LASST UNS DIES DEN ANFANG VOM ENDE SEIN.


Wehret den Anfängen, wehret den Anfängen… So oft rief man diesen Satz in den vergangenen Jahren. So oft, dass er heute bedeutungslos ist. 182 rassistische Morde zählen wir in meinem Land. 182 zu viel. Das ist kein Anfang mehr.

„Braune Armee Fraktion!“, „Brauner Terrorismus!“, „Braune Morde!“, Braun! Wie ein Wirbelsturm jagte die Neuigkeit in den letzten Tagen über mein Land und zeigte uns die Gesichter einer Krankheit, die wir viel zu lange ignorierten. Mein Land ist krank. Mein Land ist rassistisch. Und die braunen Flecken sind nur seine Symptome.

Wir haben den Falschen applaudiert und die Falschen uns. Sarrazin, wir klatschten. Wilders, wir klatschten. Broder, wir klatschten – und jetzt bluten uns die Hände.

Die waschen wir uns nun. Über unsere braunen Flecken sprechen wie so, als seien es nicht unsere. Als wären es die Flecken anderer. Enthusiastisch und leidenschaftlich stürzen sich nun die Blätter, die jahrelang den Hass schürten, kein Stereotyp unbeschrieben ließen und kein Vorurteil ungenannt, nun auf die Familien der Opfer, besuchen ihre Häuser und waschen dort ihre Hände. Sie schreiben über die bösen Rechten – die anderen.

„Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten, sehet ihr zu.“ (Matthäus 27, 24)

Wir alle sind schuld.

Man will die NPD verbieten. Ein Pflaster auf das Blut, die Flecken kleben. Kaschieren, verstecken. Ist Rassismus nicht mehr da, wenn es die NPD nicht mehr gibt?

Nein, die Täter sind unsere Täter. Die Opfer sind unsere Opfer. Das Blut ist unser Blut. Das alles geschieht in unserem Land, in unserer Gesellschaft. Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie sind unser aller Themen. Denn wir sind krank.

Hören wir doch auf, uns hinter den Familien der Opfer zu verstecken, hinter NPD-Verboten. Reden wir über unsere Krankheit, reden wir davon, wie sich der Rassismus durch alle Gesellschaftskreise zieht – von Stammtischen bis hin zu akademischen Champagnerglas- und Steh-Events. Ohne dabei immer wieder unausweichlich beim Thema Deutschenfeindlichkeit zu enden. Es ist auch der subtile Rassismus, der Blick, der Ton, der schmerzt, verletzt und verstößt.

Gestern Abend lernte ich in London eine türkische Juristin kennen, die vor einigen Jahren – unentschlossen, ob sie lieber nach Deutschland oder England auswandern sollte – mein Land besuchte. Eine Woche, sagt sie, habe sie es ausgehalten.
Eine Woche und sie fühlte sich minderwertig, untergeordnet und schwach. Heute ist sie eine erfolgreiche Londoner Anwältin.

Was sollte ich ihr sagen? Ich konnte nur schweigen.

„Rassismus ist doch kein Thema mehr“, rief mir vor ein paar Monaten ein CDU-Politiker in einer Debatte hochrot angelaufen und erbost zu. „Es stirbt doch niemand mehr, es brennen doch keine Häuser mehr.“

Lasst uns endlich ehrlich sein mit uns. Lasst uns die Wurzel unserer Krankheit behandeln, aufeinander zugehen. Stark sein. Gesunden. Lasst dies den Anfang vom Ende sein.
Dieser Text erschien zuerst in der taz-Tuch-Kolumne vom 23.11.2011

SEHNSUCHT KOMMT UND GEHT


Als Hasret das erste Mal weg war, suchte Medine sie überall.
In Aufruhr durchkämmten die Bewohner der türkischen Kleinstadt Felder, Häuser und Bäche. Es wurde schließlich später Abend. Die Laternen der Suchenden, der Mond und die Sterne erhellten das Feld der Familie. Verzweifelt bahnte sich Medine den Weg durch die Orangen-, Zitronen- und Feigenbäume. Und während sie lief, fühlte Medine einen Schmerz, wie sie ihn nie zuvor gefühlt hatte. Weinend rief sie den Namen ihrer Tochter. Immer wieder.

Am Berghang endlich entdeckte sie dann das kleine Mädchen. Hasret lag friedlich schlafend in dem Papphäuschen, das die Brüder ihr gebaut hatten. Der unbekannte Schmerz in Medines Herzen verschwand. Sie schloss ihr schlafendes Kind fest in ihre Arme.

Als Medine ihre Arme wieder öffnete, waren zehn Jahre vergangen. Hasret war nun 13 Jahre alt und sollte bei Verwandten in der Großstadt leben und die gute Schule dort besuchen. Hasret ging und der Schmerz von damals nahm wieder Platz in Medines Herzen. Dieses Mal für immer. Jahre vergingen. Schul- und später Semesterferien waren es, an denen sie sich Mutter und Tochter sahen. Kaum dass Hasret da war, war sie wieder weg. So kam es, dass sie eines Tages als Braut in den Armen ihrer Mutter lag. Auf dem Weg nach Deutschland.

Während sich Hasret in einem weißen Kleid von ihrer Mutter verabschiedete, wuchs Medines Schmerz nun auch in Hasrets Herzen. Hasret weinte in Deutschland, Medine in der Türkei. Es waren jedes Jahr die wenigen Sommertage in der türkischen Kleinstadt, in denen sie versuchten, ihren Liebesdurst zu stillen. Tränenreich wurde jedes Jahr der Abschied. Nie aber sah Hasret ihre Mutter weinen, nie sah Medine ihre Tochter weinen. Hasret weinte im Stillen in Deutschland, Medine im Stillen in der Türkei.

„Mutter, komm nach Deutschland“, sagte Hasret am Telefon. Einmal, nur einmal wünschte sie sich, ihre Mutter als Gast in ihrem Haus begrüßen zu dürfen. Medine zögerte. So weit war das Land, so fremd. „Wer soll das Feld bestellen?“, fragte Medine. Als Medine zu alt wurde, hörte Hasret auf zu fragen.

24 Sommer nachdem Hasret ihr Elternhaus in einem weißen Kleid verließ, hing nun auch in dem Zimmer ihrer Tochter ein weißes Kleid. „Komm nach Deutschland, Mutter. Sei dabei“, bat Hasret am Telefon. „Ich wills versuchen. So Gott will“, antwortete Medine zum ersten Mal.

In dem kleinen Haus zwischen Feigen- und Zitronenbäumen wurde es bunt und fröhlich. Medine und ihr Mann waren beide alt und krank, aber die Aufregung verjüngte sie mit einem Mal. Sie ließ sich vier Kleider nähen und kaufte zu jedem Kleid passende Schuhe und Taschen. Sorgfältig legte sie ihre Kleider auf die Kommode, die Schuhe und Taschen daneben – immer in Sichtweite. Als es auch mit dem Visum klappte und die Flüge gebucht waren, ging es Medine immer besser. Sie war glücklich und jung. So sei es immer, sagen die Ärzte. So kurz vorher.

Drei Tage vor der Hochzeit steigt Hasret in das Flugzeug. Um ein letztes Mal Abschied zu nehmen von ihrer Mutter.

Hasret bedeutet Sehnsucht.

Dieser Text erschien zuerst in der taz Tuch-Kolumne 26. Oktober 2011

GEHEIMTIPP GEBETSRAUM

Istanbul, internationaler Flughafen, sechs Uhr früh. Für Transit-Gäste, die hier für ein paar Stunden stranden, ist der Gebetsraum im Untergeschoss die beste geheime Schlafstätte. Die Lichter sind aus, der Boden ist mit einem weichen Teppich ausgelegt und Damenhandtaschen sind sowieso großartige Kopfkissen. Fünf oder sechs Frauen liegen hier. Ich torkle rein, zu müde, um mich vernünftig umzuschauen, und suche mir einen Schlafplatz. Binnen weniger Minuten bin ich weg.

Eine Stunde später geht das Licht plötzlich an. „Wake up!“, ruft eine Frau. „Cleaning!“ ruft sie weiter in einem türkischen Akzent und stupst jede einzelne Frau wach. Sie müsse jetzt hier saugen. Ich richte mich auf und versuche zu registrieren, was los ist. Die Putzfrau ist kräftig, hat sich die kurzen braunen Haare streng nach hinten gebunden und guckt genervt. So wie jemand, der es satt hat, jeden Tag das Gleiche zu sagen, zu tun und zu erleben. Routinierte Frustration.

Die Frauen richten sich nach und nach auf, mittlerweile sind es ziemlich viele hier, stelle ich überrascht fest. Eine ältere Iranerin zieht ihr verziertes Kopftuch über die toupierten Haare und stemmt die Arme in die Hüften. Ob man denn hier nicht später sauber machen könne. Sie sei schon seit Stunden unterwegs, komme aus dem Iran und müsse in wenigen Stunden weiter in die USA. Mariam heißt die Dame, Literaturwissenschaftlerin, kommt aus dem aserbaidschanischen Teil im Nordwesten des Iran, lebt jetzt aber zusammen mit ihren Kindern und Enkeln in Washington, wie ich später erfahre. Sie ist deutlich müde und erschöpft.

Mariam und die Putzfrau diskutieren eine Weile, dann gehe ich dazwischen. Zehn Minuten den Raum verlassen ist doch kein Problem, beschwichtige ich. Schließlich gibt Mariam nach und wir gehen in den Waschraum. Eine etwas korpulente Bosnierin kommt als Letzte aus dem Gebetszimmer und setzt sich an den Beckenrand, wo sonst rituelle Waschungen verrichtet werden.

Im Waschraum unterhalten wir Frauen uns. Eine Kuwaiter Radiologin ist mit ihren beiden Töchtern unterwegs nach Paris. Eine Woche Einkaufen und Sightseeing stünden auf dem Plan, erzählt sie in hervorragendem Englisch. Im Gegensatz zu den drei muslimischen Chinesinnen. Wir lächeln uns an, aber verstehen einander kaum. Sie tragen weite Kleider in Erdtönen und einen hohen verzierten Kopfschmuck. Ich wünsche mir sehr, mich mit ihnen unterhalten zu können. Chinesische Muslime können fließend Arabisch, hatte ich mal gelesen. Doch bevor ich es versuchen kann, ruft uns die Putzfrau wieder in den Gebetsraum. Sie sei jetzt fertig.

Wir setzen uns alle an unsere Plätze, hellwach und neugierig, wohin die jeweils anderen hinfliegen, welche Geschichte sie haben und wie sie so sind. Dann schaltet die Putzfrau das Licht aus. Ein bisschen noch erkenne ich die Silhouetten der anderen, erwartungsvoll sitzen wir da. Als das Schnarchen der Bosnierin die Stille übertönt, legen wir uns langsam widerwillig hin – in der Hoffnung, bald wieder aus dem einsamen Schlaf der Anonymität gelockt zu werden.

Kolumne erschien zuerst in der Taz-Tuch-Kolumne 28. September 2011.

SEZER MUSS GEHEN


Sezer ist eine Frau*, hat aber ihren männlichen Namen aus einem früheren Leben behalten. Ich sitze mit ihr in einem Istanbuler Café und trinke Tee. Sezer erzählt. Ich höre zu.

Sie hat sich nicht geschminkt und ist schlicht angezogen. Ihre Nase ist schmal, die Lippen etwas aufgespritzt, die Brüste wirken zu groß für ihren zierlichen Körper. Sie verschränkt schützend ihre Arme davor. Sezer möchte sich verstecken, zumindest nicht herausstechen.

„Ich mag das nicht, laut und auffällig“, sagt sie fast flüsternd. So spricht sie die ganze Zeit, leise und vorsichtig.

Ein schlaksiges Kind muss sie einmal gewesen sein. „Zu schlaksig für meine sieben Brüder“, erzählt Sezer. Sie war das jüngste Kind einer großen Familie in einem Dorf im Osten der Türkei. Blond, schmal und mädchenhaft sah sie aus. Ganz anders als ihre Brüder, die sie deshalb schlugen und hänselten.

„Sie wollten mich psychisch fertigmachen, damit ich mich selbst umbringe. Damit sie das nicht selbst tun mussten“, sagt sie. Glücklicherweise ergatterte sie nach der Schule einen Platz an einer Universität, das war ihr Fluchtweg.

Seit fünf Jahren ist sie nun in Istanbul, ihre Familie hat sie seitdem nicht gesehen. Dafür aber viel Leid. „Wie ein Sack“ lag vor zwei Jahren eine ihrer Freundinnen tot auf der Straße, die Kehle von einem Freier durchschnitten.

Die Polizei kümmerte das kaum, sie stellte keine Nachforschungen an, ließ lediglich die Leiche entsorgen. Sezer sagt, Transvestiten seien hier Freiwild.

Sie geht nicht mehr auf Partys, sie nahm ohnehin nie Drogen, hat jetzt aufgehört zu rauchen. Einen Plan hat sie nicht, aber sie würde gerne „normal“ sein.

„Ich will einen Alltag, einen unauffälligen Job, Routine. Das wilde Leben ist nichts für mich“, sagt Sezer. Sie sagt, sie wolle wieder ein Mann sein.

Sie erzählt von ihren Freundinnen, die man umbrachte, die im Gefängnis sitzen, und jenen, die sich selbst töteten. „Ab einem bestimmten Alter vereinsamen wir. Schau dir Bülent Ersoy an“, sagt sie. Bülent Ersoy ist die prominente Transvestitin der Türkei, eine berühmte und beliebte Sängerin.

„Viele meiner Freunde ahmen sie nach, aber wir alle wissen, wie unglücklich sie bei all dem Ruhm ist.“ Viele beenden ihr Leben früh, wenn ihnen nicht Drogen oder Freier zuvorkommen.

Sezers Freundinnen gehen anschaffen, um Geld nach Hause zu schicken. Dann fragen die Eltern beim nächsten Feiertag am Telefon nicht wieder, wann das Kind denn endlich wieder nach Hause kommt.

Damit sie nie erfahren, dass der Sohn nun eine Tochter ist. Während wir reden, sucht Sezer vorsichtig den Blick der Männer, die an uns vorbeigehen. Auch Sezer arbeitet heute.

„Ich wollte eigentlich nie eine Frau sein“, sagt sie und lächelt mich an. Ich weiß nicht, ob sie das sagt, weil sie glaubt, ich wolle das hören. Ich weiß nicht, ob sie wirklich wieder ein Mann sein möchte oder sich einfach danach sehnt, ihr Leben möge der Mehrheit als normal gelten.

Sie erzählt von Freundinnen, die heiraten, von manchen, die religiös werden und gar das Kopftuch tragen.

Dann nickt ihr ein Mann zu, sie schaut mich an. Sezer atmet tief durch. Sie muss jetzt los.

taz, Tuch-Kolumne, 14. September 2011

* Sezer wählte in unserem Gespräch auf Türkisch das Wort „travesti“, um sich zu beschreiben, nicht transgender. Mir ist bewusst, dass beides nicht zu verwechseln ist. Ich möchte ihr allerdings nicht in den Mund legen, was sie wohl gemeint haben könnte. Heute würde ich diesen Text anders schreiben (und das Gespräch vermutlich anders führen). Damals (2011) war mein Wissensstand und Sensibilität bezüglich der LGBTQI Gemeinden noch sehr begrenzt.

KEINE WIDERREDE!

So stellt man sich in Ägypten Gastfreundschaft im deutschen Zuhause vielleicht vor – doch Ägypten ist weit mehr als das. Weit mehr.

Wir sind in Kairo auf der Suche nach einem Buch. Man gibt uns Wegbeschreibungen, keine ist richtig. Wir laufen hin und her. Es ist heiß, die Sonne knallt und ich bin genervt. Wir treffen schließlich auf Ahmed, einen jungen ägyptischen Geschäftsmann. Er will uns helfen und führt uns in eine Buchhandlung in der Nähe. Ohne Erfolg, das Buch gibt es dort nicht. “Aber vielleicht in einer anderen Buchhandlung”, sagt der Verkäufer und beschreibt Ahmed den Weg.

“Ich fahre euch”, sagt Ahmed. Keine Widerrede. Schnell räumt er die Kindersitze in seinem Wagen weg, bittet uns hinein und fährt los. Auf der Fahrt erzählt er uns von seinem Familienunternehmen, wie sie unter der Revolution gelitten haben und dass es das aber wert gewesen sei. Er sei glücklich mit dem, was er habe.

Eine Stunde später stehen wir mit dem gesuchten Buch an der Kasse. Als wir zahlen wollen, erklärt Ahmed uns, das Buch sei schon bezahlt. Keine Widerrede. Und nach Hause fahren will er uns auch. Keine Widerrede. Als er später nach einer herzlichen Verabschiedung davonfährt, hinterlässt er bei mir mehr als nur ein Buch.

Einige Tage später sitzen wir in einem klappernden Taxi. Es riecht stark nach Benzin, ich muss mir die Nase zuhalten, atme vorsichtig. Es ruckelt, es wackelt. Ich sitze angewidert auf den alten Sitzen und versuche mich nirgends anzulehnen. Dann sehe ich das Gesicht des Fahrers im Rückspiegel: alt und gezeichnet. Er guckt mich besorgt an. Schnell drehe ich mich zum Fenster und versuche unauffällig durch den Mund zu atmen.

Als wir auf einer Schnellstraße an einem Wagen vorbeifahren, der am Straßenrand steht, hält unser Fahrer an und fährt vorsichtig rückwärts. “Was ist los? Kann ich helfen?”, fragt er den Fahrer des gestrandeten Wagens. “Nein, danke”, er warte auf Benzin. Unser Fahrer nickt und fährt weiter. Nach dem Aussteigen hole ich erst mal tief Luft.

Wir erholen uns in der Sultan-Hasan-Moschee, vor über 700 Jahren erbaut und noch immer hervorragend erhalten. Neben uns sitzt ein Mann und macht sich Notizen. Wir kommen ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass Dr. Osama ein bekannter Architekt ist, früher beauftragt mit der Aufsicht sämtlicher religiöser Stätten in Ägypten, heute schreibt er ein Buch über die Architektur dieser Moschee. Er legt seine Arbeit zur Seite und weiht uns in ihre Geheimnisse ein. Als wir uns aufmachen wollen, besteht er darauf, uns zu fahren. Keine Widerrede.

Sein Wagen ist alt, staubig, die Scheibe zersprungen. “Relikt der Revolution”, kommentiert er. An diesem Tag begleitet uns Dr. Osama mehrere Stunden durch Kairo, fährt mit uns einkaufen und essen, zeigt uns besondere Architektur, bevor er uns am Abend zuhause absetzt. Keine Widerrede.

Mich ärgern Müll und Gestank, Stau und schlechte Luft in dieser Stadt. Noch mehr aber ärgere ich mich darüber, wie blind ich doch immer wieder für das Schöne bin. Herzlichkeit und Bescheidenheit, Glück und Gastfreundschaft – an alldem mangelt es nicht in diesem Land.

Und wieder stehe ich vor meiner Haustür. Mit mehr als nur meinem Einkauf.

Dieser Text erschien zuerst in der Taz Tuch Kolumne am 30.08.2011

EIN BISSCHEN ZU NUTTIG

„In Rom, wie die Römer“


Ich wäre auf den Slutwalk gegangen, wäre ich nicht im Ausland.
Zusammen mit Tausenden anderer Frauen und Männer hätte auch ich gegen sexuelle Gewalt und Verharmlosungen von Vergewaltigungen protestiert – gegen Entschuldigungen. Nicht weil ich mich gern – was auch immer das heißen mag – schlampig anzöge, sondern weil dort gegen ein Problem unserer Gesellschaft demonstriert wird: Wir hegen Sympathie für die Täter und beschuldigen gar die Opfer.

Eine junge Frau wird vergewaltigt. Eine Kopftuchträgerin wird angespuckt. Ein junger schwarzer Londoner wird von einem Polizisten erschossen. Der Südländer wird in der Dorfdisko von Neonazis verprügelt. Die Sinti-Familie bekommt die Wohnung nicht, die korpulente Frau nicht den Job im Bekleidungsgeschäft, die Türkin nicht den Ausbildungsplatz. Aber der Täter bekommt Sympathie.

Ein bisschen empören wir uns natürlich, aber irgendwie verstehen wir den Täter ja auch. Sie sind uns alle ein bisschen zu nuttig, zu anders, zu fremd, zu schwarz, zu exotisch. Doch ich habe es satt, in einer Gesellschaft zu leben, die diese Missstände, ob groß oder klein, stillschweigend hinnimmt. Und ich habe keine Lust mehr, mir anhören zu müssen, ich würde auf hohem Niveau klagen, wenn es doch immer das gleiche Muster ist, das all diese Missstände erzeugt.

Wir geben uns Bildern hin. Statt unser Denken zu überdenken, klagen wir an. Ja, was schleichst du, du Schwarzer, auch nachts vor der Nase der Polizei durch die Stadt? Und was suchst du, du Südländer, in der Dorfdisko? Was ziehst du, du Frau, dich so nuttig an? Wenn du das Kopftuch trägst, dann musst du auch mit den Reaktionen klarkommen. Es sind nicht Einzelpersonen, die an unserem System scheitern – es ist die Mehrheit unserer Gesellschaft, die überall in ihre Schranken verwiesen wird. Das Traurige daran: Wir sind alle von diesem Denken befallen.

Als ich 11 Jahre alt war, besuchte eine Anti-Rassismusaktivistin unser Hamburger Jugendzentrum. Die Dame saß in ihrem braunen Leinenkleid vor uns und sprach von Rassismus und Diskriminierung. Meine Freunde und ich waren genervt und gelangweilt. Rassismus ist doch kein Thema mehr, dachte ich. Das war mal – lange her. Es wird niemand mehr vergast, verschleppt und getötet. Es gibt keinen Krieg in Deutschland. Alles ist okay. Es brauchte Jahre, bis ich verstand, dass wir mit unserem Streben nach Konformität heute noch den Lebensdurst der anderen töten.

Vor ein paar Tagen besuchte ich hier in Kairo einen Verein von in Deutschland ausgebildeten Ägyptern. Der Vorsitzende, über 80 Jahre alt, gebrechlich, aber stark, erzählte mir in ausgezeichnetem Deutsch von seiner Promotionszeit im München der 50er, der „besten Zeit“ seines Lebens. An den Wänden hingen Landschaftsbilder, „Deutschland“ stand in Großbuchstaben darauf. Ein deutsches Klavier verstaubte an der Wand.

Als wir über Diskriminierung in Deutschland sprachen, richtete sich der alte Mann auf und schaute mich von der Seite an. Dann drehte er sich wieder weg und sagte in den Raum: „In Rom wie die Römer.“ Einige werden nie verstehen.

Erschienen in der taz, Tuch-Kolumne am 17. September 2011

I AM JUST MAHMOUD

Es ist Nacht in Kairo. Ich stehe auf dem hell erleuchteten Tahrirplatz. Es ist laut. Überall sind Podeste aufgestellt, auf denen Frauen und Männer Reden halten, wild gestikulieren – das Publikum hört aufmerksam zu, ruft rein oder beklatscht die Redner. Überhaupt stehen überall Menschen herum, die diskutieren, sich fotografieren lassen, ägyptische Fahnen kaufen. Zwischendurch umkreist eine Protestgruppe den Platz und ein Meer von Handykameras wird gezückt.

Dann entdecke ich die Bilder der Opfer des Mubarak-Regimes, sie bilden eine lange Straße auf dem Boden des Tahrirplatzes. Menschentrauben umringen die Bilderstraße und gehen sie der Reihe nach durch.

Inmitten des bunten Getümmels stehen große weiße Zelte, mit denen Aktivisten und Demonstranten, vor allem aber Angehörige von Opfern, seit Wochen den Platz besetzen und Gerechtigkeit für die Opfer fordern. In einem der Zelte treffen wir auf Mahmoud, einen pensionierten Physiker mit weißem Rauschebart und langem traditionellen Gewand. „Ich weiß, ich sehe aus wie ein Salafi“, sagt er auf Englisch und lacht. „Bin ich aber nicht.“ Routiniert fängt Mahmoud gleich an zu erzählen, warum sie den Platz besetzen.


„Die Revolution ist fast verloren“, sagt Mahmoud. Die drei großen Strömungen – Salafiten, Muslimbrüder und Säkulare – hätten die Revolution an sich gerissen, um Politik für die eigene Sache zu machen. Keine aber vertrete tatsächlich das Volk. „Und wem gehörst du an?“, will ich wissen. Er guckt mich erstaunt an: „Ich bin Mahmoud, einfach nur Mahmoud.“ Die Besetzer seien keine Parteivertreter, sondern einzelne Aktivisten und Angehörige der Opfer, erklärt er.

„Wir alle werden diesen Platz nicht verlassen, bevor unsere Forderungen nicht erfüllt werden.“ Mubarak und seine Leute müssten bestraft, Gerichtsverfahren gegen die Polizisten, die folterten und mordeten, eröffnet und das Innenministerium und die Polizei neu besetzt werden, erklärt Mahmoud. Wir reden noch lange weiter, bevor ich mich bedanke und durch die kleine Zeltstadt mit ihren bunt bemalten Zeltwänden und provisorischen Unterkünften wandere.

Einige Tage später wird der Tahrirplatz von der Armee plötzlich gewaltsam geräumt. Nichts steht jetzt noch dort. Ich telefoniere mit meiner Freundin Mai, die wie viele andere Ägypter mit der Revolution zur Aktivistin wurde. Hundert Personen wurden festgenommen, unter anderem eine gemeinsame Freundin von uns, die BBC-Journalistin Shaimaa Khalil, die mittlerweile wieder entlassen wurde. Ich verstehe nicht. Warum schreit die Bevölkerung nicht auf?

„Die Besetzer hatten schon lange den Rückhalt in der Normalbevölkerung verloren“, erklärt Mai mir. Durch öffentliche Spenden an Angehörige der Opfer stellte die Armee die Bevölkerung zufrieden – die Besetzer wurden hingegen immer unbeliebter. „Die Besetzer haben ihre Forderungen nicht gut genug kommuniziert und viele Fehler gemacht“, sagt Mai am Telefon und schließlich verzweifelt: „We’re screwed.“ Und ich kann nichts tun, nur berichten, was ich höre und sehe.

taz, Tuch-Kolumne, 02.08.2011

OUT BEYOND IDEAS OF WRONGDOING AND RIGHTDOING, THERE IS A FIELD. I’LL MEET YOU THERE.


Es ist unser dritter Tag in Kairo, und wir sind zum ersten Mal bei Nachbarn zum Essen eingeladen. Mina steht am Küchentresen und macht Hamburger. Dabei trägt sie ein langes Kleid, eine Hochsteckfrisur und ist geschminkt. Ihre Freundin sitzt in Hose und engem T-Shirt lässig auf dem Küchenstuhl und streicht sich die kurzen Haare aus dem Gesicht.

Wir Frauen unterhalten uns über das Leben in Kairo. Sie geben mir Einkaufstipps und empfehlen Restaurants. Wir sprechen über Sprachschulen und die islamische Universität Al-Azhar. Plötzlich baut sich Minas Freundin auf. Sie erzählt mir, sichtlich verärgert, dass es an der Universität Al-Azhar doch tatsächlich Frauen gäbe, die unterrichteten.

Ich sage, dass ich nichts Verwerfliches daran erkennen kann. Schließlich ist es doch selbstverständlich, dass Frauen Wissen erwerben und weitergeben. „Aber doch nicht an Männer!“, ruft sie. Niemals würde sie sich an der Al-Azhar unterrichten lassen – nicht von einer Institution, die solche Frauen toleriere. Mina nickt zustimmend.

„Was ist denn schlimm an einer Frau, die unterrichtet? Auch du willst doch nicht, bloß weil du ein Stück Tuch nicht trägst, verurteilt werden“, entgegne ich. Sie schaut mich mit großen Augen an und sagt dann empört: „Schwester, ich trage einen Niqab [Gesichtsschleier].“ Ich bin überrascht. Will weder sagen, was ich denke, und schon gar nicht, was ich alles so tue.

Einige Wochen später fängt mein Arabischkurs an. Ich bin froh und euphorisch, will das Land und die Leute besser verstehen. Ich warte im Klassenzimmer, als meine Lehrerin Reehan den Raum betritt. Sie trägt einen Niqab. Plötzlich fühle ich mich unwohl. „Du bist doch offen und liberal, Äußerlichkeiten sind dir nicht wichtig“, sage ich mir. Reehan schließt die Tür und nimmt ihren Schleier ab. Freundlich begrüßt sie mich und fängt mit dem Unterricht an. Ich lerne nicht viel an diesem Tag.

Zuhause lässt mich diese Begegnung, dieses Gefühl nicht los. Ich beschließe, ich will Reehan kennenlernen. Zu Beginn der nächsten Unterrichtsstunde sage ich, dass ich dieses Mal das Reden üben möchte und schieße gleich mit der ersten Frage los: „Warst du auch auf dem Tahrirplatz?“ „Selbstverständlich“, sagt sie. Sie kramt ihr Handy heraus, setzt sich neben mich und zeigt mir Fotos von der Revolution. Dabei erklärt sie mir die Bilder und schreibt gleichzeitig neue Vokabeln auf.

Sie liest mir ein Protestschild vor, bei dem es um den ehemaligen ägyptischen Polizeipräsidenten geht. „Er ist ein schlechter Mann. Er hat versucht Muslime und Christen auseinanderzutreiben, indem er in Alexandria einen Anschlag auf eine Kirche verüben ließ.“ „Warum?“, frage ich. „Um die Bevölkerung von ihren Machenschaften abzulenken“, erklärt Reehan. Dann erzählt sie davon, wie sie die Kopten beschützten und die Kopten sie beschützten. Dass Religion in solchen Fällen egal ist, dass sie alle zusammengehören, weil sie Ägypter sind.

Bei einem Bild bleiben wir hängen. Es ist Nacht, überall sind protestierende Menschen zu sehen. Dazwischen steht ein großes Stück Stoff in Grau mit einer ägyptischen Flagge. „Das bin ich!“, sagt Reehan und lacht – zusammen mit mir.

Warum erzähle ich diese Geschichte? Weil ich mich zum ersten Mal in der „anderen“ Position wiedergefunden habe – zumindest bewusst. Als diejenige, die sich derart vom Äusseren beeindrucken bzw. einschüchtern liess, dass sie blind für das Individuum wurde. Einerseits war ich enttäuscht von mir, andererseits dankbar für die Erfahrung. Denn ich möchte nicht nur verstehen, sondern auch in aller beschämenden Deutlichkeit fühlen: Wie ist es, wenn man einer Person gegenübersteht, die man in erster Linie nur und ausschliesslich mit den Bildern im eigenen Kopf verbindet? Wenn man im eigenen Kopf und Körper ganze Kämpfe und Diskussionen austrägt, um diese Bilder zu überwinden, die eigenen überholten Vorstellungen hinter sich zu lassen und möglichst vorurteilsfrei sich dem Menschen zu öffnen? Den Menschen zu sehen?

Der Gesichtsschleier entspricht nicht meinem Islamverständnis. (Bin jedoch gegen ein Verbot, wie ich hier und hier schrieb). Aber ich sträube mich davor, dass Politik, theologische Fragen oder Meinungsverschiedenheiten jeglicher Art meinen Umgang mit Menschen derart prägen, dass ich in ihnen nur den Konflikt sehe.

Das war auch der Grund, warum ich am 1. Mai 2008 in Hamburg als Nazis demonstrierten mir meinen kleinen Jugendpresseausweis schnappte, ihn dem verwunderten Polizisten an der Absperrung vor die Nase hielt und mich hinstellte. Ein grosser Haufen Glatzköpfe eine kleiner Pseudo-Zaun und dann ich. Mein Plan: Ich wollte mit einem von ihnen reden. Ihn befragen. Warum denkt er so? Wie sieht seine Welt aus? Wie nimmt er sie wahr? Ich habe damals leider gekniffen.

Naiv? Mich treibt die Neugier.

Und wie weit kommt man, wenn man sich stets mit jenen umgibt, die eine tätscheln und verhätscheln?

„Out beyond ideas of wrongdoing and rightdoing, there is a field. I’ll meet you there.“
“Jenseits aller Vorstellungen vom richtigen und falschen Handeln, da ist ein Feld. Da will ich dir begegnen.”
„Doğru ve yanlış fikirlerinin ötesinde bir yer var. Seninle orada buluşacağız.”

Mevlana Celaleddin Rumi

Am Schönsten beschreibt Elizabeth Lesser in diesem TED Talk diesen Gedankengang. Diesen inneren Konflikt zwischen dem „Warrior“ und dem „Mystic“.

ICH SPRECHE SEIFENBLASEN

„Islamistin“ nennt er mich, und ich nenne ihn „Säkularist.“ Er lacht mit mir mit, wir spielen mit Schubladen und Klischees. Zwei Tage schon sind Lucas und ich auf derselben Konferenz. Wir verbringen viel Zeit zusammen, diskutieren und scherzen.

Manchmal aber begegnet mir Lucas recht zurückhaltend, verkrampft und steif. Das liegt an seiner Erziehung, vermute ich. Kindheit und Jugend hat er an elitären Internaten in Frankreich verbracht. Jetzt besucht er eine renommierte Unijversität. Er trägt einen dunkelblauen Anzug, Hemd und draußen einen Hut. Lucas ist mir sympathisch mit seiner vornehmen Höflichkeit, die so leicht zu irritieren ist.

Auf dem Weg ins Hotelzimmer hält Lucas mich auf und bittet um ein Gespräch. „Klar.“ Er habe einen Fehler gemacht und schäme sich sehr dafür. Jetzt bin ich neugierig. „Ich dachte, du wärst wirklich eine Islamistin“, sagt er. Erst lache ich noch, dann schaue ich ihn ungläubig an. Er meint es ernst. „Ich weiß, das stimmt nicht, und es gibt keinen Grund für diese Annahme. Ich habe dich einfach voreilig in diese Schublade gesteckt.“ Mein Gott, frage ich mich. Wie muss ich bloß auf andere Menschen wirken? Ich bin verwirrt, irritiert, schockiert. Er bemerkt meine Verunsicherung. „Jetzt sehe ich, dass du gar nicht so anders bist als ich. In vielen Punkten vielleicht sogar liberaler“, sagt er und: „Bitte verzeih.“ – „Ach was, kein Problem“, sage ich eilig. Zwei Tage hat es also gebraucht. Wir verabschieden uns.

Im Hotelzimmer lasse ich die letzten Tage Revue passieren. Und die letzten Jahre.

Eine Freundin erzählte mir kürzlich von einer Podiumsdiskussion, bei der eine Kopftuchträgerin stark feministische Positionen vertrat und das Publikum, ebenfalls feministisch, ihr vehement in jedem Punkt widersprach. Sie hörten nur, was sie hören wollten. Sahen nur, was sie sehen wollten.

Ich erinnere mich an Kommentare zu Artikeln auf meinem Blog und Diskussionsrunden. An das Misstrauen im Gesicht meiner Gegenüber. In ihren Augen spiegelt sich ihr Bild von mir: das Kopftuch und ein bisschen Blabla, in der Luft zerplatzend. Ganz egal wie und was ich sage. Ich rede Seifenblasen.

Mich lässt das Gefühl nicht los, hingehalten zu werden, zu warten. Ich nehme die Demokratie ernst und setze mich für sie ein. Ich arbeite dafür mit, dass es irgendwann eine Gesellschaft gibt, in der man unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung, sozialem und finanziellem Status, Bildungsgrad und körperlichem Zustand selbstverständlich sein kann. Ich träume von Gerechtigkeit und sitze brav auf der langen Bank der Demokratie. In der Hoffnung, dass man mir irgendwann glaubt, mich dann vielleicht auch hört und irgendwann sogar versteht. Wofür?

Damit Menschen auf edlen Rössern dahergeritten kommen, denen man neben dem Schnuller auch die Demokratie, freies Denken und Aufklärung in die Wiege legte, und die mir alles absprechen wollen? Und mit welchem Recht?

So funktioniert Demokratie nicht. So gibt es keine Gerechtigkeit. Niemand hat sie gepachtet. Jeder muss dafür arbeiten und aufgeben. Auch ihr.

taz, Tuch-Kolumne, 05.07.2011

DIE SEHNSUCHT EINER UNNAHBAREN

Bildcredit: Mona T. Brooks, Netroots Nation

Lamees klappt ihren iPad auf und tippt ein bisschen herum. Ihre langen Fingernägel klackern. Das Make-up sitzt perfekt, das Tuch ist festlich um den Kopf geschwungen. Sie geht stolz und gerade, hat ein freundliches, aber bestimmtes, ein herzliches und gleichzeitig distanziertes Auftreten. Sobald wir den Konferenzsaal verlassen, setzt sie ihre große Sonnenbrille auf. Unnahbar.

Wir sind in Washington auf einer Konferenz. Blogger und Aktivisten aus zwanzig Ländern sind geladen. Lamees kommt aus Bahrain. Dort war sie bis vor den Protesten eine der beliebtesten Journalistinnen des Landes. Man lud sie zu festlichen Staatsanlässen und schicken Galas ein. Ihre spitzzüngigen und kritischen Kommentare waren beliebt in dem kleinen Golfstaat. Lamees war Vorbild vieler Frauen, den Jugendlichen war sie eine Stimme. Alles änderte sich schlagartig, als sie sich für die falsche Seite einsetzte: für die protestierenden Bahrainer auf der Straße.

Lamees sitzt vor mir im Bus. Sie ist still, nachdenklich. Der Platz neben ihr ist leer. Sie setzt sich neben niemanden, niemand setzt sich neben sie. Ich kann meinen Blick nicht von ihr lassen. Möchte mich zu ihr setzen, mit ihr sprechen.

Wir sitzen wieder in einem Konferenzsaal. Es geht um Meinungsfreiheit. Lamees meldet sich und spricht. Währenddessen steigen mir Tränen in die Augen. „Mein Leben ist mir egal“, sagt sie, „aber nicht das Leben meiner Familie.“ Drei Mal zündete man ihr Haus an, wohlwissend, dass nicht sie anwesend war, sondern ihre Familie. Nach und nach verliert Lamees den familiären Rückhalt. Sie bitten um ihr Schweigen. Derweil erhält sie Briefe und E-Mails von Familien, die um ihre Hilfe bitten. Ihre Kinder sind wegen regierungskritischen Facebook-Statusmeldungen im Gefängnis. „Sprich für uns, Lamees“, bitten sie. Sie versucht es. Hin und her gerissen.

Eines Tages ist ihre Schwester, eine Ärztin und Mutter zweier Kinder, nicht mehr da. Die Regierung hat sie entführt. Drei Monate lang sitzt sie für Lamees im Gefängnis und wird gefoltert. Lamees kümmert sich um die Töchter ihrer Schwester, jeden Tag. „Ich sterbe innerlich“, sagt sie. „Meine Schwester, sie folterten meine geliebte Schwester.“ Ihre Stimme zittert, sie entschuldigt sich. Betroffen blicken die Konferenzteilnehmer zu Boden. Lamees fängt sich und spricht kalt und distanziert weiter.

Als wir das Gebäude verlassen, um die Stadt zu besichtigen, sitzt sie alleine in der Lobby. Ich kehre zurück und bitte sie, mit uns zu kommen. Sie lächelt und sagt mit ihrer hohen Stimme und dem arabischen Akzent: „Nein, habibty (mein Schatz), ich bleibe lieber hier.“

Am Abend sitzen wir wieder im Bus. Lamees trägt keine schicke Kleidung mehr, sondern Sportschuhe, weite Jeans und eine locker sitzende Bluse. Ich setze mich dieses Mal zu ihr. Wir sitzen schweigend nebeneinander. „Wie geht es dir?“, frage ich sie. Sie lächelt milde und nimmt meine Hand. „Als ich in der Lobby saß, sprach ich mit meinen Vater. Ich habe seine Stimme vermisst.“

Seit der Inhaftierung ihrer Schwester lebt Lamees in Dubai. Alleine. „Das ist mein Preis“, sagt sie. Sehnsucht.

taz, Tuchkolumne, 22. Juni 2011

IM LAND DER TARNKAPPEN. ODER: MEDIA VS. REALITY

Wir laufen durch das staubige Kairo. Die Sonne knallt und es tummeln sich Tausende von Menschen auf den Straßen der größten Metropole Afrikas. „Ah, kuck mal hier!“, rufe ich, „Schau mal dort!“ und zupfe am Hemd meines Mannes. Meine Kamera baumelt heute nutzlos an meinem Arm, ich möchte mich einfach nur sattsehen an dieser Stadt. Es ist laut und bunt. Die hupenden, ratternden und brummenden Autos geben dieser Stadt ihr Geräusch. Die vielen Frauen hingegen geben der Stadt ihre Farbe.

Einige ohne Kopftuch, viele aber mit. Manche tragen ihr Kopftuch ganz unscheinbar, natürlich und huschen mit dicken Büchern unter dem Arm durch die Menge, andere steigen von oben bis unten schwarz verschleiert aus dicken Wagen und wandern direkt ins vollklimatisierte Pizza Hut; und wieder andere stolzieren mit glitzerndem Kopftuch, knackengen Jeans, Gucci-Brille und hohen Absätzen durch die Menge. Und das sind nur die Archetypen. Es geht noch viel bunter zu.

Bei einem Telefonshop machen wir Halt, um SIM-Karten zu kaufen. Mit meinem bisschen Hocharabisch komme ich hier nicht weit, deshalb überlasse ich den Einkauf meinem Mann und seinem Freund – und widme mich dem Laden. Genauer gesagt den Werbeplakaten an den Wänden und den Musikclips im Fernseher. Ein großer Mobilfunkanbieter wirbt für einen neuen Vertrag – das Plakat ist vollgepackt mit lachenden, jungen und alten Ägyptern. Aber keine einzige Frau mit Kopftuch.

Im Fernsehen läuft derweil ein Musikvideo über die ägyptische Revolution. Es wird eine bunte Mischung ägyptischer Gesichter gezeigt, nur keines mit Tuch darum. Und auch in den Serien und Nachrichten, das gleiche Spiel. Es ist fast so, als würden koptuchtragende Frauen in Ägypten gar nicht existieren.

Paradox, find ich. Ausgerechnet in einem Land, wo doch knapp 80 Prozent der Frauen das Kopftuch tragen. Und mit dem Islam als Staatsreligion. Dann wiederum finde ich das doch nicht so paradox. Läuft es doch in der Türkei genauso ab.

Auf der Straße herrscht Tohuwabohu. Kopftuch, kein Kopftuch, Glatze und Bart. Schaut man aber populäres türkisches Fernsehen, könnte man in dem Glauben sterben, alle Türkinnen liefen in kurzen Röckchen, grell geschminkt und auf allerhöchsten Absätzen durch die Welt. Weder im Kino oder im Fernsehen, noch in Werbung oder Serien findet man Kopftuchträgerinnen, so als gäbe es sie gar nicht. Und kaum einen scheint es zu stören. Nicht einmal Kopftuchträgerinnen selber, die die Serien oftmals eifrig mitverfolgen.

Später erfahre ich von einer Debatte, die vor Jahren in Ägypten kochte. Einige prominente Schauspielerinnen und TV-Moderatorinnen entschieden sich für das Kopftuch. Und wurden gefeuert. Sie bekamen auch künftig keine nennenswerten Aufträge mehr. Die betroffenen Frauen gingen damit an die Öffentlichkeit. Geändert hat sich aber scheinbar nichts.

„After the Revolution“, sagen die Ägypter, die ich darauf anspreche. Jetzt hätten sie ja schließlich Meinungsfreiheit, betonen sie und fügen hinzu: „Insh Allah“ – so Gott will.

taz, Tuch-Kolumne, 07.06.2011

ICH BIN HIER


Die muslimischen Verbände müssen sich zu Homosexualität positionieren!“, sagt er zu mir. Er ist CDU-Politiker und ehemaliger Minister. Wir sitzen zusammen auf dem Podium, und ich kann nicht glauben, was ich da höre. „Verlangen Sie denn dann auch von jedem Katholiken, dass er sich zu Homosexualität positioniert?“, frage ich zurück. Er wird rot, schweigt und verschränkt trotzig die Arme.

Besser hätte er sich nicht entlarven können. Weshalb misst man in unserer Gesellschaft mit zweierlei Maß? Warum sollen sich Muslime und Migranten über das Grundgesetz hinaus zu etwas bekennen, wiederholt Loyalität zu Deutschland bekunden oder sich von irgendwelchen Dingen distanzieren? Ich bin hier und lebe hier. Ich muss mich zu nichts mehr oder weniger bekennen als meine Freundin Julia, die Nationalstaaten total bescheuert findet. Oder Claudia, die sich für die brasilianische Nationalmannschaft in gelb-grüne Flip-Flops und T-Shirts wirft, wenn Fußball-Weltmeisterschaft ist. Oder Lena, die den Kapitalismus satthat und lieber den Kommunismus einführen wollen würde.

Darf ich das auch wollen?

Es ist Abend. Der türkische Verbandsvertreter steht schnurgerade mit dem Sektglas in der Hand. Ich schiele zu ihm rüber und spüre seine Anspannung. Er bemüht sich um ein Lächeln in die Runde und streicht sich durch die dunklen Haare. Wir sind in Berlin bei einem Botschafter zum Essen eingeladen. Anlass ist der Sederabend, der Auftakt des jüdischen Pessach-Festes. Man ist gut angezogen, schicke Kleider die Damen, Anzug und Krawatte die Herren. Auch seine Krawatte sitzt – nur ein bisschen zu eng vielleicht.

Nach dem kurzen Empfang setzen wir uns an den festlich mit Silberbesteck dekorierten Tisch. Ich sitze neben einem bekannten und angesehenen Juden. Wir unterhalten uns über die jüdischen Traditionen und Eigenheiten. Ein jüdischer Professor führt uns in die Rituale des Sederabends ein. Er ist kein praktizierender Jude, deshalb muss ihn mein Sitznachbar hin und wieder korrigieren, humorvoll. Man lacht, scherzt und ist bemüht, jeden Gast einzubinden. Die angespannte Stimmung löst sich. Nur bei ihm nicht, dem türkischen Verbandsvertreter. Kerzengerade sitzt er an seinem Platz.

Später am Abend lehnt er sich über den Tisch. Er will einige Worte sagen. Man ist still, lächelt ihn an und hört ihm zu. Er schiebt die Gabel hin und her. „Danke für die Einladung!“, sagt er. Bitte-gern-Gemurmel ertönt. Dann holt er aus: „Ich möchte mich im Namen meines Vereins von den terroristischen Anschlägen in Israel und den USA distanzieren. Das, was die gemacht haben, ist falsch. Die sind keine richtigen Muslime. Im Islam darf man das nicht. Wenn man einen Menschen tötet, dann ist das so, als ob man die ganze Menschheit getötet hätte.“ Er stockt und verhaspelt sich. Man ist still und betreten. Er fährt fort: „Also wir Muslime verurteilen diese Terroristen aufs Schärfste. Sie gehören nicht zu uns, sie sind eine Minderheit.“

Ich schaue auf meinen Teller und versuche die Stille am Tisch zu hören. In mir drinnen ist es viel zu laut.

Tuch-Kolumne, taz, 24. Mai 2011

DAS LEBEN DER ANDEREN

Der 1. Mai. In Kreuzberg lässt laute fröhliche Musik die Erde beben, die Sonne knallt und an den Straßenecken schlängeln sensationsgeile Krawallanwärter in Schwarz umher. Neugierige Touristen mit baumelnden Riesenkameras vor dem Bauch fotografieren die jungen Kreuzberger, die endlich einmal auf dem Bürgersteig Grillen dürfen. Neben ihnen stehen türkische Frauen und verkaufen erfolgreich Gebäck. Ein chaotisch buntes Getümmel.

Nee, heute wollen mein Mann und ich lieber Ruhe. Am liebsten mit Strand und Wasser. Zusammen mit anderen Berlinern reisen wir also zu einem Familienevent am See, das muslimische Organisationen mit Hüpfburg, Bands und allem Drum und Dran veranstalten.

Ich sitze auf einer Bank am Strand und beobachte. Ein junger Vater mit Hemd und Brille sitzt im Sand und buddelt eifrig mit seinem Sohn. Andere Väter mit langen Bärten, dunklen Sonnenbrillen und hochgekrempelten Jogginghosen stehen im Wasser und laufen ihren kleinen Töchtern in pinken Badeanzügen hinterher, die vor Glück laut aufschreien.

Die Mütter sonnen sich auf den Bänken. Welch Idylle, denke ich. Ein bisschen sufistische Muslime hier, ein bisschen Salafiten da und durchwurschtelt mit dem ganzen großen Rest dazwischen.

Am Strand lerne ich auch Klara kennen. Klara ist Verkäuferin, sie hat kurze braune Haare, eine Brille mit Goldrand und ein freundliches Lächeln. Vor dreißig Jahren hat sie sich in einer norddeutschen Kleinstadt in Kemal, einen türkischen Gastarbeiter, verliebt. Zum Entsetzen ihrer Freundinnen. Ein Türke, wie kann sie nur! Er wird sie doch nur schlagen, unterdrücken und sowieso! Klara trotzt ihrer Umgebung und folgt ihrem Herzen, sie heiratet Kemal. Kemal ist selten zu Hause, er arbeitet hart als Schichtarbeiter und an den Wochenenden schuftet er zusätzlich in der Metallfabrik.

Klara will mehr über die Religion ihres Mannes, den Islam, erfahren. Er freut sich darüber. Als sie beschließt, das Kopftuch zu tragen, wenden sich ihre Freunde nun vollends ab.

Sie sucht deshalb Halt in der Moscheegemeinde. In der Kleinstadt besteht diese jedoch nur aus älteren Frauen, die aus den anatolischen Dörfern der Türkei hierhergekommen sind. Klara versteht sie nicht, und sie verstehen Klara nicht.

Als Kemal und sie eines Tages spazieren gehen, passiert es. Ein fremder Mann beschimpft Klara wegen ihres Kopftuchs. Schockiert blickt sie zu Kemal. Er schweigt und senkt den Kopf.

Klara gibt auf. Sie legt das Kopftuch ab, besucht die Gemeinde immer seltener. Heute hat sie noch immer kaum muslimische Freundinnen. Den Islam trage sie aber immer im Herzen, sagt sie. Sie hat sich arrangiert mit dem Leben zwischen zwei widersprüchlichen Welten in ihrer Kleinstadt.

Wenn Kemal arbeiten ist, kommen ihre Freundinnen von damals sie besuchen. Mit Kemal wollen sie nichts zu tun haben. Dann sitzen sie gemeinsam am Küchentisch und Klara hört ihren Freundinnen zu, die über ihre Ehemänner klagen. Und tröstet sie, wenn sie wieder von ihnen geschlagen wurden.