MESUT ÖZIL IST DEUTSCH, ICH BIN ES NICHT

… fragte mich ein Glückskeks in London.

oder: WARUM DIE ISLAM-DEBATTE NUR NOCH NERVT.

Ich habe keinen Bock. Die ganze Debatte um Deutschsein, Integration und Leitkultur ist mir absolut zuwider.

Ich will nicht wissen, wann und unter welchen Umständen ich als Mensch mit nichtdeutscher Abstammung und nichtchristlicher Religion ein Du-bist-deutsch-Siegel bekommen könnte. Das sind Scheindebatten. Die Realität sieht so aus: Mesut Özil kann – wie übrigens viele seiner biodeutschen Kollegen auch – keinen grammatikalisch korrekten deutschen Satz hervorbringen, ich hingegen schon. Trotzdem gilt er als integriert und deutsch, ich aber nicht.

Großartig. Ich habe also einen deutschen Pass, engagiere mich hier, spreche die Sprache und gehe wählen. Aber das reicht anscheinend nicht. Leider kann ich kein Fußball. Und ich bin auch nicht wie Necla Kelek mit einem gewissen Ex-Bundesbanker befreundet, um bei seiner Buchpromotion als Möchtegern-Deutsche seine Intelligenz-These quasi als lebendes Beispiel für minderbemittelte Muslime zu bestätigen. Um dann trotzdem nicht deutsch zu sein.

Aber davon mal abgesehen: Ich will gar nicht deutsch sein. Ich will auch nicht türkisch sein. Denn Nationalität ist ein Denkkonzept, das ich nicht anwenden will. Was würde das Deutschsein über mich aussagen? Nichts. Eine Zuschreibung, die mich einengt. Gegen die ich mich wehre.

Was mich ausmacht, das sind meine Interessen und Werte. Auf einer Party würde ich mich eher mit einem linken Italiener oder einer koreanischen Künstlerin unterhalten als mit einer türkischen Kemalistin oder einem deutschen Handballer.

Trotzdem werde ich regelmäßig gedrängt. Man will, dass ich mich entscheide. Deutsch oder türkisch? Sag schon! Ich WILL aber nicht. Verdammt noch mal.

Das war nicht immer so. Früher sagte ich mit größter Selbstverständlichkeit „Ich bin deutsch.“ Bis mir ein richtiger Deutscher an der Uni verklickerte: „Kübra, du bist keine Deutsche.“ – Warum? – „Ja, weil du das Kopftuch trägst.“ Zustimmung durch umstehende andere richtige Deutsche. Aha. So ist das also. Wie eine Ohrfeige war das. Es blieb nicht die einzige. Und mir wurde klar: Egal, was ich tue, ich werde nie deutsch sein.

Ich staune, wenn die meisten meiner muslimischen Freunde selbstbewusst sagen: Ich bin deutsch. Offensiv gehen sie mit dieser Identität um und ecken damit an. Bewusst.

Sie sind in diesem Land geboren und sozialisiert, arbeiten hier, zahlen Steuern. Sie fühlen sich hier heimisch und fordern Zugehörigkeit ein – nicht nur als Mitbürger, sondern auch als Mitdeutsche. Auf die Frage, woher sie kommen, wollen sie bloß mit Aachen, Hamburg oder Donaueschingen antworten können.

Sie wollen die Bedeutungshoheit über das Deutschsein nicht den Biodeutschen überlassen.

Selbstverständlich ist Wulff auch ihr Bundespräsident. Sie wollen, dass man es ausspricht. Sie tun es. Er tut es. Und plötzlich wird eine Selbstverständlichkeit so ad absurdum diskutiert.

Ich bewundere meine Freunde für ihr selbstbewusstes Einstehen für ihre deutsche Identität. Mir bleibt das fremd. Vielleicht nur, bis ich innerlich ein wenig härter werde. Vielleicht aber auch für immer.

taz, Tuch-Kolumne, 13.10.2010

Reaktionen: Dybth erklärt den Unterschied zwischen
Özil und den anderen, Akif Abi will ein Mecker-Monopol :) und Bilal fragt sich, wieviel Rassismus Muslime vertragen

DIESE KETTE IST VERBOTEN. UND DIESE SCHUHE. UND DIESE MUSIK. UND….

pimp your myspace at Gickr.comWeißt du, vor zwei Jahren hätte ich mit Leuten wie dir nicht einmal geredet“, sagt Shahjehan zu mir. Er ist dünn, verschwitzt und seine Augen sind müde. Wir sitzen im Backstage-Bereich eines Konzertsaals in London. Er hat gerade eine großartige Show beendet. Shahjehan ist Gitarrist der pakistanisch-amerikanischen Punk-Band „The Kominas“. Und muslimisch. „Mit euch wollte ich nichts zu tun haben“, sagt er und meint praktizierende Muslime.

Er war voller Wut auf die Community, er trank viel, nahm Drogen. Er zerstörte sich. Nun ist er trocken, sein Glaube gibt ihm Halt. Als Punkmusiker aber wollen ihm andere Muslime seinen Glauben absprechen. Ein guter Muslim dürfe keine solche Musik machen, schon gar nicht Punk-Musik. „Ich bin kein perfekter Muslim. Ich bin kein guter Muslim. Aber das geht niemanden etwas an“, sagt er und ich spüre seine Wut von vor zwei Jahren, als er mit mir noch nicht geredet hätte.

***

Meine Mutter und ich besuchen eine der schönsten Londoner Moscheen. Es ist Zeit für das Mittagsgebet, wir machen uns bereit. Als wir den Gebetsraum der Frauen betreten, schaut mich eine Frau prüfend an. „Die Kette muss ab, Schwester“, sagt sie schließlich und deutet auf meine Lieblingskette mit den großen Steinen. „Haram“, also strengstens verboten, fügt sie hinzu.

Wir haben keine Lust auf eine Diskussion, also nehme ich die Kette ab – obwohl die Frau weder Autorität noch irgendeine Funktion in dieser Moschee besitzt. In wenigen Minuten fängt das Gebet an, wir haben uns hingestellt. Urplötzlich steht die Frau wieder hinter uns und tippt meiner Mutter auf die Schulter. Sie hat die Pumps meiner Mutter aus dem Schuhregal herausgesucht und hält sie nun hoch. „Haram!“, sagt sie laut und deutet dabei auf das eingenähte Steinchen an der Rückseite des Schuhs.

***

„Salam, Schwester!“, ruft Aisha und umarmt mich herzlich. Noch bevor ich den Gruß erwidern kann, fängt sie an wie ein Wasserfall zu reden. Sie habe gehört, ich käme aus der Türkei. Ihr Bruder lebe und studiere Medizin in Ankara, der Hauptstadt. Ankara sei so eine tolle Stadt. Und Istanbul erst. Letztes Jahr, da habe sie … Sie spricht und spricht. Sie ist selbstbewusst und lustig. Sie redet von Mode, Kunst und Politik. Sie ist eine schwarze Britin und Studentin an meiner Londoner Universität. Und außerdem ist sie von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, nur ihre Augen kann man sehen. Aisha trägt ein Niqab.

***

Imran steht vor der Bühne und hört einer Band bei der Probe zu. Als ein neues Lied angestimmt wird, wippt er mit dem Oberkörper mit, sein dichtes schwarzes Haar schwingt hin und her. Er ist ganz vertieft in die Musik, seine Augen sind geschlossen. Mit imaginären Trommelstöcken schlägt er in der Luft, wie Shahjehan spielt er bei „The Kominas“, er ist der Schlagzeuger. Plötzlich dreht er sich zu mir um, springt über zwei Sitzreihen, setzt sich neben mich und sagt: „Das ist mein Lieblingslied! Das Lied handelt von dem Gefährten unseres Propheten, Hazrati Ali.“

taz, Tuch-Kolumne 29.09.2010

DER GRÖSSTE MANN DER WELT

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Es ist der zweite Tag des Ramadanfestes. Wir haben uns schick angezogen und besuchen die Freunde meiner Großeltern. Schon lange war ich nicht mehr in dem Hamburger Arbeiterviertel, wo meine Großeltern damals wohnten. Hier ziehen reihenweise Wohnblöcke durch die Landschaft, unterbrochen durch kleine Wiesenflächen und Spielplätze.

Der Riesenfels auf der Wiese auf dem wir als Kinder spielten ist nur noch ein mittelgroßer Stein und die Häuser sind auch nicht mehr so hoch, stelle ich überrascht fest. Und Tante Serife, die ehemalige Nachbarin und Familienfreundin, ist viel kleiner als ich, sie reicht mir gerade mal bis zur Brust. Zuletzt haben wir uns vor Jahren gesehen. Tante Serife ist seitdem noch etwas rundlicher geworden, hat aber immer noch das freundliche Gesicht von damals. „Ihr seid aber groß geworden“, sagt sie, als sie mich und meine Schwester sieht und umarmt uns herzlich. Im Wohnzimmer erwarten uns Tee und Gebäck.

Dort sitzen ältere Damen in einer Runde und erzählen von früher. Früher, da konnte ich bei meiner Oma nie einschlafen, weil die alte Wanduhr im Wohnzimmer so laut tickte. Manchmal auch weil am nächsten Tag das Ramadanfest anstand und Flugzeuge in meinem Bauch Landeübungen machten.

Am Morgen des Festes aber liefen wir Kinder trotz Schlafmangel voller Energie durch die Wohnung meiner Großeltern und küssten die Hände der Erwachsenen, ein Zeichen des Respekts. Dafür gab es dann Kleingeld und Süßigkeiten. Nach und nach füllte sich die Wohnung mit Nachbarn und Freunden. Es wurde voll, laut und lebendig.

Wie alle Großmütter war auch meine Großmutter eine großartige Köchin. Sie kümmerte sich um die Gäste, versorgte sie mit ihrem beliebten Blätterteiggericht und schmierte mir heimlich Schokoladenbrötchen.

Mein Großvater wusste anscheinend von unserem kleinen Geheimnis: Bei ihm gab es immer Obst. Jedem Enkelkind steckte er Apfelstückchen in den Mund und reichte Weintrauben nach. Für mich war er der größte und längste Mann auf der Welt. Das lag am gesunden Obst, da war ich mir sicher. Ich habe es geliebt an seinem dichten Bart zu ziehen, an ihm herumzuklettern und auf seinem Schoß zu sitzen. Heute ist er krank und tragen kann er mich auch nicht mehr – wobei das eher an mir liegt als an ihm.

Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Feste wir nun schon ohne meine Großeltern feiern mussten. Sie sind in der Türkei, wo sie die Hälfte des Jahres verbringen. Früher machte mir das nichts aus – sie wollen einfach nur ihr Leben genießen und urlauben, dachte ich. Jetzt weiß ich es besser. Nach vierzig Jahren harter Arbeit hier, fühlt mein Großvater, dass er keinen Platz mehr in Deutschland hat. Wir, Kinder und Enkel, sind der einzige Grund, warum beide jedes Jahr aufs Neue nach Deutschland kommen. Noch viel mehr als wir, sind sie hin- und hergerissen zwischen zwei Ländern und Welten. Ihr Herz ist im ewig fremden Deutschland bei ihrer Familie, schlägt aber für die Türkei, ihre Heimat.

Kürzlich las ich „Ganz unten“ von Günter Wallraff. Ich weiß, dass auch mein Großvater ähnliche Erlebnisse wie Wallraff (oder „Ali“) hatte. Uns gegenüber hat er Deutschland aber nie schlecht geredet, nie hat er ein schlechtes Wort über die „Deutschen“ verloren. Er ist der größte Mann der Welt für mich.

Im Wohnzimmer sitzen noch immer die alten Damen und schwelgen in Erinnerungen. Es werden immer weniger von ihnen. Sie fehlen.

taz, Tuch-Kolumne, 15.09.2010

Übrigens: Leider ist die Kolumne dieses Mal auf der taz-Webseite nicht online, wird aber vielleicht in den nächsten Tagen nachgeholt. Die Seite verlinke ich dann hier.

Nachtrag: Hier der Link zur Kolumne auf der taz-Seite.

TÜRKISCH LERNT MAN NICHT, TÜRKISCH VERLERNT MAN


Ich sitze zuhause vor dem großen Computer-Bildschirm und ziehe die klobige graue Tastatur zu mir hin. Der Rechner brummt und fährt lautstark hoch. Aufgeregt und ungeduldig rutsche ich auf dem Drehstuhl hin und her. Ich bin vierzehn Jahre alt und muss – ganz wichtig -am Computer arbeiten.

„In diesem Jahr werdet ihr ein Schulpraktikum machen“, hatte meine Lehrerin am Vormittag in der Klasse angekündigt. Begeistert tauschten wir Schüler uns über unsere Berufswünsche aus.

Für mich steht fest: Ich will Kinderärztin werden. Und deshalb werde ich mich bei einer Kinderarztpraxis bewerben. „Zur Bewerbung gehört außerdem ein Lebenslauf“, erklärte uns meine Lehrerin. Toll, ein Lebenslauf! Ich rekapituliere mein erst vierzehnjähriges Leben.

Das sind meine Familie, meine Grundschule und das Gymnasium. Dann liste ich die kleinen Erfolge bei Kunstwettbewerben und Sportwettkämpfen auf. Hat alles natürlich nichts mit Kinderärzten zu tun.

„Sprachkenntnisse“ steht auf der Lebenslauf-Anleitung meiner Lehrerin. Deutsch, Englisch und Latein tippe ich in den Computer. Und Türkisch? Soll ich auch Türkisch, meine Muttersprache, auflisten?

Nein. Irgendwie zählt Türkisch nicht, denke ich intuitiv. Denn Türkisch ist nicht Französisch, Spanisch oder Englisch, sondern eine Sprache der Einwanderer. „Türkisch wird hier nicht gesprochen“, sagte mir meine Lehrerin in der Grundschule in einem herablassenden, sehr erniedrigenden Ton. Türkisch lernt man nicht, Türkisch verlernt man.

Meine Mutter liebt Poesie. Meinen Bruder hat sie nach Mehmet Akif Ersoy benannt, einem berühmten türkischen Dichter. Mir hat sie schon als Kleinkind türkische Gedichte beigebracht, die ich dann auf Familientreffen und kleineren Veranstaltungen vortrug.

Und schon bevor ich in die Vorschule ging, konnte ich Türkisch und sogar Arabisch lesen. In der Schule und woanders interessierte das niemanden.

Wie es wohl gewesen wäre, wenn man solche Zweisprachigkeit als das erkannt hätte, was sie eigentlich ist: einen kostbaren Schatz und eine Bereicherung für die Gesellschaft. Was wäre, wenn man die sprachliche und kulturelle Pluralität gefördert hätte, anstatt die Kinder dafür zu strafen.

Wie hätten sich meine ausländischen Mitschüler entwickelt, hätten wir in der Schule neben Goethe und Schiller auch von Kisakürek, Hafes, Tolstoi, Pamuk und Kaminer gelesen.

Was wäre geschehen, wenn man in den Migrantenkindern keine Probleme, sondern Potenzial und Zukunft gesehen hätte. Hätte man aufgehört, Misserfolge auf ihre ethnische Herkunft zu reduzieren, die sie weder ausgesucht haben noch ablegen können.

Hätte man den Kindern Raum für ein deutsch-ausländisches Selbstbewusstsein gegeben. Hätte man das Kind fühlen lassen: Du bist etwas wert. Hätte, hätte. Was wäre, würde man das heute ändern?

Ich bekomme eine Zusage für das Praktikum in der Kinderarztpraxis. Als türkische Mütter mit ihren Kindern in die Praxis kommen und mich um Übersetzungshilfe bitten, werde ich in den Hinterraum geschickt. Hier wird kein Türkisch gesprochen.

taz, Tuch-Kolumne, 01.09.2010

DEM SONNENUNTERGANG ENTGEGEN



Schon den ganzen Tag grummelt mein Bauch. Es ist Fastenzeit und ich sitze im Flugzeug von London nach Hamburg. Eigentlich brauchen Reisende nicht fasten – aber der kurze Flug ist keine beschwerliche Reise. Deshalb faste ich trotzdem. Gleich wird die Sonne untergehen und ich werde essen dürfen. Mein Sandwich liegt auf dem Klapptisch bereit.

Ich werde ganz ungeduldig und beobachte durch das Flugzeugfenster den heißersehnten Sonnenuntergang. Ein älteres britisches Pärchen sitzt neben mir und schaut mir interessiert zu. Wir lächeln. Als ich mich wieder vorbeuge, um durch das Fenster zu schauen, beugt sich auch der ältere Herr vor. Andere Mitreisende tun es ihm nach und schauen ebenfalls aus dem Fenster. Irgendetwas Ungewöhnliches muss es da draußen ja geben.

Gibt es aber nicht. Nur Sonne und ein bisschen Wolke. Ich spüre die vielen Blicke, eine ganz unangenehme Spannung liegt in der Luft. Argh. Stress. Am Liebsten würde ich jetzt aufstehen, die Stewardess um eine Minute am Bordmikro bitten und den Passagieren erklären, dass ich als fastende Muslima erst ab Sonnenuntergang essen darf und deshalb ständig aus dem Fenster starre. Dann würden alle „aha“ und „achso“ machen. Sie würden zustimmend herumnicken. Jemand würde vielleicht eine Frage stellen. Ich würde antworten und zum Abschluss würden wir ein bisschen lachen. Und die unerträgliche Spannung wäre schwuppdiwups verschwunden. Ich stehe aber nicht auf und fragen tut auch keiner.

Dabei wünsche ich mir in solchen Situationen ganz oft, man würde mich einfach mal fragen. So wie damals, als ich gerade auf der Uni-Toilette meine Gebetswaschung machte und ein Mädchen mich mit einem Fuß im Waschbecken erwischte. Wir beide waren uns der Abnormität der Situation sehr wohl bewusst. Trotzdem ignorierten wir das eben Geschehene. Das macht man meistens so, wenn einem etwas Peinliches passiert. Zum Beispiel wenn jemand einen Fahren lässt. Aber weil die Waschung ja eigentlich nichts Peinliches ist, wünschte ich mir innerlich sehr, sie würde mich fragen, was ich tue. So könnte ich mich erklären. Uneigentlich ist das Ganze halt aber schon peinlich. Und deshalb fragte sie nicht.

Oder als ich in einem Londoner Park mit zwei Freundinnen beten wollte. Es war fast schon dunkel. Wenn wir jetzt nicht beteten, würden wir das Gebet verpassen. Also stellten sich meine Freundinnen hin und beteten auf dem Gras. Ich sorgte mich aber darum, was die Passanten bei unserem Anblick denken würden. Darum (und weil ich mich unter Beobachtung nicht auf das Gebet konzentrieren kann) beschloss ich im Sitzen zu beten. Das heißt: Ich saß auf der Bank, Hände auf den Knien, rezitierte aus dem Kuran und beugte mich ein bisschen vor und zurück. Ganz unauffällig.

Ha! Falsch gedacht. Meine in normaler Position betenden Freundinnen boten den Passanten ein vertrautes Bild von betenden Muslimen; das wippend mit sich selbst sprechende Mädchen auf der Bank hingegen – das musste verrückt sein. Konzentration: Ade! Uneigentliche Peinlichkeit: Hallo!

So sitze ich also im Flugzeug und habe ein Grummeln im Magen. Mittlerweile aber nicht wegen der Leere sondern vor lauter Erklärungswut im Bauch. Grimmig schaue ich ein letztes Mal aus dem Fenster. Die Sonne ist endlich untergegangen. Da sagt der ältere britische Herr zu mir: „Ich glaube, es ist jetzt so weit.“

taz, Tuch-Kolumne, 18.08.2010


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DER TUCHHASSER VON DER TANKSTELLE


Ich bin auf Mission. Ich möchte meiner Freundin Maya Deutschland zeigen. Maya ist halb französisch, halb amerikanisch-japanisch, hat überall und irgendwie gelebt, spricht neben Englisch, Französisch und Japanisch auch Swahili, trägt ein Kopftuch und studiert mit mir in London. In den vielen Stunden, die wir bei mir im Zimmer herumphilosophierten, erzählte ich ihr von Deutschland. Jetzt will sie es selbst sehen.

In Hamburg trinken wir Tee vor einem linksalternativen Café. Auf der Straße spielt Musik, die Menschen sind freundlich, die Sonne scheint. Kinder rasen auf Skateboards vorbei, Menschen jeder Hautfarbe sitzen um uns herum. Maya nippt Früchtetee. Und ich sage: „Das ist aber nicht Deutschland.“

Nächster Stopp: Berlin. Dort angekommen, flüchten wir vor der Sonne in die vielen Allerlei-Läden mit Kissen, Vasen und Musik aus Afrika und Asien. Zu viel orientalistisches Klischee und exotisierend dazu. Schön finden wir es trotzdem. Am Ende der Straße quetschen wir uns in einen Foto-Automaten und ziehen Grimassen. Als das Schwarz-Weiß-Bild endlich kommt, sage ich Maya: „Weißt du, das ist nicht Deutschland.“

Auf dem Kottbusser Türkenmarkt bleibt Maya vor einem kleinen Stand mit Schmuck und Ölbildern der Massai stehen. Der Besitzer, ein Massai in traditioneller Kleidung, unterhält sich mit ihr auf Swahili. Da kommt eine eine Weiße dazu und schiebt ihren Kinderwagen hinter den Stand. „Meine Frau und Tochter!“, sagt der Verkäufer. Maya lächelt und wir verabschieden uns. „Aber das ist nicht Deutschland“, erkläre ich. Maya nickt.

Die nächsten zwei Tage verbringen wir auf einem Festival in der Nähe von Köln, dem „Sufi Soul Festival“. Muslime aus ganz Europa sind angereist. Maya und ich liegen auf einer Decke in Bühnennähe und genießen die Trommelmusik. Wir treffen Freunde aus London, lernen andere Menschen kennen. Ein deutsch-irakisches Mädchen zum Beispiel, sie möchte Musiktherapie studieren. Dann unterhalten wir uns mit einem japanisch-britischen Pärchen, das durch die Weltgeschichte reist – auf der Suche nach einem Platz zum Leben. Andalusien wird es wohl werden. Im Auto kommt mir Maya zuvor: „Das ist nicht Deutschland, ich weiß“, sagt sie und lacht.

An der nächsten Tankstelle steht Maya an der Kasse, um Shampoo zu kaufen. „4,50 Euro!“, sagt der Mann, ein Mittvierziger. „Nein, 3,50!“, sagt Maya auf Englisch. So stehe es auf dem Regal. Der Mann flucht und murmelt etwas von Kopftüchern und Ausländern. Ich springe Maya bei. Er schaut mich wütend an. Er habe Besseres zu tun, zischt er. Vor dem Regal sehen wir: Maya hatte recht. Das Shampoo kostet 3,50. Doch der Kassierer gibt nicht auf. „Das ist falsch!“, sagt er und nimmt alle Shampoos aus dem Regal. Die stünden nicht zum Verkauf. Außer natürlich, wir würden 4,50 bezahlen. Machen wir natürlich nicht.

Im Auto fragt Maya: „Ist das Deutschland?“ Genervt will ich „Ja“ sagen, dann denke ich an die vergangenen Tage und möchte mit „Nein“ antworten. Ich zögere. Und sage dann: „Das alles zusammen, das ist wohl Deutschland.“

taz, Tuch-Kolumne, 21.07.2010


ZAHNRÄDER


Wochenlang saßen wir im Skype-Kämmerchen und planten und organisierten. Ich saß mangels häuslichen Internets in der Londoner Uni-Bibliothek, setzte mich in eine laute Arbeitsecke (weil ich anderswo ja nicht reden darf). Aber weil es bei mir viel zu laut war, musste immer auf „Stumm“ drücken, wenn ich den anderen Konferenzteilnehmern gerade nichts mitzuteilen hatte. Doch ich wollte eigentlich immer etwas sagen. Teufelskreis. Schwere Zeiten. Ich saß da also mit Kopfhörern in einer Ecke und sprach in einer „really ugly and harsh“ Sprache mit meinem Laptop und erntete irritierte Blicke von meinen Londoner Kommilitonen.

Heraus kamen: „Zahnräder“ – Netzwerk junger muslimischer Köpfe. Eine Idee, die anfangs im Kopf von Ali und mir schwirrte. Wir sprachen miteinander, infizierten die Ayse und so kamen immer mehr wirklich tolle Menschen, die die gleiche Idee hatten, zusammen. Ein Hirngespinst fand seinen Weg in die Realität. Schritt für Schritt.

Seit einer Woche läuft nun die erste Bewerbungsfrist für die Initiative. Unser Ziel ist es junge, engagierte und aktive Muslime zusammenzubringen. Sie sollen sich austauschen, voneinander lernen, Visionen entwickeln und erste Schritte tun, um diese zu realisieren. Dabei ist es irrelevant welcher islamischen Strömung man angehört, welchem Verein oder welcher Organisation. Das Individuum und die Visionen – das ist uns wichtig.

Denn wir alle spürten irgendwann in unserem Leben den Bedarf andere aktive junge Muslime kennenzulernen. Menschen, die die gleiche Tatkraft fühlen, etwas bewegen wollen und einen wichtigen Beitrag für diese Gesellschaft leisten wollen. Menschen, die in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen aktiv sind. Genau diesen Bedarf soll „Zahnräder“ nun versuchen zu decken. Wir wollen uns gegenseitig motivieren, inspirieren und helfen.

Ilhaam, eines unserer Team-Mitglieder, überzeugte uns alle von der Weltmetropole Wuppertal. So findet die Konferenz (im BarCamp-Stil) vom 24. bis 26. September in einer Wuppertaler Jugendherberge statt. Ich schreibe das ganz ohne Ironie (vom Weltmetropole-Satz mal abgesehen), Wuppertal ist wirklich toll. Vor allem die Stadthalle – ein Traum.

Aber zurück zum Thema. Bewerbt euch mit eurer Idee, eurer Vision! Am Ende der Konferenz werden nämlich Fördergelder von insgesamt 4.500 Euro vergeben!

So. Das war jetzt mein Totschlagargument. Wenn noch Fragen da sind, dann diese bitte in den Kommentaren stellen. Ich freue mich auf viele (neue) Gesichter, vor allem aus der Bloggerwelt.

Apropos: Ihr dürft die Veranstaltung gerne weiterpromoten. Das wäre großartigst! Und gibt bestimmt Pluspunkte im Gute-Taten-Register. Und hier: Zahnräder auf Facebook.

Und sonst so:

Die Kolumne fiel die letzten Male wegen der WM aus. Deshalb gab es keine bahnbrechenden Neuigkeiten aus der Tuch-Welt. Das wird sich bald aber ändern.

Damit verabschiede ich mich! Ahoi und Salams!

MIT DEM KLAVIER ZUR MUTTER JESU


Es ist dunkel. Ein bisschen violett, dann färbt ein blaues Licht die Bühne und die Silhouette einer Frau wird sichtbar. Sie trägt ein langes weißes Kleid und einen weißen Schal. Leise ertönt Geigenmusik, dann eine Querflöte, dann Klavier. Die Bühne erhellt sich und ich erkenne nun ein Gesicht. Die tiefschwarzen Haare sind zu einem losen Dutt zusammengebunden, prüfend schaut sie ins Publikum. Alia beginnt zu erzählen.

Klatsch! Rotes Licht flutet die Bühne. Mit Schwung schellt Alias Hand in die Höhe. Sie beschreibt, wie Abu Jehil mit voller Wucht Fatima schlug. „Vater der Ignoranz“, so nennen Muslime diesen Mann, der Fatima, die Tochter des Propheten Mohammed, grundlos ohrfeigte, als er ihr zufällig auf der Straße begegnete.


Die Musik hält inne.

Alia schaut in das Publikum und lässt uns den Schmerz fühlen, den die kleine Fatima spürte. Wie sie ihre Tränen unterdrückte und mit erhobenem Kopf den Ort der Erniedrigung verließ.


Ich bin in einem Kulturzentrum im Osten Londons und höre mir traditionell islamische Geschichten zu westlicher klassischer Musik an. Alia, die Erzählerin, spricht von starken Frauen im Koran. Von der Jungfrau Maria und der Liebe, mit der sie ihren vaterlosen Sohn, den Propheten Jesus, aufzog.


Wir reisen viele Jahrhunderte zurück zu Asiya, der Frau des Pharaos, die das Kind vom Nil, den späteren Propheten Moses, bei sich aufnahm, ihn aufzog. Eine Frau, die für ihn und ihren Glauben viel ertrug. Und wir reisen zu Hatice, der erfolgreichen Geschäftsfrau und ersten Frau des Propheten Mohammed, die selbstbewusst dem Propheten einen Heiratsantrag machte.


Der Klang von Alias Stimme trägt meine Gedanken in einem Tagtraum fort. Zu meiner Freundin Myriam, einer quirligen französischen Britin: Als Kind eine Schauspielerin, setzt sie sich heute als Akademikerin und Journalistin für Frauen, den Islam und Gleichberechtigung ein. Sie ist direkt, ehrlich und schlagfertig. Genau wie Sultana, die hübsche Anwältin, die seit einigen Tagen auf Postern in ganz London zu sehen ist – als Teil einer Kampagne gegen Islamophobie in Großbritannien.


Da ist Hacer, die alleinerziehende Mutter von drei Söhnen, die sich gegen ihren Exmann durchsetzte und heute auf eigenen Beinen steht. Da sind die beiden Schwestern, die sich dem Kopftuchverbot an türkischen Universitäten nicht beugen wollten und heute in England ohne Eltern und Bekannte ein neues Leben aufbauen und studieren. Und da ist …


Klatsch! Wieder ist Alias Hand oben. Dieses Mal war es Abu Jehil, der perplex dastand und nicht wusste, wie ihm geschah. Fatima hatte sich beim Stammesführer beschwert. „Führ mir genau vor, was vorgefallen ist“, bat er. So ging das kleine Mädchen zurück zu Abu Jehil und schlug ihm ins Gesicht. Nicht aber die Ohrfeige schmerzte Abu Jehil, sondern von einem kleinen Mädchen vor seinen Stammesleuten bloßgestellt zu werden. Von der kleinen Fatima wusste man seitdem, dass sie Ungerechtigkeit nicht duldet. Von den muslimischen Frauen heute sollte man auch noch mehr hören. Es wäre schön, wenn das kein Traum bliebe.


taz, Tuch-Kolumne, 09.06.2010

DER SABBAT-LIFT

Bild: Normann

„Wenn Juden am Sabbat keine Knöpfe betätigen dürfen, was machen dann die, die in einem Hochhaus den Aufzug benutzen müssen?“, frage ich Benji. Es ist früher Abend und wir sitzen zusammen mit Freunden in einem Imbiss im Londoner Stadtteil Golders Green, berühmt für seine große jüdische Gemeinde. Wir essen koschere Schawarma. Schon den ganzen Nachmittag habe ich Benji Löcher in den Bauch gefragt. Benji ist Jude. Und in einem Jahr wird er mit seiner Ausbildung zum Rabbi fertig sein.

Als eine Freundin ihn mir vorstellt, bin ich überrascht. Benji entspricht so gar nicht den gängigen Vorstellungen von einem Rabbi – oder zumindest nicht den meinen. Er hat keine langen Schläfenlocken und trägt keine Kippa auf dem Kopf. Er ist dünn und groß, Ende 20, hat die kurzen schwarzen Haare zur Seite gekämmt. Auf der Straße könnte ich ihn nicht von anderen Londoner Jungs unterscheiden.

Ich frage und frage und frage. Kann er Hebräisch? Sind seine Eltern auch religiös? Wir sind mit Freunden da, aber die sind bald vergessen. Von uns gelangweilt reden sie über andere Themen. Egal. Dafür kann ich Benji in Ruhe löchern.

Er erzählt, dass er weder Kippa noch Locken trägt, weil er sich als liberaler Jude versteht. Seine Eltern waren Teil einer spirituellen, sufistischen Gruppe in England, die sich von verschiedenen Religionen inspirieren ließ. Ihn und seine Brüder zogen sie jüdisch auf. Sie feierten den Sabbat, und einmal in der Woche ging Benji in die Religionsschule. Hebräisch lernt er erst jetzt in seiner Rabbiner-Ausbildung am College.

Während wir miteinander sprechen, sagen wir zwei Dinge immer wieder „Echt?“ Und: „Bei uns auch!“ Vieles ähnelt sich in Islam und Judentum. Das wusste ich ganz allgemein, aber konkret hatte ich es bis dahin nicht erfahren. Sogar die Begriffe sind oft ähnlich. In beiden Religionen gibt es ein Wohltätigkeitsgebot – wir sollen Armen und Bedürftigen spenden. Benji nennt es „Zedaka“, ich „Sadaka“ oder „Zekat“. Wir beide haben unsere Fastenzeiten und beten beide mehrfach am Tag – Benji zweimal Richtung Jerusalem, ich fünfmal Richtung Mekka. „Darf ich mal mit in die Synagoge?“, frage ich ihn schließlich.

Und da stutze ich. Und muss innerlich grinsen.

Stelle ich hier etwa genau die gleichen, oft nervigen Fragen, die ich sonst zu hören bekomme? Kübra, darf ich mal mit in die Moschee, obwohl ich kein Muslim bin? Kübra, wie hältst du das Fasten aus? Oder auch gern genommen: Kübra, wie ist es denn so unter dem Kopftuch? „Grrr. Das kann man doch nachlesen“, denke ich dann oft.

Eben nicht. Religion ist erst einmal abstrakt. Menschen wie Benji machen sie lebendig. So erzähle ich am Abend meinen Mitbewohnerinnen begeistert vom ersten angehenden Rabbi, den ich kennen gelernt habe. Und gebe mit meinem neuen Wissen an. Wie kommt der Hochhausbewohner am Sabbat in seine Wohnung? Mit dem Sabbat-Lift. Die gibt es in Hochhäusern mit mehrheitlich jüdisch-orthodoxen Bewohnern. Sie halten automatisch an jedem Stockwerk. Kann lange dauern. Aber einen Knopf muss niemand drücken.

taz, Tuch-Kolumne, 26.05.2010

EINE ANTWORT UND DANACH GEHE ICH SCHWITZEN.

Nach einigem Hin und Her: Hier findet ihr in leicht abgeänderter Form meine Antwort auf eine der direkten Reaktionen, die ich auf meine letzte Tuch-Kolumne in der taz („Es gibt kein Entkommen„) erhielt.

Sehr geehrte Frau X,

vielen lieben Dank für Ihren Kommentar. Ich würde Ihnen gerne darauf antworten.

Ich bin keine Verfechterin der Burqa (oder besser gesagt, des Niqabs). Meinem Islamverständnis entspricht diese Art der Verschleierung nicht. Ich möchte die Burqa deshalb keineswegs rechtfertigen. Mir ging es in der Kolumne um eine ganz andere Sache: Aufzuzeigen, wie absurd das Burqa-Verbot in Belgien ist und dass es sich hierbei nur um schlecht gemachte Symbolpolitik handelt.

Streng genommen ist Politik immer Symbolpolitik. Doch dieser Fall ist ein Besonderer: Diese Maßnahme wurde ergriffen, um der Furcht und dem Unbehagen gegenüber Muslimen in der Gesellschaft Luft zu lassen – und diesen Menschen symbolisch zu zeigen: „Schaut her, wir machen etwas gegen die Muslime!“

Denn effektiv ist die Maßnahme keinesfalls: Erstens gibt es in Belgien und im restlichen Europa nur eine unbeeindruckend kleine Zahl von Burqa-Trägerinnen. Und zweitens: Die Frauen, die die Vollverschleierung freiwillig tragen, werden sich diskriminiert fühlen, verstoßen, unverstanden. Und womöglich werden sie auswandern, statt den Gesichtsschleier abzuheben (Letztere Option könnte einigen natürlich durchaus gefallen). Jene jedoch, die dazu gezwungen werden, – jene Frauen, um die es eigentlich gehen sollte – werden nach Hause gedrängt und bekommen so erst recht keine Chance sich zu befreien.
Kurzum: Das Verbot ist sinnlos, gar schwachsinnig.

Das Wort „Gefängnis“ verwendete ich in Bezug auf Koch-Mehrins Zitat, die Burqa sei ein „mobiles Gefängnis“. Wenn man ihren Gedanken nämlich weiterführt, stellt man fest: Aus dem mobilen Gefängnis wird ein immobiles Gefängnis (weil die Frau in ihr Haus eingesperrt wird – siehe oben und Kolumne).

Um also die Absurdität dieser Maßnahme und Symbolpolitik zu verdeutlichen, nahm ich ein banales Beispiel: Die islamischen IPhone-Applications. Verbietet man sie, tut man auch „etwas gegen die Muslime“. Was natürlich vollkommen absurd ist. Aber darum geht es ja.

Übrigens: Selbstverständlich habe ich meinen Lapton-Ton in der Bibliothek nicht mit Absicht angelassen. Das war mir vielmehr peinlich, ich möchte ja niemanden stören. Diese Geschichte war – wie Vieles in diesem Text – sarkastisch erzählt.

Nun kann es durchaus sein, dass dieser Sarkasmus, das iPhone-Beispiel oder mein Schreiben nicht allen gefällt. Und das ist okay so. Es hat jeder seinen eigenen, individuellen Humor, versteht Sarkasmus anders und außerdem: Ich bin mir bewusst, dass ich journalistisch noch viel verbessern kann und das werde ich auch. Deshalb sehe ich das locker und habe Verständnis. Mit der Kritik wächst man. Bauchpinseln ist zwar schön, aber man lernt eben nicht viel. Ein Freund schrieb sehr schön: „Nur wer schwitzt, bekommt Muckis.“ Also Danke für die Kritik! :)

Ich hoffe, ich konnte Ihnen die Idee hinter meinem Text verständlich machen. Sollten Sie noch Fragen oder Anmerkungen haben, so können Sie mich gerne anschreiben.

Verbleibe mit sonnig-freundlichen Grüßen aus London,

Kübra Yücel

ES GIBT KEIN ENTKOMMEN

Achtung. In dieser Kolumne geht es nicht um das belgische Burka-Verbot. Zu diesem Thema wurde schließlich schon oft genug etwas gesagt. Ich fasse lediglich zusammen: Bei dem Burka-Verbot handelt es sich um symbolische Hau-den-Muslim-Politik. Verständlich, denn irgendetwas muss ja gegen „die Muslime“ getan werden.

Leider aber wählten die Belgier die falsche Methode. Und bevor auch die FDP-Visionärin Koch-Mehrin den Fehler wiederholt und aus dem „mobilen Gefängnis“ ein immobiles Gefängnis macht – die Burkaträgerinnen also nach Hause verbannt – möchte ich auf eine bislang ignorierte und unbemerkte islamische Gefahr aufmerksam machen: die schleichende Islamisierung des iPhones.

Meine erste Begegnung mit diesem Phänomen machte ich in einem Hotel in Zürich. Ich rief die Rezeption an, um nach der Himmelsrichtung Südost zu fragen, als der Empfangsmitarbeiter mich unterbrach und fragte: „Ach, sie wollen bestimmt wissen, wo die Gebetsrichtung ist, nicht wahr?“ Schweigen an meinem Ende des Telefons. „Einen Moment bitte, ich komme zu Ihnen!“, sagte er und verschwand. Ich war irritiert.

Eine Minute später stand er vor meiner Zimmertür und tippte auf seinem iPhone herum, „Da haben wirs!“ – Triumphierend präsentierte er mir sein Handy: Darin war ein Kompass zu sehen, das in die Gebetsrichtung zeigte. Unfassbar, der Empfangsmitarbeiter hatte tatsächlich eine islamische Gebetsrichtung-Anwendung auf seinem Telefon!

Himmel! Muslime hatten nun also auch den Apple-Produkten den Kampf angesagt. Schleichend und unbemerkt wurde die Islamisierung des Apfels vorangetrieben, und ich fürchte, es könnte schon fast zu spät sein. Ich bin den Anblick von Tetris spielenden Menschen in der Londoner U-Bahn gewöhnt, doch kürzlich entdeckte ich eine junge Kopftuch-Trägerin, die auf ihrem iPhone statt Tetris zu spielen dreisterweise den Koran las – mit Hilfe der Koran-Anwendung. Erwischt!

Ein befreundeter Imam wurde dabei beobachtet, wie er ein iPhone benutzte, um sich über die Gebetszeiten zu informieren und die Gebetsrichtungen zu prüfen. Erwischt! Auf meiner letzten Tour in eine fremde Stadt zog ein Muslim aus unserer Reisegruppe das iPhone zu Hilfe, um das nächstgelegene Halal-Restaurant ausfindig zu machen. Erwischt!

Nicht einmal ich konnte meine Apple-Produkte vor der schleichenden Islamisierung bewahren. So ertappte ich mich dabei, wie ich eine Gebetsruf-Anwendung auf meinem Laptop installierte, die mich fünfmal am Tag zum Gebet aufrief. Als ich kürzlich in der Bibliothek saß, „vergaß“ ich, den Ton auszuschalten. So ertönte der Gebetsruf laut durch die gesamte Bibliothek und fand seinen Weg in die Ohren meiner nichtmuslimischen Kommilitonen. So wurde auch ich: Erwischt!

Sehr verehrte Politik-Macher, das ist Ihre Chance. Wenn Sie richtig effektive Symbolpolitik machen wollen, dann lesen Sie hier exklusiv einen Kopftuchmädchentipp: Sie können nun endlich etwas gegen die Muslime tun. Verbieten Sie die Islam-infizierten iPhones. Das ist bestimmt ganz effektiv.
taz, Tuch-Kolumne, 12.05.2010
Bildcredit: shmileblik

SPIELT EUER SPIEL ALLEINE

Damals, 2005, hat uns allen der Karikaturenstreit doch so viel Spaß gemacht – das müssen wir wiederholen! Also, auf ein Neues: In der Hauptrolle ist dieses Mal ein international bekanntes Format – die satirische Trickfilmserie „South Park“ aus den USA. In ihrer 200. Jubiläumssendung zeigen sie den Propheten Mohammed und diskutieren, wie viel Mohammed man zeigen darf. Die Medienwelt wartet gespannt. Wie werden die Muslime reagieren?

Das Problem: Die Muslime spielten nicht mit. Keine brennenden Flaggen oder Konsulate. Nichts. Viele kannten die Sendung nicht und konnten auch nichts mit ihr anfangen. Den Rest nahmen sie mit Humor oder waren zwar verärgert, reagierten aber trotzdem nicht. Denn: Es geht um pure Provokation. Und Provokation ist nur dann erfolgreich, wenn man reagiert. Weshalb also Reaktion zeigen?

Schon im Juli 2001 hatte „South Park“ den Propheten Mohammed gezeigt – als Teil der „Super Besten Freunde“, einem Team aus religiösen Figuren, die gegen das Böse kämpfen. Neun Jahre lang war die Figur Mohammed auf der offiziellen Webseite öffentlich zugänglich, in vier Staffeln sogar im Intro zu sehen. Warum also sollte ich jetzt plötzlich „Zensur!“ schreien?

Selbstverständlich gibt es Muslime, die sauer sind. Das ist auch ihr Recht. Viele fühlen sich angegriffen: Ihr Prophet, den sie selbst nicht wagen zu zeichnen, wird Gegenstand einer Trickfilmsatire. Trotzdem aber bleiben sie ruhig.

Damit wäre der diesjährige Streit fast ins Wasser gefallen, da eilte eine skurrile Gruppe aus New York herbei, die sich „Revolution Muslim“ nennt. Sie besteht nach eigenen Angaben aus zwanzig Personen, die die Webseite RevolutionMuslim.com betreiben und eine extremistische Auslegung des Islams praktizieren.

Auf dieser Webseite veröffentlichten sie zusammen mit dem Bild des ermordeten Satirikers Theo van Gogh eine „Warnung“ an die „South Park“-Macher: „Wir müssen Matt (Stone) und Trey (Parker) warnen, denn was sie tun, ist dumm, und sie werden für die Ausstrahlung vielleicht enden wie Theo van Gogh. Das ist keine Drohung, aber eine Warnung vor der Realität, die sie heimsuchen kann.“

Da war sie endlich, die Reaktion „der Muslime“. Der Sender Comedy Central zensierte prompt die Sendung, indem die Figur Mohammed mit einem „Censored“-Balken verdeckt und sein Name weggepiept wurde. Eifrig wurden in den Medien Meinungsfreiheit, Zensur, der Islam und die Muslime diskutiert. Weshalb sollten Muslime anders behandelt werden? Warum sollte ihr Prophet nicht parodiert werden dürfen?

Der vorläufig-ultimative Höhepunkt: Nach dem Motto „Jetzt erst recht!“ riefen Cartoonisten und Blogger den 20. Mai zum „Jeder-Malt-Mohammed-Tag“ aus.

Wow. Was ne Welle! Dabei haben wir nicht einmal mitgespielt. Und ich bin sauer. Nicht nur wegen der Mohammed-Darstellung, sondern vor allem, weil anscheinend zwanzig Personen einer skurrilen Gruppierung ausreichen, um 1,5 Milliarden Muslime zu vertreten. Na, meinetwegen. Schlagt euch die Köpfe ein, ich spiele nicht mit.

taz, Tuch-Kolumne, 28.04.2009

MEIN KOPF GEHÖRT MIR

Ich war vierzehn Jahre alt, als mich eine Frau in der U-Bahn fragte: „Warum trägst du das Kopftuch?“ „Weil ich will“, antwortete ich, woraufhin sie „Willst du nicht!“ zurückschrie. Und ich hörte nur noch die Worte: Afghanistan, Gewalt an Frauen, Unterdrückung, Zwangsehen, Ehrenmorde – das volle Programm eben. Seitdem gibt es solche Szenen immer wieder.

Nein, ich möchte deshalb nicht bemitleidet werden oder gar in die ach so beliebte Opferrolle. Ich schreibe dies, weil ich das Gegenteil will: als freies, selbstständiges und mündiges Individuum wahrgenommen werden. Doch genau das wird kopftuchtragenden Musliminnen verwehrt.
Die Frauen unter Kopftüchern werden auf unterdrückte Wesen der patriarchalischen Gesellschaft und Opfer des männlichen Triebs reduziert. Drängt sich denn niemandem der Verdacht auf, dass es Musliminnen geben könnte, die freiwillig, aus religiösen Gründen, ein Kopftuch tragen?
Klar. Darüber, ob das Kopftuch religiöse Pflicht ist, wird viel diskutiert. Jede Muslimin kommt an den Punkt, an dem sie diese Frage für sich klärt – und sich für oder gegen das Tuch entscheidet. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass der Quran und die Sunnah des Propheten relativ eindeutig sind in dieser Frage. Für mich ist das Kopftuch eine religiöse Pflicht.
Ein Gebot sollte jedoch nicht allein deshalb befolgt werden, weil es ein Gebot ist. Jeder Muslim ist angehalten zu verstehen, welchen Grund verschiedene Gebote haben könnten. So hat jede Kopftuchträgerin ihre eigenen, individuellen Motive. Ich zum Beispiel fühle mich mit dem Kopftuch Gott näher und erinnere mich täglich der islamischen Spiritualität. Außerdem bekenne ich mich gerne öffentlich zu meiner Religion, die mich sehr geprägt hat und noch immer prägt. Das Kopftuch ist Teil meiner Identität.
Für andere Musliminnen kann das Kopftuchtragen natürlich andere Gründe haben – wie das Schutzbedürfnis oder das vielkritisierte Verhüllen vor männlichen Blicken. Oder auch nichtreligiöse Gründe wie Ausdruck der Weiblichkeit und gesellschaftlich-familiärer Druck.
Der große Kritiker-Fehler: Aus den zahlreichen Gründen suchen sie sich einen Grund aus, auf den sie dann ihre gesamte Argumentation stützen. Ja, es gibt patriarchalische Kulturkreise, in denen das Kopftuch und die Frau von Männern als Aushängeschild der familiären Ehre missbraucht werden. Leider.
Deshalb können muslimische Communitys dafür kritisiert werden, diese Traditionen noch immer nicht effektiv bekämpft zu haben. Doch daraus ein generell islamisches Problem zu machen, wird der Realität nicht gerecht und ist unfair gegenüber all jenen Frauen, die sich freiwillig für das Kopftuch entschieden haben und nun durch das Klischee zu Unterdrückten stilisiert werden.
Daher: Nein danke. Ich renne nicht, einem Huhn ohne Kopf gleichend, blind durch die Gegend, um die unterdrückenden Traditionen der Großeltern zu verteidigen. Ich bin unabhängig, habe meinen eigenen Willen. Ich bin frei. Und deshalb: Bitte befreit jemand anderen.

taz, Tuch-Kolumne, 14.04.2010