ZERRIEBEN

Zürich, Dezember 2011

In den Monaten vor ihrem Verschwinden schaute sich Seher stundenlang Videos von islamischen Predigern im Internet an. Anfangs ist die religiöse türkische Familie unbesorgt. Dann distanziert sich Seher immer mehr von ihren Eltern. Schließlich kritisiert sie ihren Vater, er würde sein Geld unislamisch verdienen. In diesem Haushalt könne sie deshalb nicht Essen, nicht Trinken, das sei nicht halal, nicht islamkonform. Dann verschwindet sie.
Zwei Wochen später erreicht die Familie dann ein Anruf von einer salafitischen Gemeinde in Mönchengladbach. Die Tochter sei gesund und wohlauf. Sie sollen sich keine Sorgen machen, Seher sei bei ihnen untergekommen. Selbstverständlich werde man sich bemühen, sie nach Hause zu schicken, sagt das Gemeindemitglied am Telefon. Aber – das müsse auch gesagt werden – die Tochter habe recht. Der Vater solle sich eine neue Arbeit suchen.
Sehers Geschichte ist eine von vielen, die mir ein muslimischer Soziologe erzählt. Er betreut Familien, die sich hilfesuchend an ihn wenden. Familien, die nicht wissen, wie sie mit dem Salafismus und der neu gewonnen Religiosität ihrer Kinder, die so anders als ihre ist, umgehen sollen.
Für Nurhan sind diese Geschichten nichts Neues. Sie ist engagierte Schulsprecherin, erfolgreiche Schülerin und religiös praktizierende Muslimin. Lange war sie eine der wenigen Kopftuchträgerinnen auf ihrem Gymnasium, heute sind es deutlich mehr. Und denen ist Nurhan heute nicht islamisch genug mit ihrem bunten Kopftuch, der hellen Kleidung und ihrer Freude am Kontakt zu Frauen wie Männern; deshalb wird sie schon mal „Muslim light“ geschimpft.
Es ist Abiball-Zeit. Die Stufe diskutiert mit einem Lehrer die Organisation des Abends, Thema ist Alkohol. Weil viele Muslime in der Stufe sind, plädiert Nurhan dafür, erst ab der zweiten Hälfte des Abends Alkohol auszuschenken, kurz vor dem Partyteil. Zwei Sitze entfernt sitzt Hamza. „Ich dachte, du wärst eine richtige Muslimin“, sagt er zu Nurhan. „Warum sagst du das?“, fragt sie. „Wenn man in einem Raum so eng mit so vielen Frauen und Männern sitzt, im Haus des Shaytan (des Teufels), was passiert dann mit deinem Iman (Glauben)?“ Wer zum Abiball gehe, sei ein Munafiq, ein Heuchler. Nurhan ist verletzt, leise versucht sie, sich zu wehren.
Dann ruft der Lehrer alle, die nicht zum Abiball kommen, dazu auf, sich vor die Stufe zu stellen und zu rechtfertigen. Als niemand aufsteht, tut es Nurhan. „Das können Sie nicht verlangen“, sagt sie dem Lehrer, „der Abiball ist keine Pflichtveranstaltung. Es gibt einige, die können es sich finanziell nicht leisten, andere, die aus religiösen Gründen nicht wollen. Sie können sie doch nicht vor den anderen bloßstellen“, kritisiert sie.
„Ich will vermitteln“, sagt Nurhan und wird dabei zerrieben. Da sind die Lehrer, die über die „Islamisierung“ der Schule schimpfen und spöttisch über die muslimischen Schüler herziehen, und die Klassenkameraden, die Nurhan vorschreiben wollen, wie sie den Islam zu leben habe. „Aber die Salafisten haben auch viel Gutes gemacht“, sagt sie. „Sie haben viele von der Straße und aus der kriminellen Szene geholt. Sie haben ihnen Zusammenhalt geboten, wie eine Familie.“ Statt die Salafisten zu kritisieren, müssten die übrigen Muslime eine Alternative anbieten, sagt sie. Bis dahin werde sie sich zerreiben lassen müssen.

HER MIT DER SCHMUTZIGEN WÄSCHE!

drawing by me.
Mal unter uns. Wenn ich schon Rassismus und Islamophobie in der Gesellschaft anprangere, dann muss ich bitte schön auch über die vielen Probleme innerhalb der muslimischen Gemeinden sprechen, nicht wahr? Ein bisschen auf die Köppe der Muslime hauen. Na klar, her mit der schmutzigen Wäsche!
Eine sehr beliebte schmutzige Wäsche ist ja der Sexismus, das Patriarchat und die unterdrückten Frauen der Muslime. Darum ging es kürzlich auch im Artikel der ägyptisch-amerikanischen Journalistin und Aktivistin Mona El Tahawy in ihrem Artikel „Warum hassen sie uns?“
Eine nackte Frau, die Haut schwarz bemalt, der Augenbereich Niqab-ähnlich ausgespart, schaut verschüchtert in die Kamera und ziert das Titelbild des amerikanischen Magazins Foreign Policy. El Tahaways These: Arabische Männer hassen uns Frauen. Um ihre These zu untermauern folgen Beispiele, wie das saudische Fahrverbot für Frauen, Genitalverstümmelung und Jungfrauentests in Ägypten – einmal querbeet durch die arabische Welt.
Als mit Erscheinen des Artikels im Internet heiße Diskussionen über den Artikel tobten, schrieb ein weißer Leser belustigt, der Ärger der arabischen und muslimischen Leser rühre nur daher, dass man ihre schmutzige Wäsche offen der westlichen Gesellschaft vorgeführt habe. Wie lustig.

Doch die meisten Kritikerinnen sind arabische, muslimische und asiatische Feministinnen und Aktivistinnen. Frauen, die genau die gleichen Themen anprangern wie Mona El Tahawy, darüber schreiben und an der Basis gegen den Sexismus ankämpfen.

Ihre Kritik war unter anderem, El Tahawy würde die arabisch-muslimische Frau als ein hilfloses Wesen, den Mann als aggressiven Patriarchen darstellen und damit westliche Stereotypen über die Muslime und Araber füttern. Sie würde sich als vermeintlich einzige Sprecherin muslimischen Frauen positionieren und sich als mutige Journalistin profilieren.
„Ach komm doch, Kübra. Kritisier die Muslime, der Glaubwürdigkeit wegen“, empfahl mir kürzlich jemand, der es gut mir meinte. So geht es doch viel einfacher, erfolgreich zu werden. Bücher mit den Titeln „Die Unterdrückung der muslimischen Frau“ oder „Sex, Schleier und Sehnsucht“ würden sich doch verkaufen wie warme Semmeln. Lasst mich Stereotypen bedienen, die voyeuristischen Fantasien befriedigen und mich selbst als heroisch-mutige Journalistin profilieren, die sich vom Rest der rückständigen Muslime absetzt. Ich werde die gute Muslimin sein. Die, die in das Bild passt.
Heißt das, man soll Muslime nicht kritisieren? Heißt das, ich werde nie über den Sexismus in muslimischen Gemeinschaften schreiben? Die Frage ist nicht, ob man kritisieren darf, die Frage ist: wo und wie.
Als Feministin spreche ich in muslimischen Gemeinden über Sexismus, ich motiviere Frauen, sich von Rollenbildern zu befreien. Ich spreche über Homophobie oder Antisemitismus. Das werde ich noch öfter auf meinem Blog oder in muslimischen Medien tun. Das muss aber nicht in einer Kolumne geschehen, die mehrheitlich von weißen Nichtmuslimen (Nachtrag: gemeint ist Mehrheitsgesellschaft) gelesen wird. Und nicht selten kommt es vor, dass ich Muslime in dieser Kolumne kritisiere und Missstände benenne. Jedoch in dem Bemühen, nach Ursachen zu suchen.Denn jede banale Vereinfachung macht die Realität kaputt.

Taz, Tuch-Kolumne, erschienen am 21. Mai 2011

Oben verlinkt, hier nochmal zum Nachlesen: Die Reaktionen auf Mona Eltahawys Foreign Policy-Artikel hat AlJazeera Stream in einem Storify-Dokument zusammengefasst.

NACHTRAG
Die Frage der Kritik lässt sich um einen (unsichtbaren) Aspekt ergänzen: Neben dem Wo und Wie, das Warum.
Warum sollte man von Missständen berichten?
Um zu zeigen, wie rückständig, schlecht, verachtenswert jemand/eine Gruppe ist? Weil ich damit schneller Gehör finde, von der Mehrheitsgesellschaft mir auf die Schultern klopfen lassen kann, mehr Geld verdiene, auf mehr Podien eingeladen werde und mehr Applaus erhalte? Weil es so einfach einfacher ist?
Eine Freundin erzählte kürzlich, wie eine sehr bekannte/berühmte türkischstämmige Journalistin ihr während eines Praktikums in einer Fernsehredaktion einen Ratschlag gab: Sie solle sich Undercover in eine bestimmte muslimische Gemeinschaft einschleichen (werde ich hier nicht spezifizieren) und dann einen Skandalartikel darüber verfassen. Dann hätte sie einen Posten in der Redaktion sicher. Meine Freundin lehnte ab.
Das Skandalberichten über die „eigenen Leute“ macht halt Geld. Eine Talkshow-Einladung hat man damit sicher in der Tasche. Es macht Spaß, eine von „denen“ da sitzen zu haben, die der Mehrheitsgesellschaft sanft den Bauch streichelt und erzählt, dass sie ja vollkommen Recht hätten mit ihren Vorurteilen und Ängsten, denn man komme ja selber daher. „Und die, die müssen’s ja wissen!“
Necla Kelek, Seyran Ates oder Ayaan Hirsi Ali. Alles Frauen, „die’s wissen müssen.“ Frauen, die ihren Hintergrund und (schlechte) persönliche Erfahrungen nutzen, um sich durch populistisch-pauschalisierende Vereinfachungen auf dem Rücken der Menschen über die sie schreiben, zu profilieren, sich von ihnen als die „Besseren“ abzuheben und um sich von der Mehrheitsgesellschaft applaudieren zu lassen. Sie machen Geld in einem schmutzigen Geschäft.
Und die Grenze ist nicht eindeutig. Vor einigen Wochen schrieb ich einen Artikel mit dem Titel „Nur weil ich schwarz bin“. Ich warnte davor, dass der inflationäre Gebrauch des Rassismus-Vorwurfs den eigentlichen Opfern schaden werde. „Victim Blaming„, also Opferschelte, sei das, warf man mir von Seiten feministischer und anti-rassistischer Aktivisten vor. Mit einer (weißen, nicht-muslimischen) Freundin, die ebenfalls die gleiche Kritik aussprach, traf ich mich, weil ich überrascht war und die Kritik verstehen wollte. „Meine Absicht war doch nur“, sagte ich, „zu warnen, potentielle Opfer zur Selbstkritik aufzurufen.“ Ich erklärte ihr, dass Selbstkritik ein essentieller Bestandteil der Diskussion innerhalb der muslimischen Communities sei. „Aber der Artikel ist nicht in einem Medium erschienen, das sich direkt und vor allem an Muslime wendet“, sagte sie – zu Recht. Mit dem Text hatte ich Applaus von Leuten erhalten, die mir sonst nie applaudierten (ganz im Gegenteil). Das gab mir Anlass meine eigene Position und Rolle zu überdenken.
Also nochmal, warum sollte man von Missständen berichten?
Um die Missstände zu bekämpfen. Ein Bericht über Missstände sollte nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung, der Entschärfung sein. Der Journalist, so meine möglicherweise utopische Überzeugung, sollte ein ernsthaftes Interesse an der Problematik haben und auf ein friedliches Miteinander abzielen. Das ist nicht naiv. Das ist nicht verklärt. Das ist, ebenso wie Neutralität, ein Bestreben. Eines jedoch, dass sich vielleicht realisieren lässt. (Man zeige mir einen neutralen Journalisten und ich widerrufe meine Aussage. Bis dahin: Ein guter Journalist ist einer, der weiß, dass er nicht neutral ist, damit umgeht und Konsequenzen zieht).
Und hier sind wir bereits in einer ganz grundlegenden Diskussion gelandet. Der ethische Journalist vs. der (Boulevard-)Journalist, der sich an den Problemen anderer ergötzt und an ihnen verdient. Selbst wenn beide über exakt das gleiche Thema berichten, unterscheidet sich neben dem Warum auch das Wie gewaltig voneinander.
Ich spreche über Islamophobie, Sexismus, Homophobie und Rassismus in der Gesamtgesellschaft vor der Gesamtgesellschaft. In einem muslimischen Medium hingegen würde ich nicht pauschalisierend darüber schreiben, wie islamophob die Deutschen doch seien.
Über Sexismus und Homophobie innerhalb der muslimischen Communities spreche ich vor muslimischen Publikum (und da es auch innermuslimisch Rassismus gibt, spreche ich auch dort über Rassismus). In einem nichtmuslimischen Medium würde ich hingegen nicht pauschalisierend darüber schreiben, wie homophob die Muslime doch seien. Denn ich habe ein ernsthaftes Interesse an der Lösung dieser Missstände.
Habe ich deshalb zwei Gesichter? In den Augen mancher: sehr wahrscheinlich. Aber zumindest zwei Gesichter der gleichen Medaille.
Um die Frage des Wie und Wo noch mal an einem Beispiel zu erläutern: In Medien, die sich durch islamophob-populistische Artikel einen Namen gemacht haben, würde ich unter keinen Umständen über innermuslimische Probleme schreiben. In (meiner Meinung nach) ausgewogenen Qualitätsmedien jedoch sehr wohl, allerdings im Versuch reflektiert, tiefgehend und lösungsorientiert an das Thema heranzugehen. Und in einem muslimischem Medium würde ich über das innermuslimische Problem nicht nur schreiben, sondern auch schön auf die Kacke hauen.
Also: Scheue ich mich innermuslimische Probleme anzusprechen? Nein, nein, nein, nein und nein. Um nur Taz-Kolumnenbeispiele zu nennen.
Es geht nämlich um das Wie, Wo und auch: Warum.

DREI ANLÄSSE: FEIERN MIT DEN OHREN

Zwei Jahre sind es nun mittlerweile schon, seitdem ich regelmäßig eine Kolumne in der Taz führe. Zwei Jahre, in denen ich meine Beobachtungen und Eindrücke, meine Gedanken und Reisen einem größeren Publikum präsentieren durfte. Danke dafür, liebe Taz! Viele der Kolumnen waren sehr persönlich, manche handelten von Menschen, die mir sehr nahe standen.  Manchmal von Fremden, mit denen sich unsere Wege zufällig kreuzten. Erlebnisse, die mich sehr prägten, Gedanken, die mich sehr beschäftigen.

Eine schöne Zeit waren diese zwei Jahre, eine sehr intensive Zeit. Fortan werde ich noch einige andere, neue Wege ausprobieren. Deshalb wird es die Kolumne in Zukunft nur noch monatlich geben (ab Sonntag dem 20.05.). Zur Feier der zwei Jahre und zur Einleitung in den Monatsrhythmus und zum 4. Geburtstag meines Blogs habe ich mir eine kleine Überraschung überlegt:

Ein kleiner Hörspiel/Podcast-Versuch der im letzten Jahr veröffentlichten Kolumne 
„Typisch Türkische Oma. Keine Chance.“ 
 Viel Spaß damit!
PS: Das ist mein erster Versuch, also seiet gnädig!

Typisch türkische Oma by Kübra Gümüsay

WENN FRAUEN DAS KOPFTUCH ABLEGEN.

Auf einer Geschäftsreise in Europa will es die ägyptische Journalistin Nadia El Awady endlich einmal ausprobieren: das Leben ohne Kopftuch. Nach Jahren nimmt sie es zum ersten Mal in der Öffentlichkeit ab. Sie läuft durch die Straßen und wartet auf eine Reaktion. Nichts passiert. „War ich immer so unsichtbar?“, fragt sie sich. Und während die Menschenmassen an ihr vorbeiströmen, fühlt sie, dass sie in der Masse untergetaucht ist – eine von vielen.

Es war ein komisches Gefühl, als ich ein weiteres Mal auf einem sozialen Netzwerk Bilder einer Freundin ohne Kopftuch entdeckte. Für alle sichtbar, öffentlich. Sie hatte das Kopftuch abgelegt, wie so viele andere in meinem Bekanntenkreis in den vergangenen Jahren. Wie würde man auf sie reagieren? Denn genauso wie viele in der muslimischen Community den Kopftuchtragenden „Religiosität“, „Spiritualität“ oder „Reinheit“ zuschreiben, verkehrt sich das bei einer Frau, die das Kopftuch ablegt ins Gegenteil. Weit mehr als bei einer Frau, die noch nie ein Kopftuch trug. So als ob sie mit dem Kopftuch auch dem Islam und der Gemeinschaft den Rücken gekehrt hätte. Sie gehört nicht mehr dazu. Selbst wenn niemand über sie spricht, ein stilles Urteil ist gefällt.

Es gibt Frauen, die das Kopftuch ohnehin nie tragen wollten, die dazu – offen oder subtil – gezwungen worden sind. Oder die sich so weit geändert haben, dass der Islam und das Kopftuch keine Rolle mehr in ihrem Leben spielen. Andere Frauen empfinden das Kopftuch als Einschränkung. Das Ablegen ist eine Befreiung für sie.Für meine Freundin A. war es eine Qual. Nach etlichen Job-Bewerbungen, nach eben so vielen Absagen, nach Monaten der Perspektivlosigkeit, nachdem man ihr wiederholt in Bewerbungsgesprächen dazu riet, das Kopftuch doch bitte abzunehmen, nach einer großen inneren Krise, nachdem sie sich zu schwach fühlte, um die Blicke und den permanenten Druck, sich beweisen zu müssen, auszuhalten, legte sie es ab. Unfreiwillig. Und doch, obwohl sie die Gleiche war, ebenso spirituell und muslimisch wie zuvor, war sie es nicht mehr in den Augen anderer.

S. hingegen hatte einen ganz anderen Grund: die Politisierung des Kopftuchs, die Bilder und Vorstellungen, die mit dem Kopftuch verbunden sind. „Ich war nur noch damit beschäftigt, den Islam zu verteidigen. Ich habe nur noch außen hin gearbeitet und dabei meine Spiritualität verloren.“ Um sich wieder näher und tiefer mit ihrer Religion zu beschäftigen, ohne von außen daran gehindert zu werden, ohne eine konstante Unruhe zu spüren.

Ja, die Politisierung des Kopftuchs durch die Außenwelt, hat die Trägerinnen zu Anwältinnen und Pressesprecherinnen des Islams gemacht, die sich unfreiwillig und unbewusst diesem Bild fügen. Und tatsächlich besteht hier die große Gefahr, das Eigentliche zu vergessen: den Glauben. Heute ist S. religiöser als zu der Zeit, in der sie noch ein Kopftuch trug. „Wenn ich mich wieder bereit dazu fühle, stark genug bin, werde ich es vielleicht bald wieder tragen. InshAllah – so Gott will.“

KOPFTUCHNEUGIER: EIN BISSCHEN SPAß MUSS SEIN

Sportunterricht in der Schule. Meine Freundin Shaima steht in der Schlange, um ihren Basketball in das Korb zu werfen. Hinter ihrem Rücken schleicht sich leise ihr Klassenkamerad Stefan heran, hebt vorsichtig ihr Kopftuch und kaum dass er einen Blick erhaschen kann, dreht sie sich um. Angstvoll schaut er sie an, böse schaut sie zurück. „Ich w… wollte nur “, stammelt er und ringt nach Worten, „w… wollte doch nur wissen, was darunter ist.“

„Haare“ reichen als Antwort auf die Frage nach dem mysteriösen Etwas unter dem Kopftuch nämlich nicht aus. „Haare“ befriedigen nicht die Neugier der Außenstehenden. Denn wenn schon versteckt wird, dann muss da doch etwas sein. Etwas Fantastisches. Medusa-gleiche Schlangenhaare vielleicht oder eine tätowierte Glatze. Es sind jedenfalls auf keinen Fall Haare und wenn doch, dann zumindest keine normalen.

Legenden muss man füttern, beschlossen meine Schwester und ich. Zusammen verbreiteten wir deshalb zu Schulzeiten das Gerücht, dass unsere lockig-glatten Haare pink-grün gestreift gefärbt seien. Nicht selten stand dann jemand vor uns sagte tatsächlich mit großen Augen „Wirklich? Wirklich pink-grün?“ Willig alles zu glauben, was wir sagten, antworteten wir „Ja, wirklich!“ – in der Hoffnung die Absurdität möge eines Tages für sich sprechen.

Thomas, mein Sitznachbar, fragte mich irgendwann, was passieren würde, wenn er meine Haare sehen würde. „Dann musst du mich heiraten“, antwortete ich. Ich grinste. Kreidebleich drehte er sich zur Tafel.

Einige Wochen später spielten die Jungen wieder Schwammschlacht in der Klasse. „Wusch“ machte es über meinem Kopf und der fliegende Schwamm zog mein Kopftuch nach hinten. „Ahh“, schrie ich und bückte mich, um meine Haare zu bedecken. „Ahh“, schrien die Jungen und hielten sich die Augen zu. „Ahh“, schrien meine Freundinnen und leisteten Sichtschutz, indem sie herbeirannten. Ganz so scharf darauf, das Geheimnis zu lüften, waren wir dann doch nicht – bei den möglichen Folgen…

An der Uni bekam ich es dann mit einer neuen Form der Neugier zu tun. Sie war anders. Sie war merkwürdig. „Was“, fragte ein Kommilitone, nachdem ich ihm erklärte, dass ich zu Hause natürlich kein Kopftuch trage, „was, wenn ich eines Tages an eurem Haus vorbeikomme, durch den Garten laufe und zufällig durch das Fenster schaue und dich ohne Kopftuch sehe?“ Irritiert schaute ich ihn an. Nach einem gruseligen Moment der Stille, lachte er und sagte: „Spaaß!“ „He, he“, sagte ich und bemühte mich um ein Grinsen.

Ich enttäusche ja nur ungern, aber unter dem Kopftuch sind wirklich nur Haare. Nichts Außergewöhnliches. Kopftuchtragende Frauen sind nicht hübscher oder hässlicher als andere Frauen. Sie färben sich die Haare, glätten sie und frisieren sie oder überlassen sie der Natur, wie alle anderen auch. Vielleicht sind einige ein bisschen mutiger, weil sie einen misslungenen Friseurbesuch gut unter dem Kopftuch verstecken können. Aber das wäre auch der einzige Grund für Neugier. Sonst erstreckt sich dort auch die gleiche Langeweile wie bei den Füßen in den Socken. Alles halb so wild, ganz normal halt. Kein Grund für besondere Fantasien.

Kurz vor Ende der Schulzeit schickte mir Thomas übrigens ein Bild. „So siehst du ohne Kopftuch aus“, schrieb er. Zu sehen war ein Bild von mir mit zackigen und abgehakten Paint-Strichen, die Haare darstellen sollten. Knallblonde, wohlgemerkt.

PS: Bildcredit geht oben nicht an Thomas. :)

Taz, Tuch-Kolumne, 11. April 2012

DER NEUE MUSLIMISCHE MANN + DIE FRAU UND DIE GESELLSCHAFT


Schockiert schaute ich Marie an. Meine französische Freundin meinte es ernst: „Ich will am liebsten in einer polygamen Ehe leben.“

In einer Rastafari-Gemeinschaft hatte sie sich in den verheirateten Leiter verliebt und er sich in sie. Seine Frau, die Wochen später dazukam und die Marie als „unheimlich stark und mütterlich“ bewunderte, bekam mit, was los war, und verbannte Marie.

Seitdem lebt sie mit diesem Traum: „Ein starker Denker mit seiner starken Erstfrau und ich. Er wird mein Mann, sie eine Schwester. Mit meinen Kindern werde ich manchmal mit ihnen leben, meist aber unabhängig durch die Welt ziehen.“

Die nächsten Tage versuchte ich, ihr diese Idee auszureden: „Wie willst du so ein Paar finden? Und wie soll das je harmonisch funktionieren?“

Eine Dokumentation hatte kurz vorher gezeigt, wie stark Erstfrauen in polygamen Ehen unter der Existenz der Zweitfrauen psychologisch leiden – unabhängig davon, wie etabliert diese Lebensweise in ihrer Kultur ist. „Auch im Islam“, erzählte ich, „darf man eine polygame Ehe nur dann eingehen, wenn der Mann unter anderem garantieren kann, dass er alle Frauen gleich behandeln werde. Und welcher Mensch kann das schon?“ Doch Marie blieb dabei.

Dann las ich kürzlich, dass erfolgreiche, studierte und karrierebewusste muslimische Frauen in England freiwillig polygame Ehen eingehen – weil es ihnen an muslimischen Männern fehle, die mit ihrem Erfolg mithalten oder umgehen könnten.

„Die Nachfrage nach polygamen Ehen geht vor allem von Frauen aus, nicht von Männern“, sagt Mizan Raja, Organisator von muslimischen Partnervermittlungsveranstaltungen in der ganzen Welt.

Überrascht las ich zu Hause in Oxford diese Nachricht. Ausgerechnet emanzipierte Musliminnen suchen sich diesen Lebensentwurf aus? Leider ist das gar nicht so überraschend, wie es klingt. Seit einigen Monaten führe ich zusammen mit einer Berliner Freundin nebenher eine private muslimische Single-Datenbank. Mission: Verkupplung. Allerdings: Auf 14 Frauen kommen durchschnittlich 3 Männer.

Nicht, dass es nicht genug muslimische Männer gäbe. Das Problem ist vielmehr die gewünschte Mischung aus Erfolg, Identität und Religiosität.

Eine Single-Freundin beschrieb mir ihre Lage: „Muslimische Männer gehen immer ins Extreme. Entweder spielen sie den superstrengen Heiligen oder schmeißen ihren Glauben beim Verlassen der Haustür in die Tonne. Entweder sind sie studiert, erfolgreich, aber dafür hyperassimiliert und wollen um keinen Preis als ausländisch oder gar muslimisch erkannt werden; oder sie lassen die Uni links liegen und lassen stattdessen überall den Muslim oder den Ausländer raushängen. Kann es denn so schwer sein, sich in der goldenen Mitte zu bewegen?“

Vielleicht nicht, aber es fehlt an Vorbildern. Jedenfalls an männlichen. Denn viele muslimische Frauen – mit und ohne Kopftuch – schaffen es, Erfolg, Religiosität, Tradition und das Leben in einem westlichen Wertesystem miteinander zu vereinbaren. Könnte ja auch ein Vorbild für Männer sein.

Taz, Tuch-Kolumne, 28.03.2012

EIN LANGER NACHTRAG:

DER NEUE MUSLIMISCHE MANN, DIE FRAU UND DIE GESELLSCHAFT

Tja, diese Frauen haben halt zu hohe Erwartungen und wollen schließlich Karriere statt Kinder – schrieb mir jemand sinngemäß.

Das ist ein hartnäckiges, zerstörerisches Gerücht. Viele dieser erfolgreichen Single-Frauen würden nur zu gerne eine Familie gründen. Eine solche karrierebewusste Freundin sagte gar, dass sie die Suche nach einem Mann ganz aufgeben und stattdessen ein Kind adoptieren oder zur Samenbank gehen wollen würde, um ihrem Kinderwunsch endlich nachzugehen. In dem Zusammenhang ist es unverantwortlich, dass manche trotzdem an dem Gerücht der vermeintlich Kinder-hassenden Karrierefrauen halten wollen.

Das ist mitunter auch der Grund, weshalb einige – wie in der Kolumne erwähnt – in England nun polygame Ehe-Gemeinschaften eingehen. Zudem liegt es an uns – der Gesellschaft – es möglich zu machen, Karriere und Familie harmonisch miteinander vereinbaren zu können (durch ausreichend Kindergartenplätze, Teilzeit-Arbeitsplätze etc). Arbeit muss die Frau (oder eigentlich auch: den Mann) nicht aus dem Haus verbannen, das Haus nicht aus der Arbeitswelt.

WO SIND DIE MÄNNER?

(Notiz: In den folgenden Beobachtungen beschränke ich mich auf praktizierende Muslime und konzentriere mich im Speziellen auf die Probleme von religiösen und erfolgreichen muslimischen Frauen. Die Wahl eines nicht-muslimischen Partners wird hier ausgeklammert.
Viele der Probleme, die ich hier nenne, entsprechen in Teilen eins zu eins den Problemen nicht-muslimischer Karrierefrauen. Probleme sind also nicht zwangsläufig spezifisch auf die muslimische Gemeinschaft zurückzuführen.
Zudem werde ich problematische Erklärungen wie „nach oben“ oder „unten heiraten“ verwenden. Das ist keinesfalls wertend gemeint. Über bessere und weniger wertende Bezeichnungen wäre ich dankbar.)

Während Männer mit Leichtigkeit Frauen wählen können, die weniger gebildet, weniger erfolgreich und weniger selbstständig sind, bleibt Frauen diese Wahl oftmals versperrt.

Eine erfolgreiche Zahnmedizin-Studentin erzählte, wie sie nach Jahren ihre Beziehung zu ihrem Freund, Nicht-Akademiker, aufgeben musste. Ihr war es egal, wie erfolgreich ihr Freund war, sie liebte ihn für seine Art, seinen Charakter. Auch er gab vor, dass es ihm egal sei. In kleinen Streitereien kam das Thema allerdings immer wieder hoch, bis irgendwann klar war, dass er mit ihrem Erfolg nicht zurechtkam. Sie mussten sich trennen.

Genauso gibt es natürlich wiederum Frauen, die einen erfolgreicheren Partner zur Bedingung für das Beziehungsglück machen. Insgesamt bleibt damit aber Frauen die Option jemand weniger erfolgreicheren zu heiraten versperrt.

Bei der Partnersuche können Männer außerdem auch auf ihre „Heimatländer“ ausweichen: „Importbräute“, wie einige abfällig sagen, gibt es mittlerweile immer seltener, aber es gibt sie.

Selten sind es aber Frauen, die einen Partner aus der „Heimat“ wählen, denn die starke Abhängigkeit von der Frau macht den Männern zu schaffen. Nachdem sie in der Heimat erfolgreich und selbstbewusst ihren Berufen nachgehen konnten, sind sie zu Anfang in Deutschland bei jedem Behördengang, jedem Arztbesuch auf die Frau angewiesen. Meist enden diese Beziehungen mit der Auswanderung in die „Heimat“ oder einer Trennung. Deshalb kommt der „Importpartner“ für viele Frauen erst gar nicht in Frage. Für Männer hingegen schon.

Damit haben wir eine Schicht von erfolgreichen, studierten, religiösen, familienbewussten Frauen, die nicht nach „unten“ hin heiraten können. Auf ihrem Niveau oder nach „oben“ hin gibt es wiederum nicht genügend Männer, die ihresgleichen heiraten.

„Wen sollen die Kopftuchtragenden Frauen heiraten?“, fragte mal ein türkischer Kolumnist, als immer mehr Söhne reicher religiöser Familien es vorzogen, Frauen zu heiraten, die „vorzeigbar“ und „gesellschaftsfähig“ seien, also kein Kopftuch trugen. Kopftuchtragende Frauen der Elite blieben damit immer häufiger Single. Eine heiße Debatte kochte auf.

Eine ähnliche Frage lässt sich auch in Bezug auf deutsch-muslimische Karrierefrauen (mit und ohne Kopftuch) stellen.

Was muss sich also ändern?

1. Wir brauchen mehr Verantwortungsbewusstsein auf Seiten der Männer. Eine emanzipierte Frau mag nicht dem alt-klassischen Bild der idealen Ehefrau entsprechen, aber die wichtigste Frage bei der Partnerwahl sollte ohnehin nicht sein, was die Norm wünscht, sondern welches persönliche Ideal man hat. Die Frage nach dem idealen Partner muss jeder für sich neu beantworten, Erwartungen selber bestimmen. Dazu später mehr im Verlauf des Textes.

2. Wir brauchen mehr erfolgreiche, religiöse Männer der „goldenen Mitte“ im Allgemeinen. In der Kolumne sprach ich dieses Phänomen an und halte die Diskussion dieser Problematik für gerechtfertigt und wichtig.

Selbstverständlich kann es sein, dass meine Beobachtung unvollständig ist und dass es sehr wohl sehr viele erfolgreiche muslimische Single-Männer gibt, die erfolgreiche muslimische Frauen heiraten wollen. Sollte dem so sein, dann bitte ich diese mir bislang unbekannte Gruppe sich bei mir zu melden oder woanders ans Tageslicht zu treten. Sie werden dringlichst gesucht.

Sollte ich mit meiner Beobachtung allerdings zu Teilen richtig liegen, stellt sich die Frage, warum es so wenige erfolgreiche Männer der „goldenen Mitte“ gibt. Ich habe keine abschließende Begründung zu bieten, sondern eher eine vage Vermutung: Ich denke, dass es am Kopftuch liegen könnte.

Die Entwicklung einer selbstbewussten muslimischen Identität in einer nicht-muslimischen Umgebung ist eine vollkommen andere Herausforderung für Männer als für Kopftuchtragende Frauen, die immer und überall als Muslime identifiziert werden können und damit insgesamt eher dazu neigen, sich tiefer mit ihrer Religion zu beschäftigen, und gleichzeitig nach Wegen suchen, sich in einer nicht-muslimischen Umgebung zu etablieren. Der Mann hingegen hat den Luxus in der Masse untertauchen zu können und wird nicht in dem gleichen Maße zur Reflektion gezwungen wie die Frau.

Im Sinne der religiösen und spirituellen Identität könnte dieser Luxus des muslimischen Mannes ein Nachteil und das Kopftuch ein Vorteil der Frauen sein. Beispiel: Die Hürde mit dem Kopftuch Alkohol zu trinken ist größer, da mit dem Kopftuch auch für das nicht-muslimische Umfeld Erwartungen verbunden sind. So müsste eine Kopftuchtragende Frau nicht nur sich selbst und die eigenen religiösen Pflichten und Regeln überwinden, um zu trinken, sondern auch die Reaktionen des Umfelds. Die Konsequenzen sind also andere.

Das Kopftuch könnte die Entwicklung einer selbstbewussten muslimischen Identität bei Frauen beschleunigt haben. So könnte es sich bei Männern auch nur um eine Verzögerung der Entwicklung dieser Identität handeln.

Darüber hinaus gibt es in Bezug auf Heirat viele weitere Probleme innerhalb der Gemeinschaften. Im Folgenden werde ich zuspitzend schreiben, ungenau und keinesfalls allumfassend. Diese realen Horrorszenarien beschreibe ich, um den Blick für weitere Probleme zu schärfen. Jede/r Leser/in kann für sich entscheiden, inwieweit diese seinen/ihren eigenen Erfahrungen und Beobachtungen entsprechen oder nicht. „Herkes kendine bir pay bicsin“, sagen wir im Türkischen. Nehme sich jeder seinen Anteil an den nachfolgenden Beschreibungen:

ERWARTUNGEN KILL US ALL.

Viele der Erwartungen an die Ehe sind gesellschaftlich normiert, deshalb häufig nicht nur zu hoch, sondern auch einfach nicht richtig, ungesund und schädlich.

Die Frau wünscht sich eine pompöse Hochzeit, die das Paar gleich zu Anfang der Ehe in den finanziellen Ruin treibt, perfekt eingerichtete Wohnungen und etliche Geschenke. Überzogene materielle Wünsche im Allgemeinen sind für viele heiratswillige Männer eine große Hürde überhaupt zu heiraten. Viele befinden sich häufig noch im Studium und können eine solche Sicherheit noch gar nicht bieten. Sie arbeiten deshalb nebenher, um den Erwartungen gerecht werden zu können – das Studium bleibt dabei auf der Strecke. Hier gehen viele potentielle Akademiker verloren.

Der Mann soll bitte der starke Ernährer sein, er soll immer und überall Sicherheit und Schutz bieten. Keine Schwäche oder Unwissenheit zeigen. Der niedliche Prince Charming mit der Intelligenz von Einstein, dem Geld von Rupert Murdoch und dem Mut von Vin Diesel, sozusagen.

Leider höre ich bei vielen jungen Frauen immer wieder raus, dass sie umworben werden wollen. „Er soll ein bisschen zappeln“, sagen sie. Sie wollen den ersten Antrag ablehnen, den zweiten auch und bei dem dritten? „Dann vielleicht.“ Und wie kommen diese Frauen bitte auf die Idee, dass es einem Mann so einfach fallen würde, einen Antrag zu stellen und trotz Abweisung immer wieder nachzufragen? Tja, das liegt daran, dass früher die Familien für die Partnersuche verantwortlich waren und für ihren Sohn die Familie des Mädchens anfragten. Gleich beim ersten Mal ihre Tochter „wegzugeben“, das galt in vielen Kreisen als unehrenhaft. Aber wie gesagt, das war früher. Heute kann man diese Erwartung getrost ablegen.

Auf Seiten der Männer hingegen bestehen weniger materielle, denn soziale Erwartungen an die Frau: Das gemeinsame Zuhause darf Hotel Mama in nichts nachstehen, sie wollen umpflegt und bemuttert werden wie zuvor auch. Die Familie soll das neue Zentrum im Leben der Frau werden. Studium, Arbeit, soziales Engagement leiden sehr unter diesem neuen Druck. Selbstverständlich muss die Frau darüber hinaus gängigen Schönheitsidealen entsprechen. Intellektuell darf sie nur so weit herausfordern, wie es nicht am Ego des Mannes kratzt. Es gibt Ärztinnen, die des Mannes wegen ihren Beruf niemals ausüben.

Eine Freundin, Akademikerin, beschrieb mir das Ende eines Kennenlern-Gesprächs mit einem Akademiker wie folgt:

Er sagte zu mir am Ende: “Ich brauche ein Vierzigstel von dem, was du hast und bietest – an Intelligenz, Schönheit, Sprachvermögen, Poesie und Erfolg.” Mir blieb die Spucke weg! Er ist selber angehender Akademiker; weniger intelligent war er auch nicht. Aber wir standen so ziemlich auf der selben Stufe des Treppchens.

Frauen und Männer zugleich sind geprägt von Bildern und Vorstellungen, die uns die Gesellschaft diktiert. Angefangen von achso-unschuldigen Disney-Filmen über Musik, Fernsehen, Bücher, Familie, Freunde, die Neider bis zum eigenen Neid. Die gesamte Außenwelt.

Und ich wünschte, ich würde diese Beispiele nicht kennen. Aber ich kenne sie, denn es gibt sie. Fälle, in denen die unterschiedliche Erwartungshaltung zu der Trennung von Paaren führt, die sich eigentlich gefunden und geliebt hatten. Unsterblich. Bis die Erwartungen uns scheiden.

Expectations kill love.
DAS RECHT DARAUF, NICHTS ZU HABEN

Doch deshalb in vorauseilendem Gehorsam zu reagieren und zu resignieren wäre falsch. Eine gemeinsame Zukunft muss nicht den Erwartungen der Außenwelt entsprechen, sondern den Bedürfnissen und Zielen des Paares selbst. Doch selbst unsere Bedürfnisse und Ziele sind nicht „unsere“. Auch die müssen wir selber definieren. Das fängt mit einem Eingeständnis an: Wir sind Produkte unserer Außenwelt.

In einem Text über ideale Beziehungen schrieb ich folgendes:

„Es gibt keine idealen Beziehungen, denn es gibt keine idealen Menschen. Doch es gibt Ideale, die uns unsere Gesellschaft aufträgt. Sie lassen uns in Erwartungen verirren und blind werden für den geliebten Menschen, der in seiner wunderbaren Unvollkommenheit vor uns steht. Wir konditionieren unser Glück. Doch das Glück kennt keine Konditionen.

Und trotzdem darf sich eine Beziehung niemals auf Unvollkommenheiten ausruhen und statisch werden. Eine Beziehung muss sich wandeln dürfen, zusammen mit den beiden Menschen, die sich um ein besseres Ich bemühen – um gemeinsam ein besseres Wir zu werden.

Glück ist ein Balanceakt zwischen Zufriedenheit im Jetzt und Streben für die Zukunft.“

Und wenn dann das nächste Mal Nachbarchtantchen Zuhause antanzen und beim Anblick des Wohnzimmers der Frischverheirateten bemitleidend ausrufen: „Ach mein Kind, euch fehlt ja dies und jenes!“, dann erinnert sie daran, wie stolz sie sonst immer davon erzählen, dass sie früher gar nichts hatten.

Denn auch wir, wir jungen Leute, haben das Recht darauf, gar nichts zu haben. Das Recht darauf keine starken Ernährer, keine selbstsicheren Menschen, keine Supermodels und keine perfekten Hausfrauen zu sein.

Wir haben das Recht auf Fehlerhaftigkeit. Das sagt nichts darüber aus, wo wir in zehn, zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren sein werden. Das gibt uns aber das Recht, auch mit vermeintlichen Mängeln, Fehlern und Unvollständigkeiten glücklich zu sein.

Geben wir dieses Recht auch den Menschen um uns herum.


An all jene, die meinen zu wissen, wie ich geheiratet hätte: Lest die diesjährige Wedding-Ausgabe „Der Westen“. Ab Montag, 02.04.2012 Berlin- und deutschlandweit im Zeitschriftenhandel. Alle anderen: Genießet das Magazin!

Teil 2 dieser Reihe findet ihr hier: Der muslimisch-akademische Heiratsmarkt
Eine männliche Sicht auf diese Thematik findet ihr hier: „Zeit für einen Diskurs – überall“

 

"NUR WEIL ICH SCHWARZ BIN"

„Ich, ich!“ schrien die Lichter, während das einzige Licht, das „Dort!“ rief, unterging.
New York, Times Square

Ich musste den Kurs an der Universität abbrechen“, sagt Mariam, als wir gemeinsam mit anderen Teilnehmern einer Konferenz in einem Restaurant sitzen. Wir alle kennen uns nur flüchtig. Dann hält Mariam inne und zögert. Sie zupft an ihrem Kopftuch.

Wir anderen wissen, welcher Satz folgen wird. „Es lag an meinem Kopftuch“, sagt sie, wie erwartet. Ein bisschen betroffen schauen wir, es schwebt Verdacht in der Luft. Misstrauen gegen Mariam, das Opfer. Ist das jetzt eine bequeme Ausrede? Schiebt sie ihren Misserfolg auf andere? Stimmen flüstern in unserem Kopf.

In den nächsten Minuten wird klar, dass der Verdacht in ihrem Fall absolut unbegründet war. „Du hättest klagen müssen“, sagen wir sogar – übereifrig im schamhaften Versuch, unsere Zweifel von vor wenigen Minuten zu vertuschen und die Stimmen zu bestrafen.

Aber der Zweifel war da. Der Zweifel ist da. Denn Rassismus kann man selten beweisen. Er ist subtil. Manchmal ist es der Ton eines Wortes, der Blick, die Art, die Mimik, Gestik, die einem zu verstehen gibt, dass man unerwünscht ist. Ein Unwohlsein macht sich breit. Ein Gefühl, dessen Ursache sich nicht beweisen lässt. Der Hilflosigkeit folgt die Resignation und dieser schließlich der Zweifel: „Vielleicht bin ich ja schuld daran, und vielleicht bilde ich mir das alles ja sowieso nur ein“, sagt sich der Betroffene, und irgendwann wird der Rassismus zur Normalität.

Und während ich diese vielen Texte über Rassismus schreibe, frage ich mich: Was, wenn Rassismus nicht mehr normal, sondern allein der Vorwurf rufschädigend wird? Wenn sich das potenzielle Opfer plötzlich in der Machtposition befindet?

Potenzielle Opfer sind nicht per se die besseren Menschen. Sie sind nicht davor gefeit, selber Täter zu werden. Unter Türken, Arabern, Schwarzen, Frauen, Juden, Homosexuellen und sonst wie diskriminierten Gruppen gibt es genauso schlechte Menschen wie anderswo auch.

Was also, wenn gerade die nachteilige Unbeweisbarkeit des Rassismus von potenziellen Opfern missbraucht wird?

„Nur weil ich schwarz bin“ war so ein Dauerbrenner in meiner Klasse. Wann immer sich jemand von Lehrern ungerecht behandelt fühlte, murmelte er diesen Satz. Wir lachten dann darüber. Manchmal aber, wenn ein bisschen Ernst dabei war, grinsten wir nur.

Dieser Satz war eine Gratwanderung zwischen dem ewigen Opferdasein und dem schwätzenden Clown. Der eine benutzte ihn zu seiner reinen Belustigung. Der andere meinte ihn ernst, aus ihm sprach der Verletzte. Doch wir sagten diesen Satz so oft, gebrauchten ihn so inflationär, dass er seine Wirkung verlor. Der Ernst war nicht mehr zu unterscheiden vom Witz. Der Hilferuf ging im Gelächter unter.

Was, wenn die Unbeweisbarkeit des Rassismus irgendwann den Missbrauch nicht vom Ernst unterscheiden lässt? Wenn es ausreicht, „Rassist!“ zu rufen, um jemandem auf ewig zu schaden? Und wir deshalb in einem Restaurant sitzen und zögernd und zweifelnd der Geschichte eines Opfers lauschen?

Dann schadet der Schaden den eigentlich Geschädigten.

Taz, Tuch-Kolumne, 14. März 2012

Nachtrag (21. Mai 2012): „Her mit der dreckigen Wäsche“

BEOBACHTET

Samstagabend in Köln. Auf einer Veranstaltung treffe ich eine Bekannte und frage sie nach einer gemeinsamen Freundin. „Wie geht es Ahlam?“, frage ich sie. „Welche Ahlam?“ – „Ahlam El Rifai*.“ – „Kenne ich nicht.“ Ich wundere mich. „Wir waren doch gemeinsam in Berlin.“ Sie schaut mich stirnrunzelnd an, dann klickt es. „Ach, die Ahlam. Ja, die heißt doch anders, El Saad ist ihr Nachname.“

Einige Monate später treffe ich Ahlam und erzähle ihr von diesem Gespräch. „Wie heißt du denn jetzt wirklich?“, frage ich. Ahlam ist klug, sozial sehr engagiert, leistet Jugendarbeit, studiert und versucht sich nebenher auch beruflich zu etablieren.

Eine der Vereine, für die sie arbeitet, ist die Muslimische Jugend Deutschland (MJD). Wie sich kürzlich nun auch nach einem richterlichen Beschluss herausstellte, ein Verein, der jahrelang zu Unrecht im Verfassungsschutzbericht auftauchte. Mit fatalen Folgen für die jungen Muslime, die sich in dem Verein engagierten: Kündigungen, Job-Absagen und berufliche Perspektivlosigkeit.

Ahlam kann und möchte nichts mehr riskieren. Ihr wichtiges soziales Engagement bei der MJD lässt sie bei Bewerbungen weg. Doch auch bei der Internetrecherche eines potenziellen Arbeitsgebers darf kein Zusammenhang erkennbar sein, deshalb die vielen Namensänderungen auf sozialen Netzwerken. „Das tut weh, denn ich bin eigentlich stolz auf meine Arbeit“, sagt sie. Aber das ist halt der Alltag.

***

Ich verabschiede mich vom Besuch bei Hamburger Bekannten. Seitdem ich in England lebe, sehe ich sie nur selten. „Kommt uns doch mal besuchen“, bitte ich zum Abschied. Ahmet lacht und sagt: Dafür brauchen wir ein Visum, wir haben doch einen türkischen Pass.“ Ich bin überrascht. So Deutschland-orientiert wie sind, hätte ich darauf wetten können, dass sie deutsche Staatsbürger sind.

„Warum beantragt ihr denn keinen deutschen Pass?“, frage ich. Dieses Mal schaut mich Ahmet überrascht an. „Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass sie mir einen Pass geben würden, oder? So lange wie ich schon Mitglied bei Milli Görüs bin?“ So erzählt Ahmet von den Versuchen seiner Vereinsfreunde, die sich um die deutsche Staatsbürgerschaft bemühten. Vergeblich. Milli Görüs wird vom Verfassungsschutz beobachtet.

***

Nuray* hält mir ihren Kündigungsbescheid hin. Jahrelang hat sie bei der Polizei als Übersetzerin gearbeitet, man war sehr zufrieden mit ihr, urplötzlich kam die Kündigung. „Aufgrund der Aktivitäten und Funktionen Ihres Ehegatten in dem Verein IGMG (… bestehen) Bedenken gegen eine weitere Heranziehung als Dolmetscherin für die Polizei“, steht in dem Brief. Das hätte die Polizei nach einer „turnusmäßigen Überprüfung“ festgestellt und sie deshalb mit sofortiger Wirkung aus der Dolmetscher-Datei entfernt. Nurays Mann organisiert Fußballabende für die Milli Görüs (IGMG).

***

So richtig überraschen tut das aber Muslime in Deutschland nicht mehr. Der Verfassungsschutz ist Alltag. In Konferenzen werden deshalb manchmal spaßeshalber „Schlüsselwörter“ fallen gelassen. Sie fragen sich, ob sich die Beamten beim Zuhören langweilen und erzählen auch mal Witze, falls dem so sein sollte.

Und damit diese Kolumne auf dem Weg von meinem Laptop in das E-Mail-Postfach der Redaktion auch wirklich vom Verfassungsschutz gelesen wird, beende ich sie mit einem Schlüsselwort: Bombe.


*Namen von der Redaktion geändert

Taz Tuch-Kolumne, 29. Februar 2012

Edit: Alien in Europe erzählt von ihren persönlichen Erfahrungen der Marginalisierung und des Beschattetwerdens. Weiter.

MACHTSPIEL

Die Routine ist eine Maske, die den Menschen vor dem Sturm im Inneren bewahrt.
Bild: Maske im American Indian Museum in Washington, USA.
Tayfun ist still. Sein Leben ist routiniert. Er ist fleißig in der Schule, gut im Sport und loyal zu seinen Freunden. Schule, Sport, Freunde. Schule, Sport, Freunde. Ein ruhiger Mensch. Eine geballte Faust.

Es ist Donnerstagabend vor ein paar Jahren in Hamburg. Tayfun ist fertig mit dem Kickbox-Training und schaut auf die Uhr. In 15 Minuten schließt die Servicestelle des Hamburger Verkehrsverbunds in Billstedt. Er rennt los. Morgen macht seine Klasse einen Ausflug, seine Monatskarte ist abgelaufen. Er muss sie heute unbedingt erneuern.

Als er erschöpft ankommt, hat der Schalter bereits geschlossen. Dann entdeckt er das Schild: Die Servicestelle am Hauptbahnhof habe heute noch bis 20 Uhr auf. Sieben Stationen und 12 Minuten. 62 Euro hat er dabei. Exakt so viel, wie die Monatskarte kostet. Nicht mehr. Er steigt trotzdem in die Bahn, ohne Ticket. Wird schon.

Als er am Hauptbahnhof aussteigt, geht es nur langsam voran. Oben, am Ende der Treppe, stehen Fahrkartenkontrolleure und lassen niemanden unkontrolliert durch. Tayfun versucht es trotzdem. „Fahrkarte?“, fragt ihn der Kontrolleur. „Ich war gerade auf dem Weg mir eine Monatskarte zu holen“, erklärt Tayfun. Jetzt ist er doch ein bisschen aufgeregt. „Ja, ja, erzähl das der Polizei!“, sagt der Kontrolleur, nimmt ihn am Arm und führt ihn aus der Menge. Tayfun ist überrascht. „Warum denn gleich die Polizei? Ich sagte Ihnen doch, ich war gerade dabei meine Monatskarte zu holen. In Billstedt hatten sie zu“, ruft er. Der Kontrolleur zerrt ihn in einen Hinterraum.

Tayfun hat Angst, das hatte er nicht erwartet. Zwei Polizisten betreten den Raum. Tayfun versucht, sich zu erklären. Einer der Polizisten baut sich vor ihm auf. „Setz dich!“, sagt er. Ein Machtspiel. Tayfun kann nicht glauben, was passiert. „Nein, ich setz mich nicht!“ – „Setz dich!“ – „Hier!“, Tayfun holt aus seiner Hosentasche den sorgfältig ausgefüllten und gefalteten Bogen für die Monatskarte und knallt ihn zusammen mit dem Geld auf den Tisch, „Sehen Sie?“ Der Polizist packt ihn an den Schultern und drückt ihn auf den Stuhl. „Setzen!“ Tayfun wehrt sich. Sofort schlägt ihn der Polizist zusammen mit seinem Kollegen auf den Boden. Tayfun fühlt, wie sich seine Schulter verrenkt. Er versucht, sich zu befreien. Die Polizisten drücken noch fester zu – und der Kontrolleur trifft Tayfun mit dem Knie mitten ins Gesicht.

Ein Passant, der gerade an der offenen Tür vorbeigeht, beobachtet die Szene und stürmt rein. „Was machen Sie?“, ruft er.

Tayfun gibt auf.

Es folgen zwei Gerichtsverhandlungen. Tayfuns Vater ist sauer auf seinen Sohn. Trotzdem heuert er einen Anwalt an. Viel Geld geht drauf. Der Passant ist nicht auffindbar. Ein junger Deutschtürke gegen zwei Polizisten und einen Kontrolleur. Tayfun muss 20 Sozialstunden ableisten, wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt. Er sei milde, sagt der Richter über sich, weil Tayfun nicht vorbestraft sei.

So fängt Tayfuns Routine an. Still nimmt er das Urteil entgegen. Still leistet er die Sozialstunden ab. Still bleibt er.

Er schaut Fremden nicht mehr in die Augen. Manchmal selbst Freunden nicht. Dann knirscht er mit den Zähnen. Seine Augen sprechen tausend Worte. Tayfun presst die Lippen zusammen und geht. Mit seiner immer geballten Faust.

Taz, Tuch-Kolumne 15. Februar 2012

WESTLIEBE

Nazim heißt er und er gehört in den Westen.

Groß und gerade steht Nazim, etwas breit. Er hat eine kräftige Statur. Seine gebräunte Haut ist ledrig, die Zähne vergilbt vom Rauchen. Doch man sieht sie ohnehin nur selten, denn er redet nicht viel. Und wenn, dann bebt sein ganzer Körper. Seine tiefe Stimme hallt in der Brust, vibriert. Er ist ein verschlossener Mensch. Mit seinen tiefschwarzen Augen beobachtet er aufmerksam und durchdringend die Menschen um ihn herum – Menschen, die ihm durch seine Arbeit als Polizist fremd geworden sind.

Nazim ist angekommen. Als sich die Türen öffnen und er seinen Bruder hinter der Absperrung am Berliner Flughafen entdeckt, steckt Nazim seine goldene Halskette unter sein Hemd. Der Bruder braucht sie nicht sehen.

Zusammen betreten sie die Wohnung des Bruders. Es riecht nach türkischem Gebäck und Essen. Sein Blick schweift langsam über die arabischen Kalligraphien im Flur und bleibt an dem Kopftuch seiner Schwägerin hängen. Sie nickt ihm zu und zwingt sich zu einem Lächeln. Er öffnet seinen Mund, um etwas zu sagen, und schließt ihn gleich wieder seufzend. Es lohnt sich nicht.

Die kleine Nichte tritt heran, um ihm die Hand zu küssen. Er zieht sie weg und streicht ihr stattdessen kurz über das Haar. Hier und trotzdem rückständig.

Beim Abendessen reden nur Nazim und sein Bruder. Ein bisschen über die Kindheit und Fußball. Keine gefährlichen Themen. Die Schwägerin schweigt und stochert lustlos auf ihrem Teller herum. Dann gehen den Brüdern die ungefährlichen Themen aus. Nazim wartet noch einen Moment und bedankt sich dann für das Essen. Jetzt schnell.

Umgezogen steht Nazim an der Tür zum Wohnzimmer. Er schaut kurz rein und hebt die Hand zum Abschied. Sein Bruder, der mit Tee, Mandeln, Nüssen und gesalzenen Sonnenblumenkernen auf ihn wartete, schreckt überrascht hoch und eilt ihm nach. Er kuckt Nazim wortlos an. Du bist doch erst heute aus der Türkei gekommen. Willst du dich nicht ausruhen? Wortlos schaut Nazim zurück. Ich bin nicht wegen dir hier, das weißt du.

Draußen knöpft Nazim sein Hemd auf. Die goldene Kette kommt zum Vorschein. Praktizierende muslimische Männer tragen kein Gold. Rückständige tragen kein Gold.

Ich bin hier, sagt Nazim sich. Endlich. Nur um hier zu sein, ist Nazim in der Türkei auf die Polizeischule gegangen. Irgendwann als Kommissar würde er mit einem yesil pasaport, dem grünen Pass für hohe Beamte, Europa bereisen. In die Wiege der Moderne wollte Nazim. Und ausgerechnet sein Bruder lebt hier. Der rückständige, religiöse Bruder. Er hatte sich in die Tochter der deutschtürkischen Familie, die jeden Sommer in der Nachbarwohnung lebte, verliebt und war mit ihr nach Berlin gezogen. Seit acht Jahren lebt er mit seiner Familie hier, während Nazim in einer kleinen Stadt an der Westküste der Türkei Streife fuhr. Alleine. Ich, ich gehöre hierher.

Nazim ignoriert die türkischen Imbisse, den libanesischen Supermarkt, das italienische Restaurant. Das ist es nicht. Das auch nicht. Das auch nicht. In einer Seitenstrasse, endlich, entdeckt Nazim eine Kneipe. Als er die Tür öffnet, weht ihm eine Alkoholfahne ins Gesicht. Nach Bier riecht es hier. Ein bisschen klebrig ist es von dem Frittierten, das hier verkauft wird. Er setzt sich an den hintersten Tisch des Raumes, von dort aus kann er alles beobachten. Als die Kellnerin kommt, zeigt er auf ein Bier in der Karte. Er trinkt und trinkt. Und beobachtet.

Die korpulente Frau hinter der Theke mit dem lauten Lachen. Ihr rotes Unterhemd zeigt einen tiefen Ausschnitt, der immer weiter rutscht, wenn sie lacht. Und der Mann im karierten Hemd, der sich weit über die Theke lehnt, macht weiter Witze. Der alte türkische Mann mit dem vernarbten und eingefallenen Gesicht, der seit Ewigkeiten vor ihm sitzt und ihm sein Leid erzählt, schnappt sich sein Glas. Nazim lacht. Die Touristen sind hier.

Die Touristen, die jeden Sommer den Westen in seine türkische Kleinstadt bringen und die Cafes füllen. Wegen derer die Stadt die Palmen auf den Mittelinseln wässert und die Clubs und Bars wieder auch in der Woche länger aufhaben. Die, die Geld bringen. Und Freiheit und Sorglosigkeit. Hier sind sie und ich bin bei ihnen. In der Moderne.

An einem warmen Sommerabend steht Nazim am Ufer der türkischen Kleinstadt und während seine Augen nur bis zum Horizont des rauschenden Meeres reichen, sind seine Gedanken schon viel weiter. Im Westen war er noch nie.

Dieser Text erschien in zunächst in gekürzter Form in der taz-Tuch-Kolumne am 01.02.2012

ROSENMONAT

Manche Geschichten klingen abenteuerlich, unverständlich. So unwahr. Aber sie geschehen. Manchmal zwingt das Leben Menschen zu Entscheidungen, die nur sie selbst verstehen und uns Außenstehenden ein Geheimnis bleiben.


Gülay ist Anfang der fünfziger Jahre im Osten der Türkei in einer türkisch-kurdischen Familie geboren worden. Wie alt sie genau ist, weiß sie nicht. Nur dass es im Mai gewesen sein muss, dem Monat der Rose – denn Gülay bedeutet Rosenmonat.

Heute lebt sie im Londoner Stadtteil Wood Green, in dem auch viele andere Kurden, aber auch viele Zyprioten wohnen. Ein bunter Stadtteil in einer bunten Stadt. Ihre Tochter Gülistan – Rosengarten – wurde in dieser Stadt geboren. Und in dieser Stadt wurde Gülistan auch Mutter ihrer Schwester.

Eine fröhliche Frau ist Gülay – alt und doch voller Lebenslust. Sie spricht nur gebrochen Englisch, aber ausreichend, um Menschen kennen zu lernen. Viele Menschen. Immer wieder bringt sie Leute mit nach Hause, gibt ihnen Essen, hilft ihnen. Gülistan hat sich an diese Eigenart ihrer Mutter gewöhnt. Doch als eine junge bulgarische Gastarbeiterin zu ihnen kommt, ändert sich alles.

Gülay begegnet Emine im Bus an einem Oktobermorgen. Die junge Frau weint. Gülay setzt sich neben sie, versucht mit ihr zu reden. Und Emine erzählt: Sie war nach England gekommen, um zu arbeiten, Geld zu verdienen und dann nach Bulgarien zurückzukehren, zu ihrem Mann. Zwei Jahre sollten es in England werden. Ein Jahr war um, und nun war sie schwanger – von wem, verriet sie nicht. „Ich muss arbeiten“, sagt sie. „Ich muss abtreiben. Ich will nicht. Aber ich muss.“

Lange unterhalten sich die beiden Frauen. Gülay verspricht zu helfen, wie schon so oft. In der Schwangerschaft, bei der Geburt, danach.

So ging Emine die nächsten Monate ein und aus bei Gülay, sie wurden zu Freundinnen in der Fremde. In einer Nacht im Mai, im Rosenmonat, war es dann so weit: Gülay hielt während der Entbindung Emines Hand, ihre Tochter Gülistan erledigt im Krankenhaus das Bürokratische. Emine bringt eine gesunde Tochter zur Welt, sie nimmt sie nicht in den Arm. Sie schläft – halbtot vor Erschöpfung – ein. Gülay und Gülistan, Rosenmonat und Rosengarten, begrüßen das Kind mit Rosen.

Am nächsten Morgen kommt Gülay ins Krankenhaus, um Emine und das Kind abzuholen. Doch Emine ist weg, nur einen Brief hat sie auf dem Bett zurückgelassen. Sie schreibt, das Kind könne nicht mit nach Bulgarien kommen, ihr Mann würde es niemals akzeptieren. Ihre Tochter sei bei Gülay besser aufgehoben, denn sie sei eine bessere Mutter, als Emine es je werden könnte.

Monatelang suchen Gülay und Gülistan nach Emine. Emine heißt nicht Emine, sondern Katerina, so viel finden sie heraus. Mehr nicht.

Das Mädchen kommt zunächst in eine Pflegefamilie. Gülay will die Kleine zwar adoptieren – doch die Ämter bescheiden ihr, sie sei zu alt. Ein Jahr lang dauert das Ringen mit den Behörden. Dann adoptiert nicht Gülay, sondern ihre Tochter Gülistan das Kind.

Gülay nimmt das Kind zu sich und nennt es Cansu – das heißt Lebenselixier – ein türkisch-bulgarischer Name. Cansu lernt heute Bulgarisch und Türkisch. In ihrem Zimmer hängt ein Bild ihrer drei Mütter.

Emine bedeutet „die Vertrauenswürdige“ und Katerina „die Reine“.

taz, Tuch-Kolumne, 04. Januar 2012

FRÖHLICHE BAYNACHTEN!

Weihnachten ist die langweiligste Zeit des Jahres! – fand ich als Kind einer türkisch-muslimischen Familie, die kein Weihnachten feierte. Im Fernsehen liefen immer nur die gleichen Sachen – obwohl, von „Kevin allein Zuhaus“ bekam ich nie genug. Keiner meiner Freunde kam nach draußen zum Spielen, alle hatten zu tun und waren schwer mit der Familie beschäftigt. Und als ob das nicht schlimm genug wäre, hatte zu allem Überfluss auch noch die Bücherhalle zu. Wie öde ist das denn?Auch sonst war eigentlich alles geschlossen, was ich so kannte. Die Schule. Zu. Der Sportverein. Zu. Supermärkte. Zu. Die Drogerie. Zu. Der Allgemeinarzt um die Ecke. Auch zu. Als Kind machte ich mir richtig Sorgen. Was passiert, wenn wir zu Hause über die Weihnachtstage nicht genug Essen haben? Werden wir verhungern? Was ist, wenn Klopapier ausgeht? Zahnpasta? Milch? Was ist, wenn ich plötzlich Zahnschmerzen bekomme? Oder Fieber? Oder Heißhunger auf Lakritze habe? Ja, richtig. Wo krieg ich in den Weihnachtstagen Lakritze her, verdammt?

Weihnachten ist eine Zwangspause. Unerträglich für abenteuerlustige Kinder, denen an Weihnachten keine Geschenke winken. Deswegen hätte ich damals nie gedacht, dass Weihnachten jemals ein Teil von mir wird. Tatsache ist aber, dass Weihnachten eigentlich das Beste ist, was einem erwachsenen Menschen passieren kann.

Kein Fernsehen und keine Arbeit. Dafür viel Familie und Freunde – sofern man sie zu schätzen weiß. Jedes Jahr, um die Weihnachtstage herum, treffe ich endlich diejenigen Lieben, die über den ganzen Globus verteilt sind – Menschen, mit denen ich es das ganze Jahr über nicht schaffe, zusammenzukommen. Kurz vor Weihnachten reisen wir alle in die Heimatstadt, treffen unsere Familie, Verwandte und Freunde.

Wir tauschen Geschenke aus und taufen das dann „Baynachten“: eine Kombination aus Weihnachten und Bayram, dem muslimischen Fest. Obwohl wahrscheinlich die meisten deutschen Muslime zu Hause keinen Weihnachtsbaum stehen haben, keinen blinkenden Weihnachtsschmuck an den Fenstern und sich gegenseitig keine „frohen Weihnachtstage“ wünschen, sind es doch die Weihnachtstage, die ihnen die Gelegenheit geben, besinnlicher zu werden und einander zu besuchen.

Die Feierstimmung und die permanenten Versuche, ein wenig netter zu sein, finden erstens auch Muslime erfreulich und zweitens sind sie ansteckend.

Deshalb ist Weihnachten mehr als ein Fest der – mehr oder weniger praktizierenden – Christen oder autochthonen Deutschen in Deutschland. Weihnachten ist auch ein kulturelles Fest, eine Stimmung, ein Gemütszustand. Und den können alle teilen. Vor zwei Tagen kaufte ich mir am Flughafen kurz vor dem Flug nach Hamburg eine Brezel beim Bäcker. Augenzwinkernd steckte mir die Bäckersdame eine Lakritzstange in die Tüte und wünschte mir frohe Weihnachten. Danke, die werde ich haben. Und die Lakritze gebe ich meinen kleinen Brüdern, die sich wieder einmal furchtbar langweilen werden.

taz Tuch-Kolumne, 21. Dezember 2011

Mehr über Baynachten in Folge I und II.

EIN LANGER ABEND IN TUNIS. WENN FREMDE ZU FREUNDEN WERDEN…


März 2011, Tunis in Tunesien. Amina* steht im Publikum am Mikrofon und stellt François Hollande, dem französischen Präsidentschaftskandidaten der Sozialisten, eine Frage. Er ist an diesem Abend eingeladen, um über Demokratie zu sprechen. Holland unterbricht sie. „Entschuldigen Sie, Mademoiselle“, sagt er zu Amina, „Sie sprechen wirklich sehr gut Französisch.“ Hollande lächelt. Amina nicht mehr. „Danke, Sie aber auch“, entgegnet sie. Gelächter im Saal.

„Übrigens, wissen Sie, warum ich so gut Französisch spreche? Weil ihr Land mein Land kolonialisiert hat. Jetzt sitzen Sie hier und wollen uns Demokratie lehren? Wann haben Ihre Leute zuletzt für Demokratie gekämpft und Blut gelassen? Vor über 200 Jahren? Mein Land vor drei Monaten. Also erzählen Sie uns nichts von Demokratie!“

Amina und ich lachen. „Das hast du wirklich so gesagt?“, frage ich. „Ja!“, sagt Amina schulterzuckend und zieht noch einmal an ihrer Zigarette. Dann schnippt sie den Aschenstummel in den Totenschädel aus Ton und lehnt sich grinsend zurück auf ihr Bett. Wir haben uns über Freunde kennengelernt und auf Anhieb verstanden. Meinen letzten Abend in Tunesien verbringe ich deshalb bei ihr und ihren Eltern.

Seit Stunden schon diskutieren und erzählen wir einander. Eigentlich wollten wir noch raus auf eine Demonstration von Aminas Freunden, aber wir blasen alles ab und reden weiter. Unsere Zeit ist begrenzt. Wir sind zwar beide im selben Alter, könnten aber unterschiedlicher kaum sein: Sie ist Tänzerin und Schauspielerin. Keine Haut-und-Knochen-Frau, sondern eine frauliche, starke. Ihre kurzen, braunen Haare sind hinter die gepiercten Ohren geklemmt. Sie hat ein strahlendes Lächeln, gewinnend und selbstbewusst. Sie weiß, was sie will im Leben. Und was sie nicht will.

Vor ein paar Monaten hat sie ihren ägyptischen Freund verlassen, einen berühmten und erfolgreichen Regisseur, 20 Jahre älter als sie. Ihr Traummann. „Aber manchmal, wenn Träume wahr werden, merkt man, dass man ihnen noch nicht gewachsen ist.“ Drei Monate nach der Trennung hat er eine Freundin von Amina geheiratet. Sie rief ihn an: „Wehe dir, du machst das, um dich bei mir zu rächen. Sie ist eine Perle, respektiere sie. Nicht du hast ihr einen Gefallen getan, sondern sie dir.“

Nach der Hochzeit ist Amina die erste Person, die das Paar anruft. Sie weinte damals. „Ich dachte, ich weine, weil der Mann, den ich liebe, jemand anderen heiratet. Aber heute weiß ich: Ich weinte, weil es dort in Ägypten zwei wunderbare Menschen gibt, die mich lieben und schätzen.“

Amina ruht sich nicht auf ihrem Status aus. Sie, die Agnostikerin, schimpft wild auf ihre radikalen säkularistischen Freunde, ihre blinde Liebe für den Westen und verteidigt Muslime. Ebenso schimpft sie auf radikale Muslime, die blinde Liebe für die Regeln und die fehlende Spiritualität – und verteidigt dort ihre säkularen Freunde. Amina macht sich Feinde. Doch sie scheut keinen Schmerz. Sie entscheidet sich und lebt mit den Konsequenzen.

Dann sprechen wir wieder über die Liebe. Amina zündet sich eine neue Zigarette an. Es wird ein langer Abend. Ein Abend, an dem eine Fremde zu einer Freundin wurde…

Tuch-Kolumne, 08.12.2011

*Name geändert