1. JULI: TAG GEGEN ANTIMUSLIMISCHEN RASSISMUS

rassismus tötet

“Rassismus tötet” – Fotoaktion vom Jahrestag 2014

Auch dieses Jahr ruft der Rat muslimischer Studierender & Akademiker (RAMSA) am 1. Juli zum bundesweiten “Tag gegen antimuslimischen Rassismus” auf, um an den Mord an der Apothekerin Marwa El-Sherbini am 1. Juli 2009 zu erinnern – und um auf den wachsenden antimuslimischen Rassismus in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen. Wie auch im letzten Jahr gibt es zahlreiche Veranstaltungen und eine Fotoaktion: Macht mit!

Wer Marwa El-Sherbini war? Lest hier oder hier.

MUSLIM MINORITIES & RELIGIOUS FREEDOM – BERKLEY CENTER, GEORGETOWN UNIVERSITY

Last year, the Georgetown Universities’ Berkley Center for Religion, Peace & World Affairs hosted a conference on Muslim Minorities & Religious Freedom, featuring some of my favourite people and teachers such as Sheikh Hamza Yusuf and John Esposito – a true honour to be allowed to speak along those brilliant minds. I enjoyed discussing the situation in Europe with Jocelyne Cesari (Berkley Center) and Maajid Nawaz (former LIB Candidate, UK), moderated by Jennifer Bryson (Zephyr Institute).

It was important to me to point out how not only anti-Muslim racists and Muslim extremists play into the same narrative, but also ex-Muslims and Muslims who serve as “native informants” by building a career on the back of the Muslim community, giving credebility to racists by supporting their views about Muslims, taking advantage of their existing problems and/or misleadingly ascribing social issues to Islam and Muslims. Akif Pirincci, Necla Kelek and others are only a few of the many German examples. I also argued that it – unfortunately – takes damage caused at other minorities for mainstream society to notice racist pushes against the Muslim community as such:

“Every time other minorities are collateral damage of Islamophobic pushes, the debate shifts.
Only then it is revealed that those pushes against Muslims are not based on certain honest and sicere intellectual concerns (as pretended) with certain practices, but are simply symbolic and populist acts.”

 

LUDIN, ULUSOY – SIE SPRICHT, DIE MUSLIMISCHE FRAU.

fereshta

Ich kenne sie. Ich kenne sie als Frau, die ihre Worte mit Bedacht wählt, ruhig und balanciert. Eine weise Frau, stark und mit aufmerksamen Blick, klug und liebevoll. Eine Frau mit einer herzlichen Familie, die wiederum meine kleine Familie unterstützte als wir unsere Zelte in Berlin abbauten, um nach Kairo zu ziehen.

“Das erste Mal in meinem Leben saß ich sprachlos vor Gott” – Fereshta Ludin

Ich kannte jedoch nicht die Details des Lebens, der Jahre, die Geschichte, die Gesellschaft, die sie zu der Frau machte, die sie heute ist. Ich kannte nicht die Hintergründe der zermürbenden Jahre, in denen sie Freiwild für Presse und Politik war: Verspottet als sture, bockige Islamistin, Kopftuchfrau, die – statt zu danken, hier überhaupt studiert haben zu dürfen – nun dreisterweise auch noch an deutschen Schulen deutsche Kinder unterrichten wollte. Die Lehrerin Fereshta Ludin, die aufgeregt den Gerichtssaal betrat, um für die Ausübung ihres Berufs einzustehen und auf der Empore im Saal von zwei Frauen in pinken Burkas begrüßt wurde, die gegen sie protestierten. Die Studentin Ludin, die sich gegen ihre diskriminierende Dozentin wehrt, um an anderer Stelle dafür zu büßen. Die Referendarin Ludin, die in Tränen ausbricht, als das Oberschulamt ihr wegen vermeintlicher “mangelnder persönlicher Eignung” den Weg zur Ausübung des Lehrberufs versperrt. Die starke Kämpferin Ludin, die unter dem öffentlichen Druck zusammenbricht – nach Jahren der Demütigung, Erniedrigung, Bevormundung und Drohungen… Aber auch das kleine Mädchen Ludin, die mit dem plötzlichen Tod ihres Vaters zu Gott findet; die Jugendliche Ludin, die diszipliniert Deutsch lernt und sich den Weg ins Gymnasium hart erarbeitet und sich in einen jungen Mann verliebt.

Der Mensch Ludin hält in ihrem Buch die Verletzungen fest, die kleinen und großen; die Eindrücke, die weltbewegenden und persönlichen. Der Anfang des Buchs, ihre Kindheit, liest sich romantisiert und idealisiert – so wie vermutlich bei vielen, die aus den unbeschwerten Kindsjahren Kraft und Energie ziehen.

Ich kannte Fereshta Ludin so nicht. Und obwohl ich schon vorher großen Respekt vor ihr hatte, ist er nun mit einem Mal, nach dem Lesen ihrer Autobiographie, um einiges größer geworden. Meine Bewunderung für diese starke Frau ist einmal mehr gewachsen. Beim Erzählen ihrer ganz persönlichen Geschichte, hält sie unserer Gesellschaft einen Spiegel vor, nackt und ungeschminkt, direkt und ungefiltert, greifbar und unbegreifbar zugleich. In was für einem Land lebten wir eigentlich, fragte ich mich immer wieder beim Lesen. Und in was für einem Land werden wir künftig leben?

“Und wie gern hätte ich ihnen nahegebracht, dass sich Gott hinzugeben für mich absolute Freiheit bedeutete.” – Fereshta Ludin

Letztlich war Ludins Kampf auch einer gegen die Stille, die verstummte muslimische Frau. Das Buch “Die Enthüllung der Fereshta Ludin” ist nur der (vorerst) letzte Schritt im Bemühen nicht die, wie sie schreibt, “mundtote” 14-Jährige zu sein, die nach Deutschland kam, ohne Deutsch zu sprechen. Das Mädchen, das hier nicht für sich sprechen konnte, hier nicht verstanden wurde.

Während ich diesen Text schrieb, stellte ich fest: Knapp 13 Jahre später beginnt nun der Kampf einer anderen muslimischen Frau. Der Rechtsreferendarin Betül Ulusoy. Ihr wird vom Neuköllner Bezirksamts eine Station ihrer Ausbildung verwehrt:

“#‎schauhin‬, wenn du als Rechtsreferendarin eine Station in der Verwaltung machen m u s s t, dir eine Stelle im Bezirksamt ‪#‎Neukölln‬ telefonisch bereits zugesagt wird, du heute Morgen lediglich zur Unterzeichnung deines Formulars zum Rechtsamt fährst und dir der Herr dort dann munter erzählt, er sehe ja nun, dass man ein ‪#‎Kopftuch‬ trüge und dass das leider problematisch sei. Er selbst sei da zwar “völlig leidenschaftslos”, das Bezirksamt fahre da aber eine “ganz klare Linie” und stelle selbst Praktikanten mit Kopftuch im höheren Dienst nicht ein. Darum müsse er nun doch noch einmal mit der Personalabteilung und “höheren Stellen” sprechen, das würde nun wohl “ganz hoch diskutiert” werden und ich solle mich doch morgen noch einmal bei ihm melden.

Wenn morgen die Linie des Bezirksamts Neukölln immer noch ganz klar ist, dürfen sich sehr gern Journalisten aus meiner Freundesliste bei mir melden.

Das wirklich traurige an der Geschichte ist, dass ich mir als erwachsene Juristin gerade vorkomme wie das kleine Mädchen, das damals heulend von der Schule wegen ähnlicher Erfahrungen nach Hause rannte. Man sollte meinen, man müsste sich doch über die Jahre an immer die selben Diskriminierungen gewöhnt haben und damit rechnen, wenn man mit Kopftuch irgendwo aufschlägt und ich bin wirklich wütend auf mich, weil mir das noch immer so nah geht und ich ein mal mehr zitternd einen blöden Text über das Leben mit Kopftuch tippe(n muss)…”

Auch Ulusoy kämpft nun gegen das Verstummen, Bevormundung, die Infantilisierung an, stark und klug. Ihre Stimme ist laut und wird gehört. Denn Frauen wie Ludin haben Ulusoy, mir und etlichen anderen Frauen den Weg geebnet in dieser Gesellschaft eine Stimme zu finden und Unrecht zu benennen. Wir lassen uns nicht mehr aus der Mitte an die Ränder dieser Gesellschaft drängen.

Es liegt an uns, der Gesellschaft, Ulusoy in ihrem Kampf für ihr Recht zu unterstützen, sie nicht alleine zu lassen. Es geht hier nicht um sie als Person oder um eine persönliche Befindlichkeit, sondern um einen Wandel in unserer Gesellschaft; die Entpolitiserung des Kopftuchs und um die Frage: Wen lassen wir in unsere Mitte, wen nicht?

Wie man Ulusoy unterstützen kann? Lest hier.

DEUTSCHLAND, WIEDERENTDECKT.

2015-04-Wohnung Hamburg

Als wir vor dem hohen, grau verputzten Hamburger Altbau standen, in der ich gleich eine Wohnung besichtigen würde, fasste mich mein Vater lachend am Arm. “Kübra, das ist das gleiche Haus, in dem wir vor fast 40 Jahren lebten. Damals, als wir zum ersten Mal nach Deutschland kamen.” Überrascht drehte ich mich zu meinem Vater. “Wirklich? Genau dieses Haus?” In just diesem Gebäude fanden meine Großeltern ihr erstes Zuhause – allerdings im 5. Obergeschoss, eine Qual für die Beine. Erst recht für meine damals hochschwangere Großmutter. So zogen sie schon noch einem Jahr weiter. Doch hier in dieser Gegend lernte mein Vater seine ersten deutschen Wörter, entdeckte dieses Land, in dem er später Fuß fassen, heiraten und seine eigene Familie gründen würde.

Nun, knapp 40 Jahre später, stand er mit mir, seiner Tochter, die inzwischen ihrerseits eine eigene Familie gegründet hatte, vor dem gleichen Haus. Auch sie auf der Suche nach einem Zuhause.

Die vergangenen Monate waren eine Wiederentdeckung für mich. Eine Wiederentdeckung Deutschlands, meiner Familie, ihrer Geschichte und Teile meines Ichs. Schon in meiner Studienzeit hatte ich immer wieder längere Zeit im Ausland verbracht, seit über vier Jahren lebte ich hauptsächlich in der Ferne, war aber nie ganz weg. Ich wollte nicht und konnte nicht. Mehrmals im Monat reiste ich nach Deutschland und versuchte an einem Wandel für eine tolerantere, offenere, freundlichere Gesellschaft mitzuwirken. Dann, Anfang des Jahres, als ich diesen Text für Die Zeit schrieb, hatten mein Mann und ich einen Entschluss gefasst: Nach über vier Jahren im Ausland, Stationen in Istanbul, Kairo, London und Oxford, wollten wir es nun in Deutschland probieren. Für eineinhalb Jahre, vorerst.

oxford eingepackt

Beloved Oxford, es waren sehr schöne Jahre!

Hamburg, dear Heimatstadt, here we come!

Euphorisch begann ich meinen Start in Deutschland. Was ich in diesen vier Jahren vergessen hatte: Die rigorose deutsche Bürokratie, die teils kleinkarierte Regelobsession (um einen Juristenfreund zu zitieren: “Deutschland ist kein Gerechtigkeitsstaat, sondern ein Rechtsstaat”) und den schrecklich angespannten Hamburger Wohnungsmarkt. Über zwei Monate legte ich die Arbeit auf Eis und widmete j.e.d.e.n e.i.n.z.e.l.n.e.n Tag den BürokratInnen und MaklerInnen dieses Landes. Dennoch regnete es Absagen und Fehlschläge. Anträge gingen hin und her, keine bürokratische Hürde ließ sich ohne langwierige Recherche und schier unendlich lange Beratungsgespräche klären. Es waren jedoch in erster Linie die MaklerInnen, die meine Euphorie schwinden ließen – gelinde ausgedrückt.

Regelmäßig stand ich vor Wohnungen und bekam von MaklerInnen zu hören, dass man mir die Wohnung doch nicht zeigen möchte. “Warum?” fragte ich. “Ich diskutiere nicht mit Ihnen!”, sagten sie. Wenn ich es dann mal durch die Tür schaffte, wurde ich mit großen Augen empfangen und widerwillig durch die Wohnung geführt: “Ich habe gelesen, es wird eine neue Küche eingebaut. Wie wird sie aussehen?” – “Wie eine Küche halt!” Der Makler steht im Flur und zeigt grob fuchtelnd in Richtung Küche. Dann dreht er sich um und geht zu den anderen Mietinteressenten, denen er wenige Minuten später ausführlichst die neue Küche beschreibt.

Ich war und bin es gewohnt, ich zu sein. Ehrlich und authentisch. No matter what. Nie sah ich mich derart genötigt, jemanden gefallen zu müssen: Die Maklerbranche weiß um die Abhängigkeit der Suchenden und nutzt sie schamlos aus. So übte ich mich darin möglichst bürgerlich, weiß und überdeutsch zu wirken, um den Maklern zu gefallen. In Smalltalks erwähnte ich “beiläufig”, dass wir aus Oxford hierher gezogen sind. Dass mein Mann und ich belesen, studiert, gebildet sind, ein regelmäßiges Einkommen haben, wirklich, wirklich angepasst sind und natürlich hervorragend Deutsch sprechen. All das, um zu beweisen, dass wir eine menschenwürdige Behandlung verdient haben (Sarcasm off). Denn mein Erscheinungsbild reicht hier offensichtlich nicht aus, um respektvoll und freundlich behandelt zu werden. Es ist immer wieder erstaunlich und traurig, wie ein kleines bisschen Entscheidungsmacht aus sonst womöglich ganz normalen Menschen machtlüsterne, arrogante Unmenschen machen kann. So kam es, dass jedes Mal, wenn sich MaklerInnen als nette Menschen entpuppten (die gab es nämlich durchaus auch – sie seien hier herzlich gegrüßt!), ich mich zurückhalten musste, um ihnen nicht jubelnd zum Menschlichsein zu gratulieren und eine Medaille um den Hals zu hängen.

Kurzum: Der Start in Deutschland war holprig. Und trotzdem genau richtig so. Im Türkischen sagen wir “hayırlısı olsun”, im Arabischen “khair inshAllah”, also möge das geschehen, was gut und gesegnet für uns ist – auch wenn es nicht das ist, was wir uns wünschen. Dieser Satz geht einem leicht über die Lippen. Oft sagen wir ihn tröstend, denn insgeheim sind wir trotzdem enttäuscht, wenn unsere Träume nicht Wirklichkeit werden. Ich habe in den vergangenen Monaten gelernt, diese Worte ernst zu nehmen. Ich lernte, sie nicht nur zu sprechen, sondern auch mit dem Herzen zu fühlen. Erst das half mir, mich gegenüber den täglichen Grenzüberschreitungen zu schützen. Am Ende waren mir die Maklerbranche und die erniedrigenden Erfahrungen tatsächlich egal. Was mir blieb war große und tiefe Dankbarkeit. Dafür, dass ich lernen durfte. Dafür, dass ich mich in Geduld üben durfte. Dafür, dass ich in einer Lebensphase, in der nichts Sinn zu machen schien, Sinn fand. Dafür, dass ich an Stärke gewann – wohlwissend, dass ich den Luxus (und damit einhergehend: Verantwortung) habe, auf diese Probleme hinweisen und sie öffentlich machen zu können – für andere. Dass ich nicht zum Schweigen verdammt bin.

In den Wochen danach entdeckte ich den Blick für die Schönheiten wieder, die mich aus der Ferne euphorisch machten: Der Wandel, die Bewegung, die Energie und die großartigen Menschen, die dahinter stecken. Menschen, deren Augen strahlen, ehrlich und aufrichtig. Ich freue mich und genieße es, zurück zu sein.

Letztlich klappte es nicht mit der Wohnung in dem Haus, wo meine Familiengeschichte in Deutschland ihren Anfang nahm. Am Ende wurde es eine Wohnung dort, wo meine Familie ihre Wurzeln schlug und ihr Glück fand. Eigentlich hätte ich das von Anfang an wissen und fühlen können. Ich brauchte nur etwas Zeit, um mit dem Herzen zu sprechen: Hayırlısı olsun.

Hamburg, Deutschland, wir sind zurück!

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Umzug: läuft. #yeah

DIE GEISTER, DIE WIR RIEFEN

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In der aktuellen Die Zeit teile ich ein Gefühl: Hoffnung.

Es hat sich etwas verändert in Deutschland. Es ist nicht mehr das Land, das mich vor vier Jahren in die Ferne trieb. Überrascht stellte ich das in den vergangenen Monaten fest, in einer Zeit, in der ich mich oft fragte, ob es denn noch schlimmer werden kann. Verzweifelt blickte ich auf Deutschland, auf die im Stillen brennenden Moscheen, die rassistischen Märsche, niedergeschlagen. Doch inmitten des Chaos, dieser menschlichen Tiefpunkte, entdeckte ich einen Wandel: Einen neuen Umgang mit dem wachsenden Rassismus, endlich. Starke Stimmen gegen Intoleranz, Rassismus, Anti-muslimischen Rassimus, endlich. Noch in seinen Anfängen, aber wichtig. Symbolisch. Letzte Woche dann, nach dem grausamen Anschlag in Paris, blieb dieser Wandel standhaft. Er wuchs. Und ich war einmal mehr überrascht.

So war es mir wichtig, diese Veränderung, diese Quelle der Hoffnung zu benennen, denn ich sehe meine Aufgabe in dieser Gesellschaft nicht darin zu kritisieren. Ich sehe meine Aufgabe darin, diese Gesellschaft nach Kräften ein kleines bisschen besser zu machen. Oft bedeutete das in der Vergangenheit für mich eine kritische Stimme zu sein. Auch künftig wird das so sein. Aber manchmal bedeutet es auch, eine Stimme zu sein, die über die Anfänge von Schönem spricht. Es bedeutet, Hoffnung zu teilen. Trotz allem. Oder gerade deswegen.

Deshalb findet sich diese Woche in Die Zeit ein Text von mir, der statt alledem, was ich kritisch sehe (unter anderem: Die JeSuisCharlie-Aktionen & der Missbrauch von Meinungsfreiheit, unsere gesellschaftlichen doppelten Standards, was Mitgefühl und Trauer betrifft, oder unser genereller Zugang zum Thema Islam & Muslime), sich auf die Veränderungen und die Hoffnung, die ich hierfür fühle, fokussiert.

Später müssen wir uns fragen, welche Gefahren dieser Wandel birgt. Ob so mancher Rassismus subtiler und damit schwieriger greifbar wird. Und ob dieser Wandel nur so lange anhält, wie die rassistischen Stimmen laut & sichtbar sind.

Doch zunächst, Platz für Hoffnung. Damit wir die Geister, die wir riefen, auch irgendwann wieder loswerden – so Gott will.

Nachtrag: Der Text ist nun online, hier entlang.

“In einer Zeit, in der es so leicht gewesen wäre, die Gesellschaft zu spalten, bringt uns ausgerechnet eine Tragödie zusammen. Hoffnung keimt in mir auf: Dieses Land verändert sich. Ein neues Wirgefühl entsteht. Eines, das seine Muslime einschließt und sich selbstbewusst gegen Rassismus wehrt.”

#MIPSTERZ & THE STATE WE’RE IN

mipsterz screenshot

Habib Yazdi / Somewhere in America

I was holding my tongue. Trying to ignore the #Mipsterz (≈ Muslim Hipsters) debate, hoping it would be over soon. Frankly, how long and intensely could the Muslim community (mainly in the US & some Western European countries) possibly discuss a two minute video about some Muslim fashionistas in the US driving skateboards, motorbikes, jumping and posing on trees? But it continued and continued and got worse…

Yes, the (original) music was inappropriate. Yes, you might have a different take on how a Muslim veiled woman should dress. Yes, there was a (apparently controversial) man behind the camera but it wasn’t entirely produced by men. Yes, I, too, am very concerned about our societies’ materialistic approach to fashion, wealth and life in general. So, yes, some things have been rightly criticised.

But nothing felt more disturbing than some of the arrogant, judgemental and hateful comments I’ve read in the last couple of days. Hence, I do not want to discuss the video, but our reaction to it. I want to discuss our behaviour. The way we treat each other. Because I believe, this debate says less about the producers of the video and the protagonists, but more about the Muslim community in the West and the state we are in.

Why can’t we (happily, but that’s probably too much to ask for) accept that there are US American Muslim fashionistas celebrating their lifestyle in a video – like every other fashion scene – with its flaws and mistakes?

I believe it is, amongst another reasons, due to two problems.

One: Controlling Our Public Image

For a long time others were telling us Muslims in the West what we are, how we are and who we were going to be. Western media talked a lot about but rarely with Muslims. Having Muslims speak on mainstream TV channels or write in national newspapers was a novelty, a rare opportunity for “our image” to be corrected. Keeping that in mind, I understand the urge to control how “we Muslims” are being portrayed in media. But we need to stop being exaggeratedly self aware. We need to stop doing to our people what others have been doing to us for too long: Forcing every public (and private) Muslim to be the representative of an entire religion, mistake them for an advocate of Islam, expect them to speak for “us” and wrongly be mad at them for not having sought our approval before speaking on “our behalf”. With this we not only take away their individuality, but neglect our very own nature:
We Muslims are not uniform, we are not homogenous, we are diverse. This is our asset. This is what makes us unique. And the only way we can demonstrate this, is to stop being control freaks. Eventually, having multiple voices and faces of the Muslim community in the public will correct “our image”.

Two: The Choice Not To Be Political

But beyond that, and more importantly, I feel an underlying problem is our inability to accept that a public Muslim might choose not to talk about “hard facts”, politics, Islamophobia, discrimination and racism in our societies but “give in” to popular mainstream culture, even if for a two minutes video. It is somehow regarded as a “betrayal” if a public Muslim is not acting first and foremost as a Muslim but seems to be carelessly enjoying the amenities of comfortably living in the West, glorying in it’s wealth, celebrating fashion and life in general – “while our brothers and sisters in (insert a country & problem) “…

To be honest, I understand this reaction. Again, being a religious minority, subjected to racism (often hidden as “rational” and “intellectual” criticism of Islam) has not given most of us the choice not to care. We had to. Especially as visible Muslim women wearing the Islamic headscarf we were constantly reminded of being the “Other”. Our loyalty, belonging, intellectual ability and independent thought were constantly questioned. So of course, there were times I felt betrayed when other Muslims did not carry the burden I chose (and was very often forced) to carry. But there were also times in which I was told, I had a responsibility to talk about problem x and y, because I had access to mainstream media and hence a responsibility to address x and y.

It was my (more or less conscious) decision to tackle Islamophobia and racism in our society, to publicly pursue my cause in becoming a writer, journalist, storyteller and activist. It’s tiresome, at times it took away all my energy and positivity, it was and still is a heavy burden. But why did I choose this path, sacrificing the luxury of not caring when I could?

When I started my activism in my teenage years, it was because I aspired to live in a society in which we Muslims did not have to fight stereotypes and prejudices anymore, in which we could choose not to fight daily battles about who we are – but just be. Back in those teenage years I had dreamed of going into arts and design. At 15 I sent my fashion design sketches to competitions, at 16 I worked with an haute couture designer and a milliner, where I designed my very own hat for veiled women. Art and design have had always been a deep passion of mine I haven’t followed publicly – yet. Because I felt it wasn’t the right time. Some problems needed to be addressed first. The public image of Muslims needed to be corrected. It was my very own decision to battle, but why would I want others – or everyone! –  sacrifice the same? Hadn’t I first started off pursuing my dream of a society in which I didn’t have to do what I did: Defending, fighting and battling? Why would I want every other Muslim to carry this burden? Don’t I do it, so that our future generations hopefully don’t have to? Haven’t you had the same aspirations? I believe some of the rants are routed in this inability to let others enjoy what you are fighting for. And I find this very bitter.

Despite all, I am happy to see our sisters in fashion, arts & design. It makes me proud, it makes me smile. These women (and men) are important to the Muslim community, not more or less than our advocates, fighters and battlers, because they give back some of the positivity, hope and ease we sometimes lack.

And as my husband likes to quote C S Lewis: Poetry and art might have no survival value. But they give value to survival.

BLAU ÄUGIG (1996) // RASSISMUS, DEN WIR NICHT SEHEN KÖNNEN

maxresdefault1968. Martin Luther King wurde ermordet. “Als unser Führer (John F. Kennedy) vor einigen Jahren ermordet wurde, hat uns seine Witwe zusammengehalten und vereint. Wer wird eure Leute kontrollieren?”, fragt ein weißer Reporter im Fernsehen. Eine junge Lehrerin in Riceville, Iowa wird Zeuge dieser Szene und ist verwirrt. Ist John F. Kennedy nicht auch Präsident der Schwarzen gewesen? Und sollte uns Weiße Martin Luther Kings Ermordung nicht auch entsetzen? So fängt die Geschichte von der Anti-Rassismus-Aktivistin (& Feministin) Jane Elliott an, deren Erkenntnisse noch heute von höchster Relevanz sind.

Schon vor Kings Tod hatte sich Elliott lange mit Rassismus beschäftigt, recherchiert, Bücher über die NS-Zeit gelesen, als sie schließlich beschloss mit ihrer Schulklasse ein Experiment durchzuführen. Sie fragte ihre Schüler, ob sie herausfinden wollten, wie es ist ein schwarzes Kind zu sein. Die Kinder bejahten.

An diesem Tag behandelte sie alle ihre blau-äugigen Schüler wie Weiße, privilegiert und überlegen gegenüber den nicht-blau-äugigen Schülern, die sie so behandelte wie schwarze Kinder in den USA behandelt wurden, so als seien sie weniger intelligent, weniger fleißig und fähig. Schon bald übernahmen die Kinder diesen Umgang, die “Überlegeneren” verhielten sich arrogant und überheblich gegenüber ihren Klassenkameraden. Ihre Leistungen verbesserten sich, sie wurden selbstbewusster. Auch die “Unterlegeneren” veränderten sich; selbst jene, die vorher dominant und durch ihre guten Leistungen hervorstachen, nahmen sich zurück, ihre Leistungen wurden schlechter.

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#SCHAUHIN – WARUM?

Bildschirmfoto 2014-02-23 um 19.37.25“Ein Freund hört mit seinem Polizisten-Job auf wegen des Alltagsrassismus”, schreibt mir gerade Tamim Swaid, ein guter Familienfreund, während ich an diesem Text hier sitze. “Stell dir vor”, fährt er fort, “8 Jahre Ausbildung und Beamtenstatus.” “Oh krass…”, antworte ich. Dann schreibt er: “SchauHin ist sehr gut.”

#SchauHin ist eigentlich nichts Neues. Schon seit etlichen Jahren bloggen und twittern Menschen in Deutschland online zu den Themen Rassismus im Beruf, in der Schule, in den Medien – im Alltag halt. Denn Rassismus ist nicht etwas, auf das wir entspannt mit weit ausgestrecktem Finger in der weiten, weiten Ferne zeigen können. Etwas, das irgendwo am rechten Rand der Gesellschaft geschieht, wo die Glatzen glänzen und die Springerstiefel stampfen. Nein. Rassismus ist hier. Mitten unter uns. Jeden Tag. Überall. Continue reading

“ICH FÜRCHTE DIE KRAFT DER ERINNERUNGEN”

6Bildcredit: Damir Šagolj

Niemals vergessen: 11. Juli 1995, Srebrenica.

Heute gedenken wir Srebrenica. Ich kann mich noch sehr gut an diese Tage vor 18 Jahren erinnern, als meine Eltern gemeinsam mit uns kleine Hilfspakete zusammenstellten, um sie nach Bosnien zu verschicken; daran, wie sie Veranstaltungen organisierten und Spenden sammelten; daran, dass meine Eltern demonstrieren gingen. Ich trug auf diesen Veranstaltungen Gedichte über Bosnien vor. Und meine Schwester und ich verpackten gemeinsam mein Asthma-Gerät, das ich nicht mehr brauchte. Einem Kind in Bosnien sollte es nun helfen.

Ich war mir des Ausmaßes des Schreckens nie bewusst. Um ehrlich zu sein, denke ich nicht, dass ich es bis heute wirklich begriffen habe – möglicherweise deshalb, weil es unbegreifbar ist? Wie erinnert man an eines der dunkelsten Flecken der neueren europäischen Geschichte? Man sollte vielleicht einem Bosnier lauschen, der diese Tage reflektiert.

Adnan Softić ist ein Freund, den ich nur selten sehe. Aber oft an ihn denke. Er ist Regisseur, in meinen Augen aber auch ein Philosoph, Denker, ein feinfühliger und vorsichtiger Mensch. Er benutzt Wörter anders als ich sie nutzen würde, gibt ihnen eine neue Bedeutung und überrascht mich beizeiten. Manchmal spricht er rätselhaft und doch ganz klar – man muss nur mit beiden Ohren hinhören. Er ist halt ein Künstler.

Und Bosnier. 1975 ist er dort geboren, heute lebt er wie ein Nomade, mal hier mal dort. Hin und wieder in Hamburg. Heute ist er in Sarajevo und schickte mir – das schwache Internet seines Nachbarn nutzend – diese wunderbaren Gedanken über die Gefahren des kollektiven Erinnerns, Nationalismus und Identität.

In seinen Arbeiten geht es oft auch um Erinnern, wie bei seinem neuesten Filmprojekt „Wie Schnee von gestern“. Im Interview mit der FAZ zitiert die Interviewerin den Journalisten Vurkorep. Über Adnans Film „Ground Control“ schrieb er:

„Hamburg, 1999. Ein junger Mann am Anfang seines Schaffens. Er trägt genau diese bosnische Bürde mit sich – und redet Klartext. Er räumt auf. Endlich bricht jemand mit der Vergangenheit und klärt die Verhältnisse, ohne Rücksicht auf den eigenen Schmerz oder den der anderen. Kann der erste Impuls eines jungen Mannes auch anders sein, ein Mensch auf der Suche nach der wahren Kunst? Eben nur so geht es. Die Wahrheit beim Schopf packen – die bloße und radikale Tat selbst durchführen.“

Deshalb überlasse ich das Wort ihm, Adnan Softić:


Am 11. Juli gedenken wir Srebrenica.

Und ich denke an Foča. Nach den systematischen Vergewaltigungen und Vertreibungen wurde diese Stadt in Srbinje umbenannt. Foča verschwand auf diese Weise von der Landkarte und mit ihr die Erinnerung. Mittlerweile heißt die Stadt wieder wie früher. Ansonsten ist so gut wie nichts mehr reversibel. Und was ist mit den Erinnerungen? Nach einem gescheiterten Versuch im Jahr 2004 eine Gedenktafel zu stellen, gab es keine weiteren Versuche an die Opfer zu gedenken.

Srebrenica ist eine Erkenntnis, dass wir Menschen nicht selbst verfügen und bestimmen können, wer und was wir sind. Und wie leicht wir auf Beliebiges reduziert werden können. Die Erkenntnis, dass unsere Kraft daran zu rütteln und sich vor der Fremdbestimmung zu wehren gleich Null ist.

Wie gern wüsste ich den eigentlichen Grund für die Frust, die fähig war so viele Menschen zu vernichten? Was für ein Versprechen ist es, das Menschen dazu bringt, sich an eine Geschichte, die in einem 600 Jahre alten Ereignis verankert ist, dermaßen zu binden? Was gibt ihnen solche Sicherheit? Angenommen, ein wenige Tage altes Ereignis wird jedes Mal bedenkenlos und auf die gleiche Art und Weise wiedergegeben, so gilt es als unglaubwürdig, oder gar als erfunden. Je weniger Informationen wir haben, desto mehr Vorsicht ist angesagt. Aber bei nationalen Überlieferungen scheinen sich gerade dann alle Lücken in den Erzählungen zu schließen, wenn der zeitliche Abstand am größten ist. Und vielleicht konnten sich die Serben in den 90er Jahren deswegen zweifellos und exakt erinnern. Vor diesem Hintergrund sahen sie, dass die „Feinde“ von damals noch immer dort lebten und dass sie einen, nach wie vor, essenziell bedrohten. „Es ist der Augenblick gekommen, um Srebrenica nach 500 Jahren von den Türken zu befreien“, verkündete General Ratko Mladić in die Kamera eines Belgrader TV-Journalisten an dem Tag als die Stadt von serbischen Truppen eingenommen worden war. Auf diese fantasievolle Weise wurden wir zu „den Türken“, obwohl wir kein Türkisch sprachen, vielleicht nicht einmal einen Türken kannten und uns selbst gar nicht so empfanden.

Und man setzte auch dieses mal – wie so oft in der Geschichte – alles Verfügbare ein, um dem eigenen historischen Idealismus entsprechen zu können; um den Fehler der Geschichte zu begradigen, um gründlich aufzuräumen und detailliert zu säubern. Diese Art von kollektiver Hygiene ist das Schmutzigste, was die Welt gesehen hat. Der wahnsinnige Traum ein für allemal mit sich im Reinen und nur unter sich zu sein, wird und kann nie aufgehen, ohne sich damit für die Ewigkeit dreckig zu machen.

Srebrenica ist ein Substitut für Žepa, Foča, Višegrad, Prijedor, Trebinje, Ahmići, Sarajevo und noch viele andere Orte in Bosnien und Herzegowina. Aber Srebrenica reicht noch weiter und erinnert an Leid der Tschetschenen, Uiguren, Palästinenser und Rohingya. Es ist ein Symbol für die Sinnlosigkeit eines UN Einsatzes, für die Verlogenheit Europas. Slavoj Žižek fragte mal in etwa: »Was wäre passiert, hätten muslimische Extremisten in nur drei Tagen über 8000 Männer und männliche Kinder hingerichtet oder 3,5 Jahre lang Sarajevo eingekesselt und beschossen?«

Srebrenica ist auch daran Schuld, dass in Bosnien die nationalistischen Strömungen das Land definieren und das auch in Zukunft tun werden. Etwas, was das Land auf Dauer zerstören wird. Aus der Pflicht heraus, dieses grausame Ereignis nie zu vergessen, neigen viele Bosniaken dazu. die nationale Identität über alles andere zu stellen. Und sie merken dabei nicht, wie sie auf eine gewisse Art gar die Logik des Feindes übernommen haben und damit noch einmal mehr verlieren.

Ich fürchte die Kraft dieser Erinnerungen an Srebrenica. Vor allem fürchte ich sie auf lange Sicht und zugleich weiß ich, dass das Vergessen noch gefährlicher und dämlicher wäre.

Srebrenica ist leider zum Symbol, zum Fragenkatalog und zur Gedenkstätte für all das und noch viel mehr geworden, obwohl Srebrenica oder der 11. Juli als Ereignis alleine – ohne Politik, ohne Ideologie – mit dem, was es in sich trägt, endlos unerträglich ist. Tausende Frauen ohne männlichen Angehörigen, gut versteckte Knochen und freilaufende Mörder.

Srebrenica ist unfassbar unerträglich. Und deshalb zieht es das ganze Leid der Welt auf sich.

ES WAR SCHÖN MIT DIR, LIEBE KOLUMNE!

WorldUnd dann stand es fest. Ich würde fortan eine Kolumne in der taz führen. Panik brach in mir aus. Eine Kolumne in der taz, einer deutschen, bundesweit erscheinenden Tageszeitung – und die sollte ausgerechnet ich schreiben, eine junge Deutschtürkin, muslimisch und noch dazu mit Kopftuch. Ja, klar. „Schreib von dir, erzähl aus deinem Leben, deine Gedanken“, sagte der Ressortleiter. Ich hörte nur: „Schreib von der muslimischen Community, erzähl aus deren Leben, deren Gedanken.“

Wie eine kleine Pressesprecherin der Muslime in Deutschland fühlte ich mich. Jahrelang hatte ich mich über die mediale Darstellung der Muslime geärgert, jetzt hatte ich die Gelegenheit, es besser zu machen. Verkrampft schrieb ich den ersten Text und las ihn am Telefon einem befreundeten Imam vor. „Hm, ja, guter Text“, sagte er, ein bisschen überfordert, was ich denn nun genau von ihm wollte. Ich wusste es ja auch nicht. Eine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, dass das, was ich schrieb, wirklich korrekt war – vielleicht?

Es brauchte noch so einige Kolumnen, bis ich verstand: Ich muss in meinen Texten nicht die Stimme der Muslime repräsentieren, sondern höchstens von einer der vielen Stimmen erzählen. Mehr ist in 3.400 Zeichen auch nicht machbar.

Über drei Jahre schreibe ich nun schon die Tuch-Kolumne. Sie begleitete mich in den bislang prägendsten Lebensjahren. Ich zog mit ihr von Hamburg nach London zum Studieren, schüttete dem Mann meines Lebens Salz in den Kaffee und heiratete ihn, zog nach Berlin, dann Kairo, Istanbul und zuletzt nach Oxford. Ich lachte mit dem Spiegel-Autor Matthias Matussek im ICE und stritt mit Sarrazin im Radio, bis er schließlich sagte: „I want yu tu intekräyt.

In den Kolumnen schrieb ich Dinge, die ich zuvor nicht auszusprechen gewagt hatte: Darf man das überhaupt sagen? Ich entdeckte, dass wir über viel zu viel schweigen. Mal wurde ich fuchsteufelswild, mal lachte ich oder wurde sentimental. Ich feierte Baynachten, wurde auch öffentlich zur Feministin und verbrachte lange Abende mit Lebenskünstlern, beeindruckenden Frauen und Männern – und jenen dazwischen. Ich lauschte den Weisheiten der Älteren, der Stimme der Stillen. Ich verlor meine Wut. Denn die Kolumne öffnete mir den Blick für die Geschichten anderer. Minderheiten. Menschen, die sich anders fühlen, ausgeschlossen.

Mit dieser Kolumne bin auch ich gewachsen. Sie umfasste nie wirklich nur mein Leben, sondern auch das der Menschen, deren Leben ich streifte und beobachtete. So viele Themen und Leben, wie sie unter „Das Tuch“ eigentlich gar nicht mehr passen. Vielleicht bin ich in dieser Zeit nicht nur mit, sondern auch aus der Kolumne herausgewachsen.

Bis spät in die Nacht hinein blickte ich auf diesen Text und wusste nicht, wie man ihn schreibt. Was schreibt man in einer letzten Kolumne? Wie verabschiedet man sich?

Diese Woche werde ich ein Vierteljahrhundert alt. Das nächste Vierteljahrhundert werde ich ohne diese Kolumne antreten. Es ist, als würde man den besten unsichtbaren Freund loslassen. Ein bisschen ungern, aber auch wohl wissend, dass es weitergehen muss, für neue Abenteuer und neue Leben.

Es war schön mit dir, liebe Tuch-Kolumne. Es war schön mit euch, liebe Leserinnen und Leser. Danke, liebe taz! Danke für drei großartige Jahre!

Tschüß, ahoi & liebe Salams!

Die allerletzte Tuch-Kolumne erschien am 24.06.2013 in der Taz. Hach ja :)

Wie geht’s weiter?, haben viele gefragt. Einiges ist unsicher, anderes ist fast in trockenen Tüchern. Deshalb kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel dazu sagen, aber sehr bald hoffentlich hier mehr dazu! :)

 

 

VIER JAHRE & FÜNF TAGE

Marwa El Sherbini und ihr Mann Elwy Ali Okaz

Marwa El Sherbini mit ihrem Mann Elwy Ali Okaz auf ihrer Hochzeit. – Bild via dpa

Heute vor vier Jahren, in einem Gerichtssaal in Dresden, drehte sich die Ägypterin Marwa El-Sherbini zu dem Angeklagten Alex W. Mit einem freundlichen Lächeln sagte sie zu ihm, der Islam sei eine friedliche Religion. Sie verstehe seine Reaktionen nicht. (Spiegel, 27.10.2009) Wochen zuvor hatte er sie auf einem Spielplatz beschimpft, “Terroristin” und “Schlampe” hatte er sie genannt. Heute saßen sie im Gerichtssaal, um über den – eigentlich unscheinbaren – Vorfall auszusagen. “Haben Sie überhaupt ein Recht, in Deutschland zu sein?” wurde sie von Alex W. gefragt. Und er beanwortete die Frage gleich selbst: “Sie haben hier nichts zu suchen. (…) Wenn die NPD an die Macht kommt, ist damit Schluss!” Wenige Minuten nach diesen Worten wurde Marwa El Sherbini von Alex W. erstochen. 18 Messerstiche in 32 Sekunden. Ihr Mann Elwy Ali Okaz überlebte trotz der 16 Messerstiche. Ihr drei-jähriger Sohn wurde Zeuge des Entsetzens. (Was der Richter derweil tat und erlebte ist hier nachzulesen)

Und ganze fünf Tage lang schwieg sich die deutsche Medienlandschaft über den Fall aus. Nur auf Blogs und in Foren wurde heftig diskutiert. Warum berichtet niemand?, fragten wir uns. Ich fühlte Ohnmacht. Und Fassungslosigkeit. Wir waren Zeuge des ersten offensichtlich islamophoben Mordes in Deutschland geworden. Was bedeutet das für uns?, fragten wir uns Muslime. Was wäre eine angemessene Reaktion?

In dieser Zeit waren es Personen wie Stephan Kramer, die die richtigen Worte fanden: “Man muss kein Muslim sein, um sich gegen antimuslimisches Verhalten zu wenden, und man muss kein Jude sein, um gegen Antisemitismus vorzugehen”, sagte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden. Genau das war es, was in diesen Tagen nämlich gefehlt hatte: Das Einstehen für Andere, Zivilcourage.

Dann diskutierte die deutsche Öffentlichkeit erstmals in Feuilletons, wohin die Islamfeindlichkeit, der antimuslimische Rassismus uns geführt hat. Wo er stattfindet und die Verantwortung, die wir alle tragen. Beim Durchsehen alter Unterlagen und Blog-Artikel entdeckte ich jedoch die Aussage von Josef Winkler, dem migrationspolitischen Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. Er sagte der Taz (9. Juli 2009) “verkappt islamfeindliche Positionen” seien bis in höchste Regierungskreise verbreitet. In höchste Regierungskreise also. Wir haben in den vergangenen Monaten hin und wieder vorsichtig über Rassismus in der Polizei diskutiert, beim Verfassungsschutz und in bestimmten Ministerien. Aber wir haben nicht ganz nach oben hingeschaut, dorthin, wo der Ton angegeben wird.

Was denkt Angela Merkel über Muslime in Deutschland? Was denkt sie über Schwarze? Was denkt sie über Migranten? In der Regierung (genauso wie anderswo auch) sitzen Menschen mit Meinungen, Werten und Wertevorstellungen. Diese haben selbstverständlich auch einen großen Einfluss auf ihre politische Arbeit.

Als man mich vor Jahren fragte, wie für mich ein idealer Politiker aussähe, sagte ich deshalb unter anderem Folgendes: Ein idealer Politiker wählt auch sein privates Umfeld mit Bedacht. Er muss proaktiv den Kontakt zu Einzelpersonen aus Minderheiten und ihm “fremden” Gruppen suchen und zumindest versuchen ein freundschaftliches Verhältnis zu pflegen. Wie kann ein Politiker, der niemals selber Hartz IV bezogen hat, keine solche Person im eigenen Freundes- oder Familienkreis hat, nachvollziehen, wie es sich als Hartz IV-Empfänger lebt in Deutschland? Wie kann er glaubhaft die Interessen auch dieser Bürger vertreten? Auch sie sind Bürger dieses Landes. Wer gewählt wird, muss auch diese Bürger vertreten. Wer sich nur mit wohlhabenden Akademikerfreunden eines bestimmtes Schlages umgibt, kann nur schwer die Realtität anderer nachvollziehen. Aufmerksame Berater und mit Blitzlicht begleitete “Gespräche” mit Minderheiten sind nicht ausreichend. So eine Politik kann nur realitätsfern sein.

Deshalb spielen – auf dem Weg zu diesem Idealzustand – öffentliche, mediale Diskurse eine große Rolle. Sie können Probleme und Misstände, die bis dato übersehen und übergangen worden sind, an die Politik und in das öffentliche Bewusstsein tragen.

Marwa El Sherbinis Tod hat mich geprägt. Er war aufrüttelnd. Marwa El Sherbini ermutigte mich und andere, offener über Diskriminierung und Anfeindungen zu sprechen. Nicht aber um anzuklagen, sondern, um aufzuwecken und das Thema an die Tagesordnung zu bringen. Ich denke, das offene Sprechen hat viel Positives bewirkt, und ich hoffe, dass wir als Gesamtgesellschaft hellhöriger geworden sind – beizeiten zwar sensibel und verletzlich – aber insgesamt gestärkt. Dass kopftuchtragende Frauen sich nun viel selbstbewusster gegen Diskriminierung wehren und ihre Stimme erheben, empfinde ich als kleinen, aber wichtigen Erfolg.

Der 1. Juli wird für mich auf ewig ein Gedenktag bleiben. Eine Erinnerung daran, selbstbewusst, ruhig und mit Bedacht zu sprechen. Mit einem Lächeln im Gesicht, so wie sie es zuletzt getan hatte.

Marwa El Sherbini starb heute vor vier Jahren. Und mit ihr das drei Monate alte ungeborene Kind in ihrem Bauch. Möge Allah sie mit dem Himmel segnen.

إِنَّا لِلّهِ وَإِنَّـا إِلَيْهِ رَاجِعونَ

Nachtrag (1. Juli 2014)

Der Rat muslimischer Studierender & Akademiker (RAMSA) startet anlässlich des fünften Jahrestages der Ermordung der Dresdenerin Marwa el-Sherbini einen bundesweiten Aktionstag, um auf den wachsenden antimuslimischen Rassismus in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen und hat den Jahrestag des Verbrechens, den 1. Juli, zum „Tag gegen antimuslimischen Rassismus“ erklärt.

 

Nähere Infos finden Sie hier: http://www.tag-gegen-antimuslimischen-rassismus.de/

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