FÜR MEIN SCHWESTERHERZ





Die wunderschönen Blumensträuße, die jetzt im ganzen Haus nach Sommer riechen.

Herzlichsten Glückwunsch zum wirklich hervorragend bestandenen Abitur, meine Liebste!

Ohne Dich kann ich nicht leben, mein Schwesterherz. Möge Allah all Deine Wünsche erfüllen, Dich beschützen und auf all Deinen Wegen begleiten. Ich wünsche Dir alles Gute, Erfolg, Glück und vor allem ein wunderschönes Leben im Heute, wie auch im Morgen, mein Herz!

Deine Dich liebende Schwester

GEBETSKETTENGESICHTER

Das, meine werten LeserInnen, ist ein Gebetskettengesicht.
Bilder aus der Kindheit machen melancholisch. Ich musste kürzlich an meine tollen Abende in der Moschee denken. Und an die Gebetskettengesichter.

Für uns Kinder waren Abende in der Moschee ein einziges Abenteuer. Die Erwachsenen trafen sich zu irgendwelchen Erwachsenen-Kultur-Sachen und wir saßen ganz brav neben unseren Müttern. Anfangs zumindest. Unsere Versuche, den Vorträgen zu folgen, scheiterten nämlich unheimlich schnell. Also gaben uns unsere Mütter Bücher zum Lesen, Hefte zum Malen oder Spielzeug zum Spielen. Aber auch damit hielten wir uns nicht lange auf. Denn kaum dass sich die ersten Kinder in einer Ecke zum Spielen versammelten, konnten auch meine Schwester und ich nicht still sitzen. Wir schauten unsere Mutter fragend an, sie wiederum nickte uns zu – nicht ohne “Aber leise bitte!” hinterher zu flüstern.

Spielen war das Größte! Wir spielten Verstecken, Ticken, Eis-Ticken, Catlak-Patlak, Charlie-Chaplin (ging nach Hamburg…), Ding-Ding-Doli, Yag Satarim Bal Satarim und – ach! – noch hundert andere (ausgedachte) Spiele. Ich kann mich daran erinnern, wie wir immer mehr in unsere Spielewelt eintauchten, alles um uns herum vergaßen (und damit auch, dass wir leise sein mussten). Wir spielten immer bis zur Erschöpfung und die alten Omis fragten uns, ob wir unsere Würmchen losgeworden waren. Im Türkischen sagt man nämlich “kurtlari dökmek”, wenn man etwas tut, was man schon lange tun wollte. Ich stellte mir also vor, wir würden uns so lange bewegen und herumlaufen bis die Spielelust-Würmchen, die sich an unserem Po festklammern, abfallen.

Wobei das nicht immer so war: “Kurtlar” kann nämlich sowohl Würmer als auch Wölfe bedeuten. Deshalb stellte ich mir eine Zeit lang vor, ich würde kleine Spielelust-Wölfe abschütteln, die sich an meinem Po festbeißen. Aber nur eine Zeit lang, denn die Spielelust-Würmchen-Vorstellung fand ich angenehmer.

Jedenfalls waren wir nach dem ganzen Spielelust-Würmchen-Abschütteln unglaublich müde, setzten uns wieder zu unseren Müttern und schliefen erschöpft ein. Und die Erwachsenen hatten endlich ihre Ruhe.

Zu meinen anderen Lieblings-Beschäftigungen in der Moschee gehörten die Gebetskettengesichter. Ich liebte es, Gebetsketten zu sammeln und Bildchen daraus zu formen. Dinosaurier und Autos waren einfach, am lustigsten waren aber Gesichter. Die Bändchen waren schließlich geradezu prädestiniert für Pferdeschwänze. Stundenlang konnte man mich damit unterhalten. Und nun, nach mehr als zehn Jahren, hab ich wieder ein Gebetskettengesicht gebastelt und bin die Würmchen losgeworden.

DIE SACHE MIT DEM URLAUB

Ich mache das ja auch. Diese Urlaubssache.
Zu Hochmittelalterzeiten sagten Ritter Urloup, wenn sie nach Erlaubnis fragten, um in die Schlacht zu ziehen. Heute sagen wir Urlaub, wenn wir in die Schlacht ziehen. Ist doch so. Urlaub = Schlacht. Was bitte sollen denn die Reisen nach New York, London, Paris, Madrid, Barcelona, Istanbul, Mumbai, Kairo, Amsterdam, … in die reizüberflutenden Großstädte dieser Welt sonst sein?
Also machen wir uns nichts vor.
Zack Zack, Flash Flash, Tack Tack, Brumm Brumm.
Die Augen sind weit aufgerissen und der Mund auch ein bisschen. Die übergroße digitale Spiegelreflex-Kamera baumelt vor dem Bauch herum, der Körper müsste eigentlich nach vorne kippen, doch der dicke Rucksack zieht nach hinten. Stehaufmännchen-ähnlich steht er dann da. Der Mensch im Urlaub.Der Urlaub-Mensch ist aber nicht nur Stehaufmännchen, sondern auch Schwamm. Ein Monsterschwamm, der alles Wissen, alle Wörter und Reize absorbiert. Unaufhaltsam stampft er von Museum zu Museum und lichtet alles ab. Auch Michelangelos Deckengemälde im Vatikan – aber nur heimlich, da verboten. Alles: Die Mind-the-Gap-Bepinselung am Londoner Bahnsteigrand, die nichtvorhandene Lücke zwischen Pariser Stoßstangen, die gelben New Yorker Taxen und die müden Männer vor türkischen Cafes.Der schwamm-artige, stehaufmännische Urlaub-Mensch mit seinen starren Blicken lässt jede Mumie im Londoner National Museum einen zweiten Tod sterben.

Und er frisst. Frisst sich durch die Essenschlacht der Nationalgerichte.
Und er kauft. Dem Euro-Teuro-Prinzip Folge leistend kauft der Urlaub-Mensch ganze Einkaufstraßen auf. So viel wie nur geht, alles viel billiger hier.

Noch ist der Schwamm nicht voll. Ein bisschen Lifestyle muss her. Bisschen Einheimische kennenlernen hier, Konzert da und unaufgeregt, gelangweilt oder “von-den-blöden-Touris-genervt” kucken. Auch Szene-Lokale, Insider-Restaurants und Underground-Bars wollen warmgesessen werden. Da gewesen sein. Das ist alles.

Stress.

Dieser Großstadtdschungelkampf ist Pseudo-Urlaub, das muss mal in die Köpfe. Spätestens dann, wenn man Zuhause ohne Umwege ins Bett fällt und den Tag durchpennt, ist klar: Urlaub ist was ganz anderes. Urlaub ist, was ich an diesem Wochenende anfangen werde. (Nach zwei Pseudo-Urlauben bitter nötig)

Entspannt von Kopf bis Fuß unter der warmen Sonne liegen mit Büchern, die man schon immer lesen wollte, Bildern, die man schon immer zeichnen wollte, Fotos, die man schon immer machen wollte, Wörtern, die man schon immer schreiben wollte. Ein Urlaub für den Kopf, den Körper und für die Sinne.

Ein Urlaub, der mich schon beim Schreiben ins Schwärmen bringt und entspannt. Das, meine Lieben, ist Urlaub.

Davon sollten wir uns öfters mal was gönnen. So haben wir genug Energie für den nächsten Pseudo-Urlaub, der einfach zu viel Spaß macht, als dass man ihn aufgeben könnte.

Dieser Song ist übrigens wie ein Kurzurlaub: Einfach mal Augen schließen und anhören.

The Pied Piper by Yoriyos.