VON EINER, DIE AUSZOG

marshmallow26

via Hyperbole & A Half – because she gets what she wants.

Disclaimer: Dieser Artikel ist für den Rest der Welt vermutlich absolut uninteressant und irrelevant. Aber das ist mein Blog und deshalb wird der Text hier trotzdem veröffentlicht.

 

Meine Damen und Herren. Schauet und genießet das neue Design.

 

schrieb ich vor knapp einem Jahr als mich wieder einmal die Beklemmung ergriff. Das Gefühl, etwas radikal ändern zu müssen. Andere Menschen verpassen sich in solchen Situationen eine verrückte Frisur, entrümpeln ihren Kleiderschrank oder schieben das Sofa in eine andere Zimmerecke. Ich hingegen setzte ich mich jedes Mal an meinen Laptop und versuchte mein Blogspot-Blog umzustylen. Herzklopfend und aufgeregt wagte ich mich in den gefährlichen HTML-Bereich meines Blogs und legte etliche Zwischenspeicher an – in Angst, die vielen Jahre Blogarbeit könnten mir mit einem Klick davonflutschen, auf Nimmerwiedersehen im HTML-Nirvana.

Das war auch der Grund, warum ich nie auszog und meine Bloggerheimat Blogspot verließ. Würden all die Liebe, der Schweiß und das Herzblut mit mir ziehen nach WordPress? Ich war mir unsicher. Niemand konnte mich von den technischen Finessen der Internet-Neuzeit überzeugen und so blieb ich dabei. Denn ein echter Paint-Profi, redete ich mir ein, macht aus seiner Situation das Beste und zaubert sich einfach ein Design hämmert, klebt und tackert sich eine Seite in mühevoller Arbeit einfach zusammen (Durchstreichen. Ha. Das wollte ich schon immer Mal tun!). Deshalb schrieb ich damals stolz:

 

Ich bin eine HTML-Königin mit Paint-Profi-Syndrom. Und das ist auch gut so.

 

 Heute weiß ich’s besser: Das ist nicht gut so. Das ist höchstens okay.

Auch ich möchte nämlich endlich, endlich ganz praktisch – mit nur einem Klick! – einen Weiterlesenknopf Continue reading

PIRATENKRACH. ODER: WARUM DER LAUER AUSZOG. ODER: EIN PLÄDOYER FÜR UNWISSENHEIT

Das kommt jetzt ein bisschen aus heiterem Himmel, weil ich mich ja sonst nie (oder nur äußerst selten) öffentlich zu Piratensachen äußere.
Trotzdem, hier meine zwei sehr kurzen Cents zum Piratenkrach:
Twitter sei Dank sitze ich als Zuschauerin in der ersten Reihe der Piraten WG und motze hier mal aus der ersten Zuschauerreihe rein in die Manege. Die Piraten WG, müsst ihr wissen, besteht aus tausenden Mitgliedern, die sich enthusiastisch für die Partei engagieren, und Abertausenden, die einfach so da herumhängen und ziellos herummaulen. Der WG-Raum wiederum ist klitzeklein, vielleicht 25 m². Da ist Krach vorprogrammiert.
Das Problem der Piraten ist nämlich genau das: Sie haben zu viel miteinander zu tun. Sie kommunizieren zu viel miteinander, übereinander, untereinander. Sie wissen zu viel voneinander. Da passiert das, was sonst den verliebtesten Pärchen passiert: Man geht sich auf die Nerven.

DIE DIGITALE TÜRKISCHE FAMILIE – WHAT’S UP?

Lampenreflektion auf dem iPhone

Mit meinen beiden kleinen Fingern versuche ich hastig, mein Handy zu bedienen. Der Rest meiner Hand ist schmutzig und fettig. Ich stehe in der Küche und verzweifle gerade mal wieder an einem türkischen Teiggericht. Über Skype rufe ich meine Oma in Deutschland an. „Oma, ich kriege die Börek nicht hin!“ Eigentlich kann ich ja backen, aber die Hefe! Die Hefe will nicht, wie ich will. In England gibt es eben nicht so tolle Feuchthefe wie in Deutschland, rede ich mir ein. Und frage verzweifelt: „Ich kann das doch, ne, Oma?“

Sie beruhigt mich und diktiert mir schnell ein Börek-Rezept ohne Hefe. „Was ist los?“, fragt mein Opa besorgt im Hintergrund. Das Übliche, will ich antworten. Ich rufe in der nächsten Stunde noch vier Mal an, dann sind die Börek endlich fertig.
“Und?“, fragt mich meine Tante wenige Minuten später über WhatsApp, dieses kostenlose Kurznachrichten/Chatding, über das neuerdings jeder mit einem Smartphone kommuniziert. „Haben die Börek geklappt?“ „Woher weißt du das?“, frage ich. Meine Oma hat mit meiner Mutter telefoniert und die hat gerade eben mit meiner Tante gesprochen. „Geht so“, schreibe ich meiner Tante und schicke ihr Bilder von den versalzenen Börek.

FRAGEN IM FERNSEHEN

Eva hat Abdul Zuhause besucht, hat mit seiner Schwester ein Kopftuch anprobiert, ist mit ihm durch Berlin gelaufen, in eine Moschee und hat neugierig Fragen gestellt. Miteinander sprechen, einfach mal aufeinander zugehen, einfach mal den Menschen im Gegenüber sehen. Das ist schön.
Darüber haben dann Franziska, Eva und ich im Münchner Klub Konkret Studio geredet. Ein großartiger Tag war das. Danke!(Und heute Morgen sprach ich im DeutschlandRadio Kultur darüber, dass Islamophobie mehr ist als nur eine Angst vor eine Religion: Klick zum Nachhören!)

ICH, KRIMINELL?

Quelle: motifake.com



Eine Internet-Aktivistin bekommt Besuch von der Polizei. Sie versteht nicht, was sie verbrochen haben soll.

Der Tag, an dem das Wort »Verbrechen« zum ersten Mal eine Bedeutung in ihrem Leben bekommt, beginnt sonnig und früh. Als Andrea Simmer (Name geändert) um kurz vor acht aus dem Haus tritt, sieht sie fünf Männer in Zivil mit Pistolen am Gürtel. Es sind Polizisten. Sie kommen direkt auf sie zu. »Können Sie den Weg frei machen? Ich muss zur Arbeit«, fragt sie. »Nö«, antwortet einer der Beamten. Und fragt: »Sind Sie Andrea Simmer?« – »Ja, warum?« Er zieht ein Papier aus der Tasche, ein Landeswappen ist drauf zu sehen, es ist ein Durchsuchungsbeschluss. Es geht um einen Angriff auf eine Webseite.

Ihr Kopf rauscht, auf einmal ist sie ganz wach. Denkt an ihre Kinder, ihre Arbeit, ihr Zuhause. Was will man von ihr? Irritiert schaut sie die Polizisten an. Sie folgen ihr ins Haus, Simmer weckt erst den 18-jährigen Sohn, dann die 19-jährige Tochter. »Nicht erschrecken, die Kriminalpolizei wird das Haus durchsuchen«, sagt sie. Die beiden Kleinkinder sind schon aus dem Haus. Die Beamten bahnen sich währenddessen den Weg ins Wohnzimmer, Spielzeugautos und Dreiräder blockieren den Flur.
»Es geht um eine Internet-Attacke durch Anonymous im Dezember 2011«, sagt einer der Polizisten. »Anonymous?«, wiederholt Simmer, »dann geht es um mich, Sie brauchen nicht das ganze Haus zu durchsuchen.« Sie rennt in ihr Zimmer und holt ihre beiden Laptops, um sie den Männern zu übergeben. In Panik reißt sie den Aufkleber mit dem Anonymous-Logo von einem der Computer ab.
Vor wenigen Wochen ist Simmer eine von 106 Verdächtigen, deren Räume in 14 Bundesländern durchsucht werden. Es ist ein Schlag gegen eine Gruppe, die keine ist: Anonymous ist eine Protestbewegung im Netz, jeder kann sich ihr anschließen und dabei mitmachen, eine Webseite lahmzulegen oder vertrauliche Informationen zu veröffentlichen. Es ist die erste große Razzia dieser Art in Deutschland, sie soll die Internet-Aktivisten abschrecken.
»Wir wollten deutlich machen, dass dieses Verhalten strafbar ist«, sagt der Sprecher der leitenden Oberstaatsanwaltschaft Frankfurt. Die Razzia ist die Antwort der Behörden auf einen neuen, virtuellen Protest. Der Kulturkampf, der seit Längerem im und über das Internet herrscht, verschärft sich auf einen Schlag.
In den letzten Jahren haben Anonymous-Aktivisten immer wieder mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam gemacht; raids nennen sie das, Überfälle. Im Dezember 2010 legten sie die Webseite von Mastercard lahm, weil die Firma das Spendenkonto von WikiLeaks blockierte. Anfang 2011 griffen sie die Webseite der damaligen ägyptischen Regierung an, um die Proteste zu unterstützen. In Deutschland haben sie die Namen von NPD-Mitgliedern veröffentlicht und sind Teil der Occupy-Bewegung in Frankfurt. Seitdem kennen sogar Banker ihr Markenzeichen, die grinsende Maske des englischen Attentäters Guy Fawkes aus dem 17. Jahrhundert. Anonymous heißt so, weil jeder anonym mitmachen kann.
Auch Andrea Simmer möchte anonym bleiben. Man darf weder ihren echten Namen noch ihren Wohnort nennen. Sie will andere Anons nicht gefährden. Ein, zwei Mal hat sie andere Anons kennengelernt, einer davon ist heute ihr Partner. Aber bei Anonymous geht es ihrer Meinung nach nicht um die Person, sondern um die Sache. »Es ist egal, ob man Mann oder Frau ist oder arm oder reich«, sagt sie, »das lenkt doch nur von der Arbeit ab.«
Die meisten, die durchsucht wurden, waren junge Männer, Computernerds. Simmer ist anders. Sie sitzt in ihrem Garten und schaut auf ihre Pferde, die auf dem Gelände nebenan herumlaufen; früher ist sie oft geritten und hat an Wettkämpfen teilgenommen. Ihre Haare sind rot und kurz. Früher mochte sie Jazzmusik, seit sie bei Anonymous ist, hört sie Electro.
Simmer wuchs in einer Kleinstadt in Bayern auf. Als Schülerin erhielt sie einmal von ihrem Lehrer einen Verweis, weil sie sich einen Button mit »Stoppt Strauß« angeheftet hatte. Später freundete sie sich mit Hausbesetzern an und begann, sich für die Tierschutzorganisation Peta und Greenpeace zu engagieren. »Ich war gerne die Rebellin«, sagt sie. Heute arbeitet Simmer im sozialen Bereich. Das hat ihr Denken geprägt: Warum teilt sich die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer? Warum wird der Unterschied zwischen Arm und Reich größer?
Sie war begeistert, als sie letzten Herbst von der Occupy-Bewegung hörte. Auf Facebook klickte sie sich durch die Seiten der Protestbewegung, immer wieder fiel ihr der Name Anonymous auf. Anfangs las sie nur die Diskussionen mit, dann begann sie, selbst zu kommentieren. Sie freundete sich virtuell mit Aktivisten an, schloss sich so der Bewegung an. »Im Internet kann man protestieren, ohne sich eine blutige Nase zu holen«, sagt sie. Das Netz ermöglicht ihr – einer berufstätigen Mutter in einer Kleinstadt –, jederzeit mit Menschen in aller Welt zu kommunizieren.
Sie glaubt, dass Regierungen Informationen bewusst zurückhalten. Anonymous könne sie ihnen entreißen und allen zugänglich machen. Mittlerweile leitet sie bei Anonymous eine Kunst-Gruppe, außerdem vermittelt sie neue Mitglieder in die 400 Arbeitsgruppen, in denen sie Mitglied ist. Auf ihrem Auto klebt ein Sticker mit dem Logo, manchmal erzählt sie ihren Kollegen und Freunden davon.
Der Anlass für die große Razzia war ein Angriff von Anonymous-Mitgliedern auf die Gema, bei dem Simmer beteiligt gewesen sein soll. Die Gema ist eine Treuhandgesellschaft, die Urheberrechte der Musikindustrie in Deutschland schützt. Sie liegt mit YouTube seit drei Jahren im Rechtsstreit, viele Videos auf dem deutschen YouTube sind deshalb gesperrt. Für die Aktivisten von Anonymous ist die Gema ein Feind: Sie sehen sie als Zensurbehörde des freien Internets. Nach eigenen Angaben haben sie sie mehrmals angegriffen, einmal haben sie sich sogar in den Firmenserver gehackt, die Telefone blockiert und Daten gestohlen.
Der Angriff, der zur Razzia führte, fand am 17. Dezember statt. Ab sechs Uhr abends funktionierte die Webseite nur sehr langsam. Mehr als dreihundert Computer bombardierten sie sieben Stunden lang mit Anfragen. Es handelte sich um eine sogenannte DDoS-Attacke: Ein Mitglied hatte dafür einen Link gebaut, auf dem »Feuern!« stand. Mit jedem Klick wurden 50 bis 100 Zugriffe verschickt, um die Webseite durch die Massenanfrage zum Einstürzen zu bringen. Der Link kursierte auf Facebook und Twitter. Es hieß, man wolle »just for the lulz die Gema plattmachen« – eine Attacke spaßeshalber also. Simmer sagt, sie sei damals noch kein aktives Mitglied gewesen. »Ich habe daran nicht teilgenommen«, sagt sie. »Die Welt hat größere Probleme als die Gema.«
Für die anderen Anons mag es ein Streich gewesen sein, für die Gema war es ein krimineller Akt. Ihre IT-Abteilung protokollierte die Zugriffe und gab sie an das Bundeskriminalamt weiter. Obwohl die Angriffe die Seite nur verlangsamt und nicht beschädigt hatten, erstattete die Gema Strafanzeige. Die zuständigen Richter ordneten 106 Hausdurchsuchungen an, um Beweise sicherzustellen. Eine überraschende Größenordnung: »Eine solche Anzahl an Durchsuchungsbeschlüssen dürfte eher die Ausnahme darstellen«, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft in Frankfurt.
Zwei Tage nach der Hausdurchsuchung wird Simmer auf einer Polizeiwache vernommen. Der Polizist macht Witze und stellt ihr kaum Fragen zu dem Angriff. Sie hat den Eindruck, er würde die Sache nicht ernst nehmen. »Wir können uns nicht erklären, warum es so eine große Razzia gegeben hat«, sagt er. Dann: »Ich glaube nicht, dass Sie kriminell sind.« Simmers Laptop wird zur Zeit nach Spuren des DDoS-Angriffs untersucht. Falls sie eine Strafe bekommt, will sie juristisch dagegen vorgehen.
Seit der Razzia macht Simmers älteste Tochter ihr immer wieder Vorwürfe: Wo hast du dich da reingeritten?! Wieso machst du bei Anonymous mit?! Die Tochter ist 25 und in der Kirche aktiv; die Internet-Aktivitäten ihrer Mutter waren ihr schon immer suspekt. Nach der Hausdurchsuchung hat sie den Anonymous-Aufkleber vom Auto abgerissen und das Kabel für den WLAN-Router versteckt.
Inzwischen kann Simmer zu Hause wieder das Internet benutzen, sie verbringt nun Stunden in Foren und Chaträumen, um mit anderen Anons über ihre Situation zu sprechen. Sie hat von Leuten gelesen, deren Wohnungen durchsucht wurden, obwohl sie nichts mit Anonymous zu tun haben. Sie hat von anderen gelesen, die sich auch nicht daran erinnern, an dem Angriff teilgenommen zu haben. Die meisten, zu denen die Polizei kam, hatten offenbar kaum Ahnung von Computern – es wäre nicht schwer gewesen, ihre Spuren zu verschleiern. In einem neuen Video hat Anonymous seine Anhänger dazu aufgefordert, sich technisch weiterzubilden.
Die Razzia hat die deutsche Anonymous-Community aufgeschreckt: Sie erleben zum ersten Mal, dass ihre virtuellen Angriffe reale Folgen haben können. Dass es Gesetze dagegen gibt und Polizeibehörden, die sie mit aller Macht verfolgen. Computersabotage ist erst seit fünf Jahren eine Straftat, virtuelle Protestformen wie DDoS-Angriffe waren lange in der rechtlichen Grauzone. Bis jetzt.
Die Razzia hat Simmer nicht von ihrer Haltung abgebracht. »Anonymous ist nicht kriminell«, sagt sie. Sie hat ihre Sticker wieder an ihr Auto und ihren Laptop geklebt. Sie will weitermachen bei Anonymous, jetzt erst recht.
Dieser Artikel – geschrieben zusammen mit Khuê Pham und Selma Stern – erschien zuerst in der ZEIT vom 21.6.2012 (Nr. 26) und online (Link). Außerdem verfügbar als Audio (Downloadlink).

STOLZE HTML-KÖNIGIN ODER: DAS PAINT-PROFI-SYNDROM

9Gag ist der Ort an dem sich Paint-Profis tummeln und Photoshop-Hipster neidvoll hinglubschen. Edit: Dieses Bild aber stammt von Hyperbole and a Half.

Endlich, endlich, endlich!

Mein Blog entspricht endlich meinem derzeitigen Geschmackszustand. Der hat sich nämlich – wie so vieles in den letzten Jahren – gewandelt. Ganz im Gegensatz zu meinem Blogdesign: Das blieb gleich. Langweilig. Nicht, dass ich nicht schon vorher versucht hätte, daran etwas zu ändern. Aber – Ihr müsst wissen – ich leide am Paint-Profi-Syndrom.

Wir Paint-Profis sind Menschen, die aus den beschränkten Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, das Beste machen. Und eigentlich sind Paint-Profis auch ganz glücklich so. Bis sie dann den Photoshop-Hipster kennenlernen, der in zwei Sekunden mit Ctrl+Y+@+^+Whateva ruckzuck das macht, wofür wir Paintler in mühevollen zehn Minuten mit sehr viel Liebe am Bildschirm klebend versuchen den Farbeimer über dem richtigen Feld auszuschütten.
Oder aber: Wenn wir zu unserem Entsetzen feststellen müssen, dass es auf Mac-Computern kein Paint-Äquivalent gibt.

Paint: Du bist das, was ich aus PC-Zeiten am meisten vermisse. Das kann ich nicht mehr machen. Oder das unddas . Und das auch nicht.

Doch trotz mehrerer Jahre als Macler, empfinde ich mich noch immer als Paint-Profi. An meine einfache Herkunft und beschränkten Mittel aus damals erinnert mich nämlich täglich Blogger, mein Blogbetreiber. Als Blogger-Nutzer schielte ich immer wieder nach WordPress und zuletzt auch nach Tumblr, wo alles schneller, schöner und überhaupt einfach mal grandioser war. “Ich muss umziehen!” redete ich mir ein und schob meinen Umzug vor mir her – denn trotz allem hing hier ja irgendwie mein Herz dran.

Gestern Abend also wagte ich mich in den HTML-Bereich meines Blogs. Der Ort, an dem ich in Angst schwimme, ich könnte versehentlich irgendwas weg- oder falschmachen und alles, all die vielen Jahre Arbeit, könnte mit einem Klick wegflutschen und im Internetnirvana verschwinden.

Doch ein Paintprofi weiß: Er muss das Beste aus seiner Situation machen. Das tat ich dann auch.

Meine Damen und Herren. Schauet und genießet das neue Design. Ich bin eine HTML-Königin mit Paint-Profi-Syndrom. Und das ist auch gut so.

VIDEOWOERTER #1 VOR BANANENKARTONS


Es stauten sich in letzter Zeit viele, viele Gründe an, um endlich einen Videoblogbeitrag zu machen: Nicht nur die Grimme Online Award Nominierung vor einigen Tagen, sondern auch der 3. Bloggeburtstag, der noch nicht gebührend gefeiert wurde. Zusammen mit Vinzenz, der auch meine Hochzeit gefilmt hatte, schritten wir also zur Tat:

Tada! Wir präsentieren euch hiermit die ersten Videowoerter. Dieses Mal aus Berlin, wo ich noch eine Woche wohnen werde bevor es für drei Monate nach Kairo geht. Das nächste Mal melde ich mich aus Kairo, dann aber mit schlechter Qualität und furchtbarem Schnitt, weil ich nicht den talentierten Vinzenz zur Seite haben werde. Oder aber ich finde einen ägyptischen Vinzenz, das wär natürlich großartigst!

Übrigens: Das Publikumsvoting läuft noch. Wer für ein fremdwörterbuch (oder eine andere Webseite) stimmen will, der folge diesem Link. Danke!

Viel Spaß und vor allem: Danke, danke, danke!

UY UY UY!

Das Schlimmste was man einem Blogger antun kann (neben “Das bloggst du aber bitte nicht!”) ist Folgendes: Auf der Republica (der größten Bloggerkonferenz Europas) anrufen und dem Blogger mitteilen, dass man für den Grimme Online Award nominiert ist – und jetzt kommt’s: Nachlegen, dass alles bis zum 11. Mai geheim gehalten muss.

Genau das ist mir nämlich passiert. Es war eine Qual! In mir drin hüpften tausend Kübras wild durch die Gegend, freuten sich und schlugen Saltos. Ich grinste also grundlos durch die Gegend, horchte bei jedem “Grimme”-ähnlichen Wort verdächtig auf und ward paranoid, mir könnte die Neuigkeit doch noch entgleiten. Meinen ganzen Blogger-, Twitter-, Facebook- und sonst wie Internetaffinen-Freunden durfte ich nichts verraten. Man stelle sich diese Tortur mal vor.

Aber das ist jetzt kalter Kaffee. Heute war endlich, endlich, endlich, endlich die langersehnte Pressekonferenz, bei der das Grimme-Institut, die 25 Nominierten für den Award bekannt gab. Damit darf ich endlich auch ausplappern, was in den vergangenen Wochen meinen Redefluss hemmte: Yey! Ein Fremdwörterbuch ist nominiert! Ein Ritterschlag. Danke, danke, liebes Grimme-Institut, Nominiertenkommission und wer sonst noch Schuld an der Nominierung ist. Mein Blögchen fühlt sich geehrt, das ist ein tolles Geschenk zum 3. Bloggeburtstag (geb. Mai 2008)!

Ganz wichtig!

Und jetzt seid ihr lieben Fremdwoerterbuchleser dran. Wenn ihr wollt, dann dürft ihr hier beim Publikumsvoting für “ein fremdwörterbuch” voten. Ich freu mich in jedem Fall. Und jetzt gehe ich gebührend Herumhüpfen und verabschiede mich in die non-virtuelle Welt mit Sonne und so. Ahoi!

TARIK AUS DEM NETZ

Betül hat ihren Mann im Internet kennengelernt. Das ist nicht ungewöhnlich: Immer mehr junge, religiöse Muslime in Deutschland nutzen das Internet zur Partnersuche.

Betül* und Tarik* sind seit über einem Jahr glücklich verheiratet. Als sich das junge Pärchen vor zwei Jahren auf einer islamischen Veranstaltung begegnete, war es Liebe auf den ersten Blick. Alles passte, ihre Familien verstanden sich und sie heirateten.

Das ist jedenfalls die offizielle Version für die Eltern. Betül und Tarik haben aber ein kleines Geheimnis: Sie haben ihrem Schicksal nachgeholfen, sie haben sich im Internet kennen gelernt.

Was in England oder den USA längst zum „muslim lifestyle“ gehört, entsteht in Deutschland erst noch. Auf Online-Partnerseiten wie Muslima.com, Qantara.com oder Nasib.com suchen junge Muslime nach potentiellen Ehepartnern. Andere besuchen zusammen mit den Eltern muslimische Speed-Datings (die heißen dann aber nicht so, sondern: „matrimonial banquet“, denn „dating“ ist ein unliebsames Wort) oder schalten Heiratsannoncen in muslimischen Magazinen. Der muslimische Heiratsmarkt boomt.

2009 wird eine weitere Partnerbörse online gehen: Halfourdeen.com. Entwickelt von Ali Ardekani – besser bekannt als „Baba Ali“ – dem wohl beliebtesten Video-Blogger unter jungen Muslimen. Der 33-jährige Amerikaner persischer Herkunft gehört mit seinen Ask-Baba-Ali Ratschlägen für junge Muslime zur YouTube-Prominenz. Besonders begehrt waren seine Video-Ratschläge zu Heirat und Partnersuche.

Zahlreiche islamische Gelehrte sehen kein Problem in der Online-Partnersuche – aber nur solange sie im religiösen Rahmen läuft. So sollten die Partner beispielsweise ernste Absichten haben, also wirklich Heiraten wollen, und die Familie in die Partnerwahl einbeziehen.

„Als junger und praktizierender Muslim ist es nicht einfach einen Partner zu finden“, sagt Betül. Das Dilemma lässt sich in zwei Punkten zusammenfassen. Erstens: Die Auswahl an potentiellen Partnern ist gering. Zweitens: Es gibt nur wenige Gelegenheiten einen Partner überhaupt kennen zu lernen. Klassischerweise begegnet man sich an der Uni, auf einer Veranstaltung, oder die Eltern machen Vorschläge und stellen jemanden vor. Discos, gemischte Parties und andere Orte, an denen sich Nicht-Muslime kennen lernen, sind für einen gläubigen Muslim tabu. Außerdem untersagt: Ausprobieren, Küssen, Flirten.

So schießen in Deutschland Partnerbörsen für Muslime aus dem Boden. Neben Muslim-Heirat.de oder Islamisches-Heiratsinstitut.de gibt es das modern gestaltete Muslimlife.eu. „Der muslimische Heiratsmarkt in Deutschland ist aber noch lange nicht gedeckt“, sagt Kadir Yücel (keine Verwandschaft mit der Autorin dieses Textes, Anm. d. Red.), der 29-jährige Geschäftsführer von Muslimlife. 2007 entwickelte er zusammen mit zwei Freunden die deutsch-englisch-türkische Partnerbörse und war überrascht von dem Andrang. Bis zu 3.000 Klicks registrieren sie am Tag. Bald soll die Plattform um eine kostenpflichtige Premium-Mitgliedschaft erweitert werden.

Leila* aus Frankfurt war bis vor kurzem noch Mitglied in einer muslimischen Partnerbörse. Die 29-jährige Politik-Studentin und Mutter eines sechsjährigen Sohnes ist seit drei Jahren geschieden und war auf der Suche nach einem neuen Partner. „Die, die bei den Eltern anklopften waren nicht die Richtigen für mich“, sagt sie. Neben den klassischen Wegen war daher auch das Internet eine Option für Leila. Doch Ali*, ihren Bald-Ehemann, lernte sie – wider Erwarten – nicht in einer Partnerbörse kennen, sondern auf einem bekannten Online-Kontaktnetzwerk.

Durch einen lustigen Kommentar in einer Gruppe erregte der 30-jährige Elektroingenieur ihre Aufmerksamkeit. Wie Leila lebt auch Ali geschieden. Sie schrieb ihn an, er schrieb zurück, es ging hin und her und schon bald telefonierten sie. Die Eltern waren von Anfang an eingeweiht. „Uns ist es sehr wichtig, dass unsere Eltern bei der Partnerwahl mitentscheiden und uns ihren Segen geben“, sagt Leila. Probleme damit, dass ihre Tochter ihren Partner im Internet kennen gelernt hat, haben ihre Eltern nicht.

„Meine Eltern sind aber auch nicht repräsentativ für die muslimischen Eltern in Deutschland. Sie sind sehr religiös, aber gleichzeitig auch sehr offen“, sagt sie. Die oftmals kritische Einstellung von Eltern gegenüber dem Internet ist aber „nicht allein ein muslimisches Phänomen, sondern hängt mit der fehlenden Erfahrung mit dem Medium Internet zusammen“, erklärt Ali, Leilas zukünftiger Ehemann.

Das war auch der Grund, warum Betül und Tarik ein Geheimnis haben und ihren Eltern nicht die volle Wahrheit über ihr Kennenlernen sagten.

„Sie hätten es vermutlich nicht verstanden“, erklärt Betül. Genau wie Leila hat auch die 23-jährige Betül ihren Partner, den 27-jährigen Tarik, im Internet kennengelernt. Das war vor zwei Jahren und damals wollte Betül eigentlich weder heiraten noch jemanden kennen lernen. Entsprechend überrascht war nicht nur sie von sich selbst, sondern auch ihre Mutter – ihr verkündete Betül damals: „Mama, ich habe jemanden kennen gelernt. Er und seine Familie kommen uns nächste Woche besuchen.“

Wie sich die Partnersuche in Zukunft entwickeln wird? „Es wird sicherlich mehr und mehr Pärchen geben, die sich im Internet kennen gelernt haben werden“, sagt Leila. Auch Betül glaubt daran: „Es wird zur Normalität.“

* Namen von der Redaktion geändert.

12. Januar 2008, veröffentlicht im zuender, dem Netzmagazin der ZEIT – zuender.zeit.de
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