THOUGHTS ON THEIR WAY

Sometimes I keep some thoughts to myself, because I feel they aren’t complete. Such as this one here. It’s been almost a year when I first wrote this thought down. But then I left it as a draft. It hasn’t made its way to the outside world.

But this time it will make its way. Even if I feel it’s incomplete.

After all, aren’t all our thoughts, whether we consider them complete or not, just a state of mind? Aren’t we in constant change, revising and rethinking who we are, want to be and what we think is right? Or at least: Shouldn’t we aim to be in constant development? Being full of energy and ease – full of energy to develop ourselves; full of ease about our flaws and imperfection. Aren’t we just on our way anyways? We will never be complete. And not even death will bring this to an end.
But it is us all who neglect our imperfection. We – as a whole – don’t give each other the freedom to be a traveller on the path of change.

We falsely believe that every thought we speak has to be armed and shielded against every attack. Sometimes, we feel the pressure to strongly defend every single thought we share. And so: Inner discussions stay inner discussions.

However, isn’t it more interesting to speak out these inner thoughts, fears and voices; to discuss them on a broader scale – just to find out that there are thousands of others who share our inner conflicts? Will this not bring us relief?

But we fear criticism. We fear being sanctioned. We fear judgement. We fear being human, imperfect. Being a traveller. Who we are.
And so, we keep on the safe side. Our thoughts keep running in our head. Our mouth keeps shut. But one day that thought will be gone, without us even noticing it.

So from time to time you will find some of those imperfect incomplete thoughts here, thoughts in progress. A snapshot of inner discussions that have not yet come to an end – and never will.

Because I am a traveller and so are you. Let me lead, let me be led. Don’t chase, don’t let yourself be chased. Watch my way, not the place I stop to take a rest.

ZERRIEBEN

Zürich, Dezember 2011
In den Monaten vor ihrem Verschwinden schaute sich Seher stundenlang Videos von islamischen Predigern im Internet an. Anfangs ist die religiöse türkische Familie unbesorgt. Dann distanziert sich Seher immer mehr von ihren Eltern. Schließlich kritisiert sie ihren Vater, er würde sein Geld unislamisch verdienen. In diesem Haushalt könne sie deshalb nicht Essen, nicht Trinken, das sei nicht halal, nicht islamkonform. Dann verschwindet sie.
Zwei Wochen später erreicht die Familie dann ein Anruf von einer salafitischen Gemeinde in Mönchengladbach. Die Tochter sei gesund und wohlauf. Sie sollen sich keine Sorgen machen, Seher sei bei ihnen untergekommen. Selbstverständlich werde man sich bemühen, sie nach Hause zu schicken, sagt das Gemeindemitglied am Telefon. Aber – das müsse auch gesagt werden – die Tochter habe recht. Der Vater solle sich eine neue Arbeit suchen.
Sehers Geschichte ist eine von vielen, die mir ein muslimischer Soziologe erzählt. Er betreut Familien, die sich hilfesuchend an ihn wenden. Familien, die nicht wissen, wie sie mit dem Salafismus und der neu gewonnen Religiosität ihrer Kinder, die so anders als ihre ist, umgehen sollen.
Für Nurhan sind diese Geschichten nichts Neues. Sie ist engagierte Schulsprecherin, erfolgreiche Schülerin und religiös praktizierende Muslimin. Lange war sie eine der wenigen Kopftuchträgerinnen auf ihrem Gymnasium, heute sind es deutlich mehr. Und denen ist Nurhan heute nicht islamisch genug mit ihrem bunten Kopftuch, der hellen Kleidung und ihrer Freude am Kontakt zu Frauen wie Männern; deshalb wird sie schon mal „Muslim light“ geschimpft.
Es ist Abiball-Zeit. Die Stufe diskutiert mit einem Lehrer die Organisation des Abends, Thema ist Alkohol. Weil viele Muslime in der Stufe sind, plädiert Nurhan dafür, erst ab der zweiten Hälfte des Abends Alkohol auszuschenken, kurz vor dem Partyteil. Zwei Sitze entfernt sitzt Hamza. „Ich dachte, du wärst eine richtige Muslimin“, sagt er zu Nurhan. „Warum sagst du das?“, fragt sie. „Wenn man in einem Raum so eng mit so vielen Frauen und Männern sitzt, im Haus des Shaytan (des Teufels), was passiert dann mit deinem Iman (Glauben)?“ Wer zum Abiball gehe, sei ein Munafiq, ein Heuchler. Nurhan ist verletzt, leise versucht sie, sich zu wehren.
Dann ruft der Lehrer alle, die nicht zum Abiball kommen, dazu auf, sich vor die Stufe zu stellen und zu rechtfertigen. Als niemand aufsteht, tut es Nurhan. „Das können Sie nicht verlangen“, sagt sie dem Lehrer, „der Abiball ist keine Pflichtveranstaltung. Es gibt einige, die können es sich finanziell nicht leisten, andere, die aus religiösen Gründen nicht wollen. Sie können sie doch nicht vor den anderen bloßstellen“, kritisiert sie.
„Ich will vermitteln“, sagt Nurhan und wird dabei zerrieben. Da sind die Lehrer, die über die „Islamisierung“ der Schule schimpfen und spöttisch über die muslimischen Schüler herziehen, und die Klassenkameraden, die Nurhan vorschreiben wollen, wie sie den Islam zu leben habe. „Aber die Salafisten haben auch viel Gutes gemacht“, sagt sie. „Sie haben viele von der Straße und aus der kriminellen Szene geholt. Sie haben ihnen Zusammenhalt geboten, wie eine Familie.“ Statt die Salafisten zu kritisieren, müssten die übrigen Muslime eine Alternative anbieten, sagt sie. Bis dahin werde sie sich zerreiben lassen müssen.

GEFILTERTE LEBENSBILDER – EIN MONAT

Nach einer Woche mit meiner Schwester, die mich damals in London besuchte, schrieb ich vor zwei Jahren “Wenn die Zeit wie im Fluge vergeht, dann war sie schön.” Nun schaute ich mir auf dem Handy die Fotos des letzten Monats an, der oft im Flug verging (nicht nur im übertragenden, sondern im tatsächlichen Sinne). Allerdings gefiltert durch diese Hipsterfunktion. Gut, dass das nicht wirklich mein Leben ist, sonst würd ich neidisch werden auf die warme Farbenwelt meines Filter-Ich.

“Sometimes I simply grab my pen and let it move…”, I wrote. What I really ment to say was that the conference I attended was – at that point – superboring.

“Land, ho! / Land in Sicht!” Irgendwann kam ich auf die Idee, beim Fliegen aus dem Fenster zu schauen und entdeckte ganz aufgeregt die Welt von oben. In diesem Fall eine britische Küste.

In Oxford lehrte uns Rafeef Ziadah, palästinensische Wortkünstlerin, das Leben – mit ihrem Stück “We teach life, Sir”  Berührend und sehenswert.

In der diesjährigen Wedding-Ausgabe erschien eine Kolumne von mir zum Thema “Turkish Wedding”, wie ich bereits hier im letzten Satz ankündigte: Klick.
Viel wichtiger: »Der Wedding« #04 wurde für den bundesdeutschen Designpreis 2012 in der Kategorie Kommunikationsdesign nominiert! Glückwunsch!

In einem meiner Aus-dem-Fenster-Kuck-Momente entdeckte ich dieses Mal – wieder ganz aufgeregt – ein anderes vorbeifliegendes Flugzeug. (Hier in groß)

Noch ein letzter Flugzeug-Moment:
Selbst kurz vor der Landung – nach der Technische-Geräte-Bitte-Aus-Ansage (!) der Stewardess – fotografierte ich wagemutig Hamburg.

Auf dem MJD-Meeting in Bad Orb sang die US-amerikanische muslimische Boyband Native Deen. Und ich muss sagen, Bewegungstechnisch unterscheiden sich muslimische Boybands nicht wirklich von dem Rest. Auch sie fassen sich mit beiden Händen an die Brust und schauen sentimental zur Seite, während die anderen in der Band mit ausgstreckter Hand dramatisch in den Himmel schauen oder mit geballter Faust nachdenklich zu Boden.

“Huy! In der aktuellen Cosmopolitan wurde ein Tweet von mir nachgedruckt”, tweetete ich. Der Dank gilt zwei Leserinnen, die mich darauf hinwiesen.

Das Land, in dem Tischdecken, Schneidebrett, Messer und Wurscht für das Frühstück in der Deutschen Bahn mitgebracht werden. Schaffner gespielt empört: “Die Decke ist ja nicht einmal gebügelt!” Großes Gelächter. Dann Mutter: “Doch doch, alles gebügelt…”
Später, als die Bahn überall pünktlich hielt:
Vater: “Sach mir einer die Deutsche Bahn käm spät, kann man ja die Uhr nach stellen!”
Mutter: “Ja, immer wenn wir fahren.”
Vater: “Wir haben das Glück gepachtet.”

Auf dem Katholikentag in Mannheim saß ich auf dem Podium zum Thema “Blogger auf den Barrikaden”. Felix Neumann, der Moderator, hat die Diskussion als Storify zusammengestellt.
Während ich über das Veranstaltungsgelände lief, lächelten mich alle richtig nett an. Ich grinste bei dem Gedanken, das wir Muslime das auch machen, wenn ein Nichtmuslim auf einer muslimischen Veranstaltung an uns vorbeiläuft. Wer weiß, was ein Lächeln alles bewirken kann…
Dort traf ich übrigens diesen netten Herren. Man fragte mich später, ob er ein Rockstar sei. Das lasse ich so stehen.

“Buffallos für nur 30 Euro! Also knapp 60 Mark. Hätt’s das damals für das Geld gegeben…”

Für die aktuelle Zeit Geschichte “Der Islam in Europa” schrieb ich die Geschichte von Molla Mehmet nieder, einem für mich besonderen Mann im Südwesten der Türkei, der lange, sehr lange lebte.

Einer meiner Lieblingsmenschen hat geheiratet. Drei Tage lang, in drei Städten. Sehr schön…

Im Auto meines Onkels entdeckte ich das hier:

“Luxus Duschbad 
DDR
Dusch dich richtig
Eine Hand wäscht die andere

Als mir diese 1987er Ausgabe von Günter Wallraffs “Ganz Unten” in die Hände fiel, wunderte ich mich über den komischen Titel. Ist das eine Satire, fragte ich mich. “Alter Killer” oder so? Und dann fiel der Groschen. Das ist Türkisch.

Seit über einer Woche bin ich nun im Politik-Ressort der “Zeit” und durfte dort Alt-Kanzler Helmut Schmidt erleben. Es war, als säße man mit einem Stück Geschichte in einem Raum. Sehr beeindruckend. Deshalb tweete ich hinterher: “Wow. Die Politische Konferenz mit Schmidt & Co bei “Die Zeit” ist spannender als jeder Film und informationsreicher als jede Vorlesung.”

6. Juni: “Heute morgen von 4 bis 7 Uhr flog die Venus vor der Sonne entlang. Meine Mutter musste das natürlich unbedingt live im Planetarium erleben. Was man nicht alles für Mütter tut. :) (Auf dem Bild seht ihr eine Szene der supercoolen All-Simulationen im Hamburger Planetarium)” Mehr dazu hier.

Bei einem Essen an der Hamburger Alster habe ich mich erkältet. Es will hier einfach nicht Sommer werden. Deshalb liege ich heute krank im Bett und schreibe das hier.

Und in der aktuellen Zeit Campus Ausgabe kickt ein kopftuchtragendes Gehirn Sarrazins Buch.

Mehr Bilder und kurze Sätze auf Twitter (@kuebra) und Facebook.

HOW TO: KINDER AUF FESTLICHKEITEN STILL KRIEGEN

Letztes Jahr, als ich heiratete, schrieb ich über die gruseligen Kinder auf meinem Henna-Abend. (Hier zum Nachlesen) Kleine Kinder sind ja ein Begleitphänomen türkischer Festlichkeiten, eine  unverzichtbare Geräuschkulisse, Leid und Glück zugleich.

Trotzdem erwischen wir uns alle immer wieder im Bemühen, die kleinen Kiddies still kriegen zu wollen. Wir meckern, wir argumentieren, wir schauen böse, wir drohen mit der Mutter, locken mit Süßigkeiten und erzählen ihnen Fantasiegeschichten über Kinder, die beim Schreien von Aliens entführt worden sind und bis heute als schreiender Stromaggregator im All dienen.

Nichts davon nützt. Ich habe aber nun kürzlich auf dem Henna-Abend meiner Schwester die ultimative Lösung gefunden und muss sie nun mit meinen Mitbürgern teilen, die sich seit Jahren um eine stille Festlichkeit bemühen:

All diese kleinen schreienden Gören und Buben werden irgendwann selbst zu Erwachsenen, die um jeden Preis die kleinen schreienden Gören und Buben still kriegen wollen. All diese kleinen schreienden Gören und Buben werden selber irgendwann heiraten, feiern und sich nach Stille sehnen. Das Tolle ist: Sie wissen das. Sie wissen ganz genau, wie nervig sie sich selbst finden würden, wären sie Erwachsen.

Und hier kommt das tolle Argument der universalen Gerechtigkeit. Zu den schreienden Mädchen sagte ich auf dem Henna-Abend nach tausend gescheiterten Versuchen:

“Irgendwann, irgendwann, wenn ihr heiratet, wird euch das Gleiche widerfahren. Weil ihr hier so herumgetollt und geschrien habt, obwohl wir euch so oft um Stille gebeten haben, wird Gerechtigkeit walten. Auf eurer Hochzeit werden kleine Kinder mit schmutzigen Händen an eurem weißen Kleid ziehen, herumschreien und heulen. Ihr werdet keinen Moment der Ruhe haben. Eure Hochzeit wird der schrecklichste Tag eures Lebens. Er wird grausam und eklig. Das Leben wird sich ganz, ganz, ganz böse und schlimm an euch rächen.”

Dann schaute mich eines der Mädchen mit glasigen großen Augen an, voller Angst und Furcht. “Aber, aber ich hab doch grad gar nicht geschrien…” “Vorher hast du herumgeschrien”, sagte ich ihr. Wir beide wussten, dass ich sie noch vor einer halben Stunde dabei erwischt hatte. In Reue schaute das kleine Mädchen an mir vorbei und starrte in die Luft. In ihren Augen sah ich wie ihr Traumprinzessinnensuperwunderschönkleid mit kleinen schokoladigen Kinderhandabdrücken übersät wurde. Sie schwieg.

Ja, auch wir Erwachsenen können gruselig sein.

DREI ANLÄSSE: FEIERN MIT DEN OHREN

Zwei Jahre sind es nun mittlerweile schon, seitdem ich regelmäßig eine Kolumne in der Taz führe. Zwei Jahre, in denen ich meine Beobachtungen und Eindrücke, meine Gedanken und Reisen einem größeren Publikum präsentieren durfte. Danke dafür, liebe Taz! Viele der Kolumnen waren sehr persönlich, manche handelten von Menschen, die mir sehr nahe standen.  Manchmal von Fremden, mit denen sich unsere Wege zufällig kreuzten. Erlebnisse, die mich sehr prägten, Gedanken, die mich sehr beschäftigen.

Eine schöne Zeit waren diese zwei Jahre, eine sehr intensive Zeit. Fortan werde ich noch einige andere, neue Wege ausprobieren. Deshalb wird es die Kolumne in Zukunft nur noch monatlich geben (ab Sonntag dem 20.05.). Zur Feier der zwei Jahre und zur Einleitung in den Monatsrhythmus und zum 4. Geburtstag meines Blogs habe ich mir eine kleine Überraschung überlegt:

Ein kleiner Hörspiel/Podcast-Versuch der im letzten Jahr veröffentlichten Kolumne 
“Typisch Türkische Oma. Keine Chance.” 
 Viel Spaß damit!
PS: Das ist mein erster Versuch, also seiet gnädig!

Typisch türkische Oma by Kübra Gümüsay

WENN FRAUEN DAS KOPFTUCH ABLEGEN.

Auf einer Geschäftsreise in Europa will es die ägyptische Journalistin Nadia El Awady endlich einmal ausprobieren: das Leben ohne Kopftuch. Nach Jahren nimmt sie es zum ersten Mal in der Öffentlichkeit ab. Sie läuft durch die Straßen und wartet auf eine Reaktion. Nichts passiert. „War ich immer so unsichtbar?“, fragt sie sich. Und während die Menschenmassen an ihr vorbeiströmen, fühlt sie, dass sie in der Masse untergetaucht ist – eine von vielen.

Es war ein komisches Gefühl, als ich ein weiteres Mal auf einem sozialen Netzwerk Bilder einer Freundin ohne Kopftuch entdeckte. Für alle sichtbar, öffentlich. Sie hatte das Kopftuch abgelegt, wie so viele andere in meinem Bekanntenkreis in den vergangenen Jahren. Wie würde man auf sie reagieren? Denn genauso wie viele in der muslimischen Community den Kopftuchtragenden „Religiosität“, „Spiritualität“ oder „Reinheit“ zuschreiben, verkehrt sich das bei einer Frau, die das Kopftuch ablegt ins Gegenteil. Weit mehr als bei einer Frau, die noch nie ein Kopftuch trug. So als ob sie mit dem Kopftuch auch dem Islam und der Gemeinschaft den Rücken gekehrt hätte. Sie gehört nicht mehr dazu. Selbst wenn niemand über sie spricht, ein stilles Urteil ist gefällt.

Es gibt Frauen, die das Kopftuch ohnehin nie tragen wollten, die dazu – offen oder subtil – gezwungen worden sind. Oder die sich so weit geändert haben, dass der Islam und das Kopftuch keine Rolle mehr in ihrem Leben spielen. Andere Frauen empfinden das Kopftuch als Einschränkung. Das Ablegen ist eine Befreiung für sie.Für meine Freundin A. war es eine Qual. Nach etlichen Job-Bewerbungen, nach eben so vielen Absagen, nach Monaten der Perspektivlosigkeit, nachdem man ihr wiederholt in Bewerbungsgesprächen dazu riet, das Kopftuch doch bitte abzunehmen, nach einer großen inneren Krise, nachdem sie sich zu schwach fühlte, um die Blicke und den permanenten Druck, sich beweisen zu müssen, auszuhalten, legte sie es ab. Unfreiwillig. Und doch, obwohl sie die Gleiche war, ebenso spirituell und muslimisch wie zuvor, war sie es nicht mehr in den Augen anderer.

S. hingegen hatte einen ganz anderen Grund: die Politisierung des Kopftuchs, die Bilder und Vorstellungen, die mit dem Kopftuch verbunden sind. „Ich war nur noch damit beschäftigt, den Islam zu verteidigen. Ich habe nur noch außen hin gearbeitet und dabei meine Spiritualität verloren.“ Um sich wieder näher und tiefer mit ihrer Religion zu beschäftigen, ohne von außen daran gehindert zu werden, ohne eine konstante Unruhe zu spüren.

Ja, die Politisierung des Kopftuchs durch die Außenwelt, hat die Trägerinnen zu Anwältinnen und Pressesprecherinnen des Islams gemacht, die sich unfreiwillig und unbewusst diesem Bild fügen. Und tatsächlich besteht hier die große Gefahr, das Eigentliche zu vergessen: den Glauben. Heute ist S. religiöser als zu der Zeit, in der sie noch ein Kopftuch trug. „Wenn ich mich wieder bereit dazu fühle, stark genug bin, werde ich es vielleicht bald wieder tragen. InshAllah – so Gott will.“

GESCHICHSTANBUL

Der Herr neben mir im Zug irgendwo zwischen Hannover und Bremen bearbeitet auf seinem Laptop eine Excel-Liste voller Chemikaliennamen. Perfekt. Hier kommt mein Lieblingsspiel: Beruferaten.

Ich: „Sagen Sie, sind Sie Chemiker?“
Er: „Nein.“ (grinst)
Ich: „Hmm… arbeiten Sie in der Pharma-Industrie?“
Er: „Nein.“
Ich: „Vertreiben Sie Muskelaufbau-Mittel.“ (nachdem ich schielend das Wort „Muskelaufbau“ in der Excel-Liste entdeckte)
Er: „Nein. Soll ich auflösen?“
Ich: „Noch nicht. Bin ich nah dran? Warm oder kalt?“
Er: „Ganz kalt.“
Ich: „Na gut, dann geben Sie mir einen Tipp.“
Er: „Es hat was mit Google zu tun.“
Ich: „Ach, dann haben Sie vielleicht ein Start-Up gegründet…“
Er: „Was ist ein Start-Up?“
Ich: „Ähm ja. Vielleicht… Verbessern Sie Google-Rankings?“
Er: „Richtig, ich bin ein Suchmaschinenoptimierer. Der Job hier ist für ein Muskelaufbau-Produkt.“
Ich: „Cool, ich hab mal jemanden kennengelernt, der auch Suchmaschinenoptimierer ist. Er hatte einen ganz lustigen eigenen Begriff dafür erfunden: Traffic-Schlampe. Kennen Sie den Begriff?“
Er: „Nein.“ (grinst nicht mehr)


***

„Entschuldigen Sie, wissen Sie, wo hier am Flughafen die Laptop-Arbeitsplätze sind?“, frage ich die Dame mit dem streng zurückgebundenen Haar, dem dunkelblauen Rock und Blazer, der weißen Bluse und dem blumigen Seidenschaal um den Hals. Auf Englisch. In Frankreich. Und wage es auch noch auszusprechen, was ich gerade denke: „Ach, Sie arbeiten hier gar nicht?“ Und bevor sie mich mit ihrem erschreckend stechenden Blick und entrüsteten „Mon Dieu!“s ermorden kann, renne ich davon.

***

„Bono von U2 bin ich mal gefahren“, erzählt mir der Dubliner Taxifahrer, „er ist ein furchtbarer Typ, kein guter Mensch. Ich mag ihn nicht.“ Komisch sei es, prominente Menschen auf dem Rücksitz sitzen zu haben und dann festzustellen, dass sie so gut und schlecht seien, wie alle anderen Menschen auch. Die meisten wollten einfach ihre Ruhe, kein Gerede. Andere ließen ihre Arroganz ganz schön raushängen, erzählt er. Irgendwann sprechen wir über den blutigen Teil der jüngeren irischen Geschichte. „Erinnerst du dich an den Taxi-Fahrer eben im Wagen vor uns?“, fragt er. Das sei der Onkel seiner Frau. Er und sein Bruder hätten jahrelang an vorderster Front der IRA mitgekämpft und seien nur knapp dem Tod entkommen. „Ich habe ihnen damals gesagt: Ihr habt eine zweite Chance bekommen. Eine zweite Chance für eure Familie und eure Liebsten.“ Für die Mächtigen sei Politik ein Puppenspiel und der einzelne Mensch nicht einmal eine Puppe wert.

Am Ende einer langen gesprächsreichen Fahrt spielt der Taxifahrer mein Lieblingsspiel, allerdings mit mir. “Lassen Sie mich raten”, sagt er, ,”Sie sind Journalistin, richtig?”

***

Manchmal wird mir meine Neugier zum Verhängnis. Aber nur manchmal, meistens entstehen so nämlich die tollsten Geschichten. Es sind diese kleinen scheinbar unwichtigen Begegnungen, die das Reisen für mich so spannend machen. Das Eintauchen in die Welten anderer Menschen, die man sonst nicht treffen würde, das Träumen in den Farben ihrer Geschichten. Irgendwie irgendwann steht einem ein absoluter Fremder gegenüber, mit dem man Zeit verbringen, Platz teilen und beisammen sein muss. Manchmal läuft’s ganz gut. Manchmal weniger. Aber die Geschichte, die ist es mir wert.

Deshalb sind wir jetzt mal wieder in Istanbul. Dieses Mal wollen wir hier bis Mitte/Ende April wohnen (bevor es wieder zurück nach England geht). In einer Stadt mit mindestens 13.120.596 Geschichten.

PS: Wer auch hier ist oder hier sein wird, kann gerne eine E-Mail schreiben. Dann zwingen wir uns in ein Cafe und ich platze dort dann vor Neugier. :)

EIN BISSCHEN ZU VIEL NICHTS

Sometimes I feel like exploding. I don’t fit into myself. There is so much will, but so little time, only two hands, two feet and only this little me. (29.01.2012, 7:48 pm)
Als junges Mädchen laß ich gerne Bücher über starke Frauen, die gegen ungerechte Verhältnisse, brutale Dikatoren und furchteinflößende Regimes ankämpften. Sie leisteten Widerstand, während alle anderen, Nachbarn und Freunde, in ein und derselben Gesellschaft das himmelschreiende Unrecht nicht nur nicht sahen, sondern gar verinnerlichten. Zum Entsetzen des Lesers, zu meinem Entsetzen.

Neben den vielen Büchern über Frauen im Dritten Reich, der Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika oder die Bürgerrechtsbewegungen gegen die rassistischen USA, war es auch die Widerstandsbewegung gegen den dominikanischen Dikator Rafael Trujillo im Buch “Zeit der Schmetterlinge”, die mich inspirierte. Minerva Mirabal und ihre Schwestern waren die starken Hauptfiguren und Köpfe der Bewegung, die sich selbst als “Schmetterlinge” bezeichnete. (2001 wurde eine Filmadaption des Buches veröffentlicht – habe ihn vor Jahren gesehen, damals fand ich ihn unheimlich toll und inspirierend)

Ich bewunderte diese Frauen. Ich bewunderte Minerva dafür, dass sie hinschaute, sah und verstand. Dass sie das Verstandene aussprach, ganz gleich, was die Folgen für sie sein mochten. Ich bewunderte ihren Mut und ihre Passion.

Nach der Lektüre dieser Bücher schaute ich mich enttäuscht um in Deutschland, in der Gesellschaft. Und ich sah nur Luxus, Sorglosigkeit und Dekadenz. Nichts, wofür es sich mutig zu sein lohnte. Kein Unrecht, keine nennenswerten Probleme. Was ich damals nicht wusste, war, dass ich nichts wusste. Ich war uninformiert. Mit Unwissenheit kommt Sorglosigkeit, mit der Sorglosigkeit die Dekadenz. Und mit letzterer Ignoranz.

Das himmelschreiende Unrecht schreit nämlich niemals in den Himmel. Ungerechtigkeit sieht nur, wer von ihr weiß. Manchmal widerfährt sie dir, manchmal einem Freund, manchmal ist es der Zufall, der deinen Schleier der Unwissenheit in einem kurzem Moment durch eine leichte Brise anhebt – und plötzlich siehst du, was du bisher nicht sahst und was die anderen nicht sehen. Überall. Erst dann hört man das Unrecht schreien. Erst dann findet man die eigene Privilegiertheit unerträglich. Die Verhältnisse, der Konsens. Unerträglich.

Erst dann füllt sich tief im Brustkorb ein Organ mit Willen und Energie, die nicht mehr in den Menschen passen. Der Körper zu klein, die zwei Hände zu wenig, die Beine zu langsam, die Stimme zu leise. So viel Willen, wohin damit? Wohin? Und dann sitzt der Mensch da, lethargisch, unbeweglich und hilflos.

Aber er weiß zu viel, um zu vergessen.

Ein anderes Mal schaffst er es, den Willen zu kanalisieren und handelt. Deshalb schreibe ich diesen Text.

***

Himmelschreiende Bilder aus dem Kalender der Gewerkschaft der Polizei Bayern. In solchen Momenten will ich nicht mehr zurück nach Deutschland, meine kleine Wunderblase hier in Oxford nicht verlassen. Aber ich weiß, dass ich nichts weiß. Und das bisschen Nichts ist zu viel, um zu vergessen.




NACHTRAG
(3. März, 7:30)
Hass schürt Hass schürt Hass schürt Hass.

Die Bilder des Polizeikalenders sind extrem verstörend. Angesichts dieser hasserfüllten Bilder fühlt sich manch Betroffener unwohl und unwillkommen. Vielleicht auch zornig. Gestern Abend starb für einen Moment jeglicher Wille in mir, jemals zurückzukehren. Aber wie ich gestern bereits schrieb: Ich weiß zu viel, um wegzusehen und untätig zu sein.

Die Empörung über die Bilder ist gut. Empörung ist eine gesellschaftliche Sanktion inakzeptablen Verhaltens. Nicht nur MigrantInnen sind es jedoch, die sich empören, sondern eine Vielzahl sensibilisierter Deutschdeutscher (Urdeutscher/Biodeutscher), guttuend viele Menschen. “Du weißt hoffentlich, dass es hier nicht überall so deprimierend aussieht” schrieb mir gestern jemand über Twitter. Ja, das weiß ich. Aber es ist sehr gut, das nochmal in Erinnerung zu rufen. Erfrischend viele, die sich empören.

Hass schürt Hass schürt Hass schürt Hass.

Auf Hass kann nur mit klarem Verstand, Bedachtheit und einem Willen, das Land besser zu gestalten, reagiert werden – um Populismus und Schwarzmalerei vorzubeugen. Um jenen gegenüber verantwortungsbewusst zu sein, denen die Möglichkeiten und das Bewusstsein fehlen, solche Bilder einzuordnen – damit Hass nicht Hass schüren kann.

Der gestrige Tag fing übrigens mit einem großartigen Schlagabtausch zwischen Marietta Slomka und Innenminister Friedrich an. Ich war mächtig stolz darauf, dass wir so wunderbar unbequeme, blitzschnelle und famos kritische Journalistinnen haben in unserem Land. “This made my day” tweetete ich gestern Früh. Und von diesen Kalenderbildern will ich mir nichts verderben lassen.

Lieber betroffener Mensch:
Be happy, right in their face.

STOLZE HTML-KÖNIGIN ODER: DAS PAINT-PROFI-SYNDROM

9Gag ist der Ort an dem sich Paint-Profis tummeln und Photoshop-Hipster neidvoll hinglubschen. Edit: Dieses Bild aber stammt von Hyperbole and a Half.

Endlich, endlich, endlich!

Mein Blog entspricht endlich meinem derzeitigen Geschmackszustand. Der hat sich nämlich – wie so vieles in den letzten Jahren – gewandelt. Ganz im Gegensatz zu meinem Blogdesign: Das blieb gleich. Langweilig. Nicht, dass ich nicht schon vorher versucht hätte, daran etwas zu ändern. Aber – Ihr müsst wissen – ich leide am Paint-Profi-Syndrom.

Wir Paint-Profis sind Menschen, die aus den beschränkten Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, das Beste machen. Und eigentlich sind Paint-Profis auch ganz glücklich so. Bis sie dann den Photoshop-Hipster kennenlernen, der in zwei Sekunden mit Ctrl+Y+@+^+Whateva ruckzuck das macht, wofür wir Paintler in mühevollen zehn Minuten mit sehr viel Liebe am Bildschirm klebend versuchen den Farbeimer über dem richtigen Feld auszuschütten.
Oder aber: Wenn wir zu unserem Entsetzen feststellen müssen, dass es auf Mac-Computern kein Paint-Äquivalent gibt.

Paint: Du bist das, was ich aus PC-Zeiten am meisten vermisse. Das kann ich nicht mehr machen. Oder das unddas . Und das auch nicht.

Doch trotz mehrerer Jahre als Macler, empfinde ich mich noch immer als Paint-Profi. An meine einfache Herkunft und beschränkten Mittel aus damals erinnert mich nämlich täglich Blogger, mein Blogbetreiber. Als Blogger-Nutzer schielte ich immer wieder nach WordPress und zuletzt auch nach Tumblr, wo alles schneller, schöner und überhaupt einfach mal grandioser war. “Ich muss umziehen!” redete ich mir ein und schob meinen Umzug vor mir her – denn trotz allem hing hier ja irgendwie mein Herz dran.

Gestern Abend also wagte ich mich in den HTML-Bereich meines Blogs. Der Ort, an dem ich in Angst schwimme, ich könnte versehentlich irgendwas weg- oder falschmachen und alles, all die vielen Jahre Arbeit, könnte mit einem Klick wegflutschen und im Internetnirvana verschwinden.

Doch ein Paintprofi weiß: Er muss das Beste aus seiner Situation machen. Das tat ich dann auch.

Meine Damen und Herren. Schauet und genießet das neue Design. Ich bin eine HTML-Königin mit Paint-Profi-Syndrom. Und das ist auch gut so.

JEDES MAL IN ZÜRICH.

Jedes Mal, wenn ich in Zürich bin (bisher zwei Mal), besuche ich das Dada Haus, Cabaret Voltaire. Mein derzeit absoluter Lieblingsort in Zürich. Beim ersten Mal 2010 – kurz nach dem Minarettverbot – entdeckte ich beim Verlassen das obere Schild, beim zweiten Mal – Ende 2011 – das untere. Lust’ge Schilder.

Lachen tat ich übrigens oft und unfreiwillig im Zusammenhang mit Zürich.

Denn jedes Mal, wenn ich in Zürich bin (bisher zwei Mal), erlebe ich all die Flugabenteuer, von denen ich sonst nur lese und mir sicher bin, dass sie immer nur anderen geschehen. Mir jedenfalls nicht (von Flugzeugverpassen mal abgesehen oder anderen Begebenheiten wie alte Anzugtragende männliche Sitznachbarn, die vor dem Start des Flugzeugs irritiert durch meine Existenz, drei Reihen nach vorne springen, um dem Realitätsschock zu entgehen).

Beim ersten Mal sollte es von Zürich zurück nach London gehen. Dort schneite es aber, deshalb entschloss sich London City Airport eine halbe Stunde vor unserer Landung unser Flugzeug samt Inhalt (also uns) zurück nach Zürich zu schicken. Als der Kapitän ankündigte, dass wir mitten im Flug kehrt machen würden, war es einen kurzen Moment lang still. Dann lachten wir Fluggäste – bis das Flugzeug tatsächlich in der Luft umdrehte und zurück nach Zürich flog. Umgekehrt! Wegen ein paar weißer lockerer Flocken, die vom Himmel fielen.

So standen wir fünf Stunden später verzweifelt, müde, hungrig und böse an der Riesenschlage am Schalter der Fluggesellschaft, wo man uns endlich ein Hotel für die Nacht zuwies. Als ich irgendwann nach Mitternacht erschöpft und erleichtert meine Hotelzimmer-Tür öffnete, lag ein nackter Mann in meinem Bett. Und schnarchte.

Hysterisch lachend lag ich eine Stunde später im einzigen noch freien und nicht doppelt gebuchten Zimmer des Hotels, dem Raucherzimmer, und versuchte dabei möglichst wenig zu atmen.

Beim zweiten Mal raste ich zum Irrgarten-Flughafen Heathrow, suchte den CheckIn-Shalter und hielt dem Boden-Steward meinen Pass hin.
“Which flight?”, fragte er.
- “20.30 to Zurich.”
“That flight’s been cancelled, Ma’am.”
- “… ”
Wie bitte?. Jajaja, die lust’gen Schweizer Firmenmitarbeiter! Lachend fragte ich:
“You must be kidding, right?”
- “No, why would I?”

GLÜCK KENNT KEINE KONDITIONEN

Was ist eine ideale Beziehung?

Es gibt keine idealen Beziehungen, denn es gibt keine idealen Menschen. Doch es gibt Ideale, die uns unsere Gesellschaft aufträgt. Sie lassen uns in Erwartungen verirren und blind werden für den geliebten Menschen, der in seiner wunderbaren Unvollkommenheit vor uns steht. Wir konditionieren unser Glück. Doch das Glück kennt keine Konditionen.

Und trotzdem darf sich eine Beziehung niemals auf Unvollkommenheiten ausruhen und statisch werden. Eine Beziehung muss sich wandeln dürfen, zusammen mit den beiden Menschen, die sich um ein besseres Ich bemühen – um gemeinsam ein besseres Wir zu werden.

Glück ist ein Balanceakt zwischen Zufriedenheit im Jetzt und Streben für die Zukunft.

(Dieser Text erschien zuerst in der “Beziehungsweisen”-Ausgabe für 360° – Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft.)

BILD DIR DEINE MEINUNG ÜBER DIEKMANN

Man achte auf den Notausgang. So nett, wie auf dem Bild, waren wir nicht zueinander.

Kai Diekmann, Bild-Chef. Der Typ ist einfach mal erfahren, irre abgebrüht und kumpelhaft. So wie der Böse in der Klasse, den man halt mögen muss. Viele aus Angst, die meisten aber, weil sie nicht wirklich glauben wollen, dass er böse ist. Aalglatt ist er. Doch unter der dicken Schicht Haarschaum verbirgt sich eine krause Lockenmähne. So glatt ist er dann doch nicht.

Am Dienstag war Diekmann in die German Society der Universität Oxford eingeladen. Der Saal ist voll. Und die erste Überraschung erleben wir gleich beim Eintreten: Neuerdings trägt Diekmann einen Bart zu seiner Hornbrille – um sich, etwas spät, von Guttenberg abzusetzen? Der Chef des Boulevard-Blatts, das unter anderem für seine Schlagzeilen berüchtigt ist, haute an diesem Abend eine Schlagzeile nach der anderen raus.

Seine Rede über Zeitungsmarkt, Internet, Verantwortung und Bild, Bild, Bild beginnt er mit den Worten: “Meine Damen und Herren, ich stelle fest. Volker Kauder hat Recht. In Europa wird Deutsch gesprochen, auch in Oxford.” (Anlehnung an
diese Aussage) Es ist klar: Wir sollen heute mehr lachen und weniger denken.

Bild ist mächtig. Das weiß Diekmann, er sagt es aber nicht an diesem Abend. Sondern behauptet eher, die Bild-Zeitung zeige wie Deutschland ticke. “Nicht andersherum”, frage ich? Um das Wort “Macht” macht er also einen grossen Bogen, redet aber eigentlich den ganzen Abend nur darüber:

Dem Zeitungsmarkt gehe es schlecht, Auflagen sinkten – nur die Bild nicht! “Wir haben 45% Marktanteil an verkauften Zeitungen am Kiosk”, sagt Diekmann nicht ohne Stolz. Fast jede zweite Zeitung, die über den Tresen wandert, ist also die Bild. Und selbst Online sei Bild das meist besuchte “Nachrichtenportal”, noch vor SpiegelOnline.

Fernsehen sei fragmentiert, es gebe keine nationalen Gemeinschaftserlebnisse mehr, wie etwa vor zwanzig Jahren: “Wenn ich in der Schule meine Freunde fragte, wie sie gestern Abend Dalli Dalli fanden, dann konnte ich sichergehen, dass spätestens der Zweite die Sendung auch gesehen hatte.” Fernsehen ist kein Gemeinschaftsmedium mehr – aber die Bild schon! Nach dem Ende von “Wetten, dass” wird die Bild – so Diekmann – das letzte Medium sein, das derart bündelt und die Nation “zusammenhält.”

“Bild”, die letzte deutsche Hoffnung also. Das sei eine “grosse Verantwortung”, sagt Diekmann. Apropos:

Wie halten Sie es mit der Verantwortung, Herr Diekmann? Es folgen eine Reihe von Beispielen, bei denen Bild vorbildlich agiert habe (zum Beispiel die Nicht-Berichterstattung über Bürger, die in Scharen ihr Geld von den Banken abheben, um damit eine Panikwelle und also eine Finanzkrise zu verhinden). Egal welche Frage, welche Kritik: Die Bild hat aber auch diese und jene gute Sache gemacht, so schlimm kann sie dann ja eigentlich nicht sein.

Volksverdummung? Aber die Bild stellt doch jedes Jahr einen zeitgenössischen Künstler ganzseitig vor und lässt ihn die Seite gestalten. Und zu 9/11 gab es eine ganze vollgeschriebene Seite, die “ich bis heute nicht verstanden habe”, so Diekmann.

Rassimus und stereotypisierende Darstellung? Aber die Bild hat doch die Kooperation mit der türkisch Boulevard-Zeitung Hürriyet, zu dem 50. Jubiläum zum Anwerbeabkommen hat die Bild doch jeden Tag erfolgreiche Türken vorgestellt und ausserdem schreibt jede Woche ein türkischer Kolumnist im Blatt – als ob türkisch-stämmige Kolumnisten DIE Erfindung des Jahres wären. Als ob der jüdische Nachbar von Antisemitismus befreit.

Herr Diekmann, Ausnahmen bestätigen die Regel. Und ihre Beispiele sind nichts mehr als Ausnahmen. Übrigens, als ich auf Ihre “Türkenfreundlichkeit” erwiderte, wie es denn komme, dass Sie die Namen deutscher Täter zu türkischen änderten, wiegelten Sie ab. Das stimme nicht. Nun hab ich den Bildblog-Eintrag rausgekramt und entdecke zudem, dass die “Bild” für die diskriminierende Namenswahl vom Deutschen Presserat gerügt worden ist. Lesen Sie hier – schicke ich Ihnen aber auch gerne per Mail zu.
Vermutlich antworten Sie jetzt wieder: “Wo gearbeitet wird, werden auch Fehler gemacht.”

Anzeigenjournalismus? Unbestechlich sei die Bild in diesem Zusammenhang. Einmal habe eine Auto-Firma bei der Anzeige gebeten, auf der Seite keine Unfälle zu veröffentlichen. Diekmann: “An dem Tag habe ich alle Unfälle, die ich finden konnte, um die Anzeige herum veröffentlicht.”

Der Saal lacht. Diekmann hat es geschafft. Er ist der sympathische Böse, der Freche. Er rühmt sich als “Hauptarbeitgeber des deutschen Presserates” und findet das cool, weil er anschliessend all jene Beschwerden aufzählt, die der allgemeinen Belustigung dienen. So wie der Deutschlehrer, der sich über die “Wir sind Papst”-Schlagzeile (as Ratzinger Papst wurde) beschwerte, da dieser Satz 1. grammatikalisch falsch und 2. auch inhaltlich nicht wahrheitsgemäss sei, da ja nicht alle Deutschen Papst seien.

Ja, lustig. Aber darum geht es nicht. Trotzdem ist der Abend gespickt mit vielen cleveren Bild-Schlagzeilen, belanglosem Smalltalk-Wissen (“1955 war die Lieblingsbeschäftigung der Mehrheit der Deutschen aus dem Fenster zu schauen, heute ist sie Fernsehen”) und natürlich Belustigungen auf Kosten anderer: Zum Beispiel liest uns Diekmann die Übersetzung der Miss South Carolina-Antwort auf die Frage, warum jeder fünfte Amerikaner die USA auf der Weltkarte finden könne, vor. Im Saal lachte aber kaum jemand. Nicht weil Oxford-Studenten von Schadenfreude-Voyeurismus ausgenommen wären, sondern weil alle das Video schon gesehen hatten (bei knapp 53 Mio. Klicks kein Wunder…).

Die letzte halbe Stunde des Abends füllt Diekmann übrigens mit Lobeshymnen auf die Taz. Die “andere Boulevardzeitung”, weil sie so tolle Titelseiten haben (Als Merkel erste Bundeskanzlerin wird titelt die Bild “Miss Germany”, die taz “Es ist ein Mädchen”.). (Mehr über den Taz-Bild-Schlagabtausch
hier.) Das macht er klug und raffiniert. Indem er von der Boulevardisierung der traditionellen Blätter wie FAZ und Süddeutsche erzählt, rühmt er sich, die Bild. Bild, Süddeutsche, FAZ, Taz – alle in der gleichen Kategorie. Nur die Bild kann in dieser Reihe gewinnen als der erfolgreiche und bewusst anstossende Vordenker. Klar.

Dabei ist doch nun auch wissenschaftlich bewiesen, dass die
Bild gar keine Zeitung ist.

Schade, Herr Diekmann, dass Sie so furchtbar gut herumreden, zutexten und witzeln können. Das macht es schwer, Sie nicht zu mögen:

Bildcredit:blog.druckerey.de

Auf Facebook und Twitter sammelte ich Fragen an Diekmann. Hier einige Antworten, die nicht oben in den Text eingebaut sind.

Barabara, die Fritzl-Familienbilder hat er nicht, meint er. Dianas Unfallbilder übrigens auch nicht. Und Fabs, er verwendet kein Gel, sondern Haarschaum. Yasemin: Zu ihrer Meinung komme die Bild-Redaktion durch Diskussionen. Mehr war – trotz beharrlicher Nachfragen eines Zuhörers – nicht herauszukriegen.

Auf meine Frage, für wie dumm er die deutsche Gesellschaft halte, bekam ich übrigens auch keine abschliessende Antwort. Aber wenn Taten sprechen, braucht man ja keine Worte vergeuden.