THILO SARRAZIN TUT MIR LEID

Thilo Sarrazin und ich haben unsere Beziehungskrise überwunden. Noch vor kurzem sah ich in ihm nur einen bösen Ex-Bankier mit Hang zu hetzerischen Weltuntergangsthesen, den ich unter keinen Umständen namentlich in dieser Kolumne erwähnen wollte. Einen so gruseligen Zahlenverdrehenden – hätte ich keinen Verstand, würde ich, Kopftuchmädchen, mich vor mir selbst fürchten. Jetzt aber hat sich mein Blick geklärt: Sarrazin tut mir leid. Er ist ein trauriger Mann.Vor einigen Tagen hatte ich – endlich! – das Vergnügen, mit ihm höchstpersönlich zu diskutieren. Allergrößtes Vergnügen! Vor allem deshalb, weil es sich um eine britische Radiosendung der BBC handelte, in der er seine Thesen vorstellen und gegen die Einwände von AnruferInnen verteidigen sollte.Das hatte den Vorteil, dass Antworten radiogemäß möglichst kurz gehalten werden mussten – kurze Antworten sind absolute Sarrazin-Killer -, und noch dazu auf Englisch – wo sich doch in Fremdsprachen verquere Thesen nur schlecht schick verbrämen lassen.

Ich saß als Gast der Sendung in einem Hamburger Radiostudio und erwartete unser Aufeinandertreffen. Als es dann so weit war, erzählte ich ihm, dass ich in Deutschland studiert habe, die Sprache gut spreche, mich hier engagiere und fragte, was er noch von mir erwarte. Er antwortete: “I want yu tu intekräyt.” Ich lachte, das war einfach zu lustig. Der große Experte weiß nichts Besseres, als mir solch eine Banalität hinzuwerfen wie einen alten Knochen?

Die nächsten zehn Minuten sprach ich so viel, dass ich wahrscheinlich mehr Redezeit hatte als Sarrazin im Rest der einstündigen Sendung. Als ich ihn nach der vergifteten Atmosphäre in Deutschland fragte, für die er mitverantwortlich ist, zitierte er eine mysteriöse türkische Frau: “Orientalen nutzen Emotionen, um Mitleid zu erregen.” Aha, das würden Ur-Deutsche natürlich nie machen.

Das war nun auch dem Moderator zu rassistisch. So drängte er Sarrazin, Stellung zu diesem Zitat zu beziehen. Konnte er nicht. Er konnte auch weder etwas zu der Diskriminierung von Muslimen in diesem Land etwas sagen (wer das Kopftuch trägt, sei selbst für blöde Anmache verantwortlich) noch dazu, wie er Menschen integrieren will, die er genetisch minderwertig schimpft (er nenne nur Zahlen und Fakten).

Toll, da hatte ich ihn tatsächlich an die Wand geredet. Welch Genugtuung hätte das sein können! Doch ich empfand nur Mitleid. Wie traurig muss ein Mensch sein, der in Vielfalt kein Potenzial erkennt, nicht ihre Schönheit sieht. Ein Mensch, der jene respektlos vom Kopf stößt, die sein Land mit aufgebaut haben, und das im Gespräch nicht einmal begründen kann. Und langweilig muss es auch sein, wenn alles Andere und Neue per se verdächtig ist.

Selbst der Mann, der mir vor einigen Wochen eine Morddrohung schickte, hat sich in einer Mail entschuldigt: “Ich respektiere nicht unbedingt Ihre politische Überzeugung, aber ich respektiere Sie voll und ganz als Mensch”, schrieb er. Das muss man mal können, Herr Sarrazin. Menschen respektieren.

taz, Kolumne 02.02.2011

Das BBC-Interview kann man hier (ab 43.00 bin ich dabei) nachhören und hier nachlesen.

SARRAZIN UND ICH MACHEN SATIRE BEI BBC


Das war ein leichtes Spiel, letzten Dienstag. Da saß ich in Hamburg im Studio, zugeschaltet zur BBC Sendung “World Have Your Say” mit Thilo Sarrazin in Berlin. Eine Stunde durfte man den Herren befragen. Allerdings wartete und wartete und wartete ich, auf heißen Kohlen sitzend. Zwischendurch hielt ich es nicht mehr aus und sagte “May I interrupt?”, das Studio in London erklärte: “We’re lobbying for you, Kubra.” So viele Menschen wollten an diesem Abend mit dem Thilo sprechen.

Neben den vielen Anrufern aus aller Welt waren auch zwei Deutsche mit Migrationshintergrund dabei. Sie glänzten in ihrer Argumentation (und ihrem Englisch): Ulas Atay, Journalist, als Gast im Studio in Berlin und Elif Duygu Cindik, Psychiaterin – aus München zugeschaltet.

Dabei fiel mir auf: Dass Argumente schlecht sind, merkt man vor allem daran, dass sie in fremden Sprachen nicht funktionieren. Gute Inhalte hingegen können in jeder Sprache brillieren – ganz egal, wie gut oder schlecht man die Sprache spricht.

Deshalb hatte der Thilo eigentlich schon verloren bevor er überhaupt anfangen konnte. Als er dann auch noch satiresk akzentelte, war es um ihn geschehen. Auch um uns – zu lustig war das Ganze.

Ich kam also gegen Ende (ab 39.40) erst dran. Ich fragte ihn unter anderem, was er denn von mir erwarte. Als er dann allen Ernstes sagte: “I want yu tu intekräyt.” Da musste ich losprusten. Und auch sonst, waren seine Reaktionen (beileibe keine Antworten) auf meine Fragen nur lustig. Dybth beschreibt sehr schön, warum es für ze Jörmänies außerdem auch peinlich ist: Germany schafft sich away.

Thilo ist einfach traurig und lustig. Ich frage ihn mal, ob wir zusammen eine Satiresendung machen wollen. Ich als Produzentin, er der Hauptact. Das Tolle ist doch, er braucht sich nicht einmal verstellen.

Die BBC-Sendung hier (noch 6 Tage zum Download offen; also schnell ein Stück Satirehistorie sichern)
Auf Stream kann man sich die Sendung hier anhören (ab 43.00 schalte ich mich ein).
Spiegel Online schrieb auch etwas zu der Sendung: “I am Thilo Sarrazin from Börlin”

DER ISLAM IST WIE EINE HAUTFARBE

Die Party ist aus. Wir reden jetzt mal Klartext.

Eine Morddrohung habe ich erhalten. Meine erste. Ich sollte mich wohl geehrt fühlen. Eine Morddrohung ist ein Ritterschlag für jeden Meinungsmacher. Wer heutzutage was auf sich hält, schmückt sich mit seinen Kritikern und vor allem mit seinen Bedrohungen. Je gefährdeter die Person und Meinung, desto wichtiger wird man. Danke. Aber nun zum Thema.Aus gegebenem Anlass – quasi als Dankeschön – schließe ich mich meinen Kritikern an und fordere einen Stopp der Islamisierung Europas. Auch ich finde es erschreckend, wie viele Menschen nun plötzlich zu “Muslimen” gemacht werden.

Unauffällige Bürger Deutschlands, die sich bis dato nie mit Religion oder dem Islam beschäftigt hatten, bekommen plötzlich ein “Muslim”-Etikett verpasst. Zack! Zum Beispiel meine atheistische iranische Freundin, die von vielen Deutschen pauschal unter der Kategorie “Muslimin” geführt wird. Deswegen muss sie ihnen gegenüber ihre Partygänge und ihren Alkoholkonsum verteidigen. Oder ein türkischer laizistischer Bekannter, dem kein Schweinefleisch mehr angeboten wird. Die beiden wurden quasi zwangsislamisiert und hocken nun in einem Boot mit praktizierenden Muslimen. Und wie viele andere müssen nun auch sie geradestehen für eine Religion, die sie weder kennen noch kennen wollen.

Dass wir alle in einem Boot sitzen, ist für uns alle sehr ungewohnt. Einige ergeben sich der Rollenzuschreibung und gehen auf spirituelle Entdeckungsfahrt. Und – welch Überraschung! – entdecken die Religion für sich. Yes, die Zwangsislamisierung funktioniert wunderbar. Und die Kopftuchmädchenproduktion wird angekurbelt.

Interessant ist doch, wie es zu dieser Etikettierung kommt: Nicht etwa der türkische Gemüsehändler nimmt sie vor, sondern ebene jene, die panisch vor der drohenden Islamisierung Europas warnen. Jene, die mit dem Finger auf jede phänotypisch undeutsche Person zeigen und “Moslem!” rufen. Sie sind es, die meinen Freunden eine muslimische Identität geben, um sie anschließend darauf zu reduzieren und anzugreifen. Lustigerweise merken die Pseudokritiker nicht einmal, wie sie die groß machen, die sie eigentlich klein halten wollen.

Muslime in Deutschland sind schon lange nicht mehr nur religiöse Menschen islamischen Glaubens. “Muslime” in Deutschland sind die “Ausländer” von früher, die “Gastarbeiter” von damals. Und auch die Debatten und Diskussionen drehen sich nicht um den Islam als Religion, sondern um die Muslime als Ethnie. Der Islam wurde ethnisiert.

Für manche meiner Freunde ist das Muslimsein inzwischen wie eine Hautfarbe. Eine fremdbestimmte Identität. Und die Gesellschaft lässt ein Ablegen dieser Identität nicht zu.

Deshalb kann man bei Islamophobie sehr wohl von einer Form des Rassismus sprechen. Und der kann nicht durch die Aufklärung über den Islam bekämpft werden, sondern durch Aufklärung über Rassismus.

Deshalb, lieber Absender meines ersten Morddrohbriefs: Du bist ein Rassist. Es ist mir wichtig, dass das hier steht. Schwarz auf weiß.

Taz Tuch-Kolumne, 10.11.2010

Nachtrag: Ich sehe ein, dass ich das hätte präziser formulieren müssen: Der türkische Bekannte ist atheistischer Laizist. Und ihn nervt es furchtbar, ständig und überall für einen Muslim gehalten zu werden. Das sollte keineswegs heißen, dass ich glaube, man könne nicht laizistisch und muslimisch sein. Tue ich nämlich nicht. :)

 

Nach-Nachtrag: Also, Klartext: Ich möchte keine Pauschalurteile fällen und niemandem per se den Glauben absprechen. Das kann ich nicht. Davor schrecke ich zurück. Wer bin ich denn? Deshalb bleibe ich dabei: Ich werde nicht sagen, dass ein Laizist nicht auch muslimisch sein kann. Was in seinem/ihrem Herzen ist, kann ich weder wissen noch ahnen. Auch wenn ich mit dem türkischen Laizismus sehr große Probleme habe, weil er sich in der Praxis in erster Linie durch Religionsfeindlichkeit und Kontrolle der Religion auszeichnet – keinesfalls aberdurch eine vermeintlich strikte Trennung von Staat und Religion. Aber ich will keinen Ausflug in die türkische Laizismus-Debatte starten. Ihr könnt gerne diskutieren – mir fehlt aber wirklich die Zeit, die Diskussion zu moderieren. Wenn es mir zu bunt wird (zB zu häufig beleidigende Kommentare) dann werde ich die Kommentarfunktion abschalten müssen. Ich hoffe, ihr habt Verständnis dafür. Liebe Salams, Ahoi und N’Abend! :)

Nach-Nach-Nachtrag: Die Diskussionen im Kommentarbereich waren teilweise wirklich sehr interessant. Es wäre schön, wenn man viel häufiger so diskutieren könnte. Allerdings gibt es dann diese blöden Holzköpfe, die das Wort Niveau anscheinend nur von unten kennen. Ich bedanke mich allerherzlichst bei den engagierten Kommentatoren, namentlich bei Ethem Abussamed, Batura, Ubarto, Andreask9, Peter, Lieselotte, Marc, ganz viele “Anonyme” und andere mehr – also eigentlich fast alle. Die Holzkopfkommentare habe ich gelöscht. Einige lasse ich so stehen, weil sie so wunderbar entlarvend sind.

SEIT DEM MORD REDEN WIR OFFENER

Und wieder ist die taz Vorreiter. Vor allem, wenn es darum geht, auch mal jene zu Wort kommen zu lassen, die noch nicht gehört worden sind. Vor einigen Wochen erschien bereits das Interview mit Melih Kesmen von StyleIslam zu dem Thema Islamophobie. Gestern erschien nun das taz-Interview mit mir, als kopftuchtragende Muslimin und Bloggerin, zum gleichen Thema: Islamophobie.
Hier einige Auszüge:

taz: Die öffentliche Debatte über den Mord an Marwa ist fast verstummt. Spielt das Ereignis für kopftuchtragende Frauen noch eine Rolle?

Kübra Yücel: Auch wenn man über den Fall von Marwa kaum mehr spricht, ist das Thema innerhalb der muslimischen Gemeinde immer noch präsent. Es ist viel geschehen: Wir sind uns durch diesen Mord bewusst geworden, dass die Diskriminierungen, die wir erfahren, keine Ausnahmen sind. Es gibt mittlerweile zu viele Ausnahmen. Seit dem Mord an Marwa reden wir offener über unsere Diskriminierungserfahrungen und tauschen uns aus.

/…/Und wie soll sich das ändern?

Ich habe mit meinen Freundinnen sehr viel darüber diskutiert, wie wir dafür sorgen können, dass der Islam in den Medien angemessen dargestellt wird. Zunächst müssen Muslime als gleichberechtigte Gesprächspartner anerkannt werden. Bisher war es so: Wenn ein Muslim sich – auch in akademischen Kreisen – zu islamischen Themen äußerte, so wurde er nicht als eine akademische Person, sondern als Muslim wahrgenommen. Man muss Muslime, wenn sie sich als akademische Personen äußern, auch als solche wahrnehmen.

Wenn man als Muslim über den Islam forscht, ist es dann überhaupt möglich, die muslimische Identität vom wissenschaftlichen Anliegen zu trennen?

Das kann man selbstverständlich nicht trennen. Das ist aber in allen Wissenschaften so. Wenn sich eine Frau zu feministischen oder ein Christ zu christlichen Themen äußert, sind sie natürlich nicht neutral. Sie werden aber trotzdem als gleichberechtigte Partner wahrgenommen und akzeptiert. Genau das fehlt bisher – auch in akademischen Kreisen – in der Diskussion mit Muslimen.

/…/Fühlen Sie sich bedroht als kopftuchtragende Frau?

Nein. Ich fühle mich nicht bedroht oder eingeschüchtert. Ich merke vielmehr, dass es noch viel zu tun gibt; es besteht viel Aufklärungsbedarf.

Was möchten Sie denn tun?

Das Wichtigste ist, dass man ständig im Dialog ist. Die Debatte sollte nicht abebben und wir sollten nicht auf den nächsten Mord warten. Ich sehe es als meine Aufgabe an, als Journalistin und durch meinen Blog aus dem Leben einer Muslimin zu berichten. Ich versuche darzustellen, wie es ist, als muslimische Deutsche hier zu leben. Ich will zeigen, dass ich keine Gefahr für die Gesellschaft darstelle und ein ganz normaler Mensch bin. Allein diese Tatsache sorgt, so glaube ich, bei vielen Menschen dafür, dass sie ihre Vorurteile nochmal überdenken.(…)

ihr hier lesen.

Yesterday an interview with me about islamphobia in Germany was published on the website of the daily newspaper Die Tageszeitung (taz). The interview is basically about how the Muslim community has reacted to the murder of Marwa a couple of weeks ago and islamophobia in Germany in general.

WAS TUN WIR JETZT? – DER FALL MARWA?


Der Fall Marwa E. hat eine hohe Symbolkraft. Das haben nur Wenige verstanden und nur die Wenigsten richtig zu Nutzen gewusst.

Wer eine Zusammenfassung des Falls Marwa E. lesen möchte, Kathrin hat hier eine sehr gute geschrieben.

Omar hat auf seinem Blog bereits einen wichtigen Schritt gemacht und die Muslime zur Besonnenheit aufgerufen. Einige sind emotional geladen, andere erzürnt. Zum Teil verständlich. In den vergangenen Tagen wurde in Deutschland viel versäumt. Der Fall Marwa E. hätte zum Wendepunkt des deutsch-islamischen Dialogs werden können. Die Gesellschaft hätte sich über die Tat lautstark empören, sie verdammen und durch Aufklärung und Diskussion geschlossen gegen die Diskriminierung der muslimischen Minderheit in Deutschland vorgehen können. Hätte.

Karim El-Ghawhary kommentiert eines der größten Versäumnisse (9. Juli 2009, taz) wie folgt:

“Wann immer es einen Anschlag muslimischer Fanatiker gab, wurden die deutschen Politiker nicht müde, Deutschlands Muslime aufzufordern, Stellung zu beziehen, um den Generalverdacht von sich abzuwenden. Nun stehen die Deutschen zumindest in Ägypten unter dem Generalverdacht der Islamophobie. Wo waren in der vergangegen Woche die Stimmen in Deutschland, die den Anschlag im Gericht verurteilen? Sie waren nicht zu hören.”

Wir haben es mit mindestens drei Versäumnissen zu tun:

1. Die Bundespolitiker und die Bundesregierung verspäteten sich mit der Verurteilung und Empörung dieser Tat. Die islamaphob motivierte Tat wurde gesellschaftlich nur ungenügend sanktioniert.

2. Dass es sich bei der Tat um eine – offensichtlich – islamophobe Tat handelt, wurde nur in den wenigsten Medien auch so dargestellt. Das Thema wurde mal auf das Thema der Sicherheit in Gerichtssälen reduziert, mal auf das Bestreben der NPD gezielt Russlandsdeutsche anzuwerben.

3. Die Islamaphobie wird von der Mehrheitsgesellschaft und der Bundespolitik nicht als Problem – bzw. gesellschaftlicher Missstand – erkannt.

Josef Winkler, der migrationspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, sagte der taz (9. Juli 2009) hierzu, “verkappt islamfeindliche Positionen” seien bis in höchste Regierungskreise verbreitet.
Sevim Dagdelen, migrationspolitische Sprecherin der Linken zum gleichen Thema: “Die Bundesregierung macht den Fehler, Rassismus nur als Problem der extremen Rechten zu sehen. Rassismus reicht aber bis in die Mitte der deutschen Gesellschaft und Übergriffe gehören zum Alltag dieser Republik.”

Trotz oder gerade wegen dieser Versäumnisse, müssen Muslime ruhig und sachlich bleiben. Das Thema ist emotional geladen, darf aber nicht emotional diskutiert werden. Vor allem deshalb nicht, weil Nichtmuslime sich der symbolischen Bedeutung des Falles Marwa E. gar nicht bewusst sind. Das liegt nicht an mangelndem Verständniswillen, sondern schlicht und einfach daran, dass sich Nichtmuslime nur selten über 9/11 hinaus mit dem Thema Islam beschäftigt haben bzw. daran, dass es für einen Menschen der Mehrheitsgesellschaft nur mäßig nachvollziehbar ist, wie es sich als Minderheit in Deutschland lebt.

Muslime müssen in Diskussionen die genannten Punkte im Hinterkopf behalten. Andernfalls treten sie mit hohen Erwartungen an ihre Gesprächspartner heran, es entstehen Konflikte. In den letzten Tagen habe ich mit vielen Nichtmuslimen über den Fall Marwa E. gesprochen. Sie waren schockiert darüber, wie viele wichtige Details ihnen über die Medien nicht weitergegeben worden waren Sie wurden darüber kaum informiert. Auch die Diskriminierung, die kopftuchtragende Musliminnen im öffentlichen Alltag erfahren, ist ihnen nicht bewusst gewesen.

Was sollte also getan werden?

Muslime sollten ruhig und sachlich bleiben, ihre Erwartungen herunterschrauben (auch um nicht enttäuscht und damit emotional zu werden) und unermüdlich an die Medien herantreten, um über Missstände zu diskutieren und damit zu bekämpfen. Diskussion, Diskurs, Aufklärung, Sachlichkeit und zielorientiertes, friedliches Handeln sind die einzigen Möglichkeiten, der Diskriminierung ein Ende zu setzen.

Nichtmuslime sollten sich den Diskussionen öffnen, die Missstände als solche verstehen. Der Mord an Marwa E. sollte genauso empören, wie es ein antisemitisch-motivierter Mord an einem Juden getan hätte. Dies setzt selbstverständlich voraus, dass die Medien über die Vorkommnisse berichten und die Bevölkerung informieren.

Die Bundesregierung sollte in erster Linie ihre Versäumnisse eingestehen. (Dass dies unsere Bundeskanzlerin trotz Wahlkampf bisher nicht getan hat, sollte uns jedoch zu denken geben.)

Wir alle dürfen die Diskussion nicht auf den Fall Marwa E. reduzieren. Marwas Fall hat Diskussionen ausgelöst, die nicht gleich abebben und auf den nächsten Mord warten dürfen. Wir müssen es schaffen, konstant miteinander im Dialog zu bleiben.

Karim El-Ghawary beendet sein Kommentar übrigens mit einer Ausnahme, die nicht schwieg wie der Rest Deutschlands:
`Man muss kein Muslim sein, um sich gegen antimuslimisches Verhalten zu wenden, und man muss kein Jude sein, um gegen Antisemitismus vorzugehen’, sagt der Generalsekretär des Zentralrats der Juden. Danke, Stephan Kramer, für diese deutlichen Worte. So selbstverständlich sie eigentlich sind, so selbstherrlich wurden sie in der letzten Woche von der deutschen Politik übergangen.“

Herr Kramer zeigt mit diesen Worten außerdem: Eine Minderheit ist eigentlich keine Minderheit, dafür gibt es zu viele von ihnen.

So könnt ihr aktiv werden: Fordert eine Stellungnahme der Bundeskanzlerin Merkel zu dem Mord an Marwa E., indem ihr hier unterschreibt. Eine Intiative von Melih Kesmen.

Möge Allah Schwester Marwa mit dem Himmel und ihre Familie mit Ausdauer und Geduld segnen. Amin.

Mehr zu diesem Theme hier: ZEIT- Ein Opfer islamfeindlicher Hitze; ZEIT – Der neue Hass; taz – Merkel soll über Marwa reden; tagesschau – Der Mord an Marwa betrifft uns alle

This article is about an terrible incident that has happened at a court room in Dresden (Germany) a week ago. An Egyptian Muslima (and mother of a 3-years-old child) was stabbed to death by an islamophobic Russian-German after insulting her and calling her “terrorist”, “bitch” etc. Read more about the tragic death/murder of Marwa E. here.
German media has unfortunately reacted very strangely to her death and the islamophobic murderer: The public was very late informed about the details of her death (that she was 3-month pregnant, her husband was accidently shot by a police officer etc.). German politicans did not condemn this murder at once, but only a few days later when Muslims in Germany and Egypt started to protest. Muslims in Germany became more and more emotional about the case of Marwa E. I am criticizing this development as emotional debates will not lead to peaceful conclusions. I have made suggestions to all parties – Muslims, Non-Muslims, politicians and media – in order to abolish islamphobia from German society and prevent murders like Marwa E.’s. What happened is really sad, but we need to stay rational.
May Allah bless our sister Marwa E. and help her family.

BLOGGEBURTSTAG#1 oder WIE ALLES BEGANN

Die Fremdwoerterbuchautorin mit fast acht Monaten. 27.02.1989
Irgendwann im November 2007 kam ein fremdwoerterbuch auf die Welt: weiß, rosa und nackig. Tage vergingen, Monate, ein halbes Jahr. Nichts geschah. Ein fremdwoerterbuch war noch immer rosa, noch immer weiß und noch immer nackig. Schuld war die fremdwoerterbuchautorin. Die wusste nämlich nicht, was sie mit ihm anstellen sollte. Ihr wollte einfach nichts einfallen. Und hier hätte die Geschichte von ein fremdwoerterbuch auch fast schon enden können – fast.
Eines sonnigen Tages im Mai 2008 schlenderte die fremdwoerterbuchautorin durch Hamburgs Straßen, als ihr eine alte Dame begegnete und sie aus heiterstem Himmel “Schleiereule” nannte.
Das war er. Der Moment, in dem alles hochkam:
Die Frauen, die glaubten, sie müssten sie befreien. Die Senioren, die aus allen Wolken fielen, wenn sie Deutsch sprach. Die überraschten Mitfahrer in Bus und Bahn, wenn sie wider Erwarten nicht explodierte. Die Kinnladen, die nicht zugehen wollten. Die Vorurteile, die nicht enden wollten. Die Schubladen, in die sie nicht passte.
An diesem Tag war die fremdwoerterbuchautorin sehr nachdenklich. Keiner will in eine Schublade, dachte sie sich. Warum sollte es bei ihr anders sein? Doch sie ward zufrieden, als sie feststellte:

Kennt man sich, so braucht man keine Schublade mehr.
Das war am 7. Mai 2008. Noch am selben Abend schrieb sie diese ersten Worte in ein fremdwoerterbuch. Und daher ist dieser Tag der eigentliche Bloggeburtstag. Herzlichen Glückwunsch liebes ein fremdwoerterbuch!
PS: Vielen lieben Dank für die Glückwünsche! (genannt sei hier vor allem Lukas) Und übrigens: Wenn ihr Vorschläge, Ideen oder Kritik habt, dann nur raus damit!

STRANGERS

Unterschiede trennen uns nicht, sie verbinden uns
Strangers (2002) ist ein wunderbarer Kurzfilm von den zwei talentiersten Jung-Regisseuren Israels, Erez Tadmor und Guy Nattiv. Die beiden Regisseure arbeiten ganz ohne Worte und erzeugen mit viel Symbolik eine Spannung zwischen den Charakteren: Zwei junge Männer in der Pariser U-Bahn finden sich inmitten des israelisch-arabischen Konfliktes wieder – bis ihre Unterschiede sie nicht trennen, sondern verbinden. Strangers gehört zu jenen Filmen, von denen man sich nicht nur mehr wünscht, sondern auch inständig hofft, dass sie gesehen werden.STRANGERS by Erez Tadmor, Guy Nattiv

 

NATIONS ARE OUT

Birte und ich redeten über Kulturen und sprachen aus, was wir schon immer dachten: Denken in Nationalkategorien ist out. (Besonders Birte, sie besucht ein Seminar zu diesem Thema. Titel ist mir entfallen, werde ich nachtragen.)

Kulturen sind nicht nationengebunden. Die Geheimsprache zwischen zwei Kindern kann schon eine Kultur sein, erklärte mir Birte. Kultur kann eine bestimmte Lebenseinstellung sein. So kann ein Däne mit einer bestimmten Lebenseinstellung einem Mexikaner näher sein, als seinen Landsmännern und -frauen. Diese Lebenseinstellung kann aus Religion, Musik, Kunst, Ideologie und jegliche Art von Vorliebe bestehen. Und diese Lebenseinstellung, die kulturell ausgelebt wird, kann nationenübergreifend verbinden.

Mit diesem Gedanken kann ich gut leben. Sie befreit mich von der Frage, ob ich deutsch, türkisch oder sonst was bin. Ich bin ich, mit meiner Kultur, meiner Lebenseinstellung und meinen Vorlieben. Damit erklärt sich mir auch, warum ich mich im Ausland eher zu der politisch interessierten Tschechin und der künstlerischen Algerierin geselle, als zu dem türkischen Snob oder der deutschen Metzgerin.
Denken in Nationalkategorien ist also out.

Und Nationalisten? Da kann ich nur wiederholen, was ich hier schonmal schrieb. Menschen denken nationalistisch, wenn sie nichts anderes haben, woran sie sich orientieren können, denke ich.
Ausnahmen bestätigen – wie immer – die Regel.

EMEL, DUSSELDORF, NYT UND FREMDGEHEN

Jetzt, wo der Hausarbeitenstress beendet ist, Dinge, die in meinem Kopf herumschwirrten:

EMEL 50th ISSUE
Das muslimische Lifestyle Magazin aus London hat nun ihre Golden-Edition herausgebracht, weil 50. Ausgabe. Und ich war dabei! Aber: Meine Lieblingskolumnistin hört auf. Weil: Thema der Kolumne war das aufregend chaotische Singledasein in orientalischer Kultur (also Heiratskandidaten, die plötzlich neben Mama und Papa auf der Wohnzimmercoach sitzen; arrangierte Dates von Mama und ihren Freundinnen; arrangierte Dates von den eigenen Freundinnen; muslimisches Speed-Dating (Ja, das gibt es!!)) Und da sie nun endlich Mr. Perfect gefunden hat, findet mit dem Singelsein auch die Kolumne ihr Ende.
In der Reportage “Celebrating Best of Britian” werden random Muslime im Arbeitsalltag vorgestellt – vom British Airways-Piloten über die Polizistin bis hin zur Kopftuchtragenden Lehrerin.

Wo wir beim nächsten Thema wären: (Achtung Ironie)

In Düsseldorf sind Baskenmützen verboten. Jedenfalls dann, wenn man muslimische Lehrerin ist und die Baskenmütze als Surrogat für das Kopftuch verwendet. Deutschland ist nämlich ein Land, in dem Staat und Kirche strikt getrennt werden. Und weil wir konsequent sind, bleiben die Nonne und das Kreuz im Klassenzimmer, das Kopftuch und das ultimative Symbol der Unterdrückung, die Baskenmütze, müssen draußen bleiben.
Nachtrag: Hier schrieb man auch schon zu diesem Thema.

Ich hatte Collin Powell schon mal zitiert. Er sagte: “Is there something wrong with some seven-year-old Muslim-Amercian kid believing that he or she could be president?”
Und ich frage: Is there something wrong with some seven-year-old Muslim-German girl believing that she could be a teacher? Obviously yes in Dusseldorf.

Apropos Muslim-Americans:
Die New York Times schrieb diesen sehr interessanten Artikel und drückte damit aus, was ich fühlte, aber nicht aussprach.

Und sonst:
Ich habe überlegt umzuziehen. Nach WordPress. Weil ich auch so eine Tagwolke haben will. Nach ein bisschen Herumschnüffeln, ging ich fremd. Doch ich bereue, denn mein aktuelles Layout ist doch ganz schniecke. Nur mein Adresse finde ich zu lang. Was kann ich tun? Wer kann mir helfen?


SAMSTAGMORGEN 9UHR

Heute bei der Samstagmorgen-Lektüre des Cicero habe ich mich so richtig willkommen gefühlt.

Ganz entspannt las ich die Novemberausgabe des Cicero zu Ende und entdeckte auf der vorletzten Seite eine Anzeige. Nicht irgendeine sondern diese hier. Ausgerechnet im Cicero – “Magazin für politische Kultur” – von der ich mehr Seriösität auch in der Anzeigenakquise erwartet hätte.
Einfach nur peinlich und furchtbar enttäuschend. Toll.

Nachtrag: Und ich konnte es mal wieder nicht lassen, gleich herumzurecherchieren und weiterzulesen. Auf fürchterlichen Webseiten bin ich gelandet. Alle Einwanderer sind Muslime, alle Muslime sind Einwanderer – das ist nur das Grundgerüst ihres schrecklichen Schubladendenkens.

Nach-Nachtrag: Ich werde mein Cicero-Abo kündigen…

Nach-Nach-Nachtrag: Hiermit geschehen.

RÄTSEL

So. Das ist ein Plakat der NPD-Bayern.
Ich mecker ja nicht gerne, aber jetzt muss ich Klartext reden:

Die Farbauswahl schwarz, rot, weiß, zeugt einfach von geringer Qualität – selbst Schülerzeitungen können sich heutzutage Mehrfarbdruck leisten.

Das Layout ist eindeutig von der BILD-Zeitung abgekuckt. Abgesehen von den rechtlichen Problemen, die der NPD damit bevorsteht, ist das inkriminent gegenüber dem Plakat-Schauer. Anspruchslosigkeit wird ihm damit indirekt vorgeworfen. Unglaublich. Ich fühle mich jetzt angegriffen.

Dann zu der Zeichnung selber: Perspektivisch null. Die Figur im Vordergrund müsste ja auf dem Teppich fliegen, so komisch sitzt sie auf dem Teppich. Und der Teppich ist rechts hinten so merkwürdig nach oben gebogen. Möglicherweise hat dies einen tieferen, künstlerischen Sinn – mir bleibt dies trotzdem rätselhaft. Mir will sich auch nicht erschließen, warum die Figuren auf einem Teppich sitzen und “heimfliegen”. Teppiche können doch nicht fliegen, bei uns auf der Erde jedenfalls nicht. Aber vielleicht sieht es hinter dem Mond, bei der NPD, anders aus. Doch, doch, dort können Teppiche bestimmt fliegen.

Trotzdem: Hinter der dritten Person auf dem Teppich ist eine seltsame schwarze Figur. Wen oder was soll diese Figur darstellen?

Überhaupt bleibt mir der Sinn des Plakats verschlossen: Warum fliegt die NPD nach Hause? Und seit wann tragen die bei der NPD Kopftücher und Turbane – oder wollen sie die Heiligen drei Könige darstellen? Mit Maria in der Mitte?

Liebe NPD, wie soll ich dich wählen, wenn du so rätselhafte Plakate aufstellst?

Bildquelle: http://de.altermedia.info

NATIONAL IRGENDWAS

“Don’t be proud of anything you couldn’t influence” ist eine meiner Standardfloskeln.“But what if you don’t have anything else to be proud of?” frage ich mich nun. Gedankensplitter.stolz2In der Süddeutschen vom Mittwoch las ich einen Artikel über junge nationalistische Deutschtürken, die schon in dritter Generation hier leben, sich nicht integrieren konnten und sich nun in ihren türkischen Nationalstolz flüchten. Ein klitzekleiner Anteil der hier lebenden Deutschtürken/Türken/Türkdeutschen fühlen so. Leider kenne ich einige, die sich genau so fühlen wie im Artikel beschrieben.

 

Die, denen ich begegnet bin, waren oder sind frustiert von der deutschen Gesellschaft. Sie haben viel getan, um sich zu integrieren, aber haben immer und immer diesen Unterschied zwischen sich und den anderen gespürt. Auch ich fühle mich manchmal wie ein Gast, der sich aufdrängt – zum Beispiel wenn Dinge geschehen, wie in diesem Post. Aber ich würde mich deshalb niemals auf das Türkentum berufen. Vielleicht deshalb nicht, weil ich meine Religion habe? Meine Religion, so habe ich den Eindruck, löst mich vom Nationalitätsgedanken. Hautfarbe, Herkunft – whatever. Vor Gott bist du gleich.
 
Außerdem besteht zwischen der Religion und der Nationalität ein gravierender Unterschied: Einen Glauben kann man sich aussuchen, die Herkunft nicht.
 
Wer also keinen Glauben hat, der klammert sich an seine Herkunft, weil er nichts anderes zum Klammern hat?

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Man kann es sich aber auch einfacher machen. Meine Mutter sagte immer (auf Türkisch) “Halte deinen Stolz stets unter deinen Füßen”. Soll heißen:
You don’t need to be proud of anything!

Der Artikel in der Süddeutschen, hier.