YUVA KIYMETİ

Auf Franks staubigem Papierstapel lag ein Zettel. Ein türkisches Lied stand darauf in Schreibmaschinenschrift geschrieben. Ein bisschen Geschichte, Vergangenheit und Erinnerung hielt ich in den Händen. “Wert der Heimat” lautete die Überschrift. “Sie setzten mich in einen Zug in der Türkei”, sang Metin Türköz, “grüßt mir die Frau und die Freunde.” Die zweite Strophe begann er mit: “Für meine drei Kinder habe ich diesen Weg eingeschlagen…”
 Großvater, Großvater, dachte ich.
Vaters Vater, Großvater.
“Wie geht es dir?”, frage ich.
“Allah sei dank”, sagst du lächelnd.
Und weinst.
 “Wenn du willst, kannst du ihn haben”, sagte Frank und hielt mir den Zettel hin. “Besser, ihn besitzt jemand, der ihn zu schätzen weiß.”
Schätzen ist ein schönes Wort, Großvater.

Frankın masasında tozlanmış bir kağıt duruyordu. Eski bir türkü, daktilo ile yazılmıştı. Sanki geçmişi, tarihi, hatıraları tutuyordum ellerimde. “Yuva kıymeti” diye yazmış yazan insan. “Türkiyeden bindirler Trene / Selam söyle eşe dosta yarene” Sonra “Üç yavrum yüzünden düştüm yollara” diyor. 

Dedem, ah, Dedem, diye geçiriyorum içimden.

“Nasılsın?”, diye soruyorum.
“Elhammmdulillah” diyorsun, sakin ve gülümseyerek.
Ağlıyorsun.

“Istersen senin olsun” diyordu Frank. “Bir şey ancak değerini bilenin yanında kıymetlidir.”
Kıymet ne güzel bir kelime, değilmi Dedem?

THOUGHTS ON THEIR WAY

Sometimes I keep some thoughts to myself, because I feel they aren’t complete. Such as this one here. It’s been almost a year when I first wrote this thought down. But then I left it as a draft. It hasn’t made its way to the outside world.

But this time it will make its way. Even if I feel it’s incomplete.

After all, aren’t all our thoughts, whether we consider them complete or not, just a state of mind? Aren’t we in constant change, revising and rethinking who we are, want to be and what we think is right? Or at least: Shouldn’t we aim to be in constant development? Being full of energy and ease – full of energy to develop ourselves; full of ease about our flaws and imperfection. Aren’t we just on our way anyways? We will never be complete. And not even death will bring this to an end.
But it is us all who neglect our imperfection. We – as a whole – don’t give each other the freedom to be a traveller on the path of change.

We falsely believe that every thought we speak has to be armed and shielded against every attack. Sometimes, we feel the pressure to strongly defend every single thought we share. And so: Inner discussions stay inner discussions.

However, isn’t it more interesting to speak out these inner thoughts, fears and voices; to discuss them on a broader scale – just to find out that there are thousands of others who share our inner conflicts? Will this not bring us relief?

But we fear criticism. We fear being sanctioned. We fear judgement. We fear being human, imperfect. Being a traveller. Who we are.
And so, we keep on the safe side. Our thoughts keep running in our head. Our mouth keeps shut. But one day that thought will be gone, without us even noticing it.

So from time to time you will find some of those imperfect incomplete thoughts here, thoughts in progress. A snapshot of inner discussions that have not yet come to an end – and never will.

Because I am a traveller and so are you. Let me lead, let me be led. Don’t chase, don’t let yourself be chased. Watch my way, not the place I stop to take a rest.

RASSISMUS AN DEUTSCHEN UNIVERSITÄTEN

 

»Weißt du, Kübra, für mich bist du keine Deutsche.« Das sagt mir Manuel an einem Sommertag im Café, als wir mit Freunden gerade über Deutschland diskutieren. Eigentlich mögen wir uns, Manuel und ich. Wir haben zwei Jahre lang gemeinsam Politikwissenschaft studiert und sitzen in unserer Freizeit immer wieder in diesem Café. »Warum?«, frage ich. »Weil du ein Kopftuch trägst.«
Ich lache und erkläre ihm, dass das absurd sei. Wegen meines Kopftuchs bin ich keine Deutsche? »Gilt das auch für Bio-Deutsche, die zum Islam konvertieren?«, frage ich. »Bio-Deutsche«, so bezeichnete Cem Özdemir, der Parteivorsitzende der Grünen, im Spaß einmal Menschen, die sich in einem winzigen Detail von ihm selbst unterscheiden: »Bio-Deutsche« sind Deutsche, deren Vorfahren in Schwäbisch Gmünd oder Bad Salzuflen lebten und nicht in Izmir oder Ankara. »Das ist etwas ganz anderes!«, sagt Manuel. Andere in unserer Runde nicken, um ihm zuzustimmen. Plötzlich fühle ich mich, als hätte Manuel eine Wahrheit ausgesprochen, die sich zuvor niemand zu sagen getraut hat: In ihren Augen habe ich nie zu Deutschland gehört. Ich lächele weiter und schweige. In mir aber stürmt es.
Immer wieder erlebe ich, dass mir Kommilitonen in einer Seminardiskussion widersprechen, um gleich im nächsten Satz zu wiederholen, was ich zuvor gesagt habe. Als müsste man bei mir erst mal dagegenhalten und meinen Intellekt grundsätzlich infrage stellen.
 
Rassismus ist ein Problem der gesamten Gesellschaft 
Ich bin nicht allein: Während manche die Universität als eine Oase der Freiheit und Vorurteilslosigkeit empfinden, berichten mir zahllose andere – Schwarze, Kopftuchtragende, Studenten mit Migrationshintergrund und Angehörige religiöser Minderheiten aus ganz Deutschland – von rassistischen Erfahrungen. Sie erzählen von Dozenten, die sie konsequent übersehen und nicht zu Wort kommen lassen. Sie berichten, wie sie an der Uni über die rassistischen Thesen von Thilo Sarrazin streiten und der Professor die Diskussion mit den Worten abschließt, Sarrazin habe zwar einige schwierige Sätze geschrieben, aber, tja, insgesamt habe er doch recht. Auch Gaststudenten aus dem Ausland erzählen mir, dass man sie nicht ernst nehme, weil sie ein Kopftuch trügen und kein akzentfreies Deutsch sprächen.
Ich hätte mich mit dieser Situation womöglich einfach abgefunden, hätte ich in meinen zwei Auslandssemestern in London nicht erlebt, dass es auch anders geht. Mein Professor stellte uns dort gleich in der ersten Politikvorlesung die Theorien von Edward Said vor, einem frühen Kritiker des akademischen Rassismus. Souverän stand dieser Professor vor uns Studenten und erklärte, dass es Rassismus auch an Universitäten gibt, denn Universitäten werden von Menschen bevölkert – meist von weißen, männlichen Menschen aus der Mittel- und Oberschicht –, und Menschen machen Fehler. Ich fand das mutig. Dabei ist das, was er sagte, eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Viel zu oft denken wir, Rassismus und andere Ausgrenzungsmechanismen seien Probleme der Unterschicht. Dabei sind sie ein Problem der gesamten Gesellschaft. Akademiker sind nur viel besser darin, ihre Gesinnung hinter komplizierten Definitionen und Thesen zu verstecken. Es ist der subtile Rassismus, der besonders wehtut. Der unausgesprochene, die Blicke, die uneindeutigen Aussagen. Das Ungreifbare.
Mich erstaunt, wie empfindlich viele Akademiker reagieren, wenn man sie darauf hinweist, dass sie sich rassistisch oder sexistisch verhalten. Diese Kritik kratzt offenbar an ihrem Ego. Und am Bild des abwägenden Wissenschaftlers, der völlig frei von Vorurteilen ist. Dabei ist kein Mensch frei von Vorurteilen und Fehlern – und gerade Studenten, Akademiker und Wissenschaftler sollten ihre Worte und Taten kritisch hinterfragen können. Wo, wenn nicht in der Universität, ist Raum für Selbstkritik und Vielfalt?
An meiner Uni in London funktionierte das: Dort war der Vorsitzende der Vereinigung für lesbische, schwule und transsexuelle Studenten ein Muslim. Die Leiterin der Palästinagruppe war Israeli. Einige der Sekretärinnen trugen indische Gewänder, manche Dozentinnen Kopftücher, ein Referent buddhistische Mönchskleidung.
Zurück in Deutschland, erlebte ich dagegen gleich im ersten Monat Folgendes: Eine befreundete Medizinstudentin, kopftuchtragend, betrat in der Kölner Uni das Auditorium. Der Professor schaute sie mit gerunzelter Stirn an und sagte dann: »Die Putzkammer befindet sich am Ende des Flurs.« Meine Freundin antwortete: »Ach, und ich dachte für einen Moment, Sie wären der Hausmeister.«
[Exklusiv: Das Beispiel von Neslihan, das es aus zeitlichen (Platz-)Gründen nicht mehr ins Heft geschafft hat:
Als Neslihan am Londoner Flughafen ankommt rennt sie auf die Toilette, schließt die Tür eilig hinter sich zu, setzt ihren Koffer ab und fängt zitternd an zu heulen. »Jedes Mal passierte das«, sagt Neslihan. »Jedes Mal musste ich weinen, wenn ich endlich weg aus Deutschland war, wieder zurück in England. Eine riesige Last fiel von mir ab, ich war endlich dem Rassismus entkommen.«
Nach ihrem Master in Oxford hatte sich Neslihan, die junge erfolgreiche Tochter einer religiösen Istanbuler Familie, für eine Doktorandenstelle in Heidelberg beworben. »Das größte Trauma meines Lebens«, sagt sie über diese Zeit und lacht dabei. Das tut sie die ganze Zeit während sie von ihren Erlebnissen in der Heidelberger Akademia erzählt. Davon, wie die anderen Doktoranden sie mieden, Neslihans Bemühungen Deutsch zu sprechen ignorierten und ihr Englisch überhörten. Aber wie sich die gleichen Leute nicht scheuten, ihr islamkritische Texte von Salman Rushdie oder Ayaan Hirsi Ali zu schicken – gespannt darauf wie sie, die Kopftuchtragende Neslihan, darauf reagieren würde.]

ISTANBUL: BIR BAŞKA HER ZAMAN

Başkasın sen her geldiğimde, başkasın sen her bakışımda.
Ama belki bunları sende düşünüyorsun benim her gelişimde.
Istanbul, Fatihde ve yakınlarda, Mart/Nisan 2012
:ich weiß nicht, in welchen von Euch Sprachen, der Gedanke zuerst in meinem Kopf war:
 
Jedes Mal, wenn ich da bin, bist Du anders.
Aber vielleicht denkst Du ja das Gleiche. Jedes Mal, wenn ich da bin
Istanbul, in und um Fatih, März/April 2012

I VOTE FOR ZAHNRÄDER

I don’t find football games particularly interesting. Sometimes I get a little enthusiastic, but this year during the UEFA Euro 2012 (EM) I managed to escape most matches. The reason is: There is something else I’m superduper enthusiastic and excited about:
Zahnräder has the chance to win 10.000 Euros from Vodafone Foundation! 
Zahnräder is a non-profit organization and a network of young Muslim social entrepreneurs from all over Germany – that I co-founded in 2010. This opportunity comes perfectly at the right time since we urgently need money to finance our next conferences in which we support projects financially and empower through consultancy and mentoring. Thank you Act for Impact, Vodafone and Social Entrepreneurship Akademie for this opportunity!
I’m constantly checking the voting – it’s a neck-to-neck race. Whoever gets most of the votes will win the money. It feels like a football game, only more exciting since it’s not only a little ball we’re kicking around.
So, please make me cry out of relief and happiness and vote for Zahnräder, here! The voting ends by Monday next week at 4 pm. Further information can be found here and here.
Also I’m very happy to announce that Ashoka Changemaker and Zahnräder are now official partners! Read on, here.
Thank you for your attention. I will now go and check the voting. Again.

Update (1st of July 2012) Yey, we have von 5.000 Euros! Thank you so, so much!

 

GEFILTERTE LEBENSBILDER – EIN MONAT

Nach einer Woche mit meiner Schwester, die mich damals in London besuchte, schrieb ich vor zwei Jahren “Wenn die Zeit wie im Fluge vergeht, dann war sie schön.” Nun schaute ich mir auf dem Handy die Fotos des letzten Monats an, der oft im Flug verging (nicht nur im übertragenden, sondern im tatsächlichen Sinne). Allerdings gefiltert durch diese Hipsterfunktion. Gut, dass das nicht wirklich mein Leben ist, sonst würd ich neidisch werden auf die warme Farbenwelt meines Filter-Ich.

“Sometimes I simply grab my pen and let it move…”, I wrote. What I really ment to say was that the conference I attended was – at that point – superboring.

“Land, ho! / Land in Sicht!” Irgendwann kam ich auf die Idee, beim Fliegen aus dem Fenster zu schauen und entdeckte ganz aufgeregt die Welt von oben. In diesem Fall eine britische Küste.

In Oxford lehrte uns Rafeef Ziadah, palästinensische Wortkünstlerin, das Leben – mit ihrem Stück “We teach life, Sir”  Berührend und sehenswert.

In der diesjährigen Wedding-Ausgabe erschien eine Kolumne von mir zum Thema “Turkish Wedding”, wie ich bereits hier im letzten Satz ankündigte: Klick.
Viel wichtiger: »Der Wedding« #04 wurde für den bundesdeutschen Designpreis 2012 in der Kategorie Kommunikationsdesign nominiert! Glückwunsch!

In einem meiner Aus-dem-Fenster-Kuck-Momente entdeckte ich dieses Mal – wieder ganz aufgeregt – ein anderes vorbeifliegendes Flugzeug. (Hier in groß)

Noch ein letzter Flugzeug-Moment:
Selbst kurz vor der Landung – nach der Technische-Geräte-Bitte-Aus-Ansage (!) der Stewardess – fotografierte ich wagemutig Hamburg.

Auf dem MJD-Meeting in Bad Orb sang die US-amerikanische muslimische Boyband Native Deen. Und ich muss sagen, Bewegungstechnisch unterscheiden sich muslimische Boybands nicht wirklich von dem Rest. Auch sie fassen sich mit beiden Händen an die Brust und schauen sentimental zur Seite, während die anderen in der Band mit ausgstreckter Hand dramatisch in den Himmel schauen oder mit geballter Faust nachdenklich zu Boden.

“Huy! In der aktuellen Cosmopolitan wurde ein Tweet von mir nachgedruckt”, tweetete ich. Der Dank gilt zwei Leserinnen, die mich darauf hinwiesen.

Das Land, in dem Tischdecken, Schneidebrett, Messer und Wurscht für das Frühstück in der Deutschen Bahn mitgebracht werden. Schaffner gespielt empört: “Die Decke ist ja nicht einmal gebügelt!” Großes Gelächter. Dann Mutter: “Doch doch, alles gebügelt…”
Später, als die Bahn überall pünktlich hielt:
Vater: “Sach mir einer die Deutsche Bahn käm spät, kann man ja die Uhr nach stellen!”
Mutter: “Ja, immer wenn wir fahren.”
Vater: “Wir haben das Glück gepachtet.”

Auf dem Katholikentag in Mannheim saß ich auf dem Podium zum Thema “Blogger auf den Barrikaden”. Felix Neumann, der Moderator, hat die Diskussion als Storify zusammengestellt.
Während ich über das Veranstaltungsgelände lief, lächelten mich alle richtig nett an. Ich grinste bei dem Gedanken, das wir Muslime das auch machen, wenn ein Nichtmuslim auf einer muslimischen Veranstaltung an uns vorbeiläuft. Wer weiß, was ein Lächeln alles bewirken kann…
Dort traf ich übrigens diesen netten Herren. Man fragte mich später, ob er ein Rockstar sei. Das lasse ich so stehen.

“Buffallos für nur 30 Euro! Also knapp 60 Mark. Hätt’s das damals für das Geld gegeben…”

Für die aktuelle Zeit Geschichte “Der Islam in Europa” schrieb ich die Geschichte von Molla Mehmet nieder, einem für mich besonderen Mann im Südwesten der Türkei, der lange, sehr lange lebte.

Einer meiner Lieblingsmenschen hat geheiratet. Drei Tage lang, in drei Städten. Sehr schön…

Im Auto meines Onkels entdeckte ich das hier:

“Luxus Duschbad 
DDR
Dusch dich richtig
Eine Hand wäscht die andere

Als mir diese 1987er Ausgabe von Günter Wallraffs “Ganz Unten” in die Hände fiel, wunderte ich mich über den komischen Titel. Ist das eine Satire, fragte ich mich. “Alter Killer” oder so? Und dann fiel der Groschen. Das ist Türkisch.

Seit über einer Woche bin ich nun im Politik-Ressort der “Zeit” und durfte dort Alt-Kanzler Helmut Schmidt erleben. Es war, als säße man mit einem Stück Geschichte in einem Raum. Sehr beeindruckend. Deshalb tweete ich hinterher: “Wow. Die Politische Konferenz mit Schmidt & Co bei “Die Zeit” ist spannender als jeder Film und informationsreicher als jede Vorlesung.”

6. Juni: “Heute morgen von 4 bis 7 Uhr flog die Venus vor der Sonne entlang. Meine Mutter musste das natürlich unbedingt live im Planetarium erleben. Was man nicht alles für Mütter tut. :) (Auf dem Bild seht ihr eine Szene der supercoolen All-Simulationen im Hamburger Planetarium)” Mehr dazu hier.

Bei einem Essen an der Hamburger Alster habe ich mich erkältet. Es will hier einfach nicht Sommer werden. Deshalb liege ich heute krank im Bett und schreibe das hier.

Und in der aktuellen Zeit Campus Ausgabe kickt ein kopftuchtragendes Gehirn Sarrazins Buch.

Mehr Bilder und kurze Sätze auf Twitter (@kuebra) und Facebook.

DREI ANLÄSSE: FEIERN MIT DEN OHREN

Zwei Jahre sind es nun mittlerweile schon, seitdem ich regelmäßig eine Kolumne in der Taz führe. Zwei Jahre, in denen ich meine Beobachtungen und Eindrücke, meine Gedanken und Reisen einem größeren Publikum präsentieren durfte. Danke dafür, liebe Taz! Viele der Kolumnen waren sehr persönlich, manche handelten von Menschen, die mir sehr nahe standen.  Manchmal von Fremden, mit denen sich unsere Wege zufällig kreuzten. Erlebnisse, die mich sehr prägten, Gedanken, die mich sehr beschäftigen.

Eine schöne Zeit waren diese zwei Jahre, eine sehr intensive Zeit. Fortan werde ich noch einige andere, neue Wege ausprobieren. Deshalb wird es die Kolumne in Zukunft nur noch monatlich geben (ab Sonntag dem 20.05.). Zur Feier der zwei Jahre und zur Einleitung in den Monatsrhythmus und zum 4. Geburtstag meines Blogs habe ich mir eine kleine Überraschung überlegt:

Ein kleiner Hörspiel/Podcast-Versuch der im letzten Jahr veröffentlichten Kolumne 
“Typisch Türkische Oma. Keine Chance.” 
 Viel Spaß damit!
PS: Das ist mein erster Versuch, also seiet gnädig!

Typisch türkische Oma by Kübra Gümüsay

EIN BISSCHEN ZU VIEL NICHTS

Sometimes I feel like exploding. I don’t fit into myself. There is so much will, but so little time, only two hands, two feet and only this little me. (29.01.2012, 7:48 pm)
Als junges Mädchen laß ich gerne Bücher über starke Frauen, die gegen ungerechte Verhältnisse, brutale Dikatoren und furchteinflößende Regimes ankämpften. Sie leisteten Widerstand, während alle anderen, Nachbarn und Freunde, in ein und derselben Gesellschaft das himmelschreiende Unrecht nicht nur nicht sahen, sondern gar verinnerlichten. Zum Entsetzen des Lesers, zu meinem Entsetzen.

Neben den vielen Büchern über Frauen im Dritten Reich, der Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika oder die Bürgerrechtsbewegungen gegen die rassistischen USA, war es auch die Widerstandsbewegung gegen den dominikanischen Dikator Rafael Trujillo im Buch “Zeit der Schmetterlinge”, die mich inspirierte. Minerva Mirabal und ihre Schwestern waren die starken Hauptfiguren und Köpfe der Bewegung, die sich selbst als “Schmetterlinge” bezeichnete. (2001 wurde eine Filmadaption des Buches veröffentlicht – habe ihn vor Jahren gesehen, damals fand ich ihn unheimlich toll und inspirierend)

Ich bewunderte diese Frauen. Ich bewunderte Minerva dafür, dass sie hinschaute, sah und verstand. Dass sie das Verstandene aussprach, ganz gleich, was die Folgen für sie sein mochten. Ich bewunderte ihren Mut und ihre Passion.

Nach der Lektüre dieser Bücher schaute ich mich enttäuscht um in Deutschland, in der Gesellschaft. Und ich sah nur Luxus, Sorglosigkeit und Dekadenz. Nichts, wofür es sich mutig zu sein lohnte. Kein Unrecht, keine nennenswerten Probleme. Was ich damals nicht wusste, war, dass ich nichts wusste. Ich war uninformiert. Mit Unwissenheit kommt Sorglosigkeit, mit der Sorglosigkeit die Dekadenz. Und mit letzterer Ignoranz.

Das himmelschreiende Unrecht schreit nämlich niemals in den Himmel. Ungerechtigkeit sieht nur, wer von ihr weiß. Manchmal widerfährt sie dir, manchmal einem Freund, manchmal ist es der Zufall, der deinen Schleier der Unwissenheit in einem kurzem Moment durch eine leichte Brise anhebt – und plötzlich siehst du, was du bisher nicht sahst und was die anderen nicht sehen. Überall. Erst dann hört man das Unrecht schreien. Erst dann findet man die eigene Privilegiertheit unerträglich. Die Verhältnisse, der Konsens. Unerträglich.

Erst dann füllt sich tief im Brustkorb ein Organ mit Willen und Energie, die nicht mehr in den Menschen passen. Der Körper zu klein, die zwei Hände zu wenig, die Beine zu langsam, die Stimme zu leise. So viel Willen, wohin damit? Wohin? Und dann sitzt der Mensch da, lethargisch, unbeweglich und hilflos.

Aber er weiß zu viel, um zu vergessen.

Ein anderes Mal schaffst er es, den Willen zu kanalisieren und handelt. Deshalb schreibe ich diesen Text.

***

Himmelschreiende Bilder aus dem Kalender der Gewerkschaft der Polizei Bayern. In solchen Momenten will ich nicht mehr zurück nach Deutschland, meine kleine Wunderblase hier in Oxford nicht verlassen. Aber ich weiß, dass ich nichts weiß. Und das bisschen Nichts ist zu viel, um zu vergessen.




NACHTRAG
(3. März, 7:30)
Hass schürt Hass schürt Hass schürt Hass.

Die Bilder des Polizeikalenders sind extrem verstörend. Angesichts dieser hasserfüllten Bilder fühlt sich manch Betroffener unwohl und unwillkommen. Vielleicht auch zornig. Gestern Abend starb für einen Moment jeglicher Wille in mir, jemals zurückzukehren. Aber wie ich gestern bereits schrieb: Ich weiß zu viel, um wegzusehen und untätig zu sein.

Die Empörung über die Bilder ist gut. Empörung ist eine gesellschaftliche Sanktion inakzeptablen Verhaltens. Nicht nur MigrantInnen sind es jedoch, die sich empören, sondern eine Vielzahl sensibilisierter Deutschdeutscher (Urdeutscher/Biodeutscher), guttuend viele Menschen. “Du weißt hoffentlich, dass es hier nicht überall so deprimierend aussieht” schrieb mir gestern jemand über Twitter. Ja, das weiß ich. Aber es ist sehr gut, das nochmal in Erinnerung zu rufen. Erfrischend viele, die sich empören.

Hass schürt Hass schürt Hass schürt Hass.

Auf Hass kann nur mit klarem Verstand, Bedachtheit und einem Willen, das Land besser zu gestalten, reagiert werden – um Populismus und Schwarzmalerei vorzubeugen. Um jenen gegenüber verantwortungsbewusst zu sein, denen die Möglichkeiten und das Bewusstsein fehlen, solche Bilder einzuordnen – damit Hass nicht Hass schüren kann.

Der gestrige Tag fing übrigens mit einem großartigen Schlagabtausch zwischen Marietta Slomka und Innenminister Friedrich an. Ich war mächtig stolz darauf, dass wir so wunderbar unbequeme, blitzschnelle und famos kritische Journalistinnen haben in unserem Land. “This made my day” tweetete ich gestern Früh. Und von diesen Kalenderbildern will ich mir nichts verderben lassen.

Lieber betroffener Mensch:
Be happy, right in their face.

GLÜCK KENNT KEINE KONDITIONEN

Was ist eine ideale Beziehung?

Es gibt keine idealen Beziehungen, denn es gibt keine idealen Menschen. Doch es gibt Ideale, die uns unsere Gesellschaft aufträgt. Sie lassen uns in Erwartungen verirren und blind werden für den geliebten Menschen, der in seiner wunderbaren Unvollkommenheit vor uns steht. Wir konditionieren unser Glück. Doch das Glück kennt keine Konditionen.

Und trotzdem darf sich eine Beziehung niemals auf Unvollkommenheiten ausruhen und statisch werden. Eine Beziehung muss sich wandeln dürfen, zusammen mit den beiden Menschen, die sich um ein besseres Ich bemühen – um gemeinsam ein besseres Wir zu werden.

Glück ist ein Balanceakt zwischen Zufriedenheit im Jetzt und Streben für die Zukunft.

(Dieser Text erschien zuerst in der “Beziehungsweisen”-Ausgabe für 360° – Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft.)

MAHMOUD, CAIRO

Mahmoud war der erste in Kairo, der uns nach Geld fragte. Nach drei Tagen in dieser Großstadt. Wir waren vorbereitet. Freunde hatten uns gesagt, wir sollten immer Kleingeld dabei haben – die Kinder würden sich freuen. Mahmoud schenkte uns ein wunderbares Lächeln. Nicht des Geldes wegen, sondern wegen der wenigen Worte, die wir wechselten. Und noch immer steckt mich sein Lächeln an, wenn ich das Bild sehe. Und ich finde, er hat mir mehr gegeben, als ich ihm.

In Berlin fragte man mich jeden Tag in der U-Bahn und auf der Straße nach Geld. Aufdringlich waren die meisten. Und viele nicht glücklich über das, was ich ihnen gab. Einer sagte, er hätte seit Tagen nichts gegessen. Ich gab ihm meine selbstgebackenen Pogca (türkische Brötchen mit Hackfleisch), die ich zufällig dabei hätte. Er schaute mich angewidert an und drehte sich weg.

In Granada saßen wir auf einer Bank. Ich lauschte der Flamenco-Musik von Straßenmusikern. Es war schön, ich genoss die Atmosphäre. Einige tanzten, andere schauten sich die wunderbare Aussicht auf die südspanische Stadt an – rot umflutet durch untergehende Sonne. Als die Straßenmusiker ihre Gitarrenkästen aufklappten, gaben einige ihnen Geld. Ich hatte nicht gefragt, ob sie für mich spielen wollen, sie hatten mich nicht um Geld gebeten, aber sie gaben Musik und ich nahm sie. Freiwillig und unfreiwillig zugleich hatten wir gehandelt. Ich fand, sie hatten ein Recht auf das Geld.

In Berlin traf ich immer wieder einen alten Mann in der U-Bahn, der Gedichte vortrug. Manchmal Liebesgedichte und manchmal anzügliche Zeilen von Goethe. Dann entschuldigte er sich bei den Damen und den Männern mit Frauen im Arm zwinkerte er zu. Ich habe ihm nie Geld gegeben. Mir gefiel seine Auswahl nicht. Aber seine Art, die gefiel mir. Einmal hätte ich ihm dafür etwas in den Hut legen können, finde ich.

Das Leben ist ein Geben und Nehmen. Die meisten Menschen nehmen mehr, als sie geben.

WIR ERINNERN UNS

Ich wache auf. Der LKW rüttelt nicht mehr. “Komm wir machen eine Pause”, sagt mein Mann und steigt zusammen mit dem Fahrer aus dem LKW. Mir ist noch ein bisschen wummrig. Innerhalb von sieben Stunden hatten wir heute unsere Berliner Wohnung leer geräumt und im LKW verstaut, um unser Hab und Gut für die nächsten drei Monate in Hamburg zu lagern. Ich bin erschöpft. Mein Mann und der Fahrer sind schon in der Tankstelle, um Kaffe zu kaufen. Langsam torkele ich hinterher.

Plötzlich bin ich hellwach. Die Tankstelle kenne ich doch. Hier müsste ein Shampoo-Regal stehen, da hinten die Kasse und… ja, er steht dort. Wie vor knapp einem Jahr steht der füllige Mann mit lichtem Haar und Brille auch heute Nacht an der Kasse.

Ob er sich an mich erinnert? Ob er sich daran erinnert, wie er meine Freundin Maya an der Kasse zusammenfauchte und über ihr Kopftuch schimpfte? Und wie wir am Shampoo-Regal standen und feststellten, dass Maya Recht hatte? Dass das Shampoo tatsächlich nur 3.50 kostete, statt 4.50 wie er sie zahlen lassen wollte? Dass er daraufhin alle Shampoos aus dem Regal nahm und meinte, sie stünden nicht zum Verkauf?

Ja, es dauert ein bisschen, aber er erinnert sich. Wir erinnern uns beide. Er hinter den Wrigleys-Kaugummis an der Kasse, ich davor, neben den Kinderriegeln.

Und jetzt?, frage ich mich. Warum habe ich ihn gefragt, ob er sich erinnert? Ich ertappe mich dabei, wie ich mir sehnlichst wünsche, dass er sich entschuldigt, ja sogar, dass er Reue zeigt. Ich will, dass es ihm Leid tut und dass alles wieder gut ist. Ich will, dass er sich geändert hat. Aber er hat sich nicht geändert, stelle ich fest. Noch immer kuckt er mich abfällig an. Noch immer glaubt er sich im Recht. Wut steigt in mir hoch. Ich möchte ihm all die Sätze sagen, die mir einfielen als Maya und ich damals wieder im Auto saßen und uns über ihn ärgerten. Jetzt stehe ich vor ihm und mir fällt wieder keiner dieser Sätze ein. Was mache ich hier, bitteschön? Ich will, dass er sich jetzt ändert. Vor mir, an Ort und Stelle.

Dann schäme ich mich. Was fällt mir bloß ein?

In der Kolumne “Der Tuchhasser von der Tankstelle” schrieb ich am 21. Juli 2010 von diesem Erlebnis. Hier zum Nachlesen. Außerdem bei dieser Gelegenheit: Herzlichsten Dank an meine wunderbaren Berliner Umzugshelfer, ihr seid Engel!