NATIONS ARE OUT

Birte und ich redeten über Kulturen und sprachen aus, was wir schon immer dachten: Denken in Nationalkategorien ist out. (Besonders Birte, sie besucht ein Seminar zu diesem Thema. Titel ist mir entfallen, werde ich nachtragen.)

Kulturen sind nicht nationengebunden. Die Geheimsprache zwischen zwei Kindern kann schon eine Kultur sein, erklärte mir Birte. Kultur kann eine bestimmte Lebenseinstellung sein. So kann ein Däne mit einer bestimmten Lebenseinstellung einem Mexikaner näher sein, als seinen Landsmännern und -frauen. Diese Lebenseinstellung kann aus Religion, Musik, Kunst, Ideologie und jegliche Art von Vorliebe bestehen. Und diese Lebenseinstellung, die kulturell ausgelebt wird, kann nationenübergreifend verbinden.

Mit diesem Gedanken kann ich gut leben. Sie befreit mich von der Frage, ob ich deutsch, türkisch oder sonst was bin. Ich bin ich, mit meiner Kultur, meiner Lebenseinstellung und meinen Vorlieben. Damit erklärt sich mir auch, warum ich mich im Ausland eher zu der politisch interessierten Tschechin und der künstlerischen Algerierin geselle, als zu dem türkischen Snob oder der deutschen Metzgerin.
Denken in Nationalkategorien ist also out.

Und Nationalisten? Da kann ich nur wiederholen, was ich hier schonmal schrieb. Menschen denken nationalistisch, wenn sie nichts anderes haben, woran sie sich orientieren können, denke ich.
Ausnahmen bestätigen – wie immer – die Regel.

EMEL, DUSSELDORF, NYT UND FREMDGEHEN

Jetzt, wo der Hausarbeitenstress beendet ist, Dinge, die in meinem Kopf herumschwirrten:

EMEL 50th ISSUE
Das muslimische Lifestyle Magazin aus London hat nun ihre Golden-Edition herausgebracht, weil 50. Ausgabe. Und ich war dabei! Aber: Meine Lieblingskolumnistin hört auf. Weil: Thema der Kolumne war das aufregend chaotische Singledasein in orientalischer Kultur (also Heiratskandidaten, die plötzlich neben Mama und Papa auf der Wohnzimmercoach sitzen; arrangierte Dates von Mama und ihren Freundinnen; arrangierte Dates von den eigenen Freundinnen; muslimisches Speed-Dating (Ja, das gibt es!!)) Und da sie nun endlich Mr. Perfect gefunden hat, findet mit dem Singelsein auch die Kolumne ihr Ende.
In der Reportage „Celebrating Best of Britian“ werden random Muslime im Arbeitsalltag vorgestellt – vom British Airways-Piloten über die Polizistin bis hin zur Kopftuchtragenden Lehrerin.

Wo wir beim nächsten Thema wären: (Achtung Ironie)

In Düsseldorf sind Baskenmützen verboten. Jedenfalls dann, wenn man muslimische Lehrerin ist und die Baskenmütze als Surrogat für das Kopftuch verwendet. Deutschland ist nämlich ein Land, in dem Staat und Kirche strikt getrennt werden. Und weil wir konsequent sind, bleiben die Nonne und das Kreuz im Klassenzimmer, das Kopftuch und das ultimative Symbol der Unterdrückung, die Baskenmütze, müssen draußen bleiben.
Nachtrag: Hier schrieb man auch schon zu diesem Thema.

Ich hatte Collin Powell schon mal zitiert. Er sagte: „Is there something wrong with some seven-year-old Muslim-Amercian kid believing that he or she could be president?“
Und ich frage: Is there something wrong with some seven-year-old Muslim-German girl believing that she could be a teacher? Obviously yes in Dusseldorf.

Apropos Muslim-Americans:
Die New York Times schrieb diesen sehr interessanten Artikel und drückte damit aus, was ich fühlte, aber nicht aussprach.

Und sonst:
Ich habe überlegt umzuziehen. Nach WordPress. Weil ich auch so eine Tagwolke haben will. Nach ein bisschen Herumschnüffeln, ging ich fremd. Doch ich bereue, denn mein aktuelles Layout ist doch ganz schniecke. Nur mein Adresse finde ich zu lang. Was kann ich tun? Wer kann mir helfen?


SAMSTAGMORGEN 9UHR

Heute bei der Samstagmorgen-Lektüre des Cicero habe ich mich so richtig willkommen gefühlt.

Ganz entspannt las ich die Novemberausgabe des Cicero zu Ende und entdeckte auf der vorletzten Seite eine Anzeige. Nicht irgendeine sondern diese hier. Ausgerechnet im Cicero – „Magazin für politische Kultur“ – von der ich mehr Seriösität auch in der Anzeigenakquise erwartet hätte.
Einfach nur peinlich und furchtbar enttäuschend. Toll.

Nachtrag: Und ich konnte es mal wieder nicht lassen, gleich herumzurecherchieren und weiterzulesen. Auf fürchterlichen Webseiten bin ich gelandet. Alle Einwanderer sind Muslime, alle Muslime sind Einwanderer – das ist nur das Grundgerüst ihres schrecklichen Schubladendenkens.

Nach-Nachtrag: Ich werde mein Cicero-Abo kündigen…

Nach-Nach-Nachtrag: Hiermit geschehen.

RÄTSEL

So. Das ist ein Plakat der NPD-Bayern.
Ich mecker ja nicht gerne, aber jetzt muss ich Klartext reden:

Die Farbauswahl schwarz, rot, weiß, zeugt einfach von geringer Qualität – selbst Schülerzeitungen können sich heutzutage Mehrfarbdruck leisten.

Das Layout ist eindeutig von der BILD-Zeitung abgekuckt. Abgesehen von den rechtlichen Problemen, die der NPD damit bevorsteht, ist das inkriminent gegenüber dem Plakat-Schauer. Anspruchslosigkeit wird ihm damit indirekt vorgeworfen. Unglaublich. Ich fühle mich jetzt angegriffen.

Dann zu der Zeichnung selber: Perspektivisch null. Die Figur im Vordergrund müsste ja auf dem Teppich fliegen, so komisch sitzt sie auf dem Teppich. Und der Teppich ist rechts hinten so merkwürdig nach oben gebogen. Möglicherweise hat dies einen tieferen, künstlerischen Sinn – mir bleibt dies trotzdem rätselhaft. Mir will sich auch nicht erschließen, warum die Figuren auf einem Teppich sitzen und „heimfliegen“. Teppiche können doch nicht fliegen, bei uns auf der Erde jedenfalls nicht. Aber vielleicht sieht es hinter dem Mond, bei der NPD, anders aus. Doch, doch, dort können Teppiche bestimmt fliegen.

Trotzdem: Hinter der dritten Person auf dem Teppich ist eine seltsame schwarze Figur. Wen oder was soll diese Figur darstellen?

Überhaupt bleibt mir der Sinn des Plakats verschlossen: Warum fliegt die NPD nach Hause? Und seit wann tragen die bei der NPD Kopftücher und Turbane – oder wollen sie die Heiligen drei Könige darstellen? Mit Maria in der Mitte?

Liebe NPD, wie soll ich dich wählen, wenn du so rätselhafte Plakate aufstellst?

Bildquelle: http://de.altermedia.info

NATIONAL IRGENDWAS

„Don’t be proud of anything you couldn’t influence“ ist eine meiner Standardfloskeln.„But what if you don’t have anything else to be proud of?“ frage ich mich nun. Gedankensplitter.stolz2In der Süddeutschen vom Mittwoch las ich einen Artikel über junge nationalistische Deutschtürken, die schon in dritter Generation hier leben, sich nicht integrieren konnten und sich nun in ihren türkischen Nationalstolz flüchten. Ein klitzekleiner Anteil der hier lebenden Deutschtürken/Türken/Türkdeutschen fühlen so. Leider kenne ich einige, die sich genau so fühlen wie im Artikel beschrieben.

 

Die, denen ich begegnet bin, waren oder sind frustiert von der deutschen Gesellschaft. Sie haben viel getan, um sich zu integrieren, aber haben immer und immer diesen Unterschied zwischen sich und den anderen gespürt. Auch ich fühle mich manchmal wie ein Gast, der sich aufdrängt – zum Beispiel wenn Dinge geschehen, wie in diesem Post. Aber ich würde mich deshalb niemals auf das Türkentum berufen. Vielleicht deshalb nicht, weil ich meine Religion habe? Meine Religion, so habe ich den Eindruck, löst mich vom Nationalitätsgedanken. Hautfarbe, Herkunft – whatever. Vor Gott bist du gleich.
 
Außerdem besteht zwischen der Religion und der Nationalität ein gravierender Unterschied: Einen Glauben kann man sich aussuchen, die Herkunft nicht.
 
Wer also keinen Glauben hat, der klammert sich an seine Herkunft, weil er nichts anderes zum Klammern hat?

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Man kann es sich aber auch einfacher machen. Meine Mutter sagte immer (auf Türkisch) „Halte deinen Stolz stets unter deinen Füßen“. Soll heißen:
You don’t need to be proud of anything!

Der Artikel in der Süddeutschen, hier.

DELUXE HAARE

„Irgendwann erzählte mir meine Großmutter, dass sie mir als Kind jeden Abend ganz lange die Haare streichelte – damit sie nicht kraus werden.“

Eine Anekdote aus dem Leben eines Deutsch-Sudanesen, der mit weißer Großmutter, weißer Mutter, weißem Stiefvater und weißer Steifschwester im Bonzenviertel Eppendorf der einzige Schwarze weit und breit war. Die Großmutter, in Nazi-Deutschland aufgewachsen, kürte den Jungen zum Lieblingsenkelkind.
Die abendlichen Haarestreicheleinheiten sind vorbei: Das Lieblingsenkelkind hat heute tatsächlich glattes Haar und ist bekannt unter dem Künstlernamen Samy Deluxe.

Zu sehen in Gangster-Pose: Oign (hinter der Kamera), sein Bruder Ahläx, ich, Sämi Delühks und Ex-Freihafen-Chefköchin Miehrte.

Für die taz führte ich ein Interview mit ihm. Lesen? Hier.

DIE SONNE IST SCHULD

1.Mai_1
1. Mai in Hamburg 2008, Bild von Evgeny Makarov

Die Sonnenbrille, wo ist sie nur? Die UV-Wellen prallten voll auf mein Gesicht und verwehrten mir den Blick auf die andere Straßenseite. Kaum hatte ich sie tief in meiner Tasche gefunden, da sprang das Ampelmännchen auf grün. Mir radelte eine etwas ältere, bonzige Dame entgegen. Bonzig, weil klischeehaft: Polo-Shirt, pinker Pullover über die Schultern geworfen und vorne lässig-reich zugeknotet, Perlenkette am Hals und -stecker an Ohren. Da fiel ich aus allen Wolken, als sie tatsächlich mitten auf der Straße stehen blieb, den Fuß absetzte, mir „Schleiereule“ zurief und eiligst davon fuhr. Ich war wirklich so baff, dass mir (!) die Worte fehlten. Was war geschehen, mitten in Hamburg, der Metropole, der weltoffenen Stadt, dem „Tor zur Welt“?

1. Mai 2008, überall Sonnenschein, überall blitzte das Sonnenlicht. Kein Wunder, Glatzköpfe reflektieren besonders gut und davon waren heute sehr viele in Hamburg: Der Naziaufmarsch in Hamburg, Barmbek.
Mit zwei Fotografen aus der FREIHAFEN-Redaktion, Oign und Andi, und dank Presseausweis waren wir durch die Polizeiabsperrung direkt zu den Springstieflern gegangen, ich wollte sie nämlich interviewen. Ich hab dann leider gekniffen und ihnen dafür aber zugewunken. Nachdem sie mich und mein Kopftuch fast zu Tode angestarrt hatten und ich klugerweise entschied, sie durch ein glückliches Winken zu irritieren.

Worauf ich eigentlich hinaus will, ist die Sonne. Jegliche Methodenforschung ignorierend stelle ich fest: Bei beiden Ereignissen war die Sonne dabei. Ergo: Die Sonne ist Schuld an der Bräune.