SCHWEIGEN WERDE ICH GANZ SICHER NICHT

Das ist für dich. Du hast gekotzt. Immer wieder, am liebsten auf meinem Blog. Lass es raus, habe ich gedacht. Sollen doch alle sehen, wie krank du bist. Und trotzdem habe ich deine Kotze aufgewischt, weil ich den Gestank nicht mehr ausgehalten habe. Lange stand der Kotzeimer bei mir herum, jetzt kriegst du ihn wieder. Bitte schön, deine Kotze.

Advent, Advent, ein Moslem explodiert, hast du in weihnachtlicher Stimmung geschrieben. Und dich gefreut.

Häufig hast du dir richtig Mühe mit mir gemacht. Sorgfältig hast du Artikel rausgesucht und mir die Links zugeschickt. Du hast über mein Privatleben fantasiert, dir Bettgeschichten ausgedacht.

Und wolltest mir gute Manieren beibringen, mit Hinweisen wie diesem:

Es ist unhöflich, wenn Gäste nicht von alleine merken, wenn sie nicht mehr erwünscht sind. Ja, ganz genau, du bist ein unerwünschter Gast. Du gehörst nicht dazu.

Du hast mir nette Ratschläge gegeben:

Vielleicht wäre das ja jetzt der Zeitpunkt, den Absprung aus diesem, Ihnen so verhassten Land zu wagen.

Manchmal warst du auch ganz klar, direkt und höflich:

Seien Sie nicht unhöflich, gehen Sie einfach.

Du rechnetest mir meine Lebenskosten vor:

Wenn Sie weiterhin auf ihrer Kultur beharren, dürfen sie sich nicht überrascht zeigen darüber, dass Sie oder Ihre Nachkommen den Preis dafür bezahlen. 

Wie nett von dir, mich vorzuwarnen. Es könnte ja gefährlich werden, nicht wahr?

Mit welchen Mitteln die Endlösung geschieht, hängt ganz entscheidend von den Muslimen ab. Assimilieren sie sich rechtzeitig in die vorherrschende Kultur, haben sie und vor allem auch ihre Nachfahren gute Karten, einer Gegenbewegung den Wind aus den Segeln zu nehmen und diese heil zu überstehen.

Du gabst mir auch Wahlfreiheit:

Entweder Kopftuch ab oder aus Deutschland RAUS !! 

Wobei ich finde, das Ausfallende passt ja eigentlich nicht so richtig zu dir:

Steck Dir Deinen blöden Allah doch in den Arsch, Du Moslemtrottel.

Richtig süß fand ich übrigens deine kreativen Sprüche. Der hier zum Beispiel:

Klebt der Terrorheini an der Wand, hat jede kluge Hausfrau Atta zur Hand! 

Du hattest auch großartige Kosenamen für mich. „Kleingangsterin“ zum Beispiel, „Islamistin im Schafspelz“, „Schleiereule“ oder – mein Favorit – „Kübel Gemüse“.

Einmal hast du mir davon erzählt, mit welchem Vergnügen du mir die Kehle durchschneiden würdest, wenn es so weit sei. Wenn die Deutschen aufhören würden zu buckeln.

Vor ein paar Wochen hast du mir schließlich „Erstick!“ ins Gesicht geschrien. Dazu hattest dich vor mir aufgebaut, während ich im Zug meinen Salat aß. „Hau ab!“, hast du gerufen und: „Geh zurück nach Hause! Scheiße!“ Dann hast du das Abteil verlassen.

Die anderen Fahrgäste haben dir erschrocken hinterhergeschaut. Aber ich kenne dich mittlerweile.

Mich schockierst du schon lange nicht mehr. Warum ich das schreibe? Sollen doch alle sehen, wie krank du bist. Ich weiß es ja schon. Und schweigen werde ich ganz sicher nicht.

Taz, Tuch-Kolumne, 16. Juli 2012

ZERRIEBEN

Zürich, Dezember 2011
In den Monaten vor ihrem Verschwinden schaute sich Seher stundenlang Videos von islamischen Predigern im Internet an. Anfangs ist die religiöse türkische Familie unbesorgt. Dann distanziert sich Seher immer mehr von ihren Eltern. Schließlich kritisiert sie ihren Vater, er würde sein Geld unislamisch verdienen. In diesem Haushalt könne sie deshalb nicht Essen, nicht Trinken, das sei nicht halal, nicht islamkonform. Dann verschwindet sie.
Zwei Wochen später erreicht die Familie dann ein Anruf von einer salafitischen Gemeinde in Mönchengladbach. Die Tochter sei gesund und wohlauf. Sie sollen sich keine Sorgen machen, Seher sei bei ihnen untergekommen. Selbstverständlich werde man sich bemühen, sie nach Hause zu schicken, sagt das Gemeindemitglied am Telefon. Aber – das müsse auch gesagt werden – die Tochter habe recht. Der Vater solle sich eine neue Arbeit suchen.
Sehers Geschichte ist eine von vielen, die mir ein muslimischer Soziologe erzählt. Er betreut Familien, die sich hilfesuchend an ihn wenden. Familien, die nicht wissen, wie sie mit dem Salafismus und der neu gewonnen Religiosität ihrer Kinder, die so anders als ihre ist, umgehen sollen.
Für Nurhan sind diese Geschichten nichts Neues. Sie ist engagierte Schulsprecherin, erfolgreiche Schülerin und religiös praktizierende Muslimin. Lange war sie eine der wenigen Kopftuchträgerinnen auf ihrem Gymnasium, heute sind es deutlich mehr. Und denen ist Nurhan heute nicht islamisch genug mit ihrem bunten Kopftuch, der hellen Kleidung und ihrer Freude am Kontakt zu Frauen wie Männern; deshalb wird sie schon mal „Muslim light“ geschimpft.
Es ist Abiball-Zeit. Die Stufe diskutiert mit einem Lehrer die Organisation des Abends, Thema ist Alkohol. Weil viele Muslime in der Stufe sind, plädiert Nurhan dafür, erst ab der zweiten Hälfte des Abends Alkohol auszuschenken, kurz vor dem Partyteil. Zwei Sitze entfernt sitzt Hamza. „Ich dachte, du wärst eine richtige Muslimin“, sagt er zu Nurhan. „Warum sagst du das?“, fragt sie. „Wenn man in einem Raum so eng mit so vielen Frauen und Männern sitzt, im Haus des Shaytan (des Teufels), was passiert dann mit deinem Iman (Glauben)?“ Wer zum Abiball gehe, sei ein Munafiq, ein Heuchler. Nurhan ist verletzt, leise versucht sie, sich zu wehren.
Dann ruft der Lehrer alle, die nicht zum Abiball kommen, dazu auf, sich vor die Stufe zu stellen und zu rechtfertigen. Als niemand aufsteht, tut es Nurhan. „Das können Sie nicht verlangen“, sagt sie dem Lehrer, „der Abiball ist keine Pflichtveranstaltung. Es gibt einige, die können es sich finanziell nicht leisten, andere, die aus religiösen Gründen nicht wollen. Sie können sie doch nicht vor den anderen bloßstellen“, kritisiert sie.
„Ich will vermitteln“, sagt Nurhan und wird dabei zerrieben. Da sind die Lehrer, die über die „Islamisierung“ der Schule schimpfen und spöttisch über die muslimischen Schüler herziehen, und die Klassenkameraden, die Nurhan vorschreiben wollen, wie sie den Islam zu leben habe. „Aber die Salafisten haben auch viel Gutes gemacht“, sagt sie. „Sie haben viele von der Straße und aus der kriminellen Szene geholt. Sie haben ihnen Zusammenhalt geboten, wie eine Familie.“ Statt die Salafisten zu kritisieren, müssten die übrigen Muslime eine Alternative anbieten, sagt sie. Bis dahin werde sie sich zerreiben lassen müssen.

HER MIT DER SCHMUTZIGEN WÄSCHE!

drawing by me.
Mal unter uns. Wenn ich schon Rassismus und Islamophobie in der Gesellschaft anprangere, dann muss ich bitte schön auch über die vielen Probleme innerhalb der muslimischen Gemeinden sprechen, nicht wahr? Ein bisschen auf die Köppe der Muslime hauen. Na klar, her mit der schmutzigen Wäsche!
Eine sehr beliebte schmutzige Wäsche ist ja der Sexismus, das Patriarchat und die unterdrückten Frauen der Muslime. Darum ging es kürzlich auch im Artikel der ägyptisch-amerikanischen Journalistin und Aktivistin Mona El Tahawy in ihrem Artikel „Warum hassen sie uns?“
Eine nackte Frau, die Haut schwarz bemalt, der Augenbereich Niqab-ähnlich ausgespart, schaut verschüchtert in die Kamera und ziert das Titelbild des amerikanischen Magazins Foreign Policy. El Tahaways These: Arabische Männer hassen uns Frauen. Um ihre These zu untermauern folgen Beispiele, wie das saudische Fahrverbot für Frauen, Genitalverstümmelung und Jungfrauentests in Ägypten – einmal querbeet durch die arabische Welt.
Als mit Erscheinen des Artikels im Internet heiße Diskussionen über den Artikel tobten, schrieb ein weißer Leser belustigt, der Ärger der arabischen und muslimischen Leser rühre nur daher, dass man ihre schmutzige Wäsche offen der westlichen Gesellschaft vorgeführt habe. Wie lustig.

Doch die meisten Kritikerinnen sind arabische, muslimische und asiatische Feministinnen und Aktivistinnen. Frauen, die genau die gleichen Themen anprangern wie Mona El Tahawy, darüber schreiben und an der Basis gegen den Sexismus ankämpfen.

Ihre Kritik war unter anderem, El Tahawy würde die arabisch-muslimische Frau als ein hilfloses Wesen, den Mann als aggressiven Patriarchen darstellen und damit westliche Stereotypen über die Muslime und Araber füttern. Sie würde sich als vermeintlich einzige Sprecherin muslimischen Frauen positionieren und sich als mutige Journalistin profilieren.
„Ach komm doch, Kübra. Kritisier die Muslime, der Glaubwürdigkeit wegen“, empfahl mir kürzlich jemand, der es gut mir meinte. So geht es doch viel einfacher, erfolgreich zu werden. Bücher mit den Titeln „Die Unterdrückung der muslimischen Frau“ oder „Sex, Schleier und Sehnsucht“ würden sich doch verkaufen wie warme Semmeln. Lasst mich Stereotypen bedienen, die voyeuristischen Fantasien befriedigen und mich selbst als heroisch-mutige Journalistin profilieren, die sich vom Rest der rückständigen Muslime absetzt. Ich werde die gute Muslimin sein. Die, die in das Bild passt.
Heißt das, man soll Muslime nicht kritisieren? Heißt das, ich werde nie über den Sexismus in muslimischen Gemeinschaften schreiben? Die Frage ist nicht, ob man kritisieren darf, die Frage ist: wo und wie.
Als Feministin spreche ich in muslimischen Gemeinden über Sexismus, ich motiviere Frauen, sich von Rollenbildern zu befreien. Ich spreche über Homophobie oder Antisemitismus. Das werde ich noch öfter auf meinem Blog oder in muslimischen Medien tun. Das muss aber nicht in einer Kolumne geschehen, die mehrheitlich von weißen Nichtmuslimen (Nachtrag: gemeint ist Mehrheitsgesellschaft) gelesen wird. Und nicht selten kommt es vor, dass ich Muslime in dieser Kolumne kritisiere und Missstände benenne. Jedoch in dem Bemühen, nach Ursachen zu suchen.Denn jede banale Vereinfachung macht die Realität kaputt.

Taz, Tuch-Kolumne, erschienen am 21. Mai 2011

Oben verlinkt, hier nochmal zum Nachlesen: Die Reaktionen auf Mona Eltahawys Foreign Policy-Artikel hat AlJazeera Stream in einem Storify-Dokument zusammengefasst.

NACHTRAG
Die Frage der Kritik lässt sich um einen (unsichtbaren) Aspekt ergänzen: Neben dem Wo und Wie, das Warum.
Warum sollte man von Missständen berichten?
Um zu zeigen, wie rückständig, schlecht, verachtenswert jemand/eine Gruppe ist? Weil ich damit schneller Gehör finde, von der Mehrheitsgesellschaft mir auf die Schultern klopfen lassen kann, mehr Geld verdiene, auf mehr Podien eingeladen werde und mehr Applaus erhalte? Weil es so einfach einfacher ist?
Eine Freundin erzählte kürzlich, wie eine sehr bekannte/berühmte türkischstämmige Journalistin ihr während eines Praktikums in einer Fernsehredaktion einen Ratschlag gab: Sie solle sich Undercover in eine bestimmte muslimische Gemeinschaft einschleichen (werde ich hier nicht spezifizieren) und dann einen Skandalartikel darüber verfassen. Dann hätte sie einen Posten in der Redaktion sicher. Meine Freundin lehnte ab.
Das Skandalberichten über die “eigenen Leute” macht halt Geld. Eine Talkshow-Einladung hat man damit sicher in der Tasche. Es macht Spaß, eine von “denen” da sitzen zu haben, die der Mehrheitsgesellschaft sanft den Bauch streichelt und erzählt, dass sie ja vollkommen Recht hätten mit ihren Vorurteilen und Ängsten, denn man komme ja selber daher. “Und die, die müssen’s ja wissen!”
Necla Kelek, Seyran Ates oder Ayaan Hirsi Ali. Alles Frauen, “die’s wissen müssen.” Frauen, die ihren Hintergrund und (schlechte) persönliche Erfahrungen nutzen, um sich durch populistisch-pauschalisierende Vereinfachungen auf dem Rücken der Menschen über die sie schreiben, zu profilieren, sich von ihnen als die “Besseren” abzuheben und um sich von der Mehrheitsgesellschaft applaudieren zu lassen. Sie machen Geld in einem schmutzigen Geschäft.
Und die Grenze ist nicht eindeutig. Vor einigen Wochen schrieb ich einen Artikel mit dem Titel “Nur weil ich schwarz bin”. Ich warnte davor, dass der inflationäre Gebrauch des Rassismus-Vorwurfs den eigentlichen Opfern schaden werde. “Victim Blaming“, also Opferschelte, sei das, warf man mir von Seiten feministischer und anti-rassistischer Aktivisten vor. Mit einer (weißen, nicht-muslimischen) Freundin, die ebenfalls die gleiche Kritik aussprach, traf ich mich, weil ich überrascht war und die Kritik verstehen wollte. “Meine Absicht war doch nur”, sagte ich, “zu warnen, potentielle Opfer zur Selbstkritik aufzurufen.” Ich erklärte ihr, dass Selbstkritik ein essentieller Bestandteil der Diskussion innerhalb der muslimischen Communities sei. “Aber der Artikel ist nicht in einem Medium erschienen, das sich direkt und vor allem an Muslime wendet”, sagte sie – zu Recht. Mit dem Text hatte ich Applaus von Leuten erhalten, die mir sonst nie applaudierten (ganz im Gegenteil). Das gab mir Anlass meine eigene Position und Rolle zu überdenken.
Also nochmal, warum sollte man von Missständen berichten?
Um die Missstände zu bekämpfen. Ein Bericht über Missstände sollte nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung, der Entschärfung sein. Der Journalist, so meine möglicherweise utopische Überzeugung, sollte ein ernsthaftes Interesse an der Problematik haben und auf ein friedliches Miteinander abzielen. Das ist nicht naiv. Das ist nicht verklärt. Das ist, ebenso wie Neutralität, ein Bestreben. Eines jedoch, dass sich vielleicht realisieren lässt. (Man zeige mir einen neutralen Journalisten und ich widerrufe meine Aussage. Bis dahin: Ein guter Journalist ist einer, der weiß, dass er nicht neutral ist, damit umgeht und Konsequenzen zieht).
Und hier sind wir bereits in einer ganz grundlegenden Diskussion gelandet. Der ethische Journalist vs. der (Boulevard-)Journalist, der sich an den Problemen anderer ergötzt und an ihnen verdient. Selbst wenn beide über exakt das gleiche Thema berichten, unterscheidet sich neben dem Warum auch das Wie gewaltig voneinander.
Ich spreche über Islamophobie, Sexismus, Homophobie und Rassismus in der Gesamtgesellschaft vor der Gesamtgesellschaft. In einem muslimischen Medium hingegen würde ich nicht pauschalisierend darüber schreiben, wie islamophob die Deutschen doch seien.
Über Sexismus und Homophobie innerhalb der muslimischen Communities spreche ich vor muslimischen Publikum (und da es auch innermuslimisch Rassismus gibt, spreche ich auch dort über Rassismus). In einem nichtmuslimischen Medium würde ich hingegen nicht pauschalisierend darüber schreiben, wie homophob die Muslime doch seien. Denn ich habe ein ernsthaftes Interesse an der Lösung dieser Missstände.
Habe ich deshalb zwei Gesichter? In den Augen mancher: sehr wahrscheinlich. Aber zumindest zwei Gesichter der gleichen Medaille.
Um die Frage des Wie und Wo noch mal an einem Beispiel zu erläutern: In Medien, die sich durch islamophob-populistische Artikel einen Namen gemacht haben, würde ich unter keinen Umständen über innermuslimische Probleme schreiben. In (meiner Meinung nach) ausgewogenen Qualitätsmedien jedoch sehr wohl, allerdings im Versuch reflektiert, tiefgehend und lösungsorientiert an das Thema heranzugehen. Und in einem muslimischem Medium würde ich über das innermuslimische Problem nicht nur schreiben, sondern auch schön auf die Kacke hauen.
Also: Scheue ich mich innermuslimische Probleme anzusprechen? Nein, nein, nein, nein und nein. Um nur Taz-Kolumnenbeispiele zu nennen.
Es geht nämlich um das Wie, Wo und auch: Warum.

EIN BISSCHEN ZU VIEL NICHTS

Sometimes I feel like exploding. I don’t fit into myself. There is so much will, but so little time, only two hands, two feet and only this little me. (29.01.2012, 7:48 pm)
Als junges Mädchen laß ich gerne Bücher über starke Frauen, die gegen ungerechte Verhältnisse, brutale Dikatoren und furchteinflößende Regimes ankämpften. Sie leisteten Widerstand, während alle anderen, Nachbarn und Freunde, in ein und derselben Gesellschaft das himmelschreiende Unrecht nicht nur nicht sahen, sondern gar verinnerlichten. Zum Entsetzen des Lesers, zu meinem Entsetzen.

Neben den vielen Büchern über Frauen im Dritten Reich, der Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika oder die Bürgerrechtsbewegungen gegen die rassistischen USA, war es auch die Widerstandsbewegung gegen den dominikanischen Dikator Rafael Trujillo im Buch “Zeit der Schmetterlinge”, die mich inspirierte. Minerva Mirabal und ihre Schwestern waren die starken Hauptfiguren und Köpfe der Bewegung, die sich selbst als “Schmetterlinge” bezeichnete. (2001 wurde eine Filmadaption des Buches veröffentlicht – habe ihn vor Jahren gesehen, damals fand ich ihn unheimlich toll und inspirierend)

Ich bewunderte diese Frauen. Ich bewunderte Minerva dafür, dass sie hinschaute, sah und verstand. Dass sie das Verstandene aussprach, ganz gleich, was die Folgen für sie sein mochten. Ich bewunderte ihren Mut und ihre Passion.

Nach der Lektüre dieser Bücher schaute ich mich enttäuscht um in Deutschland, in der Gesellschaft. Und ich sah nur Luxus, Sorglosigkeit und Dekadenz. Nichts, wofür es sich mutig zu sein lohnte. Kein Unrecht, keine nennenswerten Probleme. Was ich damals nicht wusste, war, dass ich nichts wusste. Ich war uninformiert. Mit Unwissenheit kommt Sorglosigkeit, mit der Sorglosigkeit die Dekadenz. Und mit letzterer Ignoranz.

Das himmelschreiende Unrecht schreit nämlich niemals in den Himmel. Ungerechtigkeit sieht nur, wer von ihr weiß. Manchmal widerfährt sie dir, manchmal einem Freund, manchmal ist es der Zufall, der deinen Schleier der Unwissenheit in einem kurzem Moment durch eine leichte Brise anhebt – und plötzlich siehst du, was du bisher nicht sahst und was die anderen nicht sehen. Überall. Erst dann hört man das Unrecht schreien. Erst dann findet man die eigene Privilegiertheit unerträglich. Die Verhältnisse, der Konsens. Unerträglich.

Erst dann füllt sich tief im Brustkorb ein Organ mit Willen und Energie, die nicht mehr in den Menschen passen. Der Körper zu klein, die zwei Hände zu wenig, die Beine zu langsam, die Stimme zu leise. So viel Willen, wohin damit? Wohin? Und dann sitzt der Mensch da, lethargisch, unbeweglich und hilflos.

Aber er weiß zu viel, um zu vergessen.

Ein anderes Mal schaffst er es, den Willen zu kanalisieren und handelt. Deshalb schreibe ich diesen Text.

***

Himmelschreiende Bilder aus dem Kalender der Gewerkschaft der Polizei Bayern. In solchen Momenten will ich nicht mehr zurück nach Deutschland, meine kleine Wunderblase hier in Oxford nicht verlassen. Aber ich weiß, dass ich nichts weiß. Und das bisschen Nichts ist zu viel, um zu vergessen.




NACHTRAG
(3. März, 7:30)
Hass schürt Hass schürt Hass schürt Hass.

Die Bilder des Polizeikalenders sind extrem verstörend. Angesichts dieser hasserfüllten Bilder fühlt sich manch Betroffener unwohl und unwillkommen. Vielleicht auch zornig. Gestern Abend starb für einen Moment jeglicher Wille in mir, jemals zurückzukehren. Aber wie ich gestern bereits schrieb: Ich weiß zu viel, um wegzusehen und untätig zu sein.

Die Empörung über die Bilder ist gut. Empörung ist eine gesellschaftliche Sanktion inakzeptablen Verhaltens. Nicht nur MigrantInnen sind es jedoch, die sich empören, sondern eine Vielzahl sensibilisierter Deutschdeutscher (Urdeutscher/Biodeutscher), guttuend viele Menschen. “Du weißt hoffentlich, dass es hier nicht überall so deprimierend aussieht” schrieb mir gestern jemand über Twitter. Ja, das weiß ich. Aber es ist sehr gut, das nochmal in Erinnerung zu rufen. Erfrischend viele, die sich empören.

Hass schürt Hass schürt Hass schürt Hass.

Auf Hass kann nur mit klarem Verstand, Bedachtheit und einem Willen, das Land besser zu gestalten, reagiert werden – um Populismus und Schwarzmalerei vorzubeugen. Um jenen gegenüber verantwortungsbewusst zu sein, denen die Möglichkeiten und das Bewusstsein fehlen, solche Bilder einzuordnen – damit Hass nicht Hass schüren kann.

Der gestrige Tag fing übrigens mit einem großartigen Schlagabtausch zwischen Marietta Slomka und Innenminister Friedrich an. Ich war mächtig stolz darauf, dass wir so wunderbar unbequeme, blitzschnelle und famos kritische Journalistinnen haben in unserem Land. “This made my day” tweetete ich gestern Früh. Und von diesen Kalenderbildern will ich mir nichts verderben lassen.

Lieber betroffener Mensch:
Be happy, right in their face.

BEOBACHTET

Samstagabend in Köln. Auf einer Veranstaltung treffe ich eine Bekannte und frage sie nach einer gemeinsamen Freundin. „Wie geht es Ahlam?“, frage ich sie. „Welche Ahlam?“ – „Ahlam El Rifai*.“ – „Kenne ich nicht.” Ich wundere mich. „Wir waren doch gemeinsam in Berlin.“ Sie schaut mich stirnrunzelnd an, dann klickt es. „Ach, die Ahlam. Ja, die heißt doch anders, El Saad ist ihr Nachname.“

Einige Monate später treffe ich Ahlam und erzähle ihr von diesem Gespräch. „Wie heißt du denn jetzt wirklich?“, frage ich. Ahlam ist klug, sozial sehr engagiert, leistet Jugendarbeit, studiert und versucht sich nebenher auch beruflich zu etablieren.

Eine der Vereine, für die sie arbeitet, ist die Muslimische Jugend Deutschland (MJD). Wie sich kürzlich nun auch nach einem richterlichen Beschluss herausstellte, ein Verein, der jahrelang zu Unrecht im Verfassungsschutzbericht auftauchte. Mit fatalen Folgen für die jungen Muslime, die sich in dem Verein engagierten: Kündigungen, Job-Absagen und berufliche Perspektivlosigkeit.

Ahlam kann und möchte nichts mehr riskieren. Ihr wichtiges soziales Engagement bei der MJD lässt sie bei Bewerbungen weg. Doch auch bei der Internetrecherche eines potenziellen Arbeitsgebers darf kein Zusammenhang erkennbar sein, deshalb die vielen Namensänderungen auf sozialen Netzwerken. „Das tut weh, denn ich bin eigentlich stolz auf meine Arbeit“, sagt sie. Aber das ist halt der Alltag.

***

Ich verabschiede mich vom Besuch bei Hamburger Bekannten. Seitdem ich in England lebe, sehe ich sie nur selten. „Kommt uns doch mal besuchen“, bitte ich zum Abschied. Ahmet lacht und sagt: Dafür brauchen wir ein Visum, wir haben doch einen türkischen Pass.“ Ich bin überrascht. So Deutschland-orientiert wie sind, hätte ich darauf wetten können, dass sie deutsche Staatsbürger sind.

„Warum beantragt ihr denn keinen deutschen Pass?“, frage ich. Dieses Mal schaut mich Ahmet überrascht an. „Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass sie mir einen Pass geben würden, oder? So lange wie ich schon Mitglied bei Milli Görüs bin?“ So erzählt Ahmet von den Versuchen seiner Vereinsfreunde, die sich um die deutsche Staatsbürgerschaft bemühten. Vergeblich. Milli Görüs wird vom Verfassungsschutz beobachtet.

***

Nuray* hält mir ihren Kündigungsbescheid hin. Jahrelang hat sie bei der Polizei als Übersetzerin gearbeitet, man war sehr zufrieden mit ihr, urplötzlich kam die Kündigung. „Aufgrund der Aktivitäten und Funktionen Ihres Ehegatten in dem Verein IGMG (… bestehen) Bedenken gegen eine weitere Heranziehung als Dolmetscherin für die Polizei“, steht in dem Brief. Das hätte die Polizei nach einer „turnusmäßigen Überprüfung“ festgestellt und sie deshalb mit sofortiger Wirkung aus der Dolmetscher-Datei entfernt. Nurays Mann organisiert Fußballabende für die Milli Görüs (IGMG).

***

So richtig überraschen tut das aber Muslime in Deutschland nicht mehr. Der Verfassungsschutz ist Alltag. In Konferenzen werden deshalb manchmal spaßeshalber „Schlüsselwörter“ fallen gelassen. Sie fragen sich, ob sich die Beamten beim Zuhören langweilen und erzählen auch mal Witze, falls dem so sein sollte.

Und damit diese Kolumne auf dem Weg von meinem Laptop in das E-Mail-Postfach der Redaktion auch wirklich vom Verfassungsschutz gelesen wird, beende ich sie mit einem Schlüsselwort: Bombe.


*Namen von der Redaktion geändert

Taz Tuch-Kolumne, 29. Februar 2012

Edit: Alien in Europe erzählt von ihren persönlichen Erfahrungen der Marginalisierung und des Beschattetwerdens. Weiter.

LASST UNS DIES DEN ANFANG VOM ENDE SEIN.


Wehret den Anfängen, wehret den Anfängen… So oft rief man diesen Satz in den vergangenen Jahren. So oft, dass er heute bedeutungslos ist. 182 rassistische Morde zählen wir in meinem Land. 182 zu viel. Das ist kein Anfang mehr.

“Braune Armee Fraktion!”, “Brauner Terrorismus!”, “Braune Morde!”, Braun! Wie ein Wirbelsturm jagte die Neuigkeit in den letzten Tagen über mein Land und zeigte uns die Gesichter einer Krankheit, die wir viel zu lange ignorierten. Mein Land ist krank. Mein Land ist rassistisch. Und die braunen Flecken sind nur seine Symptome.

Wir haben den Falschen applaudiert und die Falschen uns. Sarrazin, wir klatschten. Wilders, wir klatschten. Broder, wir klatschten – und jetzt bluten uns die Hände.

Die waschen wir uns nun. Über unsere braunen Flecken sprechen wie so, als seien es nicht unsere. Als wären es die Flecken anderer. Enthusiastisch und leidenschaftlich stürzen sich nun die Blätter, die jahrelang den Hass schürten, kein Stereotyp unbeschrieben ließen und kein Vorurteil ungenannt, nun auf die Familien der Opfer, besuchen ihre Häuser und waschen dort ihre Hände. Sie schreiben über die bösen Rechten – die anderen.

“Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten, sehet ihr zu.” (Matthäus 27, 24)

Wir alle sind schuld.

Man will die NPD verbieten. Ein Pflaster auf das Blut, die Flecken kleben. Kaschieren, verstecken. Ist Rassismus nicht mehr da, wenn es die NPD nicht mehr gibt?

Nein, die Täter sind unsere Täter. Die Opfer sind unsere Opfer. Das Blut ist unser Blut. Das alles geschieht in unserem Land, in unserer Gesellschaft. Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie sind unser aller Themen. Denn wir sind krank.

Hören wir doch auf, uns hinter den Familien der Opfer zu verstecken, hinter NPD-Verboten. Reden wir über unsere Krankheit, reden wir davon, wie sich der Rassismus durch alle Gesellschaftskreise zieht – von Stammtischen bis hin zu akademischen Champagnerglas- und Steh-Events. Ohne dabei immer wieder unausweichlich beim Thema Deutschenfeindlichkeit zu enden. Es ist auch der subtile Rassismus, der Blick, der Ton, der schmerzt, verletzt und verstößt.

Gestern Abend lernte ich in London eine türkische Juristin kennen, die vor einigen Jahren – unentschlossen, ob sie lieber nach Deutschland oder England auswandern sollte – mein Land besuchte. Eine Woche, sagt sie, habe sie es ausgehalten.
Eine Woche und sie fühlte sich minderwertig, untergeordnet und schwach. Heute ist sie eine erfolgreiche Londoner Anwältin.

Was sollte ich ihr sagen? Ich konnte nur schweigen.

“Rassismus ist doch kein Thema mehr”, rief mir vor ein paar Monaten ein CDU-Politiker in einer Debatte hochrot angelaufen und erbost zu. “Es stirbt doch niemand mehr, es brennen doch keine Häuser mehr.”

Lasst uns endlich ehrlich sein mit uns. Lasst uns die Wurzel unserer Krankheit behandeln, aufeinander zugehen. Stark sein. Gesunden. Lasst dies den Anfang vom Ende sein.
Dieser Text erschien zuerst in der taz-Tuch-Kolumne vom 23.11.2011

BILD DIR DEINE MEINUNG ÜBER DIEKMANN

Man achte auf den Notausgang. So nett, wie auf dem Bild, waren wir nicht zueinander.

Kai Diekmann, Bild-Chef. Der Typ ist einfach mal erfahren, irre abgebrüht und kumpelhaft. So wie der Böse in der Klasse, den man halt mögen muss. Viele aus Angst, die meisten aber, weil sie nicht wirklich glauben wollen, dass er böse ist. Aalglatt ist er. Doch unter der dicken Schicht Haarschaum verbirgt sich eine krause Lockenmähne. So glatt ist er dann doch nicht.

Am Dienstag war Diekmann in die German Society der Universität Oxford eingeladen. Der Saal ist voll. Und die erste Überraschung erleben wir gleich beim Eintreten: Neuerdings trägt Diekmann einen Bart zu seiner Hornbrille – um sich, etwas spät, von Guttenberg abzusetzen? Der Chef des Boulevard-Blatts, das unter anderem für seine Schlagzeilen berüchtigt ist, haute an diesem Abend eine Schlagzeile nach der anderen raus.

Seine Rede über Zeitungsmarkt, Internet, Verantwortung und Bild, Bild, Bild beginnt er mit den Worten: “Meine Damen und Herren, ich stelle fest. Volker Kauder hat Recht. In Europa wird Deutsch gesprochen, auch in Oxford.” (Anlehnung an
diese Aussage) Es ist klar: Wir sollen heute mehr lachen und weniger denken.

Bild ist mächtig. Das weiß Diekmann, er sagt es aber nicht an diesem Abend. Sondern behauptet eher, die Bild-Zeitung zeige wie Deutschland ticke. “Nicht andersherum”, frage ich? Um das Wort “Macht” macht er also einen grossen Bogen, redet aber eigentlich den ganzen Abend nur darüber:

Dem Zeitungsmarkt gehe es schlecht, Auflagen sinkten – nur die Bild nicht! “Wir haben 45% Marktanteil an verkauften Zeitungen am Kiosk”, sagt Diekmann nicht ohne Stolz. Fast jede zweite Zeitung, die über den Tresen wandert, ist also die Bild. Und selbst Online sei Bild das meist besuchte “Nachrichtenportal”, noch vor SpiegelOnline.

Fernsehen sei fragmentiert, es gebe keine nationalen Gemeinschaftserlebnisse mehr, wie etwa vor zwanzig Jahren: “Wenn ich in der Schule meine Freunde fragte, wie sie gestern Abend Dalli Dalli fanden, dann konnte ich sichergehen, dass spätestens der Zweite die Sendung auch gesehen hatte.” Fernsehen ist kein Gemeinschaftsmedium mehr – aber die Bild schon! Nach dem Ende von “Wetten, dass” wird die Bild – so Diekmann – das letzte Medium sein, das derart bündelt und die Nation “zusammenhält.”

“Bild”, die letzte deutsche Hoffnung also. Das sei eine “grosse Verantwortung”, sagt Diekmann. Apropos:

Wie halten Sie es mit der Verantwortung, Herr Diekmann? Es folgen eine Reihe von Beispielen, bei denen Bild vorbildlich agiert habe (zum Beispiel die Nicht-Berichterstattung über Bürger, die in Scharen ihr Geld von den Banken abheben, um damit eine Panikwelle und also eine Finanzkrise zu verhinden). Egal welche Frage, welche Kritik: Die Bild hat aber auch diese und jene gute Sache gemacht, so schlimm kann sie dann ja eigentlich nicht sein.

Volksverdummung? Aber die Bild stellt doch jedes Jahr einen zeitgenössischen Künstler ganzseitig vor und lässt ihn die Seite gestalten. Und zu 9/11 gab es eine ganze vollgeschriebene Seite, die “ich bis heute nicht verstanden habe”, so Diekmann.

Rassimus und stereotypisierende Darstellung? Aber die Bild hat doch die Kooperation mit der türkisch Boulevard-Zeitung Hürriyet, zu dem 50. Jubiläum zum Anwerbeabkommen hat die Bild doch jeden Tag erfolgreiche Türken vorgestellt und ausserdem schreibt jede Woche ein türkischer Kolumnist im Blatt – als ob türkisch-stämmige Kolumnisten DIE Erfindung des Jahres wären. Als ob der jüdische Nachbar von Antisemitismus befreit.

Herr Diekmann, Ausnahmen bestätigen die Regel. Und ihre Beispiele sind nichts mehr als Ausnahmen. Übrigens, als ich auf Ihre “Türkenfreundlichkeit” erwiderte, wie es denn komme, dass Sie die Namen deutscher Täter zu türkischen änderten, wiegelten Sie ab. Das stimme nicht. Nun hab ich den Bildblog-Eintrag rausgekramt und entdecke zudem, dass die “Bild” für die diskriminierende Namenswahl vom Deutschen Presserat gerügt worden ist. Lesen Sie hier – schicke ich Ihnen aber auch gerne per Mail zu.
Vermutlich antworten Sie jetzt wieder: “Wo gearbeitet wird, werden auch Fehler gemacht.”

Anzeigenjournalismus? Unbestechlich sei die Bild in diesem Zusammenhang. Einmal habe eine Auto-Firma bei der Anzeige gebeten, auf der Seite keine Unfälle zu veröffentlichen. Diekmann: “An dem Tag habe ich alle Unfälle, die ich finden konnte, um die Anzeige herum veröffentlicht.”

Der Saal lacht. Diekmann hat es geschafft. Er ist der sympathische Böse, der Freche. Er rühmt sich als “Hauptarbeitgeber des deutschen Presserates” und findet das cool, weil er anschliessend all jene Beschwerden aufzählt, die der allgemeinen Belustigung dienen. So wie der Deutschlehrer, der sich über die “Wir sind Papst”-Schlagzeile (as Ratzinger Papst wurde) beschwerte, da dieser Satz 1. grammatikalisch falsch und 2. auch inhaltlich nicht wahrheitsgemäss sei, da ja nicht alle Deutschen Papst seien.

Ja, lustig. Aber darum geht es nicht. Trotzdem ist der Abend gespickt mit vielen cleveren Bild-Schlagzeilen, belanglosem Smalltalk-Wissen (“1955 war die Lieblingsbeschäftigung der Mehrheit der Deutschen aus dem Fenster zu schauen, heute ist sie Fernsehen”) und natürlich Belustigungen auf Kosten anderer: Zum Beispiel liest uns Diekmann die Übersetzung der Miss South Carolina-Antwort auf die Frage, warum jeder fünfte Amerikaner die USA auf der Weltkarte finden könne, vor. Im Saal lachte aber kaum jemand. Nicht weil Oxford-Studenten von Schadenfreude-Voyeurismus ausgenommen wären, sondern weil alle das Video schon gesehen hatten (bei knapp 53 Mio. Klicks kein Wunder…).

Die letzte halbe Stunde des Abends füllt Diekmann übrigens mit Lobeshymnen auf die Taz. Die “andere Boulevardzeitung”, weil sie so tolle Titelseiten haben (Als Merkel erste Bundeskanzlerin wird titelt die Bild “Miss Germany”, die taz “Es ist ein Mädchen”.). (Mehr über den Taz-Bild-Schlagabtausch
hier.) Das macht er klug und raffiniert. Indem er von der Boulevardisierung der traditionellen Blätter wie FAZ und Süddeutsche erzählt, rühmt er sich, die Bild. Bild, Süddeutsche, FAZ, Taz – alle in der gleichen Kategorie. Nur die Bild kann in dieser Reihe gewinnen als der erfolgreiche und bewusst anstossende Vordenker. Klar.

Dabei ist doch nun auch wissenschaftlich bewiesen, dass die
Bild gar keine Zeitung ist.

Schade, Herr Diekmann, dass Sie so furchtbar gut herumreden, zutexten und witzeln können. Das macht es schwer, Sie nicht zu mögen:

Bildcredit:blog.druckerey.de

Auf Facebook und Twitter sammelte ich Fragen an Diekmann. Hier einige Antworten, die nicht oben in den Text eingebaut sind.

Barabara, die Fritzl-Familienbilder hat er nicht, meint er. Dianas Unfallbilder übrigens auch nicht. Und Fabs, er verwendet kein Gel, sondern Haarschaum. Yasemin: Zu ihrer Meinung komme die Bild-Redaktion durch Diskussionen. Mehr war – trotz beharrlicher Nachfragen eines Zuhörers – nicht herauszukriegen.

Auf meine Frage, für wie dumm er die deutsche Gesellschaft halte, bekam ich übrigens auch keine abschliessende Antwort. Aber wenn Taten sprechen, braucht man ja keine Worte vergeuden.

ZWEI JAHRE SEIT MARWA EL SHERBINI UND WIR HABEN NICHTS GELERNT?


Wir hatten diese Debatten schon einmal in ähnlicher Form:
Vor zwei Jahren als die Ägypterin Marwa El Sherbini vor Gericht von einem Rassisten erstochen wurde. Da war man auch erst einmal still, paralysiert und viele Medien und Politiker redeten dann ganz schnell am Thema vorbei. Wir sind es halt noch nicht gewohnt, das Kind beim Namen zu nennen: Rassismus. Ganz im Gegenteil, wir sind noch weit davon entfernt. (Darum geht es auch in einer morgigen Kolumne in der taz)


Ein Jahr nach Marwa El Sherbini machte Sarrazin Schlagzeilen, sein Buch “Deutschland schafft sich ab” wurde zu einem Bestseller. Als wäre nie etwas passiert. Denn rechtsradikale Gewalt geht natürlich von verrückten Einzeltätern aus und Rassismus ist nur ein Randproblem von ein paar Nazis, an denen sich einige heulend-maulenden hypersensiblen “Ausländer” stören. Heute erfahren wir von einer rechtsradikalen Terrorszene, die seit einem Jahrzehnt in Deutschland mordet.

Damals schrieb ich in meinem Blogeintrag “Was tun wir jetzt? – Der Fall Marwa” über die Versäumnisse der Politik:

Die Islamaphobie wird von der Mehrheitsgesellschaft und der Bundespolitik nicht als Problem – bzw. gesellschaftlicher Missstand – erkannt.

Weiterhin zitierte ich:

Josef Winkler, der migrationspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, sagte der taz (9. Juli 2009) hierzu, “verkappt islamfeindliche Positionen” seien bis in höchste Regierungskreise verbreitet.
Sevim Dagdelen, migrationspolitische Sprecherin der Linken zum gleichen Thema: “Die Bundesregierung macht den Fehler, Rassismus nur als Problem der extremen Rechten zu sehen. Rassismus reicht aber bis in die Mitte der deutschen Gesellschaft und Übergriffe gehören zum Alltag dieser Republik.”

Ich könnte den gleichen Text in leicht abgeänderter Form heute nochmal bloggen. An Relevanz haben diese Worte nicht verloren. Das ist traurig, ein Armutszeugnis. Also zwei Jahre und keinen Schritt vorwärts?

Nicht ganz. Ich beobachte eine hohe Sensibilisierung und einen sehr selbstbewussten Umgang mit dem Thema Rassismus bei Migranten, Deutschen mit Migrationshintergrund und engagierten autochtonen Deutschen: Keine lethargische Hilfslosigkeit mit flehendem Blick nach “oben” zur Mehrheitsgesellschaft – “Helft uns!” – sondern Souveränität. Mehr und mehr begreifen das Thema tatsächlich als gesamtgesellschaftlichen Missstand, formulieren dies so, wehren sich gegen Marginalisierung und scheuen sich nicht lautstark auf Fehler hinzuweisen. Doch das reicht noch lange nicht:

Wir müssen vor allem in der Mehrheitsgesellschaft einen neuen Umgang mit diesem Thema finden und die Probleme tatsächlich ernst nehmen. Keine Abwiegelungen ala Ministerin Schröder, die jede Diskussionen über Rassismus mit ihrem Superthema “Deutschenfeindlichkeit” zum Erliegen bringt und konstruktive Diskussionen, die zu einem besseren Miteinander in unserer Gesellschaft beitragen könnten mit allen Mitteln verhindert. Zum Beispiel mit ihrer Kürzung von staatlichen Geldern für Anti-Rassismus-Projekte, wie bereits öffentlichkeitswirksam nun diskutiert wurde. (Eine gute Zusammenfassung zu Schröder ist hier zu finden)

Zum Abschluss ein Appell von damals, der mich heute nachdenklich macht:

Wir alle dürfen die Diskussion nicht auf den Fall Marwa E. reduzieren. Marwas Fall hat Diskussionen ausgelöst, die nicht gleich abebben und auf den nächsten Mord warten dürfen. Wir müssen es schaffen, konstant miteinander im Dialog zu bleiben.

Hinweis: Derzeit gibt es in vielen deutschen Städten die Möglichkeit sich zumindest symbolisch durch Rechts aufzustellen – “Schweigen gegen das Schweigen”. Nähere Informationen finden sich auf der Facebook-Seite.

BEAUTY (&) RACE – DOCUMENTARY COLLECTION

dark girls

shadeism

double happiness

한 hahn
(insights to a planned and not yet produced documentary on education and competition in korea – but also discussing the ideals of beauty in korean society)

western eyes

make me white
(this a clip made for (one of my favourites) a very impressive documentary on skin bleaching in asian communities, mainly in britain. however i couldn’t find the documentary “make me white” anywhere available online – but only this video.)

edit:

good hair (ft. chris rock) (thanks to “anonymous” for the tip)

Further reading: The Domination of Fair Skin: Skin Whitening, Indian Women and Public Health (pdf) (Thanks to Filiz!)

WIR ERINNERN UNS

Ich wache auf. Der LKW rüttelt nicht mehr. “Komm wir machen eine Pause”, sagt mein Mann und steigt zusammen mit dem Fahrer aus dem LKW. Mir ist noch ein bisschen wummrig. Innerhalb von sieben Stunden hatten wir heute unsere Berliner Wohnung leer geräumt und im LKW verstaut, um unser Hab und Gut für die nächsten drei Monate in Hamburg zu lagern. Ich bin erschöpft. Mein Mann und der Fahrer sind schon in der Tankstelle, um Kaffe zu kaufen. Langsam torkele ich hinterher.

Plötzlich bin ich hellwach. Die Tankstelle kenne ich doch. Hier müsste ein Shampoo-Regal stehen, da hinten die Kasse und… ja, er steht dort. Wie vor knapp einem Jahr steht der füllige Mann mit lichtem Haar und Brille auch heute Nacht an der Kasse.

Ob er sich an mich erinnert? Ob er sich daran erinnert, wie er meine Freundin Maya an der Kasse zusammenfauchte und über ihr Kopftuch schimpfte? Und wie wir am Shampoo-Regal standen und feststellten, dass Maya Recht hatte? Dass das Shampoo tatsächlich nur 3.50 kostete, statt 4.50 wie er sie zahlen lassen wollte? Dass er daraufhin alle Shampoos aus dem Regal nahm und meinte, sie stünden nicht zum Verkauf?

Ja, es dauert ein bisschen, aber er erinnert sich. Wir erinnern uns beide. Er hinter den Wrigleys-Kaugummis an der Kasse, ich davor, neben den Kinderriegeln.

Und jetzt?, frage ich mich. Warum habe ich ihn gefragt, ob er sich erinnert? Ich ertappe mich dabei, wie ich mir sehnlichst wünsche, dass er sich entschuldigt, ja sogar, dass er Reue zeigt. Ich will, dass es ihm Leid tut und dass alles wieder gut ist. Ich will, dass er sich geändert hat. Aber er hat sich nicht geändert, stelle ich fest. Noch immer kuckt er mich abfällig an. Noch immer glaubt er sich im Recht. Wut steigt in mir hoch. Ich möchte ihm all die Sätze sagen, die mir einfielen als Maya und ich damals wieder im Auto saßen und uns über ihn ärgerten. Jetzt stehe ich vor ihm und mir fällt wieder keiner dieser Sätze ein. Was mache ich hier, bitteschön? Ich will, dass er sich jetzt ändert. Vor mir, an Ort und Stelle.

Dann schäme ich mich. Was fällt mir bloß ein?

In der Kolumne “Der Tuchhasser von der Tankstelle” schrieb ich am 21. Juli 2010 von diesem Erlebnis. Hier zum Nachlesen. Außerdem bei dieser Gelegenheit: Herzlichsten Dank an meine wunderbaren Berliner Umzugshelfer, ihr seid Engel!

UND DANN WAR SIE STUMM…

Komm her, mein Kind”, sagt der alte Professor und führt die 17-Jährige in sein Büro. Gemächlich setzt er sich hinter seinen massiven Schreibtisch und lehnt sich zurück. Durchdringend schaut er sie an. Dann holt er tief Luft: “Auch ich bin Muslim, Allah sei dank”, sagt er, “Ich bete manchmal. Und Arabisch kann ich auch ein bisschen.” Er lächelt sie väterlich an. Das junge Mädchen rutscht auf ihrem Stuhl herum. “Du kannst mir vertrauen”, beteuert der Professor. “Wer hat dich beauftragt?”, fragt er schließlich.

Die junge Studentin blickt ihn stumm an. Heiß und kalt wird ihr. Still und regungslos sitzt sie da. “Welches Regime hat dich beauftragt? Saudi-Arabien?”, wiederholt er und blickt auf das Stück Tuch auf ihrem Kopf, das ihr in einigen Wochen die Sicherheitskräfte vor der Uni abziehen werden. Das Kopftuch ist an türkischen Universitäten verboten.

Noch im selben Jahr verlässt das junge Mädchen die Universität. Sie, die in der Schule immer die Beste war, kehrt als gebrochener Mensch in ihre anatolische Kleinstadt zurück.

Zwei Jahre später liegt sie in Deutschland im Krankenhaus. Ihr erstes Kind ist auf dem Weg. Das Krankenzimmer teilt sie sich mit einer Afghanin und einer Deutschtürkin. Beide verstehen die Ärzte. Sie nicht. Die Deutschtürkin hilft ihr. Und wenn sie mal nicht da ist, sprechen die Ärzte mit der Afghanin. Die Afghanin erzählt es später der Deutschtürkin und sie wiederum übersetzt. Die werdende Mutter fühlt sich erniedrigt. Sie spricht fließend Arabisch und Englisch, hat Gedichte in türkischen Zeitungen veröffentlicht. Nichts hilft ihr hier.

Nach der Geburt ihres Kindes, es wird ein Sohn, besucht sie einen Deutschkurs. Sie lernt schnell, aber die Lehrerin ist ungeduldig mit ihr. Sie spricht langsam und mit Akzent.

Ihr gefällt ein Kleid in einer kleinen Boutique. Die Verkäuferin klackert mit ihren roten Nägeln auf dem Tresen und beobachtet sie. Im Kopf baut die junge Mutter ihre Frage zusammen. Sie will nach dem Preis des Kleides fragen, natürlich fehlerfrei. Die Verkäuferin wartet nicht. Sie reißt ihr das Kleid aus der Hand, sagt energisch “Zu teuer” und hängt es wieder auf. Die Fremde schweigt.

Sie stürzt sich in die Erziehung ihrer drei Kinder, sie sollen erfolgreich sein. Ihr Sohn hat in der vierten Klasse ein gutes Zeugnis. Er soll auf das “Jimmy lazim”, eine gute Schule. Danach kann man studieren, haben ihr die Nachbarn erzählt. Die Lehrerin aber glaubt nicht an ihren Sohn. Sie schickt ihn trotzdem hin.

Auf dem Gymnasium ist Elternabend. Ihr Mann muss arbeiten, deshalb geht sie alleine. Die Eltern setzen sich zusammen mit ihren Kindern in eine Runde und besprechen mit der Lehrerin den Klassenstand. Es gibt Lob. Auch ihr Sohn ist gut, hat viele Freunde und ist beliebt. Sie freut sich. Ob die Eltern noch etwas anzumerken hätten, fragt die Lehrerin. Sie meldet sich. Ihr Sohn nimmt ihre Hand und legt sie runter. “Mama”, sagt er, “bitte rede nicht.”

Sie schweigt.
Im Bus, im Supermarkt und im Wartezimmer.

Das ist die Geschichte meiner Mutter, Tanten, vieler ihrer Nachbarinnen und Freundinnen. Das ist die Geschichte der Frauen, die wir als “stumm” bezeichnen. Das ist die Geschichte der Frauen, die noch mehr, noch lauter, noch länger erzählen müssten.

taz, Tuch-Kolumne, 16.02.2010