WENN MAN FAST(EN) FÜHLT.

zeichnung: kübra gümüsay

„Oh, Kübra. Das tut mir so Leid!“, riefen meine Freundinnen alle gleichzeitig als sie mich entdecken. Ich war soeben auf dem Pausenhof zu ihnen gestoßen. Kaum, dass sie mich sahen, ging die Hektik los. Julia blickte sich panisch wild umher und suchte nach einem Versteck für ihren Schokoriegel. Maja stopfte sich hastig die Reste ihres Wurstbrotes in den viel zu kleinen Mund. Schließlich drehte sie sich und versuchte dort die Reste runterzuschlingen. Lisa versteckte ihren Orangensaft hinter dem Rücken und sagte beschämt: „Total vergessen, dass du fastest.“ Ein gedämpftes „Scholdigong“ ertönte aus Majas Mund. Sie stand noch immer mit dem Rücken zu mir, ganz eindeutig im Kampf mit den Wurstresten. Und Julia wusch sich die Schokoreste vom Mundwinkel. Hach, wie ich diese Mädels doch liebte.*

Jedes Jahr zu Ramadan erklärte ich also meinen Freundinnen aufs Neue, dass es mir wirklich, wirklich, wirklich nichts ausmachte, wenn sie in meiner Anwesenheit aßen. Selbst wenn es Kinderriegel oder Lakritze waren. Und überhaupt: Das war doch die Prüfung. Fasten trotz Versuchung. Jedes Jahr blickten mich meine Freundinnen ungläubig an. „Ja, sicher“, sagten sie nickend. „Genau!”, sagte ich dann zustimmend. Und ich sah sie aber in den nächsten Wochen trotzdem nie Essen. Merkwürdig. Sie glaubten mir also nicht.

Nun, eigentlich hatten sie ja Recht. Ich meine, sie kennen diesen Menschen ziemlich gut, der zum Glücklichsein lediglich Kinderriegel und Lakritze im Viertelstundentakt benötigt. Plötzlich steht aber der gleiche Mensch vor ihnen und erzählt mit dem breitesten Grinsen, dass es ihm absolut und „wirklich, wirklich, wirklich“ gar nichts ausmache, wenn sie Kinderriegel und Lakritze vor ihm essen würden. Ja, sicher denken sie „ja, sicher.“

Doch dieser Monat Ramadan gibt diesem Mensch eine besondere Kraft.

Der Mensch fastet nicht, um nicht zu essen. Der Mensch fastet, um zu fühlen.

Was er fühlt ist jedoch nicht die Abstinenz des Essens, sondern die Anwesenheit von innerer Stärke und Disziplin. Ein Gefühl, das er aber vergaß. Manchmal sitzt dieser Mensch dann bei Sonnenuntergang vor den leckersten Speisen kann aber nicht zugreifen, möchte noch nicht kosten. Denn derweil kostet er von der Minimalität und der Schönheit der Welt. Er sieht mehr als sonst. Und er dankt Ihm. Welch ungeahnte Kräfte in diesem Körper doch steckten, den Er ihm gab. Wie sehr der Mensch doch blind den Gelüsten folgte, statt dem Bedarf. „Wie wenig mir doch eigentlich genügt“, denkt sich der Mensch und ist verwundert und glücklich zugleich. Die erste Lakritze, die der Mensch dann isst, ist die schönste seit einem Jahr. Und die nächste und wieder nächste, bis sie alle wieder gleich schmecken.

Das Ziel muss doch sein, sage ich mir heute, jeden Tag so zu fühlen und zu sehen. Denn diese Stärke gab Er uns, nicht nur im Ramadan.

*Namen und Situationen verfremdet

Dieser Beitrag erschien am 10. August 2011 auf dem Gastblog von Muslimehelfen.org

NEUES AUS DER MUSLIMISCHEN TRENDETHNIE

Bin ich eine Masochistin? Schlummert tief in mir eine andere Kübra? Denn warum sonst geißele ich mich immer wieder mit schlechten Hetzartikeln in deutschen Wochenmagazinen?


Jedenfalls erwischte ich mich kürzlich wieder dabei, wie ich einen solchen Artikel las. Ich wäre fast vom Stuhl gekippt, ging es doch tatsächlich endlich einmal um das noch nie zuvor besprochene Tabuthema Ehrenmord und das Sexualleben “muslimischer” Jugendlicher in Deutschland (man ist bekanntlich nicht mehr türkisch oder arabisch, sondern nur noch muslimisch).


Wirklich gut wird der Artikel, als er es schafft, durch das ständige Wiederholen einen direkten Zusammenhang zwischen Islam und Ehrenmorden zu kreieren. Das heißt im Klartext: Ehrenmorde wird man nur dann los, wenn man den Islam los wird. Dabei haben Ehrenmorde oft mehr mit der Tradition als mit der Religion zu tun – die Ehrenmorde sogar verbietet. Viele junge Mädchen argumentieren mit ihrer Religion gegen herrschsüchtige Väter und Brüder. Aber nein. Hier schreibt schließlich eine, die es wissen muss. Sie kommt aus dem besagten Kulturkreis. Ergo: Sie besitzt einen Freischein für Undifferenziertheit.


Und das ist schade, weil die Autorin über etwas Wichtiges schreibt. Es gibt Familien und Gesellschaftskreise, die ihre Ehre vom Jungfernhäutchen der Töchter abhängig machen und, um diese Ehre zu retten, auch körperliche Gewalt ausüben würden. Und jeder dieser Fälle ist eine Tragödie.


Schon mit 16 Jahren fuhr ich an Wochenenden zu interreligiösen Veranstaltungen und Dialogprogrammen und erzählte Tagung aus, Tagung ein die gleiche Leier: Nein, Ehrenmorde sind kultur- und traditionsabhängig. Sie sind mit dem Islam eigentlich unvereinbar. Aber natürlich ist jede Religion schon einmal für Gewalt instrumentalisiert worden: das Christentum, welches Nächstenliebe predigt, ebenso der friedfertige Buddhismus. Überall dieselben Fragen, deshalb auch dieselben Antworten. Auch im Fernsehen und sämtlichen Talkshows.


“Muslime kommen unglaubwürdig rüber”, sagte mir eines Tages ein Freund. “Einerseits betonen sie, wie unislamisch Ehrenmorde sind, andererseits findet man immer wieder Fälle, bei denen Religion als Motivation angeführt wird.” Dass sich in vielen deutschen Städten Muslime seit Jahren aktiv gegen Ehrenmorde und für eine Trennung von Religion und Tradition einsetzen, wusste er nicht. Ehrenmorde sind auch nicht die einzige Tradition, für die der Islam missbraucht wird. Gewalt in der Ehe, schwache Frauenrollenbilder und belastend hohe Erwartungshaltungen an Männer sind nur einige der Missstände.


Wir Muslime müssen diese Missstände weiter diskutieren, intensiver als bisher. Nicht jedoch mit Fingerzeigenden auf Dialogveranstaltungen, wo wir glauben, der Islam als Ganzes stehe auf dem Prüfstand, und uns deshalb sofort in Verteidigungshaltung begeben. Sondern souverän, kritisch und selbstbestimmt innerhalb der muslimischen Communities. Dafür brauchen wir Foren und Formen. Und dann kann die kleine Sadistin in mir ruhen.

taz, 19.01.2011, Tuch-Kolumne

ENTPOLITISIERT DAS KOPFTUCH

- Gedanken zur Verhüllung -

Mein Kopf, dein Kopf und das Tuch.

Ich trage das Kopftuch, weil ich es als gläubige Muslimin für meine religiöse Pflicht halte. So. Damit ist alles gesagt und dieser Text könnte hier eigentlich schon enden. Aber die Fremdwahrnehmung des Kopftuchs ist eine andere als die der Selbstwahrnehmung. Und darin liegt der zentrale Konfliktpunkt der gesamten Debatte um das Tuch auf dem Kopf.

Ich wuchs in einer familiären und sozialen Umgebung auf, in der viele Frauen das Kopftuch trugen. Sie waren gebildete, selbstständige und selbstbestimmte Frauen, die ihre islamische Religiosität mit dem Kopftuch zum Ausdruck brachten. Für mich war das Kopftuch damals ein Symbol der Selbstbestimmtheit, Souveränität und des erwachsenen Selbstbewusstseins. Das Tragen des Kopftuchs empfand ich als erstrebenswert.

Sehr früh, schon mit zehn Jahren, entschied ich mich deshalb das Kopftuch zu tragen – obwohl meine Eltern es gerne gesehen hätten, wenn ich das Kopftuch erst einige Jahre später angelegt hätte. Ich aber wollte mit dem Wechsel auf das Gymnasium einen neuen Lebensabschnitt beginnen; meine neuen Schulkameraden sollten mich mit dem Kopftuch kennenlernen.

Den vollständigen Text gibt es in der aktuellen Gazelle-Sonderausgabe “Der ewige Muslim”.

DAS KÜCÜK EMRAH SYNDROM


Allein steigt der kleine Emrah in den Bus. Im Hintergrund läuft melancholisch-dramatische Arabeskmusik. Betreten guckt Emrah erst auf seine löchrigen Schuhe, dann hebt er langsam den Kopf. Wehleidig schaut er den Busfahrer an. Seine Kugelaugen senden einen Welpenblick. Die Unterlippe tritt traurig hervor. “Onkel”, sagt er schließlich zu dem Busfahrer, “kann ich … ein … Schülerticket haben?”

Buhu. Heul. Man möchte diesen Jungen am liebsten in die Arme schließen. Nein, adoptieren. Bis in alle Ewigkeit für ihn sorgen. Der Arme, er leidet doch so.

Würg. Das ist das türkische Kino der 80er Jahre mit “Kücük Emrah” in der Hauptrolle – dem Milchbubi, dem das böse Leben immer übel mitspielt. Deshalb singt Emrah mit wackliger Stimme von seinem Leid und geht auf Mitleidstour.

Grausam finde ich das. Bis heute kann ich mich über Menschen, die sich in Mitleid einlullen und hilflos dreinblicken furchtbar ärgern. Vor allem weil sie meistens gar nicht hilflos sind. So wie kürzlich ein muslimischer Bekannter.

Muslime wollen nicht Opfer sein. Sie wollen Missstände souverän benennen und diskutieren können. Auch der Bekannte, mit dem ich kürzlich darüber sprach, sah das so. Aber wenn er sprach, verfiel er wieder und wieder in die Rolle von Kücük Emrah.

Ja, es wurde in den vergangenen Jahren Islamhetze betrieben. Ja, Möchtegern-Experten haben in Talkrunden eine ganze Religionsgemeinschaft verunglimpft. Ja, es besteht eine irrationale Angst vor 20 Prozent der Weltbevölkerung. Ja, es existiert eine offene, teilweise gewalttätige Feindseligkeit. Und ja, das alles ist furchtbar. Deshalb ist es nur menschlich, wenn sich mein Bekannter im ersten Moment wie ein hilfloses Opfer fühlt.

Was mich ärgerte war, dass er erst wehleidig wurde (“Wir werden von allen angegriffen”) und dann die eigene Opferrolle romantisierte (“Aber dafür haben wir Gott auf meiner Seite”). Und er ist beileibe nicht der Einzige. Wer so handelt, macht es sich jedoch in einer Pose gemütlich, die keinen Ausweg kennt und nur sich selbst sieht.

Aber: Muslime haben keine Exklusivrechte auf die Opferrolle.

Trotz all dem Tamtam bleibt Islamfeindlichkeit nämlich nur eine von vielen Formen der Diskriminierung. Schwarze, Juden, Schwule, Frauen – sie machen alle solche Erfahrungen. Muslime waren und sind nicht allein damit.

Ausgrenzung und Herabwürdigung sind schließlich gesamtgesellschaftliche Themen. Muslime müssen sich nicht ganz allein für ihre Belange einsetzen. Weder mein Bekannter noch ich sind also allein und schon gar nicht hilflos. Gemeinsam mit anderen können wir Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Islamophobie bekämpfen. Selbstverständlich erleben wir Situationen, die kränken und verletzen. Da muss man weinen dürfen. Aber nicht stets und ständig.

Mit der Mitleidstour und dem Opferblick retten Kücük Emrahs nämlich nur sich selbst. Andere Menschen, die sich in einer vergleichbaren Situation befinden, bemerken sie nicht. Deshalb an alle, denen es noch nicht aufgefallen ist: Die 80er sind vorbei.

taz, Tuch-Kolumne, 22.12.2010

DER ISLAM IST WIE EINE HAUTFARBE

Die Party ist aus. Wir reden jetzt mal Klartext.

Eine Morddrohung habe ich erhalten. Meine erste. Ich sollte mich wohl geehrt fühlen. Eine Morddrohung ist ein Ritterschlag für jeden Meinungsmacher. Wer heutzutage was auf sich hält, schmückt sich mit seinen Kritikern und vor allem mit seinen Bedrohungen. Je gefährdeter die Person und Meinung, desto wichtiger wird man. Danke. Aber nun zum Thema.Aus gegebenem Anlass – quasi als Dankeschön – schließe ich mich meinen Kritikern an und fordere einen Stopp der Islamisierung Europas. Auch ich finde es erschreckend, wie viele Menschen nun plötzlich zu “Muslimen” gemacht werden.

Unauffällige Bürger Deutschlands, die sich bis dato nie mit Religion oder dem Islam beschäftigt hatten, bekommen plötzlich ein “Muslim”-Etikett verpasst. Zack! Zum Beispiel meine atheistische iranische Freundin, die von vielen Deutschen pauschal unter der Kategorie “Muslimin” geführt wird. Deswegen muss sie ihnen gegenüber ihre Partygänge und ihren Alkoholkonsum verteidigen. Oder ein türkischer laizistischer Bekannter, dem kein Schweinefleisch mehr angeboten wird. Die beiden wurden quasi zwangsislamisiert und hocken nun in einem Boot mit praktizierenden Muslimen. Und wie viele andere müssen nun auch sie geradestehen für eine Religion, die sie weder kennen noch kennen wollen.

Dass wir alle in einem Boot sitzen, ist für uns alle sehr ungewohnt. Einige ergeben sich der Rollenzuschreibung und gehen auf spirituelle Entdeckungsfahrt. Und – welch Überraschung! – entdecken die Religion für sich. Yes, die Zwangsislamisierung funktioniert wunderbar. Und die Kopftuchmädchenproduktion wird angekurbelt.

Interessant ist doch, wie es zu dieser Etikettierung kommt: Nicht etwa der türkische Gemüsehändler nimmt sie vor, sondern ebene jene, die panisch vor der drohenden Islamisierung Europas warnen. Jene, die mit dem Finger auf jede phänotypisch undeutsche Person zeigen und “Moslem!” rufen. Sie sind es, die meinen Freunden eine muslimische Identität geben, um sie anschließend darauf zu reduzieren und anzugreifen. Lustigerweise merken die Pseudokritiker nicht einmal, wie sie die groß machen, die sie eigentlich klein halten wollen.

Muslime in Deutschland sind schon lange nicht mehr nur religiöse Menschen islamischen Glaubens. “Muslime” in Deutschland sind die “Ausländer” von früher, die “Gastarbeiter” von damals. Und auch die Debatten und Diskussionen drehen sich nicht um den Islam als Religion, sondern um die Muslime als Ethnie. Der Islam wurde ethnisiert.

Für manche meiner Freunde ist das Muslimsein inzwischen wie eine Hautfarbe. Eine fremdbestimmte Identität. Und die Gesellschaft lässt ein Ablegen dieser Identität nicht zu.

Deshalb kann man bei Islamophobie sehr wohl von einer Form des Rassismus sprechen. Und der kann nicht durch die Aufklärung über den Islam bekämpft werden, sondern durch Aufklärung über Rassismus.

Deshalb, lieber Absender meines ersten Morddrohbriefs: Du bist ein Rassist. Es ist mir wichtig, dass das hier steht. Schwarz auf weiß.

Taz Tuch-Kolumne, 10.11.2010

Nachtrag: Ich sehe ein, dass ich das hätte präziser formulieren müssen: Der türkische Bekannte ist atheistischer Laizist. Und ihn nervt es furchtbar, ständig und überall für einen Muslim gehalten zu werden. Das sollte keineswegs heißen, dass ich glaube, man könne nicht laizistisch und muslimisch sein. Tue ich nämlich nicht. :)

 

Nach-Nachtrag: Also, Klartext: Ich möchte keine Pauschalurteile fällen und niemandem per se den Glauben absprechen. Das kann ich nicht. Davor schrecke ich zurück. Wer bin ich denn? Deshalb bleibe ich dabei: Ich werde nicht sagen, dass ein Laizist nicht auch muslimisch sein kann. Was in seinem/ihrem Herzen ist, kann ich weder wissen noch ahnen. Auch wenn ich mit dem türkischen Laizismus sehr große Probleme habe, weil er sich in der Praxis in erster Linie durch Religionsfeindlichkeit und Kontrolle der Religion auszeichnet – keinesfalls aberdurch eine vermeintlich strikte Trennung von Staat und Religion. Aber ich will keinen Ausflug in die türkische Laizismus-Debatte starten. Ihr könnt gerne diskutieren – mir fehlt aber wirklich die Zeit, die Diskussion zu moderieren. Wenn es mir zu bunt wird (zB zu häufig beleidigende Kommentare) dann werde ich die Kommentarfunktion abschalten müssen. Ich hoffe, ihr habt Verständnis dafür. Liebe Salams, Ahoi und N’Abend! :)

Nach-Nach-Nachtrag: Die Diskussionen im Kommentarbereich waren teilweise wirklich sehr interessant. Es wäre schön, wenn man viel häufiger so diskutieren könnte. Allerdings gibt es dann diese blöden Holzköpfe, die das Wort Niveau anscheinend nur von unten kennen. Ich bedanke mich allerherzlichst bei den engagierten Kommentatoren, namentlich bei Ethem Abussamed, Batura, Ubarto, Andreask9, Peter, Lieselotte, Marc, ganz viele “Anonyme” und andere mehr – also eigentlich fast alle. Die Holzkopfkommentare habe ich gelöscht. Einige lasse ich so stehen, weil sie so wunderbar entlarvend sind.

DIE MATUSSEK-GESCHICHTE.

Kopftuchträgerin trifft Matussek. Empirisch.

Ich bin in Eile. Mit Wasser und Fischbox in der Hand schlängle ich mich durch die Menschenmenge hin zum Zug nach Berlin, vorbei an Matthias Matussek, dem Spiegel-Journalisten und Autor. Und mache kehrt und sage: “Hallo!” Sein Gesicht zeigt Verwirrung. Mit gekräuselter Stirn versucht er, mich einzuordnen.

“Sie kennen mich nicht”, sage ich und füge stalkerartig hinzu: “Aber ich kenne Sie!”

So sitzen wir zehn Minuten später gemeinsam im Speisewagen des Zuges und sprechen über Gott, das Internet, Deutschland und die Welt. Lustig wird es, als wir Akzente im Englischen imitieren. Matussek macht den französischen, ich den türkischen, und unsere Sitznachbarin präsentiert den bayerischen Akzent. Wir lachen.

Dann fragt mich Matussek: “Sie haben doch Humor, oder?” Nee, habe ich beim Integrieren verloren, erkläre ich. Das Dauergrinsen auf meinem Gesicht komme daher, weil ich meine Gesichtsmuskeln nicht kontrollieren könne. Dann muss halt der Gesichtsschleier her, beschließen Matussek und ich. Sonst wird das nie was mit meiner Integration in Deutschland.

Und dann kommt der Punkt, an dem wir den Tanz um den heißen Brei aufgeben. “Sie sind aber schone eine Ausnahme”, sagt Matthias Matussek und beobachtet mich gespannt.

Uff. Wie oft ich diesen unsäglichen Satz doch schon gehört habe. Dieser furchtbare Satz, der mehr sagt, als der Absender vielleicht meint.

Ich bin keine Ausnahme. Es gibt viele muslimische Frauen, die das Kopftuch tragen, erfolgreich studieren und emanzipiert sind. Ich habe muslimische Freundinnen, die Ärzte, Anwälte, überzeugte Feministinnen und Soziologinnen sind. Eine erzählte mir kürzlich von ihrer dunklen Goth-Vergangenheit. Wie viele Ausnahmen braucht es, um die Regel zu überdenken? Wann kann man einen differenzierten Blick einfordern?

Empirisch gesehen, treffe er aber tatsächlich das erste Mal auf eine Kopftuchträgerin wie mich, sagt Matussek. Da mag er recht haben. Das macht aber nicht mich, sondern unsere Begegnung zur Ausnahme. Ein trauriges Zeugnis der vielen parallelen Lebenswelten in Deutschland.

Diese Ausnahme-Wahrnehmung steht aber auch für eine Verschiebung der Integrationsdebatte: das Einteilen von Menschen nach ökonomischen Kriterien wie Nützlichkeit und Bereicherung. Guter Migrant, schlechter Migrant. Diese Einteilung mache ich nicht mit. Ich möchte mich nicht von meinen Freundinnen mit einem Hauptschulabschluss absetzen. Sie sind nicht schlechter als ich, ich bin nicht besser als sie. Wir sind einfach unterschiedlich.

Ganz fatal wird es, wenn Migranten das Spiel mitspielen. Die brav nicken, wenn man sie ehrt, ihnen Besonderheit bescheinigt und von dem lästigen Rest abhebt. Sie bemerken dabei nicht, wie sie sich selbst verleugnen.

Im Zug müssen wir langsam aufhören zu reden. Ich will diese Kolumne schreiben, Matussek möchte noch lesen. Zum Abschied sagt er zu mir: “Dein Imam findet das bestimmt nicht so toll, dass du einen fremden Mann angesprochen hast. Aber, psst!, ich verpetze niemanden.”

taz, Tuch-Kolumne, 27.10.2010

Und übrigens. Das Fehlerteufelchen.

Am gleichen Tag schrieb dann auch Herr Matussek darüber, dass man die Religion nicht loswerde und über unsere Begegnung: hier.

Da muss ich aber einige Sachen richtigstellen. Es geht um folgenden Absatz:

“Sie trägt ein Kopftuch. Das tut man erst recht nicht in diesen Tagen, denn es sieht antidemokratisch und anti-emanzipatorisch aus. Doch Kübra trägt das Tuch nicht aus Unterwürfigkeit, sondern aus dem genauen Gegenteil. Aus Stolz.

Sie sagt, sie will ihre Religion zeigen. Das ist ihre Form von Punk, ihre Form von Aufstand. In der Türkei würde sie damit nicht auffallen, aber hier. Sie versteht sich übrigens als links. Der neue Religionskrieg kennt die bizarrsten Frontverläufe.”

Ich trage mein Kopftuch nicht aus Rebellions- oder ähnlichen Gründen, sondern ausschließlich aus religiösen Gründen. Das sagte ich bereits in meiner allerersten Kolumne “Mein Kopf gehört mir”. Woher die Punk-Geschichte denn dann herkommt? Herr Matussek und ich sprachen nämlich wirklich über Punk. Einmal im Zusammenhang der pakistanischen Punkband “The Kominas” und ein weiteres Mal, weil der ZEIT-Kolumnist Martenstein schrieb: Das Kopftuch entfaltet radikalere Wirkung als ein Dieter-Bohlen-Tattoo”. Punk war also durchaus ein Thema. Nur nicht so, wie im Artikel beschrieben. Aber macht ja nichts.

Und wenn ich schon mal dabei bin: Herr Matussek, im Artikel haben Sie eines vergessen zu erwähnen. Sie haben sich aus meiner Fischbox eine Garnele geschnappt. Und mit den Fingern gegessen. :)

MESUT ÖZIL IST DEUTSCH, ICH BIN ES NICHT

… fragte mich ein Glückskeks in London.

oder: WARUM DIE ISLAM-DEBATTE NUR NOCH NERVT.

Ich habe keinen Bock. Die ganze Debatte um Deutschsein, Integration und Leitkultur ist mir absolut zuwider.

Ich will nicht wissen, wann und unter welchen Umständen ich als Mensch mit nichtdeutscher Abstammung und nichtchristlicher Religion ein Du-bist-deutsch-Siegel bekommen könnte. Das sind Scheindebatten. Die Realität sieht so aus: Mesut Özil kann – wie übrigens viele seiner biodeutschen Kollegen auch – keinen grammatikalisch korrekten deutschen Satz hervorbringen, ich hingegen schon. Trotzdem gilt er als integriert und deutsch, ich aber nicht.

Großartig. Ich habe also einen deutschen Pass, engagiere mich hier, spreche die Sprache und gehe wählen. Aber das reicht anscheinend nicht. Leider kann ich kein Fußball. Und ich bin auch nicht wie Necla Kelek mit einem gewissen Ex-Bundesbanker befreundet, um bei seiner Buchpromotion als Möchtegern-Deutsche seine Intelligenz-These quasi als lebendes Beispiel für minderbemittelte Muslime zu bestätigen. Um dann trotzdem nicht deutsch zu sein.

Aber davon mal abgesehen: Ich will gar nicht deutsch sein. Ich will auch nicht türkisch sein. Denn Nationalität ist ein Denkkonzept, das ich nicht anwenden will. Was würde das Deutschsein über mich aussagen? Nichts. Eine Zuschreibung, die mich einengt. Gegen die ich mich wehre.

Was mich ausmacht, das sind meine Interessen und Werte. Auf einer Party würde ich mich eher mit einem linken Italiener oder einer koreanischen Künstlerin unterhalten als mit einer türkischen Kemalistin oder einem deutschen Handballer.

Trotzdem werde ich regelmäßig gedrängt. Man will, dass ich mich entscheide. Deutsch oder türkisch? Sag schon! Ich WILL aber nicht. Verdammt noch mal.

Das war nicht immer so. Früher sagte ich mit größter Selbstverständlichkeit “Ich bin deutsch.” Bis mir ein richtiger Deutscher an der Uni verklickerte: “Kübra, du bist keine Deutsche.” – Warum? – “Ja, weil du das Kopftuch trägst.” Zustimmung durch umstehende andere richtige Deutsche. Aha. So ist das also. Wie eine Ohrfeige war das. Es blieb nicht die einzige. Und mir wurde klar: Egal, was ich tue, ich werde nie deutsch sein.

Ich staune, wenn die meisten meiner muslimischen Freunde selbstbewusst sagen: Ich bin deutsch. Offensiv gehen sie mit dieser Identität um und ecken damit an. Bewusst.

Sie sind in diesem Land geboren und sozialisiert, arbeiten hier, zahlen Steuern. Sie fühlen sich hier heimisch und fordern Zugehörigkeit ein – nicht nur als Mitbürger, sondern auch als Mitdeutsche. Auf die Frage, woher sie kommen, wollen sie bloß mit Aachen, Hamburg oder Donaueschingen antworten können.

Sie wollen die Bedeutungshoheit über das Deutschsein nicht den Biodeutschen überlassen.

Selbstverständlich ist Wulff auch ihr Bundespräsident. Sie wollen, dass man es ausspricht. Sie tun es. Er tut es. Und plötzlich wird eine Selbstverständlichkeit so ad absurdum diskutiert.

Ich bewundere meine Freunde für ihr selbstbewusstes Einstehen für ihre deutsche Identität. Mir bleibt das fremd. Vielleicht nur, bis ich innerlich ein wenig härter werde. Vielleicht aber auch für immer.

taz, Tuch-Kolumne, 13.10.2010

Reaktionen: Dybth erklärt den Unterschied zwischen
Özil und den anderen, Akif Abi will ein Mecker-Monopol :) und Bilal fragt sich, wieviel Rassismus Muslime vertragen

DIESE KETTE IST VERBOTEN. UND DIESE SCHUHE. UND DIESE MUSIK. UND….

pimp your myspace at Gickr.comWeißt du, vor zwei Jahren hätte ich mit Leuten wie dir nicht einmal geredet”, sagt Shahjehan zu mir. Er ist dünn, verschwitzt und seine Augen sind müde. Wir sitzen im Backstage-Bereich eines Konzertsaals in London. Er hat gerade eine großartige Show beendet. Shahjehan ist Gitarrist der pakistanisch-amerikanischen Punk-Band “The Kominas”. Und muslimisch. “Mit euch wollte ich nichts zu tun haben”, sagt er und meint praktizierende Muslime.

Er war voller Wut auf die Community, er trank viel, nahm Drogen. Er zerstörte sich. Nun ist er trocken, sein Glaube gibt ihm Halt. Als Punkmusiker aber wollen ihm andere Muslime seinen Glauben absprechen. Ein guter Muslim dürfe keine solche Musik machen, schon gar nicht Punk-Musik. “Ich bin kein perfekter Muslim. Ich bin kein guter Muslim. Aber das geht niemanden etwas an”, sagt er und ich spüre seine Wut von vor zwei Jahren, als er mit mir noch nicht geredet hätte.

***

Meine Mutter und ich besuchen eine der schönsten Londoner Moscheen. Es ist Zeit für das Mittagsgebet, wir machen uns bereit. Als wir den Gebetsraum der Frauen betreten, schaut mich eine Frau prüfend an. “Die Kette muss ab, Schwester”, sagt sie schließlich und deutet auf meine Lieblingskette mit den großen Steinen. “Haram”, also strengstens verboten, fügt sie hinzu.

Wir haben keine Lust auf eine Diskussion, also nehme ich die Kette ab – obwohl die Frau weder Autorität noch irgendeine Funktion in dieser Moschee besitzt. In wenigen Minuten fängt das Gebet an, wir haben uns hingestellt. Urplötzlich steht die Frau wieder hinter uns und tippt meiner Mutter auf die Schulter. Sie hat die Pumps meiner Mutter aus dem Schuhregal herausgesucht und hält sie nun hoch. “Haram!”, sagt sie laut und deutet dabei auf das eingenähte Steinchen an der Rückseite des Schuhs.

***

“Salam, Schwester!”, ruft Aisha und umarmt mich herzlich. Noch bevor ich den Gruß erwidern kann, fängt sie an wie ein Wasserfall zu reden. Sie habe gehört, ich käme aus der Türkei. Ihr Bruder lebe und studiere Medizin in Ankara, der Hauptstadt. Ankara sei so eine tolle Stadt. Und Istanbul erst. Letztes Jahr, da habe sie … Sie spricht und spricht. Sie ist selbstbewusst und lustig. Sie redet von Mode, Kunst und Politik. Sie ist eine schwarze Britin und Studentin an meiner Londoner Universität. Und außerdem ist sie von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, nur ihre Augen kann man sehen. Aisha trägt ein Niqab.

***

Imran steht vor der Bühne und hört einer Band bei der Probe zu. Als ein neues Lied angestimmt wird, wippt er mit dem Oberkörper mit, sein dichtes schwarzes Haar schwingt hin und her. Er ist ganz vertieft in die Musik, seine Augen sind geschlossen. Mit imaginären Trommelstöcken schlägt er in der Luft, wie Shahjehan spielt er bei “The Kominas”, er ist der Schlagzeuger. Plötzlich dreht er sich zu mir um, springt über zwei Sitzreihen, setzt sich neben mich und sagt: “Das ist mein Lieblingslied! Das Lied handelt von dem Gefährten unseres Propheten, Hazrati Ali.”

taz, Tuch-Kolumne 29.09.2010

"UND DANN WURDE ICH MUSLIM" ODER: MULTIMEDIA-REPORTAGEN

Wer diesen Blog schon etwas länger verfolgt, weiß von meinem Faible für Kurzfilme. Nun ist es aber so, dass ich immer weniger Zeit habe, um auf die Suche nach diesen wertvollen Stücken alternativ-kreativer Filmkunst zu gehen.

Aber wofür hat man Freunde? So schickte mir Oign (oder Evgeny, wie man ihn eigentlich schreibt – ein übrigens hervorragender Fotograf. Siehe hier.) kürzlich den Link zu 247omedia, einer Produktionsfirma für Multimedia-Reportagen (engl. webdocumentaries). Bei diesem Reportagestil werden Videos mit Bild und Audio verbunden. Eine kluge Methode, die – wie ich finde – den Beitrag zu einem intensiven und eindringlichen Erlebnis werden lässt.

So möchte ich als Alternative zu den Kurzfilm-Kritiken, die es hier sonst gibt, eine Multimedia-Reportage-Reihe von 2470media “Und dann wurde ich Muslim” über deutsche Konvertiten zum Islam empfehlen.

Besonders interessant finde ich den Beitrag über Wolf Ahmed: “Wie ist das mit dem, was jen­seits ist? Wolf Die­t­er Ari­es, Jahr­gang 1938, war in der Pu­ber­tät, als er sich Fra­gen die­ser Art stell­te. Er wuchs in ei­nem bür­ger­li­chen Haus­halt im Han­no­ver der Nach­kriegs­zeit auf und hat sich mit 16 für den Is­lam ent­schie­den. Da­mit wur­de er zum Exo­ten im ei­ge­nen Land.”

Schön wieder einmal bestätigt zu bekommen: Den Islam gibt es nicht erst seit den 50er Jahren in Deutschland.

Die Multimedia-Reportagen sind sehr im Kommen. Ein schönes anderes Beispiel hierfür ist zum Beispiel die Stadtteil-Reihe (zu Hamburg St. Georg), von Patrick Schulz und Jannah Clemens. Dort wurde unter anderem Ahmet Yazici, Geschäftsführer des Lindenbazar und Vorsitzender der islamischen Gemeinden Norddeutschlands, vorgestellt. Schulz und Clemens verwenden für ihre Videos nur Bilder und Audio-Daten. Anders und sehenswert. Siehe hier.

BITTE BEFREIT JEMAND ANDEREN II

Vor einigen Wochen wurde ein fremdwörterbuch in der Reihe WWWGirls von der Mädchenmannschaft per E-Mail interviewt und vorgestellt “Ich habe gelächelt und ihnen zugewunken”. Danke dafür, das ehrt mich sehr!
Jedenfalls ging es darin um das Bloggen, wie ich dazu kam und welche Veränderung es mit sich brachte. Hier ein kurzer Auszug:

Was dir ohne Internet nicht passiert wäre:

Oh, ganz viel wäre mir ohne das Internet nicht passiert. Aber diese Geschichte mag ich besonders gerne: Eine Leserin schrieb ihrer Cousine in Oxford, dass es da ein Mädchen in London gäbe, das genauso wie sie in England Politik studiert, muslimisch ist und aus Deutschland kommt. Mit ihr müsse sie sich unbedingt treffen. Daraufhin schrieb mir die besagte Cousine eine nette E-Mail, wir telefonierten, ich zeigte ihr London, sie mir Oxford, dann reisten wir gemeinsam nach Irland und wurden Freunde.
(weiter)

In den Kommentaren ging es dann relativ schnell um das Kopftuch – eine interessante Diskussion. Irgendwann habe ich auch meinen Senf dazu gegeben.

Und der sah dann so aus:

(Wie Helga bereits postete, schrieb ich schonmal etwas zu diesem Thema.
http://www.taz.de/1/debatte/kolumnen/artikel/1/mein-kopf-gehoert-mir/ )

Hätte ja mal sein können, dass man einen Menschen in mir und meinem Blog sieht und nicht eine Kopftuchträgerin, die meint, sie sei frei, was sie ja aber eigentlich – wie wir alle nun wissen – gar nicht ist, weil ihr die Entscheidung, das Kopftuch zu tragen indirekt durch Eltern, Familie und Gesellschaft anerzogen wurde. Ja ja. So ist das.

@maria und alle anderen auch:

Genauso wie du dich anscheinend durch bestimmte Dinge angegriffen oder provoziert fühlst, fühle auch ich mich provoziert und verletzt: Von Menschen, die mich und mein Kopftuch bemitleidend ansehen, um dann erzürnt zu schimpfen, wenn ich wider Erwarten auf Deutsch und ohne Akzent erkläre, dass das Kopftuch meine eigene Entscheidung ist.

Wie sie mir mit jedem arrogant-herablassenden Satz eigentlich nur eines sagen wollen:

Du bist unmündig; die Entscheidungen, die du triffst, sind eigentlich gar nicht deine; du merkst gar nicht, dass du unterdrückt wirst; Wozu gab es die sexuelle Revolution? Wozu hat man und kämpft heute immernoch um Frauenemanzipation?; Man zwingt dich das Kopftuch zu tragen, du weißt es nur nicht.
Kurz: Du bist zu dumm, um zu merken, wie schlecht es dir geht.

Wem jetzt nicht vor Empörung und Wut der Mund schäumt, ist blind oder ignorant. Darf man so mit irgendeinem Menschen umgehen? Und warum tut es man ständig (wie ich es erlebe) mit kopftuchtragenden Frauen?
Ist etwa eine kopftuchtragende Frau weniger Mensch als eine, die keines trägt oder einen Minirock oder eine Hornbrille, dass man sich derartig das Recht nimmt, so über sie zu urteilen und meint, mit ihr so umspringen zu dürfen?

Mit welchem Recht wirft man mir all diese Dinge vor? Mit welchem Recht stellt sich dieser Mensch über mich und meint, mich belehren zu müssen? Mit welchem Recht werde ich wie eine Dumme behandelt, die nicht eigenständig denken kann?

Schade, dass ich das schreiben muss:

Ich bin nicht bescheuert.

Ich reflektiere mein Leben, meine Entscheidungen, meine Religion, meinen Alltag, meine Umgebung und meine Beziehungen. Schade, dass ich eine solche Selbstverständlichkeit schreiben muss.

Ich lese Bücher zu allen möglichen Themen und Theorien. Was ihr sagt und schreibt, ist mir nicht neu. Aber das ändert nichts daran, dass ich mein Kopftuch tragen möchte. Und auch werde. Schade, dass ich auch das schreiben muss. Schade, dass ich erwähnen muss, dass ich Bücher lese.

Und ich bin es müde, es wiederholen zu müssen. Das Kopftuch ist meine Entscheidung. Punkt. Ich habe es satt, dass sich Menschen anmaßen, meinen Verstand und meine Vernunft in Frage stellen zu müssen.

DAS finde ich diskriminierend. DArunter leide ich. Und es gibt keinen einzigen Grund auf dieser Welt, das solch ein Verhalten und solch eine Diskriminierung auf täglicher Basis rechtfertigt. Jeden Tag und überall meinen Verstand rechtfertigen zu müssen macht mich müde.

Ich fühle mich diskriminiert. Du fühlst dich diskriminiert, Maria. Aber ich sehe die Lösung nicht darin, dir dein Leben und deine Lebensweise zu verbieten oder sie als eine Gefahr für mein Lebensweise zu sehen. Oder auch nicht herablassend, orientalistisch und diskriminierend auf dich herabzuschauen. Ich verstehe dich. Ich verstehe deinen Ärger. Weil ich einen Menschen in dir sehe.

DER SOMMER WAR SONNIG. AUF DEM SUFI SOUL FESTIVAL













Ich war im letzten Jahr ein bisschen traurig, weil ich es nicht zum Sufi Soul Festival geschafft hatte. Umso glücklicher war ich, als ich mich in diesem Sommer endlich auf dem Festival wiederfand. Die Sonne schien und wärmte meinen Rücken. Überall Bäume und Natur. Mittendrin das kleine Festivalgelände mit Bücher-Ständen, Essen aus aller Welt, Schmuck, Schals und orientalischen Düften. Das Ganze wurde belebt durch Muslime aus ganz Europa. Sie waren zusammengekommen, um schöner Musik zu lauschen, auf Decken liegend die schöne Luft einzuatmen, sich auszutauschen und gemeinsam zu beten.

Wir lernten wunderbare Menschen kennen. Und trafen Freunde wieder. So zum Beispiel Sakinah und Rabiah aus London. Seit über vier Jahren machen die beiden Schwestern Musik und sind mittlerweile mit ihrer Band “Pearls of Islam” relativ bekannt und erfolgreich. Vor zwei Jahren sah ich sie zum ersten Mal auf einer Bühne in London, einige Monate später kreuzten sich durch Zufall unsere Wege und seitdem sehen wir uns immer wieder. Die Welt ist klein. Und schön.

Ganz besonders toll war “Ottoman Empire Soundsystem”, eine vier-köpfige Band (Chaldun, Bilal, Suleyman und Prasanna) aus vier Ländern dieser Welt. Sie zaubern aus Reggae, Skaa und World Music wunderbare Lieder, die entspannen und bewegen. Irgendwann werde ich mehr über die Musik und die tolle Band dahinter schreiben. Bis dahin kann ich die Band-Seite herzlichst empfehlen und dort mein Lieblingslied “Taischu Fi Dunya” (Lied 4).

Die Bilder sind übrigens nicht alle von mir. Um ehrlich zu sein: Alle schönen Bilder sind von jemand anderem, nämlich meiner begabten und liebsten Rabo.


DEM SONNENUNTERGANG ENTGEGEN



Schon den ganzen Tag grummelt mein Bauch. Es ist Fastenzeit und ich sitze im Flugzeug von London nach Hamburg. Eigentlich brauchen Reisende nicht fasten – aber der kurze Flug ist keine beschwerliche Reise. Deshalb faste ich trotzdem. Gleich wird die Sonne untergehen und ich werde essen dürfen. Mein Sandwich liegt auf dem Klapptisch bereit.

Ich werde ganz ungeduldig und beobachte durch das Flugzeugfenster den heißersehnten Sonnenuntergang. Ein älteres britisches Pärchen sitzt neben mir und schaut mir interessiert zu. Wir lächeln. Als ich mich wieder vorbeuge, um durch das Fenster zu schauen, beugt sich auch der ältere Herr vor. Andere Mitreisende tun es ihm nach und schauen ebenfalls aus dem Fenster. Irgendetwas Ungewöhnliches muss es da draußen ja geben.

Gibt es aber nicht. Nur Sonne und ein bisschen Wolke. Ich spüre die vielen Blicke, eine ganz unangenehme Spannung liegt in der Luft. Argh. Stress. Am Liebsten würde ich jetzt aufstehen, die Stewardess um eine Minute am Bordmikro bitten und den Passagieren erklären, dass ich als fastende Muslima erst ab Sonnenuntergang essen darf und deshalb ständig aus dem Fenster starre. Dann würden alle „aha“ und „achso“ machen. Sie würden zustimmend herumnicken. Jemand würde vielleicht eine Frage stellen. Ich würde antworten und zum Abschluss würden wir ein bisschen lachen. Und die unerträgliche Spannung wäre schwuppdiwups verschwunden. Ich stehe aber nicht auf und fragen tut auch keiner.

Dabei wünsche ich mir in solchen Situationen ganz oft, man würde mich einfach mal fragen. So wie damals, als ich gerade auf der Uni-Toilette meine Gebetswaschung machte und ein Mädchen mich mit einem Fuß im Waschbecken erwischte. Wir beide waren uns der Abnormität der Situation sehr wohl bewusst. Trotzdem ignorierten wir das eben Geschehene. Das macht man meistens so, wenn einem etwas Peinliches passiert. Zum Beispiel wenn jemand einen Fahren lässt. Aber weil die Waschung ja eigentlich nichts Peinliches ist, wünschte ich mir innerlich sehr, sie würde mich fragen, was ich tue. So könnte ich mich erklären. Uneigentlich ist das Ganze halt aber schon peinlich. Und deshalb fragte sie nicht.

Oder als ich in einem Londoner Park mit zwei Freundinnen beten wollte. Es war fast schon dunkel. Wenn wir jetzt nicht beteten, würden wir das Gebet verpassen. Also stellten sich meine Freundinnen hin und beteten auf dem Gras. Ich sorgte mich aber darum, was die Passanten bei unserem Anblick denken würden. Darum (und weil ich mich unter Beobachtung nicht auf das Gebet konzentrieren kann) beschloss ich im Sitzen zu beten. Das heißt: Ich saß auf der Bank, Hände auf den Knien, rezitierte aus dem Kuran und beugte mich ein bisschen vor und zurück. Ganz unauffällig.

Ha! Falsch gedacht. Meine in normaler Position betenden Freundinnen boten den Passanten ein vertrautes Bild von betenden Muslimen; das wippend mit sich selbst sprechende Mädchen auf der Bank hingegen – das musste verrückt sein. Konzentration: Ade! Uneigentliche Peinlichkeit: Hallo!

So sitze ich also im Flugzeug und habe ein Grummeln im Magen. Mittlerweile aber nicht wegen der Leere sondern vor lauter Erklärungswut im Bauch. Grimmig schaue ich ein letztes Mal aus dem Fenster. Die Sonne ist endlich untergegangen. Da sagt der ältere britische Herr zu mir: „Ich glaube, es ist jetzt so weit.“

taz, Tuch-Kolumne, 18.08.2010


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MIT DEM KLAVIER ZUR MUTTER JESU


Es ist dunkel. Ein bisschen violett, dann färbt ein blaues Licht die Bühne und die Silhouette einer Frau wird sichtbar. Sie trägt ein langes weißes Kleid und einen weißen Schal. Leise ertönt Geigenmusik, dann eine Querflöte, dann Klavier. Die Bühne erhellt sich und ich erkenne nun ein Gesicht. Die tiefschwarzen Haare sind zu einem losen Dutt zusammengebunden, prüfend schaut sie ins Publikum. Alia beginnt zu erzählen.

Klatsch! Rotes Licht flutet die Bühne. Mit Schwung schellt Alias Hand in die Höhe. Sie beschreibt, wie Abu Jehil mit voller Wucht Fatima schlug. “Vater der Ignoranz”, so nennen Muslime diesen Mann, der Fatima, die Tochter des Propheten Mohammed, grundlos ohrfeigte, als er ihr zufällig auf der Straße begegnete.


Die Musik hält inne.

Alia schaut in das Publikum und lässt uns den Schmerz fühlen, den die kleine Fatima spürte. Wie sie ihre Tränen unterdrückte und mit erhobenem Kopf den Ort der Erniedrigung verließ.


Ich bin in einem Kulturzentrum im Osten Londons und höre mir traditionell islamische Geschichten zu westlicher klassischer Musik an. Alia, die Erzählerin, spricht von starken Frauen im Koran. Von der Jungfrau Maria und der Liebe, mit der sie ihren vaterlosen Sohn, den Propheten Jesus, aufzog.


Wir reisen viele Jahrhunderte zurück zu Asiya, der Frau des Pharaos, die das Kind vom Nil, den späteren Propheten Moses, bei sich aufnahm, ihn aufzog. Eine Frau, die für ihn und ihren Glauben viel ertrug. Und wir reisen zu Hatice, der erfolgreichen Geschäftsfrau und ersten Frau des Propheten Mohammed, die selbstbewusst dem Propheten einen Heiratsantrag machte.


Der Klang von Alias Stimme trägt meine Gedanken in einem Tagtraum fort. Zu meiner Freundin Myriam, einer quirligen französischen Britin: Als Kind eine Schauspielerin, setzt sie sich heute als Akademikerin und Journalistin für Frauen, den Islam und Gleichberechtigung ein. Sie ist direkt, ehrlich und schlagfertig. Genau wie Sultana, die hübsche Anwältin, die seit einigen Tagen auf Postern in ganz London zu sehen ist – als Teil einer Kampagne gegen Islamophobie in Großbritannien.


Da ist Hacer, die alleinerziehende Mutter von drei Söhnen, die sich gegen ihren Exmann durchsetzte und heute auf eigenen Beinen steht. Da sind die beiden Schwestern, die sich dem Kopftuchverbot an türkischen Universitäten nicht beugen wollten und heute in England ohne Eltern und Bekannte ein neues Leben aufbauen und studieren. Und da ist …


Klatsch! Wieder ist Alias Hand oben. Dieses Mal war es Abu Jehil, der perplex dastand und nicht wusste, wie ihm geschah. Fatima hatte sich beim Stammesführer beschwert. “Führ mir genau vor, was vorgefallen ist”, bat er. So ging das kleine Mädchen zurück zu Abu Jehil und schlug ihm ins Gesicht. Nicht aber die Ohrfeige schmerzte Abu Jehil, sondern von einem kleinen Mädchen vor seinen Stammesleuten bloßgestellt zu werden. Von der kleinen Fatima wusste man seitdem, dass sie Ungerechtigkeit nicht duldet. Von den muslimischen Frauen heute sollte man auch noch mehr hören. Es wäre schön, wenn das kein Traum bliebe.


taz, Tuch-Kolumne, 09.06.2010