DIE DEUTSCHEN HAUSTÜRKEN

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Necla Kelek und Thilo Sarrazin am 30. August 2010 auf der Pressekonferenz anlässlich Sarrazins Buchveröffentlichung “Deutschland schafft sich ab” in Berlin (Bildcredit Taz)

Auch als Minderheit hat man Privilegien. Beispielsweise dann, wenn man sich in der Öffentlichkeit bewegt. Dort haben wir eine Deutungs- und Meinungshoheit über unsere Leute, unsere Minderheit. Das ist unsere Geldmaschine. Unsere Macht.

Ich könnte jeden Schwachsinn erzählen, ich würde immer irgendwo Menschen finden, die ihn bereitwillig glauben. Denn wenn ich es sage, „die Türkin“, „die Muslimin“, dann wird es schon stimmen. Ich muss nichts beweisen. Das fängt an bei ironischen Märchen wie: „Na klar duschen wir mit dem Kopftuch“ (schon passiert). Und hört tatsächlich nirgendwo auf. Er geht so weit, wie „der Türke“ oder „die Türkin“ ihn gerne treiben mag.

„Die [islamisch erzogenen, Anm. der Red.] Menschen haben nicht die Fähigkeit, ihre Sexualität zu kontrollieren“, sagte Necla Kelek im ZDF und fuhr fort: „Besonders der Mann nicht, und der ist ständig eigentlich herausgefordert und muss auch der Sexualität nachgehen. Er muss sich entleeren, heißt es, und wenn er keine Frau findet, dann eben ein Tier […].“

Tja, wenn selbst „die Türkin“ (und wenn sie Lust hat, auch „die Muslimin“) Kelek erzählt, dass muslimische Männer ihre Sexualität an Tieren entleeren, dann muss es halt stimmen. Und ganz egal, was die UNO kürzlich dazu sagte – Thilo Sarrazin kann kein Rassist sein, weil „die Türkin“ Kelek doch eifrig nickte, bei seiner Buchveröffentlichung mit am Tisch saß. Wenn selbst „die Türkin“ ihm zustimmt, dann hat er sicher recht. Continue reading

ÜBER DEN BEGRIFF “HAUSTÜRKEN”

Mit “Die imaginären Haustürken” hat Anatol Stefanowitsch einen klugen und kritischen Kommentar zu meiner letzten Kolumne in der Taz “Die deutschen Haustürken” geschrieben. Deshalb möchte hier auf meinem Blog darauf eingehen. In seinem Kommentar kritisiert er die Verwendung des Begriffs “Haustürken.”

Seine erste Kritik bezieht sich auf den historischen Zusammenhang. Nachdem er den Zusammenhang und die Berechtigung der Nutzung dieses Begriffs durch Malcolm X erklärt, fährt Stefanowitsch wie folgt fort:

Tatsächlich aber dürften wenigstens Zweifel an der Existenz einer großen Zahl von „Onkel Toms“ angebracht sein. (Quelle: “Die imaginären Haustürken”)

Ich denke nicht, dass die Zahl der “Onkel Toms” in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist, da es sich um eine Typologisierung einer Mentalität handelt.

Auch Haussklaven waren Sklaven, die ausgebeutet und missbraucht und ohne Rücksicht auf Familienbeziehungen ge- und verkauft wurden. Die Idee, dass sie das nicht durchschaut und sich stattdessen in großer Zahl mit ihren Peinigern solidarisiert haben, dürfte eher (weißen) medialen Darstellungen als der Wirklichkeit entspringen. Zumindest verbietet es sich, die Narrative unreflektiert zu übernehmen und auf andere Zusammenhänge anzuwenden, wie Gümüsay das tut. Spätestens mit dieser Übertragung akzeptiert man den Wahrheitsgehalt, und damit die rassistische Perspektive, dieser Narrative. (Quelle: “Die imaginären Haustürken”)

So habe ich Malcolm X nicht verstanden. Continue reading

EINFACH MAL MACHEN: ZAHNRÄDER

“It’s better to light a candle than to curse the darkness”
Spruch auf einem der Zahnräder-Jutebeutel  | Bild von Seren Başoğul

Mitte April fand in Heidelberg die Zahnräder Konferenz 2013 statt – über 100 Muslime aus ganz Deutschland und sogar Österreich und der Schweiz kamen zusammen, um sich auszutauschen, zu netzwerken, über ihr Engagement zu informieren, neue Unterstützter zu gewinnen und sich für das Preisgeld zu bewerben.

Schon zum dritten Mal fand nun die bundesweite Zahnräder Konferenz statt, zahlreiche Konferenzen haben bereits auf lokaler Ebene stattgefunden – und trotzdem: Jedes Mal überwältigt mich die Energie der vielen engagierten und aktiven Menschen, die ich dort treffe. Obwohl ich dieses Mal ziemlich, ziemlich erschöpft und müde vom ganzen Reisen in den Tagen zuvor war, mit meinem Presseteam während der Konferenz hart arbeitete und deshalb nur halbwegs aufnahmefähig war, haben mich die Menschen, ihre Ideen und ihre Begeisterung unheimlich beeindruckt.

Man hat es schon oft gesagt, aber nicht oft genug: Integration ist von gestern. Partizipation ist die Zukunft. Genau das tun junge Muslime in Deutschland. Sie beschäftigen sich mit Umweltthemen (Gewinner 2010: HIMA; Gewinner 2013: NOUR Energy; Bodenproben;…), Barrierefreiheit (Gewinner 2013: Deaf Islam), Kunst (Gewinner 2011: i,Slam; Muslim Talents; Schattenwelten; Islamische Denkfabrik;…), Bildung (Gewinner 2010: Study Coach; Grüne Banane; Gewinner 2013: Spielen bildet und verbindet; …) Medien (Gewinner 2010: Cube Mag; Gewinner 2010: Muslime TV; …), Politik, Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft … man kann die Liste endlos weiterführen. Continue reading

PIRATENKRACH. ODER: WARUM DER LAUER AUSZOG. ODER: EIN PLÄDOYER FÜR UNWISSENHEIT

Das kommt jetzt ein bisschen aus heiterem Himmel, weil ich mich ja sonst nie (oder nur äußerst selten) öffentlich zu Piratensachen äußere.
Trotzdem, hier meine zwei sehr kurzen Cents zum Piratenkrach:
Twitter sei Dank sitze ich als Zuschauerin in der ersten Reihe der Piraten WG und motze hier mal aus der ersten Zuschauerreihe rein in die Manege. Die Piraten WG, müsst ihr wissen, besteht aus tausenden Mitgliedern, die sich enthusiastisch für die Partei engagieren, und Abertausenden, die einfach so da herumhängen und ziellos herummaulen. Der WG-Raum wiederum ist klitzeklein, vielleicht 25 m². Da ist Krach vorprogrammiert.
Das Problem der Piraten ist nämlich genau das: Sie haben zu viel miteinander zu tun. Sie kommunizieren zu viel miteinander, übereinander, untereinander. Sie wissen zu viel voneinander. Da passiert das, was sonst den verliebtesten Pärchen passiert: Man geht sich auf die Nerven.

"MUSLIME SIND JETZT TEIL DES MAINSTREAMS"

“Wir befinden uns in einer Übergangsphase, in der Muslime immer sichtbarer werden – das empfinden manche als Problem. Sie glauben, dass Menschen, die durch ihre Kleider als Muslime erkennbar sind, nicht integriert seien. Das Gegenteil ist wahr: Gerade weil Muslime im Alltag sichtbar werden, sind sie integriert. Sie haben das geografische und soziale Ghetto, in dem viele anfangs lebten, verlassen. Muslime sind jetzt Teil des Mainstreams.”

Tariq Ramadan im Interview das ich für Zeit Campus 01/2013 führte – weiterlesen hier.

Der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan, 50, ist Professor an der Universität Oxford. Die Zeitschriften Time, Foreign Policy und Prospect bezeichneten ihn mehrfach als einen der hundert wichtigsten Intellektuellen der Welt.

WUT VERLASSEN

 

Irgendwann habe ich beschlossen, nicht mehr wütend zu sein. Nicht mehr wütend über die bis in den Himmel stinkenden Ungerechtigkeiten von Menschen und auf ihre Macht. Denn die Wut ändert nichts an der Ungerechtigkeit, aber mich. Sie macht den Wütenden kaputt, verbittert. So will ich nicht werden.

Und dann ist es passiert: Die Wut war weg. Ich kann nicht mehr genau sagen, wann das geschehen ist. Die Wut ist langsam und vorsichtig gegangen und hat eine seltsame Gelassenheit in mir hinterlassen. Eine, die mich manchmal selbst überrascht. Ich spüre kein dringendes Verlangen mehr, alles und jeden zu überzeugen, mich zu verteidigen. In Menschen, die mich aufgrund von Äußerlichkeiten nicht mögen oder gar hassen, sehe ich eine spannende Herausforderung. Ich will sie verstehen.

Vielleicht ist das nur eine Phase, vielleicht bin ich jetzt erwachsen. Ich vermute aber, dass es die Reisen sind, die mich verändert haben. Die neuen Menschen und Welten; Dinge, die mich herausfordern. Momente, in denen ich mich mit Menschen verbunden fühle, mit denen ich – scheinbar – nichts gemeinsam habe. Es ist als würde man beim Reisen Graben überwinden, Normen und Gewohnheiten.

Im Zug zwischen Davis und Berkeley an der Westküste der USA schreit mich eine Frau an. Sie schimpft über die Muslime, die den Westen ruinierten. Dann schaut sie mir in die Augen. „Nichts gegen dich“, sagt sie. „Aber die Muslime sollten endlich zurück in ihre Länder. Und ihr Öl können sie mitnehmen!“

Sie dreht sich um und setzt sich auf den Platz direkt vor mir. Ihre Hose ist hinten verdreckt, das T-Shirt zerrissen und ihre ergrauten Haare zerzaust. Sie sieht müde aus.

Ich schaue aus dem Zugfenster auf die Landschaft, an der wir vorbeirasen. Es ist ein anderes Amerika, das ich bei dieser Reise erlebe. Nicht mehr nur Großstädte mit Glitzer, hellen Nächten und beschäftigten Menschen, sondern auch Natur, Grün, ruhige, kaputte Menschen, Armut und Einsamkeit. Ich nehme mir meine Kamera aus der Tasche und filme die Landschaft.

Die Frau lächelt. Sie schnappt sich ebenfalls ihre Kamera und macht Fotos. „So schön“, sagt sie und seufzt. „Endlich zurück.“ „Ja“, sage ich, „sehr schön.“

Ich beobachte, wie sie aus dem Fenster schaut, schmerzvoll lächelnd und zitternd. „Weißt du“, flüstert sie, „ich bin gekommen, um zu sterben.“ Sie habe Krebs, keine Versicherung, einen Sohn im Gefängnis, eine Mutter, die sie hasst, und bald werde es ein Tsunami geben. Sie werde ihn stoppen. Weil ihr Sohn im Gefängnis nicht weglaufen und sich schützen könne.

Ein paar Wochen später bin ich im konservativen US-Staat Texas. Meine Freundin Macarena ist dort Professorin an einer kleinen Universität. Letzte Woche hätten sie im Unterricht über Muslime diskutiert, hitzig und schwierig sei die Debatte gewesen. „Die haben noch nie Muslime getroffen“, erklärt Macarena. Heute sitze ich mit ihr vor den Studenten. Einige vermeiden Augenkontakt. Die Stimmung ist angespannt. Ich erzähle drauf los, die Stimmung löst sich. „Fragt ruhig“, sage ich anschließend. „Egal, was ihr wollt.”

Es kommen die klassischen Fragen zu Terror, Unterdrückung und Kopftuch. Dann meldet sich eine Studentin zu Wort. Ich kenne sie, sie war vergangene Woche auf der Konferenz, zu der Macarena mich eingeladen hatte. Sie möchte gerne etwas gestehen, sagt sie. Das erste Mal habe sie von Muslimen aus dem Fernsehen erfahren, der 11. September war es gewesen. Später habe sie in der Schule ein Buch über eine unterdrückte Frau in Saudi Arabien gelesen. „Jedes Wort habe ich aufgesaugt”, sagt sie.

„Und dann hatten wir eine muslimische Nachbarin. Ich habe sie nicht sehr oft gesehen.” Sie wird rot, ihre Augen gläsern. „Eines Tages stand ein Krankenwagen vor ihrem Haus. Ihr Mann hatte sie die Treppen heruntergestoßen.” Sie lächelt mich an. „Es ist das erste Mal, dass ich eine Muslimin wie Sie kennenlerne.”

Macarena schickt mir später einen Text, den die Studentin über unsere Begegnung geschrieben hat. Er endet mit den Worten: „Ich möchte meine Welt neu ordnen, verstehen und mögliche Missverständnisse beheben. Ich weiß, es wird lange dauern. Aber ich kann mir keinen besseren Weg mehr vorstellen, als mein Leben mit der Suche nach der Wahrheit zu verbringen, statt mit Lügen zu leben.“

Das möchte ich auch. Denn die Wut macht blind.

Eine verkürzte Fassung dieses Textes erschien zuvor in der Taz-Tuchkolumne am 03. Dezember 2012

Übrigens: Zusammen mit diesem Text produzierte ich dieses Video, klick hier.

FRAGEN IM FERNSEHEN

Eva hat Abdul Zuhause besucht, hat mit seiner Schwester ein Kopftuch anprobiert, ist mit ihm durch Berlin gelaufen, in eine Moschee und hat neugierig Fragen gestellt. Miteinander sprechen, einfach mal aufeinander zugehen, einfach mal den Menschen im Gegenüber sehen. Das ist schön.
Darüber haben dann Franziska, Eva und ich im Münchner Klub Konkret Studio geredet. Ein großartiger Tag war das. Danke!(Und heute Morgen sprach ich im DeutschlandRadio Kultur darüber, dass Islamophobie mehr ist als nur eine Angst vor eine Religion: Klick zum Nachhören!)

RASSISMUS AN DEUTSCHEN UNIVERSITÄTEN

 

»Weißt du, Kübra, für mich bist du keine Deutsche.« Das sagt mir Manuel an einem Sommertag im Café, als wir mit Freunden gerade über Deutschland diskutieren. Eigentlich mögen wir uns, Manuel und ich. Wir haben zwei Jahre lang gemeinsam Politikwissenschaft studiert und sitzen in unserer Freizeit immer wieder in diesem Café. »Warum?«, frage ich. »Weil du ein Kopftuch trägst.«
Ich lache und erkläre ihm, dass das absurd sei. Wegen meines Kopftuchs bin ich keine Deutsche? »Gilt das auch für Bio-Deutsche, die zum Islam konvertieren?«, frage ich. »Bio-Deutsche«, so bezeichnete Cem Özdemir, der Parteivorsitzende der Grünen, im Spaß einmal Menschen, die sich in einem winzigen Detail von ihm selbst unterscheiden: »Bio-Deutsche« sind Deutsche, deren Vorfahren in Schwäbisch Gmünd oder Bad Salzuflen lebten und nicht in Izmir oder Ankara. »Das ist etwas ganz anderes!«, sagt Manuel. Andere in unserer Runde nicken, um ihm zuzustimmen. Plötzlich fühle ich mich, als hätte Manuel eine Wahrheit ausgesprochen, die sich zuvor niemand zu sagen getraut hat: In ihren Augen habe ich nie zu Deutschland gehört. Ich lächele weiter und schweige. In mir aber stürmt es.
Immer wieder erlebe ich, dass mir Kommilitonen in einer Seminardiskussion widersprechen, um gleich im nächsten Satz zu wiederholen, was ich zuvor gesagt habe. Als müsste man bei mir erst mal dagegenhalten und meinen Intellekt grundsätzlich infrage stellen.
 
Rassismus ist ein Problem der gesamten Gesellschaft 
Ich bin nicht allein: Während manche die Universität als eine Oase der Freiheit und Vorurteilslosigkeit empfinden, berichten mir zahllose andere – Schwarze, Kopftuchtragende, Studenten mit Migrationshintergrund und Angehörige religiöser Minderheiten aus ganz Deutschland – von rassistischen Erfahrungen. Sie erzählen von Dozenten, die sie konsequent übersehen und nicht zu Wort kommen lassen. Sie berichten, wie sie an der Uni über die rassistischen Thesen von Thilo Sarrazin streiten und der Professor die Diskussion mit den Worten abschließt, Sarrazin habe zwar einige schwierige Sätze geschrieben, aber, tja, insgesamt habe er doch recht. Auch Gaststudenten aus dem Ausland erzählen mir, dass man sie nicht ernst nehme, weil sie ein Kopftuch trügen und kein akzentfreies Deutsch sprächen.
Ich hätte mich mit dieser Situation womöglich einfach abgefunden, hätte ich in meinen zwei Auslandssemestern in London nicht erlebt, dass es auch anders geht. Mein Professor stellte uns dort gleich in der ersten Politikvorlesung die Theorien von Edward Said vor, einem frühen Kritiker des akademischen Rassismus. Souverän stand dieser Professor vor uns Studenten und erklärte, dass es Rassismus auch an Universitäten gibt, denn Universitäten werden von Menschen bevölkert – meist von weißen, männlichen Menschen aus der Mittel- und Oberschicht –, und Menschen machen Fehler. Ich fand das mutig. Dabei ist das, was er sagte, eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Viel zu oft denken wir, Rassismus und andere Ausgrenzungsmechanismen seien Probleme der Unterschicht. Dabei sind sie ein Problem der gesamten Gesellschaft. Akademiker sind nur viel besser darin, ihre Gesinnung hinter komplizierten Definitionen und Thesen zu verstecken. Es ist der subtile Rassismus, der besonders wehtut. Der unausgesprochene, die Blicke, die uneindeutigen Aussagen. Das Ungreifbare.
Mich erstaunt, wie empfindlich viele Akademiker reagieren, wenn man sie darauf hinweist, dass sie sich rassistisch oder sexistisch verhalten. Diese Kritik kratzt offenbar an ihrem Ego. Und am Bild des abwägenden Wissenschaftlers, der völlig frei von Vorurteilen ist. Dabei ist kein Mensch frei von Vorurteilen und Fehlern – und gerade Studenten, Akademiker und Wissenschaftler sollten ihre Worte und Taten kritisch hinterfragen können. Wo, wenn nicht in der Universität, ist Raum für Selbstkritik und Vielfalt?
An meiner Uni in London funktionierte das: Dort war der Vorsitzende der Vereinigung für lesbische, schwule und transsexuelle Studenten ein Muslim. Die Leiterin der Palästinagruppe war Israeli. Einige der Sekretärinnen trugen indische Gewänder, manche Dozentinnen Kopftücher, ein Referent buddhistische Mönchskleidung.
Zurück in Deutschland, erlebte ich dagegen gleich im ersten Monat Folgendes: Eine befreundete Medizinstudentin, kopftuchtragend, betrat in der Kölner Uni das Auditorium. Der Professor schaute sie mit gerunzelter Stirn an und sagte dann: »Die Putzkammer befindet sich am Ende des Flurs.« Meine Freundin antwortete: »Ach, und ich dachte für einen Moment, Sie wären der Hausmeister.«
[Exklusiv: Das Beispiel von Neslihan, das es aus zeitlichen (Platz-)Gründen nicht mehr ins Heft geschafft hat:
Als Neslihan am Londoner Flughafen ankommt rennt sie auf die Toilette, schließt die Tür eilig hinter sich zu, setzt ihren Koffer ab und fängt zitternd an zu heulen. »Jedes Mal passierte das«, sagt Neslihan. »Jedes Mal musste ich weinen, wenn ich endlich weg aus Deutschland war, wieder zurück in England. Eine riesige Last fiel von mir ab, ich war endlich dem Rassismus entkommen.«
Nach ihrem Master in Oxford hatte sich Neslihan, die junge erfolgreiche Tochter einer religiösen Istanbuler Familie, für eine Doktorandenstelle in Heidelberg beworben. »Das größte Trauma meines Lebens«, sagt sie über diese Zeit und lacht dabei. Das tut sie die ganze Zeit während sie von ihren Erlebnissen in der Heidelberger Akademia erzählt. Davon, wie die anderen Doktoranden sie mieden, Neslihans Bemühungen Deutsch zu sprechen ignorierten und ihr Englisch überhörten. Aber wie sich die gleichen Leute nicht scheuten, ihr islamkritische Texte von Salman Rushdie oder Ayaan Hirsi Ali zu schicken – gespannt darauf wie sie, die Kopftuchtragende Neslihan, darauf reagieren würde.]

EIN BISSCHEN ZU VIEL NICHTS

Sometimes I feel like exploding. I don’t fit into myself. There is so much will, but so little time, only two hands, two feet and only this little me. (29.01.2012, 7:48 pm)
Als junges Mädchen laß ich gerne Bücher über starke Frauen, die gegen ungerechte Verhältnisse, brutale Dikatoren und furchteinflößende Regimes ankämpften. Sie leisteten Widerstand, während alle anderen, Nachbarn und Freunde, in ein und derselben Gesellschaft das himmelschreiende Unrecht nicht nur nicht sahen, sondern gar verinnerlichten. Zum Entsetzen des Lesers, zu meinem Entsetzen.

Neben den vielen Büchern über Frauen im Dritten Reich, der Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika oder die Bürgerrechtsbewegungen gegen die rassistischen USA, war es auch die Widerstandsbewegung gegen den dominikanischen Dikator Rafael Trujillo im Buch “Zeit der Schmetterlinge”, die mich inspirierte. Minerva Mirabal und ihre Schwestern waren die starken Hauptfiguren und Köpfe der Bewegung, die sich selbst als “Schmetterlinge” bezeichnete. (2001 wurde eine Filmadaption des Buches veröffentlicht – habe ihn vor Jahren gesehen, damals fand ich ihn unheimlich toll und inspirierend)

Ich bewunderte diese Frauen. Ich bewunderte Minerva dafür, dass sie hinschaute, sah und verstand. Dass sie das Verstandene aussprach, ganz gleich, was die Folgen für sie sein mochten. Ich bewunderte ihren Mut und ihre Passion.

Nach der Lektüre dieser Bücher schaute ich mich enttäuscht um in Deutschland, in der Gesellschaft. Und ich sah nur Luxus, Sorglosigkeit und Dekadenz. Nichts, wofür es sich mutig zu sein lohnte. Kein Unrecht, keine nennenswerten Probleme. Was ich damals nicht wusste, war, dass ich nichts wusste. Ich war uninformiert. Mit Unwissenheit kommt Sorglosigkeit, mit der Sorglosigkeit die Dekadenz. Und mit letzterer Ignoranz.

Das himmelschreiende Unrecht schreit nämlich niemals in den Himmel. Ungerechtigkeit sieht nur, wer von ihr weiß. Manchmal widerfährt sie dir, manchmal einem Freund, manchmal ist es der Zufall, der deinen Schleier der Unwissenheit in einem kurzem Moment durch eine leichte Brise anhebt – und plötzlich siehst du, was du bisher nicht sahst und was die anderen nicht sehen. Überall. Erst dann hört man das Unrecht schreien. Erst dann findet man die eigene Privilegiertheit unerträglich. Die Verhältnisse, der Konsens. Unerträglich.

Erst dann füllt sich tief im Brustkorb ein Organ mit Willen und Energie, die nicht mehr in den Menschen passen. Der Körper zu klein, die zwei Hände zu wenig, die Beine zu langsam, die Stimme zu leise. So viel Willen, wohin damit? Wohin? Und dann sitzt der Mensch da, lethargisch, unbeweglich und hilflos.

Aber er weiß zu viel, um zu vergessen.

Ein anderes Mal schaffst er es, den Willen zu kanalisieren und handelt. Deshalb schreibe ich diesen Text.

***

Himmelschreiende Bilder aus dem Kalender der Gewerkschaft der Polizei Bayern. In solchen Momenten will ich nicht mehr zurück nach Deutschland, meine kleine Wunderblase hier in Oxford nicht verlassen. Aber ich weiß, dass ich nichts weiß. Und das bisschen Nichts ist zu viel, um zu vergessen.




NACHTRAG
(3. März, 7:30)
Hass schürt Hass schürt Hass schürt Hass.

Die Bilder des Polizeikalenders sind extrem verstörend. Angesichts dieser hasserfüllten Bilder fühlt sich manch Betroffener unwohl und unwillkommen. Vielleicht auch zornig. Gestern Abend starb für einen Moment jeglicher Wille in mir, jemals zurückzukehren. Aber wie ich gestern bereits schrieb: Ich weiß zu viel, um wegzusehen und untätig zu sein.

Die Empörung über die Bilder ist gut. Empörung ist eine gesellschaftliche Sanktion inakzeptablen Verhaltens. Nicht nur MigrantInnen sind es jedoch, die sich empören, sondern eine Vielzahl sensibilisierter Deutschdeutscher (Urdeutscher/Biodeutscher), guttuend viele Menschen. “Du weißt hoffentlich, dass es hier nicht überall so deprimierend aussieht” schrieb mir gestern jemand über Twitter. Ja, das weiß ich. Aber es ist sehr gut, das nochmal in Erinnerung zu rufen. Erfrischend viele, die sich empören.

Hass schürt Hass schürt Hass schürt Hass.

Auf Hass kann nur mit klarem Verstand, Bedachtheit und einem Willen, das Land besser zu gestalten, reagiert werden – um Populismus und Schwarzmalerei vorzubeugen. Um jenen gegenüber verantwortungsbewusst zu sein, denen die Möglichkeiten und das Bewusstsein fehlen, solche Bilder einzuordnen – damit Hass nicht Hass schüren kann.

Der gestrige Tag fing übrigens mit einem großartigen Schlagabtausch zwischen Marietta Slomka und Innenminister Friedrich an. Ich war mächtig stolz darauf, dass wir so wunderbar unbequeme, blitzschnelle und famos kritische Journalistinnen haben in unserem Land. “This made my day” tweetete ich gestern Früh. Und von diesen Kalenderbildern will ich mir nichts verderben lassen.

Lieber betroffener Mensch:
Be happy, right in their face.

BEOBACHTET

Samstagabend in Köln. Auf einer Veranstaltung treffe ich eine Bekannte und frage sie nach einer gemeinsamen Freundin. „Wie geht es Ahlam?“, frage ich sie. „Welche Ahlam?“ – „Ahlam El Rifai*.“ – „Kenne ich nicht.” Ich wundere mich. „Wir waren doch gemeinsam in Berlin.“ Sie schaut mich stirnrunzelnd an, dann klickt es. „Ach, die Ahlam. Ja, die heißt doch anders, El Saad ist ihr Nachname.“

Einige Monate später treffe ich Ahlam und erzähle ihr von diesem Gespräch. „Wie heißt du denn jetzt wirklich?“, frage ich. Ahlam ist klug, sozial sehr engagiert, leistet Jugendarbeit, studiert und versucht sich nebenher auch beruflich zu etablieren.

Eine der Vereine, für die sie arbeitet, ist die Muslimische Jugend Deutschland (MJD). Wie sich kürzlich nun auch nach einem richterlichen Beschluss herausstellte, ein Verein, der jahrelang zu Unrecht im Verfassungsschutzbericht auftauchte. Mit fatalen Folgen für die jungen Muslime, die sich in dem Verein engagierten: Kündigungen, Job-Absagen und berufliche Perspektivlosigkeit.

Ahlam kann und möchte nichts mehr riskieren. Ihr wichtiges soziales Engagement bei der MJD lässt sie bei Bewerbungen weg. Doch auch bei der Internetrecherche eines potenziellen Arbeitsgebers darf kein Zusammenhang erkennbar sein, deshalb die vielen Namensänderungen auf sozialen Netzwerken. „Das tut weh, denn ich bin eigentlich stolz auf meine Arbeit“, sagt sie. Aber das ist halt der Alltag.

***

Ich verabschiede mich vom Besuch bei Hamburger Bekannten. Seitdem ich in England lebe, sehe ich sie nur selten. „Kommt uns doch mal besuchen“, bitte ich zum Abschied. Ahmet lacht und sagt: Dafür brauchen wir ein Visum, wir haben doch einen türkischen Pass.“ Ich bin überrascht. So Deutschland-orientiert wie sind, hätte ich darauf wetten können, dass sie deutsche Staatsbürger sind.

„Warum beantragt ihr denn keinen deutschen Pass?“, frage ich. Dieses Mal schaut mich Ahmet überrascht an. „Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass sie mir einen Pass geben würden, oder? So lange wie ich schon Mitglied bei Milli Görüs bin?“ So erzählt Ahmet von den Versuchen seiner Vereinsfreunde, die sich um die deutsche Staatsbürgerschaft bemühten. Vergeblich. Milli Görüs wird vom Verfassungsschutz beobachtet.

***

Nuray* hält mir ihren Kündigungsbescheid hin. Jahrelang hat sie bei der Polizei als Übersetzerin gearbeitet, man war sehr zufrieden mit ihr, urplötzlich kam die Kündigung. „Aufgrund der Aktivitäten und Funktionen Ihres Ehegatten in dem Verein IGMG (… bestehen) Bedenken gegen eine weitere Heranziehung als Dolmetscherin für die Polizei“, steht in dem Brief. Das hätte die Polizei nach einer „turnusmäßigen Überprüfung“ festgestellt und sie deshalb mit sofortiger Wirkung aus der Dolmetscher-Datei entfernt. Nurays Mann organisiert Fußballabende für die Milli Görüs (IGMG).

***

So richtig überraschen tut das aber Muslime in Deutschland nicht mehr. Der Verfassungsschutz ist Alltag. In Konferenzen werden deshalb manchmal spaßeshalber „Schlüsselwörter“ fallen gelassen. Sie fragen sich, ob sich die Beamten beim Zuhören langweilen und erzählen auch mal Witze, falls dem so sein sollte.

Und damit diese Kolumne auf dem Weg von meinem Laptop in das E-Mail-Postfach der Redaktion auch wirklich vom Verfassungsschutz gelesen wird, beende ich sie mit einem Schlüsselwort: Bombe.


*Namen von der Redaktion geändert

Taz Tuch-Kolumne, 29. Februar 2012

Edit: Alien in Europe erzählt von ihren persönlichen Erfahrungen der Marginalisierung und des Beschattetwerdens. Weiter.

I AM JUST MAHMOUD

Es ist Nacht in Kairo. Ich stehe auf dem hell erleuchteten Tahrirplatz. Es ist laut. Überall sind Podeste aufgestellt, auf denen Frauen und Männer Reden halten, wild gestikulieren – das Publikum hört aufmerksam zu, ruft rein oder beklatscht die Redner. Überhaupt stehen überall Menschen herum, die diskutieren, sich fotografieren lassen, ägyptische Fahnen kaufen. Zwischendurch umkreist eine Protestgruppe den Platz und ein Meer von Handykameras wird gezückt.

Dann entdecke ich die Bilder der Opfer des Mubarak-Regimes, sie bilden eine lange Straße auf dem Boden des Tahrirplatzes. Menschentrauben umringen die Bilderstraße und gehen sie der Reihe nach durch.

Inmitten des bunten Getümmels stehen große weiße Zelte, mit denen Aktivisten und Demonstranten, vor allem aber Angehörige von Opfern, seit Wochen den Platz besetzen und Gerechtigkeit für die Opfer fordern. In einem der Zelte treffen wir auf Mahmoud, einen pensionierten Physiker mit weißem Rauschebart und langem traditionellen Gewand. “Ich weiß, ich sehe aus wie ein Salafi”, sagt er auf Englisch und lacht. “Bin ich aber nicht.” Routiniert fängt Mahmoud gleich an zu erzählen, warum sie den Platz besetzen.


“Die Revolution ist fast verloren”, sagt Mahmoud. Die drei großen Strömungen – Salafiten, Muslimbrüder und Säkulare – hätten die Revolution an sich gerissen, um Politik für die eigene Sache zu machen. Keine aber vertrete tatsächlich das Volk. “Und wem gehörst du an?”, will ich wissen. Er guckt mich erstaunt an: “Ich bin Mahmoud, einfach nur Mahmoud.” Die Besetzer seien keine Parteivertreter, sondern einzelne Aktivisten und Angehörige der Opfer, erklärt er.

“Wir alle werden diesen Platz nicht verlassen, bevor unsere Forderungen nicht erfüllt werden.” Mubarak und seine Leute müssten bestraft, Gerichtsverfahren gegen die Polizisten, die folterten und mordeten, eröffnet und das Innenministerium und die Polizei neu besetzt werden, erklärt Mahmoud. Wir reden noch lange weiter, bevor ich mich bedanke und durch die kleine Zeltstadt mit ihren bunt bemalten Zeltwänden und provisorischen Unterkünften wandere.

Einige Tage später wird der Tahrirplatz von der Armee plötzlich gewaltsam geräumt. Nichts steht jetzt noch dort. Ich telefoniere mit meiner Freundin Mai, die wie viele andere Ägypter mit der Revolution zur Aktivistin wurde. Hundert Personen wurden festgenommen, unter anderem eine gemeinsame Freundin von uns, die BBC-Journalistin Shaimaa Khalil, die mittlerweile wieder entlassen wurde. Ich verstehe nicht. Warum schreit die Bevölkerung nicht auf?

“Die Besetzer hatten schon lange den Rückhalt in der Normalbevölkerung verloren”, erklärt Mai mir. Durch öffentliche Spenden an Angehörige der Opfer stellte die Armee die Bevölkerung zufrieden – die Besetzer wurden hingegen immer unbeliebter. “Die Besetzer haben ihre Forderungen nicht gut genug kommuniziert und viele Fehler gemacht”, sagt Mai am Telefon und schließlich verzweifelt: “We’re screwed.” Und ich kann nichts tun, nur berichten, was ich höre und sehe.

taz, Tuch-Kolumne, 02.08.2011

QAIS, IRAQ

Qais ist ein kluger Mann. Ein Laecheln auf dem Gesicht, ein warmes Herz. Seit fuenf Tagen reisen wir gemeinsam mit einer Grupper Blogger und Aktivisten aus der ganzen Welt durch verschiedene Staedte der USA. Wir sprechen ueber alle moeglichen Konflikte in der Welt, wir diskutieren und lachen viel. Wir essen und trinken. Wir hoeren zu und sprechen.

Nicht ein einziges Mal habe ich Qais nicht laecheln sehen. “Kennst du Ibrahim Tatlises?”, fragt er mich. Dann zaehlt er seine vielen tuerkischen Lieblingssaenger auf. Bei Mahsun Kirmiziguel macht er halt und zwinkert. Kirmiziguel ist Kurde, sowie Qais.

Wir landen in Atlanta. Qais’ Namensschild haengt noch an seinem Hemd. Auch “Iraq” steht auf dem Schild. “Yeah, you’re free now!”, ruft ein Amerikaner, der sein Schild entdeckt. Wir bleiben schockiert stehen. Sollen wir etwas sagen? Wird Qais etwas sagen? “Ok, come to my country. You will see”, sagt Qais. Und laechelt.

Er sitzt auf dem Podium und diskutiert mit anderen Panelisten aus unserer Gruppe auf einer Bloggerkonferenz ueber den arabischen Fruehling. Eine Frage zu der kritischen Beziehung zum Iran wird gestellt. Man will dass er sich feindlich dazu aeussert. Qais Augen huschen durch das Publikum, er entdeckt Mehdi, den iranischen Blogger in unserer Gruppe. “Schaut”, sagt er, “das ist mein Freund Mehdi. Wir waren gestern Abend zusammen Schischa rauchen. Dieser Konflikt ist ein Konflikt der Politik, nicht der Menschen.” Qais laechelt.

Dann, irgendwann im Laufe des Panels, erzaehlt er von Videos, die er nie veroeffentlicht hat. Von Toten und Verletzten. “Sie sind so schlimm, dass sie die Videos nicht ertragen wuerden. Und ich habe so viele.” Qais Gesicht ist freundlich. “Mein Schwager wurde vor zwei Wochen umgebracht. Ich habe ihn in zwei Teilen wiedergefunden”, sagt er. Und er laechelt.

Dann entdecke ich die Trauer in seinen Augen. Sie war die ganze Zeit schon da.

WIE BITTER IST DIESES LACHEN

Vernesa ist jung, witzig und hübsch. Eine Schauspielstudentin, die das Leben in vollen Zügen genießt. Zusammen mit ihrem Freund liegt sie auf einer Dachterrasse und raucht. Plötzlich entdeckt sie einen roten Punkt auf ihrer Schulter. Ein Zigarettenfunken, glaubt sie, und schnipst ihn weg. Sie schüttelt ihr lockiges blondes Haar und lacht. Oh, noch so einer, da auf der Brust. Und jetzt wieder hier auf der Schulter. Sie versucht das Pünktchen wegzuwedeln und lacht lauter. Auch das Publikum stimmt in ihr Lachen mit ein. Da hört Vernesa auf zu lachen: Der rote Funken ist der Laserpunkt eines Scharfschützen. Sarajevo, kurz vor Kriegsbeginn.

Auch das Gelächter im Publikum verstummt. Die Last der Gratwanderung zwischen der panischen Todesangst vor dem Krieg und dem Drang nach Normalität liegt in der Luft. Ein Hin und Her. Zwischen Krieg und Alltag – und dem Leben in Deutschland: Das Dokumentartheaterstück “Landschaften” handelt von drei jungen Bosniern, die vor dem Krieg nach Deutschland flüchten. Im Hamburger Theaterzentrum Kampnagel stehen sie nun – als gestandene deutsche Künstler – vor uns und synchronisieren die Videoaufzeichnungen hinter ihnen auf der Leinwand. Dort beschreiben sie in ihrer Muttersprache ihre Jugend und die Flucht nach Deutschland.

Das Publikum wird vorsichtig. Die Reihe “Echt – Migrationsformate” entschleunigt auf Kampnagel die laufende Integrationsdebatte. Sie konzentriert sich auf Einzelschicksale. Es geht nicht um abstrakte Politik und Metathesen-Gerede, sondern um die nackte, subjektive Realität einzelner Menschen. Um das wütend-enttäuschte Weinen der jungen Vernesa, als sie erfährt, was das Wort “Duldung” in ihrem Pass bedeutet.

Auch Jons Vukorep, der als Kunststudent früh aus Sarajevo nach Deutschland floh, beschreibt seine Frustration. Die Medien berichten ihm zu oberflächlich vom Krieg. Am Abend der Kunstausstellung seiner damaligen Freundin merkt er, wie wenig er eigentlich dazugehört. An dem Tag hatte ihn eine Todesnachricht aus Bosnien erreicht.

Bei den Migrationsformaten geht es auch um den schwulen Bülent. Als “Ralf Becker” meldet er sich freundlich in perfektem Hochdeutsch und mit Headset auf dem Kopf. Seit fünf Jahren schon arbeitet er in einem Istanbuler Callcenter und betreut für deutsche Firmen wie Neckermann und Lufthansa Kunden aus Deutschland. Dem Land seiner Sehnsucht. Seiner Heimat. Bülent ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Bei der Rückwanderung in die Türkei nahmen ihn die Eltern gegen seinen Willen mit. Gebunden an den Pass der Mutter, saß er fest in einer ihm fremden Welt.

Bülent ist einer von vielen Deutschtürken in der Türkei. Genau wie die drei anderen Protagonisten Murat, Fatos und Cigdem des Dokumentarfilms “Wir sitzen im Süden” von Martina Priessner umgibt auch er sich bis heute hauptsächlich mit anderen Deutschtürken. Bülent beschreibt den Moment, als er für das Bewerbungsgespräch das Istanbuler Callcenter betritt und vor Glück überwältigt ist: Im Großraumbüro sprechen alle Deutsch, es gibt deutsches Essen und deutsche Schilder. Deutschland in Istanbul. Seine Wohnung nennt er liebevoll “Fünfzig Quadratmeter Deutschland”.

Unverständlich ist aber diese Deutschlandliebe für das Hamburger Publikum. In der Diskussion im Anschluss an den Film geht es auch um das verzerrte Deutschlandbild der Protagonisten. Ein Deutschland ohne Rassismus und Diskriminierung? Dabei sind das doch Themen, die dem gutsituierten Kampnagel-Publikum wichtig sind. Wie kann man trotz allem hierher wollen? “Die Erfahrung müssen sie selber machen”, sagt die Regisseurin Priessner. Sie unterstützt deshalb Bülent und einige andere in ihrem Vorhaben, nach Deutschland zurückzukehren.

Oft und viel wurde während der “Migrationsformate” gelacht. Zum Beispiel, als Bülent in der Küche steht. “Außen Toppits, innen Geschmack”, singt er und hält die Backpapier-Packung hoch. Das Publikum lacht. Auch Bülent im Film lacht, es ist aber ein anderes Lachen. Das wird während der vier Tage auf Kampnagel deutlich. Der Humor ist schwarz, und das Lachen der Betroffenen ist bitter. Es ist für sie eine Möglichkeit, sich mit ihrer Situation abzufinden. Darf man mitlachen?, frage ich mich.

Zurück zur Bosnierin Vernesa. Verdreckt und müde ist sie in Berlin angekommen und kratzt mit Freunden ihr letztes Geld zusammen, um sich ein Taxi zu nehmen. Als sie einsteigen, dreht sich der Taxifahrer irritiert um: “Was habt ihr denn getrieben?” – “Ach nichts”, antwortet Vernesa. “Wir waren bloß campen.”

taz, 10.01.2011, Kultur-Ressort. VON KÜBRA GÜMÜSAY