LUDIN, ULUSOY – SIE SPRICHT, DIE MUSLIMISCHE FRAU.

fereshta

Ich kenne sie. Ich kenne sie als Frau, die ihre Worte mit Bedacht wählt, ruhig und balanciert. Eine weise Frau, stark und mit aufmerksamen Blick, klug und liebevoll. Eine Frau mit einer herzlichen Familie, die wiederum meine kleine Familie unterstützte als wir unsere Zelte in Berlin abbauten, um nach Kairo zu ziehen.

“Das erste Mal in meinem Leben saß ich sprachlos vor Gott” – Fereshta Ludin

Ich kannte jedoch nicht die Details des Lebens, der Jahre, die Geschichte, die Gesellschaft, die sie zu der Frau machte, die sie heute ist. Ich kannte nicht die Hintergründe der zermürbenden Jahre, in denen sie Freiwild für Presse und Politik war: Verspottet als sture, bockige Islamistin, Kopftuchfrau, die – statt zu danken, hier überhaupt studiert haben zu dürfen – nun dreisterweise auch noch an deutschen Schulen deutsche Kinder unterrichten wollte. Die Lehrerin Fereshta Ludin, die aufgeregt den Gerichtssaal betrat, um für die Ausübung ihres Berufs einzustehen und auf der Empore im Saal von zwei Frauen in pinken Burkas begrüßt wurde, die gegen sie protestierten. Die Studentin Ludin, die sich gegen ihre diskriminierende Dozentin wehrt, um an anderer Stelle dafür zu büßen. Die Referendarin Ludin, die in Tränen ausbricht, als das Oberschulamt ihr wegen vermeintlicher “mangelnder persönlicher Eignung” den Weg zur Ausübung des Lehrberufs versperrt. Die starke Kämpferin Ludin, die unter dem öffentlichen Druck zusammenbricht – nach Jahren der Demütigung, Erniedrigung, Bevormundung und Drohungen… Aber auch das kleine Mädchen Ludin, die mit dem plötzlichen Tod ihres Vaters zu Gott findet; die Jugendliche Ludin, die diszipliniert Deutsch lernt und sich den Weg ins Gymnasium hart erarbeitet und sich in einen jungen Mann verliebt.

Der Mensch Ludin hält in ihrem Buch die Verletzungen fest, die kleinen und großen; die Eindrücke, die weltbewegenden und persönlichen. Der Anfang des Buchs, ihre Kindheit, liest sich romantisiert und idealisiert – so wie vermutlich bei vielen, die aus den unbeschwerten Kindsjahren Kraft und Energie ziehen.

Ich kannte Fereshta Ludin so nicht. Und obwohl ich schon vorher großen Respekt vor ihr hatte, ist er nun mit einem Mal, nach dem Lesen ihrer Autobiographie, um einiges größer geworden. Meine Bewunderung für diese starke Frau ist einmal mehr gewachsen. Beim Erzählen ihrer ganz persönlichen Geschichte, hält sie unserer Gesellschaft einen Spiegel vor, nackt und ungeschminkt, direkt und ungefiltert, greifbar und unbegreifbar zugleich. In was für einem Land lebten wir eigentlich, fragte ich mich immer wieder beim Lesen. Und in was für einem Land werden wir künftig leben?

“Und wie gern hätte ich ihnen nahegebracht, dass sich Gott hinzugeben für mich absolute Freiheit bedeutete.” – Fereshta Ludin

Letztlich war Ludins Kampf auch einer gegen die Stille, die verstummte muslimische Frau. Das Buch “Die Enthüllung der Fereshta Ludin” ist nur der (vorerst) letzte Schritt im Bemühen nicht die, wie sie schreibt, “mundtote” 14-Jährige zu sein, die nach Deutschland kam, ohne Deutsch zu sprechen. Das Mädchen, das hier nicht für sich sprechen konnte, hier nicht verstanden wurde.

Während ich diesen Text schrieb, stellte ich fest: Knapp 13 Jahre später beginnt nun der Kampf einer anderen muslimischen Frau. Der Rechtsreferendarin Betül Ulusoy. Ihr wird vom Neuköllner Bezirksamts eine Station ihrer Ausbildung verwehrt:

“#‎schauhin‬, wenn du als Rechtsreferendarin eine Station in der Verwaltung machen m u s s t, dir eine Stelle im Bezirksamt ‪#‎Neukölln‬ telefonisch bereits zugesagt wird, du heute Morgen lediglich zur Unterzeichnung deines Formulars zum Rechtsamt fährst und dir der Herr dort dann munter erzählt, er sehe ja nun, dass man ein ‪#‎Kopftuch‬ trüge und dass das leider problematisch sei. Er selbst sei da zwar “völlig leidenschaftslos”, das Bezirksamt fahre da aber eine “ganz klare Linie” und stelle selbst Praktikanten mit Kopftuch im höheren Dienst nicht ein. Darum müsse er nun doch noch einmal mit der Personalabteilung und “höheren Stellen” sprechen, das würde nun wohl “ganz hoch diskutiert” werden und ich solle mich doch morgen noch einmal bei ihm melden.

Wenn morgen die Linie des Bezirksamts Neukölln immer noch ganz klar ist, dürfen sich sehr gern Journalisten aus meiner Freundesliste bei mir melden.

Das wirklich traurige an der Geschichte ist, dass ich mir als erwachsene Juristin gerade vorkomme wie das kleine Mädchen, das damals heulend von der Schule wegen ähnlicher Erfahrungen nach Hause rannte. Man sollte meinen, man müsste sich doch über die Jahre an immer die selben Diskriminierungen gewöhnt haben und damit rechnen, wenn man mit Kopftuch irgendwo aufschlägt und ich bin wirklich wütend auf mich, weil mir das noch immer so nah geht und ich ein mal mehr zitternd einen blöden Text über das Leben mit Kopftuch tippe(n muss)…”

Auch Ulusoy kämpft nun gegen das Verstummen, Bevormundung, die Infantilisierung an, stark und klug. Ihre Stimme ist laut und wird gehört. Denn Frauen wie Ludin haben Ulusoy, mir und etlichen anderen Frauen den Weg geebnet in dieser Gesellschaft eine Stimme zu finden und Unrecht zu benennen. Wir lassen uns nicht mehr aus der Mitte an die Ränder dieser Gesellschaft drängen.

Es liegt an uns, der Gesellschaft, Ulusoy in ihrem Kampf für ihr Recht zu unterstützen, sie nicht alleine zu lassen. Es geht hier nicht um sie als Person oder um eine persönliche Befindlichkeit, sondern um einen Wandel in unserer Gesellschaft; die Entpolitiserung des Kopftuchs und um die Frage: Wen lassen wir in unsere Mitte, wen nicht?

Wie man Ulusoy unterstützen kann? Lest hier.

MUSLIMISCHE KÜNSTLERINNEN IN DEUTSCHLAND | ZEIT CAMPUS #3

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In der aktuellen Zeit Campus (#3 | 2014 – seit heute im Handel) findet ihr eine Reihe muslimischer Künstlerinnen in Deutschland. Wunderbare Damen wie Neslihan Kapucu, Tasnim Baghdadi, Seren Başoğul, Soufeina Hamed und Ayşe Kılıç - sie alle sind Zeichen eines Wandels in Deutschland, symbolisch stehen sie für Umbrüche und neue Herausforderungen und prägen einen neuen Zeitgeist. Sie sind durch ihr Kopftuch als Muslima sichtbar, gleichzeitig drängen sie aber mit ihrer Identität als Künstlerin in die Öffentlichkeit. Mancherorts scheint das zu irritieren – aber nicht mehr lange. Wer, wie und auch warum ich mit dem Text haderte findet ihr im Heft.

#MIPSTERZ & THE STATE WE’RE IN

mipsterz screenshot

Habib Yazdi / Somewhere in America

I was holding my tongue. Trying to ignore the #Mipsterz (≈ Muslim Hipsters) debate, hoping it would be over soon. Frankly, how long and intensely could the Muslim community (mainly in the US & some Western European countries) possibly discuss a two minute video about some Muslim fashionistas in the US driving skateboards, motorbikes, jumping and posing on trees? But it continued and continued and got worse…

Yes, the (original) music was inappropriate. Yes, you might have a different take on how a Muslim veiled woman should dress. Yes, there was a (apparently controversial) man behind the camera but it wasn’t entirely produced by men. Yes, I, too, am very concerned about our societies’ materialistic approach to fashion, wealth and life in general. So, yes, some things have been rightly criticised.

But nothing felt more disturbing than some of the arrogant, judgemental and hateful comments I’ve read in the last couple of days. Hence, I do not want to discuss the video, but our reaction to it. I want to discuss our behaviour. The way we treat each other. Because I believe, this debate says less about the producers of the video and the protagonists, but more about the Muslim community in the West and the state we are in.

Why can’t we (happily, but that’s probably too much to ask for) accept that there are US American Muslim fashionistas celebrating their lifestyle in a video – like every other fashion scene – with its flaws and mistakes?

I believe it is, amongst another reasons, due to two problems.

One: Controlling Our Public Image

For a long time others were telling us Muslims in the West what we are, how we are and who we were going to be. Western media talked a lot about but rarely with Muslims. Having Muslims speak on mainstream TV channels or write in national newspapers was a novelty, a rare opportunity for “our image” to be corrected. Keeping that in mind, I understand the urge to control how “we Muslims” are being portrayed in media. But we need to stop being exaggeratedly self aware. We need to stop doing to our people what others have been doing to us for too long: Forcing every public (and private) Muslim to be the representative of an entire religion, mistake them for an advocate of Islam, expect them to speak for “us” and wrongly be mad at them for not having sought our approval before speaking on “our behalf”. With this we not only take away their individuality, but neglect our very own nature:
We Muslims are not uniform, we are not homogenous, we are diverse. This is our asset. This is what makes us unique. And the only way we can demonstrate this, is to stop being control freaks. Eventually, having multiple voices and faces of the Muslim community in the public will correct “our image”.

Two: The Choice Not To Be Political

But beyond that, and more importantly, I feel an underlying problem is our inability to accept that a public Muslim might choose not to talk about “hard facts”, politics, Islamophobia, discrimination and racism in our societies but “give in” to popular mainstream culture, even if for a two minutes video. It is somehow regarded as a “betrayal” if a public Muslim is not acting first and foremost as a Muslim but seems to be carelessly enjoying the amenities of comfortably living in the West, glorying in it’s wealth, celebrating fashion and life in general – “while our brothers and sisters in (insert a country & problem) “…

To be honest, I understand this reaction. Again, being a religious minority, subjected to racism (often hidden as “rational” and “intellectual” criticism of Islam) has not given most of us the choice not to care. We had to. Especially as visible Muslim women wearing the Islamic headscarf we were constantly reminded of being the “Other”. Our loyalty, belonging, intellectual ability and independent thought were constantly questioned. So of course, there were times I felt betrayed when other Muslims did not carry the burden I chose (and was very often forced) to carry. But there were also times in which I was told, I had a responsibility to talk about problem x and y, because I had access to mainstream media and hence a responsibility to address x and y.

It was my (more or less conscious) decision to tackle Islamophobia and racism in our society, to publicly pursue my cause in becoming a writer, journalist, storyteller and activist. It’s tiresome, at times it took away all my energy and positivity, it was and still is a heavy burden. But why did I choose this path, sacrificing the luxury of not caring when I could?

When I started my activism in my teenage years, it was because I aspired to live in a society in which we Muslims did not have to fight stereotypes and prejudices anymore, in which we could choose not to fight daily battles about who we are – but just be. Back in those teenage years I had dreamed of going into arts and design. At 15 I sent my fashion design sketches to competitions, at 16 I worked with an haute couture designer and a milliner, where I designed my very own hat for veiled women. Art and design have had always been a deep passion of mine I haven’t followed publicly – yet. Because I felt it wasn’t the right time. Some problems needed to be addressed first. The public image of Muslims needed to be corrected. It was my very own decision to battle, but why would I want others – or everyone! –  sacrifice the same? Hadn’t I first started off pursuing my dream of a society in which I didn’t have to do what I did: Defending, fighting and battling? Why would I want every other Muslim to carry this burden? Don’t I do it, so that our future generations hopefully don’t have to? Haven’t you had the same aspirations? I believe some of the rants are routed in this inability to let others enjoy what you are fighting for. And I find this very bitter.

Despite all, I am happy to see our sisters in fashion, arts & design. It makes me proud, it makes me smile. These women (and men) are important to the Muslim community, not more or less than our advocates, fighters and battlers, because they give back some of the positivity, hope and ease we sometimes lack.

And as my husband likes to quote C S Lewis: Poetry and art might have no survival value. But they give value to survival.

DIE DEUTSCH-MUSLIMISCHE BLOGOSPHÄRE

Blogkarneval

Unser Logo für den Deutsch-Muslimischen Blogkarneval. Der liegt derzeit zwar noch brach, aber wer weiß, was an diesem Wochenende so passiert?

Es ist mittlerweile Ewigkeiten her, dass wir den letzten deutsch-muslimischen Blog-Karneval (Muslimkarneval.de) veranstalteten, der damals von TooMuchCookies initiiert, gegründet und lange Zeit betrieben wurde. Mit einer losen Gruppe Blogger (und dem Zahnräder Netzwerk) haben wir das Projekt zwar auf’m Schirm, nur leider nicht auf der aktuellen To-Do-Liste. Am Freitag wird es nun ein Fachgespräch geben, zu dem zahlreiche deutsch-muslimische Blogger eingeladen sind. Anlass für mich, den Blogger-Topf mal wieder vorsichtig zu öffnen.

Auf der Re:Publica 2011 sprach ich zusammen mit Sebastian Mraczny und Urmila Goel, moderiert von Verena Reygers, auf dem Panel “Guck mal wer da spricht – Wieviel Pluralismus kann die deutsche Blogosphäre?” über den Pluralismus in der deutschen Blogosphäre, insbesondere die muslimische Blogosphäre, die zum Teil als alternative Öffentlichkeit entstand und in vielen Punkten ein Gegengewicht zu den islamophoben Tendenzen in der allgemeinen Öffentlichkeit wurde. Stine Eckert machte dann Nägel mit Köpfen und forschte gleich dazu: “Muslim Bloggers in Germany: An Emerging Counterpublic?” Auf der Re:Publica 2013 stellte sie ihre sehr interessante und spannende Forschungsarbeit (auf Deutsch) vor. Wer die Arbeit nicht lesen kann, dem empfehle ich unbedingt zumindest ihren wirklich sehr sehenswerten und informativen Vortrag anzuschauen.

Seitdem (2011/2012) hat sich die muslimische Blogsphäre gewandelt, sie ist gewachsen. Es sind neue Themen hinzugekommen, unter anderem muslimische Modeblogs. Die Gut-Betucht-Autorin hat bereits eine kleine Liste mit deutsch-muslimsichen Mode-Bloggern erstellt (siehe unten). Allerdings drängt sich hier die Frage der Kanäle auf: Eine der aufgelisteten Modebloggerinnen betreibt statt eines Blogs ein Facebook-Account. Würde man nun Facebook in die Suche einbeziehen, würde man auf sehr viel mehr muslimische Seiten stoßen. Beispielsweise erfreuten sich muslimische Fb-Seiten in der Kategorie Fotografie & Lifestyle in den vergangenen 2 Jahren besonders großer Beliebtheit in Deutschland. Prominentestes Beispiel hierfür ist vermutlich Emine von Butterfly Photography. Als weiterer Kanal kommt Instagram hinzu, auch dort sind spannende muslimische Mode-, Fotografie-, Einrichtungs-, Design- und Lifestyle-Szenen entstanden.

Ein anderer Topf: YouTuber! Younes Al-Amayra, Gründer von I,Slam (muslimische Poetry Slams), sucht nach muslimischen YouTubern. Auch hierfür: Empfehlungen? Tipps? Ich fänd’s sehr spannend, auch hier einen groben Überblick über die Szene zu schaffen!

Zurück zur deutsch-muslimischen Blogosphäre: Einige der Blogs, die ich mir in den vergangenen Jahren notiert habe, findet ihr hier. Welche anderen Blogs gibt es noch? Wen habe ich vergessen (sorry for that!)? Habt ihr selber eines? Dann postet es doch bitte in den Kommentaren, ich werde die Liste regelmäßig aktualisieren.

Deutsch-Muslimische Blogs (aktualisierte Version 29. Oktober 2014)

Blogs

Modeblogs

YouTuber

#SCHAUHIN – WARUM?

Bildschirmfoto 2014-02-23 um 19.37.25“Ein Freund hört mit seinem Polizisten-Job auf wegen des Alltagsrassismus”, schreibt mir gerade Tamim Swaid, ein guter Familienfreund, während ich an diesem Text hier sitze. “Stell dir vor”, fährt er fort, “8 Jahre Ausbildung und Beamtenstatus.” “Oh krass…”, antworte ich. Dann schreibt er: “SchauHin ist sehr gut.”

#SchauHin ist eigentlich nichts Neues. Schon seit etlichen Jahren bloggen und twittern Menschen in Deutschland online zu den Themen Rassismus im Beruf, in der Schule, in den Medien – im Alltag halt. Denn Rassismus ist nicht etwas, auf das wir entspannt mit weit ausgestrecktem Finger in der weiten, weiten Ferne zeigen können. Etwas, das irgendwo am rechten Rand der Gesellschaft geschieht, wo die Glatzen glänzen und die Springerstiefel stampfen. Nein. Rassismus ist hier. Mitten unter uns. Jeden Tag. Überall. Continue reading

ES WAR SCHÖN MIT DIR, LIEBE KOLUMNE!

WorldUnd dann stand es fest. Ich würde fortan eine Kolumne in der taz führen. Panik brach in mir aus. Eine Kolumne in der taz, einer deutschen, bundesweit erscheinenden Tageszeitung – und die sollte ausgerechnet ich schreiben, eine junge Deutschtürkin, muslimisch und noch dazu mit Kopftuch. Ja, klar. „Schreib von dir, erzähl aus deinem Leben, deine Gedanken“, sagte der Ressortleiter. Ich hörte nur: „Schreib von der muslimischen Community, erzähl aus deren Leben, deren Gedanken.“

Wie eine kleine Pressesprecherin der Muslime in Deutschland fühlte ich mich. Jahrelang hatte ich mich über die mediale Darstellung der Muslime geärgert, jetzt hatte ich die Gelegenheit, es besser zu machen. Verkrampft schrieb ich den ersten Text und las ihn am Telefon einem befreundeten Imam vor. „Hm, ja, guter Text“, sagte er, ein bisschen überfordert, was ich denn nun genau von ihm wollte. Ich wusste es ja auch nicht. Eine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, dass das, was ich schrieb, wirklich korrekt war – vielleicht?

Es brauchte noch so einige Kolumnen, bis ich verstand: Ich muss in meinen Texten nicht die Stimme der Muslime repräsentieren, sondern höchstens von einer der vielen Stimmen erzählen. Mehr ist in 3.400 Zeichen auch nicht machbar.

Über drei Jahre schreibe ich nun schon die Tuch-Kolumne. Sie begleitete mich in den bislang prägendsten Lebensjahren. Ich zog mit ihr von Hamburg nach London zum Studieren, schüttete dem Mann meines Lebens Salz in den Kaffee und heiratete ihn, zog nach Berlin, dann Kairo, Istanbul und zuletzt nach Oxford. Ich lachte mit dem Spiegel-Autor Matthias Matussek im ICE und stritt mit Sarrazin im Radio, bis er schließlich sagte: „I want yu tu intekräyt.

In den Kolumnen schrieb ich Dinge, die ich zuvor nicht auszusprechen gewagt hatte: Darf man das überhaupt sagen? Ich entdeckte, dass wir über viel zu viel schweigen. Mal wurde ich fuchsteufelswild, mal lachte ich oder wurde sentimental. Ich feierte Baynachten, wurde auch öffentlich zur Feministin und verbrachte lange Abende mit Lebenskünstlern, beeindruckenden Frauen und Männern – und jenen dazwischen. Ich lauschte den Weisheiten der Älteren, der Stimme der Stillen. Ich verlor meine Wut. Denn die Kolumne öffnete mir den Blick für die Geschichten anderer. Minderheiten. Menschen, die sich anders fühlen, ausgeschlossen.

Mit dieser Kolumne bin auch ich gewachsen. Sie umfasste nie wirklich nur mein Leben, sondern auch das der Menschen, deren Leben ich streifte und beobachtete. So viele Themen und Leben, wie sie unter „Das Tuch“ eigentlich gar nicht mehr passen. Vielleicht bin ich in dieser Zeit nicht nur mit, sondern auch aus der Kolumne herausgewachsen.

Bis spät in die Nacht hinein blickte ich auf diesen Text und wusste nicht, wie man ihn schreibt. Was schreibt man in einer letzten Kolumne? Wie verabschiedet man sich?

Diese Woche werde ich ein Vierteljahrhundert alt. Das nächste Vierteljahrhundert werde ich ohne diese Kolumne antreten. Es ist, als würde man den besten unsichtbaren Freund loslassen. Ein bisschen ungern, aber auch wohl wissend, dass es weitergehen muss, für neue Abenteuer und neue Leben.

Es war schön mit dir, liebe Tuch-Kolumne. Es war schön mit euch, liebe Leserinnen und Leser. Danke, liebe taz! Danke für drei großartige Jahre!

Tschüß, ahoi & liebe Salams!

Die allerletzte Tuch-Kolumne erschien am 24.06.2013 in der Taz. Hach ja :)

Wie geht’s weiter?, haben viele gefragt. Einiges ist unsicher, anderes ist fast in trockenen Tüchern. Deshalb kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel dazu sagen, aber sehr bald hoffentlich hier mehr dazu! :)

 

 

#NSU

Bildschirmfoto 2013-06-18 um 11.24.45Anzahl der Tweets mit dem Hashtag #NSU in den letzten 180 Tagen in wöchentlichen Intervallen – via topsy.com, eigene Suche & Screenshot

“Man muss es ab und auch mal aussprechen”, sagte meine Schwester. “Wir nutzen immer nur die Abkürzung ‘NSU’.” National Sozialistischer Untergrund. Dafür steht NSU.

Es wird vermutlich Jahre dauern bis es im NSU-Prozess zu einem Urteil kommt. Der Verhandlungsbeginn war holprig, man erregte sich über die Unterbrechungen, die Vertagung, Zschäpes Kleidung & Haltung, das Kreuz, die Verteidiger-Namen und vieles mehr. Heute am 11. Verhandlungstag des NSZ-Prozesses ist die Berichterstattung abgeflaut (englischsprachige Medien berichten inzwischen kaum/gar nicht mehr) – auch das ist natürlich und war erwartbar bei Prozessen dieser Art. Zeit Online hat eigens für den NSU-Prozess einen Blog eingerichtet und damit einen nachhaltigen Weg gewählt. Statt eines Livetickers, schreiben sie, starteten “wir also ein Projekt mit langem Atem. Wir wollen auch dann noch hinschauen, wenn sich manche, die wie auch wir lautstark einen Platz im Gerichtssaal einforderten, vielleicht schon wieder abgewandt haben.”

Den Live-Ticker der Süddeutschen Zeitung hatte ich mehrmals lobend erwähnt. Mittlerweile finde ich aber den Zeit Online Blog sehr viel überschaulicher und handlicher zur Verfolgung des Prozesses. Ich denke, die Langatmigkeit lohnt sich bereits jetzt, in den ersten Prozesswochen.

Nur vereinzelt entdecke ich derzeit auf Twitter und Facebook noch Menschen, die Artikel und Meldungen zum Thema NSU teilen. Das empfinde ich deshalb als erwähnenswert, da Twitter und Facebook – für mich persönlich – immer ein relativ zuverlässiger Barometer für die Befindlichkeiten bestimmter Gesellschaftsgruppen waren und sind. Die große Mehrheit der deutsch-türkischen Community in sozialen Netzwerken beschäftigt sich derzeit – das kann man sich sicher denken – (berechtigterweise*) in erster Linie mit den Protesten in der Türkei. Hin und wieder tauchen mahnende Stimmen auf, man möge doch bitte den gleichen Einsatz auch in der deutschen Politik zeigen, wenn es um Hochwasser, NSU und andere Themen geht. *Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

// UPDATE: Es gibt natürlich auch ein Watchblog, das hier nicht unerwähnt gelassen darf: NSU-Watch.info Dass ich NSU-Watch hier nicht als wachsames öffentliches Auge erwähnte, ist ein Faux Pas! NSU-Watch wird redaktionell von apabiz e.V. betreut und verfolgt, wie der Name sagt, nicht nur den NSU-Gerichtsprozess, sondern auch die Ermittlungen und Recherchen zum Thema NSU im Allgemeinen. Ihre Artikel veröffentlichen sie auch auf Englisch und Türkisch. Die aufwendige Arbeit kann man hier mit einer Spende unterstützen.

– Gibt es noch andere Medien/Blogs & Co, die sich durch Langatmigkeit und Wachsamkeit hervortun? Bitte hier in den Kommentaren vermerken. –

UPDATE II: Auf NSU-Nebenklage verfolgen zwei Rechtsanwälte ebenfalls kontinuierlich den NSU-Prozess, eine Sozialpädagogin übersetzt die Texte ins Türkische (Danke an Fasel für den Hinweis!) //

Bei Verhandlungsbeginn fragte ich auf meiner öffentlichen Facebook-Page einige Nutzer, was sie vom Prozess erwarten. Erwartungsgemäß war die Stimmung eher pessimistisch. Ich möchte daran erinnern, damit uns unsere eigenen Worte ermahnen. Continue reading

RASSISTIN? ICH?

Kritik an rassistischen Wörtern ist richtig. Verletzte Journalistenstölzlein nicht. (Das Bild zeigt das Cover der Zeit 17. Januar 2013)
Vor ein paar Jahren besuchte ich in Wien ein Café und entdeckte dort auf der Karte „Mohr im Hemd“ mit einer leckeren schokoladigen Beschreibung. Ich hatte aber bereits bestellt und schrieb später auf Facebook: „Das nächste Mal in Wien möchte ich Mohr im Hemd essen.“ Es hagelte Kritik. „Mohr“ sei eine rassistische Bezeichnung für Schwarze. Einer schrieb, ich sei eine Rassistin.
Aber, aber, schrieb ich, das hätte ich doch nicht so gemeint. Ich fühlte mich zu Unrecht kritisiert. Ich hatte doch keine böse Absicht.
In den letzten Wochen tobte es in der deutschen Feuilletonlandschaft. Nach der Ankündigung des Verlegers des Kinderbuchs „Die kleine Hexe“, in der neuen Ausgabe unter anderem das N-Wort zu ersetzen, veröffentlichte die Wochenzeitung Zeit eine Titelgeschichte zu dem Thema. Nicht nur dort, sondern auch anderswo verteidigten zahlreiche Feuilletonisten das N-Wort, und so manch einer witterte Zwang, gar Zensur.

"MUSLIME SIND JETZT TEIL DES MAINSTREAMS"

“Wir befinden uns in einer Übergangsphase, in der Muslime immer sichtbarer werden – das empfinden manche als Problem. Sie glauben, dass Menschen, die durch ihre Kleider als Muslime erkennbar sind, nicht integriert seien. Das Gegenteil ist wahr: Gerade weil Muslime im Alltag sichtbar werden, sind sie integriert. Sie haben das geografische und soziale Ghetto, in dem viele anfangs lebten, verlassen. Muslime sind jetzt Teil des Mainstreams.”

Tariq Ramadan im Interview das ich für Zeit Campus 01/2013 führte – weiterlesen hier.

Der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan, 50, ist Professor an der Universität Oxford. Die Zeitschriften Time, Foreign Policy und Prospect bezeichneten ihn mehrfach als einen der hundert wichtigsten Intellektuellen der Welt.