LIEBESERKLÄRUNG

an die türkische Fußballnationalmannschaft:

Niemand hätte je gedacht, dass ihr so weit kommt! Nichts, nicht einmal unzählige Spielerausfälle, konnten euch davon aufhalten, so weit zu kommen.

Ihr habt ganz Europa in Atem gehalten, die aufregendsten Spiele geliefert, ihr habt Geschichte geschrieben.
Und heute: Mit Deutschland zusammen habt ihr uns bis zur letzten Minute unterhalten. Dankeschön!

So feiern heute die Türken, dass ihre Mannschaft so weit gekommen ist!
So feiern heute die Deutschen, dass ihre Mannschaft im Finale ist!
So haben die Deutschtürken den größten Grund zur Freude!

Ein Spiel noch, dann lösch ich all mein Fußballwissen.
Für die Türkischsprachigen unter euch: Milli Takim Anneleri!

MUST-HAVE-SEEN-AND-DONE IN LONDON

Solltest Du in nächster Zeit ein günstiges Ryanair-Wochenende in London bei den besten Gastgebern, Wanne und Goofy, planen, so gibt es neben der 0815-Tour meine persönlichen must-have-seen-and-done:1- Essen (South Hall)

Zu jedem vernünftigen Sight-Seeing gehört gutes und unvergessliches Essen. So sollte man unbedingt in ein indisches Pseudo-Halal-Restaurant in South Hall (Londons Karachi oder Neu-Delhi). Das Essen ist scharf und lecker, aber nur nebensächlich, denn bis es zum Essen kommt gibt es ein Hindernis zu überwältigen: Der bekiffte Kellner. Er nimmt die Bestellung durchschnittlich fünf Mal auf, wiederholt sie sieben Mal und lacht gruselig mit pakistanisch/indischem Akzent. Wie Lachen mit Akzent geht, muss man selbst herausfinden.

2- Royal-Mailbox besteigen (Brick Lane)

Mittlerweile hat jeder Londonbesucher ein Foto von sich in einer typisch roten Londoner Telefonzelle. Nur die kühlsten Innseiter jedoch besitzen ein Foto AUF einer typischen roten Londoner Royal-Mailbox. Die allerkühlsten stehen in Brick Lane, wo man nach dem scharfen Essen in South Hall wunderbar English Tea trinken kann.

3- Menschenkenntnis (überall in London)
Must-have-done-unbedingt ist Verlorengehen und jeden intelligent aussehenden Passanten nach dem Weg zu fragen. So merkt man schnell, wie schlecht man mit Menschenkenntnis ausgestattet ist und lernt London richtig kennen. Nach mindestens einem Tag Verlorengehen kennt man London wie die eigene Westentasche.

4- Die Oytser card (in Bus und Bahn)
“Biep”! Puh. “Biep!” Puh. “Grummel”. Ahhhh!
Ganz cool und lässig steigt man in den Doppeldeckerbus, hält die Oyster card (Plastikkarte zum Bus- und Bahnfahren) an die Maschine neben dem Fahrersitz und geht normalerweise ganz entspannt vorbei – außer es “grummelt” (= kein Geld mehr im Plastik): Dann heißt es erstmal zwei Pounds blechen. Überhaupt ist die Oyster card das Sorgenkind jeder London-Reise. Nach jeder Bus-/Bahnfahrt ruft einer: “Oh mein Gott, wo ist meine Oyster card?”. Und die große Suche beginnt. Die Oyster card geht in fünf Tagen bei einer Gruppengröße von sieben Personen mindestens zwei Mal verloren. So entsteht eine wunderbare Hassliebe zur Oyster card. DAS Mitbringsel aus London eben.
Übrigens erzählte mir Rabo, dass die Oyster card in Hong Kong “Octopus card” heißt.

5- Promi-Gefühl (Camden Market)
0815-Londonbesucher laufen am zweiten Tag ins Madame Tussauds, um Wachs zu fotografieren (kann man übrigens auch in Hamburg) und um Promiluft einzuatmen. Einfacher geht das auf dem Camden Market: An jeder Ecke stehen die wunderbaren Sonnenbrillenstände. Wählt man die richtige “Sonnenbrille”, so sieht man zum Beispiel aus wie Kanye West – wie diese Damen hier.

NNNNNE?!

Furchtbar. Mehrmals täglich mutiert Toffer B. zu einem “Nnnne?!”-Monster.
Das geschieht dann so:
Sobald die akademische Viertelstunde zur Pause schlägt und wir den Seminarraum verlassen, vibriert das Monster in Toffer B.s Tasche, er drückt auf den grünen Kopf und die Mutation beginnt. Erst erhöht sich seine Stimme um einige Oktaven, dann zappelt er herum und lässt die geschockt umstehenden Kommilitonen seine Sachen tragen, schließlich bringt er nur noch alle 2 Minuten ein “Nnnne?!” heraus. (daher auch: “Nnnne?!”-Monster) Das Gruselige daran ist, 1. dass Toffer von seiner Mutation bis vor kurzem nichts gemerkt hat und 2. dass ein Großteil der deutschen Bevölkerung davon betroffen ist.Okay, vielleicht habe ich ein wenig übertrieben – das ändert jedoch nichts an dem Ernst und der Relevanz des gesellschaftlichen Mißstandes: Diese gespielte Überfreundlichkeit am Telefon, die extremst hohe Stimme und jeder – wirklich jeder – Satz endet mit “…, nnnne?!”. Das “Wir schaffen das schon, nnnne?!” oder “Dann hätten wir das also geklärt, nnnne?!” wird jeder kennen. Ein einfaches “…, ne?!” reicht vollkommen aus. Ich verstehe nicht, wieso man den Gesprächspartner in den Wahnsinn treiben und “nnnne?!” sagen muss.Nun: Toffer B. hat inzwischen von seinem Fehler gelernt und ist auf bestem Wege zur Genesung.
Werfen wir das “Nnnne?!” zu den anderen Unwörtern/-lauten der deutschen Sprache zu “halt”, “emmm” und “sozusagen.”

Nnnne, Toffer?!

IDENTITÄTSKRISE

Nie, nie hätte ich gedacht, dass ich mal mehr verstehe von Fußball. Jahrelang sind sämtliche Fußballspiele kalt an mir vorübergezogen. Nur halbherzig und aus Gruppenzwang hab ich mir teilnahmslos die WM ageschaut. Allein zu dem Lied der Sportfreunde Stiller hab ich mitgesungen – ein Leben leicht und sorglos.
Da kommt das Unheil angeschossen: die EM 2008. Aus unerfindlichen Gründen begreife ich plötzlich, wieviele Spieler eine Mannschaft hat (11), wie lang ein Spiel dauert (90 min.) und was Abseits bedeutet (hier).
Dabei sei es nicht belassen: Eifrig kommentiere ich nach den Spielen die Spielzüge, fachmännisch fälle ich mein Urteil und gebe Prognosen ab.
Ahnungslos habe ich mich in eine Identitätskrise gestürzt:
“Für wen bist du Kübi?”
Türkei oder Deutschland? Türkiye oder Almanya?

Meine multiplen Persönlichkeiten der letzten Tage:

1- Die Lethargische: “Ich werde mir das Spiel nicht ankucken. Ich bin für niemanden.”

2- Die Pseudodiplomatin: “Ich bin für beide!”

3- Die Mutter Theresa: “Ich bin immer für die Schwächeren. Da Deutschland Favorit ist und die Türkei mit quasi der B-Mannschaft und nur 15 Spielern antritt, bin ich ein bisschen für die Türkei.”

Aber ehrlich -Angie, es tut mir Leid – Ich wünsche mir innigst, dass die Türkei gewinnt.

Tadaa! Da ist die Ursache für meine Identitätskrise, für meine multiple Persönlichkeit! Ich schreibe “Angie, es tut mir Leid.” und habe das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Warum?
Bin ich schlecht integriert, wenn ich nicht für Deutschland bin?
Es gibt schließlich auch Urdeutsche, die für die Türkei sind, warum nicht also auch ich?
Warum müssen Migrationshintergrundbesitzer “deutscher” sein als Urdeutsche um “Deutsche/r” zu sein?
Vielleicht finde ich rot-weiß einfach schicker als schwarz-rot-gold (oder rot-schwarz-gold, da sind sie sich beim ARD ja noch nicht so einig).
Außerdem: Für-die-Türkei-Sein ist nicht gleich Gegen-Deutschland-Sein, “nnnne?!”

So. Ich muss mich also gar nicht rechtfertigen. Dass ich dieses Gefühl habe, ist natürlich ein Problem.
Doch jetzt ertsmal: TÜRKIYE! TÜRKIYE!

"KABUMM"

… machte es vor einigen Stunden hinter meinem Wagen und ein 5er-BMW war bei mir eingekracht. “Ahh, ein Autounfall!” war mein erster (sehr lauter) Gedanke, der zweite: “Mein Leben ist eine Soap.” Damit konnte ich mir Mareikes Geburtstag abschminken (Herzlichen Burzeltag an dieser Stelle!).
Panisch stieg ich also aus dem Wagen und lief auf den BMW-Fahrer zu, der bei diesen Fahrkünsten seinen Führerschein wohl bei Ebay ersteigert haben muss. Offensichtlich hatte ich Recht mit dieser Vermutung, denn sein Gesicht war ein einziges “Soll ich brav bleiben und aussteigen oder davonrasen und mich retten?” Letzteres muss ihm schlüssiger erschienen sein, denn mir immernoch ins Gesicht starrend trat er auf das Gaspedal und düste davon. Wunderbar, nun auch noch Fahrerflucht. Der Abend könnte nicht besser ausklingen.
Glück im Unglück, ich (= mein Wagen) kam mit einer kleinen Schramme davon (da mir hier das Fachvokabular fehlt, müsst ihr euch mit einem “irgenwo hinten rechts” zufrieden geben). Der Unfallverursacher hingegen hat nun eine etwas größere Schramme, eine Anzeige und drei Zeugen am Hals. Außerdem zwei Streifenwagen, die ihn vielleicht noch immer verfolgen. Auf jeden Fall aber ein schlechtes Gewissen und mich.
(Ein Bild der Schramme folgt irgendwann)

DIE SONNE IST SCHULD

1.Mai_1
1. Mai in Hamburg 2008, Bild von Evgeny Makarov

Die Sonnenbrille, wo ist sie nur? Die UV-Wellen prallten voll auf mein Gesicht und verwehrten mir den Blick auf die andere Straßenseite. Kaum hatte ich sie tief in meiner Tasche gefunden, da sprang das Ampelmännchen auf grün. Mir radelte eine etwas ältere, bonzige Dame entgegen. Bonzig, weil klischeehaft: Polo-Shirt, pinker Pullover über die Schultern geworfen und vorne lässig-reich zugeknotet, Perlenkette am Hals und -stecker an Ohren. Da fiel ich aus allen Wolken, als sie tatsächlich mitten auf der Straße stehen blieb, den Fuß absetzte, mir “Schleiereule” zurief und eiligst davon fuhr. Ich war wirklich so baff, dass mir (!) die Worte fehlten. Was war geschehen, mitten in Hamburg, der Metropole, der weltoffenen Stadt, dem “Tor zur Welt”?

1. Mai 2008, überall Sonnenschein, überall blitzte das Sonnenlicht. Kein Wunder, Glatzköpfe reflektieren besonders gut und davon waren heute sehr viele in Hamburg: Der Naziaufmarsch in Hamburg, Barmbek.
Mit zwei Fotografen aus der FREIHAFEN-Redaktion, Oign und Andi, und dank Presseausweis waren wir durch die Polizeiabsperrung direkt zu den Springstieflern gegangen, ich wollte sie nämlich interviewen. Ich hab dann leider gekniffen und ihnen dafür aber zugewunken. Nachdem sie mich und mein Kopftuch fast zu Tode angestarrt hatten und ich klugerweise entschied, sie durch ein glückliches Winken zu irritieren.

Worauf ich eigentlich hinaus will, ist die Sonne. Jegliche Methodenforschung ignorierend stelle ich fest: Bei beiden Ereignissen war die Sonne dabei. Ergo: Die Sonne ist Schuld an der Bräune.