MITTELMÄßIG

Was ich außerdem loswerden wollte: Das vorletzte Süddeutsche Zeitung Magazin ist hervorragend. Heft 45/2008 “100 unter 100″. Wunderbare Themen wie: Was denken seine Nächsten über den neuen SPD-Kanzlerkandidaten Steinmeier? (schöne Idee), das Geheimnis von Scheidegg (Der Bankangestellte Fridolin Pfanner verschwindet urplötzlich und spurlos. Was mit ihm geschah), der schlechteste Talentscout auf Erden und Donna Leon über Internationalen Tourismus bzw. Terrorismus (der tollste Versprecher ever).
So, da fragt sich der aufmerksame Leser: Wenn das Heft so toll ist, warum nennt Kübra diesen Post dann “mittelmäßig”?
Mittelmäßig ist exakt das Gefühl, das man hat, wenn man dieses Interview mit einem Genie liest.

Und dann gibt es noch etwas, was ich nicht im Netz finde, was man sich also hätte letzte Woche kaufen müssen. Einfach genial. Einfach traurig.

“Der tödliche Witz” ist Titel. Untertitel: “In den letzten acht Jahren haben wir uns daran gewöhnt, George W. Bush einfach als tapsigen Clown zu belächeln. Dabei sollten wir nicht vergessen: Wenn er im Januar sein Amt abgibt, wird der Clown mindestens 100.000 Menschen auf dem Gewissen haben – die Toten der Kriege, die er während seiner Amtstzeit angezettelt hat.” Und dann steht da noch “Eine Übersicht”.
Man schaut auf die rechte Seite und sieht lauter kleine Männchen. Jedes Männchen steht für einen Toten. Auf der ersten Seite sind 7000 Männchen für getötete Zivilisten in Afghanistan, 1000 Männchen für gefallene Soldaten in Afghanistan und der Rest, fast 3/4 der Seite, ist voll mit Männchen für zivile Opfer im Irak. Die Zahl: 88.400. Erschreckenderweise sagt mir die Zahl nichts, und auch die Seite voller Männchen löst noch keine nennenswerten Gefühle aus. Zu abgehärtet.
Dann blätter ich weiter: Noch mehr Männchen – 1 1/2 Seiten voll. Ein eiskalter Schauer läuft mir über den Rücken.
Die nächste Seite: Wieder voll.
Die nächste Seite: Wieder voll. Ich kann es nicht glauben. Wieviel sind 88.400? Ich schaue mir die Seite genauer an. Jedes Männchen ist eine Geschichte, ein Schicksal, ein Vater, ein Kind, eine Mutter, eine Freundin, ein Nachbar, ein Mensch.
Ein letztes Mal blättere ich: Noch mehr tote Zivilisten. Den letzten Drittel der Seite bilden gefallene Soldaten im Irak.

Nachtrag: Klickt hier. Schockierend.

EMEL, DUSSELDORF, NYT UND FREMDGEHEN

Jetzt, wo der Hausarbeitenstress beendet ist, Dinge, die in meinem Kopf herumschwirrten:

EMEL 50th ISSUE
Das muslimische Lifestyle Magazin aus London hat nun ihre Golden-Edition herausgebracht, weil 50. Ausgabe. Und ich war dabei! Aber: Meine Lieblingskolumnistin hört auf. Weil: Thema der Kolumne war das aufregend chaotische Singledasein in orientalischer Kultur (also Heiratskandidaten, die plötzlich neben Mama und Papa auf der Wohnzimmercoach sitzen; arrangierte Dates von Mama und ihren Freundinnen; arrangierte Dates von den eigenen Freundinnen; muslimisches Speed-Dating (Ja, das gibt es!!)) Und da sie nun endlich Mr. Perfect gefunden hat, findet mit dem Singelsein auch die Kolumne ihr Ende.
In der Reportage “Celebrating Best of Britian” werden random Muslime im Arbeitsalltag vorgestellt – vom British Airways-Piloten über die Polizistin bis hin zur Kopftuchtragenden Lehrerin.

Wo wir beim nächsten Thema wären: (Achtung Ironie)

In Düsseldorf sind Baskenmützen verboten. Jedenfalls dann, wenn man muslimische Lehrerin ist und die Baskenmütze als Surrogat für das Kopftuch verwendet. Deutschland ist nämlich ein Land, in dem Staat und Kirche strikt getrennt werden. Und weil wir konsequent sind, bleiben die Nonne und das Kreuz im Klassenzimmer, das Kopftuch und das ultimative Symbol der Unterdrückung, die Baskenmütze, müssen draußen bleiben.
Nachtrag: Hier schrieb man auch schon zu diesem Thema.

Ich hatte Collin Powell schon mal zitiert. Er sagte: “Is there something wrong with some seven-year-old Muslim-Amercian kid believing that he or she could be president?”
Und ich frage: Is there something wrong with some seven-year-old Muslim-German girl believing that she could be a teacher? Obviously yes in Dusseldorf.

Apropos Muslim-Americans:
Die New York Times schrieb diesen sehr interessanten Artikel und drückte damit aus, was ich fühlte, aber nicht aussprach.

Und sonst:
Ich habe überlegt umzuziehen. Nach WordPress. Weil ich auch so eine Tagwolke haben will. Nach ein bisschen Herumschnüffeln, ging ich fremd. Doch ich bereue, denn mein aktuelles Layout ist doch ganz schniecke. Nur mein Adresse finde ich zu lang. Was kann ich tun? Wer kann mir helfen?


YES WE CAN

Unglaublich. Als ich die allerersten Wahlergebnisse der ersten Bundesstaaten sah, da bin ich doch glatt vom Hocker gefallen: Es stand 8 zu 3 für McCain! Ich wollte schon weinen, da flatterten die Ergebnisse weiterer Staaten in die nächtlichen Studios des ZDF und ARD: Obama gewann einen Staat nach dem anderen, zügiger und zügiger. Es ward eine wunderbare Nacht. Mit Monsha und Vana war ich sehr lange hier. Bis vier Uhr etwas hockte ich im Bett mit Laptop auf dem Schoß und Claus Kleber aus Washington auf dem Schirm. Irgendwann wurde mir die Moderation zwar langweilig, meiner Euphorie konnte jedoch nur die Müdigkeit etwas abtun.
Vier Stunden Schlaf später hörten meine Schwester und ich uns begeistert diese Rede an:


CHANGE HAS COME TO AMERICA

YEYY: OBAMA IS THE 44th PRESIDENT OF THE UNITED STATES OF AMERICA!

Sahnehäubchen wäre gewesen, wenn ich nach 1 1/2-Stunden Schlangestehen ein Obama-Button ergattert hätte und kein McCain-Button…

ICH WILL AUCH


Uns bleibt zwar nur wenig Zeit, trotzdem fordere ich:
Die ganze Welt sollte den “Weltpräsidenten” mitwählen dürfen! Wahlrecht für alle!

Vier Tage noch. Die Castingshow “Amerika sucht den Präsidenten” (ASDP) neigt sich dem Ende. Finale ist Dienstagabend und weil es bei Castingshows der Zuschauerzahlen wegen immer spannend zugehen muss – ergo: es keinen klaren Favoriten geben darf – schießen Artikel mit Titeln wie “Obamas Vorsprung schrumpft” aus dem Boden und die Welt bangt. Immer häufiger muss ich daran denken, was Martin Klingst in der ZEIT der letzten Woche (44/08) schrieb:


(…) Ein anderes Ergebnis wäre fatal. Ein Demokrat, ein aufgeklärter, sozialer Politiker, kein Staatsverteufler, erstmals ein Afroamerikaner, überdies einer, der auf Hawaii und in Indonesien aufwuchs, sich in den Slums von Chicago um Arbeitslose kümmerte und den Globus nicht durch die Brille des Ideologen sieht – ein solcher Präsident wäre Amerika und uns gerade jetzt zu wünschen.



Der Super-GAU an der Wall Street, die Krise des Kapitalismus und die Renaissance staatlicher Intervention haben der Welt dramatisch vor Augen geführt: Unser aller Schicksal bleibt mit dem der Vereinigten Staaten auf das Engste verbunden. Wer oder was gerade gerettet werden soll, die Banken, der Irak oder die schmelzenden Pole, ohne Amerika geht es nicht. Dessen Staatschef ist deshalb auch immer ein bisschen ein Weltpräsident. Selbst wenn Washington an Macht verlieren wird, noch gilt: Vom Umweltschutz über den Freihandel bis zum Kampf gegen den internationalen Terrorismus – was der Herr im Weißen Haus tut oder lässt, berührt alle. Deshalb fiebern bei dieser Wahl so viele Menschen mit und hoffen auf einen Präsidenten, der dieser aus den Fugen geratenen Welt eine neue Ordnung geben kann. Nicht im arroganten Alleingang, sondern im Konzert mit anderen. (…) (weiter hier)


(Hervorhebungen von mir)


Wenn der amerikanische Präsident also “Weltpräsident” ist und unser Leben “berührt”, dann ist es nur gerecht, wenn wir – die Weltbürger – mitwählen dürfen in den USA und höchstpersönlich sicherstellen, dass CHANGE stattfindet.
Wie Kleber sagte, ist ungewiss wie die Wahl ausgeht. Keiner weiß, was weiße Wähler wirklich tun, wenn die Wahlkabinen zu und für Vorteile alle Möglichkeiten offen sind.

WENN MCCAIN GEWINNT

ist Claus Kleber schuld – berichtete ZDFheute.

Wer hat am Mittwoch (29.10.) ZDFheute gesehen? Bitte hier nachholen, wenn noch nicht geschehen.

MoveOn.org haben nämlich ein Video produziert, das eine fiktive Nachrichtensendung zeigt, in der sich verschiedenste Person über X aufregen, weil X verschlafen, am 04. Nov nicht gewählt hat und damit mit für die Nierderlage Obamas verantwortlich ist. Eine furchtbare Dystopie.

Dieses Video kann man ganz einfach an Freunde verschicken, indem man für X den Names des Freundes einträgt. Zack wird das Video dem Namen angepasst und sieht dann zB so aus. Schon über 11.622.650 Mal wurde das Video customized! (Stand: Samstag 13:05)

Und hier könnt ihr selber mal Loser der US-Nation werden.
Die Obama-Wahlkampagne gehört – ich kann nur papageien was alle anderen schon etliche Male gesagt haben – zu den kreativsten, innovatisten und klügsten Wahlkampagnen der Geschichte!

Übrigens: Dieser esoterische Verschwörungstheorie-Verlag, der die Anzeige im Cicero geschaltet hat, schreibt sowas über Obama und vertreibt auch dieses Buch

SAMSTAGMORGEN 9UHR

Heute bei der Samstagmorgen-Lektüre des Cicero habe ich mich so richtig willkommen gefühlt.

Ganz entspannt las ich die Novemberausgabe des Cicero zu Ende und entdeckte auf der vorletzten Seite eine Anzeige. Nicht irgendeine sondern diese hier. Ausgerechnet im Cicero – “Magazin für politische Kultur” – von der ich mehr Seriösität auch in der Anzeigenakquise erwartet hätte.
Einfach nur peinlich und furchtbar enttäuschend. Toll.

Nachtrag: Und ich konnte es mal wieder nicht lassen, gleich herumzurecherchieren und weiterzulesen. Auf fürchterlichen Webseiten bin ich gelandet. Alle Einwanderer sind Muslime, alle Muslime sind Einwanderer – das ist nur das Grundgerüst ihres schrecklichen Schubladendenkens.

Nach-Nachtrag: Ich werde mein Cicero-Abo kündigen…

Nach-Nach-Nachtrag: Hiermit geschehen.

APOCALYPSE NOW


Oh, ein wunderbarer Text auf Seite 50 des aktuellen (dreiundvierzigsten) Süddeutsche Zeitung Magazins.
Axel Hackes Kolumne auf der vor-vor-letzten Seite des SZ-Magazins lese ich so furchtbar gerne, dass ich all die anderen tollen Texte auf den 49 Seiten davor nur flüchtig lese um ganz schnell auf Seite 50, zur Kolumne, zu gelangen. Dieses Mal fiel es mir besonders leicht, denn das Titelthema “Das ÄBC der Berge – 26 Gründe, den nächsten Urlaub ein paar Höhenmeter weiter oben zu verbringen – von Ätna bis Zugspitze” ist so gähnend langweilig – ich kann mich an kein anderes so uninteressantes Thema im SZ-Magazin erinnern, nicht einmal im Sommerloch – und so habe ich 34 Seiten in 10 Sekunden verschluckt/überflogen/erfolgreich ignoriert. Ja und dann war ich erst einmal enttäuscht als ich bemerkte: Wie sonst überall auch in der Zeitungs-/Magazinwelt ist wieder einmal das Thema die blöde Finanzkrise. Soll nicht heißen, man solle nicht davon berichten. Nur bitte nicht in meinen Lieblingskolumnen und Magazinen – dachte ich. Doch Herr Hacke schrieb und ich konnte nicht anders und musste mich kugeln vor Lachen.

Also bitte unbedingt lachen und die schönste Kolumne zu dem Thema Finanzkrise kesen. Apocalypse now. Hier.

Bildcredit: sz-magazin.sueddeutsche.de
Zu sehen ist Axel Hacke, der jeden Freitag auf der vor-vorletzten Seite des SZ-Magazins die Leserschaft mit Anekdötchen aus seinem Leben beglückt.

Nachtrag: Doch eigentlich ist es besser, man weiß nicht, wie ein Kolumnist in Wirklichkeit aussieht. Also zack, vergesst das Bild.