VIDEOWOERTER #1 VOR BANANENKARTONS


Es stauten sich in letzter Zeit viele, viele Gründe an, um endlich einen Videoblogbeitrag zu machen: Nicht nur die Grimme Online Award Nominierung vor einigen Tagen, sondern auch der 3. Bloggeburtstag, der noch nicht gebührend gefeiert wurde. Zusammen mit Vinzenz, der auch meine Hochzeit gefilmt hatte, schritten wir also zur Tat:

Tada! Wir präsentieren euch hiermit die ersten Videowoerter. Dieses Mal aus Berlin, wo ich noch eine Woche wohnen werde bevor es für drei Monate nach Kairo geht. Das nächste Mal melde ich mich aus Kairo, dann aber mit schlechter Qualität und furchtbarem Schnitt, weil ich nicht den talentierten Vinzenz zur Seite haben werde. Oder aber ich finde einen ägyptischen Vinzenz, das wär natürlich großartigst!

Übrigens: Das Publikumsvoting läuft noch. Wer für ein fremdwörterbuch (oder eine andere Webseite) stimmen will, der folge diesem Link. Danke!

Viel Spaß und vor allem: Danke, danke, danke!

HMM… WAS NEHM ICH DENN?

Ich empfehle (seit Monaten, aber nun komme ich endlich dazu!) dringlichst die Reihe: “A Graphic Guide”. Denn Graphics sagen mehr als tausend Worte.

Oh ja, auch den Islam kann man mit Zeichnungen! und Comics! darstellen. Und es wurde noch niemand deshalb gemordet oder bedroht. Uhh. Welch Überraschung. Nicht. Ich habe keine Lust auf einen Karikatur-Exkurs (alles, was ich dazu möchte, sagte ich bereits), nur so viel: Ich liebe dieses kleine Comic-”Ich erklär dir mal den Islam”-Heftchen.

Den Islam Guide hat übrigens inhaltlich einer meiner englischen Lieblingsdenker Ziauddin Sardar mitgestaltet, ergo: Qualitätssiegel. Next on: All of them!

KÜNSTLICHE IDENTITÄT

Das Leben in London empfand ich in vielerlei Hinsicht inspirierend. Vor allem aber den künstlerisch spielerischen Umgang mit der Identität. Die überwältigende Größe der Stadt und die Anonymität des Alltags gibt den Menschen die Möglichkeit sich frei von gesellschaftlichen Zwängen neu zu erfinden und zu erproben. Nur die Wenigsten nehmen diese Möglichkeit wahr, aber die Wenigen kosten diese Möglichkeit in vollen Zügen aus.

An der Mode kann man diese Beobachtung festmachen. Beim Einkaufen schlenderte ich an Damen mit Ballonröcken und Männern in Windeln vorbei. Perfekt frisierte Jungshaare neben kahlrasierten Frauenhinterköpfen. Manche Gestalten stehen einfach nur da an der Straßenecke und sehen gut aus – in der Hoffnung, ein Modeblogger möge sie entdecken. Das Gesehen-werden-Wollen, der modische Schrei nach Aufmerksamkeit, gehört auch zu dieser Identitätsfindung. Erst eine Identität, die wahrgenommen und rezipiert wird, bestätigt den Menschen in seiner Identität.

Heute stieß ich auf den Künstler Ah Xia. Seine “China, China”-Reihe zeigt Skulpturen von Chinesen aus Porzellan (engl.: China). Sehr inspirierend.




Ah Xias Skulpturen erinnern mich an eine türkisch-spanische Künstlerin, die meine Freundin Mona und ich in einer Londoner Gallerie entdeckten. (Ihr Name ist mir leider entfallen) Eine sehr interessante Person.



Die beiden Porzellanfiguren hat sie mit “Identity I” und “Identity II” betitelt. Sie beschreibt die multiplen Identitäten, die die Künstlerin innehat. Das blaue Muster der rechten Figur ist traditionell türkisches Tulpenmuster und symbolisiert ihre türkische Identität.

Mein Freundeskreis in London war sehr bunt, anders und gegenteilig. Wir hatten oft nicht viel gemeinsam. Mindestens aber immer: Die Identitäten.

YEAH! BURQA IN FRANKREICH!*



Ich war schon ganz enttäuscht, dass nichts aus Frankreich kam. Princess Hijab (siehe oben) kennen wir alle schon, die Graffiti-Künstlerin, die Reklamepüppchen ein Niqab verpasste. Aber nach dem Niqab-Verbot im Juli dieses Jahres war künstlerisch-rebellisch nichts Nenneswertes zu verzeichnen. (Vom Gegenteil lasse ich mich in den Kommentaren nur zu gern überzeugen.)

Jedenfalls war ich ganz entzückt, als ich ein Video der Niqabitches entdeckte. Zwei rebellische Französinnen – obenrum vollverschleiert mit Niqab, untenrum Minirock und Stöckelschuhe. So liefen sie durch Paris und posierten vor diversen Regierungsgebäuden. Ein toller Protest. Darauf hatte ich gewartet.


Nun gewinnen meine Bilder nämlich endlich auch an Bedeutung. Als ich kürzlich in Frankreich unterwegs war, hampelte ein kleiner Rebellionszwerg in meinem Bauch herum. Es kribbelte und ich konnte nicht anders als mich in ein schwarzes Tuch zu hüllen und es überall dort anzulegen, wo ich meinte, die Leute seien verkrampft.

Meine Mitreisenden sorgten sich ein wenig um meine Sicherheit. Aber das war gar nicht nötig. Später vor dem Eifelturm (Schande über mich. Ja, ich habe einen Tag lang auch Tacky-Tourist-Krams gemacht. Siehe hier.) entdeckte ich nämlich eine Gruppe von Frauen, die ein Niqab trugen. Da musste ich natürlich fragen, wie sie das Gesetz finden und ob sich etwas für sie geändert hat. Leider spreche ich kein Französisch und sie kein Englisch, dafür aber ihr Sohn, der mir erklärte: Seine Mutter und Tante trügen weiterhin ihr Niqab, das sei kein Problem. Sie wären auch noch nie angesprochen worden.

Das ist interessant. Ich hätte gerne ein Beweisfoto gemacht, aber ich will ja niemanden in Bredouille bringen. Das, was ich sah, müsst ihr mir jetzt also einfach glauben. Und da fragte ich mich, ob das nun der endgültige Beweis für die schamhaft-peinliche anti-islamische Symbolpolitik der französischen Regierung ist.

“Je ne sais pas!”, sage ich da nur. So wie die Franzosen, wenn man sie auf einer Fremdsprache anspricht.

Und hier meine kleine Pseudo-Rebellion, die zugegebenermaßen nichts bewirkte außer der Zufriedenstellung meines kleinen Rebellionszwerges.

Nachtrag: Außerdem interessant, dass beide Rebellionen im Ghetto-Style sind. Ist Ghetto der neue französische Punk?!

*Das muss selbstverständlich Niqab heißen. Aber “Burqa” erregt schneller die Gemüter als “Niqab”.








AUTOSCHILDER SIND… INTERESSANT.

Lange Autofahrten finde ich ziemlich langweilig. Vor allem dann, wenn ich fahre. Da kann ich weder lesen, malen, essen oder schlafen. Besonders schlimm finde ich die fast kindliche Abhängigkeit vom Beifahrer. Selbst beim kleinsten Schlückchen Wasser, das man trinken möchte, muss man den Beifahrer bitten, die Flasche hervorzukramen und den Deckel aufzudrehen. Toll.

In dieser sklavischen Not wird man natürlich erfinderisch. Oder spielerisch. Jedenfalls versetzte ich den ganzen Wagen in Aufregung, wann immer ein Auto mit einem lustigen Autoschild an uns vorbeihuschte. Sofort wurde nach der Kamera gesucht, dann fand man sie. Irgendwie mussten wir uns nun dem Wagen nähern und unauffällig ein Bildchen knipsen.

Damit meine Beifahrer und ihre exzellenten Foto-Künste geehrt werden, findet ihr unten einige der pseudo-lustigen Autoschilder, die eigentlich nur meiner Erheiterung dienten.

Außerdem zwei Straßenschilder. Eines ist nur dann lustig, wenn man Englisch kann.

AH:OI und CI:AO. HA:HA.

NACHTRAG: Alberner Post dieser hier.





JESUS IN BERLIN

Berlin ist neuerdings mein deutscher London-Ersatz. Vielleicht bin ich in letzter Zeit deshalb so häufig dort. Jedenfalls war ich vor einigen Tagen wieder auf Berliner Straßen und gerade dabei zum nächsten Termin zu hetzen, als ich abrupt stehen blieb. Ein beim ersten Blick unscheinbarer, aber beim zweiten Blick unglaublich interessanter Galerieladen hatte meine volle Aufmerksamkeit: Die Jesusboutique.

Das Ganze erinnerte mich an eine Szene, die ich vor einigen Wochen im Schaufenster eines Berliner Comicladens entdeckte:


Jesus und Charles Dickens Actionfiguren nebeneinander – oben rechts war übrigens Edgar Ellan Poe zu sehen. Die Figur (zu kaufen hier) gab es übrigens auch in der Jesusboutique – sie hatten sie vom Comicladen geschenkt bekommen, erzählten Manfred und Frank – zwei sehr angenehme Zeitgenossen und Künstler. Leider konnten meine Freundin Sara und ich nur kurz die Ausstellungsstücke bewundern, weil wir schnell von dannen ziehen mussten. Im Internet heißt es über die All You Need Is Lost-Ausstellung:

Die aktionistischen Künstler von jesusboutique stellen mit ihren Arbeiten politische und soziale Absurditäten in den Mittelpunkt ihres Schaffens. In dieser Beziehung entlarvt ihr Werk dabei auch das Subjektive als Spiegelung einer Täuschung und Verzerrung der eigenen Wahrnehmung. In ihren Objekten, Installationen und Performances agieren sie selbst als das eigentlich narrative Element in einer scheinbar erstarrten und entmystifizierten Außenwelt. So stellten die beiden die Temporäre Kunsthalle Berlin samt derzeitiger Ausstellungsinstallation (kuratiert von John Bock) und angeschlossenem Café und Buchladen beim Internetportal „immobilienscout24“ ein. Die Halle, die nun zum 31. August dieses Jahres endgültig schließen und danach abgerissen werden soll, könne, laut Künstlerduo, endlich einem sinnvollen Zweck zugeführt werden. Das Gebäude böte gerade jetzt mit seiner aktuellen Ausstellungsinstallation, mit drei eingebauten Etagen, ausreichend Platz zum Wohnen. (weiter)


Die Ausstellung findet ihr in der Schönleinstrasse 7, Dienstags bis Freitags und Sonntags hat die Galerie von 16 bis 20 Uhr geöffnet. Da kann man gerne mal vorbeischauen.

Komischerweise begegne ich bei jedem noch so kurzen Berlin-Besuch Jesus. Mal in einer Kirche, die ich besuche, oder einer Zeugin Jehovas, die mir sein Bildchen in die Hand drücken will. Lustig.

DER SOMMER WAR SONNIG. AUF DEM TÜRKENMARKT.









Maya, mit der ich Deutschland erkundete, und ich begannen unsere Rundreise in Hamburg. Und düsten weiter nach Berlin, wo wir einen kurzen, aber erlebnisreichen Tag verbrachten. Vor allem der sogenannte “Türkenmarkt” hat es mir angetan. Die Farbenvielfalt, die lecker-fruchtigen Wassermelonen und das viele Obst, der Kunstperlen-Stand, Mitbringsel aus der Türkei, Marokko, Kenia und überall, … Es ist laut, viele fröhliche und lachende Menschen drängen sich durch die Menge. Die Sonne scheint und macht das Bazaar-Erlebnis komplett.

Am Ende des Türkenmarkts entdecken wir einen großen Steg am Wasser, auf dem Künstler auftreten können. Ein britisch-spanisches Duo hat gerade ihren Auftritt als wir uns hinsetzen. Die britische Sängerin singt mit klarer und hoher Stimme, ihr spanischer Begleiter spielt auf der Gitarre. Um uns herum sitzen viele junge Väter mit ihren Kindern, Yuppies, Alternative und Künstler. Die Großfamilien, die am Türkenmarkt ihre Einkäufe erledigten haben, bleiben lächelnd stehen und schauen aus der Ferne zu.

Da schaut die Sängerin zu ihrem Gitarristen hinüber und fängt plötzlich zu Lachen an. Sie entschuldigt sich. Sie müsse immer so lachen, wenn er, der Spanier, sein super ernstes Flamenco-Gesicht aufziehe. Der Gitarrist wird rot. (In Bild Nummer 6 kann man übrigens sein Flamenco-Gesicht bewundern.)

Wir wollen ein bisschen mehr Kreuzberg sehen, beschließen Maya und ich. Kurz vor der berühmten Hochhausunterführung, auf einem kleinen Marktgelände findet ein Protest gegen den Bau eines Dammes in der Türkei statt. Gäbe es die Transparente nicht, wäre ich vermutlich gar nicht darauf gekommen. Es sind nämlich nur ganz wenige Menschen da und eine Sängerin singt türkische Folklore-Lieder. Als wir uns dazugesellen stelle ich fest: Die Sängerin ist Deutsche. Und ganz überrascht bin ich, als sie just in dem Moment eines meiner Lieblingslieder singt. Jetzt höre ich auch den Akzent raus. Das erinnert mich an die amerikanische Sängerin Brenna Maccrimmon, die auch auf Türkisch singt. Sehr schön. Lauscht hier:

Mit Musik geht es weiter. Maya und ich entdecken einen kleinen Laden mit türkischen Musik-Instrumenten, vor allem dem Saiteninstrument Saz. Bestimmt zwanzig Saz hängen von der Decke herab, an den Seitenwänden sind Regale voll mit CDs türkischer Bands und Musiker. Durch eine Seitentür gelangt man in einen Raum mit alten und neuen Filmen der türkischen Kino-Szene. Hier und da entdecke ich peinliche Bilder von heute berühmten türkischen Schauspielern und Sängern (zum Beispiel Mahsun Kirmizigül mit nacktem Oberkörper, einem ernsten Blick und einem Baby im Arm; hier im Netz wiedergefunden).

Während der Ladenbesitzer und ich uns über türkische Folklore-Musik unterhalten, spielt Maya auf der Trommel. Ein Gruppe junger Touristen bleibt am Laden stehen. Einer aus der Gruppe, ein junger Holländer, schnappt sich ein Saz und fängt zu spielen an. Richtig toll spielt er. “Zum ersten Mal!”, erklärt er uns stolz.

Eines habe ich an diesem Tag gelernt: Musik verbindet wirklich.

DER SOMMER WAR SONNIG. AUF DEM SUFI SOUL FESTIVAL













Ich war im letzten Jahr ein bisschen traurig, weil ich es nicht zum Sufi Soul Festival geschafft hatte. Umso glücklicher war ich, als ich mich in diesem Sommer endlich auf dem Festival wiederfand. Die Sonne schien und wärmte meinen Rücken. Überall Bäume und Natur. Mittendrin das kleine Festivalgelände mit Bücher-Ständen, Essen aus aller Welt, Schmuck, Schals und orientalischen Düften. Das Ganze wurde belebt durch Muslime aus ganz Europa. Sie waren zusammengekommen, um schöner Musik zu lauschen, auf Decken liegend die schöne Luft einzuatmen, sich auszutauschen und gemeinsam zu beten.

Wir lernten wunderbare Menschen kennen. Und trafen Freunde wieder. So zum Beispiel Sakinah und Rabiah aus London. Seit über vier Jahren machen die beiden Schwestern Musik und sind mittlerweile mit ihrer Band “Pearls of Islam” relativ bekannt und erfolgreich. Vor zwei Jahren sah ich sie zum ersten Mal auf einer Bühne in London, einige Monate später kreuzten sich durch Zufall unsere Wege und seitdem sehen wir uns immer wieder. Die Welt ist klein. Und schön.

Ganz besonders toll war “Ottoman Empire Soundsystem”, eine vier-köpfige Band (Chaldun, Bilal, Suleyman und Prasanna) aus vier Ländern dieser Welt. Sie zaubern aus Reggae, Skaa und World Music wunderbare Lieder, die entspannen und bewegen. Irgendwann werde ich mehr über die Musik und die tolle Band dahinter schreiben. Bis dahin kann ich die Band-Seite herzlichst empfehlen und dort mein Lieblingslied “Taischu Fi Dunya” (Lied 4).

Die Bilder sind übrigens nicht alle von mir. Um ehrlich zu sein: Alle schönen Bilder sind von jemand anderem, nämlich meiner begabten und liebsten Rabo.


GARTEN MIT CHILLI

Das sind nicht alle

Pfercht man eine britische Amerikanerin, eine amerikanische Bengalin, eine indische Kenyanerin, eine pakistanische Britin, eine britische Nigerianerin und mich in einen wunderschönen Londoner Garten, dann philo-diskutieren wir über Identitätsprobleme, Schuldkomplexe, Täterpsychologie, Radikalisierung und die Evolutionstheorie. Wir laufen barfuß und klettern auf Bäume. Oder liegen im Gras und üben Kanga-Bindetechniken. Und am Ende des Tages geben wir unser Essen Obdachlosen, um dann in der Bahn erschrocken zu erinnern, dass das verschenkte Gericht nicht nur scharf gewürzt, sondern auch in XXL-hot-Chilli-Soße getunkt war.

(Ich lächle hier gezwungen und unecht.
Das hat den Grund, dass die Sonne volle Kanne auf mein Gesicht prallte
und ich die Augen gerade so noch aufbekam.)