#15 ICH | 50

liebe leben

I haven’t had shared thoughts for a few weeks now due to travels & work. This week’s thought is about living love. I believe, you can’t live love without giving up your ego, your pride. Yes, a good relationship involves a lot of work. But it’s work mainly on yourself, on your ego. It is your struggle to become a better person.

One thought every Friday for a year #15 | 50

“ZEIT FÜR EINEN DISKURS – ÜBERALL”

Seit einigen Tagen diskutiert die muslimische Community auf sozialen Medien das Thema Heirat & Partnersuche. Dabei wurde mancherorts nach der Perspektive und Stimme der Männer gefragt. In den nächsten Wochen werden hier einige Männer in Q&As (oder anderen Formen) ihre Sicht teilen (die sich vielleicht in manchen Punkten wahrscheinlich nicht groß von denen der Frauen unterscheidet, in anderen aber umso mehr).

Den Anfang macht heute Ali Aslan Gümüşay (der übrigens mein Mann ist). In seinem Text beschreibt er, weshalb es wichtig ist, dass auch Männer sich in diesem Diskurs stärker einbringen und an der Lösung der Missstände arbeiten, von denen sie möglicherweise annehmen gar nicht betroffen zu sein. Danke Ali!

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ZEIT FÜR EINEN DISKURS – ÜBERALL

Warum Männer sich am Diskurs um Heirat und
Partnersuche stärker beteiligen sollten. 
- von Ali Aslan Gümüşay

Die Partnerwahl ist die wohl wichtigste Entscheidung im Leben eines Menschen. Allerdings gibt es kaum praktische Hilfsmittel, die einem diese komplexe Entscheidung erleichtern könnten. Keine Ehegattenrankings à la Arbeitgeberrankings, noch eine Metrik, die das Messen und Bewerten überhaupt ermöglichen. Die Ehe ist ein Bündnis für zwei Leben. Ein gewisses Wagnis gehört dazu.

Der Mann

Kübra hat über den muslimisch-akademischen Heiratsmarkt geschrieben. Auf verschiedenen Social-Media-Kanälen wurde daraufhin die fehlende männliche Sicht beklagt. Eine männliche Sicht soll also her. Dieser Text soll allerdings keine Verteidigung oder Interessenvertretung im Sinne von „Männer aller Länder vereinigt euch“ sein.

Eher ist es ein Ausruf und Zuruf an Männer, in einem Diskurs mitzuwirken, der uns nicht nur auch betrifft – gar zu 50% würde ich meinen – sondern dessen Ausübung als solche schon positive Veränderung bewirken vermag. Wir brauchen diesen Diskurs und beginnen also nicht mit: Tue Gutes und sprich darüber; sondern mit: sprich darüber, damit Gutes getan wird. Continue reading

DER MUSLIMISCH-AKADEMISCHE HEIRATSMARKT (TEIL 2)

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(Dieser Text baut auf den Artikel Der neue muslimische Mann + die Frau und die Gesellschaft auf. Es empfiehlt sich ihn vorher zu lesen. Darin wird erklärt, warum dieser Text sich nur mit Mann-Frau-Beziehungen innerhalb der muslimisch-akademischen Szene beschäftigt.)

Wichtiger Disclaimer:

Bevor ich den Text beginne, möchte ich eine Tatsache nicht unerwähnt lassen: Heiraten, einen Partner finden, ist in keiner Weise alleiniges Lebensziel und/oder definierender Lebensinhalt einer muslimischen Frau. Muslimische Frauen, die (noch) nicht geheiratet haben (an Gründen mangelt es nicht) oder nicht heiraten wollen(!), dürfen und sollten nicht darauf reduziert werden. Schon gar nicht sollte man sich das Recht herausnehmen solche, mit denen man nur flüchtig bekannt ist, immer wieder mit Fragen durchlörchern und mit achso gut gemeinten Ratschlägen belehren zu dürfen.

 Bei einer entsprechend stabilen Beziehungs- und Vertrauensbasis kann man sich eventuell näher über Beweggründe unterhalten, aber selbst das hat seine Grenzen.

Manchmal liegt es nicht in der Hand eines Menschen, einen geeigneten Partner zu finden. In dem Fall ist es ein Affront, einen Menschen immer wieder darauf anzusprechen oder gar zu bemitleiden. 



Manchmal entschließt sich ein Mensch bewusst dazu, nicht (mehr) heiraten zu wollen. Diese Entscheidung muss man respektieren. Und auch hier ist es ein Affront, einen Menschen immer wieder darauf anzusprechen oder gar zu bemitleiden.



Aber du möchtest doch nur helfen? Auch in bester Absicht kann man Menschen verletzen. “Herşeyin bir yolu yordamı var”, sagt man im Türkischen. Es gibt für alles eine Art und einen Weg – auch für das Helfen.

Zuletzt ein Zitat der Leserin Müzeyyen Bek hierzu:

“Ich habe schon gar keine Lust mehr auf Hochzeiten zu gehen, genau aus diesem Grund! Ich finde es auch einfach nur unverschämt und vor allem unsensibel diese Haltung: Eine Frau ist nur dann vollwertig, wenn sie geheiratet hat. Wenn nicht, dann stimmt was nicht mit ihr. Das wird selbstverständlich nicht so geäußert, aber häufig ist es eine Botschaft, die mitschwingt.”

Der muslimisch-akademische Heiratsmarkt – Teil 2

Ich muss eingestehen: Ich bin an das Thema muslimisch-akademischer Heiratsmarkt zwar sehr kritisch, an die Lösungen aber anscheinend zu idealistisch herangegangen. Es muss doch eine systematische, größere Lösung geben für die vielen muslimischen Single-AkademikerInnen, die man innerhalb eines Projektes angehen kann, dachte ich mir. Ich war damit nicht die einzige: Mit ein paar FreundInnen zusammen bauten wir ein System auf, bei dem wir ausgewählte Singles interviewten, in eine interne Datenbank einpflegten und dann, ganz klassisch, Verkuppeln wollten. Aber (jeder von uns ist da unterschiedlicher Meinung, warum es nicht klappt/wie es besser klappen könnte) ich finde man kann zwei Menschen, von denen man mindestens eine nicht persönlich oder näher kennt, schlecht verkuppeln. Vor allem dann nicht, wenn man kein Gefühl dafür hat wie sie sind, was sie ausstrahlen und eventuell sogar wie sie fühlen. Hinzu kommt, dass es ein großer Zeit- und Organisationsaufwand ist, bei der Arbeitsteilung und Management nicht so einfach zu strukturieren sind.

Wenn ich privat verkupple, dann klappt es meistens viel besser. Ich kann nicht recht in Worte fassen, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Ich agiere hauptsächlich auf Gefühlsbasis und es funktioniert so relativ zufriedenstellend. Aber eine gut funktionierende größere Lösung, mit der man mehr Menschen erreichen kann, aber dennoch den einzelnen Menschen gerecht wird und zudem effektiv ist, habe ich bislang noch nicht entdeckt.

Das hat mich am Traum der größeren Lösung zweifeln lassen. Für mich gibt es bisher deshalb derzeit folgende (individuelle/lokale) Lösungen, von denen ich weiß, dass sie funktionieren (können): Continue reading

DIE DIGITALE TÜRKISCHE FAMILIE – WHAT’S UP?

Lampenreflektion auf dem iPhone

Mit meinen beiden kleinen Fingern versuche ich hastig, mein Handy zu bedienen. Der Rest meiner Hand ist schmutzig und fettig. Ich stehe in der Küche und verzweifle gerade mal wieder an einem türkischen Teiggericht. Über Skype rufe ich meine Oma in Deutschland an. „Oma, ich kriege die Börek nicht hin!“ Eigentlich kann ich ja backen, aber die Hefe! Die Hefe will nicht, wie ich will. In England gibt es eben nicht so tolle Feuchthefe wie in Deutschland, rede ich mir ein. Und frage verzweifelt: „Ich kann das doch, ne, Oma?“

Sie beruhigt mich und diktiert mir schnell ein Börek-Rezept ohne Hefe. „Was ist los?“, fragt mein Opa besorgt im Hintergrund. Das Übliche, will ich antworten. Ich rufe in der nächsten Stunde noch vier Mal an, dann sind die Börek endlich fertig.
“Und?“, fragt mich meine Tante wenige Minuten später über WhatsApp, dieses kostenlose Kurznachrichten/Chatding, über das neuerdings jeder mit einem Smartphone kommuniziert. „Haben die Börek geklappt?“ „Woher weißt du das?“, frage ich. Meine Oma hat mit meiner Mutter telefoniert und die hat gerade eben mit meiner Tante gesprochen. „Geht so“, schreibe ich meiner Tante und schicke ihr Bilder von den versalzenen Börek.

DER NEUE MUSLIMISCHE MANN + DIE FRAU UND DIE GESELLSCHAFT


Schockiert schaute ich Marie an. Meine französische Freundin meinte es ernst: „Ich will am liebsten in einer polygamen Ehe leben.“

In einer Rastafari-Gemeinschaft hatte sie sich in den verheirateten Leiter verliebt und er sich in sie. Seine Frau, die Wochen später dazukam und die Marie als „unheimlich stark und mütterlich“ bewunderte, bekam mit, was los war, und verbannte Marie.

Seitdem lebt sie mit diesem Traum: „Ein starker Denker mit seiner starken Erstfrau und ich. Er wird mein Mann, sie eine Schwester. Mit meinen Kindern werde ich manchmal mit ihnen leben, meist aber unabhängig durch die Welt ziehen.“

Die nächsten Tage versuchte ich, ihr diese Idee auszureden: „Wie willst du so ein Paar finden? Und wie soll das je harmonisch funktionieren?“

Eine Dokumentation hatte kurz vorher gezeigt, wie stark Erstfrauen in polygamen Ehen unter der Existenz der Zweitfrauen psychologisch leiden – unabhängig davon, wie etabliert diese Lebensweise in ihrer Kultur ist. „Auch im Islam“, erzählte ich, „darf man eine polygame Ehe nur dann eingehen, wenn der Mann unter anderem garantieren kann, dass er alle Frauen gleich behandeln werde. Und welcher Mensch kann das schon?“ Doch Marie blieb dabei.

Dann las ich kürzlich, dass erfolgreiche, studierte und karrierebewusste muslimische Frauen in England freiwillig polygame Ehen eingehen – weil es ihnen an muslimischen Männern fehle, die mit ihrem Erfolg mithalten oder umgehen könnten.

„Die Nachfrage nach polygamen Ehen geht vor allem von Frauen aus, nicht von Männern“, sagt Mizan Raja, Organisator von muslimischen Partnervermittlungsveranstaltungen in der ganzen Welt.

Überrascht las ich zu Hause in Oxford diese Nachricht. Ausgerechnet emanzipierte Musliminnen suchen sich diesen Lebensentwurf aus? Leider ist das gar nicht so überraschend, wie es klingt. Seit einigen Monaten führe ich zusammen mit einer Berliner Freundin nebenher eine private muslimische Single-Datenbank. Mission: Verkupplung. Allerdings: Auf 14 Frauen kommen durchschnittlich 3 Männer.

Nicht, dass es nicht genug muslimische Männer gäbe. Das Problem ist vielmehr die gewünschte Mischung aus Erfolg, Identität und Religiosität.

Eine Single-Freundin beschrieb mir ihre Lage: „Muslimische Männer gehen immer ins Extreme. Entweder spielen sie den superstrengen Heiligen oder schmeißen ihren Glauben beim Verlassen der Haustür in die Tonne. Entweder sind sie studiert, erfolgreich, aber dafür hyperassimiliert und wollen um keinen Preis als ausländisch oder gar muslimisch erkannt werden; oder sie lassen die Uni links liegen und lassen stattdessen überall den Muslim oder den Ausländer raushängen. Kann es denn so schwer sein, sich in der goldenen Mitte zu bewegen?“

Vielleicht nicht, aber es fehlt an Vorbildern. Jedenfalls an männlichen. Denn viele muslimische Frauen – mit und ohne Kopftuch – schaffen es, Erfolg, Religiosität, Tradition und das Leben in einem westlichen Wertesystem miteinander zu vereinbaren. Könnte ja auch ein Vorbild für Männer sein.

Taz, Tuch-Kolumne, 28.03.2012

EIN LANGER NACHTRAG:

DER NEUE MUSLIMISCHE MANN, DIE FRAU UND DIE GESELLSCHAFT

Tja, diese Frauen haben halt zu hohe Erwartungen und wollen schließlich Karriere statt Kinder – schrieb mir jemand sinngemäß.

Das ist ein hartnäckiges, zerstörerisches Gerücht. Viele dieser erfolgreichen Single-Frauen würden nur zu gerne eine Familie gründen. Eine solche karrierebewusste Freundin sagte gar, dass sie die Suche nach einem Mann ganz aufgeben und stattdessen ein Kind adoptieren oder zur Samenbank gehen wollen würde, um ihrem Kinderwunsch endlich nachzugehen. In dem Zusammenhang ist es unverantwortlich, dass manche trotzdem an dem Gerücht der vermeintlich Kinder-hassenden Karrierefrauen halten wollen.

Das ist mitunter auch der Grund, weshalb einige – wie in der Kolumne erwähnt – in England nun polygame Ehe-Gemeinschaften eingehen. Zudem liegt es an uns – der Gesellschaft – es möglich zu machen, Karriere und Familie harmonisch miteinander vereinbaren zu können (durch ausreichend Kindergartenplätze, Teilzeit-Arbeitsplätze etc). Arbeit muss die Frau (oder eigentlich auch: den Mann) nicht aus dem Haus verbannen, das Haus nicht aus der Arbeitswelt.

WO SIND DIE MÄNNER?

(Notiz: In den folgenden Beobachtungen beschränke ich mich auf praktizierende Muslime und konzentriere mich im Speziellen auf die Probleme von religiösen und erfolgreichen muslimischen Frauen. Die Wahl eines nicht-muslimischen Partners wird hier ausgeklammert.
Viele der Probleme, die ich hier nenne, entsprechen in Teilen eins zu eins den Problemen nicht-muslimischer Karrierefrauen. Probleme sind also nicht zwangsläufig spezifisch auf die muslimische Gemeinschaft zurückzuführen.
Zudem werde ich problematische Erklärungen wie „nach oben“ oder „unten heiraten“ verwenden. Das ist keinesfalls wertend gemeint. Über bessere und weniger wertende Bezeichnungen wäre ich dankbar.)

Während Männer mit Leichtigkeit Frauen wählen können, die weniger gebildet, weniger erfolgreich und weniger selbstständig sind, bleibt Frauen diese Wahl oftmals versperrt.

Eine erfolgreiche Zahnmedizin-Studentin erzählte, wie sie nach Jahren ihre Beziehung zu ihrem Freund, Nicht-Akademiker, aufgeben musste. Ihr war es egal, wie erfolgreich ihr Freund war, sie liebte ihn für seine Art, seinen Charakter. Auch er gab vor, dass es ihm egal sei. In kleinen Streitereien kam das Thema allerdings immer wieder hoch, bis irgendwann klar war, dass er mit ihrem Erfolg nicht zurechtkam. Sie mussten sich trennen.

Genauso gibt es natürlich wiederum Frauen, die einen erfolgreicheren Partner zur Bedingung für das Beziehungsglück machen. Insgesamt bleibt damit aber Frauen die Option jemand weniger erfolgreicheren zu heiraten versperrt.

Bei der Partnersuche können Männer außerdem auch auf ihre „Heimatländer“ ausweichen: „Importbräute“, wie einige abfällig sagen, gibt es mittlerweile immer seltener, aber es gibt sie.

Selten sind es aber Frauen, die einen Partner aus der „Heimat“ wählen, denn die starke Abhängigkeit von der Frau macht den Männern zu schaffen. Nachdem sie in der Heimat erfolgreich und selbstbewusst ihren Berufen nachgehen konnten, sind sie zu Anfang in Deutschland bei jedem Behördengang, jedem Arztbesuch auf die Frau angewiesen. Meist enden diese Beziehungen mit der Auswanderung in die „Heimat“ oder einer Trennung. Deshalb kommt der „Importpartner“ für viele Frauen erst gar nicht in Frage. Für Männer hingegen schon.

Damit haben wir eine Schicht von erfolgreichen, studierten, religiösen, familienbewussten Frauen, die nicht nach „unten“ hin heiraten können. Auf ihrem Niveau oder nach „oben“ hin gibt es wiederum nicht genügend Männer, die ihresgleichen heiraten.

„Wen sollen die Kopftuchtragenden Frauen heiraten?“, fragte mal ein türkischer Kolumnist, als immer mehr Söhne reicher religiöser Familien es vorzogen, Frauen zu heiraten, die „vorzeigbar“ und „gesellschaftsfähig“ seien, also kein Kopftuch trugen. Kopftuchtragende Frauen der Elite blieben damit immer häufiger Single. Eine heiße Debatte kochte auf.

Eine ähnliche Frage lässt sich auch in Bezug auf deutsch-muslimische Karrierefrauen (mit und ohne Kopftuch) stellen.

Was muss sich also ändern?

1. Wir brauchen mehr Verantwortungsbewusstsein auf Seiten der Männer. Eine emanzipierte Frau mag nicht dem alt-klassischen Bild der idealen Ehefrau entsprechen, aber die wichtigste Frage bei der Partnerwahl sollte ohnehin nicht sein, was die Norm wünscht, sondern welches persönliche Ideal man hat. Die Frage nach dem idealen Partner muss jeder für sich neu beantworten, Erwartungen selber bestimmen. Dazu später mehr im Verlauf des Textes.

2. Wir brauchen mehr erfolgreiche, religiöse Männer der „goldenen Mitte“ im Allgemeinen. In der Kolumne sprach ich dieses Phänomen an und halte die Diskussion dieser Problematik für gerechtfertigt und wichtig.

Selbstverständlich kann es sein, dass meine Beobachtung unvollständig ist und dass es sehr wohl sehr viele erfolgreiche muslimische Single-Männer gibt, die erfolgreiche muslimische Frauen heiraten wollen. Sollte dem so sein, dann bitte ich diese mir bislang unbekannte Gruppe sich bei mir zu melden oder woanders ans Tageslicht zu treten. Sie werden dringlichst gesucht.

Sollte ich mit meiner Beobachtung allerdings zu Teilen richtig liegen, stellt sich die Frage, warum es so wenige erfolgreiche Männer der „goldenen Mitte“ gibt. Ich habe keine abschließende Begründung zu bieten, sondern eher eine vage Vermutung: Ich denke, dass es am Kopftuch liegen könnte.

Die Entwicklung einer selbstbewussten muslimischen Identität in einer nicht-muslimischen Umgebung ist eine vollkommen andere Herausforderung für Männer als für Kopftuchtragende Frauen, die immer und überall als Muslime identifiziert werden können und damit insgesamt eher dazu neigen, sich tiefer mit ihrer Religion zu beschäftigen, und gleichzeitig nach Wegen suchen, sich in einer nicht-muslimischen Umgebung zu etablieren. Der Mann hingegen hat den Luxus in der Masse untertauchen zu können und wird nicht in dem gleichen Maße zur Reflektion gezwungen wie die Frau.

Im Sinne der religiösen und spirituellen Identität könnte dieser Luxus des muslimischen Mannes ein Nachteil und das Kopftuch ein Vorteil der Frauen sein. Beispiel: Die Hürde mit dem Kopftuch Alkohol zu trinken ist größer, da mit dem Kopftuch auch für das nicht-muslimische Umfeld Erwartungen verbunden sind. So müsste eine Kopftuchtragende Frau nicht nur sich selbst und die eigenen religiösen Pflichten und Regeln überwinden, um zu trinken, sondern auch die Reaktionen des Umfelds. Die Konsequenzen sind also andere.

Das Kopftuch könnte die Entwicklung einer selbstbewussten muslimischen Identität bei Frauen beschleunigt haben. So könnte es sich bei Männern auch nur um eine Verzögerung der Entwicklung dieser Identität handeln.

Darüber hinaus gibt es in Bezug auf Heirat viele weitere Probleme innerhalb der Gemeinschaften. Im Folgenden werde ich zuspitzend schreiben, ungenau und keinesfalls allumfassend. Diese realen Horrorszenarien beschreibe ich, um den Blick für weitere Probleme zu schärfen. Jede/r Leser/in kann für sich entscheiden, inwieweit diese seinen/ihren eigenen Erfahrungen und Beobachtungen entsprechen oder nicht. „Herkes kendine bir pay bicsin“, sagen wir im Türkischen. Nehme sich jeder seinen Anteil an den nachfolgenden Beschreibungen:

ERWARTUNGEN KILL US ALL.

Viele der Erwartungen an die Ehe sind gesellschaftlich normiert, deshalb häufig nicht nur zu hoch, sondern auch einfach nicht richtig, ungesund und schädlich.

Die Frau wünscht sich eine pompöse Hochzeit, die das Paar gleich zu Anfang der Ehe in den finanziellen Ruin treibt, perfekt eingerichtete Wohnungen und etliche Geschenke. Überzogene materielle Wünsche im Allgemeinen sind für viele heiratswillige Männer eine große Hürde überhaupt zu heiraten. Viele befinden sich häufig noch im Studium und können eine solche Sicherheit noch gar nicht bieten. Sie arbeiten deshalb nebenher, um den Erwartungen gerecht werden zu können – das Studium bleibt dabei auf der Strecke. Hier gehen viele potentielle Akademiker verloren.

Der Mann soll bitte der starke Ernährer sein, er soll immer und überall Sicherheit und Schutz bieten. Keine Schwäche oder Unwissenheit zeigen. Der niedliche Prince Charming mit der Intelligenz von Einstein, dem Geld von Rupert Murdoch und dem Mut von Vin Diesel, sozusagen.

Leider höre ich bei vielen jungen Frauen immer wieder raus, dass sie umworben werden wollen. „Er soll ein bisschen zappeln“, sagen sie. Sie wollen den ersten Antrag ablehnen, den zweiten auch und bei dem dritten? „Dann vielleicht.“ Und wie kommen diese Frauen bitte auf die Idee, dass es einem Mann so einfach fallen würde, einen Antrag zu stellen und trotz Abweisung immer wieder nachzufragen? Tja, das liegt daran, dass früher die Familien für die Partnersuche verantwortlich waren und für ihren Sohn die Familie des Mädchens anfragten. Gleich beim ersten Mal ihre Tochter „wegzugeben“, das galt in vielen Kreisen als unehrenhaft. Aber wie gesagt, das war früher. Heute kann man diese Erwartung getrost ablegen.

Auf Seiten der Männer hingegen bestehen weniger materielle, denn soziale Erwartungen an die Frau: Das gemeinsame Zuhause darf Hotel Mama in nichts nachstehen, sie wollen umpflegt und bemuttert werden wie zuvor auch. Die Familie soll das neue Zentrum im Leben der Frau werden. Studium, Arbeit, soziales Engagement leiden sehr unter diesem neuen Druck. Selbstverständlich muss die Frau darüber hinaus gängigen Schönheitsidealen entsprechen. Intellektuell darf sie nur so weit herausfordern, wie es nicht am Ego des Mannes kratzt. Es gibt Ärztinnen, die des Mannes wegen ihren Beruf niemals ausüben.

Eine Freundin, Akademikerin, beschrieb mir das Ende eines Kennenlern-Gesprächs mit einem Akademiker wie folgt:

Er sagte zu mir am Ende: “Ich brauche ein Vierzigstel von dem, was du hast und bietest – an Intelligenz, Schönheit, Sprachvermögen, Poesie und Erfolg.” Mir blieb die Spucke weg! Er ist selber angehender Akademiker; weniger intelligent war er auch nicht. Aber wir standen so ziemlich auf der selben Stufe des Treppchens.

Frauen und Männer zugleich sind geprägt von Bildern und Vorstellungen, die uns die Gesellschaft diktiert. Angefangen von achso-unschuldigen Disney-Filmen über Musik, Fernsehen, Bücher, Familie, Freunde, die Neider bis zum eigenen Neid. Die gesamte Außenwelt.

Und ich wünschte, ich würde diese Beispiele nicht kennen. Aber ich kenne sie, denn es gibt sie. Fälle, in denen die unterschiedliche Erwartungshaltung zu der Trennung von Paaren führt, die sich eigentlich gefunden und geliebt hatten. Unsterblich. Bis die Erwartungen uns scheiden.

Expectations kill love.
DAS RECHT DARAUF, NICHTS ZU HABEN

Doch deshalb in vorauseilendem Gehorsam zu reagieren und zu resignieren wäre falsch. Eine gemeinsame Zukunft muss nicht den Erwartungen der Außenwelt entsprechen, sondern den Bedürfnissen und Zielen des Paares selbst. Doch selbst unsere Bedürfnisse und Ziele sind nicht „unsere“. Auch die müssen wir selber definieren. Das fängt mit einem Eingeständnis an: Wir sind Produkte unserer Außenwelt.

In einem Text über ideale Beziehungen schrieb ich folgendes:

„Es gibt keine idealen Beziehungen, denn es gibt keine idealen Menschen. Doch es gibt Ideale, die uns unsere Gesellschaft aufträgt. Sie lassen uns in Erwartungen verirren und blind werden für den geliebten Menschen, der in seiner wunderbaren Unvollkommenheit vor uns steht. Wir konditionieren unser Glück. Doch das Glück kennt keine Konditionen.

Und trotzdem darf sich eine Beziehung niemals auf Unvollkommenheiten ausruhen und statisch werden. Eine Beziehung muss sich wandeln dürfen, zusammen mit den beiden Menschen, die sich um ein besseres Ich bemühen – um gemeinsam ein besseres Wir zu werden.

Glück ist ein Balanceakt zwischen Zufriedenheit im Jetzt und Streben für die Zukunft.“

Und wenn dann das nächste Mal Nachbarchtantchen Zuhause antanzen und beim Anblick des Wohnzimmers der Frischverheirateten bemitleidend ausrufen: „Ach mein Kind, euch fehlt ja dies und jenes!“, dann erinnert sie daran, wie stolz sie sonst immer davon erzählen, dass sie früher gar nichts hatten.

Denn auch wir, wir jungen Leute, haben das Recht darauf, gar nichts zu haben. Das Recht darauf keine starken Ernährer, keine selbstsicheren Menschen, keine Supermodels und keine perfekten Hausfrauen zu sein.

Wir haben das Recht auf Fehlerhaftigkeit. Das sagt nichts darüber aus, wo wir in zehn, zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren sein werden. Das gibt uns aber das Recht, auch mit vermeintlichen Mängeln, Fehlern und Unvollständigkeiten glücklich zu sein.

Geben wir dieses Recht auch den Menschen um uns herum.


An all jene, die meinen zu wissen, wie ich geheiratet hätte: Lest die diesjährige Wedding-Ausgabe “Der Westen”. Ab Montag, 02.04.2012 Berlin- und deutschlandweit im Zeitschriftenhandel. Alle anderen: Genießet das Magazin!

Teil 2 dieser Reihe findet ihr hier: Der muslimisch-akademische Heiratsmarkt
Eine männliche Sicht auf diese Thematik findet ihr hier: “Zeit für einen Diskurs – überall”

 

MODE. WENIGER IST MEHR, QUALITÄT STATT QUANTITÄT UND ANDERE FLOSKELN, DIE EINFACH MAL STIMMEN.

avatars myspace at Gickr.com

Eigentlich wollte ich schon vor Ewigkeiten einen Modeblog starten. So einen ethisch-politischen Modeblog, der sich kritisch und beizeiten humorvoll mit der Modeszene auseinander setzt, Ästhetik und Kunst diskutiert – gleichzeitig aber auch einfach schön anzusehen ist. Außerdem wollte ich muslimische Mode vorstellen, Frauenbilder dekonstruieren und schreiben, dass Mode nur ein Medium ist – so wie Internet oder Messer. Gut eingesetzt nützlich oder selbstverwirklichend, schlecht eingesetzt zerstörerisch.

Nun gehe ich zudem selten Klamotteneinkaufen. Einerseits deshalb, weil mir die (medial unterstützte) Vorstellung des in Einkaufszentren und vor Schaufenstern massiv Zeit verschwendenden Menschen missfällt, und andererseits, weil ich meistens ohnehin in dem Grossteil der Läden sofort wieder den Laden verlassen und das Weite suchen muss.

Das liegt an dem eigentlichen Grund dieses Blogeintrags.

Mir ist Qualität wichtig. Nicht die Marke, der Preis oder das Label. Sondern die Stoffqualität und –mischung. Wenn ich mir ein Abendkleid kaufen will, dann kann ich vielleicht schnell fündig werden und ein wunderschönes Seidenkleid entdecken – bis ich dann enttäuscht feststellen muss: Der Futter ist aus Polyester/Acryl/…. Außen hui, Innen pfui: Aber es geht doch gerade um das Innere.

In synthetischen Stoffen wie Polyester, Acryl und Co fühle ich mich wie in einer teuren Plastiktüte. Das Gefühl hatte ich insbesondere im letzten Jahr bei der Suche nach einem Hochzeitskleid. Sehr viel Tütü, Tata, hier aufgepolstert, da aufgebauscht und Glitzerblitzersteinchen überall. Man schaute mich entgeistert an, als ich nach schlichten Brautkleidern fragte. „Du heiratest doch nur einmal!“, empörte man sich. Leider musste ich feststellen, dass es bei vielen Hochzeiten weniger um das Zelebrieren der Liebe und das Zusammenkommen mit den geliebten Menschen geht, als um das Präsentieren und Schaustellen (Protzen ist ein hartes, aber wahres Wort). So kam es, dass meist alle Kleider reich geschmückt, aber aus synthetischen Stoffen bestanden. Ich will aber Stoffe nicht tragen. Ich will Kleidung nicht tragen. Ich will, dass Kleidung und Stoffe ihre Aufgabe tun: Mich umhüllen und kleiden. Oder mir zumindest nicht schaden.

Denn dass synthetische Stoffe Hautkrankheiten erzeugen, sollte kein Geheimnis mehr sein. Hinzu kommt aber der stechende Geruch, den sie erzeugen, weil sie den menschlichen Schweiß nicht aufsaugen, sondern gerade zu anfeuern (da häufig nur schlecht luftdurchlässig).

So will ich lieber wenige, aber hochwertige Kleidungsstücke haben statt viele, aber schlechte, die ich nach zwei Mal waschen ohnehin nicht mehr anziehen kann oder mich krank machen. Ich weiß, das sagen alle Mütter. Aber sie haben da eben auch Recht.
Das Problem ist nämlich, dass Produkte durch synthetische Stoffe täuschend echt wie teure Designerkleidung aus Hochglanzmagazinen aussehen können. Und wir leben nun mal in einer Konsumgesellschaft, die darauf abzielt, reich zu sein oder zumindest reich auszusehen und Reiche zu imitieren. Alles zu haben, mehr zu haben und noch dazu als erstes. Kleidung ist Status. Kleider machen Leute, wir erinnern uns an den Hauptmann von Köpenick.

Warum aber soll gesunde Kleidung nur Reichen vorbehalten sein? Warum zwingt unsere Gesellschaft Menschen, die sich diesen Lebensstil nicht leisten können, dazu nach krankmachender Imitation zu greifen? Warum sind die Leidtragenden unseres Konsumwahns wieder jene, die sich dagegen nicht wehren können (in einem intellektuellen und wirtschaftlichen Sinne)?

Deshalb gehe ich so ungern Einkaufen. Nur ungern mag ich das ansehen.

Mir behagt auch nicht der Gedanke, Kleidung zu tragen, weil irgendwelche Menschen das für modisch erklärt haben oder mir damit ein bestimmter Status zugesprochen wird. Ich kleide mich gerne so wie ich will. Darüber hinaus ist Kleidung für mich Kunst. Punkt. Selbstverständlich bin ich in meinem ästhetischen Bewusstsein von eben jenen Faktoren beeinflusst, die ich hier problematisierte. Das weiß ich. Genauso wie wir auch sonst in unserem Leben und Denken von veralteten Denkmustern, Konventionen und konstruierten Bedürfnissen gelenkt und beeinflusst werden. Das ist ein ewiger Kampf im eigenen Kopf und Herzen.

Übrigens: In den drei Monaten, die mein Mann und ich in Kairo lebten, hat mich eine Sache besonders glücklich gemacht: Dass wir nur wenig hatten. Wir hatten zwei Töpfe, eine Pfanne, zwei flache Teller, zwei tiefe und zwei kleine. Drei Gläser und ein bisschen (Koch-)Besteck. Das war’s in der Küche. Und ich war glücklich, ich brauchte nicht mehr. Das war eine der wenigen Male in meinem Leben, wo Eigentum mein Eigentum war und ich nicht das Eigentum des Eigentums.

VIDEOWOERTER #1 VOR BANANENKARTONS


Es stauten sich in letzter Zeit viele, viele Gründe an, um endlich einen Videoblogbeitrag zu machen: Nicht nur die Grimme Online Award Nominierung vor einigen Tagen, sondern auch der 3. Bloggeburtstag, der noch nicht gebührend gefeiert wurde. Zusammen mit Vinzenz, der auch meine Hochzeit gefilmt hatte, schritten wir also zur Tat:

Tada! Wir präsentieren euch hiermit die ersten Videowoerter. Dieses Mal aus Berlin, wo ich noch eine Woche wohnen werde bevor es für drei Monate nach Kairo geht. Das nächste Mal melde ich mich aus Kairo, dann aber mit schlechter Qualität und furchtbarem Schnitt, weil ich nicht den talentierten Vinzenz zur Seite haben werde. Oder aber ich finde einen ägyptischen Vinzenz, das wär natürlich großartigst!

Übrigens: Das Publikumsvoting läuft noch. Wer für ein fremdwörterbuch (oder eine andere Webseite) stimmen will, der folge diesem Link. Danke!

Viel Spaß und vor allem: Danke, danke, danke!

GRUSELKINDER

Kürzlich war mein Henna-Abend. Das ist ein Abend vor der Hochzeit, an dem sich die Frauen versammeln, gemeinsam singen, tanzen und feiern. Mit Ritualen und traditionellem Gesang verzieren die Frauen die Hand der Braut und verabschieden sie in den Morgenstunden. Auch ich hatte einen wunderschönen Hennaabend. (An dieser Stelle Danke an meine Freundinnen, Familie und vor allem meine geliebte Schwester!) Aber darum soll es hier gar nicht gehen. Sondern um die Kinder, die merkwürdigen.

Auf türkischen Hennaabenden sind ganz viele Frauen, damit auch viele Mütter und konsequenterweise auch viele, sehr viele Kinder. Sie rennen umher, machen ab und an etwas kaputt und zerstören die ein oder andere Vase. In den romantischsten, wichtigsten, emotionalsten Momenten des Abends wird die Melancholie und Romantik kurz durch ein “Anneee” eines eben auf das kleine Näschen gefallenen Kindes unterbrochen. Man schielt kurz in Richtung Geräuschkulisse und vertieft sich aber schnell wieder in Emotionalität. Das gehört dazu. Ohne wild umherirrende Kinder, keine authentische türkische Feier.

Als ich, die Braut, den Saal betrat wurde ich also umringt von kleinen Mädchen, die alle bei mir – „der Prinzessin“ wie sie riefen und ahhten während sie mein Kleid berührten – sein wollten. Ein wunderbares Gefühl. Auch ich hatte als kleines Kind die Braut bewundert und wollte sie zumindest einmal gesehen haben, um etwas von ihrem Zauber mitzunehmen. Eine kindlich unschuldige Neugier und Bewunderung. Es gibt aber auch ganz andere Kinder. Gruselige Kinder.

Kleine Mädchen in hübschen Kleidchen kamen zu mir, tuschelten und kicherten mit ihren Freundinnen. Manche setzten sich zur mir, strichen sich durch die Haare, lächelten stolz ins Publikum und gingen dann aber bald wieder spielen. Ein kleines stilles Mädchen mit schwarzen Haaren und rotem Kleid jedoch wich mir den ganzen Abend nicht von der Seite. Nach zwei Stunden kontinuierlicher Dauerverfolgung warf es ihre kurzen schwarzen Haare nach hinten, schaute mit ihren dunklen Augen zu mir nach oben und sagte mit einem aufgesetzten Grinsen: „Kuck! (schauderhafte Sprechpause) ich bin noch immer hier. (Eine noch schauderhaftere Pause) Bei dir!“ Gänsehaut.

Dieses kleine Mädchen mit dem stechenden Blick war merkwürdig. Es verfolgte mich auf Schritt und Tritt, beobachtete all meine Bewegungen und grinste dabei. Ahh! Sah denn niemand anderes dieses Kind? Kann es jemand bitte wegschicken? Ich verzweifelte. Irgendwann zischte ich dem Publikum zulächelnd: „Willst du nicht ein bisschen zu deiner Mutter?“ Bitte Gruselkind, bitte! Es grinste mich Chucky-Mörderpuppen-artig an und flüsterte: „Ich habe keine Mutter.“ Ahh, ich war in einem trashigen R.L. Stine-Gänsehaut-Fearstreet-Jugendbuch- Gruselroman gelandet.

„Mit wem bist du denn dann hier?“, fragte ich – wehleidig. „Mit meiner Großmutter.“ – „Oh, na dann geh doch zu ihr!“ Ich schöpfte Hoffnung. War das ein Licht am Ende des Gruseltunnels? Zu meinem Entsetzen schüttelte es den Kopf. „Nein“, sagte es mit ihrem aufgesetzten Grinsen, „ich bleibe hier, bei dir.“ Es trat noch einen Schritt näher mich heran und klammerte sich an meinem Kleid fest.

Irgendwann – urplötzlich – war das Mädchen verschwunden und ich erleichtert. Ausgelassen feierte ich und genoss den Abend. Während der Henna-Zeremonie als der Raum verdunkelt war und nur durch Kerzenlicht erhellt wurde, spürte ich eine kleine Hand auf meinem Knie. Es war wieder da, das Gruselmädchen. Leise sang es „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne…“

Kinder haben so eine gruselige Art manchmal. So eine lustige, aber vor allem gruselige Art, manchmal.

Bildcredit geht an die wunderbare Fotografin meines Henna-Abends “Sekire”.

HAUBENRENNEN

Das sind die Herzballons mit Glückwünschen unserer Freunde auf dem Weg in den Himmel.

Und hier ein unveröffentlichter Text aus meiner Single-Zeit. Meine Güte, wie die Zeit rennt.

Es ist Samstagmorgen, die Vögel zwitschern. Die Sonne scheint durch das WG-Fenster. Ich wache glücklich auf. Gestern hat die stressige Uni-Prüfungszeit endlich ihr Ende gefunden. Yey! Um das zu Feiern versammelten wir uns mit Freunden im WG-eigenen Garten. Ich kochte ganz viel Essen mit echtem (!) Gemüse. Und wir tranken marokkanischen Tee mit frisch gepflückten Minzblättern. So entspannt, so stressfrei. Heute Morgen habe ich eigentlich allen Grund glücklich zu sein. Aber man soll den Tag bekanntlich nicht vor dem Abend loben.

Auf meinem Weg ins Bad werde ich von meinen Mitbewohnerinnen aufgehalten. „Kübra, schau! Arzus Cousine hat geheiratet“, rufen sie. Oh nein. Ich sehe es kommen. Das wird ein langer Morgen. Ich lasse mich also ins Zimmer zerren und erblicke vier junge Mädchen in Pyjama, um die Zwanzig, die vor dem Laptop hocken und Hochzeitsbilder analysieren. Serra, mit 19 die Jüngste und Kleinste in unserer Runde, gibt eine detaillierte Kritik des Brautkleides zum Besten. Das kann sie, das quirlig, selbstbewusste Mädchen ist schließlich Expertin. Ihr Verlobungskleid hat sie bereits ausgesucht, das Hochzeitskleid sowieso. Die Band auch. Karmate aus der türkischen Schwarzmeerregion soll es werden. Eigentlich ist alles vorbereitet, nur der passende Mann fehlt. (Den Front-Sänger in Karmate findet sie verdächtig toll.)

Den will Serra in fünf Jahren kennenlernen, nachdem sie idealerweise ihren Master in Harvard beendet hat und zur Promotion nach Oxford zieht. Sie hat Träume, sie ist ambitioniert. Genau wie ihre Hochzeit sind nämlich auch die nächsten zehn Jahre ihrer Karriere bis ins letzte Detail verplant. Ihr Zukünftiger soll ein junger, praktizierender Muslim, intelligent und voller Energie sein. Und wenn sie ihn trifft, dann will sie um seine Hand anhalten. Warum nicht? Khadijah, die erste Frau des Propheten Muhammed, hatte es ja auch so gemacht.

Mittlerweile haben sich meine Mitbewohnerinnen vor dem Laptop darauf geeinigt, dass das Make Up okay, die Braut selber hübsch, das Brautkleid aber ein Desaster ist. Wow, das ging schnell. Meine Mitbewohnerinnen werden immer professioneller – es gibt aber in letzter Zeit unheimlich viele Hochzeiten zu analysieren. Gefühlte hundert Freundinnen haben sich verliebt, verlobt und geheiratet.

Erst vor einigen Tagen ging das Gekreische an der Uni los, als eine äthiopische Freundin ihren Verlobungsring hochhielt – ihr Freund hatte ihr einen romantischen Antrag in einem Schloss in der Nähe von London gemacht. Und meine beste Uni-Freundin gestand mir, dass sie endlich Mr. Right gefunden habe – auf einer muslimischen Partnervermittlungsseite. Ach ja, einer anderen Freundin hatten die Eltern letzten Sommer „zufällig“ jemanden vorgestellt. Seit zwei Monaten sind die beiden nun glücklich verheiratet und ziehen durch die Welt. Meine Güte. Alle rennen unter die Haube. Ist denn da so viel Platz?

Ich bin irritiert. Manche sagen mir, dass es doch noch viel zu früh ist, um über das Heiraten überhaupt nachzudenken – „Du bist doch erst 21!“ – und andere geben mir zu verstehen, dass ich mich beeilen sollte. „Als ich so alt war wie du, dachte ich auch, dass ich noch ewig Zeit hätte. Aber glaub mir, kaum dass du dich versiehst bist du 30. Und dann gefällt dir kein Mann mehr.“ Ach, das stresst mich alles so. Ich will doch nur meinen ersten Prüfungs-freien Tag genießen. Ist das zuviel verlangt? Und wenn ich jemanden kennenlerne, dann lerne ich halt jemanden kennen. Basta. Wie das alles genau ablaufen soll, weiß ich auch nicht. Aber das weiß man eh nie vorher.

Ich stehe auf und gehe ins Bad. Einige Minuten später bin ich aber wieder draußen im Flur. Grinsend und mit der Zahnbürste im Mund beobachte ich meine geliebten Mitbewohnerinnen: Sie tanzen in Pyjama und mit zerzausten Haaren an einem Samstagmorgen einen türkischen Volkstanz zu türkischer Volksmusik, die das Haus beben lässt. Ich glaube, da baut jemand Stress ab.