UY UY UY!

Das Schlimmste was man einem Blogger antun kann (neben “Das bloggst du aber bitte nicht!”) ist Folgendes: Auf der Republica (der größten Bloggerkonferenz Europas) anrufen und dem Blogger mitteilen, dass man für den Grimme Online Award nominiert ist – und jetzt kommt’s: Nachlegen, dass alles bis zum 11. Mai geheim gehalten muss.

Genau das ist mir nämlich passiert. Es war eine Qual! In mir drin hüpften tausend Kübras wild durch die Gegend, freuten sich und schlugen Saltos. Ich grinste also grundlos durch die Gegend, horchte bei jedem “Grimme”-ähnlichen Wort verdächtig auf und ward paranoid, mir könnte die Neuigkeit doch noch entgleiten. Meinen ganzen Blogger-, Twitter-, Facebook- und sonst wie Internetaffinen-Freunden durfte ich nichts verraten. Man stelle sich diese Tortur mal vor.

Aber das ist jetzt kalter Kaffee. Heute war endlich, endlich, endlich, endlich die langersehnte Pressekonferenz, bei der das Grimme-Institut, die 25 Nominierten für den Award bekannt gab. Damit darf ich endlich auch ausplappern, was in den vergangenen Wochen meinen Redefluss hemmte: Yey! Ein Fremdwörterbuch ist nominiert! Ein Ritterschlag. Danke, danke, liebes Grimme-Institut, Nominiertenkommission und wer sonst noch Schuld an der Nominierung ist. Mein Blögchen fühlt sich geehrt, das ist ein tolles Geschenk zum 3. Bloggeburtstag (geb. Mai 2008)!

Ganz wichtig!

Und jetzt seid ihr lieben Fremdwoerterbuchleser dran. Wenn ihr wollt, dann dürft ihr hier beim Publikumsvoting für “ein fremdwörterbuch” voten. Ich freu mich in jedem Fall. Und jetzt gehe ich gebührend Herumhüpfen und verabschiede mich in die non-virtuelle Welt mit Sonne und so. Ahoi!

MANIFEST DER VIELEN HEIßT EIN BUCH.


Gestern Abend habe ich zum allersten Mal vor Publikum vorgelesen. Nein, eigentlich zum zweiten Mal. Beim ersten Mal, da war ich siebzehn Jahre alt, las den Text “Was möchten Sie?” und musste beim Lesen auf der Bühne weinen. Seitdem habe ich das Vorlesen vor Publikum tunlichst vermieden. Außer in der Schule. Da habe ich immer gerne vorgelesen und man hat mich auch immer gerne Vorlesen lassen. Das lag vor allem an der Geschwindigkeit meines Vorlesens bzw. an den Atempausen, die ich nicht einlegte.
So fand ich mich gestern Abend auf der Bühne wieder mit einem Buch auf dem Schoß, das sich “Manifest der Vielen” nannte, und sollte mit anderen Menschen daraus vorlesen. Tat ich dann auch. Ich schaute auch ab uns zu ins Publikum um Atempausen vorzutäuschen. Ich weiß nicht, ob es funktioniert hat. Ich jedenfalls glaubte Sauerstoff zu riechen.
Aber was ich eigentlich sagen wollte, ist dass das Buch nun draußen ist. Und ein Text von mir ist auch drin und damit auch draußen. Ich finde die anderen Texte echt cool. Das ist keine Kaufempfehlung, sondern eine Leseempfehlung. Wobei die Klugen unter euch natürlich ein Kaufempfehlung hier rauslesen könnten. Könnten.
Außerdem wollte ich mitteilen, dass der Abend gestern echt toll war. Da kamen viele tolle Menschen zusammen, die irgendwie und irgendwas mit MigrantInnen und dem Islam zu tun haben. Das war quasi eine Mini-Islamkonferenz, obwohl ich viele Menschen vermisst habe, die auch und sehr gut in diese Mini-Islamkonferenz gepasst hätten. Aber so ist es ja auch in der echten Islamkonferenz, damit war das Ganze wieder richtig authentisch.
Und ich durfte Menschen
, die ich aus unzähligen Mail- und Facebook-Unterhaltungen kannte, nun endlich in echt (neudeutsch: “real life”) sehen. Das war ganz merkwürdig. Zum Beispiel Migazin-Gründer Ekrem Senol, den kannte ich bis dahin nur in Schwarzweiß. Und andere Menschen, die viel kleiner, viel größer und sowieso ganz anders aussahen, als ich mir immer vorstellte. Das war so wie wenn dein Lieblingsbuch verfilmt wird. Es wird nie mehr so sein wie früher.

Ich möchte diesen Text mit einem Video abschließen, das ich oben eingebaut habe, aber erst hier unten erkläre – um euch zu verwirren. Statt eines Buchtrailers gibt es ein exklusives Musikvideo. “Tanz den Sarrazin” gerappt von Volkan T. (Mein Lieblingssatz in dem Lied ist “Ich integrier mich mit dir.”) Die Sängerin Sesede Terzyan finde ich wunderbar, wunderbar gelassen. Sie spielt übrigens die Hauptrolle in dem Theaterstück “Verrücktes Blut”. Habe das Stück noch nicht gesehen, muss es aber tun. Weil hat ja mit Migranten zu tun – und soll außerdem auch großartig sein!

Ich tauche in dem Video auch kurz auf und tue so als würde ich Lesen. Nein, ich lächle beim Lesen normalerweise nicht. Ich wollte bloß nett aussehen.

Jetzt kurz ohne Ironie und so: “Manifest der Vielen”, herausgegeben von Hilal Sezgin (Danke, danke und großartige Sache!) und mit Texten von vielen, vielen tollen Menschen. Blumenbar Verlag. Folget dem Link.

HAUBENRENNEN

Das sind die Herzballons mit Glückwünschen unserer Freunde auf dem Weg in den Himmel.

Und hier ein unveröffentlichter Text aus meiner Single-Zeit. Meine Güte, wie die Zeit rennt.

Es ist Samstagmorgen, die Vögel zwitschern. Die Sonne scheint durch das WG-Fenster. Ich wache glücklich auf. Gestern hat die stressige Uni-Prüfungszeit endlich ihr Ende gefunden. Yey! Um das zu Feiern versammelten wir uns mit Freunden im WG-eigenen Garten. Ich kochte ganz viel Essen mit echtem (!) Gemüse. Und wir tranken marokkanischen Tee mit frisch gepflückten Minzblättern. So entspannt, so stressfrei. Heute Morgen habe ich eigentlich allen Grund glücklich zu sein. Aber man soll den Tag bekanntlich nicht vor dem Abend loben.

Auf meinem Weg ins Bad werde ich von meinen Mitbewohnerinnen aufgehalten. „Kübra, schau! Arzus Cousine hat geheiratet“, rufen sie. Oh nein. Ich sehe es kommen. Das wird ein langer Morgen. Ich lasse mich also ins Zimmer zerren und erblicke vier junge Mädchen in Pyjama, um die Zwanzig, die vor dem Laptop hocken und Hochzeitsbilder analysieren. Serra, mit 19 die Jüngste und Kleinste in unserer Runde, gibt eine detaillierte Kritik des Brautkleides zum Besten. Das kann sie, das quirlig, selbstbewusste Mädchen ist schließlich Expertin. Ihr Verlobungskleid hat sie bereits ausgesucht, das Hochzeitskleid sowieso. Die Band auch. Karmate aus der türkischen Schwarzmeerregion soll es werden. Eigentlich ist alles vorbereitet, nur der passende Mann fehlt. (Den Front-Sänger in Karmate findet sie verdächtig toll.)

Den will Serra in fünf Jahren kennenlernen, nachdem sie idealerweise ihren Master in Harvard beendet hat und zur Promotion nach Oxford zieht. Sie hat Träume, sie ist ambitioniert. Genau wie ihre Hochzeit sind nämlich auch die nächsten zehn Jahre ihrer Karriere bis ins letzte Detail verplant. Ihr Zukünftiger soll ein junger, praktizierender Muslim, intelligent und voller Energie sein. Und wenn sie ihn trifft, dann will sie um seine Hand anhalten. Warum nicht? Khadijah, die erste Frau des Propheten Muhammed, hatte es ja auch so gemacht.

Mittlerweile haben sich meine Mitbewohnerinnen vor dem Laptop darauf geeinigt, dass das Make Up okay, die Braut selber hübsch, das Brautkleid aber ein Desaster ist. Wow, das ging schnell. Meine Mitbewohnerinnen werden immer professioneller – es gibt aber in letzter Zeit unheimlich viele Hochzeiten zu analysieren. Gefühlte hundert Freundinnen haben sich verliebt, verlobt und geheiratet.

Erst vor einigen Tagen ging das Gekreische an der Uni los, als eine äthiopische Freundin ihren Verlobungsring hochhielt – ihr Freund hatte ihr einen romantischen Antrag in einem Schloss in der Nähe von London gemacht. Und meine beste Uni-Freundin gestand mir, dass sie endlich Mr. Right gefunden habe – auf einer muslimischen Partnervermittlungsseite. Ach ja, einer anderen Freundin hatten die Eltern letzten Sommer „zufällig“ jemanden vorgestellt. Seit zwei Monaten sind die beiden nun glücklich verheiratet und ziehen durch die Welt. Meine Güte. Alle rennen unter die Haube. Ist denn da so viel Platz?

Ich bin irritiert. Manche sagen mir, dass es doch noch viel zu früh ist, um über das Heiraten überhaupt nachzudenken – „Du bist doch erst 21!“ – und andere geben mir zu verstehen, dass ich mich beeilen sollte. „Als ich so alt war wie du, dachte ich auch, dass ich noch ewig Zeit hätte. Aber glaub mir, kaum dass du dich versiehst bist du 30. Und dann gefällt dir kein Mann mehr.“ Ach, das stresst mich alles so. Ich will doch nur meinen ersten Prüfungs-freien Tag genießen. Ist das zuviel verlangt? Und wenn ich jemanden kennenlerne, dann lerne ich halt jemanden kennen. Basta. Wie das alles genau ablaufen soll, weiß ich auch nicht. Aber das weiß man eh nie vorher.

Ich stehe auf und gehe ins Bad. Einige Minuten später bin ich aber wieder draußen im Flur. Grinsend und mit der Zahnbürste im Mund beobachte ich meine geliebten Mitbewohnerinnen: Sie tanzen in Pyjama und mit zerzausten Haaren an einem Samstagmorgen einen türkischen Volkstanz zu türkischer Volksmusik, die das Haus beben lässt. Ich glaube, da baut jemand Stress ab.

ENTPOLITISIERT DAS KOPFTUCH

- Gedanken zur Verhüllung -

Mein Kopf, dein Kopf und das Tuch.

Ich trage das Kopftuch, weil ich es als gläubige Muslimin für meine religiöse Pflicht halte. So. Damit ist alles gesagt und dieser Text könnte hier eigentlich schon enden. Aber die Fremdwahrnehmung des Kopftuchs ist eine andere als die der Selbstwahrnehmung. Und darin liegt der zentrale Konfliktpunkt der gesamten Debatte um das Tuch auf dem Kopf.

Ich wuchs in einer familiären und sozialen Umgebung auf, in der viele Frauen das Kopftuch trugen. Sie waren gebildete, selbstständige und selbstbestimmte Frauen, die ihre islamische Religiosität mit dem Kopftuch zum Ausdruck brachten. Für mich war das Kopftuch damals ein Symbol der Selbstbestimmtheit, Souveränität und des erwachsenen Selbstbewusstseins. Das Tragen des Kopftuchs empfand ich als erstrebenswert.

Sehr früh, schon mit zehn Jahren, entschied ich mich deshalb das Kopftuch zu tragen – obwohl meine Eltern es gerne gesehen hätten, wenn ich das Kopftuch erst einige Jahre später angelegt hätte. Ich aber wollte mit dem Wechsel auf das Gymnasium einen neuen Lebensabschnitt beginnen; meine neuen Schulkameraden sollten mich mit dem Kopftuch kennenlernen.

Den vollständigen Text gibt es in der aktuellen Gazelle-Sonderausgabe “Der ewige Muslim”.

ZAHNRÄDER


Wochenlang saßen wir im Skype-Kämmerchen und planten und organisierten. Ich saß mangels häuslichen Internets in der Londoner Uni-Bibliothek, setzte mich in eine laute Arbeitsecke (weil ich anderswo ja nicht reden darf). Aber weil es bei mir viel zu laut war, musste immer auf “Stumm” drücken, wenn ich den anderen Konferenzteilnehmern gerade nichts mitzuteilen hatte. Doch ich wollte eigentlich immer etwas sagen. Teufelskreis. Schwere Zeiten. Ich saß da also mit Kopfhörern in einer Ecke und sprach in einer “really ugly and harsh” Sprache mit meinem Laptop und erntete irritierte Blicke von meinen Londoner Kommilitonen.

Heraus kamen: “Zahnräder” – Netzwerk junger muslimischer Köpfe. Eine Idee, die anfangs im Kopf von Ali und mir schwirrte. Wir sprachen miteinander, infizierten die Ayse und so kamen immer mehr wirklich tolle Menschen, die die gleiche Idee hatten, zusammen. Ein Hirngespinst fand seinen Weg in die Realität. Schritt für Schritt.

Seit einer Woche läuft nun die erste Bewerbungsfrist für die Initiative. Unser Ziel ist es junge, engagierte und aktive Muslime zusammenzubringen. Sie sollen sich austauschen, voneinander lernen, Visionen entwickeln und erste Schritte tun, um diese zu realisieren. Dabei ist es irrelevant welcher islamischen Strömung man angehört, welchem Verein oder welcher Organisation. Das Individuum und die Visionen – das ist uns wichtig.

Denn wir alle spürten irgendwann in unserem Leben den Bedarf andere aktive junge Muslime kennenzulernen. Menschen, die die gleiche Tatkraft fühlen, etwas bewegen wollen und einen wichtigen Beitrag für diese Gesellschaft leisten wollen. Menschen, die in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen aktiv sind. Genau diesen Bedarf soll “Zahnräder” nun versuchen zu decken. Wir wollen uns gegenseitig motivieren, inspirieren und helfen.

Ilhaam, eines unserer Team-Mitglieder, überzeugte uns alle von der Weltmetropole Wuppertal. So findet die Konferenz (im BarCamp-Stil) vom 24. bis 26. September in einer Wuppertaler Jugendherberge statt. Ich schreibe das ganz ohne Ironie (vom Weltmetropole-Satz mal abgesehen), Wuppertal ist wirklich toll. Vor allem die Stadthalle – ein Traum.

Aber zurück zum Thema. Bewerbt euch mit eurer Idee, eurer Vision! Am Ende der Konferenz werden nämlich Fördergelder von insgesamt 4.500 Euro vergeben!

So. Das war jetzt mein Totschlagargument. Wenn noch Fragen da sind, dann diese bitte in den Kommentaren stellen. Ich freue mich auf viele (neue) Gesichter, vor allem aus der Bloggerwelt.

Apropos: Ihr dürft die Veranstaltung gerne weiterpromoten. Das wäre großartigst! Und gibt bestimmt Pluspunkte im Gute-Taten-Register. Und hier: Zahnräder auf Facebook.

Und sonst so:

Die Kolumne fiel die letzten Male wegen der WM aus. Deshalb gab es keine bahnbrechenden Neuigkeiten aus der Tuch-Welt. Das wird sich bald aber ändern.

Damit verabschiede ich mich! Ahoi und Salams!

NOCH EINMAL SCHLAFEN.

Seit Tagen hocke ich in der Bibliothek und lese, lerne, schreibe, um zu lesen, zu lernen und zu schreiben, weil ich Lesen, Lernen und Schreiben muss. Deshalb weiß ich eigentlich nicht, warum ich mir meinen Terminplaner griff, um zu schauen, was morgen so ansteht. Denn ich weiß doch, morgen werde ich lesen, lernen und schreiben, um zu lesen, zu lernen, zu schreiben… aber nein, siehe da: Feiern!
Morgen wird dieses kleine Internetbüchlein hier – ein fremdwörterbuch – zwei Jahre alt! Vor zwei Jahren ärgerte ich mich über die Glatzköpfe am 1. Mai und die “Schleiereulen”-Frau, die mir die Laune verdarben und diesen Blog einbrockten – zum Glück! Liebe Nazis und islamophobe Fahrraddame, danke dafür! Ich wusste doch, ihr meint es nur gut mit mir.

So, bevor ich mich nun gleich wieder ins Uni-Nirvana stürze, nehme ich mir etwas vor, das ich unmöglich einhalten kann: (Doch indem ich das blogge, setze ich mich unter Druck, was dann tatsächlich zu einem Ergebnis führen könnte.)

Morgen, zum 2. Bloggeburtstag, werde ich eine Überraschung posten!

Koffeinhaltige Grüße aus dem Bücherstaublager!

PS: Das Bild war lange mein Bildschirmhintergrund, weil es mich an Istanbul, meine liebste Schwester, tolles Wetter, eine tolle Länderrundreise, liebe Menschen, das Kind in mir und an eine wunderbare Zeit erinnert. Die perfekte Ablenkung also!

TORSCHUSSPANIK ODER: DIE TAZ KOLUMNE

Dieser gutaussehende Typ ist übrigens einer der vielen Spieler, die in meinem Zimmer in Deutschland übernachten.
Ich weiß. Es heißt eigentlich TorschLusspanik. Im Mittelalter schloss man nachts die Stadttore und solche, die es bis dahin nicht in die Stadt geschafft hatten, mussten die Nacht vor dem Tor verbringen. Und hatten folglich jedesmal auf dem Weg in die Stadt Torschluss-Panik. Da kommt die Redewendung laut Wiki her. Heute benutzt man diese Redewendung, wenn Mann oder Frau aufgrund ihres Alters befürchten, bestimmte Ziele nicht mehr erreichen zu können – Kinder, Partnerschaft, Ehe. Im letzten Jahr gab es dazu im SZMagazin einen sehr interessanten Artikel über Karriere-Männer, die endlich eine Familie gründen wollen.

Dort stolperte ich zum ersten Mal über den Begriff Torschlusspanik, verlas mich aber und glaubte, es hieße “Torschusspanik”. Und es machte Sinn – in meinem Kopf. Ich stellte mir einen Fußballspieler vor, der zielstrebig in Höchstgeschwindigkeit und größtem Kampfesgeist auf das Tor zurast und dann – kurz vor dem siegbringenden Torschuss – unsicher wird, sich bremst, strauchelt und im schlimmsten Fall über die eigenen Beine stolpernd mit dem Gesicht im nassen Gras landet. Das – dachte ich – ist Torschusspanik. Die Panik kurz vor dem Ziel.

Und weil es das Wort meines Wissens bisher noch nicht gibt, führe ich es hiermit ein. Das Wort beschreibt nämlich sehr toll, was ich gerade fühle: Am Mittwoch erscheint meine erste Kolumne in der taz. Was eine großartige und tolle Sache ist. Aber jetzt kurz davor, kribbelt es im Bauch und ich bekomme Torschusspanik. In der Kolumne, die fortan jeden zweiten Mittwoch im Gesellschaftsteil der taz erscheinen wird und “Das Tuch” heißen wird, geht es – Überraschung! – um das Tuch. Also um das Kopftuch, den Islam, Frauen, Muslime, Deutschland – Dinge und Gedanken, die in meinem Kopf herumschwirren und über meine Finger nun in der Außenwelt Gehör finden sollen. Aufregend!

Die allererste Kolumne am Mittwoch räumt ein bisschen auf und redet Klartext. “Das gibt böse Leserbriefe!”, sagten einige befreundete Probe-Leser. Was soll’s. Auf zum Tor!

PS: Liebe muslimischen Freunde, schließt ihr mich heute bitte in eure Gebete mit ein? Und liebe nicht-muslimischen Freunde, drückt ihr mir bitte die Daumen? Danke, danke, mein Kribbelbauch hat’s dringlichst nötig. :)

NETZSCHEINTOD

Während ich nun diesen Post schreibe, weiss ich nicht, ob ich ihn je zu Ende bringen werde. Denn vor diesem hier schrieb ich schon vier andere Beiträge, in denen ich meine nicht enden wollende Blogabstinenz versuchte zu ergründen und jedes Mal brach ich den Post ab. Mal war mir der Beitrag zu privat, Mal zu uninteressant, dann wieder zu viel geschwollener Geschwafel oder zu unintelligent. 
Das, was ich jetzt mache, ist typisch Blogger: Wenn ich schon nicht einfach so schreiben kann, dann schreibe ich darüber, dass ich nicht einfach so schreiben kann. Womit ich wiederum einfach so geschrieben haben werde. Und der Teufelskreis des Nicht-Schreibens hebt sich auf. So. Mehr schreibe ich jetzt nicht. Sonst breche ich den Text bestimmt ab und beschließe, dass er es nicht wert ist, gelesen zu werden. Und ich werde den jetzt auch nicht Korrekturlesen. Ich drücke jetzt auf “veröffentlichen.”

Kurzum für die Lesefaulen: Ich bin wieder da, im Netz.

AENTSCHULDIGONG

Aentschuldigong (Sorry) for not updating my blog. Me busy-bee is beeing around the world in search for honey. Well, actually I’m in London right now, searching for a flat – this search turned out to be one of the most underestimated things in my life.
However there are some things I’d like to share with you. Like this interview with me published in Polish on Funkhaus Europa. And this interview I had with Mekonnen Mesghena, Head of Migration, Citizenship and Diversity department of the Heinrich Böll Stiftung in Germany – Very interesting interview about the importance of diversity in media! And before continuing my Ramadan Diary I have to admit: Shame on me! – I’m so bad in keeping a diary. I forgot to take picture three times by now. Argh. I hope it won’t get worse.
And the other thing I’d like to share with you: Check out orangelog.eu: Especially the articles, radio programms and videos by the participants of the m100 youth workshop last weekend in Potsdam! It was really great! Interesting, funny and lovely people from all over Europe! Thank you Sabine and Agnes for making this possible! And also many thanks to all the participants – I’ve learned so much from you (especially from East-Europe). And I hope to see you soon! Don’t forget: It’s all about context (


Bildcredit: Yannick Brusselmans

DES JAEGERS MAUER

Bildcredit: Textually

Für das Interview-Buch “Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung” führte ich mit Jessica zusammen ein Interview mit Darrn Lyons, dem Mann, der Prinzessin Diana jagte. Heute erscheint das Interview in der Frankfurter Rundschau.

Als wir in der Londoner Paparazzi-Agentur Big Pictures auf Darryn Lyons warteten (über eine Stunde) und dann nun endlich für das Interview zu Gesicht bekamen, war ich sehr überrascht. Ja, sein Büro zugestellt mit Bildern und Preisen, imposanten Tierresten und einem riesigen Thron, aber er, Darryn Lyons, sah aus wie ein kleiner, frecher, unschuldiger Junge. Ganz anders als ich ihn erwartet hatte – ganz anders als er sich in den Medien inszeniert. Kein grober, protziger, skrupelloser und gieriger Paparazzi-Firmen-Inhaber, der für das Skandalfoto eines Prominenten alles geben würde – und alles verlangen würde:

Als Prinzessin Diana 1997 in einem Pariser Tunnel verunglückt, ist Lyons der Erste, der Fotos von der Verletzten erhält und auf dem Markt anbietet. Zwar werden die Bilder nie verkauft, trotzdem entbrennt eine Diskussion über die Moral und Funktion der Paparazzi. Obwohl bekannt ist, dass der Chauffeur betrunken war, halten sich bis heute Gerüchte, die Paparazzi seien schuld an ihrem Tod gewesen.

Und doch. Während wir das Interview führten, wurde mir mehr und mehr klar, dass er im Interviewgeben geübt ist. Er weiß, welchen moralischen Vorwurf man ihm macht, noch besser weiß er, wie er dagegen argumentieren, seine eigene – in sich plausible – Moralvorstellung präsentieren und sich damit aus dem Schneider machen kann. Den Interviewern gegenüber inszeniert er sich als kleiner Junge. Er bleibt unnahbar – in seinem persönlichen Moral-System, einer Mauer. Das, was uns empört, berührt ihn nicht. Und ich denke, das muss so sein. Alles andere wäre für eine öffentliche Person Selbstzerstörung. Ob das auch gut ist, ist eine andere Sache.

Das, was Sie als Hilfe bezeichnen, bedeutet aber, dass ein Prominenter dauernd befürchten muss, bei einer peinlichen oder gar intimen Handlung abgelichtet zu werden. Damit ist seine Intimität per se ungeschützt.

Darryn Lyons: Er darf sich in dieser Medienwelt nicht mehr alles erlauben, stimmt. Aber wo ist das Problem? Wirklich Angst haben muss ja nur derjenige, der Dreck am Stecken und etwas zu verbergen hat. Ich meine, dass Paparazzi eine wichtige Aufgabe haben, denn Menschen sollten fotografiert, Geschichte sollte so präzise wie irgendwie möglich dokumentiert werden. Alles, was wir tun, ist, die Kultur unserer Zeit festzuhalten. Niemand sollte einfach sagen können: “Keine Bilder mehr!”

Das ganze Interview, hier.

Jessica and I had an interview with Darryn Lyons, a paparazzo best known for the photo-scandal about Princess Diana who died in a car crash in Paris – rumours saying it was because paparazzo had chased her. However Dianas death had risen a discussion about media, moral and the role of paparazzi. As Darryn Lyons was the first to offer the accidents images to the media, the discussion was – among others – centered on him. The interview will be published in a German newspaper today. (It was originally published in this book)

GEBETSKETTENGESICHTER

Das, meine werten LeserInnen, ist ein Gebetskettengesicht.
Bilder aus der Kindheit machen melancholisch. Ich musste kürzlich an meine tollen Abende in der Moschee denken. Und an die Gebetskettengesichter.

Für uns Kinder waren Abende in der Moschee ein einziges Abenteuer. Die Erwachsenen trafen sich zu irgendwelchen Erwachsenen-Kultur-Sachen und wir saßen ganz brav neben unseren Müttern. Anfangs zumindest. Unsere Versuche, den Vorträgen zu folgen, scheiterten nämlich unheimlich schnell. Also gaben uns unsere Mütter Bücher zum Lesen, Hefte zum Malen oder Spielzeug zum Spielen. Aber auch damit hielten wir uns nicht lange auf. Denn kaum dass sich die ersten Kinder in einer Ecke zum Spielen versammelten, konnten auch meine Schwester und ich nicht still sitzen. Wir schauten unsere Mutter fragend an, sie wiederum nickte uns zu – nicht ohne “Aber leise bitte!” hinterher zu flüstern.

Spielen war das Größte! Wir spielten Verstecken, Ticken, Eis-Ticken, Catlak-Patlak, Charlie-Chaplin (ging nach Hamburg…), Ding-Ding-Doli, Yag Satarim Bal Satarim und – ach! – noch hundert andere (ausgedachte) Spiele. Ich kann mich daran erinnern, wie wir immer mehr in unsere Spielewelt eintauchten, alles um uns herum vergaßen (und damit auch, dass wir leise sein mussten). Wir spielten immer bis zur Erschöpfung und die alten Omis fragten uns, ob wir unsere Würmchen losgeworden waren. Im Türkischen sagt man nämlich “kurtlari dökmek”, wenn man etwas tut, was man schon lange tun wollte. Ich stellte mir also vor, wir würden uns so lange bewegen und herumlaufen bis die Spielelust-Würmchen, die sich an unserem Po festklammern, abfallen.

Wobei das nicht immer so war: “Kurtlar” kann nämlich sowohl Würmer als auch Wölfe bedeuten. Deshalb stellte ich mir eine Zeit lang vor, ich würde kleine Spielelust-Wölfe abschütteln, die sich an meinem Po festbeißen. Aber nur eine Zeit lang, denn die Spielelust-Würmchen-Vorstellung fand ich angenehmer.

Jedenfalls waren wir nach dem ganzen Spielelust-Würmchen-Abschütteln unglaublich müde, setzten uns wieder zu unseren Müttern und schliefen erschöpft ein. Und die Erwachsenen hatten endlich ihre Ruhe.

Zu meinen anderen Lieblings-Beschäftigungen in der Moschee gehörten die Gebetskettengesichter. Ich liebte es, Gebetsketten zu sammeln und Bildchen daraus zu formen. Dinosaurier und Autos waren einfach, am lustigsten waren aber Gesichter. Die Bändchen waren schließlich geradezu prädestiniert für Pferdeschwänze. Stundenlang konnte man mich damit unterhalten. Und nun, nach mehr als zehn Jahren, hab ich wieder ein Gebetskettengesicht gebastelt und bin die Würmchen losgeworden.