#SCHAUHIN – WARUM?

Bildschirmfoto 2014-02-23 um 19.37.25“Ein Freund hört mit seinem Polizisten-Job auf wegen des Alltagsrassismus”, schreibt mir gerade Tamim Swaid, ein guter Familienfreund, während ich an diesem Text hier sitze. “Stell dir vor”, fährt er fort, “8 Jahre Ausbildung und Beamtenstatus.” “Oh krass…”, antworte ich. Dann schreibt er: “SchauHin ist sehr gut.”

#SchauHin ist eigentlich nichts Neues. Schon seit etlichen Jahren bloggen und twittern Menschen in Deutschland online zu den Themen Rassismus im Beruf, in der Schule, in den Medien – im Alltag halt. Denn Rassismus ist nicht etwas, auf das wir entspannt mit weit ausgestrecktem Finger in der weiten, weiten Ferne zeigen können. Etwas, das irgendwo am rechten Rand der Gesellschaft geschieht, wo die Glatzen glänzen und die Springerstiefel stampfen. Nein. Rassismus ist hier. Mitten unter uns. Jeden Tag. Überall. Continue reading

THE POWER OF STORIES – MUSLIMS ON THE WEB | TEDX

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A few months ago, I had the honour to speak at TEDx Oxbridge in Oxford. When I thought about what I’d like to share most, what lessons life had given me and what had touched me most, I decided on “The Power of Stories.” After years of debating, political and social activism, I came to realise that although these are important and essential tools for a healthy discourse, there was something more important to me, something more powerful: stories. A lesson taught to me by a man I have never met.

As the talk went online yesterday, I was and still am overwhelmed by the wonderful and beautiful e-mails, comments & words from family, friends & strangers all around the world. My husband Ali and I are currently traveling through the East of Turkey, discovering new stories, new worlds & lives. What a beautiful place this world can be.

And I’d like to thank Him, my family & loving husband Ali, Niraj & the rest of the awesome TEDx Oxbridge team, my supportive friends (you know who you are)  & maybe most importantly: All the people not only I have met, but who have also met me, who have opened the doors to their lives and stories, made me wander around their world and see through their eyes. Although I might never have truly understood how it is to be them, never fully grasped what I saw through their lenses, walking in their shoes made me walk past horizons I didn’t even know existed. Thank you.


PS: On Fb, I had promised to share a juicy behind-the-scene-story about elephants & bicycles. Here we go!

EIN UNFALL & EINE FRAGE: WIE STEHT ES UM DIE HILFSBEREITSCHAFT?

Oldenburg SeeIch hatte gestern einen kleinen Unfall. Beim Fahrradfahren um einen kleinen See in Oldenburg (in Niedersachsen) bin ich in der Kurve ausgerutscht und ziemlich hart aufgeprallt. Das Lenkrad rammte tief meinen Bauch, ich erlitt einen Schock und Atemnot. Mein Kopf drehte sich, ich schnappte vergeblich nach Luft, der Schmerz schoss mir nach ein paar Sekunden plötzlich durch den ganzen Körper und ich krümmte mich nach Luft ringend auf dem Boden. “Ich kann nicht atmen! Ich kann nicht atmen!”, schrie ich. Es war als wäre mein Hals zugeschnürt worden, als hätte sich mein Körper, mein Brustkorb verengt. Meine Schwiegermutter, die wenige Meter hinter mir gefahren war, sprang vom Fahrrad ab und drückte mich fest an sich, redete beruhigend auf mich ein und versuchte langsam mit mir zu atmen. Minutenlang schrie ich dabei in Schock.

Aber darum geht es nicht in diesem Beitrag. Es geht um das (vielleicht 50-60-Jahre alte) Ehepaar, das im See badete – 10 bis 15 Meter von mir entfernt -, das mich seelenruhig dabei beobachtete wie ich mit dem Fahrrad auf dem Schotter ausrutschte, hinprallte und schrie. Während sie zu ihren Fahrrädern gingen und sich abtrockneten, reckten sie ihre Köpfe, um das Geschehen auch über das hohe Gras hinweg weiterzuverfolgen. Immer wieder schauten sie neugierig zu mir und meiner Schwiegermutter, seelenruhig, unbeteiligt.

Meine Schwiegermutter nässte ihre Kleidung im See, um meine blutigen und brennenden Hände zu waschen und um meinen Nacken zu kühlen. Das Ehepaar starrte uns weiterhin an.

Kein Wort. Kein Hilfsangebot. Keine Fürsorge. Kein besorgter Blick. Nichts. Nur dieses spannerhafte Starren, fast aufgeilend am Leid der anderen. Continue reading

ES WAR SCHÖN MIT DIR, LIEBE KOLUMNE!

WorldUnd dann stand es fest. Ich würde fortan eine Kolumne in der taz führen. Panik brach in mir aus. Eine Kolumne in der taz, einer deutschen, bundesweit erscheinenden Tageszeitung – und die sollte ausgerechnet ich schreiben, eine junge Deutschtürkin, muslimisch und noch dazu mit Kopftuch. Ja, klar. „Schreib von dir, erzähl aus deinem Leben, deine Gedanken“, sagte der Ressortleiter. Ich hörte nur: „Schreib von der muslimischen Community, erzähl aus deren Leben, deren Gedanken.“

Wie eine kleine Pressesprecherin der Muslime in Deutschland fühlte ich mich. Jahrelang hatte ich mich über die mediale Darstellung der Muslime geärgert, jetzt hatte ich die Gelegenheit, es besser zu machen. Verkrampft schrieb ich den ersten Text und las ihn am Telefon einem befreundeten Imam vor. „Hm, ja, guter Text“, sagte er, ein bisschen überfordert, was ich denn nun genau von ihm wollte. Ich wusste es ja auch nicht. Eine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, dass das, was ich schrieb, wirklich korrekt war – vielleicht?

Es brauchte noch so einige Kolumnen, bis ich verstand: Ich muss in meinen Texten nicht die Stimme der Muslime repräsentieren, sondern höchstens von einer der vielen Stimmen erzählen. Mehr ist in 3.400 Zeichen auch nicht machbar.

Über drei Jahre schreibe ich nun schon die Tuch-Kolumne. Sie begleitete mich in den bislang prägendsten Lebensjahren. Ich zog mit ihr von Hamburg nach London zum Studieren, schüttete dem Mann meines Lebens Salz in den Kaffee und heiratete ihn, zog nach Berlin, dann Kairo, Istanbul und zuletzt nach Oxford. Ich lachte mit dem Spiegel-Autor Matthias Matussek im ICE und stritt mit Sarrazin im Radio, bis er schließlich sagte: „I want yu tu intekräyt.

In den Kolumnen schrieb ich Dinge, die ich zuvor nicht auszusprechen gewagt hatte: Darf man das überhaupt sagen? Ich entdeckte, dass wir über viel zu viel schweigen. Mal wurde ich fuchsteufelswild, mal lachte ich oder wurde sentimental. Ich feierte Baynachten, wurde auch öffentlich zur Feministin und verbrachte lange Abende mit Lebenskünstlern, beeindruckenden Frauen und Männern – und jenen dazwischen. Ich lauschte den Weisheiten der Älteren, der Stimme der Stillen. Ich verlor meine Wut. Denn die Kolumne öffnete mir den Blick für die Geschichten anderer. Minderheiten. Menschen, die sich anders fühlen, ausgeschlossen.

Mit dieser Kolumne bin auch ich gewachsen. Sie umfasste nie wirklich nur mein Leben, sondern auch das der Menschen, deren Leben ich streifte und beobachtete. So viele Themen und Leben, wie sie unter „Das Tuch“ eigentlich gar nicht mehr passen. Vielleicht bin ich in dieser Zeit nicht nur mit, sondern auch aus der Kolumne herausgewachsen.

Bis spät in die Nacht hinein blickte ich auf diesen Text und wusste nicht, wie man ihn schreibt. Was schreibt man in einer letzten Kolumne? Wie verabschiedet man sich?

Diese Woche werde ich ein Vierteljahrhundert alt. Das nächste Vierteljahrhundert werde ich ohne diese Kolumne antreten. Es ist, als würde man den besten unsichtbaren Freund loslassen. Ein bisschen ungern, aber auch wohl wissend, dass es weitergehen muss, für neue Abenteuer und neue Leben.

Es war schön mit dir, liebe Tuch-Kolumne. Es war schön mit euch, liebe Leserinnen und Leser. Danke, liebe taz! Danke für drei großartige Jahre!

Tschüß, ahoi & liebe Salams!

Die allerletzte Tuch-Kolumne erschien am 24.06.2013 in der Taz. Hach ja :)

Wie geht’s weiter?, haben viele gefragt. Einiges ist unsicher, anderes ist fast in trockenen Tüchern. Deshalb kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel dazu sagen, aber sehr bald hoffentlich hier mehr dazu! :)

 

 

VIER JAHRE & FÜNF TAGE

Marwa El Sherbini und ihr Mann Elwy Ali Okaz

Marwa El Sherbini mit ihrem Mann Elwy Ali Okaz auf ihrer Hochzeit. – Bild via dpa

Heute vor vier Jahren, in einem Gerichtssaal in Dresden, drehte sich die Ägypterin Marwa El-Sherbini zu dem Angeklagten Alex W. Mit einem freundlichen Lächeln sagte sie zu ihm, der Islam sei eine friedliche Religion. Sie verstehe seine Reaktionen nicht. (Spiegel, 27.10.2009) Wochen zuvor hatte er sie auf einem Spielplatz beschimpft, “Terroristin” und “Schlampe” hatte er sie genannt. Heute saßen sie im Gerichtssaal, um über den – eigentlich unscheinbaren – Vorfall auszusagen. “Haben Sie überhaupt ein Recht, in Deutschland zu sein?” wurde sie von Alex W. gefragt. Und er beanwortete die Frage gleich selbst: “Sie haben hier nichts zu suchen. (…) Wenn die NPD an die Macht kommt, ist damit Schluss!” Wenige Minuten nach diesen Worten wurde Marwa El Sherbini von Alex W. erstochen. 18 Messerstiche in 32 Sekunden. Ihr Mann Elwy Ali Okaz überlebte trotz der 16 Messerstiche. Ihr drei-jähriger Sohn wurde Zeuge des Entsetzens. (Was der Richter derweil tat und erlebte ist hier nachzulesen)

Und ganze fünf Tage lang schwieg sich die deutsche Medienlandschaft über den Fall aus. Nur auf Blogs und in Foren wurde heftig diskutiert. Warum berichtet niemand?, fragten wir uns. Ich fühlte Ohnmacht. Und Fassungslosigkeit. Wir waren Zeuge des ersten offensichtlich islamophoben Mordes in Deutschland geworden. Was bedeutet das für uns?, fragten wir uns Muslime. Was wäre eine angemessene Reaktion?

In dieser Zeit waren es Personen wie Stephan Kramer, die die richtigen Worte fanden: “Man muss kein Muslim sein, um sich gegen antimuslimisches Verhalten zu wenden, und man muss kein Jude sein, um gegen Antisemitismus vorzugehen”, sagte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden. Genau das war es, was in diesen Tagen nämlich gefehlt hatte: Das Einstehen für Andere, Zivilcourage.

Dann diskutierte die deutsche Öffentlichkeit erstmals in Feuilletons, wohin die Islamfeindlichkeit, der antimuslimische Rassismus uns geführt hat. Wo er stattfindet und die Verantwortung, die wir alle tragen. Beim Durchsehen alter Unterlagen und Blog-Artikel entdeckte ich jedoch die Aussage von Josef Winkler, dem migrationspolitischen Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. Er sagte der Taz (9. Juli 2009) “verkappt islamfeindliche Positionen” seien bis in höchste Regierungskreise verbreitet. In höchste Regierungskreise also. Wir haben in den vergangenen Monaten hin und wieder vorsichtig über Rassismus in der Polizei diskutiert, beim Verfassungsschutz und in bestimmten Ministerien. Aber wir haben nicht ganz nach oben hingeschaut, dorthin, wo der Ton angegeben wird.

Was denkt Angela Merkel über Muslime in Deutschland? Was denkt sie über Schwarze? Was denkt sie über Migranten? In der Regierung (genauso wie anderswo auch) sitzen Menschen mit Meinungen, Werten und Wertevorstellungen. Diese haben selbstverständlich auch einen großen Einfluss auf ihre politische Arbeit.

Als man mich vor Jahren fragte, wie für mich ein idealer Politiker aussähe, sagte ich deshalb unter anderem Folgendes: Ein idealer Politiker wählt auch sein privates Umfeld mit Bedacht. Er muss proaktiv den Kontakt zu Einzelpersonen aus Minderheiten und ihm “fremden” Gruppen suchen und zumindest versuchen ein freundschaftliches Verhältnis zu pflegen. Wie kann ein Politiker, der niemals selber Hartz IV bezogen hat, keine solche Person im eigenen Freundes- oder Familienkreis hat, nachvollziehen, wie es sich als Hartz IV-Empfänger lebt in Deutschland? Wie kann er glaubhaft die Interessen auch dieser Bürger vertreten? Auch sie sind Bürger dieses Landes. Wer gewählt wird, muss auch diese Bürger vertreten. Wer sich nur mit wohlhabenden Akademikerfreunden eines bestimmtes Schlages umgibt, kann nur schwer die Realtität anderer nachvollziehen. Aufmerksame Berater und mit Blitzlicht begleitete “Gespräche” mit Minderheiten sind nicht ausreichend. So eine Politik kann nur realitätsfern sein.

Deshalb spielen – auf dem Weg zu diesem Idealzustand – öffentliche, mediale Diskurse eine große Rolle. Sie können Probleme und Misstände, die bis dato übersehen und übergangen worden sind, an die Politik und in das öffentliche Bewusstsein tragen.

Marwa El Sherbinis Tod hat mich geprägt. Er war aufrüttelnd. Marwa El Sherbini ermutigte mich und andere, offener über Diskriminierung und Anfeindungen zu sprechen. Nicht aber um anzuklagen, sondern, um aufzuwecken und das Thema an die Tagesordnung zu bringen. Ich denke, das offene Sprechen hat viel Positives bewirkt, und ich hoffe, dass wir als Gesamtgesellschaft hellhöriger geworden sind – beizeiten zwar sensibel und verletzlich – aber insgesamt gestärkt. Dass kopftuchtragende Frauen sich nun viel selbstbewusster gegen Diskriminierung wehren und ihre Stimme erheben, empfinde ich als kleinen, aber wichtigen Erfolg.

Der 1. Juli wird für mich auf ewig ein Gedenktag bleiben. Eine Erinnerung daran, selbstbewusst, ruhig und mit Bedacht zu sprechen. Mit einem Lächeln im Gesicht, so wie sie es zuletzt getan hatte.

Marwa El Sherbini starb heute vor vier Jahren. Und mit ihr das drei Monate alte ungeborene Kind in ihrem Bauch. Möge Allah sie mit dem Himmel segnen.

إِنَّا لِلّهِ وَإِنَّـا إِلَيْهِ رَاجِعونَ

Nachtrag (1. Juli 2014)

Der Rat muslimischer Studierender & Akademiker (RAMSA) startet anlässlich des fünften Jahrestages der Ermordung der Dresdenerin Marwa el-Sherbini einen bundesweiten Aktionstag, um auf den wachsenden antimuslimischen Rassismus in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen und hat den Jahrestag des Verbrechens, den 1. Juli, zum „Tag gegen antimuslimischen Rassismus“ erklärt.

 

Nähere Infos finden Sie hier: http://www.tag-gegen-antimuslimischen-rassismus.de/

Machen Sie mit, zeigen Sie Gesicht – Auf der Facebook-Seite.

Nehmen Sie teil, zeigen Sie Präsenz – Auf den Veranstaltungen.

BAKI, AZƏRBAYCAN. BU TACIRLƏR ÇOX YAXŞI

“Was kostet der Teppich?”, frage ich den Teppichhändler und zeige auf den kleinen Seidenteppich. “200 Manat”, antwortet er. Das sind ungefähr 200 Euro. Feilschversuch numero eins. “Sagen wir 60?” Er schüttelt grinsend den Kopf.  Feilschversuch numero zwei. “Im Flugzeug hierher hat mir jemand aber gesagt, dass die Händler in Baku echt gerissen sind und immer mindestens den doppelten Preis nennen”, sage ich und lache.

Er mustert mich einen kurzen Moment und lächelt mich väterlich an. Dann hebt er die rechte Hand, alle fünf Finger weit aufgespreizt, und nickt mir zu. Er will meine volle Aufmerksamkeit. So. “Siehst du den Daumen?” Er zeigt auf seinen großen, alten Daumen, der schon viel erlebt haben muss auf dieser Welt. Ich nicke. Langsam zieht er rüber auf seinen Zeigefinger und fragt, auf ihn zeigend: “Sind die beiden gleich?” – “Nein”, antworte ich brav. Er zieht von Zeigenfinger zum Mittelfinger. “Sind die beiden gleich?” – “Nein.” Das geht so weiter bis zum kleinen Finger. Dann sagt er: “Siehst du? Alle fünf Finger hier sind von einer Hand, sie sind aber alle sehr unterschiedlich.”

Die Händler hier in Baku sind echt gerissen.

#NSU

Bildschirmfoto 2013-06-18 um 11.24.45Anzahl der Tweets mit dem Hashtag #NSU in den letzten 180 Tagen in wöchentlichen Intervallen – via topsy.com, eigene Suche & Screenshot

“Man muss es ab und auch mal aussprechen”, sagte meine Schwester. “Wir nutzen immer nur die Abkürzung ‘NSU’.” National Sozialistischer Untergrund. Dafür steht NSU.

Es wird vermutlich Jahre dauern bis es im NSU-Prozess zu einem Urteil kommt. Der Verhandlungsbeginn war holprig, man erregte sich über die Unterbrechungen, die Vertagung, Zschäpes Kleidung & Haltung, das Kreuz, die Verteidiger-Namen und vieles mehr. Heute am 11. Verhandlungstag des NSZ-Prozesses ist die Berichterstattung abgeflaut (englischsprachige Medien berichten inzwischen kaum/gar nicht mehr) – auch das ist natürlich und war erwartbar bei Prozessen dieser Art. Zeit Online hat eigens für den NSU-Prozess einen Blog eingerichtet und damit einen nachhaltigen Weg gewählt. Statt eines Livetickers, schreiben sie, starteten “wir also ein Projekt mit langem Atem. Wir wollen auch dann noch hinschauen, wenn sich manche, die wie auch wir lautstark einen Platz im Gerichtssaal einforderten, vielleicht schon wieder abgewandt haben.”

Den Live-Ticker der Süddeutschen Zeitung hatte ich mehrmals lobend erwähnt. Mittlerweile finde ich aber den Zeit Online Blog sehr viel überschaulicher und handlicher zur Verfolgung des Prozesses. Ich denke, die Langatmigkeit lohnt sich bereits jetzt, in den ersten Prozesswochen.

Nur vereinzelt entdecke ich derzeit auf Twitter und Facebook noch Menschen, die Artikel und Meldungen zum Thema NSU teilen. Das empfinde ich deshalb als erwähnenswert, da Twitter und Facebook – für mich persönlich – immer ein relativ zuverlässiger Barometer für die Befindlichkeiten bestimmter Gesellschaftsgruppen waren und sind. Die große Mehrheit der deutsch-türkischen Community in sozialen Netzwerken beschäftigt sich derzeit – das kann man sich sicher denken – (berechtigterweise*) in erster Linie mit den Protesten in der Türkei. Hin und wieder tauchen mahnende Stimmen auf, man möge doch bitte den gleichen Einsatz auch in der deutschen Politik zeigen, wenn es um Hochwasser, NSU und andere Themen geht. *Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

// UPDATE: Es gibt natürlich auch ein Watchblog, das hier nicht unerwähnt gelassen darf: NSU-Watch.info Dass ich NSU-Watch hier nicht als wachsames öffentliches Auge erwähnte, ist ein Faux Pas! NSU-Watch wird redaktionell von apabiz e.V. betreut und verfolgt, wie der Name sagt, nicht nur den NSU-Gerichtsprozess, sondern auch die Ermittlungen und Recherchen zum Thema NSU im Allgemeinen. Ihre Artikel veröffentlichen sie auch auf Englisch und Türkisch. Die aufwendige Arbeit kann man hier mit einer Spende unterstützen.

– Gibt es noch andere Medien/Blogs & Co, die sich durch Langatmigkeit und Wachsamkeit hervortun? Bitte hier in den Kommentaren vermerken. –

UPDATE II: Auf NSU-Nebenklage verfolgen zwei Rechtsanwälte ebenfalls kontinuierlich den NSU-Prozess, eine Sozialpädagogin übersetzt die Texte ins Türkische (Danke an Fasel für den Hinweis!) //

Bei Verhandlungsbeginn fragte ich auf meiner öffentlichen Facebook-Page einige Nutzer, was sie vom Prozess erwarten. Erwartungsgemäß war die Stimmung eher pessimistisch. Ich möchte daran erinnern, damit uns unsere eigenen Worte ermahnen. Continue reading

DIE TÜRKISCHE SOCIAL MEDIA KULTUR

Bildschirmfoto 2013-06-14 um 20.35.21Dieser Text erschien zuerst auf Zeit Online. Das Bild ist von mir.

Bei CNN Türk watschelten niedliche Pinguine über den Bildschirm. Währenddessen berichtete CNN International per Live-Schaltung von den Protesten und der Polizeigewalt auf dem Istanbuler Taksim-Platz. Es waren die Anfangstage der Gezi-Park-Proteste in der Türkei. Auch woanders im türkischen Fernsehen spielte man da noch heile Welt: Kochsendungen, Serien und Quizshows.

Die Wut der türkischen Protestierenden über die Selbstzensur der heimischen Medien ließ nicht lange auf sich warten. Auf Twitter und Facebook kritisierten sie die Sender, forderten ausführliche Berichterstattung und produzierten schließlich – wie bereits seit Anfang der Proteste – eigenständig Bilder, Kurzvideos und Informationen. Damit schufen sie eine Gegenöffentlichkeit zu den türkischen Fernsehsendern und Zeitungen, die nur schwerfällig und unzureichend berichteten.

Die Dokumentation der brutalen Polizeigewalt, der Verletzungen und der mittlerweile zwei Toten leisteten die Demonstranten selbst. Über eine Crowdfunding-Plattform sammelten drei Protestierende Spenden für eine ganzseitige Anzeige in der New York Times, die am Mittwoch geschaltet wurde. Mit Erfolg: Ausländische wie türkische Medien zogen nach, gaben den Protesten mehr Platz, verschafften ihnen mehr Aufmerksamkeit.

Das steht jetzt schon fest: Ohne die sozialen Medien wäre die Zahl der Demonstranten sicher deutlich kleiner ausgefallen. Die dürftigen Berichte in den klassischen Medien, die Polizeigewalt und die Hilferufe in den sozialen Netzwerken zogen selbst die jungen Türken aus dem Haus, die sonst nie durch politische Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht hatten: “Non-Activist Participationnennt die Social-Movement-Forscherin Zeynep Tüfekci das Phänomen, die Beteiligung jener, die bislang nicht zu den Aktivisten zählten.

Obwohl Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan Twitter als “Ärger” abtat, twitterten auch Tausende seiner Unterstützter unter dem Hashtag #yedirmeyeceğiz (Kaufen es nicht ab/Schlucken das nicht. wörtlich: Lassen es nicht essen).

Die Hashtags #GeziParki, #DirenGeziParki (Halte durch/Leiste Widerstand Gezi-Park) und #OccupyGezi wurden weltweit zu Trending Topics. Allein #OccupyGezi wurde knapp eine Million Mal auf Twitter verwendet. Im Gegensatz zum arabischen Frühling vor zwei Jahren stammen dabei 90 Prozent der geografisch georteten Tweets jedoch aus der Türkei.

7,2 Millionen Türken twittern

Es ist nicht das erste Mal, dass türkische Facebook- und Twitter-Nutzer als kritische und meinungsstarke Masse auftreten. 2011 wurde zuerst auf Twitter von den Luftangriffen auf Uludere berichtet, bei dem 34 Zivilisten umgekommen sind. TV und Print hatten der Nachricht bis dahin keine Beachtung geschenkt.

Twitter und Facebook sind mittlerweile ein fester Bestandteil der türkischen Debattenkultur. Fast die Hälfte der türkischen Bevölkerung war im vergangenen Jahr online, mehr als 7,2 Millionen nutzen Twitter und mit über 30 Millionen Facebook-Nutzern gehört die Türkei zu den zehn am stärksten dort vertretenen Ländern weltweit – gleichauf mit Großbritannien.

Was auf Twitter passiert, wird meistens auch im Fernsehen und in der Zeitung Thema. In Nachrichten- und Unterhaltungssendungen werden Hashtags eingeblendet, über die sich Zuschauer austauschen und die Sendung kommentieren können. Immer wieder beginnen Kolumnisten ihre Texte mit den Worten “Letztens auf Twitter…”.

Tweets und Postings stoßen Debatten an, die das ganze Land bewegen. 2011 sagte ein Journalist im Fernsehen, dass der Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk ein Diktator gewesen sei. Der Hashtag #AtaturkDiktatordur (Atatürk ist ein Diktator) wurde zum Trending Topic in der Türkei und löste eine Diskussion über ein Tabu aus: Herabsetzende Äußerungen über Atatürk, der in der Türkei bis heute stark verehrt wird, sind strafbar. Einige Journalisten, die den Hashtag auf Twitter verwendeten, wurden daraufhin angeklagt. Einer twitterte: “Wegen des Atatürk-Schutzgesetzes wurden drei Anklagen gegen mich erhoben. Das heißt also, Atatürk ist ein Diktator.”

Noch ein Beispiel: Seit April dieses Jahres verwenden Tausende türkische Facebook-Nutzer das Kürzel “T.C.” vor ihrem Namen. Der Grund: Das türkische Gesundheitsministerium hatte bei der Entwicklung eines neuen Logos das “T.C.” für Türk Cumhuriyeti (Türkische Republik) weggelassen. Das Ministerium zog die Entscheidung schließlich zurück und ließ das Logo neu designen.

Medien sind ein Politikum

Soziale Medien haben mittlerweile eine Tradition in der Türkei. Wer aber das emotionale Moment der Gezi-Parki-Proteste im Netz verstehen will, der muss auch einen Blick in die türkische Medienkultur werfen. “Sag mir, welche Zeitung du liest, und ich sage dir, wer du bist”, heißt es im türkischen Volksmund. Denn eine Zeitung ist in der Türkei nicht nur eine Informationsquelle. Sie kann auch als Bekenntnis einer politischen oder religiösen Gesinnung dienen. So gelten Cumhuriyet-Leser gemeinhin als radikal kemalistisch, Yeni-Safak-Leser als religiös-konservativ oder Taraf-Leser als liberal-links. Die Zeitung ist ein Politikum.

Das rührt nicht von ungefähr. Die türkische Gesellschaft ist stark polarisiert und fragmentiert: Säkulare, Kemalisten, Religiöse, Traditionalisten, Kommunisten und Nationalisten – um nur einige Gruppierungen zu nennen. Die Zeitungen dienen ihnen als politisches Sprachrohr. Dabei wird nur selten strikt zwischen Meinung und Nachricht unterschieden. Stattdessen dominiert Meinungsjournalismus die türkische Medienkultur.

Symbolisch hierfür steht der türkische Kolumnistenkult. Niemand prägt die Zeitung und ihre Leser so sehr, wie die zahlreichen Kolumnisten es tun. Fast täglich kommentieren sie aktuelle Ereignisse im Land, setzen Debatten und tun ihre Meinung kund.

Falschmeldungen und Propaganda

So lassen sich auch in der türkischen Webkultur Beispiele finden: Prominenter als Wikipedia (türkisch: Vikipedi) ist in der Türkei das Wörterbuch Ekşi Sözlük (frei übersetzt: saures Wörterbuch), das ausschließlich von Nutzern aufgebaut wird. Sie geben dort nicht unbedingt wahre und korrekte Informationen über die Personen und Ereignisse wieder, die sie dort besprechen. Stattdessen teilen sie ihre subjektive Wahrnehmung.

Ähnliche Strukturen lassen sich auch auf Twitter beobachten, wo in den vergangenen Tagen viele provozierende und destruktive Falschmeldungen zirkulierten: Beispielsweise das Gerücht, die Polizei hätte das giftige und tödliche Gas Agent Orange eingesetzt oder das Bild, das eine große Menschenmasse auf der Bosporus-Brücke zeigt. Dabei handelte es sich aber nicht um Protestierende, sondern um Marathonläufer aus dem Jahr 2012. Auch gab es falsche Todesmeldungen und dieses fingierte Bild eines kleinen Jungen, der angeblich vor türkischen Polizisten davonläuft.

Auch die Gegenseite nutzte solche Propaganda. So zirkulierten Bilder von Protestierenden, die in einer Moschee Zuflucht gesucht und sich scheinbar mit Schuhen und Bierdosen auf dem Teppich breit gemacht hatten und hinterher alles chaotisch und schmutzig hinterließen. Der Imam der Moschee erklärte später in einem Interview, er habe niemanden in der Moschee Alkohol konsumieren sehen, den Protestierenden sei dort primär Erste Hilfe geleistet worden. Die Bilder seien sehr missverständlich.

Zu unkritischer Umgang mit Informationen

Es ist der Hang zu Meinung und Polarisierung, der sich in den Falschmeldungen spiegelt. Sie heizten die ohnehin angespannte Stimmung zwischen den verschiedenen Gesinnungen weiter an. Die Folge? In Izmir wurde eine Gruppe kopftuchtragender Frauen von einem Mob attackiert; das Gebäude der regierenden Partei AKP in Izmir wurde in Brand gesetzt.

Ob das direkte Folgen der gesellschaftlichen Polarisierung sind, die durch soziale Medien noch verstärkt wird, lässt sich nicht sagen. Doch das ist sicher: Es mangelt an kritischem Umgang mit Informationen.

Das ist auch vielen Journalisten und Bürgern bewusst, die deshalb mit dem Hashtag #sagduyu (Tritt vernünftig, besonnen an etwas heran) zu Mäßigung aufrufen und mit #provokasyonagelmiyoruz versuchen, die Provokationen zu entschärfen. Unter dem Hashtag #sulhicindua riefen Twitter-Nutzer am Wochenende zum Gebet für den Frieden auf.

Gestern Nacht, beim Miraç Kandili, bei dem Muslime die Himmelfahrt des Propheten Muhammed feiern, fanden sich Protestierende auf dem Taksim-Platz zum gemeinsamen Gebet zusammen. Säkulare, Kemalisten, Religiöse, Traditionalisten, Kommunisten und Nationalisten. Demonstrativ, für #sagduyu.

DAMALS

IMG_0036Es ist Sonntagnachmittag in Hamburg. Meine Großfamilie hat sich bei meinen Großeltern versammelt, um sie zu verabschieden. Sie werden – wie jedes Jahr – ein halbes Jahr in der Türkei verbringen. Jedes Mal, wenn sie gehen, fühle ich mich durstig nach ihren Geschichten, ihrer Vergangenheit. Jedes Mal ergreift mich die Sorge, es könnte die letzte Gelegenheit sein. Ich spüre den Drang, sie festzuhalten, als Geschichten. Bevor sie vergessen werden könnten – so als hätte es sie nie gegeben.

“Hast du schon mal jemanden sterben sehen?”, frage ich meinen Onkel und stochere lustlos im Kartoffelsalat. “Hm, ja”, sagt er und beißt in die Hähnchenkeule. “Echt?” “Ja. Zwei Kumpel von mir.” Er isst weiter. Ich lege meine Gabel hin und schaue ihn ungläubig an. “Also vor deinen Augen?” Er nickt und füllt sich den Teller auf. Ich schnappe mir mein Notizbuch.

Beim ersten Mal war mein Onkel gerade einmal 12 Jahre alt. Mit seinen Freunden Georgie und Johnny spielte er nach Schulschluss auf dem Fußballfeld hinter der Schule. Sie hielten sich am Lattenrost des Fußballtors fest und baumelten hin und her, als das Tor nach hinten kippte und Georgies Kopf einklemmte und tödlich traf. Georgies Familie gehörte ein griechisches Restaurant. Nach Georgies Tod sind sie mit ihrer Tochter für immer nach Griechenland zurückgekehrt, erzählt mein Onkel.

Ein paar Jahre später, mein Onkel war inzwischen ein Jugendlicher, hatte er sich mit Freunden auf dem Spielplatz versammelt, als ihr Freund Schlappi dazukam, mit einer Waffe in der Hand. “Na, soll ich schießen?”, fragte er und lachte. Dann zielte er auf Stefans Kopf: “Soll ich dich erschießen, Stefan?” Er drückte ab, die Kugel schoss durch Stefans Kopf und tötete ihn. Abdus, der hinter ihm stand, wurde durch die Wange in die Luftröhre getroffen. Entgeistert sei Schlappi davongerannt, erzählt mein Onkel. Später erfahren sie durch die Polizei, dass er sie eigentlich nur erschrecken wollte. Er hatte heimlich die Waffe seines Vaters genommen und die Munition entfernt. Eine Kugel sei aber noch im Lauf gewesen. “Schlappi ist danach abgetaucht. Wir haben ihn nie wieder gesehen”, sagt mein Onkel. “Und Abdus?” “Er hat heute noch eine Narbe an der Wange.”

Mein Onkel hatte schon immer eine gewisse Coolness an sich. Als Jugendlicher war er sportlich, gut gebaut, Ringer, trug gepflegte Tolle, Pilotenbrille, Jeans und T-Shirt. So habe ich ihn aus Kameraaufnahmen in Erinnerung. Noch heute, Geschäftsmann mit Frau und drei Kindern, hat er eine Lässigkeit, als würde er der Welt sagen wollen “Macht doch mal locker.”

Es ist das erste Mal, dass er mir im Detail Geschichten aus seiner Jugend erzählt, von Hamburgs Straßen vor zwanzig Jahren und dem Leben in den Gastarbeitervierteln. Davon, wie seine Freunde und er am Wochenende nach Bergedorf fuhren, um dort Neonazis zu verprügeln. “War Rassismus damals Thema bei euch?”, frage ich. “Natürlich.” Mein Onkel erzählt von Solingen, Mölln, Hoyerswerda und Rostock. Von der Wut, dem Ärger. Und wie sie damals aus Hamburg gemeinsam nach Solingen fuhren, um zu demonstrieren.

Es ist das erste Mal, dass er mir die Türen zu einem anderen Hamburg öffnet. Das erste Mal, dass ich einen neuen, persönlichen Blick auf die Brandanschläge bekomme, die sich diese Woche zum zwanzigsten Mal jähren. Es ist aber auch das erste Mal, dass ich ihn frage.

 

Diese Kolumne erschien zunächst in der Taz vom 27. Mai 2013

 

DIE DEUTSCHEN HAUSTÜRKEN

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Necla Kelek und Thilo Sarrazin am 30. August 2010 auf der Pressekonferenz anlässlich Sarrazins Buchveröffentlichung “Deutschland schafft sich ab” in Berlin (Bildcredit Taz)

Auch als Minderheit hat man Privilegien. Beispielsweise dann, wenn man sich in der Öffentlichkeit bewegt. Dort haben wir eine Deutungs- und Meinungshoheit über unsere Leute, unsere Minderheit. Das ist unsere Geldmaschine. Unsere Macht.

Ich könnte jeden Schwachsinn erzählen, ich würde immer irgendwo Menschen finden, die ihn bereitwillig glauben. Denn wenn ich es sage, „die Türkin“, „die Muslimin“, dann wird es schon stimmen. Ich muss nichts beweisen. Das fängt an bei ironischen Märchen wie: „Na klar duschen wir mit dem Kopftuch“ (schon passiert). Und hört tatsächlich nirgendwo auf. Er geht so weit, wie „der Türke“ oder „die Türkin“ ihn gerne treiben mag.

„Die [islamisch erzogenen, Anm. der Red.] Menschen haben nicht die Fähigkeit, ihre Sexualität zu kontrollieren“, sagte Necla Kelek im ZDF und fuhr fort: „Besonders der Mann nicht, und der ist ständig eigentlich herausgefordert und muss auch der Sexualität nachgehen. Er muss sich entleeren, heißt es, und wenn er keine Frau findet, dann eben ein Tier […].“

Tja, wenn selbst „die Türkin“ (und wenn sie Lust hat, auch „die Muslimin“) Kelek erzählt, dass muslimische Männer ihre Sexualität an Tieren entleeren, dann muss es halt stimmen. Und ganz egal, was die UNO kürzlich dazu sagte – Thilo Sarrazin kann kein Rassist sein, weil „die Türkin“ Kelek doch eifrig nickte, bei seiner Buchveröffentlichung mit am Tisch saß. Wenn selbst „die Türkin“ ihm zustimmt, dann hat er sicher recht. Continue reading

ÜBER DEN BEGRIFF “HAUSTÜRKEN”

Mit “Die imaginären Haustürken” hat Anatol Stefanowitsch einen klugen und kritischen Kommentar zu meiner letzten Kolumne in der Taz “Die deutschen Haustürken” geschrieben. Deshalb möchte hier auf meinem Blog darauf eingehen. In seinem Kommentar kritisiert er die Verwendung des Begriffs “Haustürken.”

Seine erste Kritik bezieht sich auf den historischen Zusammenhang. Nachdem er den Zusammenhang und die Berechtigung der Nutzung dieses Begriffs durch Malcolm X erklärt, fährt Stefanowitsch wie folgt fort:

Tatsächlich aber dürften wenigstens Zweifel an der Existenz einer großen Zahl von „Onkel Toms“ angebracht sein. (Quelle: “Die imaginären Haustürken”)

Ich denke nicht, dass die Zahl der “Onkel Toms” in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist, da es sich um eine Typologisierung einer Mentalität handelt.

Auch Haussklaven waren Sklaven, die ausgebeutet und missbraucht und ohne Rücksicht auf Familienbeziehungen ge- und verkauft wurden. Die Idee, dass sie das nicht durchschaut und sich stattdessen in großer Zahl mit ihren Peinigern solidarisiert haben, dürfte eher (weißen) medialen Darstellungen als der Wirklichkeit entspringen. Zumindest verbietet es sich, die Narrative unreflektiert zu übernehmen und auf andere Zusammenhänge anzuwenden, wie Gümüsay das tut. Spätestens mit dieser Übertragung akzeptiert man den Wahrheitsgehalt, und damit die rassistische Perspektive, dieser Narrative. (Quelle: “Die imaginären Haustürken”)

So habe ich Malcolm X nicht verstanden. Continue reading

EINFACH MAL MACHEN: ZAHNRÄDER

“It’s better to light a candle than to curse the darkness”
Spruch auf einem der Zahnräder-Jutebeutel  | Bild von Seren Başoğul

Mitte April fand in Heidelberg die Zahnräder Konferenz 2013 statt – über 100 Muslime aus ganz Deutschland und sogar Österreich und der Schweiz kamen zusammen, um sich auszutauschen, zu netzwerken, über ihr Engagement zu informieren, neue Unterstützter zu gewinnen und sich für das Preisgeld zu bewerben.

Schon zum dritten Mal fand nun die bundesweite Zahnräder Konferenz statt, zahlreiche Konferenzen haben bereits auf lokaler Ebene stattgefunden – und trotzdem: Jedes Mal überwältigt mich die Energie der vielen engagierten und aktiven Menschen, die ich dort treffe. Obwohl ich dieses Mal ziemlich, ziemlich erschöpft und müde vom ganzen Reisen in den Tagen zuvor war, mit meinem Presseteam während der Konferenz hart arbeitete und deshalb nur halbwegs aufnahmefähig war, haben mich die Menschen, ihre Ideen und ihre Begeisterung unheimlich beeindruckt.

Man hat es schon oft gesagt, aber nicht oft genug: Integration ist von gestern. Partizipation ist die Zukunft. Genau das tun junge Muslime in Deutschland. Sie beschäftigen sich mit Umweltthemen (Gewinner 2010: HIMA; Gewinner 2013: NOUR Energy; Bodenproben;…), Barrierefreiheit (Gewinner 2013: Deaf Islam), Kunst (Gewinner 2011: i,Slam; Muslim Talents; Schattenwelten; Islamische Denkfabrik;…), Bildung (Gewinner 2010: Study Coach; Grüne Banane; Gewinner 2013: Spielen bildet und verbindet; …) Medien (Gewinner 2010: Cube Mag; Gewinner 2010: Muslime TV; …), Politik, Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft … man kann die Liste endlos weiterführen. Continue reading

GUT GEMEINT, ABER: NEIN, DANKE!

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Die Aktivistinnen von Femen wollen die muslimische Frau befreien. Was die dazu sagt, spielt dabei keine Rolle. Wie aus einer guten Sache eine hässliche wird.

Mit erhobenen Fäusten und nacktem Oberkörper protestierten vorige Woche Aktivistinnen der Gruppe Femen aus Solidarität zu Amina Tyler. Die Tunesierin hatte Bilder von sich online gestellt, auf denen sie barbusig mit der Aufschrift „Fuck your Morals“ und „Mein Körper gehört mir und ist nicht Quelle von irgendjemandes Ehre“ zu sehen war.

Damit hatte Tyler eine Kontroverse in Tunesien entfacht. Als konservative Prediger Peitschenhiebe und gar die Steinigung der jungen Frau forderten und Tyler für mehrere Tage von der Bildfläche verschwand, kündigte Femen den internationalen „Topless Jihad Day“ an.

So weit komme ich noch mit. So weit stünde ich auch voll hinter den Protesten, wenn sie beispielsweise vor dem tunesischen Konsulat stattfinden würden. Denn das Konsulat ist ein Symbol staatlicher tunesischer Macht.

Lächerlich und sinnbefreit wird es allerdings, wenn sich die Femen-Frauen barbusig und mit den Aufschriften „Fuck your morals“, „Fuck Islamism“, „Arab Women Against Islamism“ und „Free Amina“ vor eine Ahmadiyya-Moschee stellen, wie das letzte Woche in Berlin geschah. Vor die Moschee einer religiösen Minderheit also, die in vielen islamischen Ländern verfolgt wird. Was war die Idee? Das sind alles Muslime, wird schon irgendwie passen? Es passt nicht. Continue reading