EIN FREMDWOERTERBUCH UNTER ANDEREN BUECHERN. ALSO BLOGS. ALSO AUF DER RE:PUBLICA. UNTER MENSCHEN.


Blitz! Ich bin jetzt auf der
Re:Publica, der größten Konferenz über Blogs, soziale Medien und digitale Gesellschaft Europas! – wie ich eben erfahren durfte. Und über 3.000 Menschen sollen in den nächsten drei Tagen hier in Berlin dabei sein. Ja, viele Männer um mich herum. Wobei der Typ vor mir ein Kopftuch trägt. Und der Typ links lange Haare und Halbglatze.

Blitz! Dafür dass die Re:Publica so weiß und männlich ist, ist sie schon ziemlich bunt. Lustigerweise. Bunte Männer gibt es hier.

Blitz! Es blitzt hier ständig. Sieht für einen Fotografen natürlich toll aus, wenn eine Kopftuchtragende (!) Frau (!) neben dem eben genannten Kopftuchtragenden Mann und dem anderen mit der Halbglatze/langen Haaren sitzt. Alle konzentriert am Laptop. Wie cool. Ich komme mir ganz schön blöd vor als Quotentürkin/muslimin/frau/kopftuchträgerin/… . Ein realistischeres Re:Publica-Bild wäre ein Haufen “weiß” mit komischen Frisuren. Und einigen geschniegelten Yuppies dazwischen.

Blitz! Der Kopftuchtragende Typ vor mir ist übrigens “Traffic Schlampe”, eine eindeutig interessantere Beschreibung für die sonst langweilige Berufsbezeichnung “Suchmaschinenoptimierer”.

Blitz! Unglaublich. Jetzt gerade, in diesem Augenblick klebt eine Kamera an meinem Gesicht. Hallo! Ihr wisst, was das bei mir hervorruft. Wenn das so weiter geht, wird das Kopftuch eine ernstzunehmende Sascha-Lobo-Rothaar-Frisur-Konkurrenz. Morgen bringe ich ihm vorsorglich ein Kopftuch mit. Ich will nicht, dass wir uns streiten.

Blitz! Gedanke. Heute Abend darf ich das alles aber zusammen mit Sebastian Mraczny, Urmila Goel und Verena Reygers (Meredith Haaf kann leider doch nicht dabei sein. Von hier aus allerherzlichsten Dank für die Vorbereitung – sie ist quasi Herz des Ganzen!) vor dem Re:Publica-Publikum verdiskutieren: “Guck mal wer da spricht”. Ich bin gespannt, ob und was dabei rauskommt. Bei der Sendung “Süpermercado” (Funkhaus Europa) haben wir das Thema heute schon kurz angerissen (Link folgt).

Blitz! Ich muss jetzt aber aufhören. Die Jungs um mich herum führen ein höchst intellektuelles in-real-life Gespräch über die Piratenpartei und die Handlungsunfähigkeit selbiger. In real life!

RETTET EIN BISSCHEN PLURALITÄT!

Die deutsche Medien- und Politiklandschaft ist weiß, männlich und so zwischen Anfang 30, Ende 40.

9,2 % der deutschen Bevölkerung bestehen aus Frauen mit Migrationshintergrund. Das sind die amerikanische Hausfrau, die türkische Managerin, die japanische Sängerin, die nigerianische Akademikerin, die tunesische Schriftstellerin, die französische Künstlerin oder die rumänische Ärztin.

Rein quantitativ müsste also fast jeder zehnte Artikel von diesen Frauen handeln. Müsste. Die multikulturellen Frauen tauchen medial nicht nur selten, sondern außerdem auch überzogen oft in einem negativen und problematisierten Kontext auf. Als “Migranten” werden nur die Osteuropäerin, die Muslimin/Türkin oder die “Schwarze” benannt. Genauer: die osteuropäische Prostitutierte, die muslimische Unterdrückte, das schwarze Menschenhandel- und Zwangsprostitutionsopfer. Ein stark verzerrtes Bild.

So war meine Freude groß als ich damals das multikulturelle Frauenmagazin Gazelle entdeckte – ein Magazin, das der multikulturell(en) (interessierten) Frau Raum, Bild und Stimme gibt. Sie ist endlich nicht nur Opfer und Problem, sondern auch Mensch und Lösung. Gazelle ist kein Medium für die Nische, sondern für alle.

Jetzt aber steht das Magazin kurz vor dem Aus. Das gibt’s doch nicht!

Das dachten sich auch die Mädchenmannschaft, der Philibuster und andere und wagen den Versuch Gazelle zu retten – mittels einer Abo-Aufruf-Aktion:

“Das multikulturelle Frauenmagazin Gazelle braucht insgesamt 1000 neue Leser­_innen, um das Magazin weiterhin am Leben zu halten und sogar vier mal im Jahr zu erscheinen.”

Mehr Infos hier.

Rettet ein bisschen Pluralität, Mensch!

MUSLIME.TV – EIN INTERVIEW

Letztes Wochenende war ich in Madrid auf dieser Konferenz und traf dort Nuri Senay von Muslime.tv wieder, dem Gewinner der Zahnräder-Konferenz. Unglaublich toll, was er bisher als Podcaster und nun als Videocastler leistet. Er stellt Workshop-Ergebnisse vor, vermittelt die Atmosphäre der Orte, an denen er ist, interviewt Schüler, Studenten und Prominente der muslimischen Szene – wie Kristiane Backer oder die wunderbare Sängerin Hülya Kandemir.

Hier ist übrigens seine Bewerbungsrede (oder besser gesagt: Gewinnerrede) auf der Zahnräder-Konferenz. Großartig!

Liebsten Dank Nuri Abi für das Interview, es hat Spaß gemacht! Du machst tolle Arbeit. Meine Hochachtung!

BITTE BEFREIT JEMAND ANDEREN II

Vor einigen Wochen wurde ein fremdwörterbuch in der Reihe WWWGirls von der Mädchenmannschaft per E-Mail interviewt und vorgestellt “Ich habe gelächelt und ihnen zugewunken”. Danke dafür, das ehrt mich sehr!
Jedenfalls ging es darin um das Bloggen, wie ich dazu kam und welche Veränderung es mit sich brachte. Hier ein kurzer Auszug:

Was dir ohne Internet nicht passiert wäre:

Oh, ganz viel wäre mir ohne das Internet nicht passiert. Aber diese Geschichte mag ich besonders gerne: Eine Leserin schrieb ihrer Cousine in Oxford, dass es da ein Mädchen in London gäbe, das genauso wie sie in England Politik studiert, muslimisch ist und aus Deutschland kommt. Mit ihr müsse sie sich unbedingt treffen. Daraufhin schrieb mir die besagte Cousine eine nette E-Mail, wir telefonierten, ich zeigte ihr London, sie mir Oxford, dann reisten wir gemeinsam nach Irland und wurden Freunde.
(weiter)

In den Kommentaren ging es dann relativ schnell um das Kopftuch – eine interessante Diskussion. Irgendwann habe ich auch meinen Senf dazu gegeben.

Und der sah dann so aus:

(Wie Helga bereits postete, schrieb ich schonmal etwas zu diesem Thema.
http://www.taz.de/1/debatte/kolumnen/artikel/1/mein-kopf-gehoert-mir/ )

Hätte ja mal sein können, dass man einen Menschen in mir und meinem Blog sieht und nicht eine Kopftuchträgerin, die meint, sie sei frei, was sie ja aber eigentlich – wie wir alle nun wissen – gar nicht ist, weil ihr die Entscheidung, das Kopftuch zu tragen indirekt durch Eltern, Familie und Gesellschaft anerzogen wurde. Ja ja. So ist das.

@maria und alle anderen auch:

Genauso wie du dich anscheinend durch bestimmte Dinge angegriffen oder provoziert fühlst, fühle auch ich mich provoziert und verletzt: Von Menschen, die mich und mein Kopftuch bemitleidend ansehen, um dann erzürnt zu schimpfen, wenn ich wider Erwarten auf Deutsch und ohne Akzent erkläre, dass das Kopftuch meine eigene Entscheidung ist.

Wie sie mir mit jedem arrogant-herablassenden Satz eigentlich nur eines sagen wollen:

Du bist unmündig; die Entscheidungen, die du triffst, sind eigentlich gar nicht deine; du merkst gar nicht, dass du unterdrückt wirst; Wozu gab es die sexuelle Revolution? Wozu hat man und kämpft heute immernoch um Frauenemanzipation?; Man zwingt dich das Kopftuch zu tragen, du weißt es nur nicht.
Kurz: Du bist zu dumm, um zu merken, wie schlecht es dir geht.

Wem jetzt nicht vor Empörung und Wut der Mund schäumt, ist blind oder ignorant. Darf man so mit irgendeinem Menschen umgehen? Und warum tut es man ständig (wie ich es erlebe) mit kopftuchtragenden Frauen?
Ist etwa eine kopftuchtragende Frau weniger Mensch als eine, die keines trägt oder einen Minirock oder eine Hornbrille, dass man sich derartig das Recht nimmt, so über sie zu urteilen und meint, mit ihr so umspringen zu dürfen?

Mit welchem Recht wirft man mir all diese Dinge vor? Mit welchem Recht stellt sich dieser Mensch über mich und meint, mich belehren zu müssen? Mit welchem Recht werde ich wie eine Dumme behandelt, die nicht eigenständig denken kann?

Schade, dass ich das schreiben muss:

Ich bin nicht bescheuert.

Ich reflektiere mein Leben, meine Entscheidungen, meine Religion, meinen Alltag, meine Umgebung und meine Beziehungen. Schade, dass ich eine solche Selbstverständlichkeit schreiben muss.

Ich lese Bücher zu allen möglichen Themen und Theorien. Was ihr sagt und schreibt, ist mir nicht neu. Aber das ändert nichts daran, dass ich mein Kopftuch tragen möchte. Und auch werde. Schade, dass ich auch das schreiben muss. Schade, dass ich erwähnen muss, dass ich Bücher lese.

Und ich bin es müde, es wiederholen zu müssen. Das Kopftuch ist meine Entscheidung. Punkt. Ich habe es satt, dass sich Menschen anmaßen, meinen Verstand und meine Vernunft in Frage stellen zu müssen.

DAS finde ich diskriminierend. DArunter leide ich. Und es gibt keinen einzigen Grund auf dieser Welt, das solch ein Verhalten und solch eine Diskriminierung auf täglicher Basis rechtfertigt. Jeden Tag und überall meinen Verstand rechtfertigen zu müssen macht mich müde.

Ich fühle mich diskriminiert. Du fühlst dich diskriminiert, Maria. Aber ich sehe die Lösung nicht darin, dir dein Leben und deine Lebensweise zu verbieten oder sie als eine Gefahr für mein Lebensweise zu sehen. Oder auch nicht herablassend, orientalistisch und diskriminierend auf dich herabzuschauen. Ich verstehe dich. Ich verstehe deinen Ärger. Weil ich einen Menschen in dir sehe.

TORSCHUSSPANIK ODER: DIE TAZ KOLUMNE

Dieser gutaussehende Typ ist übrigens einer der vielen Spieler, die in meinem Zimmer in Deutschland übernachten.
Ich weiß. Es heißt eigentlich TorschLusspanik. Im Mittelalter schloss man nachts die Stadttore und solche, die es bis dahin nicht in die Stadt geschafft hatten, mussten die Nacht vor dem Tor verbringen. Und hatten folglich jedesmal auf dem Weg in die Stadt Torschluss-Panik. Da kommt die Redewendung laut Wiki her. Heute benutzt man diese Redewendung, wenn Mann oder Frau aufgrund ihres Alters befürchten, bestimmte Ziele nicht mehr erreichen zu können – Kinder, Partnerschaft, Ehe. Im letzten Jahr gab es dazu im SZMagazin einen sehr interessanten Artikel über Karriere-Männer, die endlich eine Familie gründen wollen.

Dort stolperte ich zum ersten Mal über den Begriff Torschlusspanik, verlas mich aber und glaubte, es hieße “Torschusspanik”. Und es machte Sinn – in meinem Kopf. Ich stellte mir einen Fußballspieler vor, der zielstrebig in Höchstgeschwindigkeit und größtem Kampfesgeist auf das Tor zurast und dann – kurz vor dem siegbringenden Torschuss – unsicher wird, sich bremst, strauchelt und im schlimmsten Fall über die eigenen Beine stolpernd mit dem Gesicht im nassen Gras landet. Das – dachte ich – ist Torschusspanik. Die Panik kurz vor dem Ziel.

Und weil es das Wort meines Wissens bisher noch nicht gibt, führe ich es hiermit ein. Das Wort beschreibt nämlich sehr toll, was ich gerade fühle: Am Mittwoch erscheint meine erste Kolumne in der taz. Was eine großartige und tolle Sache ist. Aber jetzt kurz davor, kribbelt es im Bauch und ich bekomme Torschusspanik. In der Kolumne, die fortan jeden zweiten Mittwoch im Gesellschaftsteil der taz erscheinen wird und “Das Tuch” heißen wird, geht es – Überraschung! – um das Tuch. Also um das Kopftuch, den Islam, Frauen, Muslime, Deutschland – Dinge und Gedanken, die in meinem Kopf herumschwirren und über meine Finger nun in der Außenwelt Gehör finden sollen. Aufregend!

Die allererste Kolumne am Mittwoch räumt ein bisschen auf und redet Klartext. “Das gibt böse Leserbriefe!”, sagten einige befreundete Probe-Leser. Was soll’s. Auf zum Tor!

PS: Liebe muslimischen Freunde, schließt ihr mich heute bitte in eure Gebete mit ein? Und liebe nicht-muslimischen Freunde, drückt ihr mir bitte die Daumen? Danke, danke, mein Kribbelbauch hat’s dringlichst nötig. :)

AENTSCHULDIGONG

Aentschuldigong (Sorry) for not updating my blog. Me busy-bee is beeing around the world in search for honey. Well, actually I’m in London right now, searching for a flat – this search turned out to be one of the most underestimated things in my life.
However there are some things I’d like to share with you. Like this interview with me published in Polish on Funkhaus Europa. And this interview I had with Mekonnen Mesghena, Head of Migration, Citizenship and Diversity department of the Heinrich Böll Stiftung in Germany – Very interesting interview about the importance of diversity in media! And before continuing my Ramadan Diary I have to admit: Shame on me! – I’m so bad in keeping a diary. I forgot to take picture three times by now. Argh. I hope it won’t get worse.
And the other thing I’d like to share with you: Check out orangelog.eu: Especially the articles, radio programms and videos by the participants of the m100 youth workshop last weekend in Potsdam! It was really great! Interesting, funny and lovely people from all over Europe! Thank you Sabine and Agnes for making this possible! And also many thanks to all the participants – I’ve learned so much from you (especially from East-Europe). And I hope to see you soon! Don’t forget: It’s all about context (


Bildcredit: Yannick Brusselmans

DES JAEGERS MAUER

Bildcredit: Textually

Für das Interview-Buch “Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung” führte ich mit Jessica zusammen ein Interview mit Darrn Lyons, dem Mann, der Prinzessin Diana jagte. Heute erscheint das Interview in der Frankfurter Rundschau.

Als wir in der Londoner Paparazzi-Agentur Big Pictures auf Darryn Lyons warteten (über eine Stunde) und dann nun endlich für das Interview zu Gesicht bekamen, war ich sehr überrascht. Ja, sein Büro zugestellt mit Bildern und Preisen, imposanten Tierresten und einem riesigen Thron, aber er, Darryn Lyons, sah aus wie ein kleiner, frecher, unschuldiger Junge. Ganz anders als ich ihn erwartet hatte – ganz anders als er sich in den Medien inszeniert. Kein grober, protziger, skrupelloser und gieriger Paparazzi-Firmen-Inhaber, der für das Skandalfoto eines Prominenten alles geben würde – und alles verlangen würde:

Als Prinzessin Diana 1997 in einem Pariser Tunnel verunglückt, ist Lyons der Erste, der Fotos von der Verletzten erhält und auf dem Markt anbietet. Zwar werden die Bilder nie verkauft, trotzdem entbrennt eine Diskussion über die Moral und Funktion der Paparazzi. Obwohl bekannt ist, dass der Chauffeur betrunken war, halten sich bis heute Gerüchte, die Paparazzi seien schuld an ihrem Tod gewesen.

Und doch. Während wir das Interview führten, wurde mir mehr und mehr klar, dass er im Interviewgeben geübt ist. Er weiß, welchen moralischen Vorwurf man ihm macht, noch besser weiß er, wie er dagegen argumentieren, seine eigene – in sich plausible – Moralvorstellung präsentieren und sich damit aus dem Schneider machen kann. Den Interviewern gegenüber inszeniert er sich als kleiner Junge. Er bleibt unnahbar – in seinem persönlichen Moral-System, einer Mauer. Das, was uns empört, berührt ihn nicht. Und ich denke, das muss so sein. Alles andere wäre für eine öffentliche Person Selbstzerstörung. Ob das auch gut ist, ist eine andere Sache.

Das, was Sie als Hilfe bezeichnen, bedeutet aber, dass ein Prominenter dauernd befürchten muss, bei einer peinlichen oder gar intimen Handlung abgelichtet zu werden. Damit ist seine Intimität per se ungeschützt.

Darryn Lyons: Er darf sich in dieser Medienwelt nicht mehr alles erlauben, stimmt. Aber wo ist das Problem? Wirklich Angst haben muss ja nur derjenige, der Dreck am Stecken und etwas zu verbergen hat. Ich meine, dass Paparazzi eine wichtige Aufgabe haben, denn Menschen sollten fotografiert, Geschichte sollte so präzise wie irgendwie möglich dokumentiert werden. Alles, was wir tun, ist, die Kultur unserer Zeit festzuhalten. Niemand sollte einfach sagen können: “Keine Bilder mehr!”

Das ganze Interview, hier.

Jessica and I had an interview with Darryn Lyons, a paparazzo best known for the photo-scandal about Princess Diana who died in a car crash in Paris – rumours saying it was because paparazzo had chased her. However Dianas death had risen a discussion about media, moral and the role of paparazzi. As Darryn Lyons was the first to offer the accidents images to the media, the discussion was – among others – centered on him. The interview will be published in a German newspaper today. (It was originally published in this book)

SEIT DEM MORD REDEN WIR OFFENER

Und wieder ist die taz Vorreiter. Vor allem, wenn es darum geht, auch mal jene zu Wort kommen zu lassen, die noch nicht gehört worden sind. Vor einigen Wochen erschien bereits das Interview mit Melih Kesmen von StyleIslam zu dem Thema Islamophobie. Gestern erschien nun das taz-Interview mit mir, als kopftuchtragende Muslimin und Bloggerin, zum gleichen Thema: Islamophobie.
Hier einige Auszüge:

taz: Die öffentliche Debatte über den Mord an Marwa ist fast verstummt. Spielt das Ereignis für kopftuchtragende Frauen noch eine Rolle?

Kübra Yücel: Auch wenn man über den Fall von Marwa kaum mehr spricht, ist das Thema innerhalb der muslimischen Gemeinde immer noch präsent. Es ist viel geschehen: Wir sind uns durch diesen Mord bewusst geworden, dass die Diskriminierungen, die wir erfahren, keine Ausnahmen sind. Es gibt mittlerweile zu viele Ausnahmen. Seit dem Mord an Marwa reden wir offener über unsere Diskriminierungserfahrungen und tauschen uns aus.

/…/Und wie soll sich das ändern?

Ich habe mit meinen Freundinnen sehr viel darüber diskutiert, wie wir dafür sorgen können, dass der Islam in den Medien angemessen dargestellt wird. Zunächst müssen Muslime als gleichberechtigte Gesprächspartner anerkannt werden. Bisher war es so: Wenn ein Muslim sich – auch in akademischen Kreisen – zu islamischen Themen äußerte, so wurde er nicht als eine akademische Person, sondern als Muslim wahrgenommen. Man muss Muslime, wenn sie sich als akademische Personen äußern, auch als solche wahrnehmen.

Wenn man als Muslim über den Islam forscht, ist es dann überhaupt möglich, die muslimische Identität vom wissenschaftlichen Anliegen zu trennen?

Das kann man selbstverständlich nicht trennen. Das ist aber in allen Wissenschaften so. Wenn sich eine Frau zu feministischen oder ein Christ zu christlichen Themen äußert, sind sie natürlich nicht neutral. Sie werden aber trotzdem als gleichberechtigte Partner wahrgenommen und akzeptiert. Genau das fehlt bisher – auch in akademischen Kreisen – in der Diskussion mit Muslimen.

/…/Fühlen Sie sich bedroht als kopftuchtragende Frau?

Nein. Ich fühle mich nicht bedroht oder eingeschüchtert. Ich merke vielmehr, dass es noch viel zu tun gibt; es besteht viel Aufklärungsbedarf.

Was möchten Sie denn tun?

Das Wichtigste ist, dass man ständig im Dialog ist. Die Debatte sollte nicht abebben und wir sollten nicht auf den nächsten Mord warten. Ich sehe es als meine Aufgabe an, als Journalistin und durch meinen Blog aus dem Leben einer Muslimin zu berichten. Ich versuche darzustellen, wie es ist, als muslimische Deutsche hier zu leben. Ich will zeigen, dass ich keine Gefahr für die Gesellschaft darstelle und ein ganz normaler Mensch bin. Allein diese Tatsache sorgt, so glaube ich, bei vielen Menschen dafür, dass sie ihre Vorurteile nochmal überdenken.(…)

ihr hier lesen.

Yesterday an interview with me about islamphobia in Germany was published on the website of the daily newspaper Die Tageszeitung (taz). The interview is basically about how the Muslim community has reacted to the murder of Marwa a couple of weeks ago and islamophobia in Germany in general.

WAS TUN WIR JETZT? – DER FALL MARWA?


Der Fall Marwa E. hat eine hohe Symbolkraft. Das haben nur Wenige verstanden und nur die Wenigsten richtig zu Nutzen gewusst.

Wer eine Zusammenfassung des Falls Marwa E. lesen möchte, Kathrin hat hier eine sehr gute geschrieben.

Omar hat auf seinem Blog bereits einen wichtigen Schritt gemacht und die Muslime zur Besonnenheit aufgerufen. Einige sind emotional geladen, andere erzürnt. Zum Teil verständlich. In den vergangenen Tagen wurde in Deutschland viel versäumt. Der Fall Marwa E. hätte zum Wendepunkt des deutsch-islamischen Dialogs werden können. Die Gesellschaft hätte sich über die Tat lautstark empören, sie verdammen und durch Aufklärung und Diskussion geschlossen gegen die Diskriminierung der muslimischen Minderheit in Deutschland vorgehen können. Hätte.

Karim El-Ghawhary kommentiert eines der größten Versäumnisse (9. Juli 2009, taz) wie folgt:

“Wann immer es einen Anschlag muslimischer Fanatiker gab, wurden die deutschen Politiker nicht müde, Deutschlands Muslime aufzufordern, Stellung zu beziehen, um den Generalverdacht von sich abzuwenden. Nun stehen die Deutschen zumindest in Ägypten unter dem Generalverdacht der Islamophobie. Wo waren in der vergangegen Woche die Stimmen in Deutschland, die den Anschlag im Gericht verurteilen? Sie waren nicht zu hören.”

Wir haben es mit mindestens drei Versäumnissen zu tun:

1. Die Bundespolitiker und die Bundesregierung verspäteten sich mit der Verurteilung und Empörung dieser Tat. Die islamaphob motivierte Tat wurde gesellschaftlich nur ungenügend sanktioniert.

2. Dass es sich bei der Tat um eine – offensichtlich – islamophobe Tat handelt, wurde nur in den wenigsten Medien auch so dargestellt. Das Thema wurde mal auf das Thema der Sicherheit in Gerichtssälen reduziert, mal auf das Bestreben der NPD gezielt Russlandsdeutsche anzuwerben.

3. Die Islamaphobie wird von der Mehrheitsgesellschaft und der Bundespolitik nicht als Problem – bzw. gesellschaftlicher Missstand – erkannt.

Josef Winkler, der migrationspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, sagte der taz (9. Juli 2009) hierzu, “verkappt islamfeindliche Positionen” seien bis in höchste Regierungskreise verbreitet.
Sevim Dagdelen, migrationspolitische Sprecherin der Linken zum gleichen Thema: “Die Bundesregierung macht den Fehler, Rassismus nur als Problem der extremen Rechten zu sehen. Rassismus reicht aber bis in die Mitte der deutschen Gesellschaft und Übergriffe gehören zum Alltag dieser Republik.”

Trotz oder gerade wegen dieser Versäumnisse, müssen Muslime ruhig und sachlich bleiben. Das Thema ist emotional geladen, darf aber nicht emotional diskutiert werden. Vor allem deshalb nicht, weil Nichtmuslime sich der symbolischen Bedeutung des Falles Marwa E. gar nicht bewusst sind. Das liegt nicht an mangelndem Verständniswillen, sondern schlicht und einfach daran, dass sich Nichtmuslime nur selten über 9/11 hinaus mit dem Thema Islam beschäftigt haben bzw. daran, dass es für einen Menschen der Mehrheitsgesellschaft nur mäßig nachvollziehbar ist, wie es sich als Minderheit in Deutschland lebt.

Muslime müssen in Diskussionen die genannten Punkte im Hinterkopf behalten. Andernfalls treten sie mit hohen Erwartungen an ihre Gesprächspartner heran, es entstehen Konflikte. In den letzten Tagen habe ich mit vielen Nichtmuslimen über den Fall Marwa E. gesprochen. Sie waren schockiert darüber, wie viele wichtige Details ihnen über die Medien nicht weitergegeben worden waren Sie wurden darüber kaum informiert. Auch die Diskriminierung, die kopftuchtragende Musliminnen im öffentlichen Alltag erfahren, ist ihnen nicht bewusst gewesen.

Was sollte also getan werden?

Muslime sollten ruhig und sachlich bleiben, ihre Erwartungen herunterschrauben (auch um nicht enttäuscht und damit emotional zu werden) und unermüdlich an die Medien herantreten, um über Missstände zu diskutieren und damit zu bekämpfen. Diskussion, Diskurs, Aufklärung, Sachlichkeit und zielorientiertes, friedliches Handeln sind die einzigen Möglichkeiten, der Diskriminierung ein Ende zu setzen.

Nichtmuslime sollten sich den Diskussionen öffnen, die Missstände als solche verstehen. Der Mord an Marwa E. sollte genauso empören, wie es ein antisemitisch-motivierter Mord an einem Juden getan hätte. Dies setzt selbstverständlich voraus, dass die Medien über die Vorkommnisse berichten und die Bevölkerung informieren.

Die Bundesregierung sollte in erster Linie ihre Versäumnisse eingestehen. (Dass dies unsere Bundeskanzlerin trotz Wahlkampf bisher nicht getan hat, sollte uns jedoch zu denken geben.)

Wir alle dürfen die Diskussion nicht auf den Fall Marwa E. reduzieren. Marwas Fall hat Diskussionen ausgelöst, die nicht gleich abebben und auf den nächsten Mord warten dürfen. Wir müssen es schaffen, konstant miteinander im Dialog zu bleiben.

Karim El-Ghawary beendet sein Kommentar übrigens mit einer Ausnahme, die nicht schwieg wie der Rest Deutschlands:
`Man muss kein Muslim sein, um sich gegen antimuslimisches Verhalten zu wenden, und man muss kein Jude sein, um gegen Antisemitismus vorzugehen’, sagt der Generalsekretär des Zentralrats der Juden. Danke, Stephan Kramer, für diese deutlichen Worte. So selbstverständlich sie eigentlich sind, so selbstherrlich wurden sie in der letzten Woche von der deutschen Politik übergangen.“

Herr Kramer zeigt mit diesen Worten außerdem: Eine Minderheit ist eigentlich keine Minderheit, dafür gibt es zu viele von ihnen.

So könnt ihr aktiv werden: Fordert eine Stellungnahme der Bundeskanzlerin Merkel zu dem Mord an Marwa E., indem ihr hier unterschreibt. Eine Intiative von Melih Kesmen.

Möge Allah Schwester Marwa mit dem Himmel und ihre Familie mit Ausdauer und Geduld segnen. Amin.

Mehr zu diesem Theme hier: ZEIT- Ein Opfer islamfeindlicher Hitze; ZEIT – Der neue Hass; taz – Merkel soll über Marwa reden; tagesschau – Der Mord an Marwa betrifft uns alle

This article is about an terrible incident that has happened at a court room in Dresden (Germany) a week ago. An Egyptian Muslima (and mother of a 3-years-old child) was stabbed to death by an islamophobic Russian-German after insulting her and calling her “terrorist”, “bitch” etc. Read more about the tragic death/murder of Marwa E. here.
German media has unfortunately reacted very strangely to her death and the islamophobic murderer: The public was very late informed about the details of her death (that she was 3-month pregnant, her husband was accidently shot by a police officer etc.). German politicans did not condemn this murder at once, but only a few days later when Muslims in Germany and Egypt started to protest. Muslims in Germany became more and more emotional about the case of Marwa E. I am criticizing this development as emotional debates will not lead to peaceful conclusions. I have made suggestions to all parties – Muslims, Non-Muslims, politicians and media – in order to abolish islamphobia from German society and prevent murders like Marwa E.’s. What happened is really sad, but we need to stay rational.
May Allah bless our sister Marwa E. and help her family.

GRÜN GRÜN GRÜN!


Die Jugendmedientage am letzten Wochenende in Hannover werden mir auf ewig grün in Erinnerung bleiben. Ein schönes Grün.

Lotti und ich grübelten. Sie in Hamburg, mit Zahnbürste im Mund; ich müde und erschöpft in Hannover. Wir dachten uns nämlich gerade ein Titelthema für die Mini-FREIHAFEN-Ausgabe aus, die wir am Samstag auf den Jugendmedientagen produzieren wollten. Eine Farbe hatten wir noch nie als Titelthema, das probieren wir jetzt mal aus! dachten wir uns und beschlossen: Grün.

11 grüne Jägermeister gingen auf die JMT…

So produzierten wir innerhalb kürzester Zeit (12 Stunden!) eine 18-seitige FREIHAFEN mit den tollsten Teilnehmern der JMT, ein engagierter, kreativer Haufen junger Menschinnen und Menschen aus ganz Deutschland.
Und Lotti schrieb wunderbar im Editorial:

Wir haben am heutigen Tag einen Weltrekord aufgestellt: Innerhalb von zwölf Stunden produzierten wir mit elf Teilnehmern der Jugendmedientage 2009 in Hannover ein FREIHAFEN-Sonderheft.
Weil Sonderhefte immer auch ein bisschen besonders sind, entschieden wir uns für ein sonderbares Thema: GRÜN!

Grün ist ein faszinierend vielfältiges Thema. Von der Kotze bis zur Politik ist alles im grünen Bereich. Wir werden dem Abwechslungsreichtum des Grünen gerecht und vergleichen Promis mit grünen Superhelden, interviewten den Onlinewahlkampfleiter der Grünen und erstellten eine Top 5 der grünen Mythen. Weil wir immer noch nicht am Ende unserer Kräfte angelangt waren, schickten wir unsere Pioniere auf das unwegsame Expo-Gelände, um freilaufenden Menschen tiefgründige Fragen über ihren Grünanteil zu stellen. Traurig wird es, wenn wir das Aussterben der grünen Männerbejammern und uns einen Tag ohne Grün ausmalen.

Weil die Welt nicht nur schön, bunt und positiv ist, kotzen wir uns letzten Endes noch einmal so richtig über das verschissenescheißkack Grün aus.

Bildet euch weiter, lest den FREIHAFEN.

Herzensgruß,
Kübi, Andi und Lotti.

Und ein riesengrünes Dankeschön geht selbstverständlich an Phil und Wolfi, die bis gaaanz spät in die Nacht an dem Heft herumwerkelten und layouteten! Ihr seid Helden!
Anschauen und downloaden könnt ihr das Heft hier oder direkt hier.

Am Freitag diskutierte ich übrigens auf dem Sypmposium zu dem Thema “Kebab-Connection – Migration und Medien” zusammen mit: Baha Güngör (Leiter der türkischen Redaktion bei der Deutschen Welle), Özlem Yilmazer (Vertreterin der sehr tollen “neuen deutschen Medienmacher“) und Elyas M’Barek (Darsteller von “Türkisch für Anfänger”). Kompetent moderiert von Kristin Dethloff.
Auch dort: Unglaublich engagierte Teilnehmer, die eifrig mitdiskutierten und mitdachten. Beeindruckend. Ich verbleibe also in grüner Hoffnung auf eine noch bessere Zukunft.

PS: Die Politikorange hat eine sehr tolle JMT-Veranstaltungszeitung produziert. Ein Artikel über das Symposium, wo ich mitdiskutierte, ist auch dabei (Seite 15, da, wo ich so komisch kuck). Hier lesen!

Das sind die Füße der kreativen Köpfe.

DIE STERNCHENKRANKHEIT

Irgendwann in diesem Text wird es um Autolichter gehen.

Letzte Woche lobte ich Martensteins Kolumne im ZEITMagazin. Und jetzt weiß ich auch, warum:

Martenstein, genauso wie Hacke vom SZMagazin, haben eine auf Dauer nervtötende Eigenheit entwickelt. Nämlich die, zusammenhangslose Aneinanderreihungen von Anekdötchen als Kolumnen zu verkaufen. Sind sie aber nicht. Sie sind eine, wie bereits erwähnt, zusammenhangslose Aneinanderreihung von Anekdötchen. Anfangs fand ich das noch toll. Mal was anderes, dachte ich. Bald aber verspürte ich beim Kolumnenlesen eine endlos gähnende Langeweile. Ich kämpfte mich durch die Texte, ward unglücklich und wusste nicht, warum.

Was war denn los? Martenstein versuchte in kleine langweilige Erlebnisse, Weltbewegendes hineinzuinterpretieren. Hacke haute einfach überall, wo es keinen Zusammenhang gab, Sternchen rein.

Hatten Hacke und Martenstein keine Zeit mehr für ihre Leser? Klatschten sie deshalb Erlebnisse zusammen? Sind sie an Sternchen erkrankt? Der Kolumnisten-Krankheit, die (inhaltliche) Überleitungen verschwinden lässt und mancherorts durch Sternchen ersetzt?

*

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Martenstein geheilt ist. Der Kolumnentext der letzten Woche ist nämlich nicht nur inhaltlich hervorragend, sondern einfach mal ohne Krampf-Überleitungen. Yey!
Und das, meine Lieben, muss der Grund gewesen sein, warum ich die Kolumne so euphorisch lobte. Ganz, ganz toll ist übrigens sein Expertenrat »www.lebtdennderalteholzmichelnoch.com«

*

Hackes Kolumne in dem aktuellen SZMagazin ist aber auch ganz nett. Trotz Sternchen. Denn: Es gibt dieses Mal statt zehn Sternchen nur EIN Sternchen. Das macht Hoffnung auf Heilung.
Kleiner Rückschlag: Hacke fängt die Kolumne mit (lustigen) Polizei-Kontrolle-Anekdötchen seiner Frau an, die nur entfernt zum Resttext passen.

*

Bei dieser Gelegenheit möchte ich mit einem Polizei-Kontrolle-Anekdötchen enden. Also mit der EINEN Polizei-Kontrolle, die ich in meinen drei Jahren Führerschein hatte.

Bildcredit: mastermediait


Rabo, Rabos Freundin, Disha
und ich (ich wollte euch schon immer mal namentlich erwähnen. So kommentiert ihr vielleicht endlich mal, ihr Hühner) fuhren nach Hause, ich am Steuer, als die Polizei neben uns an der Ampel anhielt und uns per Handzeichen bat, das Fenster runterzukurbeln. Hierzu müsst ihr wissen, dass es langsam dämmerte und ich meine Autolichter nicht angeschaltet hatte, was in erster Linie daran lag, dass diese nicht funktionierten.

Jedenfalls beugten sich beide Polizisten nach vorne und der eine fragte: „Können Sie Ihre Lichter bitte anschalten?“ Ich: „Ja, ich fahre gleich rechts ran und schalte sie an.“ Währenddessen stellte ich mir vor, wie sich mich gleich wegen Licht-nicht-Funktionierens verhaften und in die Zelle sperren. Der Beifahrer beugte sich nun noch weiter aus dem Autofenster und fragte: „Naa, seid ihr auch alle angeschnallt?“ Wie in einem Kinderchor riefen meine Freundinnen „Jaaaa!“ Nur ich ironisch: „Neeeinnnn.“ Ich lachte. Die Polizisten nicht.

Schnell fuhr ich rechts ran und wartete mit dem Licht-Nicht-Anschalten darauf, dass sie weit, weit weg waren.

Dieser Text ist ein Exempel für zusammenhangslose Texte, in denen krampfhaft versucht wird einen Zusammenhang herzustellen. Das Nichtgelingen wird durch * markiert. Andere solche Texte finden sich als „Kolumnen“ in den letzten SZ- und ZEITMagazinen.

*

Übrigens würde ich Roger Willemsen wirklich gerne mal fragen: Warum machen Sie das?

AN TAGEN WIE DIESEN

An Tagen wie diesen, da möchte man mitten auf der Straße, mitten im Menschenstrom, stehen bleiben und rempeln. Schütteln und rütteln. Aufwecken. Verdammt nochmal! schreien, warum vergessen und verdrängen wir? Am liebsten jemandem eine scheuern, die Wut aufkochen lassen, innerlich brodeln und doch resignieren. Die Luft ist raus.

Es ist immer das Gleiche: Ein Unrecht, ein Krieg geschieht. Die Zahlen und Bilder richten die Härchen auf den Armen auf. Kaum ist der anfängliche Schock überwunden, senken sich die Härchen wieder und der Krieg wird zum Alltag.

Ich will nicht, dass sich meine Härchen senken, nicht an den Krieg gewöhnen, nicht resignieren.

Julia Deeg erinnert. Sie ist im Westjordanland und unterstützt dort den friedlichen Widerstand gegen die israelische Besatzung. Einige ihrer Briefe wurden nun im Freitag veröffentlicht. Unbedingt lesen.

Wir erinnern uns doch an den Krieg, oder?
Und die Sonne lacht so schadenfroh.


Bildcredit: Jeremyville