NICO, KAMINER UND SLUMDOG MILLIONAIRE


Nico ist derzeit pesoptimistisch – jedenfalls Krieg und Frieden betreffend. Also zynisch oder so.


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Das ist drei Mal ein bisschen Kaminer.

Yey, Kaminer bloggt! Wladimir Kaminer gehört zu den unterhaltsamsten lebenden Schriftstellern, die ich kenne. Seine Sätze sind schön, seine Geschichten auch. Ich habe ihn einmal interviewt – in einer Gruppe von acht (?) Personen und es war furchtbar ätzend. Ich war damals sehr unerfahren und ließ die anderen machen. So fragte einer furchtbar viele Fragen über den damals aktuellen Fall der ermordeten russischen Journalistin Anna Politkowskaja, ein anderer Uninteressantes über Russlands Energiepolitik, Blabla und so weiter und langweilig fort. Kaminer wirkte zunehmend genervt. Also versuchte ich ein paar triviale Fragen einzuschieben, doch die Vielfrager wollten auf dieser Schiene nicht fahren. Nach dem Interview verkündete Kaminer: Das Interview war langweilig und schlecht. Er hätte viel lieber darüber geredet, was er heute so gemacht hat, und vom Kaninchen seiner Tochter erzählt. Schade, das ich hätte auch gerne erfahren.


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Die Szene mit dem Plumpsklo ist so wunderbar naiv wie lustig. Zu sehen: Der kleine Jamal beim Geschäft. Copyright: imbd


Nochmal yey! Slumdog Millionaire hat abgeräumt. Einer meiner aktuellen Lieblingsfilme „Slumdog Millionaire“, die Verfilmung von Vikas Swarups „Q&A„, hat vier Golden Globes gewonnen: Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch und Beste Filmmusik. Absolut verdient! Als ich den Film sah, hieß es noch, er würde nie in die deutschen Kinos kommen, doch nun der Durchbruch. Am 19. März läuft Slumdog Millionaire endlich auch in Deutschland.

City of God but with more heart, soul and magnetic pull“

so kommentierte ein Rezensent diesen Film. Ein Film im Herzen von Indien, zwischen den Slums und der boomenden Stadt. Mehr Infos hier.


SIEBEN LEBEN MIT WILL SMITH II

Meine überschwängliche Reaktion auf Sieben Leben war – na ja – überschwänglich. Damit ihr, solltet ihr den Film kucken, nicht maßlos enttäuscht werdet, hier noch eine Filmkritik, die sehr viel kritischer ist. Und vielen Kritikpunkten kann ich nur zustimmen. Die waren mir, der Ach-ich-rezensier-mal-Rezensentin, gar nicht so bewusst. Aber Achtung: Die verlinkte Rezension enthält Spoiler.

Manchmal verderben einem verreißende Filmkritiken die Lust auf einen Film. Nein, sie tun es immer. Denn während man den Film kuckt, hat man Hemmungen ihn gut zu finden und sucht ständig nach Bestätigungen für die Kritik des Kritikers. Und anschließend geht man raus und findet den Film genauso wie es der Kritiker schrieb. Das ist schade. So kann man keine Filme genießen.

Meine Rezension? Hier.

SIEBEN LEBEN MIT WILL SMITH

Endlich! Der 20.12. ist vorbei, ich darf das Schweigen brechen und schreiben, wie toll der neue Film von Will Smith ist. Eigentlich fand ich Will bisher nur in Prince of Bel Air gut, doch jetzt hat er sich übertroffen. Ich hab mir die Augen ausgeheult – um 10Uhr morgens (!). So früh unglaublich gerührt sein ist hart.

Der Film heißt „Sieben Leben“ (Originaltitel: Seven Pounds) und handelt von Ben Thomas (Will Smith), einem Steuerbeamten, der mit sieben Unbekannten ein komisches Spiel spielt. Da ich vorher nichts über den Film gelesen hatte, wusste ich bis über die Hälfte des Filmes nicht, ob ich Ben nun hassen oder lieben soll: In einer der Anfangsszenen ruft er bei einem (Pizza?)Telefonservice an und telefoniert mit dem blinden Ezra (Woody Harrelson) – und schreit ihn zusammen, zieht ihn wegen seiner Blindheit, der Behinderung, des Schickals auf und provoziert ihn. Ezra bleibt ruhig, wünscht einen guten Tag und legt schließlich auf.

Nach dieser Szene weiß man nicht, was Bens Plan ist, was er mit diesen sieben Menschen anfangen will, wieso er seinen besten Freund erpresst, warum er vor seinem Bruder wegläuft oder was die Flashbacks von einem Auto-Unfall bedeuten. Erst zum Ende hin, erahnt der Zuschauer, was Ben vorhat – und von da an kullern die Tränchen.

Sieben Leben ist absolut sehenswert. Ein schöner und auch romantischer Film. Im Nachhinein erscheint einem die Figur Ben zu einseitig und vollkommen – doch für den Moment ist der Film erfüllend. Must-have-seen für Dramatiker und Optimisten.

Kinostart: 08.01.

Hier noch der Trailer:

ARABISCHE ROCKBAND: ACCOLADE

Oh, es gibt eine saudi-arabische Mädchen-Rockband. Sie heißt AccoLade (Anspielung auf ein Gemälde von Edmund Blair Leighton, auf dem eine Frau einen vor ihr knienden Mann zum Ritter schlägt) und haben ein MySpace-Account. Viel weiß man nicht über die Mädchen, nur: Sie sind 19 bis 21 Jahre alt, studieren und wollen vorerst unerkannt bleiben. Bin sehr gespannt! NYT schrieb schon was und die SZ auch. Auf ihrer MySpace-Seite erfahren sie viel Unterstützung („go ahead!“, „Music is the art that unites the Earth“), aber auch Skepsis und Überraschung („You’re Saudi girls…the country of islam …. does it soot on you people???“).

PRILFLECKEN oder: GEGEN DIE OPER

Gestern waren Birte und ich in Bremen auf der Premiere der ersten deutsch-türkischen Oper Gegen die Wand. (Ja genau, aufbauend auf Fatih Akins Preisel-Film)

Opern finde ich eigentlich furchtbar langweilig. Opern sind wie wenn Hornbrillenträger ehrfürchtig vor dem grünen Fleck im Kunstmuseum stehen, den der Hausmeister mit Pril verursacht hat. Keinem fällt auf, dass es sich bei Opern nur um eine bunte Sprachentstellung handelt. Opern sind Veranstaltungen, zu denen sich Menschen in Ballkleider zwängen und in Farbtöpfe springen.
(Einmal zwang man mich zu Carmen und ich stellte fest: Ich bin 30 Jahre zu jung. Daher: Habet Verständnis für mein tristes Opern-Banausen-Dasein.)

Ganz anders gestern Abend:
Ballkleider und Farbtopfspringer gab es zwar auch bei Gegen die Wand, doch davon mal abgesehen: Die Musik war hervorragend. Westliche und orientalische Klänge wurden gekonnt gemischt, viel Symbolik und noch viel mehr Farben – Deutsch, Türkisch, Traditionen und Kulturen.
Die Schauspieler waren gut, besonders der Hauptdarsteller Cihad hat mir gefallen. Wenn er auf Türkisch sang, dann blühte er richtig auf.

Schlecht war allerdings, dass die Oper nur dann verstanden werden konnte, wenn man vorher den Film gesehen und gut in Erinnerung hatte. Das liegt wohl daran, dass sich die Opern-Inszenierung zu sehr am Film orientiert.

Und ein Hürriyet-Reporter fragte mich, ob ich die Oper denn nicht zu freizügig fände. Ja, sie war mir als Muslimin zu freizügig, aber mein Urteil gründet nur auf die künstlerische und musikalische Leistung, antwortete ich ihm und erfüllte damit nicht wirklich seine ersehnte Antwort.

Ach ja, Akin war leider nicht auf der Premiere, dafür aber Murat Kurnaz. Der sah ganz schön anders aus als zuletzt. Im ARD-Nachtmagazin gibt es Kurnaz (gleich nach Birte und mir), Ausschnitte aus der Inszenierung und weitere Kommentare zu sehen.

Prilflecken gab es keine.

Mehr gibt es hier, hier und hier.

Bildcredit: dpa

NUR EIN DISNEY-FILM

Während des US-Präsidentschaftwahlkampf in diesem Jahr fühlten sich ich und die Welt wie in einem schlechten Horrorfilm. Immer vor unseren Augen, die neue internationale Bedrohung schlechthin: Sarah Palin, nunmehr Ex-Vizepräsidentschaftskandidaten aus Alaska neben Russland. Nun stellt sich heraus, wir waren nicht in einem schlechten Horrorfilm, nein, wir waren in einem noch viel schlechteren Disney-Film: Hockey Mum. Warum uns das nicht früher eingeleuchtet ist?


HOCKEY MUM

Mehr Videos gibt es auf funny videos and funny pictures at CollegeHumor.

Das liegt wohl an Palins sehr überzeugendem Schauspieltalent. Jedenfalls möchte ich wieder einmal mein Fan-Sein für die CollegeHumor-Redaktion bekunden. Zwischendurch produzieren sie die horizontalsten Witze, noch viel häufiger aber beeindrucken sie durch kluge Videos. Weil die US-Amerikaner in diesem Jahr politisch geworden sind, ist es natürlich auch die in New York ansässige Redaktion. So drehten sie das eben gesehene Video oder untersuchten, was – according to Republicans – geschieht, wenn Obama gewinnt, oder – according to Democrats – geschieht, wenn McCain gewinnt.

EMEL, DUSSELDORF, NYT UND FREMDGEHEN

Jetzt, wo der Hausarbeitenstress beendet ist, Dinge, die in meinem Kopf herumschwirrten:

EMEL 50th ISSUE
Das muslimische Lifestyle Magazin aus London hat nun ihre Golden-Edition herausgebracht, weil 50. Ausgabe. Und ich war dabei! Aber: Meine Lieblingskolumnistin hört auf. Weil: Thema der Kolumne war das aufregend chaotische Singledasein in orientalischer Kultur (also Heiratskandidaten, die plötzlich neben Mama und Papa auf der Wohnzimmercoach sitzen; arrangierte Dates von Mama und ihren Freundinnen; arrangierte Dates von den eigenen Freundinnen; muslimisches Speed-Dating (Ja, das gibt es!!)) Und da sie nun endlich Mr. Perfect gefunden hat, findet mit dem Singelsein auch die Kolumne ihr Ende.
In der Reportage „Celebrating Best of Britian“ werden random Muslime im Arbeitsalltag vorgestellt – vom British Airways-Piloten über die Polizistin bis hin zur Kopftuchtragenden Lehrerin.

Wo wir beim nächsten Thema wären: (Achtung Ironie)

In Düsseldorf sind Baskenmützen verboten. Jedenfalls dann, wenn man muslimische Lehrerin ist und die Baskenmütze als Surrogat für das Kopftuch verwendet. Deutschland ist nämlich ein Land, in dem Staat und Kirche strikt getrennt werden. Und weil wir konsequent sind, bleiben die Nonne und das Kreuz im Klassenzimmer, das Kopftuch und das ultimative Symbol der Unterdrückung, die Baskenmütze, müssen draußen bleiben.
Nachtrag: Hier schrieb man auch schon zu diesem Thema.

Ich hatte Collin Powell schon mal zitiert. Er sagte: „Is there something wrong with some seven-year-old Muslim-Amercian kid believing that he or she could be president?“
Und ich frage: Is there something wrong with some seven-year-old Muslim-German girl believing that she could be a teacher? Obviously yes in Dusseldorf.

Apropos Muslim-Americans:
Die New York Times schrieb diesen sehr interessanten Artikel und drückte damit aus, was ich fühlte, aber nicht aussprach.

Und sonst:
Ich habe überlegt umzuziehen. Nach WordPress. Weil ich auch so eine Tagwolke haben will. Nach ein bisschen Herumschnüffeln, ging ich fremd. Doch ich bereue, denn mein aktuelles Layout ist doch ganz schniecke. Nur mein Adresse finde ich zu lang. Was kann ich tun? Wer kann mir helfen?


APOCALYPSE NOW


Oh, ein wunderbarer Text auf Seite 50 des aktuellen (dreiundvierzigsten) Süddeutsche Zeitung Magazins.
Axel Hackes Kolumne auf der vor-vor-letzten Seite des SZ-Magazins lese ich so furchtbar gerne, dass ich all die anderen tollen Texte auf den 49 Seiten davor nur flüchtig lese um ganz schnell auf Seite 50, zur Kolumne, zu gelangen. Dieses Mal fiel es mir besonders leicht, denn das Titelthema „Das ÄBC der Berge – 26 Gründe, den nächsten Urlaub ein paar Höhenmeter weiter oben zu verbringen – von Ätna bis Zugspitze“ ist so gähnend langweilig – ich kann mich an kein anderes so uninteressantes Thema im SZ-Magazin erinnern, nicht einmal im Sommerloch – und so habe ich 34 Seiten in 10 Sekunden verschluckt/überflogen/erfolgreich ignoriert. Ja und dann war ich erst einmal enttäuscht als ich bemerkte: Wie sonst überall auch in der Zeitungs-/Magazinwelt ist wieder einmal das Thema die blöde Finanzkrise. Soll nicht heißen, man solle nicht davon berichten. Nur bitte nicht in meinen Lieblingskolumnen und Magazinen – dachte ich. Doch Herr Hacke schrieb und ich konnte nicht anders und musste mich kugeln vor Lachen.

Also bitte unbedingt lachen und die schönste Kolumne zu dem Thema Finanzkrise kesen. Apocalypse now. Hier.

Bildcredit: sz-magazin.sueddeutsche.de
Zu sehen ist Axel Hacke, der jeden Freitag auf der vor-vorletzten Seite des SZ-Magazins die Leserschaft mit Anekdötchen aus seinem Leben beglückt.

Nachtrag: Doch eigentlich ist es besser, man weiß nicht, wie ein Kolumnist in Wirklichkeit aussieht. Also zack, vergesst das Bild.

EIGENTLICH

Eigentlich wär ich viel lieber in London auf dem Global Peace and Unity Event an diesem Wochenende. Samstag bis Sonntag treten muslimische Comedians, Sänger, Bands, Redner auf, es werden verschiedene Awards verliehen und eine riesengroße Messe mit tausend Ständen rund um Kultur und muslim lifestyle darf besichtigt werden. Und natürlich sind da noch Workshops mit Themen wie „How to create democratic political change“, „Islam in Europe: What the future holds Media literacy“ oder „How to better understand how the media works“. Toll. Und ich bin nicht dabei. Sehr schön.

Neidisch surfen hier.