DIE DIGITALE TÜRKISCHE FAMILIE – WHAT’S UP?

Lampenreflektion auf dem iPhone

Mit meinen beiden kleinen Fingern versuche ich hastig, mein Handy zu bedienen. Der Rest meiner Hand ist schmutzig und fettig. Ich stehe in der Küche und verzweifle gerade mal wieder an einem türkischen Teiggericht. Über Skype rufe ich meine Oma in Deutschland an. „Oma, ich kriege die Börek nicht hin!“ Eigentlich kann ich ja backen, aber die Hefe! Die Hefe will nicht, wie ich will. In England gibt es eben nicht so tolle Feuchthefe wie in Deutschland, rede ich mir ein. Und frage verzweifelt: „Ich kann das doch, ne, Oma?“

Sie beruhigt mich und diktiert mir schnell ein Börek-Rezept ohne Hefe. „Was ist los?“, fragt mein Opa besorgt im Hintergrund. Das Übliche, will ich antworten. Ich rufe in der nächsten Stunde noch vier Mal an, dann sind die Börek endlich fertig.
“Und?“, fragt mich meine Tante wenige Minuten später über WhatsApp, dieses kostenlose Kurznachrichten/Chatding, über das neuerdings jeder mit einem Smartphone kommuniziert. „Haben die Börek geklappt?“ „Woher weißt du das?“, frage ich. Meine Oma hat mit meiner Mutter telefoniert und die hat gerade eben mit meiner Tante gesprochen. „Geht so“, schreibe ich meiner Tante und schicke ihr Bilder von den versalzenen Börek.

ABSCHIEDSBRIEF

Viele meiner Gegenstände bedeuten mir nicht viel, die meisten gar nichts. Einige Werkzeuge hingegen etwas mehr. Ein Abschiedsbrief.
Zuletzt haben wir uns an einem schwülen Abend im Westen der USA gesehen. Ich aß in einem italienischen Restaurant und telefonierte. Du lagst neben mir auf dem Tisch. Wir saßen draußen. Nach einem langen Tag wollte ich beim Essen ein wenig frische Luft genießen. Telegraph Avenue, eine schöne Straße. Die einzig schöne Straße dieser Stadt wie man mir später erzählte. Ich glaube es gern. Viel Glück hat mir die Stadt nicht gebracht.
Am Nebentisch saßen zwei Männer. Von ihnen hatte ich kurz vorher noch Bilder gemacht mit dir. Die Sonne ging hinter ihnen unter, der Himmel war in ein tiefes Rot eingetaucht. Lässig schauten sie einander an. Es war mir unangenehm, als sie sich dann ausgerechnet neben uns ins Restaurant setzten. Ihnen offensichtlich auch.
Zwei Tage später an der Ostküste der USA, kramte ich in meinem Koffer nach dir. Schnappte mir dein Haus, die Kameratasche. Du warst nicht darin. Entsetzt suchte ich überall im Koffer, in meinen Taschen. Nirgends warst du zu finden. Dann ging ich Schritt für Schritt die letzten Tage durch. Ich rief im Hotel an, indem ich zuletzt übernachtet hatte, dann die Menschen, die ich zuletzt gesehen hatte und schließlich führte die Spur zurück in das Restaurant auf der Telegraph Avenue, fünf Flugstunden entfernt.
Ich frage mich, ob die beiden Männer es merkwürdig gefunden haben, sich selbst in dir zu sehen.
Jetzt sitze ich da, seit Monat ohne deinesgleichen. Keine Augen mehr wie diese hier. Du bist weg. Kein Text ohne Bild habe ich mir immer gesagt. Für jeden Text, den ich schreibe, musste ein Bild her. Deine Abwesenheit hat mich nun mehr zum Zeichnen gebracht. Das finde ich schön. Gleichzeitig muss jedes Bild, das ich zeichne, fotografiert werden. Mir missfällt die Qualität. Und noch mehr missfällt es mir, diese Funktion auf meinen Handy nutzen zu müssen, um das Bild zu retten. Und dieses Filterding macht die mühsame Zeichnung billig.
Ach. Ich muss mir deinesgleichen anschaffen. “Sağlık olsun” (Hauptsache Gesundheit), sagte meine Mutter, als sie hiervon erfuhr. Ich hoffe, es geht dir gut.
Zum Abschied habe ich dich gezeichnet. Mit einem Handy fotografiert und durch einen grässlichen Filter geschickt.

DIE ZENSIERTE VERSION MEINER LISTE “GUTER“ VORSÄTZE FÜR DAS JAHR 2010

Schnell eine Madonna gekritzelt. Mit Bild sieht so ein Blogeintrag nämlich besser aus und meinen Vorsatz aus 2010 mehr zu zeichnen halte ich damit auch ein.
Beim Durchsehen alter Unterlagen entdeckte ich diese Liste halb-ernster Vorsätze für das Jahr 2010. Zugegeben: Das Allerpeinlichste habe ich rausgestrichen. Wenn’s lang genug her ist, ergänze ich die Liste. Versprochen. 
  • Madonna adoptieren, damit sie auch mal weiß, wie das so ist
  • Obama einen Schuh an den Kopf werden
  • Unregelmäßig bloggen
  • The Sartorialists persönliche Assistentin werden
  • Der Sache auf den Grund gehen
  • Hausarbeiten schreiben
  • Bungee Jumping
  • Ein tragfähiges Kleid nähen
  • Mehr Zeichnen
  • Morgens wirklich joggen und nicht nur durch die Gegend latschen, um dann den WG-Mitgliedern zu erzählen wie gut Morgensport tut
  • Meine beiden Mitbewohnerinnen, die Töchter des Technikchefs einer großen Fluggesellschaft, überreden, häufiger zu fliegen und die Welt zu erkunden. Sie fliegen UMSONST, meine Güte!
  • Aktivistin für irgendetwas werden
  • Eine Alternative für blue tack finden. Mein Wandbehang fällt neuerdings ständig herunter.
  • „I’ve heard about Turkey, but hungry?“ twittern.
  • Feindliche Lektüre lesen. Auch den Feind muss man kennen. Fange an mit „Clash of Civilizations“.
  • Einen (Alb)Traum realisieren: Kabelhalter beim nächsten Twilight-Film werden. Meine Mitbewohnerin ist nämlich ein hyperradikaler Fan. Sie kann Stunden davon erzählen und ein Beispiel aus Twilight in jede akademische Diskussion einbinden. Sie spricht so oft davon, dass ich kürzlich von Twilight träumte. Ich war Kabelhalterin und fand den Job großartig. Kabel halten und kostenlos durch die Welt zu reisen – warum nicht?

Merkwürdig, was ich vor drei Jahren meinte, auf eine halb-ernste „gute Vorstätze“-Liste schreiben zu müssen – gar nicht mit der Absicht diese “Vorsätze” zu realisieren, sondern vielmehr mich selbst durch den Kakao zu ziehen. Interessant, wie viel so eine Liste über einen Menschen aussagen kann. Meine unbändige Reiselust, Verlangen nach kreativer Arbeit oder mein Bewusstsein dafür, dass ich mir jedes Jahr viel zu viel vornehme.  
Ich führe schon lange kein Tagebuch mehr, mein Blog war Tagebuch genug für mich. Doch mein Blog ist natürlich nur die zensierte Version meiner Gedanken. Das Allermeiste wird hier gar nicht festgehalten. Hier finden sich nur Dinge, die ich mich traue mit der Öffentlichkeit zu teilen. Ganz frei und ungeniert schreibe ich nur für das Private, in Gedichten, Zeichnungen und kleinen Notizen. 
Vielleicht, denke ich mir, sollteich mit dem Tagebuchführen nach Jahren doch wieder anfangen. Es geht zu viel verloren – vor allem an peinlichen Sachen.

MANCHE GEFÜHLE LEBEN NUR IN BESTIMMTEN SPRACHEN

Plötzlich weinte ich.

Es war der Festtagsmorgen, an Bayram. Wir saßen in Oxford am Frühstückstisch, als im Radio eine Sendung über das Bayramfest in Deutschland lief. Der Moderator erzählte von Vätern, die sich auf den Weg in die Moschee machen, von der Aufregung, die zuhause herrscht, die letzten Vorbereitungen für das große Frühstück und die Kinder, die erwartungsvoll um die Geschenktüten herum tanzen. Die vertrauten Geräusche aus dem Radio erfüllten unsere Küche – und ich sah zum ersten Mal die Leere. Die fehlenden Menschen. Meine liebevollen Eltern und Geschwister, meine sentimentalen Großeltern, Tanten und Onkels, Cousinen und Cousins. Die Älteren der Gemeinde, die mich jedes Mal fest an sich drücken und davon erzählen wie ich so war als Kind und wie die Zeit doch vergehe.

Doch eigentlich waren nicht sie abwesend, sondern ich. Ich bin fort, ich lebe im gurbet. Was das ist?

Als ich mich an meinen Schreibtisch setzte und versuchte meine Gefühle in Worte zu fassen, tanzten meine Finger auf der Tastatur. Ich schrieb fließend, ganz natürlich. Erst viel später bemerkte ich, dass ich auf Türkisch geschrieben hatte.

„Es ist merkwürdig“, schrieb eine Freundin, „das Wort ‚gurbet’ lässt sich nicht so einfach in andere Sprachen übersetzen.“ Würde ich gurbet als „das Leben in der Fremde“ übersetzen, würde es niemals ausreichen, um meinem Gegenüber das Gefühl zu beschreiben, dass dieses Wort erzeugt.

Gurbet. Ganz alleine, ohne jeglichen Zusatz kann dieses Wort den Menschen, der gurbet kennt, Erinnerungen hervorrufen lassen, Sehnsucht und Schmerz fühlen lassen, die Wangen nässen. Die türkische Autorin Elif Safak beschreibt es als einen unsichtbaren Splitter unter der Haut, an der Spitze des Fingers. „Willst du ihn entfernen, vergeblich. Versuchst du ihn zu zeigen, ebenso vergeblich. Er wird zu deinem Fleisch, deinen Knochen, ein Teil deines Körpers. Ein Gliedmaß, das sich nicht mehr entfernen lässt, sei es dir noch so fremd, so anders“, schreibt sie.

Gurbet ist eines der vielen Worte, für die ich im Deutschen keine einfache Übersetzung finde. Genauso, wie ich Gedanken im Deutschen in keinen einfachen türkischen Satz fassen kann. Ich will auch mal „doch“ im Türkischen sagen. Ich will die „Herausforderung“ erklären, das „Dasein“ und die „Schadenfreude“. Für jedes einzelne Wort braucht es mehrere Sätze. Nur dann versteht mein Gegenüber, das, was ich dabei fühle.
So leben manche Gefühle nur in bestimmten Sprachen. Sprache öffnet uns die Welt und grenzt uns ein – im gleichen Moment.

„Bir lisan, bir insan. Iki lisan, iki Insan“, lautet ein türkisches Sprichwort: Eine Sprache ist ein Mensch, zwei Sprachen sind zwei Menschen. Folglich sind drei Sprachen, drei Menschen.

Im Deutschen spreche ich viel und schnell. In die Zeit, die man mir gibt, versuche ich so viel unterzubringen, wie nur möglich – denn ich will erzählen, erklären. Deutsch sprudelt aus mir heraus. Ich liebe diese Sprache, mit dessen Worten ich gerne spiele und vor der ich großen Respekt habe.

Im Englischen bin ich ruhiger. Ich rede nicht so eloquent wie im Deutschen, aber da ist es mir auch nicht so wichtig. Ich vertraue auf das, was ich sage, und auf mein Gegenüber, das mit mir denkt. Dort überlasse ich den Gedanken Raum. Und wenn mir mal ein Wort nicht einfällt, erfinde ich einfach eines. Meistens funktioniert’s.

Im Türkischen schreibe ich Gedichte. Im Türkischen bete ich. Im Türkischen weine ich. Es ist die Sprache, die ich als Erstes lernte. Die Sprache, in der ich von meiner Familie geliebt wurde, die Sprache, in der ich das erste Mal weinte, die Sprache, in der ich das erste Mal liebte.

Und so, egal in welcher Sprache ich spreche, es fehlt die andere. Und das ist eine schöne Herausforderung.

Nachtrag

Den türkischen Text “Özlem“, den ich in der Kolumne erwähne, findet ihr hier. Ich möchte mich für die vielen wunderbaren Reaktionen auf den Text bedanken. Diejenigen wissen sicher, dass sie gemeint sind. Danke! Eine möchte ich jedoch namentlich nennen, meine geliebte Canan Abla. Senin sohbetine doyum olmuyor.

THOUGHTS ON THEIR WAY

Sometimes I keep some thoughts to myself, because I feel they aren’t complete. Such as this one here. It’s been almost a year when I first wrote this thought down. But then I left it as a draft. It hasn’t made its way to the outside world.

But this time it will make its way. Even if I feel it’s incomplete.

After all, aren’t all our thoughts, whether we consider them complete or not, just a state of mind? Aren’t we in constant change, revising and rethinking who we are, want to be and what we think is right? Or at least: Shouldn’t we aim to be in constant development? Being full of energy and ease – full of energy to develop ourselves; full of ease about our flaws and imperfection. Aren’t we just on our way anyways? We will never be complete. And not even death will bring this to an end.
But it is us all who neglect our imperfection. We – as a whole – don’t give each other the freedom to be a traveller on the path of change.

We falsely believe that every thought we speak has to be armed and shielded against every attack. Sometimes, we feel the pressure to strongly defend every single thought we share. And so: Inner discussions stay inner discussions.

However, isn’t it more interesting to speak out these inner thoughts, fears and voices; to discuss them on a broader scale – just to find out that there are thousands of others who share our inner conflicts? Will this not bring us relief?

But we fear criticism. We fear being sanctioned. We fear judgement. We fear being human, imperfect. Being a traveller. Who we are.
And so, we keep on the safe side. Our thoughts keep running in our head. Our mouth keeps shut. But one day that thought will be gone, without us even noticing it.

So from time to time you will find some of those imperfect incomplete thoughts here, thoughts in progress. A snapshot of inner discussions that have not yet come to an end – and never will.

Because I am a traveller and so are you. Let me lead, let me be led. Don’t chase, don’t let yourself be chased. Watch my way, not the place I stop to take a rest.

GEFILTERTE LEBENSBILDER – EIN MONAT

Nach einer Woche mit meiner Schwester, die mich damals in London besuchte, schrieb ich vor zwei Jahren “Wenn die Zeit wie im Fluge vergeht, dann war sie schön.” Nun schaute ich mir auf dem Handy die Fotos des letzten Monats an, der oft im Flug verging (nicht nur im übertragenden, sondern im tatsächlichen Sinne). Allerdings gefiltert durch diese Hipsterfunktion. Gut, dass das nicht wirklich mein Leben ist, sonst würd ich neidisch werden auf die warme Farbenwelt meines Filter-Ich.

“Sometimes I simply grab my pen and let it move…”, I wrote. What I really ment to say was that the conference I attended was – at that point – superboring.

“Land, ho! / Land in Sicht!” Irgendwann kam ich auf die Idee, beim Fliegen aus dem Fenster zu schauen und entdeckte ganz aufgeregt die Welt von oben. In diesem Fall eine britische Küste.

In Oxford lehrte uns Rafeef Ziadah, palästinensische Wortkünstlerin, das Leben – mit ihrem Stück “We teach life, Sir”  Berührend und sehenswert.

In der diesjährigen Wedding-Ausgabe erschien eine Kolumne von mir zum Thema “Turkish Wedding”, wie ich bereits hier im letzten Satz ankündigte: Klick.
Viel wichtiger: »Der Wedding« #04 wurde für den bundesdeutschen Designpreis 2012 in der Kategorie Kommunikationsdesign nominiert! Glückwunsch!

In einem meiner Aus-dem-Fenster-Kuck-Momente entdeckte ich dieses Mal – wieder ganz aufgeregt – ein anderes vorbeifliegendes Flugzeug. (Hier in groß)

Noch ein letzter Flugzeug-Moment:
Selbst kurz vor der Landung – nach der Technische-Geräte-Bitte-Aus-Ansage (!) der Stewardess – fotografierte ich wagemutig Hamburg.

Auf dem MJD-Meeting in Bad Orb sang die US-amerikanische muslimische Boyband Native Deen. Und ich muss sagen, Bewegungstechnisch unterscheiden sich muslimische Boybands nicht wirklich von dem Rest. Auch sie fassen sich mit beiden Händen an die Brust und schauen sentimental zur Seite, während die anderen in der Band mit ausgstreckter Hand dramatisch in den Himmel schauen oder mit geballter Faust nachdenklich zu Boden.

“Huy! In der aktuellen Cosmopolitan wurde ein Tweet von mir nachgedruckt”, tweetete ich. Der Dank gilt zwei Leserinnen, die mich darauf hinwiesen.

Das Land, in dem Tischdecken, Schneidebrett, Messer und Wurscht für das Frühstück in der Deutschen Bahn mitgebracht werden. Schaffner gespielt empört: “Die Decke ist ja nicht einmal gebügelt!” Großes Gelächter. Dann Mutter: “Doch doch, alles gebügelt…”
Später, als die Bahn überall pünktlich hielt:
Vater: “Sach mir einer die Deutsche Bahn käm spät, kann man ja die Uhr nach stellen!”
Mutter: “Ja, immer wenn wir fahren.”
Vater: “Wir haben das Glück gepachtet.”

Auf dem Katholikentag in Mannheim saß ich auf dem Podium zum Thema “Blogger auf den Barrikaden”. Felix Neumann, der Moderator, hat die Diskussion als Storify zusammengestellt.
Während ich über das Veranstaltungsgelände lief, lächelten mich alle richtig nett an. Ich grinste bei dem Gedanken, das wir Muslime das auch machen, wenn ein Nichtmuslim auf einer muslimischen Veranstaltung an uns vorbeiläuft. Wer weiß, was ein Lächeln alles bewirken kann…
Dort traf ich übrigens diesen netten Herren. Man fragte mich später, ob er ein Rockstar sei. Das lasse ich so stehen.

“Buffallos für nur 30 Euro! Also knapp 60 Mark. Hätt’s das damals für das Geld gegeben…”

Für die aktuelle Zeit Geschichte “Der Islam in Europa” schrieb ich die Geschichte von Molla Mehmet nieder, einem für mich besonderen Mann im Südwesten der Türkei, der lange, sehr lange lebte.

Einer meiner Lieblingsmenschen hat geheiratet. Drei Tage lang, in drei Städten. Sehr schön…

Im Auto meines Onkels entdeckte ich das hier:

“Luxus Duschbad 
DDR
Dusch dich richtig
Eine Hand wäscht die andere

Als mir diese 1987er Ausgabe von Günter Wallraffs “Ganz Unten” in die Hände fiel, wunderte ich mich über den komischen Titel. Ist das eine Satire, fragte ich mich. “Alter Killer” oder so? Und dann fiel der Groschen. Das ist Türkisch.

Seit über einer Woche bin ich nun im Politik-Ressort der “Zeit” und durfte dort Alt-Kanzler Helmut Schmidt erleben. Es war, als säße man mit einem Stück Geschichte in einem Raum. Sehr beeindruckend. Deshalb tweete ich hinterher: “Wow. Die Politische Konferenz mit Schmidt & Co bei “Die Zeit” ist spannender als jeder Film und informationsreicher als jede Vorlesung.”

6. Juni: “Heute morgen von 4 bis 7 Uhr flog die Venus vor der Sonne entlang. Meine Mutter musste das natürlich unbedingt live im Planetarium erleben. Was man nicht alles für Mütter tut. :) (Auf dem Bild seht ihr eine Szene der supercoolen All-Simulationen im Hamburger Planetarium)” Mehr dazu hier.

Bei einem Essen an der Hamburger Alster habe ich mich erkältet. Es will hier einfach nicht Sommer werden. Deshalb liege ich heute krank im Bett und schreibe das hier.

Und in der aktuellen Zeit Campus Ausgabe kickt ein kopftuchtragendes Gehirn Sarrazins Buch.

Mehr Bilder und kurze Sätze auf Twitter (@kuebra) und Facebook.

HER MIT DER SCHMUTZIGEN WÄSCHE!

drawing by me.
Mal unter uns. Wenn ich schon Rassismus und Islamophobie in der Gesellschaft anprangere, dann muss ich bitte schön auch über die vielen Probleme innerhalb der muslimischen Gemeinden sprechen, nicht wahr? Ein bisschen auf die Köppe der Muslime hauen. Na klar, her mit der schmutzigen Wäsche!
Eine sehr beliebte schmutzige Wäsche ist ja der Sexismus, das Patriarchat und die unterdrückten Frauen der Muslime. Darum ging es kürzlich auch im Artikel der ägyptisch-amerikanischen Journalistin und Aktivistin Mona El Tahawy in ihrem Artikel „Warum hassen sie uns?“
Eine nackte Frau, die Haut schwarz bemalt, der Augenbereich Niqab-ähnlich ausgespart, schaut verschüchtert in die Kamera und ziert das Titelbild des amerikanischen Magazins Foreign Policy. El Tahaways These: Arabische Männer hassen uns Frauen. Um ihre These zu untermauern folgen Beispiele, wie das saudische Fahrverbot für Frauen, Genitalverstümmelung und Jungfrauentests in Ägypten – einmal querbeet durch die arabische Welt.
Als mit Erscheinen des Artikels im Internet heiße Diskussionen über den Artikel tobten, schrieb ein weißer Leser belustigt, der Ärger der arabischen und muslimischen Leser rühre nur daher, dass man ihre schmutzige Wäsche offen der westlichen Gesellschaft vorgeführt habe. Wie lustig.

Doch die meisten Kritikerinnen sind arabische, muslimische und asiatische Feministinnen und Aktivistinnen. Frauen, die genau die gleichen Themen anprangern wie Mona El Tahawy, darüber schreiben und an der Basis gegen den Sexismus ankämpfen.

Ihre Kritik war unter anderem, El Tahawy würde die arabisch-muslimische Frau als ein hilfloses Wesen, den Mann als aggressiven Patriarchen darstellen und damit westliche Stereotypen über die Muslime und Araber füttern. Sie würde sich als vermeintlich einzige Sprecherin muslimischen Frauen positionieren und sich als mutige Journalistin profilieren.
„Ach komm doch, Kübra. Kritisier die Muslime, der Glaubwürdigkeit wegen“, empfahl mir kürzlich jemand, der es gut mir meinte. So geht es doch viel einfacher, erfolgreich zu werden. Bücher mit den Titeln „Die Unterdrückung der muslimischen Frau“ oder „Sex, Schleier und Sehnsucht“ würden sich doch verkaufen wie warme Semmeln. Lasst mich Stereotypen bedienen, die voyeuristischen Fantasien befriedigen und mich selbst als heroisch-mutige Journalistin profilieren, die sich vom Rest der rückständigen Muslime absetzt. Ich werde die gute Muslimin sein. Die, die in das Bild passt.
Heißt das, man soll Muslime nicht kritisieren? Heißt das, ich werde nie über den Sexismus in muslimischen Gemeinschaften schreiben? Die Frage ist nicht, ob man kritisieren darf, die Frage ist: wo und wie.
Als Feministin spreche ich in muslimischen Gemeinden über Sexismus, ich motiviere Frauen, sich von Rollenbildern zu befreien. Ich spreche über Homophobie oder Antisemitismus. Das werde ich noch öfter auf meinem Blog oder in muslimischen Medien tun. Das muss aber nicht in einer Kolumne geschehen, die mehrheitlich von weißen Nichtmuslimen (Nachtrag: gemeint ist Mehrheitsgesellschaft) gelesen wird. Und nicht selten kommt es vor, dass ich Muslime in dieser Kolumne kritisiere und Missstände benenne. Jedoch in dem Bemühen, nach Ursachen zu suchen.Denn jede banale Vereinfachung macht die Realität kaputt.

Taz, Tuch-Kolumne, erschienen am 21. Mai 2011

Oben verlinkt, hier nochmal zum Nachlesen: Die Reaktionen auf Mona Eltahawys Foreign Policy-Artikel hat AlJazeera Stream in einem Storify-Dokument zusammengefasst.

NACHTRAG
Die Frage der Kritik lässt sich um einen (unsichtbaren) Aspekt ergänzen: Neben dem Wo und Wie, das Warum.
Warum sollte man von Missständen berichten?
Um zu zeigen, wie rückständig, schlecht, verachtenswert jemand/eine Gruppe ist? Weil ich damit schneller Gehör finde, von der Mehrheitsgesellschaft mir auf die Schultern klopfen lassen kann, mehr Geld verdiene, auf mehr Podien eingeladen werde und mehr Applaus erhalte? Weil es so einfach einfacher ist?
Eine Freundin erzählte kürzlich, wie eine sehr bekannte/berühmte türkischstämmige Journalistin ihr während eines Praktikums in einer Fernsehredaktion einen Ratschlag gab: Sie solle sich Undercover in eine bestimmte muslimische Gemeinschaft einschleichen (werde ich hier nicht spezifizieren) und dann einen Skandalartikel darüber verfassen. Dann hätte sie einen Posten in der Redaktion sicher. Meine Freundin lehnte ab.
Das Skandalberichten über die “eigenen Leute” macht halt Geld. Eine Talkshow-Einladung hat man damit sicher in der Tasche. Es macht Spaß, eine von “denen” da sitzen zu haben, die der Mehrheitsgesellschaft sanft den Bauch streichelt und erzählt, dass sie ja vollkommen Recht hätten mit ihren Vorurteilen und Ängsten, denn man komme ja selber daher. “Und die, die müssen’s ja wissen!”
Necla Kelek, Seyran Ates oder Ayaan Hirsi Ali. Alles Frauen, “die’s wissen müssen.” Frauen, die ihren Hintergrund und (schlechte) persönliche Erfahrungen nutzen, um sich durch populistisch-pauschalisierende Vereinfachungen auf dem Rücken der Menschen über die sie schreiben, zu profilieren, sich von ihnen als die “Besseren” abzuheben und um sich von der Mehrheitsgesellschaft applaudieren zu lassen. Sie machen Geld in einem schmutzigen Geschäft.
Und die Grenze ist nicht eindeutig. Vor einigen Wochen schrieb ich einen Artikel mit dem Titel “Nur weil ich schwarz bin”. Ich warnte davor, dass der inflationäre Gebrauch des Rassismus-Vorwurfs den eigentlichen Opfern schaden werde. “Victim Blaming“, also Opferschelte, sei das, warf man mir von Seiten feministischer und anti-rassistischer Aktivisten vor. Mit einer (weißen, nicht-muslimischen) Freundin, die ebenfalls die gleiche Kritik aussprach, traf ich mich, weil ich überrascht war und die Kritik verstehen wollte. “Meine Absicht war doch nur”, sagte ich, “zu warnen, potentielle Opfer zur Selbstkritik aufzurufen.” Ich erklärte ihr, dass Selbstkritik ein essentieller Bestandteil der Diskussion innerhalb der muslimischen Communities sei. “Aber der Artikel ist nicht in einem Medium erschienen, das sich direkt und vor allem an Muslime wendet”, sagte sie – zu Recht. Mit dem Text hatte ich Applaus von Leuten erhalten, die mir sonst nie applaudierten (ganz im Gegenteil). Das gab mir Anlass meine eigene Position und Rolle zu überdenken.
Also nochmal, warum sollte man von Missständen berichten?
Um die Missstände zu bekämpfen. Ein Bericht über Missstände sollte nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung, der Entschärfung sein. Der Journalist, so meine möglicherweise utopische Überzeugung, sollte ein ernsthaftes Interesse an der Problematik haben und auf ein friedliches Miteinander abzielen. Das ist nicht naiv. Das ist nicht verklärt. Das ist, ebenso wie Neutralität, ein Bestreben. Eines jedoch, dass sich vielleicht realisieren lässt. (Man zeige mir einen neutralen Journalisten und ich widerrufe meine Aussage. Bis dahin: Ein guter Journalist ist einer, der weiß, dass er nicht neutral ist, damit umgeht und Konsequenzen zieht).
Und hier sind wir bereits in einer ganz grundlegenden Diskussion gelandet. Der ethische Journalist vs. der (Boulevard-)Journalist, der sich an den Problemen anderer ergötzt und an ihnen verdient. Selbst wenn beide über exakt das gleiche Thema berichten, unterscheidet sich neben dem Warum auch das Wie gewaltig voneinander.
Ich spreche über Islamophobie, Sexismus, Homophobie und Rassismus in der Gesamtgesellschaft vor der Gesamtgesellschaft. In einem muslimischen Medium hingegen würde ich nicht pauschalisierend darüber schreiben, wie islamophob die Deutschen doch seien.
Über Sexismus und Homophobie innerhalb der muslimischen Communities spreche ich vor muslimischen Publikum (und da es auch innermuslimisch Rassismus gibt, spreche ich auch dort über Rassismus). In einem nichtmuslimischen Medium würde ich hingegen nicht pauschalisierend darüber schreiben, wie homophob die Muslime doch seien. Denn ich habe ein ernsthaftes Interesse an der Lösung dieser Missstände.
Habe ich deshalb zwei Gesichter? In den Augen mancher: sehr wahrscheinlich. Aber zumindest zwei Gesichter der gleichen Medaille.
Um die Frage des Wie und Wo noch mal an einem Beispiel zu erläutern: In Medien, die sich durch islamophob-populistische Artikel einen Namen gemacht haben, würde ich unter keinen Umständen über innermuslimische Probleme schreiben. In (meiner Meinung nach) ausgewogenen Qualitätsmedien jedoch sehr wohl, allerdings im Versuch reflektiert, tiefgehend und lösungsorientiert an das Thema heranzugehen. Und in einem muslimischem Medium würde ich über das innermuslimische Problem nicht nur schreiben, sondern auch schön auf die Kacke hauen.
Also: Scheue ich mich innermuslimische Probleme anzusprechen? Nein, nein, nein, nein und nein. Um nur Taz-Kolumnenbeispiele zu nennen.
Es geht nämlich um das Wie, Wo und auch: Warum.

SOMETIMES UNLESS

Sometimes, to your surprise, black becomes white.
Sometimes it is you that has changed and not the world.
Sometimes your heart is that does not see beauty.

Sometimes, to your surprise, white becomes black.
Sometimes it is the world that has changed and you are who has stayed the old, the same.
Sometimes your mind is that does not see beauty.

Sometimes seems so meaningless
- unless Always and Never leave you.

drawing (by me) inspired by paolo viviani.