EMEL, DUSSELDORF, NYT UND FREMDGEHEN

Jetzt, wo der Hausarbeitenstress beendet ist, Dinge, die in meinem Kopf herumschwirrten:

EMEL 50th ISSUE
Das muslimische Lifestyle Magazin aus London hat nun ihre Golden-Edition herausgebracht, weil 50. Ausgabe. Und ich war dabei! Aber: Meine Lieblingskolumnistin hört auf. Weil: Thema der Kolumne war das aufregend chaotische Singledasein in orientalischer Kultur (also Heiratskandidaten, die plötzlich neben Mama und Papa auf der Wohnzimmercoach sitzen; arrangierte Dates von Mama und ihren Freundinnen; arrangierte Dates von den eigenen Freundinnen; muslimisches Speed-Dating (Ja, das gibt es!!)) Und da sie nun endlich Mr. Perfect gefunden hat, findet mit dem Singelsein auch die Kolumne ihr Ende.
In der Reportage „Celebrating Best of Britian“ werden random Muslime im Arbeitsalltag vorgestellt – vom British Airways-Piloten über die Polizistin bis hin zur Kopftuchtragenden Lehrerin.

Wo wir beim nächsten Thema wären: (Achtung Ironie)

In Düsseldorf sind Baskenmützen verboten. Jedenfalls dann, wenn man muslimische Lehrerin ist und die Baskenmütze als Surrogat für das Kopftuch verwendet. Deutschland ist nämlich ein Land, in dem Staat und Kirche strikt getrennt werden. Und weil wir konsequent sind, bleiben die Nonne und das Kreuz im Klassenzimmer, das Kopftuch und das ultimative Symbol der Unterdrückung, die Baskenmütze, müssen draußen bleiben.
Nachtrag: Hier schrieb man auch schon zu diesem Thema.

Ich hatte Collin Powell schon mal zitiert. Er sagte: „Is there something wrong with some seven-year-old Muslim-Amercian kid believing that he or she could be president?“
Und ich frage: Is there something wrong with some seven-year-old Muslim-German girl believing that she could be a teacher? Obviously yes in Dusseldorf.

Apropos Muslim-Americans:
Die New York Times schrieb diesen sehr interessanten Artikel und drückte damit aus, was ich fühlte, aber nicht aussprach.

Und sonst:
Ich habe überlegt umzuziehen. Nach WordPress. Weil ich auch so eine Tagwolke haben will. Nach ein bisschen Herumschnüffeln, ging ich fremd. Doch ich bereue, denn mein aktuelles Layout ist doch ganz schniecke. Nur mein Adresse finde ich zu lang. Was kann ich tun? Wer kann mir helfen?


YES WE CAN

Unglaublich. Als ich die allerersten Wahlergebnisse der ersten Bundesstaaten sah, da bin ich doch glatt vom Hocker gefallen: Es stand 8 zu 3 für McCain! Ich wollte schon weinen, da flatterten die Ergebnisse weiterer Staaten in die nächtlichen Studios des ZDF und ARD: Obama gewann einen Staat nach dem anderen, zügiger und zügiger. Es ward eine wunderbare Nacht. Mit Monsha und Vana war ich sehr lange hier. Bis vier Uhr etwas hockte ich im Bett mit Laptop auf dem Schoß und Claus Kleber aus Washington auf dem Schirm. Irgendwann wurde mir die Moderation zwar langweilig, meiner Euphorie konnte jedoch nur die Müdigkeit etwas abtun.
Vier Stunden Schlaf später hörten meine Schwester und ich uns begeistert diese Rede an:


CHANGE HAS COME TO AMERICA

YEYY: OBAMA IS THE 44th PRESIDENT OF THE UNITED STATES OF AMERICA!

Sahnehäubchen wäre gewesen, wenn ich nach 1 1/2-Stunden Schlangestehen ein Obama-Button ergattert hätte und kein McCain-Button…

ICH WILL AUCH


Uns bleibt zwar nur wenig Zeit, trotzdem fordere ich:
Die ganze Welt sollte den „Weltpräsidenten“ mitwählen dürfen! Wahlrecht für alle!

Vier Tage noch. Die Castingshow „Amerika sucht den Präsidenten“ (ASDP) neigt sich dem Ende. Finale ist Dienstagabend und weil es bei Castingshows der Zuschauerzahlen wegen immer spannend zugehen muss – ergo: es keinen klaren Favoriten geben darf – schießen Artikel mit Titeln wie „Obamas Vorsprung schrumpft“ aus dem Boden und die Welt bangt. Immer häufiger muss ich daran denken, was Martin Klingst in der ZEIT der letzten Woche (44/08) schrieb:

(…) Ein anderes Ergebnis wäre fatal. Ein Demokrat, ein aufgeklärter, sozialer Politiker, kein Staatsverteufler, erstmals ein Afroamerikaner, überdies einer, der auf Hawaii und in Indonesien aufwuchs, sich in den Slums von Chicago um Arbeitslose kümmerte und den Globus nicht durch die Brille des Ideologen sieht – ein solcher Präsident wäre Amerika und uns gerade jetzt zu wünschen.


Der Super-GAU an der Wall Street, die Krise des Kapitalismus und die Renaissance staatlicher Intervention haben der Welt dramatisch vor Augen geführt: Unser aller Schicksal bleibt mit dem der Vereinigten Staaten auf das Engste verbunden. Wer oder was gerade gerettet werden soll, die Banken, der Irak oder die schmelzenden Pole, ohne Amerika geht es nicht. Dessen Staatschef ist deshalb auch immer ein bisschen ein Weltpräsident. Selbst wenn Washington an Macht verlieren wird, noch gilt: Vom Umweltschutz über den Freihandel bis zum Kampf gegen den internationalen Terrorismus – was der Herr im Weißen Haus tut oder lässt, berührt alle. Deshalb fiebern bei dieser Wahl so viele Menschen mit und hoffen auf einen Präsidenten, der dieser aus den Fugen geratenen Welt eine neue Ordnung geben kann. Nicht im arroganten Alleingang, sondern im Konzert mit anderen. (…) (weiter hier)

(Hervorhebungen von mir)


Wenn der amerikanische Präsident also „Weltpräsident“ ist und unser Leben „berührt“, dann ist es nur gerecht, wenn wir – die Weltbürger – mitwählen dürfen in den USA und höchstpersönlich sicherstellen, dass CHANGE stattfindet.
Wie Kleber sagte, ist ungewiss wie die Wahl ausgeht. Keiner weiß, was weiße Wähler wirklich tun, wenn die Wahlkabinen zu und für Vorteile alle Möglichkeiten offen sind.

WENN MCCAIN GEWINNT

ist Claus Kleber schuld – berichtete ZDFheute.

Wer hat am Mittwoch (29.10.) ZDFheute gesehen? Bitte hier nachholen, wenn noch nicht geschehen.

MoveOn.org haben nämlich ein Video produziert, das eine fiktive Nachrichtensendung zeigt, in der sich verschiedenste Person über X aufregen, weil X verschlafen, am 04. Nov nicht gewählt hat und damit mit für die Nierderlage Obamas verantwortlich ist. Eine furchtbare Dystopie.

Dieses Video kann man ganz einfach an Freunde verschicken, indem man für X den Names des Freundes einträgt. Zack wird das Video dem Namen angepasst und sieht dann zB so aus. Schon über 11.622.650 Mal wurde das Video customized! (Stand: Samstag 13:05)

Und hier könnt ihr selber mal Loser der US-Nation werden.
Die Obama-Wahlkampagne gehört – ich kann nur papageien was alle anderen schon etliche Male gesagt haben – zu den kreativsten, innovatisten und klügsten Wahlkampagnen der Geschichte!

Übrigens: Dieser esoterische Verschwörungstheorie-Verlag, der die Anzeige im Cicero geschaltet hat, schreibt sowas über Obama und vertreibt auch dieses Buch

SAMSTAGMORGEN 9UHR

Heute bei der Samstagmorgen-Lektüre des Cicero habe ich mich so richtig willkommen gefühlt.

Ganz entspannt las ich die Novemberausgabe des Cicero zu Ende und entdeckte auf der vorletzten Seite eine Anzeige. Nicht irgendeine sondern diese hier. Ausgerechnet im Cicero – „Magazin für politische Kultur“ – von der ich mehr Seriösität auch in der Anzeigenakquise erwartet hätte.
Einfach nur peinlich und furchtbar enttäuschend. Toll.

Nachtrag: Und ich konnte es mal wieder nicht lassen, gleich herumzurecherchieren und weiterzulesen. Auf fürchterlichen Webseiten bin ich gelandet. Alle Einwanderer sind Muslime, alle Muslime sind Einwanderer – das ist nur das Grundgerüst ihres schrecklichen Schubladendenkens.

Nach-Nachtrag: Ich werde mein Cicero-Abo kündigen…

Nach-Nach-Nachtrag: Hiermit geschehen.

WHAT IF HE IS?

Amerika wählt. So heißt eines der Seminare, die ich in diesem Semester besuche. In den letzten Wochen haben sich mehr und mehr Republikaner gegen McCain und für Obama ausgesprochen. Medial beachtet wurde vor allem die Unterstützung durch Collin Powell, ehemaliger Außenminister (Bush-Regierung 2001-2005).

Im folgenden Video vergleicht er sehr anschaulich McCain und Obama, wägt sie ab und erläutert seine Entscheidung (maßgebend war für Powell die Reaktion der Präsidentschaftskandidaten auf die Finanzkrise und der Rechtsruck der Republikanischen Führung). Was mich an seiner Äußerung besonders beeindruckt hat, ist sein Kommentar zu dem Thema Obama sei eigentlich ein Muslim und solle daher nicht gewählt werden – wie einige Kampagnen von Republikanern suggerieren. Zunächst stellt Powell klar: Obama ist kein Muslim, er war schon immer Christ. Aber die eigentlich richtige Antwort ist: „What if he is?“ Was, wenn er es wäre?

Powells darauf folgende Argumentation zeigt US-Amerikas Fortschritt im Bereich der Akzeptanz, Toleranz und Integration religiöser/ethnischer Minderheiten – dies war und ist allerdings bitter nötig: Lange Zeit wurde eine Islamophobie verbreitet (hauptsächlich von konservativen Sendern wie Fox). Hier ein Text der ZEIT zu der Situation der Muslime in den USA.

Und hier nun endlich das Video:

Ex-US-Außenminister Powell unterstützt Präsidentschaftskandidat Obama und kommentiert die Gerüchte, Obama sei ein Muslim

In transkribierter Form die – wie ich finde – wichtige Stelle:
„I’m also troubled by, not what Senator McCain says, but what members of the party say. And it is permitted to be said such things as, “Well, you know that Mr. Obama is a Muslim.” Well, the correct answer is, he is not a Muslim, he’s a Christian. He’s always been a Christian. But the really right answer is, what if he is? Is there something wrong with being a Muslim in this country? The answer’s no, that’s not America. Is there something wrong with some seven-year-old Muslim-American kid believing that he or she could be president? Yet, I have heard senior members of my own party drop the suggestion, “He’s a Muslim and he might be associated terrorists.” This is not the way we should be doing it in America.“

Mehr zu Colin Powell hier (taz). Dort ist auch nachzulesen, dass er als Außenminister und gemäßigter Republikaner zunächste gegen den Irak-Krieg und Verteidungsminister Rumsfeld war. Wiki sagt dazu:

„Im Sommer 2002 kam es zu offenen Differenzen in der Irak-Frage. Letztlich unterstützte Powell jedoch den US-amerikanischen Angriff auf den Irak im März 2003. Am 5. Februar 2003 folgte Powells denkwürdiger Auftritt vor dem Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen. Powell plädierte für den Sturz Saddam Husseins, da dieser im Besitz von Massenvernichtungswaffen sei. Im September 2005 bedauerte Powell in einem ABC-Fernsehinterview diese Rede, in der er den Weltsicherheitsrat mit später als falsch erkannten Tatsachenbehauptungen von der Notwendigkeit des Irak-Kriegs zu überzeugen suchte und bezeichnet sie als einen „Schandfleck“ in seiner Karriere.“

Zitat-Quelle: ups. Wikipedia

KLUGE WORTE

Was wir in den Medien wahrnehmen, ist ein klitzekleiner Bruchteil dessen, was in der Welt geschieht. Schlimmer noch ist, dass viel um diesen klitzekleinen Bruchteil gekämpft wird. Nachrichtenselektion – lernte ich von meinem Prof. Die klugen Worte hier. Und der zuender.zeit-Klugewörterautor, Selim Özdogan, ist ein wunderbarer Kolumnist. Ich les ihn furchtbar gern.

NATIONAL IRGENDWAS

„Don’t be proud of anything you couldn’t influence“ ist eine meiner Standardfloskeln.„But what if you don’t have anything else to be proud of?“ frage ich mich nun. Gedankensplitter.stolz2In der Süddeutschen vom Mittwoch las ich einen Artikel über junge nationalistische Deutschtürken, die schon in dritter Generation hier leben, sich nicht integrieren konnten und sich nun in ihren türkischen Nationalstolz flüchten. Ein klitzekleiner Anteil der hier lebenden Deutschtürken/Türken/Türkdeutschen fühlen so. Leider kenne ich einige, die sich genau so fühlen wie im Artikel beschrieben.

 

Die, denen ich begegnet bin, waren oder sind frustiert von der deutschen Gesellschaft. Sie haben viel getan, um sich zu integrieren, aber haben immer und immer diesen Unterschied zwischen sich und den anderen gespürt. Auch ich fühle mich manchmal wie ein Gast, der sich aufdrängt – zum Beispiel wenn Dinge geschehen, wie in diesem Post. Aber ich würde mich deshalb niemals auf das Türkentum berufen. Vielleicht deshalb nicht, weil ich meine Religion habe? Meine Religion, so habe ich den Eindruck, löst mich vom Nationalitätsgedanken. Hautfarbe, Herkunft – whatever. Vor Gott bist du gleich.
 
Außerdem besteht zwischen der Religion und der Nationalität ein gravierender Unterschied: Einen Glauben kann man sich aussuchen, die Herkunft nicht.
 
Wer also keinen Glauben hat, der klammert sich an seine Herkunft, weil er nichts anderes zum Klammern hat?

—-

Man kann es sich aber auch einfacher machen. Meine Mutter sagte immer (auf Türkisch) „Halte deinen Stolz stets unter deinen Füßen“. Soll heißen:
You don’t need to be proud of anything!

Der Artikel in der Süddeutschen, hier.

BRUST RAUS, BAUCH REIN!

baetschlor2

Das musste jetzt mal raus. Offener Brief an Bätschlor. Hat jemand Briefmarken? Oder die Adresse?

Liebes Bachelor-System,

ich habe oft an dich gedacht. Leider mehrheitlich in negativem Kontext, ich Lästertante. Wer bist du, fragte ich mich. Ich habe mir dich vorgestellt.

Ich stelle mir dich vor wie ein herzloses, verbittertes, beschränktes und Scheuklappen tragendes altes Männchen, das nur jene Menschen mag, die sich ihm anpassen. Ein Männchen, das manchmal nicht weiß, wo er die Prioritäten hinsetzen soll: Soll er bei anderen alten, herzlosen Männchen gut ankommen oder bei Menschen, mit denen er tagtäglich zu tun hat? Ich kann dich verstehen – du möchtest nur das Beste für den Menschen, aber das Beste ist nicht immer das Beste. Das Beste ist betrachter- und menschabhängig. Ich zum Beispiel halte dein Verhalten für – offen gesagt – asozial. In keinster Weise berücksichtigst du meine Bedürfnisse. Ich möchte nämlich sehr viel machen und sehr viel lernen – ganz in deinem Sinne. Aber du raubst mir jede Zeit. Du gibst mir Termine, die ich unmöglich einhalten kann. Du bist einfach unmöglich. Jetzt sei doch mal selbstbewusst! Ist doch schnurzpiepegal, was die anderen alten Männchen auf der anderen Seite des Teiches oder in der EhUh denken. Sei herzlicher, sozialer. Mit deiner Strenge kommst du nicht weit voran. Und jetzt musst du mir einfach glauben, denn 1. bin ich älter als du und 2. weiß ich eh alles besser.

Brust raus, Bauch rein, Po raus, Nase hoch und würdige die anderen Männchen einfach mal keines Blickes – und blinzel uns Menschen mal zu.

Deine Menschin aka. Studentin,
Kübra

OHNE MUSLIME KEIN EUROPA


„Ohne Muslime kein Europa“ lautet der Titel eines Artikels in der Frankfurter Rundschau. Anlass: Jürgen Habermas trifft auf Tariq Ramadan. Thema der Diskussion: Muslime in Europa.Viele von euch werden den Soziologen Jürgen Habermas kennen, wenige aber nur den Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan (auf Platz 8 der „The World’s Top 20 Public Intellectuals“;
Umfrage von Foreign Policy). Unter jungen Muslimen ist er ziemlich populär: Immer wieder motiviert und drängt er junge Muslime sich am gesellschaftlichen Geschehen zu beteiligen und zu paritizipieren – ohne sich aber zu assimilieren. Mittlerweile gilt er als einer der Vordenker des „europäischen Islams“.So trafen die beiden am 23. Juni 2008 in Elmau auf der Tagung „Muslims and Jews in Christian Europe“ aufeinander und diskutierten. Ramadan kritisierte in seinem Vortrag die Situation der Muslime in Europa. Vor kurzem erst hatte ich darüber gebloggt, warum ich „deutscher“ sein muss als „Deutsche“ um „deutsch“ zu sein. Eine ähnliche Problematik scheint sich nun also bis auf die europäische Ebene hinzuziehen: „Hat man eine andere Hautfarbe, trägt man einen fremden Namen, tut man sich gar schwer mit der Landessprache, werden immer neue Loyalitätsbeweise verlangt.“ Am Ende steht die These: Muslime werden die ersten Europäer!
Ein höchst interessanter Artikel und wenn ihr herausfinden sollt, warum Muslime die ersten Europäer werden, dann bitte lesen:

Frankfurter Rundschau 25.06.2008

Ohne Muslime kein Europa

VON ARNO WIDMANN

Am 23. Juni 2008 um 15.05 Uhr ist es zu einer denkwürdigen Begegnung
gekommen. Tariq Ramadan, einer der umstrittensten Kämpfer für die
europäischen Muslime, begrüßte mit einem Handschlag Jürgen Habermas,
den Cheftheoretiker der Neuen Unübersichtlichkeit. Danach kam es nicht
etwa zu einem Streitgespräch oder zu einem Dialog. Das hatte die Regie
der auch sonst höchst prominent besetzten Tagung "Muslims and Jews in
Christian Europe" nicht vorgesehen. Ramadan hielt einen etwa
zwanzigminütigen Vortrag, und Habermas stellte ihm im Anschluss daran
ein paar Fragen. Habermas sprach von einer nicht gerade gleichwertigen
Verteilung der Rollen. Es war dennoch eine sehr eindrückliche
Veranstaltung.

Tariq Ramadan ging aus von Umfragen, die ergeben, dass 80 Prozent der
in Europa lebenden Einwanderer aus muslimischen Ländern keine
praktizierenden Moslems sind. Für sie stellen sich also die meisten der
so gern als Integrationsprobleme ins Feld geführten religiösen Fragen
nicht. Sie werden dennoch argwöhnisch beobachtet und einem Klima des
Verdachts ausgesetzt. Es genügt nicht, Steuern, Kranken- und
Sozialversicherung zu bezahlen, seine Pflichten als Staatsbürger zu
erfüllen, gesetzestreu zu sein. Hat man eine andere Hautfarbe, trägt
man einen fremden Namen, tut man sich gar schwer mit der Landessprache,
werden immer neue Loyalitätsbeweise verlangt. ...

Fortsetzung hier.

 

IDENTITÄTSKRISE

Nie, nie hätte ich gedacht, dass ich mal mehr verstehe von Fußball. Jahrelang sind sämtliche Fußballspiele kalt an mir vorübergezogen. Nur halbherzig und aus Gruppenzwang hab ich mir teilnahmslos die WM ageschaut. Allein zu dem Lied der Sportfreunde Stiller hab ich mitgesungen – ein Leben leicht und sorglos.
Da kommt das Unheil angeschossen: die EM 2008. Aus unerfindlichen Gründen begreife ich plötzlich, wieviele Spieler eine Mannschaft hat (11), wie lang ein Spiel dauert (90 min.) und was Abseits bedeutet (hier).
Dabei sei es nicht belassen: Eifrig kommentiere ich nach den Spielen die Spielzüge, fachmännisch fälle ich mein Urteil und gebe Prognosen ab.
Ahnungslos habe ich mich in eine Identitätskrise gestürzt:
„Für wen bist du Kübi?“
Türkei oder Deutschland? Türkiye oder Almanya?

Meine multiplen Persönlichkeiten der letzten Tage:

1- Die Lethargische: „Ich werde mir das Spiel nicht ankucken. Ich bin für niemanden.“

2- Die Pseudodiplomatin: „Ich bin für beide!“

3- Die Mutter Theresa: „Ich bin immer für die Schwächeren. Da Deutschland Favorit ist und die Türkei mit quasi der B-Mannschaft und nur 15 Spielern antritt, bin ich ein bisschen für die Türkei.“

Aber ehrlich -Angie, es tut mir Leid – Ich wünsche mir innigst, dass die Türkei gewinnt.

Tadaa! Da ist die Ursache für meine Identitätskrise, für meine multiple Persönlichkeit! Ich schreibe „Angie, es tut mir Leid.“ und habe das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Warum?
Bin ich schlecht integriert, wenn ich nicht für Deutschland bin?
Es gibt schließlich auch Urdeutsche, die für die Türkei sind, warum nicht also auch ich?
Warum müssen Migrationshintergrundbesitzer „deutscher“ sein als Urdeutsche um „Deutsche/r“ zu sein?
Vielleicht finde ich rot-weiß einfach schicker als schwarz-rot-gold (oder rot-schwarz-gold, da sind sie sich beim ARD ja noch nicht so einig).
Außerdem: Für-die-Türkei-Sein ist nicht gleich Gegen-Deutschland-Sein, „nnnne?!“

So. Ich muss mich also gar nicht rechtfertigen. Dass ich dieses Gefühl habe, ist natürlich ein Problem.
Doch jetzt ertsmal: TÜRKIYE! TÜRKIYE!

WARUM TÖTEST DU, BUSH?

… müsste man den derzeitigen US-Präsidenten fragen und bekäme ausweichend zur Antwort, er weine jede Nacht.

 

 

„I’ve got God’s shoulder to cry on. And I cry a lot. I do a lot of crying in this job. I’ll bet I’ve shed more tears than you can count, as president.“ –George W. Bush, as quoted by author Robert Draper in Dead Certain

Tagein, tagaus weinen tausende unschuldiger Menschen im Irak. Unschuldig – wohlgemerkt. Da liegt ein zentraler Unterschied zwischen Bushs Tränendüsenproduktion und dem menschlichsten und deutlichsten Schmerzensausdruck der Irakerinnen und Iraker. Unverschämt, was Bush damals von sich gab. Unverschämt ist es aber auch, den Krieg auf Bush zu reduzieren und ihn als „seinen“ Fehler darzustellen. Dass Bush nur eine Marionette ist, dürfte jedem bekannt sein. Also wollen wir nicht weiter auf Bush herumtrampeln oder auf seinen „ass kicken“.

(All jene, die sich der Bush-Trampel-Aktionen trotzdem erfreuen, beklatscht den britischen Künstler Mark McGowan, der so durch New York lief.)



Nicht Bush sollte nunmehr im Mittelpunkt der Irak-Debatte stehen, sondern die Iraker:

Bitter, schnörkellos und direkt. Traurig, aber wahr. Der nackte Krieg. Der wahre Krieg. Unzensiert. Anders.
Das ist das Buch „Warum tötest du, Zaid?“ von Jürgen Todenhöfer
(hier).


Der irakische Widerstand bekommt ein Gesicht. Wir lernen zu unterscheiden zwischen Widerstand und Terrorismus. Den Krieg haben wir bislang nur aus amerikanischer Perspektive wahrgenommen. Todenhöfer reist in den Irak, lebt bei einer irakischen Familie und interviewt Widerstandskämpfer. Er kommt zurück und erzählt (hier). Wir lernen Zaid kennen.

„Zaid ist der älteste von drei Brüdern. Haroun ist ein Jahr jünger als er, Karim zwei Jahre. Im Juli 2006 verbringt Haroun einige Nächte bei seinem Onkel im Zentrum von Ramadi. Haroun, der damals neunzehn Jahre alt ist, studiert Ingenieurwissenschaften. Er hat Semesterferien und genießt diese, so gut das in diesen Kriegszeiten eben geht.

 

Mit dem Widerstand hat er wie seine beiden Brüder wenig zu tun. Er hilft, wie alle Jugendlichen von Ramadi, den Widerstandskämpfern, wenn sie einen Unterschlupf suchen oder eine Information brauchen. Von sich aus aktiv wird er nicht.

Am 14. Juli 2006 macht sich Haroun früh morgens im Haus seines Onkels auf, um zu seiner Familie nach Al-Sufia zurückzukehren, bevor es zu heiß wird. Es ist kurz nach sieben Uhr, als er in die kleine Straße einbiegt, in der seine Familie wohnt.

Er kickt einen kleinen alten Ball vor sich her, den er irgendwo gefunden hat.

In der rechten Hand trägt er eine weiße Buschrose, die er im Morgengrauen für seine Mutter gepflückt hat. Einem Nachbarjungen, Jarir, der ihm auf der gegenüberliegenden Straßenseite entgegenkommt, ruft er ein freundliches Salam – Friede – zu.

Genau in diesem Augenblick – Haroun hat gerade das Wort Salam ausgesprochen – peitscht ein Schuss durch die Straße. Haroun fasst sich ungläubig an den Hinterkopf, geht wie in Zeitlupe in die Knie und fällt vornüber mit dem Gesicht in den Staub.

 

Leblos bleibt er im Dreck der Straße liegen. In seiner rechten Hand hält er die kleine weiße Rose, die er seiner Mutter schenken wollte.“

(Ausschnitt aus dem Kapitel „Zaids Brüder“)

 

Unbedingt lesens- und empfehlenswert. An jeden und vor allen denen, die bisher nur die eine Seite des Krieges kannten.