I LOVE SARAH JANE

Ein schöner Film vom Hamburger Kurzfilmfestival“Jimbo ist 13 Jahre alt und liebt Sarah Jane. Ganz egal was passiert: Gewalt, Chaos oder Zombies – nichts kann ihn davon aufhalten, sie zu erobern.“, erklärte die Moderatorin des Kurzfilmfestivals bevor sie uns in der Dunkelheit mit dem gruseligen Liebesfilm allein ließ.
Wir sahen also einen wunderbaren Kurzfilm, einer der besten des Festivals, wie ich finde. Wie schön, dass Björn ihn auch bei YouTube gefunden hat!
Meine Lieblingsfigur ist übrigens der kleine pummelige Junge mit dem braunen Locken.
So teilt meine Freude und: let’s love Sarah Jane.

IDENTITÄTSKRISE

Nie, nie hätte ich gedacht, dass ich mal mehr verstehe von Fußball. Jahrelang sind sämtliche Fußballspiele kalt an mir vorübergezogen. Nur halbherzig und aus Gruppenzwang hab ich mir teilnahmslos die WM ageschaut. Allein zu dem Lied der Sportfreunde Stiller hab ich mitgesungen – ein Leben leicht und sorglos.
Da kommt das Unheil angeschossen: die EM 2008. Aus unerfindlichen Gründen begreife ich plötzlich, wieviele Spieler eine Mannschaft hat (11), wie lang ein Spiel dauert (90 min.) und was Abseits bedeutet (hier).
Dabei sei es nicht belassen: Eifrig kommentiere ich nach den Spielen die Spielzüge, fachmännisch fälle ich mein Urteil und gebe Prognosen ab.
Ahnungslos habe ich mich in eine Identitätskrise gestürzt:
„Für wen bist du Kübi?“
Türkei oder Deutschland? Türkiye oder Almanya?

Meine multiplen Persönlichkeiten der letzten Tage:

1- Die Lethargische: „Ich werde mir das Spiel nicht ankucken. Ich bin für niemanden.“

2- Die Pseudodiplomatin: „Ich bin für beide!“

3- Die Mutter Theresa: „Ich bin immer für die Schwächeren. Da Deutschland Favorit ist und die Türkei mit quasi der B-Mannschaft und nur 15 Spielern antritt, bin ich ein bisschen für die Türkei.“

Aber ehrlich -Angie, es tut mir Leid – Ich wünsche mir innigst, dass die Türkei gewinnt.

Tadaa! Da ist die Ursache für meine Identitätskrise, für meine multiple Persönlichkeit! Ich schreibe „Angie, es tut mir Leid.“ und habe das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Warum?
Bin ich schlecht integriert, wenn ich nicht für Deutschland bin?
Es gibt schließlich auch Urdeutsche, die für die Türkei sind, warum nicht also auch ich?
Warum müssen Migrationshintergrundbesitzer „deutscher“ sein als Urdeutsche um „Deutsche/r“ zu sein?
Vielleicht finde ich rot-weiß einfach schicker als schwarz-rot-gold (oder rot-schwarz-gold, da sind sie sich beim ARD ja noch nicht so einig).
Außerdem: Für-die-Türkei-Sein ist nicht gleich Gegen-Deutschland-Sein, „nnnne?!“

So. Ich muss mich also gar nicht rechtfertigen. Dass ich dieses Gefühl habe, ist natürlich ein Problem.
Doch jetzt ertsmal: TÜRKIYE! TÜRKIYE!

DENKEN

Die neue FREIHAFEN widmet sich in ihrer neuen Ausgabe einem Thema, an das Menschen nur sehr ungern denken, weil sie gerade jenes sowieso nur ungern und selten tun: Denken. Schön verpackt in das Wörtchen „DENKMAL“ wirkt das Titelthema weniger abschreckend.
Dringend lesen und gerne kommentieren – noch lieber: Mach mit! Als AutorIn, FotografIn, LayouterIn, GrafikerIn, OrganisatorIn! (mitmachen(äht)freihafen.org) Hier also das Editorial – Viel Denk- und Lesevergnügen!

Moin Moin 

Sorglos würden wir heute leben, wenn der Mensch nicht zum Denken verdammt worden wäre. Um nichts hätte man sich Gedanken machen müssen. Nicht über den Hunger, den Durst, die Atombombe, den Krieg, die Umwelt oder die Liebe.

Bevor wir nun also abschweifen und neidisch auf die mit einem schlichten Instinkt ausgestattete Tierwelt blicken, arrangieren wir uns schnellstens mit dieser unglücklichen Situation und machen diesen Umstand zu unserem Thema: Denkmal. Ein Denkmal soll an etwas erinnern und zum Denken anregen. Doch was, wenn sich alle Erinnerungen auslöschen? Oder wenn der eigene Körper zum Denkmal einer ungeliebten Vergangenheit wird?

Wir durchbrechen Denknormen und reisen zurück in die 68er. Und wenn wir schon mal da sind, plädieren wir auch gleich für das positive Denken. Und: Welche Personen haben ein Denkmal verdient? Außerdem sind wir bei einem höchst interessanten Hamburger Zuhause: Ein ehemals obdachloser Weltreisender. Kurios: Wir erfahren, warum ein Wirtschaftsingenieur mit Schaumstoffschlägern um sich prügelt. Zu guter Letzt möchten wir Frau Dorothea Scharff hiermit ein Denkmal setzen: Vielen lieben Dank für die sehr großzügige Spende!

Ganz unbedenkliche Grüße, Birte Lehmann und Kübra Yücel

WARUM TÖTEST DU, BUSH?

… müsste man den derzeitigen US-Präsidenten fragen und bekäme ausweichend zur Antwort, er weine jede Nacht.

 

 

„I’ve got God’s shoulder to cry on. And I cry a lot. I do a lot of crying in this job. I’ll bet I’ve shed more tears than you can count, as president.“ –George W. Bush, as quoted by author Robert Draper in Dead Certain

Tagein, tagaus weinen tausende unschuldiger Menschen im Irak. Unschuldig – wohlgemerkt. Da liegt ein zentraler Unterschied zwischen Bushs Tränendüsenproduktion und dem menschlichsten und deutlichsten Schmerzensausdruck der Irakerinnen und Iraker. Unverschämt, was Bush damals von sich gab. Unverschämt ist es aber auch, den Krieg auf Bush zu reduzieren und ihn als „seinen“ Fehler darzustellen. Dass Bush nur eine Marionette ist, dürfte jedem bekannt sein. Also wollen wir nicht weiter auf Bush herumtrampeln oder auf seinen „ass kicken“.

(All jene, die sich der Bush-Trampel-Aktionen trotzdem erfreuen, beklatscht den britischen Künstler Mark McGowan, der so durch New York lief.)



Nicht Bush sollte nunmehr im Mittelpunkt der Irak-Debatte stehen, sondern die Iraker:

Bitter, schnörkellos und direkt. Traurig, aber wahr. Der nackte Krieg. Der wahre Krieg. Unzensiert. Anders.
Das ist das Buch „Warum tötest du, Zaid?“ von Jürgen Todenhöfer
(hier).


Der irakische Widerstand bekommt ein Gesicht. Wir lernen zu unterscheiden zwischen Widerstand und Terrorismus. Den Krieg haben wir bislang nur aus amerikanischer Perspektive wahrgenommen. Todenhöfer reist in den Irak, lebt bei einer irakischen Familie und interviewt Widerstandskämpfer. Er kommt zurück und erzählt (hier). Wir lernen Zaid kennen.

„Zaid ist der älteste von drei Brüdern. Haroun ist ein Jahr jünger als er, Karim zwei Jahre. Im Juli 2006 verbringt Haroun einige Nächte bei seinem Onkel im Zentrum von Ramadi. Haroun, der damals neunzehn Jahre alt ist, studiert Ingenieurwissenschaften. Er hat Semesterferien und genießt diese, so gut das in diesen Kriegszeiten eben geht.

 

Mit dem Widerstand hat er wie seine beiden Brüder wenig zu tun. Er hilft, wie alle Jugendlichen von Ramadi, den Widerstandskämpfern, wenn sie einen Unterschlupf suchen oder eine Information brauchen. Von sich aus aktiv wird er nicht.

Am 14. Juli 2006 macht sich Haroun früh morgens im Haus seines Onkels auf, um zu seiner Familie nach Al-Sufia zurückzukehren, bevor es zu heiß wird. Es ist kurz nach sieben Uhr, als er in die kleine Straße einbiegt, in der seine Familie wohnt.

Er kickt einen kleinen alten Ball vor sich her, den er irgendwo gefunden hat.

In der rechten Hand trägt er eine weiße Buschrose, die er im Morgengrauen für seine Mutter gepflückt hat. Einem Nachbarjungen, Jarir, der ihm auf der gegenüberliegenden Straßenseite entgegenkommt, ruft er ein freundliches Salam – Friede – zu.

Genau in diesem Augenblick – Haroun hat gerade das Wort Salam ausgesprochen – peitscht ein Schuss durch die Straße. Haroun fasst sich ungläubig an den Hinterkopf, geht wie in Zeitlupe in die Knie und fällt vornüber mit dem Gesicht in den Staub.

 

Leblos bleibt er im Dreck der Straße liegen. In seiner rechten Hand hält er die kleine weiße Rose, die er seiner Mutter schenken wollte.“

(Ausschnitt aus dem Kapitel „Zaids Brüder“)

 

Unbedingt lesens- und empfehlenswert. An jeden und vor allen denen, die bisher nur die eine Seite des Krieges kannten.

STOLPERGEFAHR

Schrecklich, was einem immer alles so passieren kann. Ich müsste mittlerweile eine platte Boxernase haben – so oft bin ich nun schon über tolle Bücher und Filme gestolpert.
Ab und an will ich euch also mit Buch- und Filmempfehlungen zuposten. Nehmt es mir nicht übel, schließlich riskiere ich beim Stolpern Nas‘ und Aug‘ für euch.
Also gebt Acht und fallt nicht selbst auf die Nase! Sonst seht ihr so aus:(Für den leider sehr unwahrscheinlichen Fall das Cher das lesen sollte: Liebe Cher, das, was ich eben schrieb, ist nicht abwertend gemeint. Ich rechne dir deine pädogogisch höchst wertvolle Absicht, durch deine OPs der Jugend ein abschreckendes Beispiel sein zu wollen, sehr hoch an. In Liebe, Qüpra)

"KABUMM"

… machte es vor einigen Stunden hinter meinem Wagen und ein 5er-BMW war bei mir eingekracht. „Ahh, ein Autounfall!“ war mein erster (sehr lauter) Gedanke, der zweite: „Mein Leben ist eine Soap.“ Damit konnte ich mir Mareikes Geburtstag abschminken (Herzlichen Burzeltag an dieser Stelle!).
Panisch stieg ich also aus dem Wagen und lief auf den BMW-Fahrer zu, der bei diesen Fahrkünsten seinen Führerschein wohl bei Ebay ersteigert haben muss. Offensichtlich hatte ich Recht mit dieser Vermutung, denn sein Gesicht war ein einziges „Soll ich brav bleiben und aussteigen oder davonrasen und mich retten?“ Letzteres muss ihm schlüssiger erschienen sein, denn mir immernoch ins Gesicht starrend trat er auf das Gaspedal und düste davon. Wunderbar, nun auch noch Fahrerflucht. Der Abend könnte nicht besser ausklingen.
Glück im Unglück, ich (= mein Wagen) kam mit einer kleinen Schramme davon (da mir hier das Fachvokabular fehlt, müsst ihr euch mit einem „irgenwo hinten rechts“ zufrieden geben). Der Unfallverursacher hingegen hat nun eine etwas größere Schramme, eine Anzeige und drei Zeugen am Hals. Außerdem zwei Streifenwagen, die ihn vielleicht noch immer verfolgen. Auf jeden Fall aber ein schlechtes Gewissen und mich.
(Ein Bild der Schramme folgt irgendwann)

KÜBRANGELA

Deutsche Fußballer in der türkischen Nationalmannschaft sind uns ein gewohnter Anblick. Ein sehr schmerzlicher jedoch für unsere Bundeskanzlerin:
„Das zu sehen, versetzt mir einen Stich ins Herz.“, erklärte Angela Merkel am Montag – zu meinem Erstaunen.
Noch verblüffender dann ihre Bekundung, man müsse sich mit der tiefen Verbundenheit der Deutschtürken zur Türkei abfinden und damit umgehen lernen.
Zugegeben, ich leide nicht unter einem solchen Heim-/Fernweh, doch: Ich war sehr gerührt von so viel kanzlerscher Empathie. Just in diesem Moment – beflügelt von Mitleid für die mächtigste Frau Deutschlands – versicherte ich ihr (sinngemäß), dass ich, eine „Deutschtürkin“, sie mag, ihr Engagement für Integration sehr schätze und grinste ermunternd ins Mikro.
Daher: Ich sollte mein Studium hinschmeißen und Angies persönliche Motivationstrainerin werden. Oder mein Studium hinschmeißen und Integrationsbeauftragte Böhmers persönliche Assistentin werden und die „Migranten“ retten. Oder aber mein Studium nicht hinschmeißen und beide retten.
Das waren übrigens allesamt Kuriositäten, die am Montag (o5. Mai) in Berlin im Bundeskanzleramt auf dem zweiten Jugendintegrationsgipfel stattfanden. Mehr darüber könnt ihr hier lesen oder auch hier. Alternativ könnt ihr euch an dem wunderbaren Duo auf dem Bild ergötzen: Kübrangela.

Übrigens (nach tausend Nachfragen) das Bild ist echt! Hab sogar noch mehr, ich Angeberin.

DIE SONNE IST SCHULD

1.Mai_1
1. Mai in Hamburg 2008, Bild von Evgeny Makarov

Die Sonnenbrille, wo ist sie nur? Die UV-Wellen prallten voll auf mein Gesicht und verwehrten mir den Blick auf die andere Straßenseite. Kaum hatte ich sie tief in meiner Tasche gefunden, da sprang das Ampelmännchen auf grün. Mir radelte eine etwas ältere, bonzige Dame entgegen. Bonzig, weil klischeehaft: Polo-Shirt, pinker Pullover über die Schultern geworfen und vorne lässig-reich zugeknotet, Perlenkette am Hals und -stecker an Ohren. Da fiel ich aus allen Wolken, als sie tatsächlich mitten auf der Straße stehen blieb, den Fuß absetzte, mir „Schleiereule“ zurief und eiligst davon fuhr. Ich war wirklich so baff, dass mir (!) die Worte fehlten. Was war geschehen, mitten in Hamburg, der Metropole, der weltoffenen Stadt, dem „Tor zur Welt“?

1. Mai 2008, überall Sonnenschein, überall blitzte das Sonnenlicht. Kein Wunder, Glatzköpfe reflektieren besonders gut und davon waren heute sehr viele in Hamburg: Der Naziaufmarsch in Hamburg, Barmbek.
Mit zwei Fotografen aus der FREIHAFEN-Redaktion, Oign und Andi, und dank Presseausweis waren wir durch die Polizeiabsperrung direkt zu den Springstieflern gegangen, ich wollte sie nämlich interviewen. Ich hab dann leider gekniffen und ihnen dafür aber zugewunken. Nachdem sie mich und mein Kopftuch fast zu Tode angestarrt hatten und ich klugerweise entschied, sie durch ein glückliches Winken zu irritieren.

Worauf ich eigentlich hinaus will, ist die Sonne. Jegliche Methodenforschung ignorierend stelle ich fest: Bei beiden Ereignissen war die Sonne dabei. Ergo: Die Sonne ist Schuld an der Bräune.

DICHTUNG & WAHRHEIT – FAQ

Seit Jahren erfahre ich immer wieder die gleichen Vorwürfe, die sich mitunter gegenseitig ausschließen. Für die einen ist mein Einsatz für eine plurale Gesellschaft, meine konstruktive Kritik an Regierungen oder Missständen in religiösen Gemeinschaften Apostasie, für andere Apologie – für die einen bin ich eine abtrünnige Ungläubige, für andere ein islamistisches U-Boot. Für die einen bin ich Unterstützerin des Patriarchats, weil ich ein Kopftuch trage, für die anderen bin ich keine „richtige“ Muslimin, weil ich mich beispielsweise für Feminismus und die Rechte von LGBTQ einsetze. Und wieder andere fragen vorwurfsvoll, wieso ich keine Kritik üben, mich nicht einsetzen würde. Irritierend.

In diesem Dokument fasse ich die derzeit häufigsten Argumentationsketten zusammen und widerlege sie mit konkreten Beispielen. Gegen aus meiner Sicht besonders grobe Falschzitate, böswillige Anschuldigungen und Verleumdungen gehe ich inzwischen juristisch vor.

1- Wofür ich stehe

Ich stehe für eine liberale, plurale Gesellschaft, für ein friedliches Miteinander, Freiheit und Gerechtigkeit – gegen Hass, Hetze und Diskriminierungen jeglicher Art.

Ich kann in eine “konservative” islamische Gemeinde gehen und mit ihnen über Antisemitismus und Sexismus sprechen, und das als Feministin, als Antirassistin, als jemand, die für LGBTQ-Rechte einsteht, weil diese Menschen wissen, dass es mir nicht um öffentliche Aufmerksamkeit geht. Damit ich das kann, ist es aber wichtig, dass ich sie nicht öffentlich stigmatisiere – sondern konstruktiv kritisiere. Gerade für diese konstruktive Kritik werde ich eingeladen.

2- Preaching to the choir

Ich könnte es mir einfach machen und nur zu einem Publikum sprechen, das diese Werte ohnehin vertritt. Das wäre deutlich einfacher. Aber mir liegen die Themen, für die ich stehe, sehr am Herzen und ich will Veränderung bewirken. Ich rede mit den Menschen, um die es geht.

Und deshalb nehme ich vereinzelt Einladungen von Organisationen an, die eine wichtige Rolle in den islamischen Gemeinschaften einnehmen – auch wenn sie Positionen vertreten, die in meinen Augen sehr problematisch oder unvereinbar mit meinen eigenen Werten sind.

Dass ich islamische Organisationen nicht abblocke und öffentlich nicht über sie herziehe, ist nicht gleichbedeutend mit Nähe und Zustimmung. Denn:

3- “mangelnde innermuslimische Kritik”

Wenn ich zu islamischen Organisationen eingeladen bin, dann übe ich selbstverständlich Kritik, spreche über Missstände in den Gemeinden und motiviere sie, dagegen vorzugehen – gerade als gläubige und spirituelle Menschen. Das ist aus meiner Sicht die eigentliche innermuslimische Kritik.

Beispiele aus Vorträgen für ein muslimisches Publikum:

2016: Bei meinem Vortrag bei Milli Görüs im Rahmen der Internationalen Woche gegen Rassismus sprach ich u.a. über Diskriminierung in islamischen Gemeinden und die Notwendigkeit, sich für die gesamtgesellschaftliche und innermuslimische Pluralität einzusetzen, so beispielsweise für LGBTQ.

2016: Bei meinem Vortrag bei Vereint im Islam mit dem Titel “Agieren statt Reagieren” ermahnte ich das Publikum, Probleme, die mit dem Islam begründet werden, nicht einfach rhetorisch abzuwehren, sondern aktiv dagegen vorzugehen. Hier ein Auszug aus meinem Skript:

“Gibt es Muslime, die zu Terroristen werden? Ja
Gibt es Sexismus unter Muslimen? Ja
Gibt es Antisemitismus unter Muslimen? Ja
Gibt es muslimische Männer, die ihre Frauen schlagen? Ja
Gibt es unter Muslimen Ehrenmorde? Ja
Gibt es Muslime, die gezwungen werden ein Kopftuch zu tragen, unter Zwang eine Ehe einzugehen? Ja
Ja. All das gibt es.
Was kann man tun?
Es hilft nicht nur zu sagen: „Das hat nichts mit dem Islam zu tun.“
Denn viele dieser Menschen nutzen gerade den Islam, um ihre Schandtaten zu rechtfertigen.
Unsere erste Aufgabe ist es selbstverständlich innerhalb der Community dagegen vorzugehen.
Tun wir genug gegen den sozialen Druck innerhalb unserer Communities? Gegen den Missbrauch des Islams für nicht-islamische Praktiken? Gibt es ausreichend Anlaufstellen in muslimischen Gemeinden für Frauen und Männer, die Gewalt und Diskriminierung erfahren? Für Eltern, die sich um die Entwicklung (gemeint ist Radikalisierung) ihre Kinder sorgen?”

2017: Bei meinem Vortrag bei der Jungen Islam Konferenz ermutigte ich die Jugendlichen, sich nicht auf ihre religiöse Identität (zu) reduzieren (zu lassen) und dabei aktiv solidarisch mit anderen Minderheiten, wie beispielsweise LGBTQ oder jüdischen Communities, zu sein.

2017: Bei meinem Vortrag im Hamburger Ramadan Pavillon sprach ich darüber sich insbesondere in diesem heiligen Monat mit Missständen innerhalb der Gemeinden zu beschäftigen. Sexismus, Gewalt gegen Frauen (Bsp Jahrestag von Hatun Sürücü), Homofeindlichkeit und vielen anderen Themen und Missständen. Meinen vollen Vortrag können Sie hier nachlesen.

2017: Das Münchner Forum für Islam lud mich gezielt zum Thema “Innerislamische Toleranz” ein. Darin geht es um den Sexismus, den Frauen erfahren, um die Obsession mit dem Kopftuch, Rassismus, Homofeindlichkeit und viele andere Themen. Mein Vortrag dort ist online nachzusehen.

Trotzdem bleibt ein Großteil der Arbeit von muslimischen Feminist_innen und Frauenrechtler_innen unsichtbar für die Öffentlichkeit. Über “die Arbeit im Stillen” habe ich in der Taz einen ausführlichen Essay geschrieben.

4- “Nähe zu Milli Görüs”

Begründet wird der Vorwurf mit dem Vortrag in 2016 und einer Kolumne aus 2012 mit dem Titel “Beobachtet”. Wie in Punkt 2 und 3 beschrieben, befasste sich der Vortrag im Rahmen der Internationalen Woche gegen Rassismus insbesondere mit der Diskriminierung in islamischen Gemeinden und der Notwendigkeit, sich für die gesamtgesellschaftliche und innermuslimische Pluralität einzusetzen, so beispielsweise für LGBTQ. In der Kolumne habe ich nicht Milli Görüs verteidigt, sondern mich kritisch zur Rolle des Verfassungsschutzes geäußert. Hier nachzulesen.

5- “Erdogan & AKP-Nähe”

Es ist perfide und haltlos, mir Parteinahme für die AKP oder Erdogan zu unterstellen. Denn der Vorwurf wird mit sage und schreibe zwei Tweets (siehe unten) aus dem Jahr 2013 begründet. Mit sehr viel weniger Aufwand hätten mir diese Personen auch eine Erdogan- und AKP-Feindschaft nachsagen können.

Hier ist ein Text von mir zu Erdogans frauenfeindlicher Rhetorik (2012), hier ein Text über eine Sexarbeiterin aus der Istanbuler LGBTQ-Community (2011) und hier betone ich, dass ich keinem der politischen Lager angehöre (2016).

Während der Gezi Proteste veröffentlichte ich mit Freundinnen eine Petition: Itidal Cagrisi. Darin forderten wir die Regierung dazu auf, mehr Verständnis für die Protestierenden zu haben und ermahnten sie zu Besonnenheit und Mäßigung: Link zur Petition.

Schon im Juni 2013 wehrte ich mich gegen die Vereinnahmung durch andere und kritisierte jene, die aufgrund des Kopftuchs glauben, man wäre eine blinde und unkritische Gefolgin der türkischen Regierung.

Sage und schreibe zwei Tweets dienen dem Vorwurf als Grundlage:

Tweet 2 ist aus dem Kontext gerissen. Er entstand im Rahmen einer Diskussion (siehe unten), in der ich zu dem Zeitpunkt die Oppositionsparteien als nicht regierungsfähig einschätzte und vorschlug, zunächst die AKP konstruktiv zu kritisieren und parallel die Oppositionsparteien zu stärken.

Doch selbst wenn ich den Tweet so gemeint hätte, wie die Kritiker ihn deuten: Im gleichen Zeitraum schrieb ich Dutzende Tweets, die entweder die AKP Regierung kritisierten, die Gezi Protestierenden verteidigten oder für mehr Verständnis für diese warben. Hier nur eine kleine Auswahl meiner zahlreichen Kommentare und Tweets:

Übersetzung: #DringendDemokratie gebraucht – Die Kritiken, die @cuneytozdemir in seinem Artikel schreibt, sind wichtig, sollten gehört werden. Bitte.

Übersetzung: Seine Vorurteile zu überwinden ist die Verantwortung des Vorurteilenden. Würden Sie sich auf der Straße mit den „Anderen“ unterhalten, dann würden sie viele Menschen finden, die Sie glücklich machen, habe ich gesagt. :)

Übersetzung: Haben wir nicht vergessen. Aber wir haben falsche Lehren daraus gezogen. Die Lehre derer, die Leid erlebt haben, sollte sein, niemals niemandem, nicht einmal ein bisschen Leid zuzufügen.

Übersetzung: Die Menschen beschimpfen einander so als würden sie nicht morgen miteinander leben müssen… Nicht, dass ihr euch morgen schämt?

Übersetzung: So wie ich nicht vergessen habe, wie mein Urgroßvater heimlich im Wald den Kuran unterrichtete, wie meine Mutter nicht zur Universität gehen konnte, werden einige die heutigen Tage nicht vergessen.

Übersetzung: Lasst uns das Morgen gemeinsam aufbauen. Lasst uns nicht Hass und Feindschaft nähren. Lasst uns in jedem Schritt und Wort an unser Morgen denken. Unsere gemeinsame Zukunft…

Übersetzung: Wäre ich in Istanbul, würde ich mich vor die Polizei stellen und sie anflehen, nicht mehr Gas einzusetzen, und würde die Freunde mit eigenen Händen von dort entfernen.

Übersetzung: Eines Tages ging der Wind eine Wette mit der Sonne ein und sagte: “Siehst du den Mann da unten? Schau, ich werde ihm die Jacke ausziehen.” #geziparki

Übersetzung: Ein vorbildlicher Text. Uns wird ehrliche und aufrichtige Eigenkritik zueinander bringen – wenn alle Teile der Gesellschaft sie üben, natürlich.

Übersetzung: Von Sirri Süreyya Önder “Als ein Armenier, ein Kurde und ein Türke eine Pflaume stahlen…” (Link) #Wir lassen uns nicht teilen.

Irritiert durch das kompromisslose Lagerdenken und um meine Haltung aber nochmal zu betonen, schrieb ich nach dem Putschversuch diesen Text beim NDR, wo ich die Reaktion vieler Deutschtürk_innen kritisierte und die Bedeutung der Solidarität mit Minderheiten in der Türkei betonte.

Trotz der großen Anspannung und Polarisierung, setzte ich immer wieder einen konstruktiv kritischen Ton an, beispielsweise durch diese Tweet-Reihe, in der ich die Wahl vieler Deutschtürk_innen zum Referendum kritisierte.

6- Vorwürfe aus dem EMMA Artikel und Interpretationen durch Dritte

Gegen die Vorwürfe im EMMA Artikel der Januar/Februar-Ausgabe gehe ich inzwischen juristisch vor.
Übrigens: Die Journalistin Melanie Christina Mohr hat eine ausführliche Replik geschrieben, die hier zu finden ist.

A – Der Satz “Die Salafisten hätten ‘auch viel Gutes gemacht’” stammt nicht von mir. Es handelt sich hier um ein Zitat einer Schülerin, die an ihrer Schule gegen Salafisten kämpft. Hier nachzulesen. Diese Aussage habe ich auch nicht “zustimmend” zitiert.

B – Natürlich verurteile ich Sexismus und sexualisierte Gewalt in islamischen Gemeinden scharf und klar. Nur als Beispiel, sei auf eine ausführliche Tweet-Reihe, die ich nach Bekanntwerden von Missbrauch in islamischen Gemeinden schrieb. Hier nachzulesen.

C – Ich bewege mich nicht im Kontext oder Umfeld des schiitischen Islamischen Zentrums Hamburg, sondern war lediglich einmal Podiumsgast zum Thema “Muslime und Medien” auf der Einheitskonferenz. Dort sprach ich über die mangelnde innerislamische Diskurs-, Kritikkultur und Öffentlichkeiten, in denen Missstände innerhalb muslimischer Gemeinden thematisiert und diskutiert werden können. Zur Einheitskonferenz laden unterschiedliche islamische Gemeinden in Hamburg jedes Jahr ein, um gesellschaftspolitische Themen rund um den Islam und Muslime zu diskutieren. Es kommen unterschiedlichste Gäste aus Politik, Wissenschaft und Medien. Außerdem: Siehe Punkt 2.

D – Natürlich habe ich nicht zu den Verhaftungswellen in der Türkei geschwiegen, wie man hier in diesem Text oder auch hier in einem von zahlreichen Tweets nachlesen kann. (Außerdem: Verweis auf Punkt 5)

E – Auch habe ich nie behauptet, dass „Integration hochgradig diskriminierend“ sei, da sie einer „Selbstaufgabe der eigenen Identität gleichkomme“. Die Äußerung „integration is highlighy discriminatory” stammt von einer feministischen Aktivistin in England. Ich stellte diese Aussage auf Twitter lediglich als Zitat kenntlich zur Diskussion. Selbstverständlich stehe ich Desintegration entschieden entgegen. Integration muss von allen gesellschaftlichen Teilen bewältigt werden – nicht nur von Migranten und ihren Nachkommen. (Ausführlichere Positionierung, siehe Punkt 7)

Auf Goethe.de folgte ein Interview, wo ich auf dieses Zitat angesprochen wurde.

„[…] Vor Kurzem haben Sie bei Twitter geschrieben: „integration is highly discriminatory“, also „Integration ist hochgradig diskriminierend“. Wie ist das gemeint?

Das ist ein Zitat von einer feministischen Aktivistin hier in England. Es geht um die Frage: Wo ist die Grenze zwischen Integration und Assimilation? Was muss jemand tun, der integriert sein will? Es gibt in Großbritannien eine ähnliche Debatte wie in Deutschland. Ich denke da auch an die Diskussion, die ich mit Thilo Sarrazin in einer BBC-Sendung hatte. Ich habe mich vorgestellt, gesagt, was ich mache, und ihn gefragt: Was wollen Sie von mir? Und er sagte zu mir: „I want you to integrate“. Was soll ich noch tun, damit ich in seinen Augen als integriert gelte? Offenbar ist hier mit Integration Selbstaufgabe gemeint, ein Ablegen der eigenen Identität. […]“

Hier ist die in Bezug genommene Diskussion mit Thilo Sarrazin abrufbar (ab Minute 39).

7 – Meine Position zu Integration

Wenn ich sage, dass man statt Integration Partizipation einfordern sollte, dann nicht weil ich Integration ablehnen würde, im Gegenteil, sondern weil Menschen erst durch Partizipation letztlich integriert sind. Fatih Akin, Jérôme Boateng, Shermin Langhoff, Dunja Hayali und etliche andere prominente Figuren, die als “integriert” gelten, sind Menschen, die sich eingebracht haben. Eine moderne Integrationspolitik sollte Partizipation möglich machen – u.a. durch Anerkennung, Chancengerechtigkeit und Teilhabemöglichkeit für alle Bürger_innen dieser Gesellschaft, ob in Stadt oder Land, arm oder reich, mit oder ohne Behinderung, mit oder ohne Migrationshintergrund, religiös oder atheistisch. Damit Menschen letztlich integriert sind.

Selbstredend stellen die Pluralität unserer Gesellschaft, das Grundgesetz, Freiheit, Recht und Ordnung die Rahmenbedingung für Partizipation dar.

8 – Solidarität

Selbstverständlich bin ich solidarisch mit Frauen, die das Kopftuch nicht tragen wollen oder ablegen – immer wieder, in unterschiedlichsten Formen, sei es in meinen Vorträgen oder Texten. Die mancherorts krankhafte, gefährliche Obsession mit dem Kopftuch thematisiere ich immer wieder. Hier ein Text über Freundinnen von mir, die es abgelegt haben. Hier mein jüngstes Posting hierzu. Und hier ein Ausschnitt aus einem meiner vielen Postings zum Thema Kopftuch:
Frauen* können sich für oder gegen das Kopftuch entscheiden. Keine darf aufgrund ihrer Entscheidung diskriminiert werden – von niemandem. Und nochmals: Wir müssen aufhören mit unserer Kopftuch-Obsession – Muslime wie Nichtmuslime. Ich weiß, ich wiederhole mich und ich bin es müde: Ein Kopftuch macht nicht religiös, kein Kopftuch macht nicht ungläubig.

9 – „Haustürken“

Eine Wort-Kreation, die ich das erste und letzte Mal 2013 in einer Kolumne (und nur wenige Tage danach in einer kritischen Reflektion zu dem Begriff) als Kritik an türkeistämmigen Islamkritiker*innen verwendete, die damals durch ihren Kronzeug*innen-Status medial einen Freischein für absurde, hanebüchene Aussagen erhielten. Dieser Begriff wurde damals weder verwendet, um regimekritische Türkeistämmige zu diffamieren, wie das heute der Fall ist, (das geschah erst ca. zwei Jahre später und nicht 2013,wie sich hier sehr einfach nachvollziehen lässt), noch habe ich diesen Begriff je in dem kritisierten Kontext verwendet. Zumal ich schon 2013 diesen Begriff für unpassend hielt.

10 – Schlusswort

Feminist_innen, Anti-Rassist_innen, sogenannte “Gutmenschen” und viele andere, die für eine plurale, offene Gesellschaft einstehen, sind derzeit unter Beschuss. Mir ist klar, weshalb: Die Welt ist komplexer als die Kategorien, in denen bislang häufig gedacht worden ist. Ich kann deshalb nachvollziehen, dass Menschen, die mich nicht klar in einfache, althergebrachte Schubladen einordnen können, irritiert sind und dass diese Ambivalenz mancherorts Abwehr erzeugt. Weil sie sichtbare Religiosität nicht mit Emanzipation und dem Einsatz für Gerechtigkeit, eine plurale Gesellschaft und Freiheit zusammenbringen können – oder wollen. Oder jene, die ein Grundmisstrauen gegen Religionen und Religiöse haben.

Ich bin dankbar für die Kritik, die mir dabei hilft, in einem ambivalenten Raum nochmal über meine Antworten nachzudenken und sie stetig und kontinuierlich auszubauen.

Derweil machen wir, mache ich weiter. Selbstbewusst. Nuanciert. Konstruktiv. Bunt. Plural.
Und mit ganz viel Herz.