“ZEIT FÜR EINEN DISKURS – ÜBERALL”

Seit einigen Tagen diskutiert die muslimische Community auf sozialen Medien das Thema Heirat & Partnersuche. Dabei wurde mancherorts nach der Perspektive und Stimme der Männer gefragt. In den nächsten Wochen werden hier einige Männer in Q&As (oder anderen Formen) ihre Sicht teilen (die sich vielleicht in manchen Punkten wahrscheinlich nicht groß von denen der Frauen unterscheidet, in anderen aber umso mehr).

Den Anfang macht heute Ali Aslan Gümüşay (der übrigens mein Mann ist). In seinem Text beschreibt er, weshalb es wichtig ist, dass auch Männer sich in diesem Diskurs stärker einbringen und an der Lösung der Missstände arbeiten, von denen sie möglicherweise annehmen gar nicht betroffen zu sein. Danke Ali!

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ZEIT FÜR EINEN DISKURS – ÜBERALL

Warum Männer sich am Diskurs um Heirat und
Partnersuche stärker beteiligen sollten. 
- von Ali Aslan Gümüşay

Die Partnerwahl ist die wohl wichtigste Entscheidung im Leben eines Menschen. Allerdings gibt es kaum praktische Hilfsmittel, die einem diese komplexe Entscheidung erleichtern könnten. Keine Ehegattenrankings à la Arbeitgeberrankings, noch eine Metrik, die das Messen und Bewerten überhaupt ermöglichen. Die Ehe ist ein Bündnis für zwei Leben. Ein gewisses Wagnis gehört dazu.

Der Mann

Kübra hat über den muslimisch-akademischen Heiratsmarkt geschrieben. Auf verschiedenen Social-Media-Kanälen wurde daraufhin die fehlende männliche Sicht beklagt. Eine männliche Sicht soll also her. Dieser Text soll allerdings keine Verteidigung oder Interessenvertretung im Sinne von „Männer aller Länder vereinigt euch“ sein.

Eher ist es ein Ausruf und Zuruf an Männer, in einem Diskurs mitzuwirken, der uns nicht nur auch betrifft – gar zu 50% würde ich meinen – sondern dessen Ausübung als solche schon positive Veränderung bewirken vermag. Wir brauchen diesen Diskurs und beginnen also nicht mit: Tue Gutes und sprich darüber; sondern mit: sprich darüber, damit Gutes getan wird. Continue reading

DER MUSLIMISCH-AKADEMISCHE HEIRATSMARKT (TEIL 2)

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(Dieser Text baut auf den Artikel Der neue muslimische Mann + die Frau und die Gesellschaft auf. Es empfiehlt sich ihn vorher zu lesen. Darin wird erklärt, warum dieser Text sich nur mit Mann-Frau-Beziehungen innerhalb der muslimisch-akademischen Szene beschäftigt.)

Wichtiger Disclaimer:

Bevor ich den Text beginne, möchte ich eine Tatsache nicht unerwähnt lassen: Heiraten, einen Partner finden, ist in keiner Weise alleiniges Lebensziel und/oder definierender Lebensinhalt einer muslimischen Frau. Muslimische Frauen, die (noch) nicht geheiratet haben (an Gründen mangelt es nicht) oder nicht heiraten wollen(!), dürfen und sollten nicht darauf reduziert werden. Schon gar nicht sollte man sich das Recht herausnehmen solche, mit denen man nur flüchtig bekannt ist, immer wieder mit Fragen durchlörchern und mit achso gut gemeinten Ratschlägen belehren zu dürfen.

 Bei einer entsprechend stabilen Beziehungs- und Vertrauensbasis kann man sich eventuell näher über Beweggründe unterhalten, aber selbst das hat seine Grenzen.

Manchmal liegt es nicht in der Hand eines Menschen, einen geeigneten Partner zu finden. In dem Fall ist es ein Affront, einen Menschen immer wieder darauf anzusprechen oder gar zu bemitleiden. 



Manchmal entschließt sich ein Mensch bewusst dazu, nicht (mehr) heiraten zu wollen. Diese Entscheidung muss man respektieren. Und auch hier ist es ein Affront, einen Menschen immer wieder darauf anzusprechen oder gar zu bemitleiden.



Aber du möchtest doch nur helfen? Auch in bester Absicht kann man Menschen verletzen. “Herşeyin bir yolu yordamı var”, sagt man im Türkischen. Es gibt für alles eine Art und einen Weg – auch für das Helfen.

Zuletzt ein Zitat der Leserin Müzeyyen Bek hierzu:

“Ich habe schon gar keine Lust mehr auf Hochzeiten zu gehen, genau aus diesem Grund! Ich finde es auch einfach nur unverschämt und vor allem unsensibel diese Haltung: Eine Frau ist nur dann vollwertig, wenn sie geheiratet hat. Wenn nicht, dann stimmt was nicht mit ihr. Das wird selbstverständlich nicht so geäußert, aber häufig ist es eine Botschaft, die mitschwingt.”

Der muslimisch-akademische Heiratsmarkt – Teil 2

Ich muss eingestehen: Ich bin an das Thema muslimisch-akademischer Heiratsmarkt zwar sehr kritisch, an die Lösungen aber anscheinend zu idealistisch herangegangen. Es muss doch eine systematische, größere Lösung geben für die vielen muslimischen Single-AkademikerInnen, die man innerhalb eines Projektes angehen kann, dachte ich mir. Ich war damit nicht die einzige: Mit ein paar FreundInnen zusammen bauten wir ein System auf, bei dem wir ausgewählte Singles interviewten, in eine interne Datenbank einpflegten und dann, ganz klassisch, Verkuppeln wollten. Aber (jeder von uns ist da unterschiedlicher Meinung, warum es nicht klappt/wie es besser klappen könnte) ich finde man kann zwei Menschen, von denen man mindestens eine nicht persönlich oder näher kennt, schlecht verkuppeln. Vor allem dann nicht, wenn man kein Gefühl dafür hat wie sie sind, was sie ausstrahlen und eventuell sogar wie sie fühlen. Hinzu kommt, dass es ein großer Zeit- und Organisationsaufwand ist, bei der Arbeitsteilung und Management nicht so einfach zu strukturieren sind.

Wenn ich privat verkupple, dann klappt es meistens viel besser. Ich kann nicht recht in Worte fassen, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Ich agiere hauptsächlich auf Gefühlsbasis und es funktioniert so relativ zufriedenstellend. Aber eine gut funktionierende größere Lösung, mit der man mehr Menschen erreichen kann, aber dennoch den einzelnen Menschen gerecht wird und zudem effektiv ist, habe ich bislang noch nicht entdeckt.

Das hat mich am Traum der größeren Lösung zweifeln lassen. Für mich gibt es bisher deshalb derzeit folgende (individuelle/lokale) Lösungen, von denen ich weiß, dass sie funktionieren (können): Continue reading

EIN SEMI-ABSCHIED: ZAHNRÄDER

ali und ich

2010 gründeten mein Mann Ali Aslan Gümüşay und ich zusammen mit Abdulkadir Topal und anderen engagierten Muslimen das Zahnräder Netzwerk. Bis vor wenigen Wochen war Ali Vorstandsvorsitzender, Abdulkadir sein Stellvertreter und ich Leiterin von Presse und Kommunikation. Doch jetzt ist es Zeit für frische Gesichter!

Vor knapp 4 Jahren, Anfang 2010, gründeten wir das Netzwerk Zahnräder – fast zeitgleich startete ich mit meiner Tuch-Kolumne in der Taz. Ein Netzwerk, dass es sich zum Ziel gemacht hat, aktive und engagierte Muslime zusammenzubringen, Social Entrepreneurship (also: Soziales Unternehmertum) zu fördern und bestehende Projekte der Öffentlichkeit und in den Communities bekannt zu machen. Und nun, nach knapp vier Jahren, wieder fast zeitgleich mit dem Ende meiner Kolumne, endet auch meine Zeit als Presse- und Kommunikationsleiterin bei Zahnräder.

2013 brachte viel Wechsel in mein Leben, nach meiner Tuch-Kolumne war Zahnräder der zweite große Abschied. Ich verabschiedete mich bereits im Sommer, vor einigen Wochen fand er dann auch offiziell beim Mitgliedertreffen statt. Auch mein Mann Ali Aslan Gümüşay und Abdulkadir Topal verabschiedeten sich vom Vorstand – es war ein tränenreicher, wunderschöner und vor allem hoffnungsvoller Abschied. Ein Wochenende voller Energie, Ideen und Emotionen. Viele werden nach den Gründen fragen. Warum jetzt gehen? Schließlich läuft es bei Zahnräder doch großartig!

Als wir Zahnräder damals gründeten, war mein Ziel mein Team und meinen Arbeitsbereich so zu leiten, dass alles auch ohne mich und meine Leitung funktioniert. Zahnräder sollte sich nicht um Einzelpersonen drehen, nicht um Egos, nicht um Persönlichkeiten und auch nicht abhängig von ihnen sein. Mein Anspruch war es, so zu arbeiten, dass diejenigen, die nachrücken, auf meine Arbeit aufbauen und Großartigeres, Besseres erreichen können. Mein Ziel war nachhaltige Arbeit. Und: Kontinuierliche Offenheit für Innovation. Nie wollte ich mich den Satz sagen (oder auch nur denken) hören: “Aber das haben wir schon immer so gemacht.” Das versperrt Ideen, Neuerungen und den Atem der Zeit.

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SEINE NÄHE

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Fragte man mich jetzt nach dem Tod, ich würde sagen: Der Tod war mir immer fern. Fragte man mich ein zweites Mal, würden mir ein, zwei Beispiele einfallen, in denen ich ihn mittelbar fühlte. Und fragte man ein drittes Mal nach, würde mir klar werden, dass er manchmal sehr nah war, aber nie fern. Dass ich oft genau das fühlte, was ich dieser Tage fühle: Seine Nähe. Aber immer wieder vergaß.

Vor einem Jahr, fast um die gleiche Zeit schrieb ich diese Worte, ein unbeendeter Text. Ich betitelte ihn mit “Nah”.

NAH

Die Endlichkeit war mir noch nie so nah. So bewusst. So präsent.

Es gab Menschen, die ich kannte, die ich liebte, die ich liebe, die starben, ich trauerte. Aber die Endlichkeit war mir nicht nah.
Es gibt Menschen, die ich kenne, die ich liebe, die noch leben, ich weine. Und die Endlichkeit ist mir nah.
Und es weiß doch jeder von dem Tod. Wir alle werden sterben.

Ich weiß nicht einmal, wer damals starb. Oder ob ich ihn in Erinnerung an N. schrieb, die an einem kalten Wintermorgen 2010 auf dem Weg zur Frühschicht im Krankenhaus auf einer Hamburger Autobahn verstarb. Sie war eine sehr junge Ärztin, ein wunderbarer, herzlicher, bodenständiger, hilfsbereiter Mensch, sie war mir wichtig. Sie ist mir wichtig. Seit einigen Wochen denke ich wieder an sie, lese mir alte Beiträge in der Facebook-Gruppe durch, die Freunde damals für sie gründeten. Und entdecke überrascht, dass auch andere an sie denken, zur gleichen Zeit. Ich will sie nicht vergessen. Und ich glaube, den Text schrieb ich, um mich an sie zu erinnern. Und an den Tod.

Denn der Mensch verdrängt ihn. Und jedes Mal, wenn er nah ist, tut er überrascht, perplex. Er ärgert sich über seine unangenehme, lästige Erinnerung an die Endlichkeit. Diese Erinnerung, die Angst macht. Die den Blick auf die Welt, auf das eigene Leben verändern kann. Diese Erinnerung, die niemals folgenlos bleibt, bleiben sollte.

Wie würde ich heute leben, wenn der Tod präsenter wäre in meinem Leben? Und leben diese Damen in der Dokumentation “Fabulous Fashionistas” ihr Leben anders, weil nicht nur sie, sondern auch die Gesellschaft sie ständig daran erinnert, dass sie nicht irgendwann, sondern womöglich ganz bald sterben könnten? Sollten nicht wir alle genau so leben?

Doch genauso, wie wir den Tod ignorieren, ignorieren wir auch das Leben. Das Leben nach dem Leben im Mittelpunkt. Das hohe Alter. Wir leben nicht nur so als würden wir nie sterben, wir leben auch so als würden wir niemals altern. Ich wollte nie lange leben. Meine Träume für meine Zukunft reichten nie über 50 oder 60 hinaus. Dabei weiß ich doch, das liegt das nicht in meiner Hand. Weder das Leben noch der Tod.

Und ich fühle ihn dieser Tage wieder, nah. Heute ist der Mann einer Freundin verstorben, nach über 13 Jahren Krebs. Letzte Woche die Großmutter eines Kollegen. Und ich, ich erwarte ihn für einen nahen Menschen. Noch kann ich nicht trauern, denn er war nicht da. Ich kann ihn aber auch nicht vergessen, denn er könnte jeden Moment da sein. Er ist präsent, aber nicht da. Ich fühle ihn, kann ihn aber nicht fassen.

Ich weiß einfach nicht, wie ich mit ihm umgehen soll. Weder mit seiner Nähe, noch mit seiner Abwesenheit.

Es bleibt mir nur eine Gewissheit:  إِنَّا لِلّهِ وَإِنَّـا إِلَيْهِ رَاجِعونَ

Nachtrag.

Ich habe mir meinen Text “Nah” von damals noch mehrmals durchgelesen. Warum schrieb ihn? Und warum genau dann? In einer Zeit, in der es in meinem nahen Umfeld keinen Todesfall gab. Ich erinnere nun. Es waren Tage, in denen ich viel reiste, durch die Welt zog und flog, auf Achse, in meinem Element, über Wochen hinweg. Weit entfernt von den Menschen, die ich liebte. Es waren Tage, an denen ich viel nachdachte, über sie, ihr Leben, seine Nähe und N.

Tage, an denen ich seine Nähe, die Endlichkeit zum ersten Mal fürchtete. Die Endlichkeit derer, die ich liebe.

NEMRUT.

It was around 3 or maybe 4 in the morning after a long journey, climbing and hiking, when we finally sat down on top of the mountain Nemrut. We sat down to watch the sun rise, lighten the dark, announce itself through sparks and light shadows, grow and warm us – like so many of our kind before us. It was probably the most magical moment of our trip through the East of Turkey, a trip that made me discover another face of my country, another face of mine.

In a slightly quicker timelapse I would like to share with you a moment that happens every day, everywhere around the world. But it’s beauty lies in your eye, in your heart.

Music: The Cinematic Orchestra – First Light

BLAU ÄUGIG (1996) // RASSISMUS, DEN WIR NICHT SEHEN KÖNNEN

maxresdefault1968. Martin Luther King wurde ermordet. “Als unser Führer (John F. Kennedy) vor einigen Jahren ermordet wurde, hat uns seine Witwe zusammengehalten und vereint. Wer wird eure Leute kontrollieren?”, fragt ein weißer Reporter im Fernsehen. Eine junge Lehrerin in Riceville, Iowa wird Zeuge dieser Szene und ist verwirrt. Ist John F. Kennedy nicht auch Präsident der Schwarzen gewesen? Und sollte uns Weiße Martin Luther Kings Ermordung nicht auch entsetzen? So fängt die Geschichte von der Anti-Rassismus-Aktivistin (& Feministin) Jane Elliott an, deren Erkenntnisse noch heute von höchster Relevanz sind.

Schon vor Kings Tod hatte sich Elliott lange mit Rassismus beschäftigt, recherchiert, Bücher über die NS-Zeit gelesen, als sie schließlich beschloss mit ihrer Schulklasse ein Experiment durchzuführen. Sie fragte ihre Schüler, ob sie herausfinden wollten, wie es ist ein schwarzes Kind zu sein. Die Kinder bejahten.

An diesem Tag behandelte sie alle ihre blau-äugigen Schüler wie Weiße, privilegiert und überlegen gegenüber den nicht-blau-äugigen Schülern, die sie so behandelte wie schwarze Kinder in den USA behandelt wurden, so als seien sie weniger intelligent, weniger fleißig und fähig. Schon bald übernahmen die Kinder diesen Umgang, die “Überlegeneren” verhielten sich arrogant und überheblich gegenüber ihren Klassenkameraden. Ihre Leistungen verbesserten sich, sie wurden selbstbewusster. Auch die “Unterlegeneren” veränderten sich; selbst jene, die vorher dominant und durch ihre guten Leistungen hervorstachen, nahmen sich zurück, ihre Leistungen wurden schlechter.

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THE POWER OF STORIES – MUSLIMS ON THE WEB | TEDX

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A few months ago, I had the honour to speak at TEDx Oxbridge in Oxford. When I thought about what I’d like to share most, what lessons life had given me and what had touched me most, I decided on “The Power of Stories.” After years of debating, political and social activism, I came to realise that although these are important and essential tools for a healthy discourse, there was something more important to me, something more powerful: stories. A lesson taught to me by a man I have never met.

As the talk went online yesterday, I was and still am overwhelmed by the wonderful and beautiful e-mails, comments & words from family, friends & strangers all around the world. My husband Ali and I are currently traveling through the East of Turkey, discovering new stories, new worlds & lives. What a beautiful place this world can be.

And I’d like to thank Him, my family & loving husband Ali, Niraj & the rest of the awesome TEDx Oxbridge team, my supportive friends (you know who you are)  & maybe most importantly: All the people not only I have met, but who have also met me, who have opened the doors to their lives and stories, made me wander around their world and see through their eyes. Although I might never have truly understood how it is to be them, never fully grasped what I saw through their lenses, walking in their shoes made me walk past horizons I didn’t even know existed. Thank you.


PS: On Fb, I had promised to share a juicy behind-the-scene-story about elephants & bicycles. Here we go!

“ICH FÜRCHTE DIE KRAFT DER ERINNERUNGEN”

6Bildcredit: Damir Šagolj

Niemals vergessen: 11. Juli 1995, Srebrenica.

Heute gedenken wir Srebrenica. Ich kann mich noch sehr gut an diese Tage vor 18 Jahren erinnern, als meine Eltern gemeinsam mit uns kleine Hilfspakete zusammenstellten, um sie nach Bosnien zu verschicken; daran, wie sie Veranstaltungen organisierten und Spenden sammelten; daran, dass meine Eltern demonstrieren gingen. Ich trug auf diesen Veranstaltungen Gedichte über Bosnien vor. Und meine Schwester und ich verpackten gemeinsam mein Asthma-Gerät, das ich nicht mehr brauchte. Einem Kind in Bosnien sollte es nun helfen.

Ich war mir des Ausmaßes des Schreckens nie bewusst. Um ehrlich zu sein, denke ich nicht, dass ich es bis heute wirklich begriffen habe – möglicherweise deshalb, weil es unbegreifbar ist? Wie erinnert man an eines der dunkelsten Flecken der neueren europäischen Geschichte? Man sollte vielleicht einem Bosnier lauschen, der diese Tage reflektiert.

Adnan Softić ist ein Freund, den ich nur selten sehe. Aber oft an ihn denke. Er ist Regisseur, in meinen Augen aber auch ein Philosoph, Denker, ein feinfühliger und vorsichtiger Mensch. Er benutzt Wörter anders als ich sie nutzen würde, gibt ihnen eine neue Bedeutung und überrascht mich beizeiten. Manchmal spricht er rätselhaft und doch ganz klar – man muss nur mit beiden Ohren hinhören. Er ist halt ein Künstler.

Und Bosnier. 1975 ist er dort geboren, heute lebt er wie ein Nomade, mal hier mal dort. Hin und wieder in Hamburg. Heute ist er in Sarajevo und schickte mir – das schwache Internet seines Nachbarn nutzend – diese wunderbaren Gedanken über die Gefahren des kollektiven Erinnerns, Nationalismus und Identität.

In seinen Arbeiten geht es oft auch um Erinnern, wie bei seinem neuesten Filmprojekt „Wie Schnee von gestern“. Im Interview mit der FAZ zitiert die Interviewerin den Journalisten Vurkorep. Über Adnans Film „Ground Control“ schrieb er:

„Hamburg, 1999. Ein junger Mann am Anfang seines Schaffens. Er trägt genau diese bosnische Bürde mit sich – und redet Klartext. Er räumt auf. Endlich bricht jemand mit der Vergangenheit und klärt die Verhältnisse, ohne Rücksicht auf den eigenen Schmerz oder den der anderen. Kann der erste Impuls eines jungen Mannes auch anders sein, ein Mensch auf der Suche nach der wahren Kunst? Eben nur so geht es. Die Wahrheit beim Schopf packen – die bloße und radikale Tat selbst durchführen.“

Deshalb überlasse ich das Wort ihm, Adnan Softić:


Am 11. Juli gedenken wir Srebrenica.

Und ich denke an Foča. Nach den systematischen Vergewaltigungen und Vertreibungen wurde diese Stadt in Srbinje umbenannt. Foča verschwand auf diese Weise von der Landkarte und mit ihr die Erinnerung. Mittlerweile heißt die Stadt wieder wie früher. Ansonsten ist so gut wie nichts mehr reversibel. Und was ist mit den Erinnerungen? Nach einem gescheiterten Versuch im Jahr 2004 eine Gedenktafel zu stellen, gab es keine weiteren Versuche an die Opfer zu gedenken.

Srebrenica ist eine Erkenntnis, dass wir Menschen nicht selbst verfügen und bestimmen können, wer und was wir sind. Und wie leicht wir auf Beliebiges reduziert werden können. Die Erkenntnis, dass unsere Kraft daran zu rütteln und sich vor der Fremdbestimmung zu wehren gleich Null ist.

Wie gern wüsste ich den eigentlichen Grund für die Frust, die fähig war so viele Menschen zu vernichten? Was für ein Versprechen ist es, das Menschen dazu bringt, sich an eine Geschichte, die in einem 600 Jahre alten Ereignis verankert ist, dermaßen zu binden? Was gibt ihnen solche Sicherheit? Angenommen, ein wenige Tage altes Ereignis wird jedes Mal bedenkenlos und auf die gleiche Art und Weise wiedergegeben, so gilt es als unglaubwürdig, oder gar als erfunden. Je weniger Informationen wir haben, desto mehr Vorsicht ist angesagt. Aber bei nationalen Überlieferungen scheinen sich gerade dann alle Lücken in den Erzählungen zu schließen, wenn der zeitliche Abstand am größten ist. Und vielleicht konnten sich die Serben in den 90er Jahren deswegen zweifellos und exakt erinnern. Vor diesem Hintergrund sahen sie, dass die „Feinde“ von damals noch immer dort lebten und dass sie einen, nach wie vor, essenziell bedrohten. „Es ist der Augenblick gekommen, um Srebrenica nach 500 Jahren von den Türken zu befreien“, verkündete General Ratko Mladić in die Kamera eines Belgrader TV-Journalisten an dem Tag als die Stadt von serbischen Truppen eingenommen worden war. Auf diese fantasievolle Weise wurden wir zu „den Türken“, obwohl wir kein Türkisch sprachen, vielleicht nicht einmal einen Türken kannten und uns selbst gar nicht so empfanden.

Und man setzte auch dieses mal – wie so oft in der Geschichte – alles Verfügbare ein, um dem eigenen historischen Idealismus entsprechen zu können; um den Fehler der Geschichte zu begradigen, um gründlich aufzuräumen und detailliert zu säubern. Diese Art von kollektiver Hygiene ist das Schmutzigste, was die Welt gesehen hat. Der wahnsinnige Traum ein für allemal mit sich im Reinen und nur unter sich zu sein, wird und kann nie aufgehen, ohne sich damit für die Ewigkeit dreckig zu machen.

Srebrenica ist ein Substitut für Žepa, Foča, Višegrad, Prijedor, Trebinje, Ahmići, Sarajevo und noch viele andere Orte in Bosnien und Herzegowina. Aber Srebrenica reicht noch weiter und erinnert an Leid der Tschetschenen, Uiguren, Palästinenser und Rohingya. Es ist ein Symbol für die Sinnlosigkeit eines UN Einsatzes, für die Verlogenheit Europas. Slavoj Žižek fragte mal in etwa: »Was wäre passiert, hätten muslimische Extremisten in nur drei Tagen über 8000 Männer und männliche Kinder hingerichtet oder 3,5 Jahre lang Sarajevo eingekesselt und beschossen?«

Srebrenica ist auch daran Schuld, dass in Bosnien die nationalistischen Strömungen das Land definieren und das auch in Zukunft tun werden. Etwas, was das Land auf Dauer zerstören wird. Aus der Pflicht heraus, dieses grausame Ereignis nie zu vergessen, neigen viele Bosniaken dazu. die nationale Identität über alles andere zu stellen. Und sie merken dabei nicht, wie sie auf eine gewisse Art gar die Logik des Feindes übernommen haben und damit noch einmal mehr verlieren.

Ich fürchte die Kraft dieser Erinnerungen an Srebrenica. Vor allem fürchte ich sie auf lange Sicht und zugleich weiß ich, dass das Vergessen noch gefährlicher und dämlicher wäre.

Srebrenica ist leider zum Symbol, zum Fragenkatalog und zur Gedenkstätte für all das und noch viel mehr geworden, obwohl Srebrenica oder der 11. Juli als Ereignis alleine – ohne Politik, ohne Ideologie – mit dem, was es in sich trägt, endlos unerträglich ist. Tausende Frauen ohne männlichen Angehörigen, gut versteckte Knochen und freilaufende Mörder.

Srebrenica ist unfassbar unerträglich. Und deshalb zieht es das ganze Leid der Welt auf sich.

EIN UNFALL & EINE FRAGE: WIE STEHT ES UM DIE HILFSBEREITSCHAFT?

Oldenburg SeeIch hatte gestern einen kleinen Unfall. Beim Fahrradfahren um einen kleinen See in Oldenburg (in Niedersachsen) bin ich in der Kurve ausgerutscht und ziemlich hart aufgeprallt. Das Lenkrad rammte tief meinen Bauch, ich erlitt einen Schock und Atemnot. Mein Kopf drehte sich, ich schnappte vergeblich nach Luft, der Schmerz schoss mir nach ein paar Sekunden plötzlich durch den ganzen Körper und ich krümmte mich nach Luft ringend auf dem Boden. “Ich kann nicht atmen! Ich kann nicht atmen!”, schrie ich. Es war als wäre mein Hals zugeschnürt worden, als hätte sich mein Körper, mein Brustkorb verengt. Meine Schwiegermutter, die wenige Meter hinter mir gefahren war, sprang vom Fahrrad ab und drückte mich fest an sich, redete beruhigend auf mich ein und versuchte langsam mit mir zu atmen. Minutenlang schrie ich dabei in Schock.

Aber darum geht es nicht in diesem Beitrag. Es geht um das (vielleicht 50-60-Jahre alte) Ehepaar, das im See badete – 10 bis 15 Meter von mir entfernt -, das mich seelenruhig dabei beobachtete wie ich mit dem Fahrrad auf dem Schotter ausrutschte, hinprallte und schrie. Während sie zu ihren Fahrrädern gingen und sich abtrockneten, reckten sie ihre Köpfe, um das Geschehen auch über das hohe Gras hinweg weiterzuverfolgen. Immer wieder schauten sie neugierig zu mir und meiner Schwiegermutter, seelenruhig, unbeteiligt.

Meine Schwiegermutter nässte ihre Kleidung im See, um meine blutigen und brennenden Hände zu waschen und um meinen Nacken zu kühlen. Das Ehepaar starrte uns weiterhin an.

Kein Wort. Kein Hilfsangebot. Keine Fürsorge. Kein besorgter Blick. Nichts. Nur dieses spannerhafte Starren, fast aufgeilend am Leid der anderen. Continue reading

VIER JAHRE & FÜNF TAGE

Marwa El Sherbini und ihr Mann Elwy Ali Okaz

Marwa El Sherbini mit ihrem Mann Elwy Ali Okaz auf ihrer Hochzeit. – Bild via dpa

Heute vor vier Jahren, in einem Gerichtssaal in Dresden, drehte sich die Ägypterin Marwa El-Sherbini zu dem Angeklagten Alex W. Mit einem freundlichen Lächeln sagte sie zu ihm, der Islam sei eine friedliche Religion. Sie verstehe seine Reaktionen nicht. (Spiegel, 27.10.2009) Wochen zuvor hatte er sie auf einem Spielplatz beschimpft, “Terroristin” und “Schlampe” hatte er sie genannt. Heute saßen sie im Gerichtssaal, um über den – eigentlich unscheinbaren – Vorfall auszusagen. “Haben Sie überhaupt ein Recht, in Deutschland zu sein?” wurde sie von Alex W. gefragt. Und er beanwortete die Frage gleich selbst: “Sie haben hier nichts zu suchen. (…) Wenn die NPD an die Macht kommt, ist damit Schluss!” Wenige Minuten nach diesen Worten wurde Marwa El Sherbini von Alex W. erstochen. 18 Messerstiche in 32 Sekunden. Ihr Mann Elwy Ali Okaz überlebte trotz der 16 Messerstiche. Ihr drei-jähriger Sohn wurde Zeuge des Entsetzens. (Was der Richter derweil tat und erlebte ist hier nachzulesen)

Und ganze fünf Tage lang schwieg sich die deutsche Medienlandschaft über den Fall aus. Nur auf Blogs und in Foren wurde heftig diskutiert. Warum berichtet niemand?, fragten wir uns. Ich fühlte Ohnmacht. Und Fassungslosigkeit. Wir waren Zeuge des ersten offensichtlich islamophoben Mordes in Deutschland geworden. Was bedeutet das für uns?, fragten wir uns Muslime. Was wäre eine angemessene Reaktion?

In dieser Zeit waren es Personen wie Stephan Kramer, die die richtigen Worte fanden: “Man muss kein Muslim sein, um sich gegen antimuslimisches Verhalten zu wenden, und man muss kein Jude sein, um gegen Antisemitismus vorzugehen”, sagte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden. Genau das war es, was in diesen Tagen nämlich gefehlt hatte: Das Einstehen für Andere, Zivilcourage.

Dann diskutierte die deutsche Öffentlichkeit erstmals in Feuilletons, wohin die Islamfeindlichkeit, der antimuslimische Rassismus uns geführt hat. Wo er stattfindet und die Verantwortung, die wir alle tragen. Beim Durchsehen alter Unterlagen und Blog-Artikel entdeckte ich jedoch die Aussage von Josef Winkler, dem migrationspolitischen Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. Er sagte der Taz (9. Juli 2009) “verkappt islamfeindliche Positionen” seien bis in höchste Regierungskreise verbreitet. In höchste Regierungskreise also. Wir haben in den vergangenen Monaten hin und wieder vorsichtig über Rassismus in der Polizei diskutiert, beim Verfassungsschutz und in bestimmten Ministerien. Aber wir haben nicht ganz nach oben hingeschaut, dorthin, wo der Ton angegeben wird.

Was denkt Angela Merkel über Muslime in Deutschland? Was denkt sie über Schwarze? Was denkt sie über Migranten? In der Regierung (genauso wie anderswo auch) sitzen Menschen mit Meinungen, Werten und Wertevorstellungen. Diese haben selbstverständlich auch einen großen Einfluss auf ihre politische Arbeit.

Als man mich vor Jahren fragte, wie für mich ein idealer Politiker aussähe, sagte ich deshalb unter anderem Folgendes: Ein idealer Politiker wählt auch sein privates Umfeld mit Bedacht. Er muss proaktiv den Kontakt zu Einzelpersonen aus Minderheiten und ihm “fremden” Gruppen suchen und zumindest versuchen ein freundschaftliches Verhältnis zu pflegen. Wie kann ein Politiker, der niemals selber Hartz IV bezogen hat, keine solche Person im eigenen Freundes- oder Familienkreis hat, nachvollziehen, wie es sich als Hartz IV-Empfänger lebt in Deutschland? Wie kann er glaubhaft die Interessen auch dieser Bürger vertreten? Auch sie sind Bürger dieses Landes. Wer gewählt wird, muss auch diese Bürger vertreten. Wer sich nur mit wohlhabenden Akademikerfreunden eines bestimmtes Schlages umgibt, kann nur schwer die Realtität anderer nachvollziehen. Aufmerksame Berater und mit Blitzlicht begleitete “Gespräche” mit Minderheiten sind nicht ausreichend. So eine Politik kann nur realitätsfern sein.

Deshalb spielen – auf dem Weg zu diesem Idealzustand – öffentliche, mediale Diskurse eine große Rolle. Sie können Probleme und Misstände, die bis dato übersehen und übergangen worden sind, an die Politik und in das öffentliche Bewusstsein tragen.

Marwa El Sherbinis Tod hat mich geprägt. Er war aufrüttelnd. Marwa El Sherbini ermutigte mich und andere, offener über Diskriminierung und Anfeindungen zu sprechen. Nicht aber um anzuklagen, sondern, um aufzuwecken und das Thema an die Tagesordnung zu bringen. Ich denke, das offene Sprechen hat viel Positives bewirkt, und ich hoffe, dass wir als Gesamtgesellschaft hellhöriger geworden sind – beizeiten zwar sensibel und verletzlich – aber insgesamt gestärkt. Dass kopftuchtragende Frauen sich nun viel selbstbewusster gegen Diskriminierung wehren und ihre Stimme erheben, empfinde ich als kleinen, aber wichtigen Erfolg.

Der 1. Juli wird für mich auf ewig ein Gedenktag bleiben. Eine Erinnerung daran, selbstbewusst, ruhig und mit Bedacht zu sprechen. Mit einem Lächeln im Gesicht, so wie sie es zuletzt getan hatte.

Marwa El Sherbini starb heute vor vier Jahren. Und mit ihr das drei Monate alte ungeborene Kind in ihrem Bauch. Möge Allah sie mit dem Himmel segnen.

إِنَّا لِلّهِ وَإِنَّـا إِلَيْهِ رَاجِعونَ

Nachtrag (1. Juli 2014)

Der Rat muslimischer Studierender & Akademiker (RAMSA) startet anlässlich des fünften Jahrestages der Ermordung der Dresdenerin Marwa el-Sherbini einen bundesweiten Aktionstag, um auf den wachsenden antimuslimischen Rassismus in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen und hat den Jahrestag des Verbrechens, den 1. Juli, zum „Tag gegen antimuslimischen Rassismus“ erklärt.

 

Nähere Infos finden Sie hier: http://www.tag-gegen-antimuslimischen-rassismus.de/

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