10 PUNKTE, EINMAL, FÜR ALLE.

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Liebe Interessierte,

in den letzten Tagen versuchte man mir Anhängerschaft zu verschiedenen Parteien und Organisationen anzudichten. Mich enttäuscht der Argwohn, das Lagerdenken und das Unvermögen Differenziertheit zuzulassen. Doch das sagt viel aus über unser Jetzt. Unsere Gesellschaft. Uns.

Deshalb, einmal für alle.

1. Die Türkei-Expertin
Bloß weil gerade die Türkei in aller Munde ist und ich türkeistämmig bin, muss ich nicht die Türkei-Expertin spielen und mich darüber profilieren. Als Muslima spreche ich ohnehin über den Islam, so entschied ich vor Jahren nicht vollends im Klischee enden zu wollen. Deshalb kommentierte ich die Türkei kaum. In den sehr seltenen Fällen, wo ich das tat, versuchte ich ausgewogen, konstruktiv, kritisch zu sein.

2. Das Lagerdenken
Ich bin weder pro dies, noch pro das. In meiner Person und Arbeit vereine ich mehrere Identitäten und Ideale, die in allen politischen Lagern der Türkei (aber nicht nur dort) auf die eine oder andere Art und Weise anecken, wenn nicht gar fundamental widersprechen.

3. Die Solidarität
Statt in Lagern denke ich in Solidaritäten. Ich verstehe mich solidarisch mit unterdrückten Minderheiten, dazu zählen ethnische, religiöse und andere – überall auf der Welt. Das friedliche Miteinander mit unterschiedlichen Minderheiten ist mir ein wichtiges Anliegen. Das ist aber ein Prozess – denn so sehr man diese Ideale für sich selbst setzt, Solidarität bedeutet im ersten Schritt: Zuhören, zuhören, zuhören. Lernen, lernen, lernen. Und einsehen, dass man in bestimmten Kontexten zu den Privilegierten gehört – und den Luxus hat, Themen und Missstände nicht verfolgen zu müssen, ignorieren zu können.
Dabei müssen Solidaritäten immer wieder neu ausgehandelt werden. Auf dem Weg dahin, werden wir anecken, verletzt sein, vielleicht verletzen. Aber letztlich müssen wir uns diese Aushandlungsprozesse zugestehen. Daran arbeiten.

4. Die Reifezeit
Ich habe limitierte Kapazitäten. Kann nicht auf jede Mail sofort reagieren, zu allem Stellung beziehen und meine Meinung kundtun. Denn, das wird jetzt einige überraschen, ich bin ein Mensch. Keine Institution. Ich habe keinen Stab an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die für mich das Weltgeschehen dokumentieren und zusammenfassen, damit ich mir eine differenzierte Meinung bilden kann, die ich dann nach Außen kommuniziere.
Tatsächliche, eigene Meinung braucht Zeit. Sie muss reifen. Und die nehme ich mir, denn ich habe Ansprüche an mich. An das, was ich in die Welt setze.

5. Außerhalb der Kreise
Ich bewege mich außerhalb von Parteien, außerhalb von organisierten Religionsgemeinschaften, außerhalb von ideologischen Denkstrukturen & jedweden Gruppierungen. Ich folge keiner Meinung, gehöre keinem Lager an – sondern versuche aus der Menge an Informationen meine eigene Position zu bilden. Das bedeutet: Viel Zeit, viel Energie und viel Aufwand.

6. Innerhalb der Kreise
Ich rede mit verschiedenen Gemeinschaften, um die Werte, die ich vertrete, auch dorthin zu tragen. Um einen Diskurs mitzugestalten. Damit Veränderung stattfinden kann. Missstände behoben werden können. Nur das erscheint mir konstruktiv. Nur das erscheint mir konsequent. Denn lediglich Kritik aus der Ferne zu äußern, ist keine Lösung.

7. Meine Schwäche, mein Weg
Bei jeder Kritik, die ich äußere, versuche ich stets konstruktiv zu sein. Auch Teil der Lösung zu sein, eine Lösung anzustoßen. Das war immer mein Ideal, mein Ziel. Das Ausruhen auf dem Sessel der Kritikerin lag und liegt mir nicht. Meine Schwäche ist: Ich mag Harmonie. Und darauf ziele ich bei all meiner Kritik, Diskussion und Problematisierung an.
Das mag manch einer naiv finden. Manch einer nicht kämpferisch genug, schwach, dumm, unfeministisch, etc. Mit den Jahren habe ich das Selbstbewusstsein gewonnen, zu wissen, dass diese Schwäche mich ausmacht und – wenn auch nicht in jedem Kontext – meine Stärke geworden ist. Ich respektiere und ehre all jene, die für die gute Sache einen der vielen anderen Wege einschlagen.

Aber, dieser Weg ist meiner.

8. Die Differenzen
Auf diesem Weg bemühe ich mich darum Diffamierungen einzelner, (öffentliche) Lästereien, Kritik unter der Gürtellinie, grundlose/überzogene/vermeintliche Kritik zu umgehen, mich nicht auf dem Rücken derer zu profilieren, die weniger Stimme, Privilegien und Einfluss haben als ich, mich von der Wolke unserer beizeiten giftigen Internetdiskussionskultur und dem Gesinnungskult fernzuhalten.

9. Das Glück im Streben
Ich weiß, dass meine Ideale lediglich Ideale sind. Dass die Umsetzung dieser ein Weg ist. Und weil der Weg das Ziel ist, weil die Haltung nicht nur am Inhalt, sondern auch im Ton, dem Paket, deutlich wird, habe ich mich dafür entschieden auch auf dem Weg zum Ziel glücklich zu sein. Mein Glück nicht auf das Ziel zu verschieben.

10. Die Illusion
Das Internet suggeriert uns, Schnelligkeit sei eine Qualität. Lautstärke sei Relevanz. Und Kritik an und für sich eine Tugend.
Ich habe gelernt, dass dem nicht so ist. Es ist nicht einfach, diesem Wissen im Internet treu zu bleiben. Und ich weiß, dass viele Tausende andere es ebenso versuchen. Das Internet kann unser hässlicher Spiegel sein. Vorbote dessen, was uns womöglich offline erwarten. So wie wir ihn unerträglich machen, können wir ihn erträglich machen. Respektvoll, friedlich, kritisch, differenziert, reflektiert.

ISLAMISCHER FEMINISMUS – INTERNATIONALE ANNÄHERUNGEN

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Unsere internationalen Gäste Anse Tamara Gray, Hind Makki, Malika Hamidi und Hanane Karimi im Kulturzentrum der Sehitlik Moschee, Berlin. credit: Nafisa.de

Diese Woche fand endlich eine Konferenz zum Thema Islamischer Feminismus statt ausgerichtet von der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Aktionsbündnis muslimischer Frauen. An der Erstellung des Konzeptes habe ich im Auftrag der FES mitgewirkt. Bei dieser ersten Konferenz war uns mir wichtig, zunächst eine internationale Perspektive einzuholen und die Thematik in einen internationalen Kontext zu setzen bevor wir uns auf der nächsten auf Deutschland fokussieren. Anse Tamara Gray aus den USA, die den Eröffnungsvortrag hielt, erklärte den islamischen Zugang zum Feminismus (ihr Vortrag wird demnächst auf der FES Seite veröffentlicht). Sie selbst setzt in ihrer Arbeit auf Bildung, Bildung, Bildung – insbesondere auch religiöse Bildung. Und ist der festen Überzeugung: Erst wenn Frauen (gilt natürlich auch für Männer) selbst die Schriften lesen, verstehen und kennen, können sie verhindern, dass ihnen ihre religiösen Rechte (wie zum Beispiel das Recht auf Bildung, eigenes Geld zu verdienen oder politisch aktiv zu sein – von FGM und anderen Mißständen ganz zu schweigen) entzogen werden und ihre Religion missbraucht wird. Mehr zu ihrem Vortrag findet ihr auch hier.

Hind Makki aus den USA, Malika Hamidi aus Belgien und Hanane Karimi aus Frankreich gaben Einblicke in die Debatten in ihren jeweiligen Ländern, die Bewegungen, Herausforderungen und Entwicklungen. Schnell wurde deutlich, dass sie sich hierbei ähneln.20160206002133 Islamophobie bzw. antimuslimischer Rassismus prägen die Arbeit muslimischer Feministinnen – während sie einerseits versuchen Mißstände in muslimischen Communities anzugehen, versuchen sie gleichzeitig die Instrumentalisierung dieser zu verhindern. Das kann manchmal lähmend wirken. Und – wie auch in Deutschland der Fall – den Eindruck erwecken, Probleme würden verschwiegen oder ausgeblendet werden. Hind Makki erzählte in ihrem Vortrag eindrucksvoll, welchem Gegenwind muslimische Feministinnen ausgesetzt sind, wenn sie genau diese Mißstände offenlegen und wie sie der potentiellen Instrumentalisierung durch rechte Gruppen trotzen. In den USA kam ihnen die feministische Arbeit religiöser Christinnen und Jüdinnen zu Gute, in deren Reihen sie medial verortet worden sind.

Es war womöglich das erste Mal, dass internationale muslimische Feministinnen auf einem öffentlichen Podium in Deutschland saßen und miteinander über diese Themen diskutierten, ohne dass ihnen von anderen Vortragenden entweder der Islam oder der Feminismus abgesprochen werden, in denen sie nicht ihre intellektuelle Existenz beweisen und verteidigen müssen. Es gibt zahlreiche akademische Konferenzen zu diesen Themen, wenige aber, die sich auf die Praxis fokussieren, die Intellektuellen, die Handelnden – jene, die ihre feministische und gesellschaftliche Arbeit, ihren Einsatz für Gerechtigkeit theologisch begründen.

Deshalb bin ich gespannt auf die Folgekonferenz, bei der wir uns auf Deutschland fokussieren und einige der Verbesserungsvorschläge, die bereits angeklungen sind, bestmöglich umsetzen werden. Übrigens: Dr. Kathrin Klausing und Nina Mühe werden demnächst auf Nafisa.de einige Interviews mit den Referentinnen veröffentlichen – auch darauf bin ich sehr gespannt!

Alle Bilder haben die Damen von Nafisa.de zur Verfügung gestellt. Dankeschön!

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