt, dass das Make Up okay, die Braut selber hübsch, das Brautkleid aber ein Desaster ist. Wow, das ging schnell. Meine Mitbewohnerinnen werden immer professioneller – es gibt aber in letzter Zeit unheimlich viele Hochzeiten zu analysieren. Gefühlte hundert Freundinnen haben sich verliebt, verlobt und geheiratet.

Erst vor einigen Tagen ging das Gekreische an der Uni los, als eine äthiopische Freundin ihren Verlobungsring hochhielt – ihr Freund hatte ihr einen romantischen Antrag in einem Schloss in der Nähe von London gemacht. Und meine beste Uni-Freundin gestand mir, dass sie endlich Mr. Right gefunden habe – auf einer muslimischen Partnervermittlungsseite. Ach ja, einer anderen Freundin hatten die Eltern letzten Sommer „zufällig“ jemanden vorgestellt. Seit zwei Monaten sind die beiden nun glücklich verheiratet und ziehen durch die Welt. Meine Güte. Alle rennen unter die Haube. Ist denn da so viel Platz?

Ich bin irritiert. Manche sagen mir, dass es doch noch viel zu früh ist, um über das Heiraten überhaupt nachzudenken – „Du bist doch erst 21!“ – und andere geben mir zu verstehen, dass ich mich beeilen sollte. „Als ich so alt war wie du, dachte ich auch, dass ich noch ewig Zeit hätte. Aber glaub mir, kaum dass du dich versiehst bist du 30. Und dann gefällt dir kein Mann mehr.“ Ach, das stresst mich alles so. Ich will doch nur meinen ersten Prüfungs-freien Tag genießen. Ist das zuviel verlangt? Und wenn ich jemanden kennenlerne, dann lerne ich halt jemanden kennen. Basta. Wie das alles genau ablaufen soll, weiß ich auch nicht. Aber das weiß man eh nie vorher.

Ich stehe auf und gehe ins Bad. Einige Minuten später bin ich aber wieder draußen im Flur. Grinsend und mit der Zahnbürste im Mund beobachte ich meine geliebten Mitbewohnerinnen: Sie tanzen in Pyjama und mit zerzausten Haaren an einem Samstagmorgen einen türkischen Volkstanz zu türkischer Volksmusik, die das Haus beben lässt. Ich glaube, da baut jemand Stress ab.

KÜNSTLICHE IDENTITÄT

Das Leben in London empfand ich in vielerlei Hinsicht inspirierend. Vor allem aber den künstlerisch spielerischen Umgang mit der Identität. Die überwältigende Größe der Stadt und die Anonymität des Alltags gibt den Menschen die Möglichkeit sich frei von gesellschaftlichen Zwängen neu zu erfinden und zu erproben. Nur die Wenigsten nehmen diese Möglichkeit wahr, aber die Wenigen kosten diese Möglichkeit in vollen Zügen aus.

An der Mode kann man diese Beobachtung festmachen. Beim Einkaufen schlenderte ich an Damen mit Ballonröcken und Männern in Windeln vorbei. Perfekt frisierte Jungshaare neben kahlrasierten Frauenhinterköpfen. Manche Gestalten stehen einfach nur da an der Straßenecke und sehen gut aus – in der Hoffnung, ein Modeblogger möge sie entdecken. Das Gesehen-werden-Wollen, der modische Schrei nach Aufmerksamkeit, gehört auch zu dieser Identitätsfindung. Erst eine Identität, die wahrgenommen und rezipiert wird, bestätigt den Menschen in seiner Identität.

Heute stieß ich auf den Künstler Ah Xia. Seine “China, China”-Reihe zeigt Skulpturen von Chinesen aus Porzellan (engl.: China). Sehr inspirierend.




Ah Xias Skulpturen erinnern mich an eine türkisch-spanische Künstlerin, die meine Freundin Mona und ich in einer Londoner Gallerie entdeckten. (Ihr Name ist mir leider entfallen) Eine sehr interessante Person.



Die beiden Porzellanfiguren hat sie mit “Identity I” und “Identity II” betitelt. Sie beschreibt die multiplen Identitäten, die die Künstlerin innehat. Das blaue Muster der rechten Figur ist traditionell türkisches Tulpenmuster und symbolisiert ihre türkische Identität.

Mein Freundeskreis in London war sehr bunt, anders und gegenteilig. Wir hatten oft nicht viel gemeinsam. Mindestens aber immer: Die Identitäten.

DIESE KETTE IST VERBOTEN. UND DIESE SCHUHE. UND DIESE MUSIK. UND….

pimp your myspace at Gickr.comWeißt du, vor zwei Jahren hätte ich mit Leuten wie dir nicht einmal geredet”, sagt Shahjehan zu mir. Er ist dünn, verschwitzt und seine Augen sind müde. Wir sitzen im Backstage-Bereich eines Konzertsaals in London. Er hat gerade eine großartige Show beendet. Shahjehan ist Gitarrist der pakistanisch-amerikanischen Punk-Band “The Kominas”. Und muslimisch. “Mit euch wollte ich nichts zu tun haben”, sagt er und meint praktizierende Muslime.

Er war voller Wut auf die Community, er trank viel, nahm Drogen. Er zerstörte sich. Nun ist er trocken, sein Glaube gibt ihm Halt. Als Punkmusiker aber wollen ihm andere Muslime seinen Glauben absprechen. Ein guter Muslim dürfe keine solche Musik machen, schon gar nicht Punk-Musik. “Ich bin kein perfekter Muslim. Ich bin kein guter Muslim. Aber das geht niemanden etwas an”, sagt er und ich spüre seine Wut von vor zwei Jahren, als er mit mir noch nicht geredet hätte.

***

Meine Mutter und ich besuchen eine der schönsten Londoner Moscheen. Es ist Zeit für das Mittagsgebet, wir machen uns bereit. Als wir den Gebetsraum der Frauen betreten, schaut mich eine Frau prüfend an. “Die Kette muss ab, Schwester”, sagt sie schließlich und deutet auf meine Lieblingskette mit den großen Steinen. “Haram”, also strengstens verboten, fügt sie hinzu.

Wir haben keine Lust auf eine Diskussion, also nehme ich die Kette ab – obwohl die Frau weder Autorität noch irgendeine Funktion in dieser Moschee besitzt. In wenigen Minuten fängt das Gebet an, wir haben uns hingestellt. Urplötzlich steht die Frau wieder hinter uns und tippt meiner Mutter auf die Schulter. Sie hat die Pumps meiner Mutter aus dem Schuhregal herausgesucht und hält sie nun hoch. “Haram!”, sagt sie laut und deutet dabei auf das eingenähte Steinchen an der Rückseite des Schuhs.

***

“Salam, Schwester!”, ruft Aisha und umarmt mich herzlich. Noch bevor ich den Gruß erwidern kann, fängt sie an wie ein Wasserfall zu reden. Sie habe gehört, ich käme aus der Türkei. Ihr Bruder lebe und studiere Medizin in Ankara, der Hauptstadt. Ankara sei so eine tolle Stadt. Und Istanbul erst. Letztes Jahr, da habe sie … Sie spricht und spricht. Sie ist selbstbewusst und lustig. Sie redet von Mode, Kunst und Politik. Sie ist eine schwarze Britin und Studentin an meiner Londoner Universität. Und außerdem ist sie von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, nur ihre Augen kann man sehen. Aisha trägt ein Niqab.

***

Imran steht vor der Bühne und hört einer Band bei der Probe zu. Als ein neues Lied angestimmt wird, wippt er mit dem Oberkörper mit, sein dichtes schwarzes Haar schwingt hin und her. Er ist ganz vertieft in die Musik, seine Augen sind geschlossen. Mit imaginären Trommelstöcken schlägt er in der Luft, wie Shahjehan spielt er bei “The Kominas”, er ist der Schlagzeuger. Plötzlich dreht er sich zu mir um, springt über zwei Sitzreihen, setzt sich neben mich und sagt: “Das ist mein Lieblingslied! Das Lied handelt von dem Gefährten unseres Propheten, Hazrati Ali.”

taz, Tuch-Kolumne 29.09.2010

DEM SONNENUNTERGANG ENTGEGEN



Schon den ganzen Tag grummelt mein Bauch. Es ist Fastenzeit und ich sitze im Flugzeug von London nach Hamburg. Eigentlich brauchen Reisende nicht fasten – aber der kurze Flug ist keine beschwerliche Reise. Deshalb faste ich trotzdem. Gleich wird die Sonne untergehen und ich werde essen dürfen. Mein Sandwich liegt auf dem Klapptisch bereit.

Ich werde ganz ungeduldig und beobachte durch das Flugzeugfenster den heißersehnten Sonnenuntergang. Ein älteres britisches Pärchen sitzt neben mir und schaut mir interessiert zu. Wir lächeln. Als ich mich wieder vorbeuge, um durch das Fenster zu schauen, beugt sich auch der ältere Herr vor. Andere Mitreisende tun es ihm nach und schauen ebenfalls aus dem Fenster. Irgendetwas Ungewöhnliches muss es da draußen ja geben.

Gibt es aber nicht. Nur Sonne und ein bisschen Wolke. Ich spüre die vielen Blicke, eine ganz unangenehme Spannung liegt in der Luft. Argh. Stress. Am Liebsten würde ich jetzt aufstehen, die Stewardess um eine Minute am Bordmikro bitten und den Passagieren erklären, dass ich als fastende Muslima erst ab Sonnenuntergang essen darf und deshalb ständig aus dem Fenster starre. Dann würden alle „aha“ und „achso“ machen. Sie würden zustimmend herumnicken. Jemand würde vielleicht eine Frage stellen. Ich würde antworten und zum Abschluss würden wir ein bisschen lachen. Und die unerträgliche Spannung wäre schwuppdiwups verschwunden. Ich stehe aber nicht auf und fragen tut auch keiner.

Dabei wünsche ich mir in solchen Situationen ganz oft, man würde mich einfach mal fragen. So wie damals, als ich gerade auf der Uni-Toilette meine Gebetswaschung machte und ein Mädchen mich mit einem Fuß im Waschbecken erwischte. Wir beide waren uns der Abnormität der Situation sehr wohl bewusst. Trotzdem ignorierten wir das eben Geschehene. Das macht man meistens so, wenn einem etwas Peinliches passiert. Zum Beispiel wenn jemand einen Fahren lässt. Aber weil die Waschung ja eigentlich nichts Peinliches ist, wünschte ich mir innerlich sehr, sie würde mich fragen, was ich tue. So könnte ich mich erklären. Uneigentlich ist das Ganze halt aber schon peinlich. Und deshalb fragte sie nicht.

Oder als ich in einem Londoner Park mit zwei Freundinnen beten wollte. Es war fast schon dunkel. Wenn wir jetzt nicht beteten, würden wir das Gebet verpassen. Also stellten sich meine Freundinnen hin und beteten auf dem Gras. Ich sorgte mich aber darum, was die Passanten bei unserem Anblick denken würden. Darum (und weil ich mich unter Beobachtung nicht auf das Gebet konzentrieren kann) beschloss ich im Sitzen zu beten. Das heißt: Ich saß auf der Bank, Hände auf den Knien, rezitierte aus dem Kuran und beugte mich ein bisschen vor und zurück. Ganz unauffällig.

Ha! Falsch gedacht. Meine in normaler Position betenden Freundinnen boten den Passanten ein vertrautes Bild von betenden Muslimen; das wippend mit sich selbst sprechende Mädchen auf der Bank hingegen – das musste verrückt sein. Konzentration: Ade! Uneigentliche Peinlichkeit: Hallo!

So sitze ich also im Flugzeug und habe ein Grummeln im Magen. Mittlerweile aber nicht wegen der Leere sondern vor lauter Erklärungswut im Bauch. Grimmig schaue ich ein letztes Mal aus dem Fenster. Die Sonne ist endlich untergegangen. Da sagt der ältere britische Herr zu mir: „Ich glaube, es ist jetzt so weit.“

taz, Tuch-Kolumne, 18.08.2010


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GARTEN MIT CHILLI

Das sind nicht alle

Pfercht man eine britische Amerikanerin, eine amerikanische Bengalin, eine indische Kenyanerin, eine pakistanische Britin, eine britische Nigerianerin und mich in einen wunderschönen Londoner Garten, dann philo-diskutieren wir über Identitätsprobleme, Schuldkomplexe, Täterpsychologie, Radikalisierung und die Evolutionstheorie. Wir laufen barfuß und klettern auf Bäume. Oder liegen im Gras und üben Kanga-Bindetechniken. Und am Ende des Tages geben wir unser Essen Obdachlosen, um dann in der Bahn erschrocken zu erinnern, dass das verschenkte Gericht nicht nur scharf gewürzt, sondern auch in XXL-hot-Chilli-Soße getunkt war.

(Ich lächle hier gezwungen und unecht.
Das hat den Grund, dass die Sonne volle Kanne auf mein Gesicht prallte
und ich die Augen gerade so noch aufbekam.)