ISLAMISCHER FEMINISMUS – INTERNATIONALE ANNÄHERUNGEN

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Unsere internationalen Gäste Anse Tamara Gray, Hind Makki, Malika Hamidi und Hanane Karimi im Kulturzentrum der Sehitlik Moschee, Berlin. credit: Nafisa.de

Diese Woche fand endlich eine Konferenz zum Thema Islamischer Feminismus statt ausgerichtet von der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Aktionsbündnis muslimischer Frauen. An der Erstellung des Konzeptes habe ich im Auftrag der FES mitgewirkt. Bei dieser ersten Konferenz war uns mir wichtig, zunächst eine internationale Perspektive einzuholen und die Thematik in einen internationalen Kontext zu setzen bevor wir uns auf der nächsten auf Deutschland fokussieren. Anse Tamara Gray aus den USA, die den Eröffnungsvortrag hielt, erklärte den islamischen Zugang zum Feminismus (ihr Vortrag wird demnächst auf der FES Seite veröffentlicht). Sie selbst setzt in ihrer Arbeit auf Bildung, Bildung, Bildung – insbesondere auch religiöse Bildung. Und ist der festen Überzeugung: Erst wenn Frauen (gilt natürlich auch für Männer) selbst die Schriften lesen, verstehen und kennen, können sie verhindern, dass ihnen ihre religiösen Rechte (wie zum Beispiel das Recht auf Bildung, eigenes Geld zu verdienen oder politisch aktiv zu sein – von FGM und anderen Mißständen ganz zu schweigen) entzogen werden und ihre Religion missbraucht wird. Mehr zu ihrem Vortrag findet ihr auch hier.

Hind Makki aus den USA, Malika Hamidi aus Belgien und Hanane Karimi aus Frankreich gaben Einblicke in die Debatten in ihren jeweiligen Ländern, die Bewegungen, Herausforderungen und Entwicklungen. Schnell wurde deutlich, dass sie sich hierbei ähneln.20160206002133 Islamophobie bzw. antimuslimischer Rassismus prägen die Arbeit muslimischer Feministinnen – während sie einerseits versuchen Mißstände in muslimischen Communities anzugehen, versuchen sie gleichzeitig die Instrumentalisierung dieser zu verhindern. Das kann manchmal lähmend wirken. Und – wie auch in Deutschland der Fall – den Eindruck erwecken, Probleme würden verschwiegen oder ausgeblendet werden. Hind Makki erzählte in ihrem Vortrag eindrucksvoll, welchem Gegenwind muslimische Feministinnen ausgesetzt sind, wenn sie genau diese Mißstände offenlegen und wie sie der potentiellen Instrumentalisierung durch rechte Gruppen trotzen. In den USA kam ihnen die feministische Arbeit religiöser Christinnen und Jüdinnen zu Gute, in deren Reihen sie medial verortet worden sind.

Es war womöglich das erste Mal, dass internationale muslimische Feministinnen auf einem öffentlichen Podium in Deutschland saßen und miteinander über diese Themen diskutierten, ohne dass ihnen von anderen Vortragenden entweder der Islam oder der Feminismus abgesprochen werden, in denen sie nicht ihre intellektuelle Existenz beweisen und verteidigen müssen. Es gibt zahlreiche akademische Konferenzen zu diesen Themen, wenige aber, die sich auf die Praxis fokussieren, die Intellektuellen, die Handelnden – jene, die ihre feministische und gesellschaftliche Arbeit, ihren Einsatz für Gerechtigkeit theologisch begründen.

Deshalb bin ich gespannt auf die Folgekonferenz, bei der wir uns auf Deutschland fokussieren und einige der Verbesserungsvorschläge, die bereits angeklungen sind, bestmöglich umsetzen werden. Übrigens: Dr. Kathrin Klausing und Nina Mühe werden demnächst auf Nafisa.de einige Interviews mit den Referentinnen veröffentlichen – auch darauf bin ich sehr gespannt!

Alle Bilder haben die Damen von Nafisa.de zur Verfügung gestellt. Dankeschön!

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WIE INKLUSIV IST DIE NETZFEMINISTISCHE SZENE?

Abschrift des Vortrags bei der FES Veranstaltung “Wessen Internet? Geschlechterverhältnisse und Gender-Debatten im Netz” im April 2015

Die feministische Netzszene lebt in der Illusion inklusiv zu sein – denn tatsächlich bietet uns das Internet bis dahin ungekannte Möglichkeiten der Teilhabe und Partizipation. Minderheiten müssen nicht mehr darauf warten, dass ihnen jemand aus der dominanten Netzöffentlichkeit ein Mikrofon hinhält, um zu sprechen – sie können sprechen, indem sie es einfach tun.

Die Inklusivität in der feministischen Netzszene macht sich deshalb an ganz anderen Punkten fest, als wie außerhalb des Netzes: Kleidung, Äußerlichkeiten spielen kaum eine Rolle, ebenso geographische Lokalisation sind weniger ein Ausschlusskriterium und auch das geheime Undergroundwissen darum, wo in welchen versteckten Szenelokalen und Orten die wichtigen Debatten stattfinden – sie finden im Netz nämlich relativ öffentlich statt. Das Netz bietet Neufeministinnen und Interessierten die Möglichkeit, Debatten zu verfolgen und langsam, mit der Zeit, die unausgesprochenen Regeln der Netzcommunity zu verstehen und ein Gefühl für den Habitus zu bekommen. Wer ist wichtig? Welche Themen dominieren? Was sollte man wissen? Wie wird gesprochen? Was kommt gut an, was nicht?

Rein theoretisch also gute Grundvoraussetzungen für die Stimmenfindung und Diskurspartizipation von Minderheitenperspektiven. In der Praxis hakt es – zum einen deshalb, weil die netzfeministische Szene einen selbstbewussten Umgang mit dem Netz voraussetzt – für uns im Internet sozialisierte „Digital Natives“ kein Problem, durchaus aber eines für solche, die nicht schon in jungen Jahren mit Bloggen, Netzkultur, Technik und Co vertraut waren und sind. Der sogenannte Digital Divide.

Zum anderem ist es das fehlende Bewusstsein für die Privilegien, die wir innehaben: Unser Wissen, unsere Bildung, unsere Sprache, unsere Hautfarbe, ethnische Zugehörigkeit, unsere sexuelle Orientierung, unsere Bildungshintergrund, unsere soziale Schicht, unsere Religion, unsere Körper – alles Faktoren, die uns Privilegien bescheren bzw. benachteiligen können.

Dass zu einigen der Punkte niemand etwas sagt, sich darüber beschwert, heißt nicht, dass es keine sich Beschwerenden, Benachteiligten gibt, sondern lediglich, dass wir nicht im Stande sind, sie zu hören.

Während wir in der netzfeministischen Szene für die allermeisten hier aufgelisteten Punkte Bereitschaft zeigen, reflektiert darauf zu reagieren, scheitern wir häufig an einem unserer womöglich wichtigsten politischen Machtinstrumente: Unsere Call-Out-Kultur. Dazu gehören Shitstorms, Empörung und Proteste, Instrumente also, die wir gegen das Etablissement verwenden, um Machtstrukturen aufzubrechen und die Gesellschaft zu bewegen. Wir können auf Missstände hinweisen, auch wenn man unsere Kritik lieber nicht hören möchte. Wir müssen uns nicht mehr im Stillen ärgern; wir können das öffentlich tun und Druck ausüben – erfolgreich. Positionen, für die wir vor drei Jahren noch belächelt worden sind, sind heute mehrheitsfähig. Das haben wir vor allem den unermüdlichen Aktivist_innen unter uns zu verdanken, die genau von diesen Instrumenten Gebrauch machten, trotz persönlicher Einbußungen und Abstriche. So sind wir es gewohnt, vieles – zurecht – in Argwohn, Skepsis und kritisch zu betrachten. So sehr, dass wir es aber nicht mehr schaffen, unsere Kampfausrüstung abzulegen, wenn wir untereinander sind. Und falls wir es doch tun, haben wir sie schwupdiwupp wieder an, weil wir fürchten, unsere (vormals) Verbündeten könnten unsere Ideale verraten.

Handeln bedeutet immer auch einen Kompromiss mit der Realität einzugehen.

Die Ideale, die wir als Aktivist_innen vertreten, sind nämlich genau das: Ideale. Eine Zukunft, nach der wir streben. Nicht aber eine gesamtgesellschaftliche Realität, in der wir uns bewegen, und womöglich eine, die wir nie erleben werden. Deshalb ist es das Streben, der Weg, die den Aktivismus ausmachen. Das unermüdliche Streben. Streben wiederum bedeutet Handeln, Bewegen und Anstoßen. Unsere Gedanken, unsere Kritik, fassen wir in Worte, starten Kampagnen und organisieren Aktionen. Und jedes Mal, wenn wir in der dominanten Öffentlichkeit handeln, jedes mal, wenn wir dort einen Text veröffentlichen, sind wir genötigt – vorerst – Teile unserer Ideale aufzugeben, um die Brücke zwischen der Realität und der gewünschten Zukunft zu schlagen. Zu weit liegen beide noch auseinander.

Doch genau dafür kritisieren wir einander. Wir schauen nicht darauf, wohin wir uns bewegen, sondern darauf, wo wir sind. Unverzeihlich sind wir dabei. Intolerant gegenüber den Menschen, die uns am nächsten sind. Wir kritisieren einander beizeiten so gehässig als wären wir Feinde, als sei das Kritisieren an sich eine Tugend. Wir baden uns im Wissensfetisch, Kampfeslust und einer arroganten Erhabenheit gegenüber jenen, die noch nicht das Wissen erlangt haben, mit dem wir uns heute stolz schmücken. Die Einsichten, die wir heute haben, setzen wir bei anderen als Mindestwissen voraus. Das macht uns ängstlich und stumm. Nicht nur Anfänger_innen, sondern auch alte Hasen.

Und jetzt wollte ich übergehen zu dem Punkt, dass wir mehr Raum für Schwäche zeigen müssen, um inklusiver zu werden. Doch die ganze Zeit über steht ein riesengroßer rosa Elefant im Raum. So groß, dass ich diesen ganzen Vortrag umschmeißen und über etwas ganz anderes reden wollte.

Wenn ich Inklusion fordere, was fordere ich speziell für die muslimische Frau? Ich merkte: Mir genügt das Bemühen der feministischen Netzcommunity. Das Bemühen genügt mir. Wenn man mich fragt, ob der Netzfeminismus inklusiv ist, würde ich sagen: Ja. Er ist der inklusivste mehrheitlich weiße Raum, den ich kenne. Ich könnte kritisieren, dass ich auf vielen Panels die einzige Muslima bin, (und häufig auch die einzige PoC) und dass ich in unseren Diskursen die Berücksichtung der muslimischen Perspektive vermisse usw usf. Aber nein, es fällt mir schwer, diesen Raum zu kritisieren. Ohne den Netzfeminismus hätte ich zum Beispiel nie meinen Raum im Feminismus gefunden. Warum bin ich so genügsam? Hätte ich nicht die Verantwortung – gerade weil ich in vielen Punkten privilegiert bin – mehr einzufordern?

Mich wurmt das.

Einer der Gründe hierfür ist: Weil die muslimische Frau in Deutschland ganz existentielle Kämpfe führt. Es geht nicht um Anerkennung in der netzfeministischen Community, sondern um die simple Akzeptanz der Existenz als denkender, eigenständig handelnder, selbstständiger Mensch mit einem eigenen Willen. Nicht mehr nur die infantil, schwachen Frauen ohne Denkvermögen, die leeren Kopfes das tun, was ihnen ihre Männer befehlen.

Im Gegensatz zu Queer-Feministinnen oder Schwarzen/PoC Feministinnen haben wir eine ganz andere Ausgangssituation im Feminismus. Während der Feminismus sie immer mit meinte – sie aber nicht berücksichtigte, ihre Stimmen unterdrückte, aber das ist eine ganz andere und lange Geschichte – war die muslimische, religiös praktizierende, kopftuchtragende Muslima nie mitgemeint. Sie war im Gegensatz zu den anderen Formen die Versinnbildlichung des Antifeminismus.

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Taz Podiumsdiskussion zum Lehrerinnenkopftuch in Bremen – Niko Wolff, Fotoetage

Als ich kürzlich in Bremen zur Aufhebung des pauschalen Kopftuchurteils für Lehrerinnen auf einem Panel saß, wurde ich später im Flur von einer Gruppe Altfeministinnen aufgehalten, die auf mein Kopftuch zeigend sagten: „Dafür! Haben wir nicht gekämpft!“

Das ist der Punkt, an dem wir stehen.
Wir werden als das Gegenteil von dem gelesen, was der Feminismus abzielt.
Frauen, unterwürfig, unterdrückt, ohne eigenen Willen.

Das heißt, in einem Raum zu sein, in dem eine muslimische Frau als denkender Mensch wahr und ernst genommen wird, wird noch als Erfolg verbucht, nicht als Selbstverständlichkeit.

Denn es geht für die muslimische, kopftuchtragende Frau in Deutschland noch um einfachste, existentielle Dinge: Arbeiten dürfen, im Leben stehen dürfen, sichtbar sein dürfen. Nicht an den Rand gedrängt werden.

Deshalb tue ich mich so schwer, die klassischen Inklusionsthemen einzufordern: Mehr Sichtbarkeit in den Debatten und andere Dinge, die muslimische Feministinnen daran hindern, sich vermehrt in der netzfeministischen Community willkommen zu fühlen.

Wenn ich Inklusion fordere, was fordere ich speziell für die muslimische Frau?

Wenn die stärksten Stimmen gegen das Lehrerinnenkopftuch Altfeministinnen ala Schwarzer sind und die stärksten, aber insgesamt schwachen Stimmen dafür, diejnigen Frauen sind, die davon betroffen sind, dann läuft etwas falsch. Wir alle wissen, was Intersektionalität bedeutet, wir alle wissen, dass die nachhaltige Minderung von einer Form der Diskriminierung nicht ohne die Bekämpfung von anderen Formen erfolgen kann. Dass Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, antimuslimischer Rassismus etc. alle stark miteinander verflochten sind.

Deshalb wünsche ich mir, dass die netzfeministische Szene diesen Frauen den Rücken stärkt, in Räumen, in denen sie keinen Zugang hat, ihre Anliegen weiterträgt – nicht an ihrer Stelle oder in ihrem Namen spricht, sondern ihrer Stimme Gehör verschafft.

Es kann nicht sein, dass wir 2015 in einem Land leben, wo wir noch immer darüber diskutieren, ob wir einer Frau aufgrund eines Kleidungsstücks, das sie trägt, und unserem damit assoziierten Bild und unseren Vorurteilen, ein Berufsverbot verhängen, sie aus der Mitte unserer Gesellschaft ausgrenzen, sie unsichtbar machen. Und dass diese ad absurdum geführte Diskussion an sich nicht für furchtbar großen Aufschrei sorgt.

Ist der Netzfeminismus inklusiv? Sie hat noch einen langen Weg vor sich, aber ich bin zuversichtlich.

STOFF FÜR VERKRAMPFTE | DIE ZEIT 13/2015

Die Zeit Schwarzer Zitat KopieAls Karlsruhe im letzten Monat nach 12 Jahren endlich das pauschale Kopftuchverbot für Lehrerinnen aufhob, war auch ich sehr froh darüber. Gleichzeitig war klar: Nun liegt es an uns, der Zivilgesellschaft, den weiteren Verlauf dieser Debatte und unserer Normen zu prägen – sie zu Freiheit oder Verboten zu führen. Empörte Stimmen wurden lauter – paternalistische Finger, hoch gestreckt und belehrend. Sigh. Eine Antwort, die musste sein.

Nun auch online und hier nachzulesen.

IS ISLAM COMPATIBLE WITH GENDER EQUALITY? – DEBATING AT OXFORD UNION

Oxford Union Debate Winners

A few weeks ago (23rd of May 2014), I was debating at the Oxford Union along with i.a. Myriam Francois Cerrah & Adam Deen opposing the motion “This house believes Islam is incompatible with gender equality.” We won the debate with great results: 166 opposition : 51 proposition!

I was waiting for the audio recording to be released, but that doesn’t seem to happen anytime soon. So, here we go, this is the transcript of my speech:

Ladies & Gentleman,

Here I am, claiming that Islam is compatible with gender equality. And it might seem a little absurd saying that – looking at our world today.

After all, isn’t Islam seen as the religion of sexual oppression? Not only tolerating but fuelling violence towards women? The religion of forced marriages, death stoning, female genital mutilation, polygamy, depriving young girls of their right for education – a women hating ideology? – As the proposition might indicate in the following hour.

I am not arguing today that misogyny in Muslim communities does not exist. Because it does exist. However, many women today here in this room and around the world have not only witnessed these awful practices, but have also fought against them – based, encouraged and empowered by their religion, their faith, Islam.

Today I will start by providing you with three common examples which are misused to argue that Islam is to blame for misogyny:

1 – Forced Marriages
2 – Female Genital Mutilation (FGM)
3 – Women’s Deprivation From Education

Forced Marriages

At least half of the forced marriages that have been reported to UK’s forced marriage unit in 2012 involved communities that are predominantly Muslim. And unfortunately, in many cases, Islam is being misused to justify this awful custom.

However, forced marriage is a cultural practice. And it violates your right as a woman and – surprise surprise! – as a Muslim. The vast majority of theologians, scholars, Sheikhs and Imams condemn this practise and agree: Islam does not allow anyone – male or female – to be married without his or her own consent. According to a Hadith, narratives detailing the life and practise of the Prophet (Peace Be Upon Him), when a girl who was married off against her will, came crying to our Prophet (PBUH) saying she hadn’t agreed to the marriage, he promptly declared the marriage invalid.

Female Genital Mutilation

And scholars, Sheikhs and Imams have also condemned many times female genital mutilation.

Let’s have a look at the case of Khalid Adem, an Ethiopian American, who was convicted for female genital mutilation (FGM) in the United States in 2006. He is charged for personally removing his 2-year-old daughter’s clitoris with a pair of scissors. At court his wife explained his motivation: “He said it was the will of God.” FGM however, does not come from the scripture of Islam, but in fact from an age old tradition in many regions in Africa, based on the assumption that women’s enjoyment of sexual intercourse might turn them “immoral.”

And up until a few decades ago nearly 4 out of 5 women in Ethiopia were victims of FGM. In a country whose population is 63 percent Christian. Can we now blame Christianity for FGM – when Christians in Ethiopia argued it was the will of God? No. This inexcusable custom that is unfortunately practised today in many other regions in Africa predates, Islam, Christianity and even recorded history.

Women’s Deprivation From Education

In April this year the militant Nigerian group “Boko Haram” caused outrage around the world when they kidnapped around 276 female students from their school – again, inexcusable. I will leave their use of violence and terror aside and focus on their justification for stealing these children:

They claim that education for girls goes against Islam. This, however, has no basis whatsoever in Islamic scripture. On the contrary, the Prophet Muhammad (PBUH) wisely emphasised that every Muslim man and woman has a duty to seek education. In fact, the very first command that was revealed was “Iqra!”, “Read!” symbolising the duty of every Muslim: to pursue and seek knowledge. And there is no difference being made between men and women.

As a matter of fact, women of the Prophets community had the right to comment forthrightly on any topic, even the Quran. And both God and the Prophet (PBUH) assumed their right to speak out and readily respond to their comments. They, too, have participated actively in the creation of religious knowledge in the early days of Islam.

Muslim women have been scholars, Muftiyahs and Qari’ahs for centuries. Some of the greatest male scholars, like Hasan alBasri, Ibn Hajar and Ibn Taymiyyah, all had female scholars as teachers and contemporaries – like Rabia al-Adawiyya, one of Islam’s first mystics.*

And I could give you hundreds of other examples, starting from the first person to convert to Islam, Prophet Muhammad’s (PBUH) wife Khadijah. A woman who was married three times and had children from all her marriages. A successful business woman, 15 years older than her husband Prophet Muhammad (PBUH). Imagine the reactions today, a young man marrying his 15 years older boss and single mother.

What I argue

I am not denying that Islam can be (and is) read in patriarchal modes and be misused to justify privileges to men and inhumane practises against women. But I firstly point out that those readings are being challenged by respected religious scholars and are disputable. Secondly I argue that Islam can and is being read in anti-patriarchal modes and hence is indeed compatible with gender equality.

And thirdly I argue that the readings I am referring to are not a tool to belittle and sugar-coat Islam and please a Western audience – it is an appeal to certain Muslim communities to look at the texts, keeping in mind that the readings are not the words of God, but the holy Quran is. The readings, tafsir of the Quran are interpretations of humans, influenced by society, history and politics. Who has dominated the readings of the Quran in the past decades? Men. Men who have lived and were socialised in patriarchal societies. Naturally, their readings have been influenced by those factors, too.

Nevertheless, male and female scholars have been challenging in the past and continue to do so in the present, patriarchal readings of Islam.

Yes, as I have said earlier, misogyny does exist in Muslim communities. And it also does exist in communities of other faith and no faith. These practises are not unique to Islam, they are not rooted in the Islamic scripture.

By eliminating religion, you cannot eliminate misogyny.
By clinging on to a “misogynistic Islam”, you will not bring any change to society.

Conclusion

When I’m talking here to you today, I am not primarily addressing a Western audience explaining the misuse of Islam; I am also talking to a Muslim audience explaining our misuse of Islam. And that it is us and the way we read the Holy Scripture that will bring an end to misogyny.

If the motion today were: Many Muslims are not acting in compatibility with gender equality, yes, I would wholeheartedly agree.

But the motion today is: Islam is not compatible with gender equality. That is, to put it simply, wrong.

By voting for the motion today, you are turning on the volume for those misogynist Muslims who misuse Islam to justify their practices. You are turning on the volume of orientalist and euro-centric Islamophobes who reduce Islam to those who misuse it.

By voting against the motion today, you say that, yes, Islam is compatible with gender equality. And you will turn on the volume for thousands of men and women around the world, who have been and are fighting against misogyny. on. a. daily. basis.

Thank you.

*Great read: Women in history who rock – by woodturtle

DER MUSLIMISCH-AKADEMISCHE HEIRATSMARKT (TEIL 2)

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(Dieser Text baut auf den Artikel Der neue muslimische Mann + die Frau und die Gesellschaft auf. Es empfiehlt sich ihn vorher zu lesen. Darin wird erklärt, warum dieser Text sich nur mit Mann-Frau-Beziehungen innerhalb der muslimisch-akademischen Szene beschäftigt.)

Wichtiger Disclaimer:

Bevor ich den Text beginne, möchte ich eine Tatsache nicht unerwähnt lassen: Heiraten, einen Partner finden, ist in keiner Weise alleiniges Lebensziel und/oder definierender Lebensinhalt einer muslimischen Frau. Muslimische Frauen, die (noch) nicht geheiratet haben (an Gründen mangelt es nicht) oder nicht heiraten wollen(!), dürfen und sollten nicht darauf reduziert werden. Schon gar nicht sollte man sich das Recht herausnehmen solche, mit denen man nur flüchtig bekannt ist, immer wieder mit Fragen durchlörchern und mit achso gut gemeinten Ratschlägen belehren zu dürfen.

 Bei einer entsprechend stabilen Beziehungs- und Vertrauensbasis kann man sich eventuell näher über Beweggründe unterhalten, aber selbst das hat seine Grenzen.

Manchmal liegt es nicht in der Hand eines Menschen, einen geeigneten Partner zu finden. In dem Fall ist es ein Affront, einen Menschen immer wieder darauf anzusprechen oder gar zu bemitleiden. 



Manchmal entschließt sich ein Mensch bewusst dazu, nicht (mehr) heiraten zu wollen. Diese Entscheidung muss man respektieren. Und auch hier ist es ein Affront, einen Menschen immer wieder darauf anzusprechen oder gar zu bemitleiden.



Aber du möchtest doch nur helfen? Auch in bester Absicht kann man Menschen verletzen. “Herşeyin bir yolu yordamı var”, sagt man im Türkischen. Es gibt für alles eine Art und einen Weg – auch für das Helfen.

Zuletzt ein Zitat der Leserin Müzeyyen Bek hierzu:

“Ich habe schon gar keine Lust mehr auf Hochzeiten zu gehen, genau aus diesem Grund! Ich finde es auch einfach nur unverschämt und vor allem unsensibel diese Haltung: Eine Frau ist nur dann vollwertig, wenn sie geheiratet hat. Wenn nicht, dann stimmt was nicht mit ihr. Das wird selbstverständlich nicht so geäußert, aber häufig ist es eine Botschaft, die mitschwingt.”

Der muslimisch-akademische Heiratsmarkt – Teil 2

Ich muss eingestehen: Ich bin an das Thema muslimisch-akademischer Heiratsmarkt zwar sehr kritisch, an die Lösungen aber anscheinend zu idealistisch herangegangen. Es muss doch eine systematische, größere Lösung geben für die vielen muslimischen Single-AkademikerInnen, die man innerhalb eines Projektes angehen kann, dachte ich mir. Ich war damit nicht die einzige: Mit ein paar FreundInnen zusammen bauten wir ein System auf, bei dem wir ausgewählte Singles interviewten, in eine interne Datenbank einpflegten und dann, ganz klassisch, Verkuppeln wollten. Aber (jeder von uns ist da unterschiedlicher Meinung, warum es nicht klappt/wie es besser klappen könnte) ich finde man kann zwei Menschen, von denen man mindestens eine nicht persönlich oder näher kennt, schlecht verkuppeln. Vor allem dann nicht, wenn man kein Gefühl dafür hat wie sie sind, was sie ausstrahlen und eventuell sogar wie sie fühlen. Hinzu kommt, dass es ein großer Zeit- und Organisationsaufwand ist, bei der Arbeitsteilung und Management nicht so einfach zu strukturieren sind.

Wenn ich privat verkupple, dann klappt es meistens viel besser. Ich kann nicht recht in Worte fassen, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Ich agiere hauptsächlich auf Gefühlsbasis und es funktioniert so relativ zufriedenstellend. Aber eine gut funktionierende größere Lösung, mit der man mehr Menschen erreichen kann, aber dennoch den einzelnen Menschen gerecht wird und zudem effektiv ist, habe ich bislang noch nicht entdeckt.

Das hat mich am Traum der größeren Lösung zweifeln lassen. Für mich gibt es bisher deshalb derzeit folgende (individuelle/lokale) Lösungen, von denen ich weiß, dass sie funktionieren (können): Continue reading

DIE DEUTSCH-MUSLIMISCHE BLOGOSPHÄRE

Blogkarneval

Unser Logo für den Deutsch-Muslimischen Blogkarneval. Der liegt derzeit zwar noch brach, aber wer weiß, was an diesem Wochenende so passiert?

Es ist mittlerweile Ewigkeiten her, dass wir den letzten deutsch-muslimischen Blog-Karneval (Muslimkarneval.de) veranstalteten, der damals von TooMuchCookies initiiert, gegründet und lange Zeit betrieben wurde. Mit einer losen Gruppe Blogger (und dem Zahnräder Netzwerk) haben wir das Projekt zwar auf’m Schirm, nur leider nicht auf der aktuellen To-Do-Liste. Am Freitag wird es nun ein Fachgespräch geben, zu dem zahlreiche deutsch-muslimische Blogger eingeladen sind. Anlass für mich, den Blogger-Topf mal wieder vorsichtig zu öffnen.

Auf der Re:Publica 2011 sprach ich zusammen mit Sebastian Mraczny und Urmila Goel, moderiert von Verena Reygers, auf dem Panel “Guck mal wer da spricht – Wieviel Pluralismus kann die deutsche Blogosphäre?” über den Pluralismus in der deutschen Blogosphäre, insbesondere die muslimische Blogosphäre, die zum Teil als alternative Öffentlichkeit entstand und in vielen Punkten ein Gegengewicht zu den islamophoben Tendenzen in der allgemeinen Öffentlichkeit wurde. Stine Eckert machte dann Nägel mit Köpfen und forschte gleich dazu: “Muslim Bloggers in Germany: An Emerging Counterpublic?” Auf der Re:Publica 2013 stellte sie ihre sehr interessante und spannende Forschungsarbeit (auf Deutsch) vor. Wer die Arbeit nicht lesen kann, dem empfehle ich unbedingt zumindest ihren wirklich sehr sehenswerten und informativen Vortrag anzuschauen.

Seitdem (2011/2012) hat sich die muslimische Blogsphäre gewandelt, sie ist gewachsen. Es sind neue Themen hinzugekommen, unter anderem muslimische Modeblogs. Die Gut-Betucht-Autorin hat bereits eine kleine Liste mit deutsch-muslimsichen Mode-Bloggern erstellt (siehe unten). Allerdings drängt sich hier die Frage der Kanäle auf: Eine der aufgelisteten Modebloggerinnen betreibt statt eines Blogs ein Facebook-Account. Würde man nun Facebook in die Suche einbeziehen, würde man auf sehr viel mehr muslimische Seiten stoßen. Beispielsweise erfreuten sich muslimische Fb-Seiten in der Kategorie Fotografie & Lifestyle in den vergangenen 2 Jahren besonders großer Beliebtheit in Deutschland. Prominentestes Beispiel hierfür ist vermutlich Emine von Butterfly Photography. Als weiterer Kanal kommt Instagram hinzu, auch dort sind spannende muslimische Mode-, Fotografie-, Einrichtungs-, Design- und Lifestyle-Szenen entstanden.

Ein anderer Topf: YouTuber! Younes Al-Amayra, Gründer von I,Slam (muslimische Poetry Slams), sucht nach muslimischen YouTubern. Auch hierfür: Empfehlungen? Tipps? Ich fänd’s sehr spannend, auch hier einen groben Überblick über die Szene zu schaffen!

Zurück zur deutsch-muslimischen Blogosphäre: Einige der Blogs, die ich mir in den vergangenen Jahren notiert habe, findet ihr hier. Welche anderen Blogs gibt es noch? Wen habe ich vergessen (sorry for that!)? Habt ihr selber eines? Dann postet es doch bitte in den Kommentaren, ich werde die Liste regelmäßig aktualisieren.

Deutsch-Muslimische Blogs (aktualisierte Version 29. Oktober 2014)

Blogs

Modeblogs

YouTuber

“ICH FÜRCHTE DIE KRAFT DER ERINNERUNGEN”

6Bildcredit: Damir Šagolj

Niemals vergessen: 11. Juli 1995, Srebrenica.

Heute gedenken wir Srebrenica. Ich kann mich noch sehr gut an diese Tage vor 18 Jahren erinnern, als meine Eltern gemeinsam mit uns kleine Hilfspakete zusammenstellten, um sie nach Bosnien zu verschicken; daran, wie sie Veranstaltungen organisierten und Spenden sammelten; daran, dass meine Eltern demonstrieren gingen. Ich trug auf diesen Veranstaltungen Gedichte über Bosnien vor. Und meine Schwester und ich verpackten gemeinsam mein Asthma-Gerät, das ich nicht mehr brauchte. Einem Kind in Bosnien sollte es nun helfen.

Ich war mir des Ausmaßes des Schreckens nie bewusst. Um ehrlich zu sein, denke ich nicht, dass ich es bis heute wirklich begriffen habe – möglicherweise deshalb, weil es unbegreifbar ist? Wie erinnert man an eines der dunkelsten Flecken der neueren europäischen Geschichte? Man sollte vielleicht einem Bosnier lauschen, der diese Tage reflektiert.

Adnan Softić ist ein Freund, den ich nur selten sehe. Aber oft an ihn denke. Er ist Regisseur, in meinen Augen aber auch ein Philosoph, Denker, ein feinfühliger und vorsichtiger Mensch. Er benutzt Wörter anders als ich sie nutzen würde, gibt ihnen eine neue Bedeutung und überrascht mich beizeiten. Manchmal spricht er rätselhaft und doch ganz klar – man muss nur mit beiden Ohren hinhören. Er ist halt ein Künstler.

Und Bosnier. 1975 ist er dort geboren, heute lebt er wie ein Nomade, mal hier mal dort. Hin und wieder in Hamburg. Heute ist er in Sarajevo und schickte mir – das schwache Internet seines Nachbarn nutzend – diese wunderbaren Gedanken über die Gefahren des kollektiven Erinnerns, Nationalismus und Identität.

In seinen Arbeiten geht es oft auch um Erinnern, wie bei seinem neuesten Filmprojekt „Wie Schnee von gestern“. Im Interview mit der FAZ zitiert die Interviewerin den Journalisten Vurkorep. Über Adnans Film „Ground Control“ schrieb er:

„Hamburg, 1999. Ein junger Mann am Anfang seines Schaffens. Er trägt genau diese bosnische Bürde mit sich – und redet Klartext. Er räumt auf. Endlich bricht jemand mit der Vergangenheit und klärt die Verhältnisse, ohne Rücksicht auf den eigenen Schmerz oder den der anderen. Kann der erste Impuls eines jungen Mannes auch anders sein, ein Mensch auf der Suche nach der wahren Kunst? Eben nur so geht es. Die Wahrheit beim Schopf packen – die bloße und radikale Tat selbst durchführen.“

Deshalb überlasse ich das Wort ihm, Adnan Softić:


Am 11. Juli gedenken wir Srebrenica.

Und ich denke an Foča. Nach den systematischen Vergewaltigungen und Vertreibungen wurde diese Stadt in Srbinje umbenannt. Foča verschwand auf diese Weise von der Landkarte und mit ihr die Erinnerung. Mittlerweile heißt die Stadt wieder wie früher. Ansonsten ist so gut wie nichts mehr reversibel. Und was ist mit den Erinnerungen? Nach einem gescheiterten Versuch im Jahr 2004 eine Gedenktafel zu stellen, gab es keine weiteren Versuche an die Opfer zu gedenken.

Srebrenica ist eine Erkenntnis, dass wir Menschen nicht selbst verfügen und bestimmen können, wer und was wir sind. Und wie leicht wir auf Beliebiges reduziert werden können. Die Erkenntnis, dass unsere Kraft daran zu rütteln und sich vor der Fremdbestimmung zu wehren gleich Null ist.

Wie gern wüsste ich den eigentlichen Grund für die Frust, die fähig war so viele Menschen zu vernichten? Was für ein Versprechen ist es, das Menschen dazu bringt, sich an eine Geschichte, die in einem 600 Jahre alten Ereignis verankert ist, dermaßen zu binden? Was gibt ihnen solche Sicherheit? Angenommen, ein wenige Tage altes Ereignis wird jedes Mal bedenkenlos und auf die gleiche Art und Weise wiedergegeben, so gilt es als unglaubwürdig, oder gar als erfunden. Je weniger Informationen wir haben, desto mehr Vorsicht ist angesagt. Aber bei nationalen Überlieferungen scheinen sich gerade dann alle Lücken in den Erzählungen zu schließen, wenn der zeitliche Abstand am größten ist. Und vielleicht konnten sich die Serben in den 90er Jahren deswegen zweifellos und exakt erinnern. Vor diesem Hintergrund sahen sie, dass die „Feinde“ von damals noch immer dort lebten und dass sie einen, nach wie vor, essenziell bedrohten. „Es ist der Augenblick gekommen, um Srebrenica nach 500 Jahren von den Türken zu befreien“, verkündete General Ratko Mladić in die Kamera eines Belgrader TV-Journalisten an dem Tag als die Stadt von serbischen Truppen eingenommen worden war. Auf diese fantasievolle Weise wurden wir zu „den Türken“, obwohl wir kein Türkisch sprachen, vielleicht nicht einmal einen Türken kannten und uns selbst gar nicht so empfanden.

Und man setzte auch dieses mal – wie so oft in der Geschichte – alles Verfügbare ein, um dem eigenen historischen Idealismus entsprechen zu können; um den Fehler der Geschichte zu begradigen, um gründlich aufzuräumen und detailliert zu säubern. Diese Art von kollektiver Hygiene ist das Schmutzigste, was die Welt gesehen hat. Der wahnsinnige Traum ein für allemal mit sich im Reinen und nur unter sich zu sein, wird und kann nie aufgehen, ohne sich damit für die Ewigkeit dreckig zu machen.

Srebrenica ist ein Substitut für Žepa, Foča, Višegrad, Prijedor, Trebinje, Ahmići, Sarajevo und noch viele andere Orte in Bosnien und Herzegowina. Aber Srebrenica reicht noch weiter und erinnert an Leid der Tschetschenen, Uiguren, Palästinenser und Rohingya. Es ist ein Symbol für die Sinnlosigkeit eines UN Einsatzes, für die Verlogenheit Europas. Slavoj Žižek fragte mal in etwa: »Was wäre passiert, hätten muslimische Extremisten in nur drei Tagen über 8000 Männer und männliche Kinder hingerichtet oder 3,5 Jahre lang Sarajevo eingekesselt und beschossen?«

Srebrenica ist auch daran Schuld, dass in Bosnien die nationalistischen Strömungen das Land definieren und das auch in Zukunft tun werden. Etwas, was das Land auf Dauer zerstören wird. Aus der Pflicht heraus, dieses grausame Ereignis nie zu vergessen, neigen viele Bosniaken dazu. die nationale Identität über alles andere zu stellen. Und sie merken dabei nicht, wie sie auf eine gewisse Art gar die Logik des Feindes übernommen haben und damit noch einmal mehr verlieren.

Ich fürchte die Kraft dieser Erinnerungen an Srebrenica. Vor allem fürchte ich sie auf lange Sicht und zugleich weiß ich, dass das Vergessen noch gefährlicher und dämlicher wäre.

Srebrenica ist leider zum Symbol, zum Fragenkatalog und zur Gedenkstätte für all das und noch viel mehr geworden, obwohl Srebrenica oder der 11. Juli als Ereignis alleine – ohne Politik, ohne Ideologie – mit dem, was es in sich trägt, endlos unerträglich ist. Tausende Frauen ohne männlichen Angehörigen, gut versteckte Knochen und freilaufende Mörder.

Srebrenica ist unfassbar unerträglich. Und deshalb zieht es das ganze Leid der Welt auf sich.

ES WAR SCHÖN MIT DIR, LIEBE KOLUMNE!

WorldUnd dann stand es fest. Ich würde fortan eine Kolumne in der taz führen. Panik brach in mir aus. Eine Kolumne in der taz, einer deutschen, bundesweit erscheinenden Tageszeitung – und die sollte ausgerechnet ich schreiben, eine junge Deutschtürkin, muslimisch und noch dazu mit Kopftuch. Ja, klar. „Schreib von dir, erzähl aus deinem Leben, deine Gedanken“, sagte der Ressortleiter. Ich hörte nur: „Schreib von der muslimischen Community, erzähl aus deren Leben, deren Gedanken.“

Wie eine kleine Pressesprecherin der Muslime in Deutschland fühlte ich mich. Jahrelang hatte ich mich über die mediale Darstellung der Muslime geärgert, jetzt hatte ich die Gelegenheit, es besser zu machen. Verkrampft schrieb ich den ersten Text und las ihn am Telefon einem befreundeten Imam vor. „Hm, ja, guter Text“, sagte er, ein bisschen überfordert, was ich denn nun genau von ihm wollte. Ich wusste es ja auch nicht. Eine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, dass das, was ich schrieb, wirklich korrekt war – vielleicht?

Es brauchte noch so einige Kolumnen, bis ich verstand: Ich muss in meinen Texten nicht die Stimme der Muslime repräsentieren, sondern höchstens von einer der vielen Stimmen erzählen. Mehr ist in 3.400 Zeichen auch nicht machbar.

Über drei Jahre schreibe ich nun schon die Tuch-Kolumne. Sie begleitete mich in den bislang prägendsten Lebensjahren. Ich zog mit ihr von Hamburg nach London zum Studieren, schüttete dem Mann meines Lebens Salz in den Kaffee und heiratete ihn, zog nach Berlin, dann Kairo, Istanbul und zuletzt nach Oxford. Ich lachte mit dem Spiegel-Autor Matthias Matussek im ICE und stritt mit Sarrazin im Radio, bis er schließlich sagte: „I want yu tu intekräyt.

In den Kolumnen schrieb ich Dinge, die ich zuvor nicht auszusprechen gewagt hatte: Darf man das überhaupt sagen? Ich entdeckte, dass wir über viel zu viel schweigen. Mal wurde ich fuchsteufelswild, mal lachte ich oder wurde sentimental. Ich feierte Baynachten, wurde auch öffentlich zur Feministin und verbrachte lange Abende mit Lebenskünstlern, beeindruckenden Frauen und Männern – und jenen dazwischen. Ich lauschte den Weisheiten der Älteren, der Stimme der Stillen. Ich verlor meine Wut. Denn die Kolumne öffnete mir den Blick für die Geschichten anderer. Minderheiten. Menschen, die sich anders fühlen, ausgeschlossen.

Mit dieser Kolumne bin auch ich gewachsen. Sie umfasste nie wirklich nur mein Leben, sondern auch das der Menschen, deren Leben ich streifte und beobachtete. So viele Themen und Leben, wie sie unter „Das Tuch“ eigentlich gar nicht mehr passen. Vielleicht bin ich in dieser Zeit nicht nur mit, sondern auch aus der Kolumne herausgewachsen.

Bis spät in die Nacht hinein blickte ich auf diesen Text und wusste nicht, wie man ihn schreibt. Was schreibt man in einer letzten Kolumne? Wie verabschiedet man sich?

Diese Woche werde ich ein Vierteljahrhundert alt. Das nächste Vierteljahrhundert werde ich ohne diese Kolumne antreten. Es ist, als würde man den besten unsichtbaren Freund loslassen. Ein bisschen ungern, aber auch wohl wissend, dass es weitergehen muss, für neue Abenteuer und neue Leben.

Es war schön mit dir, liebe Tuch-Kolumne. Es war schön mit euch, liebe Leserinnen und Leser. Danke, liebe taz! Danke für drei großartige Jahre!

Tschüß, ahoi & liebe Salams!

Die allerletzte Tuch-Kolumne erschien am 24.06.2013 in der Taz. Hach ja :)

Wie geht’s weiter?, haben viele gefragt. Einiges ist unsicher, anderes ist fast in trockenen Tüchern. Deshalb kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel dazu sagen, aber sehr bald hoffentlich hier mehr dazu! :)

 

 

DIE DEUTSCHEN HAUSTÜRKEN

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Necla Kelek und Thilo Sarrazin am 30. August 2010 auf der Pressekonferenz anlässlich Sarrazins Buchveröffentlichung “Deutschland schafft sich ab” in Berlin (Bildcredit Taz)

Auch als Minderheit hat man Privilegien. Beispielsweise dann, wenn man sich in der Öffentlichkeit bewegt. Dort haben wir eine Deutungs- und Meinungshoheit über unsere Leute, unsere Minderheit. Das ist unsere Geldmaschine. Unsere Macht.

Ich könnte jeden Schwachsinn erzählen, ich würde immer irgendwo Menschen finden, die ihn bereitwillig glauben. Denn wenn ich es sage, „die Türkin“, „die Muslimin“, dann wird es schon stimmen. Ich muss nichts beweisen. Das fängt an bei ironischen Märchen wie: „Na klar duschen wir mit dem Kopftuch“ (schon passiert). Und hört tatsächlich nirgendwo auf. Er geht so weit, wie „der Türke“ oder „die Türkin“ ihn gerne treiben mag.

„Die [islamisch erzogenen, Anm. der Red.] Menschen haben nicht die Fähigkeit, ihre Sexualität zu kontrollieren“, sagte Necla Kelek im ZDF und fuhr fort: „Besonders der Mann nicht, und der ist ständig eigentlich herausgefordert und muss auch der Sexualität nachgehen. Er muss sich entleeren, heißt es, und wenn er keine Frau findet, dann eben ein Tier […].“

Tja, wenn selbst „die Türkin“ (und wenn sie Lust hat, auch „die Muslimin“) Kelek erzählt, dass muslimische Männer ihre Sexualität an Tieren entleeren, dann muss es halt stimmen. Und ganz egal, was die UNO kürzlich dazu sagte – Thilo Sarrazin kann kein Rassist sein, weil „die Türkin“ Kelek doch eifrig nickte, bei seiner Buchveröffentlichung mit am Tisch saß. Wenn selbst „die Türkin“ ihm zustimmt, dann hat er sicher recht. Continue reading

EINFACH MAL MACHEN: ZAHNRÄDER

“It’s better to light a candle than to curse the darkness”
Spruch auf einem der Zahnräder-Jutebeutel  | Bild von Seren Başoğul

Mitte April fand in Heidelberg die Zahnräder Konferenz 2013 statt – über 100 Muslime aus ganz Deutschland und sogar Österreich und der Schweiz kamen zusammen, um sich auszutauschen, zu netzwerken, über ihr Engagement zu informieren, neue Unterstützter zu gewinnen und sich für das Preisgeld zu bewerben.

Schon zum dritten Mal fand nun die bundesweite Zahnräder Konferenz statt, zahlreiche Konferenzen haben bereits auf lokaler Ebene stattgefunden – und trotzdem: Jedes Mal überwältigt mich die Energie der vielen engagierten und aktiven Menschen, die ich dort treffe. Obwohl ich dieses Mal ziemlich, ziemlich erschöpft und müde vom ganzen Reisen in den Tagen zuvor war, mit meinem Presseteam während der Konferenz hart arbeitete und deshalb nur halbwegs aufnahmefähig war, haben mich die Menschen, ihre Ideen und ihre Begeisterung unheimlich beeindruckt.

Man hat es schon oft gesagt, aber nicht oft genug: Integration ist von gestern. Partizipation ist die Zukunft. Genau das tun junge Muslime in Deutschland. Sie beschäftigen sich mit Umweltthemen (Gewinner 2010: HIMA; Gewinner 2013: NOUR Energy; Bodenproben;…), Barrierefreiheit (Gewinner 2013: Deaf Islam), Kunst (Gewinner 2011: i,Slam; Muslim Talents; Schattenwelten; Islamische Denkfabrik;…), Bildung (Gewinner 2010: Study Coach; Grüne Banane; Gewinner 2013: Spielen bildet und verbindet; …) Medien (Gewinner 2010: Cube Mag; Gewinner 2010: Muslime TV; …), Politik, Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft … man kann die Liste endlos weiterführen. Continue reading

GUT GEMEINT, ABER: NEIN, DANKE!

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Die Aktivistinnen von Femen wollen die muslimische Frau befreien. Was die dazu sagt, spielt dabei keine Rolle. Wie aus einer guten Sache eine hässliche wird.

Mit erhobenen Fäusten und nacktem Oberkörper protestierten vorige Woche Aktivistinnen der Gruppe Femen aus Solidarität zu Amina Tyler. Die Tunesierin hatte Bilder von sich online gestellt, auf denen sie barbusig mit der Aufschrift „Fuck your Morals“ und „Mein Körper gehört mir und ist nicht Quelle von irgendjemandes Ehre“ zu sehen war.

Damit hatte Tyler eine Kontroverse in Tunesien entfacht. Als konservative Prediger Peitschenhiebe und gar die Steinigung der jungen Frau forderten und Tyler für mehrere Tage von der Bildfläche verschwand, kündigte Femen den internationalen „Topless Jihad Day“ an.

So weit komme ich noch mit. So weit stünde ich auch voll hinter den Protesten, wenn sie beispielsweise vor dem tunesischen Konsulat stattfinden würden. Denn das Konsulat ist ein Symbol staatlicher tunesischer Macht.

Lächerlich und sinnbefreit wird es allerdings, wenn sich die Femen-Frauen barbusig und mit den Aufschriften „Fuck your morals“, „Fuck Islamism“, „Arab Women Against Islamism“ und „Free Amina“ vor eine Ahmadiyya-Moschee stellen, wie das letzte Woche in Berlin geschah. Vor die Moschee einer religiösen Minderheit also, die in vielen islamischen Ländern verfolgt wird. Was war die Idee? Das sind alles Muslime, wird schon irgendwie passen? Es passt nicht. Continue reading

WENN DIE KAMERAS AUS SIND…

Die Debatten in deutschen Talkshows sind gut bezahlte Hahnenkämpfe. Das mag keine brisante Neuigkeit für Sie sein, vielleicht sollte sich das jeder gescheite Mensch auch denken können. Vor zwei Jahren, ich war noch jung, lernte ich das auf die ungemütliche Tour.
Es war eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, die mich zur Debatte einlud. Der Titel war schön knallig. Ein Prise Islam hier, eine Prise Ur-Deutsches da: „Kopftuch und Currywurst.“ Ein Titel wie aus der Bild. Eigentlich wäre das schon Grund genug gewesen, abzusagen.
Aber wie gesagt, ich war jung, ich hatte Hoffnung. Und die Gästeliste war okay. Nur ein Gast, ein geübter Talkshow-Gänger und Quoten-Muslim, versprach dicke Luft. Die meisten in meinem Freundeskreis rieten mir ab. Dann aber erzählte mir ein Freund, dass er den Mann kürzlich interviewt habe. Mit dem lasse sich diskutieren. Klingt gut, dachte ich. Herausforderung angenommen. Mein Plan: Mich mit dem Gast vorab treffen und kennenlernen. Denn wenn ihm wirklich etwas an dem Thema läge und sich wirklich mit ihm diskutieren ließe, dann würden wir die Sendung schon rocken – konstruktiv und inhaltsreich!
So weit, so naiv. Wir trafen uns also tatsächlich vor der Sendung und ich erlebte einen wunderbar angenehmen Gesprächspartner. Wir sprachen über die Probleme der muslimischen Community, diskutierten Lösungsansätze, kritisierten Islamophobie und Rassismus. Wir verstanden uns gut. Bis wir im Studio saßen. Die Kamera läuft.