MEIN HERZ TANZT. DANKESCHÖN.

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Liebe Herzensmenschen,

Ich danke euch. Ich danke euch sehr für die große, herzliche und moralische Unterstützung in den letzten Monaten, die mich sehr berührt, bewegt und in meinem Weg bestärkt hat. Ohne euch, eure bestärkenden Worte und Spenden hätte ich diesen Weg nicht so gehen können.

Einige haben es mitbekommen: Nach einem Artikel im Magazin Emma, der zahlreiche Unwahrheiten und Unterstellungen enthielt, hatte ich Anfang des Jahres beschlossen, juristisch dagegen vorzugehen und eine Unterlassungsklage einzureichen. Inzwischen ist das Urteil rechtskräftig. Das Gericht urteilte in den für mich wesentlichsten Punkten (Zitate, die mir in den Mund gelegt worden sind; angebliche Verharmlosung von Salafismus; die Behauptung, ich hätte zu Missbrauchsvorwürfen gegen einen muslimischen Wissenschaftler geschwiegen), dass diese allesamt falsche Tatsachenbehauptungen sind. Ein für mich riesengroßer Erfolg! Es lohnt sich, sich zu wehren. Es lohnt sich, seine Rechte wahrzunehmen. (Ein paar mehr juristische Details für Interessierte findet ihr unten.)

In diesem Prozess habe ich einmal mehr gespürt – ich bin nicht alleine. Wir sind nicht alleine. Feminist_innen, Anti-Rassist_innen, sogenannte “Gutmenschen” und viele andere, die für eine plurale, offene Gesellschaft einstehen, sind derzeit unter Beschuss. Mir ist klar, weshalb: Die Welt ist komplexer als die Kategorien, in denen bislang häufig gedacht worden ist. Ich kann deshalb sogar nachvollziehen, dass Menschen, die mich nicht klar in einfache, althergebrachte Schubladen einordnen können, irritiert sind und dass diese Ambivalenz mancherorts Abwehr erzeugt.

Was ich aber nicht dulden muss, was niemand dulden muss, sind Diffamierungen, Lügen, Hass und Hetze.

Ich hatte beschlossen zu klagen, denn weder das Internet noch unsere mediale Öffentlichkeit sind rechtsfreie Räume. Wir haben Rechte. Ich habe Rechte. Und davon muss ich Gebrauch machen. Insbesondere deshalb, weil ich sehe, dass mein Nicht-Wehren auch andere zur Zielscheibe macht, die weniger privilegiert sind als ich es bin. Die es nicht so leicht haben, sich zu wehren.

Auf diesem Weg habe ich sehr viel gelernt – viel über unser juristisches System, viel über die überwältigend bunte Solidarität, die ich erfahren durfte und die mein Herz noch immer tanzen lässt, viel über das Leben, viel über das, was mir ganz persönlich, im Kleinsten, als Mensch, wichtig ist. So habe ich etwas gelernt, von dem ich als Engagierte, als Mitfühlende dachte, dass es mir nicht möglich ist. Und doch lernte ich: Ganz egal, was auf dieser Welt geschieht – politisch oder gesellschaftlich – es muss den Engagierten, den Aktiven, möglich sein, ganz persönlich, im Innersten, absolute Ruhe und erfülltes Glück zu empfinden. Denn die Welt zu einer besseren, gerechteren machen zu wollen, ist ein Marathon, kein Sprint. Keine Lebensaufgabe, sondern eine Aufgabe, für die es mehrere Generationen braucht.

“To make injustice the only measure of our attention is to praise the Devil”, schrieb Jack Gilbert in einem Gedicht. Und hat recht damit.

So bin ich dankbar, diesen Weg gegangen zu sein. Auch dank Euch konnte ich ihn erfolgreich gehen.

Und nun mache ich mich auf in die Pampa, um an meinem Herzensprojekt, meinem Buch weiterzuschreiben.

Derweil machen wir alle weiter. Selbstbewusst. Nuanciert. Konstruktiv. Bunt. Plural.
Und mit ganz viel Herz.

Ich danke euch. <3

PS: Eine ausführliche Replik von der Journalistin Melanie Christina Mohr auf den unsäglichen Artikel in der Emma (Januar/Februar-Ausgabe) findet sich hier.

Für Interessierte, ein paar mehr Worte zu dem Juristischen:

Die juristische Unterscheidung zwischen zulässiger Meinung und unzulässigen Tatsachenbehauptungen ist diffizil – Gerichte streiten sich darüber jahrelang. Das Grundgesetz gewährt der Meinungsfreiheit zu Recht einen sehr weiten Raum und erachtet auch polemische, übersteigerte, irrationale und scharfe Kritik als schützenswert, nicht aber unwahre Behauptungen.

Die EMMA hatte in drei Fällen die Grenzen der zulässigen Kritik überschritten, wie das Landgericht Stuttgart nun rechtskräftig feststellte: So hatte EMMA mir Aussagen über Integration in den Mund gelegt, die ich nie getätigt hatte und die mich deshalb – so das Landgericht – in meinem „sozialen Geltungsanspruch beeinträchtigen“ und mich in meinem Persönlichkeitsrecht verletzen.

Bezüglich eines weiteren Vorwurfs, in dem die Emma mir ein Zitat meiner Interviewpartnerin über Salafismus zuzuschreiben versucht hatte, befand das Gericht: „Die Äußerung verletzt die Klägerin in ihrem allgemeinen Persönlichkeitsrecht, weil sich für die Wahrheit des Tatsachenkerns keine Anknüpfungstatsachen finden lassen.“

Auch in dem Vorwurf, über Missbrauchsvorwürfe zu schweigen, sah das Gericht schließlich eine „unwahre Tatsachenbehauptung“ der Emma, die mich in meinem Persönlichkeitsrecht verletzte.

Und was ist mit den übrigen vier Aussagen, gegen die ich mich wehrte?

Das Gericht sah diese (u.a. die Behauptung, wir “#ausnahmslos-Frauen” würden “jeden des ‘Rassismus’” bezichtigen, der darauf aufmerksam macht “dass es sich bei den Tätern” der Kölner Silvesternacht 2015/2016 “überwiegend um junge Männer aus traditionell patriarchalen und islamistisch verhetzen Ländern gehandelt habe“ oder die Behauptung, ich würde mir anmaßen, für alle Frauen aus dem muslimischen Kulturkreis zu sprechen) als gerade noch zulässige Meinungsäußerungen und Bewertungen, bei denen die Presse- und Meinungsfreiheit im Ergebnis überwog. Das Gericht hielt diese Aussagen nicht für wahre Tatsachen, sondern allenfalls als „Meinungsäußerung mit Tatsachenkern“.

Solche Meinungen ließen sich laut Gericht nicht „im Wege des Beweises als wahr oder unwahr feststellen“. Dafür sei der Gehalt der Emma-Behauptungen schlicht zu „substanzarm“ – und das Gericht legte sie letztlich, nach dem Grundsatz „im Zweifel für die freie Rede“, meinungsfreundlich aus.

10 PUNKTE, EINMAL, FÜR ALLE.

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Liebe Interessierte,

in den letzten Tagen versuchte man mir Anhängerschaft zu verschiedenen Parteien und Organisationen anzudichten. Mich enttäuscht der Argwohn, das Lagerdenken und das Unvermögen Differenziertheit zuzulassen. Doch das sagt viel aus über unser Jetzt. Unsere Gesellschaft. Uns.

Deshalb, einmal für alle.

1. Die Türkei-Expertin
Bloß weil gerade die Türkei in aller Munde ist und ich türkeistämmig bin, muss ich nicht die Türkei-Expertin spielen und mich darüber profilieren. Als Muslima spreche ich ohnehin über den Islam, so entschied ich vor Jahren nicht vollends im Klischee enden zu wollen. Deshalb kommentierte ich die Türkei kaum. In den sehr seltenen Fällen, wo ich das tat, versuchte ich ausgewogen, konstruktiv, kritisch zu sein.

2. Das Lagerdenken
Ich bin weder pro dies, noch pro das. In meiner Person und Arbeit vereine ich mehrere Identitäten und Ideale, die in allen politischen Lagern der Türkei (aber nicht nur dort) auf die eine oder andere Art und Weise anecken, wenn nicht gar fundamental widersprechen.

3. Die Solidarität
Statt in Lagern denke ich in Solidaritäten. Ich verstehe mich solidarisch mit unterdrückten Minderheiten, dazu zählen ethnische, religiöse und andere – überall auf der Welt. Das friedliche Miteinander mit unterschiedlichen Minderheiten ist mir ein wichtiges Anliegen. Das ist aber ein Prozess – denn so sehr man diese Ideale für sich selbst setzt, Solidarität bedeutet im ersten Schritt: Zuhören, zuhören, zuhören. Lernen, lernen, lernen. Und einsehen, dass man in bestimmten Kontexten zu den Privilegierten gehört – und den Luxus hat, Themen und Missstände nicht verfolgen zu müssen, ignorieren zu können.
Dabei müssen Solidaritäten immer wieder neu ausgehandelt werden. Auf dem Weg dahin, werden wir anecken, verletzt sein, vielleicht verletzen. Aber letztlich müssen wir uns diese Aushandlungsprozesse zugestehen. Daran arbeiten.

4. Die Reifezeit
Ich habe limitierte Kapazitäten. Kann nicht auf jede Mail sofort reagieren, zu allem Stellung beziehen und meine Meinung kundtun. Denn, das wird jetzt einige überraschen, ich bin ein Mensch. Keine Institution. Ich habe keinen Stab an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die für mich das Weltgeschehen dokumentieren und zusammenfassen, damit ich mir eine differenzierte Meinung bilden kann, die ich dann nach Außen kommuniziere.
Tatsächliche, eigene Meinung braucht Zeit. Sie muss reifen. Und die nehme ich mir, denn ich habe Ansprüche an mich. An das, was ich in die Welt setze.

5. Außerhalb der Kreise
Ich bewege mich außerhalb von Parteien, außerhalb von organisierten Religionsgemeinschaften, außerhalb von ideologischen Denkstrukturen & jedweden Gruppierungen. Ich folge keiner Meinung, gehöre keinem Lager an – sondern versuche aus der Menge an Informationen meine eigene Position zu bilden. Das bedeutet: Viel Zeit, viel Energie und viel Aufwand.

6. Innerhalb der Kreise
Ich rede mit verschiedenen Gemeinschaften, um die Werte, die ich vertrete, auch dorthin zu tragen. Um einen Diskurs mitzugestalten. Damit Veränderung stattfinden kann. Missstände behoben werden können. Nur das erscheint mir konstruktiv. Nur das erscheint mir konsequent. Denn lediglich Kritik aus der Ferne zu äußern, ist keine Lösung.

7. Meine Schwäche, mein Weg
Bei jeder Kritik, die ich äußere, versuche ich stets konstruktiv zu sein. Auch Teil der Lösung zu sein, eine Lösung anzustoßen. Das war immer mein Ideal, mein Ziel. Das Ausruhen auf dem Sessel der Kritikerin lag und liegt mir nicht. Meine Schwäche ist: Ich mag Harmonie. Und darauf ziele ich bei all meiner Kritik, Diskussion und Problematisierung an.
Das mag manch einer naiv finden. Manch einer nicht kämpferisch genug, schwach, dumm, unfeministisch, etc. Mit den Jahren habe ich das Selbstbewusstsein gewonnen, zu wissen, dass diese Schwäche mich ausmacht und – wenn auch nicht in jedem Kontext – meine Stärke geworden ist. Ich respektiere und ehre all jene, die für die gute Sache einen der vielen anderen Wege einschlagen.

Aber, dieser Weg ist meiner.

8. Die Differenzen
Auf diesem Weg bemühe ich mich darum Diffamierungen einzelner, (öffentliche) Lästereien, Kritik unter der Gürtellinie, grundlose/überzogene/vermeintliche Kritik zu umgehen, mich nicht auf dem Rücken derer zu profilieren, die weniger Stimme, Privilegien und Einfluss haben als ich, mich von der Wolke unserer beizeiten giftigen Internetdiskussionskultur und dem Gesinnungskult fernzuhalten.

9. Das Glück im Streben
Ich weiß, dass meine Ideale lediglich Ideale sind. Dass die Umsetzung dieser ein Weg ist. Und weil der Weg das Ziel ist, weil die Haltung nicht nur am Inhalt, sondern auch im Ton, dem Paket, deutlich wird, habe ich mich dafür entschieden auch auf dem Weg zum Ziel glücklich zu sein. Mein Glück nicht auf das Ziel zu verschieben.

10. Die Illusion
Das Internet suggeriert uns, Schnelligkeit sei eine Qualität. Lautstärke sei Relevanz. Und Kritik an und für sich eine Tugend.
Ich habe gelernt, dass dem nicht so ist. Es ist nicht einfach, diesem Wissen im Internet treu zu bleiben. Und ich weiß, dass viele Tausende andere es ebenso versuchen. Das Internet kann unser hässlicher Spiegel sein. Vorbote dessen, was uns womöglich offline erwarten. So wie wir ihn unerträglich machen, können wir ihn erträglich machen. Respektvoll, friedlich, kritisch, differenziert, reflektiert.

DICHTUNG & WAHRHEIT – FAQ

Seit Jahren erfahre ich immer wieder die gleichen Vorwürfe, die sich mitunter gegenseitig ausschließen. Für die einen ist mein Einsatz für eine plurale Gesellschaft, meine konstruktive Kritik an Regierungen oder Missständen in religiösen Gemeinschaften Apostasie, für andere Apologie – für die einen bin ich eine abtrünnige Ungläubige, für andere ein islamistisches U-Boot. Für die einen bin ich Unterstützerin des Patriarchats, weil ich ein Kopftuch trage, für die anderen bin ich keine „richtige“ Muslimin, weil ich mich beispielsweise für Feminismus und die Rechte von LGBTQ einsetze. Und wieder andere fragen vorwurfsvoll, wieso ich keine Kritik üben, mich nicht einsetzen würde. Irritierend.

In diesem Dokument fasse ich die derzeit häufigsten Argumentationsketten zusammen und widerlege sie mit konkreten Beispielen. Gegen aus meiner Sicht besonders grobe Falschzitate, böswillige Anschuldigungen und Verleumdungen gehe ich inzwischen juristisch vor.

1- Wofür ich stehe

Ich stehe für eine liberale, plurale Gesellschaft, für ein friedliches Miteinander, Freiheit und Gerechtigkeit – gegen Hass, Hetze und Diskriminierungen jeglicher Art.

Ich kann in eine “konservative” islamische Gemeinde gehen und mit ihnen über Antisemitismus und Sexismus sprechen, und das als Feministin, als Antirassistin, als jemand, die für LGBTQ-Rechte einsteht, weil diese Menschen wissen, dass es mir nicht um öffentliche Aufmerksamkeit geht. Damit ich das kann, ist es aber wichtig, dass ich sie nicht öffentlich stigmatisiere – sondern konstruktiv kritisiere. Gerade für diese konstruktive Kritik werde ich eingeladen.

2- Preaching to the choir

Ich könnte es mir einfach machen und nur zu einem Publikum sprechen, das diese Werte ohnehin vertritt. Das wäre deutlich einfacher. Aber mir liegen die Themen, für die ich stehe, sehr am Herzen und ich will Veränderung bewirken. Ich rede mit den Menschen, um die es geht.

Und deshalb nehme ich vereinzelt Einladungen von Organisationen an, die eine wichtige Rolle in den islamischen Gemeinschaften einnehmen – auch wenn sie Positionen vertreten, die in meinen Augen sehr problematisch oder unvereinbar mit meinen eigenen Werten sind.

Dass ich islamische Organisationen nicht abblocke und öffentlich nicht über sie herziehe, ist nicht gleichbedeutend mit Nähe und Zustimmung. Denn:

3- “mangelnde innermuslimische Kritik”

Wenn ich zu islamischen Organisationen eingeladen bin, dann übe ich selbstverständlich Kritik, spreche über Missstände in den Gemeinden und motiviere sie, dagegen vorzugehen – gerade als gläubige und spirituelle Menschen. Das ist aus meiner Sicht die eigentliche innermuslimische Kritik.

Beispiele aus Vorträgen für ein muslimisches Publikum:

2016: Bei meinem Vortrag bei Milli Görüs im Rahmen der Internationalen Woche gegen Rassismus sprach ich u.a. über Diskriminierung in islamischen Gemeinden und die Notwendigkeit, sich für die gesamtgesellschaftliche und innermuslimische Pluralität einzusetzen, so beispielsweise für LGBTQ.

2016: Bei meinem Vortrag bei Vereint im Islam mit dem Titel “Agieren statt Reagieren” ermahnte ich das Publikum, Probleme, die mit dem Islam begründet werden, nicht einfach rhetorisch abzuwehren, sondern aktiv dagegen vorzugehen. Hier ein Auszug aus meinem Skript:

“Gibt es Muslime, die zu Terroristen werden? Ja
Gibt es Sexismus unter Muslimen? Ja
Gibt es Antisemitismus unter Muslimen? Ja
Gibt es muslimische Männer, die ihre Frauen schlagen? Ja
Gibt es unter Muslimen Ehrenmorde? Ja
Gibt es Muslime, die gezwungen werden ein Kopftuch zu tragen, unter Zwang eine Ehe einzugehen? Ja
Ja. All das gibt es.
Was kann man tun?
Es hilft nicht nur zu sagen: „Das hat nichts mit dem Islam zu tun.“
Denn viele dieser Menschen nutzen gerade den Islam, um ihre Schandtaten zu rechtfertigen.
Unsere erste Aufgabe ist es selbstverständlich innerhalb der Community dagegen vorzugehen.
Tun wir genug gegen den sozialen Druck innerhalb unserer Communities? Gegen den Missbrauch des Islams für nicht-islamische Praktiken? Gibt es ausreichend Anlaufstellen in muslimischen Gemeinden für Frauen und Männer, die Gewalt und Diskriminierung erfahren? Für Eltern, die sich um die Entwicklung (gemeint ist Radikalisierung) ihre Kinder sorgen?”

2017: Bei meinem Vortrag bei der Jungen Islam Konferenz ermutigte ich die Jugendlichen, sich nicht auf ihre religiöse Identität (zu) reduzieren (zu lassen) und dabei aktiv solidarisch mit anderen Minderheiten, wie beispielsweise LGBTQ oder jüdischen Communities, zu sein.

2017: Bei meinem Vortrag im Hamburger Ramadan Pavillon sprach ich darüber sich insbesondere in diesem heiligen Monat mit Missständen innerhalb der Gemeinden zu beschäftigen. Sexismus, Gewalt gegen Frauen (Bsp Jahrestag von Hatun Sürücü), Homofeindlichkeit und vielen anderen Themen und Missständen. Meinen vollen Vortrag können Sie hier nachlesen.

2017: Das Münchner Forum für Islam lud mich gezielt zum Thema “Innerislamische Toleranz” ein. Darin geht es um den Sexismus, den Frauen erfahren, um die Obsession mit dem Kopftuch, Rassismus, Homofeindlichkeit und viele andere Themen. Mein Vortrag dort ist online nachzusehen.

Trotzdem bleibt ein Großteil der Arbeit von muslimischen Feminist_innen und Frauenrechtler_innen unsichtbar für die Öffentlichkeit. Über “die Arbeit im Stillen” habe ich in der Taz einen ausführlichen Essay geschrieben.

4- “Nähe zu Milli Görüs”

Begründet wird der Vorwurf mit dem Vortrag in 2016 und einer Kolumne aus 2012 mit dem Titel “Beobachtet”. Wie in Punkt 2 und 3 beschrieben, befasste sich der Vortrag im Rahmen der Internationalen Woche gegen Rassismus insbesondere mit der Diskriminierung in islamischen Gemeinden und der Notwendigkeit, sich für die gesamtgesellschaftliche und innermuslimische Pluralität einzusetzen, so beispielsweise für LGBTQ. In der Kolumne habe ich nicht Milli Görüs verteidigt, sondern mich kritisch zur Rolle des Verfassungsschutzes geäußert. Hier nachzulesen.

5- “Erdogan & AKP-Nähe”

Es ist perfide und haltlos, mir Parteinahme für die AKP oder Erdogan zu unterstellen. Denn der Vorwurf wird mit sage und schreibe zwei Tweets (siehe unten) aus dem Jahr 2013 begründet. Mit sehr viel weniger Aufwand hätten mir diese Personen auch eine Erdogan- und AKP-Feindschaft nachsagen können.

Hier ist ein Text von mir zu Erdogans frauenfeindlicher Rhetorik, hier ein Text über eine Sexarbeiterin aus der Istanbuler LGBTQ-Community und hier betone ich, dass ich keinem der politischen Lager angehöre.

Während der Gezi Proteste veröffentlichte ich mit Freundinnen eine Petition: Itidal Cagrisi. Darin forderten wir die Regierung dazu auf, mehr Verständnis für die Protestierenden zu haben und ermahnten sie zu Besonnenheit und Mäßigung: Link zur Petition.

Schon im Juni 2013 wehrte ich mich gegen die Vereinnahmung durch andere und kritisierte jene, die aufgrund des Kopftuchs glauben, man wäre eine blinde und unkritische Gefolgin der türkischen Regierung.

Sage und schreibe zwei Tweets dienen dem Vorwurf als Grundlage:

Tweet 1 versendete ich vor Gezi auf einer Konferenz der Vereinten Nationen (UNAOC), bei denen ein Diplomat nach dem anderen langweilige Reden hielt. Tweet 2 ist aus dem Kontext gerissen. Er entstand im Rahmen einer Diskussion (siehe unten), in der ich zu dem Zeitpunkt die Oppositionsparteien als nicht regierungsfähig einschätzte und vorschlug, zunächst die AKP konstruktiv zu kritisieren und parallel die Oppositionsparteien zu stärken.

Doch selbst wenn ich den Tweet so gemeint hätte, wie die Kritiker ihn deuten: Im gleichen Zeitraum schrieb ich Dutzende Tweets, die entweder die AKP Regierung kritisierten, die Gezi Protestierenden verteidigten oder für mehr Verständnis für diese warben. Hier nur eine kleine Auswahl meiner zahlreichen Kommentare und Tweets:

Übersetzung: #DringendDemokratie gebraucht – Die Kritiken, die @cuneytozdemir in seinem Artikel schreibt, sind wichtig, sollten gehört werden. Bitte.

Übersetzung: Seine Vorurteile zu überwinden ist die Verantwortung des Vorurteilenden. Würden Sie sich auf der Straße mit den „Anderen“ unterhalten, dann würden sie viele Menschen finden, die Sie glücklich machen, habe ich gesagt. :)

Übersetzung: Haben wir nicht vergessen. Aber wir haben falsche Lehren daraus gezogen. Die Lehre derer, die Leid erlebt haben, sollte sein, niemals niemandem, nicht einmal ein bisschen Leid zuzufügen.

Übersetzung: Die Menschen beschimpfen einander so als würden sie nicht morgen miteinander leben müssen… Nicht, dass ihr euch morgen schämt?

Übersetzung: So wie ich nicht vergessen habe, wie mein Urgroßvater heimlich im Wald den Kuran unterrichtete, wie meine Mutter nicht zur Universität gehen konnte, werden einige die heutigen Tage nicht vergessen.

Übersetzung: Lasst uns das Morgen gemeinsam aufbauen. Lasst uns nicht Hass und Feindschaft nähren. Lasst uns in jedem Schritt und Wort an unser Morgen denken. Unsere gemeinsame Zukunft…

Übersetzung: Wäre ich in Istanbul, würde ich mich vor die Polizei stellen und sie anflehen, nicht mehr Gas einzusetzen, und würde die Freunde mit eigenen Händen von dort entfernen.

Übersetzung: Eines Tages ging der Wind eine Wette mit der Sonne ein und sagte: “Siehst du den Mann da unten? Schau, ich werde ihm die Jacke ausziehen.” #geziparki

Übersetzung: Ein vorbildlicher Text. Uns wird ehrliche und aufrichtige Eigenkritik zueinander bringen – wenn alle Teile der Gesellschaft sie üben, natürlich.

Übersetzung: Von Sirri Süreyya Önder “Als ein Armenier, ein Kurde und ein Türke eine Pflaume stahlen…” (Link) #Wir lassen uns nicht teilen.

Irritiert durch das kompromisslose Lagerdenken und um meine Haltung aber nochmal zu betonen, schrieb ich nach dem Putschversuch diesen Text beim NDR, wo ich die Reaktion vieler Deutschtürk_innen kritisierte und die Bedeutung der Solidarität mit Minderheiten in der Türkei betonte.

Trotz der großen Anspannung und Polarisierung, setzte ich immer wieder einen konstruktiv kritischen Ton an, beispielsweise durch diese Tweet-Reihe, in der ich die Wahl vieler Deutschtürk_innen zum Referendum kritisierte.

6- Vorwürfe aus dem EMMA Artikel und Interpretationen durch Dritte

Gegen die Vorwürfe im EMMA Artikel der Januar/Februar-Ausgabe gehe ich inzwischen juristisch vor.
Übrigens: Die Journalistin Melanie Christina Mohr hat eine ausführliche Replik geschrieben, die hier zu finden ist.

A – Der Satz “Die Salafisten hätten ‘auch viel Gutes gemacht’” stammt nicht von mir. Es handelt sich hier um ein Zitat einer Schülerin, die an ihrer Schule gegen Salafisten kämpft. Hier nachzulesen. Diese Aussage habe ich auch nicht “zustimmend” zitiert.

B – Natürlich verurteile ich Sexismus und sexualisierte Gewalt in islamischen Gemeinden scharf und klar. Nur als Beispiel, sei auf eine ausführliche Tweet-Reihe, die ich nach Bekanntwerden von Missbrauch in islamischen Gemeinden schrieb. Hier nachzulesen.

C – Ich bewege mich nicht im Kontext oder Umfeld des schiitischen Islamischen Zentrums Hamburg, sondern war lediglich einmal Podiumsgast zum Thema “Muslime und Medien” auf der Einheitskonferenz. Zur Einheitskonferenz laden unterschiedliche islamische Gemeinden in Hamburg jedes Jahr ein, um gesellschaftspolitische Themen rund um den Islam und Muslime zu diskutieren. Es kommen unterschiedlichste Gäste aus Politik, Wissenschaft und Medien. Außerdem: Siehe Punkt 2.

D – Natürlich habe ich nicht zu den Verhaftungswellen in der Türkei geschwiegen, wie man hier in diesem Text oder auch hier in einem von zahlreichen Tweets nachlesen kann. (Außerdem: Verweis auf Punkt 5)

E – Auch habe ich nie behauptet, dass „Integration hochgradig diskriminierend“ sei, da sie einer „Selbstaufgabe der eigenen Identität gleichkomme“. Die Äußerung „integration is highlighy discriminatory” stammt von einer feministischen Aktivistin in England. Ich stellte diese Aussage auf Twitter lediglich als Zitat kenntlich zur Diskussion. Selbstverständlich stehe ich Desintegration entschieden entgegen. Integration muss von allen gesellschaftlichen Teilen bewältigt werden – nicht nur von Migranten und ihren Nachkommen. (Ausführlichere Positionierung, siehe Punkt 7)

Auf Goethe.de folgte ein Interview, wo ich auf dieses Zitat angesprochen wurde.

„[…] Vor Kurzem haben Sie bei Twitter geschrieben: „integration is highly discriminatory“, also „Integration ist hochgradig diskriminierend“. Wie ist das gemeint?

Das ist ein Zitat von einer feministischen Aktivistin hier in England. Es geht um die Frage: Wo ist die Grenze zwischen Integration und Assimilation? Was muss jemand tun, der integriert sein will? Es gibt in Großbritannien eine ähnliche Debatte wie in Deutschland. Ich denke da auch an die Diskussion, die ich mit Thilo Sarrazin in einer BBC-Sendung hatte. Ich habe mich vorgestellt, gesagt, was ich mache, und ihn gefragt: Was wollen Sie von mir? Und er sagte zu mir: „I want you to integrate“. Was soll ich noch tun, damit ich in seinen Augen als integriert gelte? Offenbar ist hier mit Integration Selbstaufgabe gemeint, ein Ablegen der eigenen Identität. […]“

Hier ist die in Bezug genommene Diskussion mit Thilo Sarrazin abrufbar (ab Minute 39).

7 – Meine Position zu Integration

Wenn ich sage, dass man statt Integration Partizipation einfordern sollte, dann nicht weil ich Integration ablehnen würde, sondern weil Menschen erst durch Partizipation letztlich integriert sind. Fatih Akin, Jérôme Boateng, Shermin Langhoff, Dunja Hayali und etliche andere prominente Figuren, die als “integriert” gelten, sind Menschen, die sich eingebracht haben. Eine moderne Integrationspolitik sollte Partizipation möglich machen – u.a. durch Anerkennung, Chancengerechtigkeit und Teilhabemöglichkeit für alle Bürger_innen dieser Gesellschaft, ob in Stadt oder Land, arm oder reich, mit oder ohne Behinderung, mit oder ohne Migrationshintergrund, religiös oder atheistisch.

Selbstredend stellen die Pluralität unserer Gesellschaft, das Grundgesetz, Freiheit, Recht und Ordnung die Rahmenbedingung für Partizipation dar.

8 – Solidarität

Selbstverständlich bin ich solidarisch mit Frauen, die das Kopftuch nicht tragen wollen oder ablegen – immer wieder, in unterschiedlichsten Formen, sei es in meinen Vorträgen oder Texten. Die mancherorts krankhafte, gefährliche Obsession mit dem Kopftuch thematisiere ich immer wieder. Hier ein Text über Freundinnen von mir, die es abgelegt haben. Hier mein jüngstes Posting hierzu. Und hier ein Ausschnitt aus einem meiner vielen Postings zum Thema Kopftuch:
Frauen* können sich für oder gegen das Kopftuch entscheiden. Keine darf aufgrund ihrer Entscheidung diskriminiert werden – von niemandem. Und nochmals: Wir müssen aufhören mit unserer Kopftuch-Obsession – Muslime wie Nichtmuslime. Ich weiß, ich wiederhole mich und ich bin es müde: Ein Kopftuch macht nicht religiös, kein Kopftuch macht nicht ungläubig.

9 – Schlusswort

Feminist_innen, Anti-Rassist_innen, sogenannte “Gutmenschen” und viele andere, die für eine plurale, offene Gesellschaft einstehen, sind derzeit unter Beschuss. Mir ist klar, weshalb: Die Welt ist komplexer als die Kategorien, in denen bislang häufig gedacht worden ist. Ich kann deshalb nachvollziehen, dass Menschen, die mich nicht klar in einfache, althergebrachte Schubladen einordnen können, irritiert sind und dass diese Ambivalenz mancherorts Abwehr erzeugt. Weil sie sichtbare Religiosität nicht mit Emanzipation und dem Einsatz für Gerechtigkeit, eine plurale Gesellschaft und Freiheit zusammenbringen können – oder wollen. Oder jene, die ein Grundmisstrauen gegen Religionen und Religiöse haben.

Ich bin dankbar für die Kritik, die mir dabei hilft, in einem ambivalenten Raum nochmal über meine Antworten nachzudenken und sie stetig und kontinuierlich auszubauen.

Derweil machen wir, mache ich weiter. Selbstbewusst. Nuanciert. Konstruktiv. Bunt. Plural.
Und mit ganz viel Herz.