“ICH FÜRCHTE DIE KRAFT DER ERINNERUNGEN”

6Bildcredit: Damir Šagolj

Niemals vergessen: 11. Juli 1995, Srebrenica.

Heute gedenken wir Srebrenica. Ich kann mich noch sehr gut an diese Tage vor 18 Jahren erinnern, als meine Eltern gemeinsam mit uns kleine Hilfspakete zusammenstellten, um sie nach Bosnien zu verschicken; daran, wie sie Veranstaltungen organisierten und Spenden sammelten; daran, dass meine Eltern demonstrieren gingen. Ich trug auf diesen Veranstaltungen Gedichte über Bosnien vor. Und meine Schwester und ich verpackten gemeinsam mein Asthma-Gerät, das ich nicht mehr brauchte. Einem Kind in Bosnien sollte es nun helfen.

Ich war mir des Ausmaßes des Schreckens nie bewusst. Um ehrlich zu sein, denke ich nicht, dass ich es bis heute wirklich begriffen habe – möglicherweise deshalb, weil es unbegreifbar ist? Wie erinnert man an eines der dunkelsten Flecken der neueren europäischen Geschichte? Man sollte vielleicht einem Bosnier lauschen, der diese Tage reflektiert.

Adnan Softić ist ein Freund, den ich nur selten sehe. Aber oft an ihn denke. Er ist Regisseur, in meinen Augen aber auch ein Philosoph, Denker, ein feinfühliger und vorsichtiger Mensch. Er benutzt Wörter anders als ich sie nutzen würde, gibt ihnen eine neue Bedeutung und überrascht mich beizeiten. Manchmal spricht er rätselhaft und doch ganz klar – man muss nur mit beiden Ohren hinhören. Er ist halt ein Künstler.

Und Bosnier. 1975 ist er dort geboren, heute lebt er wie ein Nomade, mal hier mal dort. Hin und wieder in Hamburg. Heute ist er in Sarajevo und schickte mir – das schwache Internet seines Nachbarn nutzend – diese wunderbaren Gedanken über die Gefahren des kollektiven Erinnerns, Nationalismus und Identität.

In seinen Arbeiten geht es oft auch um Erinnern, wie bei seinem neuesten Filmprojekt „Wie Schnee von gestern“. Im Interview mit der FAZ zitiert die Interviewerin den Journalisten Vurkorep. Über Adnans Film „Ground Control“ schrieb er:

„Hamburg, 1999. Ein junger Mann am Anfang seines Schaffens. Er trägt genau diese bosnische Bürde mit sich – und redet Klartext. Er räumt auf. Endlich bricht jemand mit der Vergangenheit und klärt die Verhältnisse, ohne Rücksicht auf den eigenen Schmerz oder den der anderen. Kann der erste Impuls eines jungen Mannes auch anders sein, ein Mensch auf der Suche nach der wahren Kunst? Eben nur so geht es. Die Wahrheit beim Schopf packen – die bloße und radikale Tat selbst durchführen.“

Deshalb überlasse ich das Wort ihm, Adnan Softić:


Am 11. Juli gedenken wir Srebrenica.

Und ich denke an Foča. Nach den systematischen Vergewaltigungen und Vertreibungen wurde diese Stadt in Srbinje umbenannt. Foča verschwand auf diese Weise von der Landkarte und mit ihr die Erinnerung. Mittlerweile heißt die Stadt wieder wie früher. Ansonsten ist so gut wie nichts mehr reversibel. Und was ist mit den Erinnerungen? Nach einem gescheiterten Versuch im Jahr 2004 eine Gedenktafel zu stellen, gab es keine weiteren Versuche an die Opfer zu gedenken.

Srebrenica ist eine Erkenntnis, dass wir Menschen nicht selbst verfügen und bestimmen können, wer und was wir sind. Und wie leicht wir auf Beliebiges reduziert werden können. Die Erkenntnis, dass unsere Kraft daran zu rütteln und sich vor der Fremdbestimmung zu wehren gleich Null ist.

Wie gern wüsste ich den eigentlichen Grund für die Frust, die fähig war so viele Menschen zu vernichten? Was für ein Versprechen ist es, das Menschen dazu bringt, sich an eine Geschichte, die in einem 600 Jahre alten Ereignis verankert ist, dermaßen zu binden? Was gibt ihnen solche Sicherheit? Angenommen, ein wenige Tage altes Ereignis wird jedes Mal bedenkenlos und auf die gleiche Art und Weise wiedergegeben, so gilt es als unglaubwürdig, oder gar als erfunden. Je weniger Informationen wir haben, desto mehr Vorsicht ist angesagt. Aber bei nationalen Überlieferungen scheinen sich gerade dann alle Lücken in den Erzählungen zu schließen, wenn der zeitliche Abstand am größten ist. Und vielleicht konnten sich die Serben in den 90er Jahren deswegen zweifellos und exakt erinnern. Vor diesem Hintergrund sahen sie, dass die „Feinde“ von damals noch immer dort lebten und dass sie einen, nach wie vor, essenziell bedrohten. „Es ist der Augenblick gekommen, um Srebrenica nach 500 Jahren von den Türken zu befreien“, verkündete General Ratko Mladić in die Kamera eines Belgrader TV-Journalisten an dem Tag als die Stadt von serbischen Truppen eingenommen worden war. Auf diese fantasievolle Weise wurden wir zu „den Türken“, obwohl wir kein Türkisch sprachen, vielleicht nicht einmal einen Türken kannten und uns selbst gar nicht so empfanden.

Und man setzte auch dieses mal – wie so oft in der Geschichte – alles Verfügbare ein, um dem eigenen historischen Idealismus entsprechen zu können; um den Fehler der Geschichte zu begradigen, um gründlich aufzuräumen und detailliert zu säubern. Diese Art von kollektiver Hygiene ist das Schmutzigste, was die Welt gesehen hat. Der wahnsinnige Traum ein für allemal mit sich im Reinen und nur unter sich zu sein, wird und kann nie aufgehen, ohne sich damit für die Ewigkeit dreckig zu machen.

Srebrenica ist ein Substitut für Žepa, Foča, Višegrad, Prijedor, Trebinje, Ahmići, Sarajevo und noch viele andere Orte in Bosnien und Herzegowina. Aber Srebrenica reicht noch weiter und erinnert an Leid der Tschetschenen, Uiguren, Palästinenser und Rohingya. Es ist ein Symbol für die Sinnlosigkeit eines UN Einsatzes, für die Verlogenheit Europas. Slavoj Žižek fragte mal in etwa: »Was wäre passiert, hätten muslimische Extremisten in nur drei Tagen über 8000 Männer und männliche Kinder hingerichtet oder 3,5 Jahre lang Sarajevo eingekesselt und beschossen?«

Srebrenica ist auch daran Schuld, dass in Bosnien die nationalistischen Strömungen das Land definieren und das auch in Zukunft tun werden. Etwas, was das Land auf Dauer zerstören wird. Aus der Pflicht heraus, dieses grausame Ereignis nie zu vergessen, neigen viele Bosniaken dazu. die nationale Identität über alles andere zu stellen. Und sie merken dabei nicht, wie sie auf eine gewisse Art gar die Logik des Feindes übernommen haben und damit noch einmal mehr verlieren.

Ich fürchte die Kraft dieser Erinnerungen an Srebrenica. Vor allem fürchte ich sie auf lange Sicht und zugleich weiß ich, dass das Vergessen noch gefährlicher und dämlicher wäre.

Srebrenica ist leider zum Symbol, zum Fragenkatalog und zur Gedenkstätte für all das und noch viel mehr geworden, obwohl Srebrenica oder der 11. Juli als Ereignis alleine – ohne Politik, ohne Ideologie – mit dem, was es in sich trägt, endlos unerträglich ist. Tausende Frauen ohne männlichen Angehörigen, gut versteckte Knochen und freilaufende Mörder.

Srebrenica ist unfassbar unerträglich. Und deshalb zieht es das ganze Leid der Welt auf sich.

9 Comments “ICH FÜRCHTE DIE KRAFT DER ERINNERUNGEN”

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  2. AyseBlogosphere

    ‘Srebrenica ist auch daran Schuld, dass in Bosnien die nationalistischen Strömungen das Land definieren und das auch in Zukunft tun werden. Etwas, was das Land auf Dauer zerstören wird. Aus der Pflicht heraus, dieses grausame Ereignis nie zu vergessen, neigen viele Bosniaken dazu. die nationale Identität über alles andere zu stellen. Und sie merken dabei nicht, wie sie auf eine gewisse Art gar die Logik des Feindes übernommen haben und damit noch einmal mehr verlieren.’

    Wie wahr.

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  3. Thomas Holm

    Der Dank dafür, dass die NATO das beendet hat, war 9/11. Für Syrien, wo das Töten inzwischen viel flotter vor sich geht, als in Bosnien, gilt daher die Devise: “Bitte nicht stören” und “Respekt !”. Und derweil taumelt die Türkei in die offenem Arme von Putins Shanghaier Eurasischem Anti-Rassismus-Club.

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  4. Chris

    Hallo Kübra,

    Du kannst es drehen und wenden wie Du willst, Rassismus und Hass ist im Menschen tief verwurzelt und die Schöpfung Mensch völlig fehlgeschlagen.

    So wie ich als Tourist Bosnien besucht habe und mich über die gruseligen Momente in Sarajevo, Mostar und vielen anderen Städten stets aufgeregt habe, so habe ich mich auch in meiner Zeit in Stuttgart über die Afrikaner aufgeregt die mich stets und ständig ignorierten.

    War es in 4 Jahren ein leichtes, mit Polen und Griechen als sogenannte “Ausländer” ins Gespräch zu kommen, war dies mit Afrikanern und Türken unmöglich.

    Als Ostdeutscher wurde ich von meinen Westdeutschen “Brüdern” beschimpft, ich glaube so ein innerdeutsches Problem im gleichen Volk hast Du nie kennengelernt.

    Ich, z.B. werde mich auf Grund meiner Erfahrungen in Westdeutschland niemals mit der arabischen Welt anfreunden können, ganz im Gegensatz, z.B. mit der russischen Welt. Und das ist auch die Meinung der meisten Deutschen, auch wenn sie es nicht offen zugeben.

    Deutsche wollen mit Muslimen nichts zu tun haben, ebenso nichts mit der arabischen Welt. Diese Grundtendenz ist schwierig für eine Kommunikation, aber die ständig kriegerische Auseinandersetzung der Völker der Welt wirst Du nicht aufhalten können.

    Viele Grüße,

    Chris

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    1. Oliver

      Leider ist es nicht einfach nur lächerlich, sondern ein Steinchen im Mosaik der sich in Deutschland zunehmend offen aussprechenden Ressentiments und einer Fremdenfeindlichkeit, die sich in den Angehörigen islamischer Religionen ein zurechtgeschustertes Feindbild ausdeutet. Gut die Häfte meiner Kollegen hat einen Migrationshintergrund hinsichtlich Ländern, in denen der Islam (verschiedener Traditionen) die Religion der Mehrheit ist. Und von fast keinem und keiner dieser KollegInnen weiß ich näher, ob er oder sie gläubig ist oder nicht, sich als Muslim(a) definiert oder nicht. Denn keiner drängt einem seine Religiösität auf. Schon diese kleine selektive Erfahrung steht Pate dafür, wie sehr hier Menschen etwas aufblasen, um es dann für eigene Absichten zu instrumentalisieren. Dann sieht man eben nur die Muslima in der Burka, aber nicht mehr, dass sie Chucks trägt.

      Srebrenica ist ein Mahnmal und Erinnerungsort dafür, wohin diese Feindbilder schlimmstenfalls am Ende führen können. Ich war damals in einer Schulklasse kurz vor dem Abitur und hatte etwa 10 MitschülerInnen aus Jugoslawien, die sich durch den Krieg genötigt sahen (so meinten sie es damals), sich nun verstärkt über ihre Ethnien zu definieren. Die jungen Männer überlegten tatsächlich (für mich erschreckend, denn in keinem konnte ich einen Menschen, der töten würde, erkennen) in den Krieg zu ziehen, während man sich innerhalb der Klasse untereinander noch als Mitschüler verstand, es beispielsweise keinen Streit gab, eher Versuche zu verstehen und sich in diesem Verständnis dann zu befragen und zu positionieren. Man bekam einen absonderlichen Hybrid vor Augen, wie gleichermaßen gelungene Integration aussieht und woran sie scheitern kann.

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  5. Thomas Holm

    @ Nelly, Oliver “so was lächerliches”

    Putin hat die Srebrenica-Resolution im Weltsicherheitsrat gekillt und der damalige Kanzler ist von seiner (pro-muslimischen) Serbien-Politik abgerückt. Mein Hinweis auf Syrien – vor zwei Jahren – (wo nichts und niemand gerettet wurde/wird) und die prekäre Perspektive für die NullProblemo-Politik der Türkei, wo nichts mehr zu retten erscheint …

    “Die jungen Männer überlegten tatsächlich … in den Krieg zu ziehen”

    Heute haben Aberhunderte fix fertig überlegt und die Reise geht direkt ins Heilige Land; in einen Krieg wegen …
    irgendwelcher unerledigter Dinge, in “Ländern, in denen der Islam (verschiedener Traditionen) die Religion der Mehrheit ist”.
    Irgendwem muss es gelungen sein, diese Mannigfaltigkeit zu Ressentiments und Feindbildern zu schustern. Zwischen den Angehörigen “islamischer Religionen” – das ist wahrscheinlich nicht ganz korrekt ausgedrückt, dafür aber voll zutreffend.

    Insgesamt ist dieser Vorgang für das 21.Jahrhundert natürlich völlig lächerlich. Mit sowas sollte man eigentlich ca. drei Jahrhunderte vorher abgeschlossen haben. “Man bekam einen absonderlichen Hybrid vor Augen” …

    Da fällt mir spontan Irans Fahne über der Damaszener Umayyaden-Moschee zu ein – aus Anlass der Beilegung eines schwer durchschaubaren Konfliktes mit dem Westen. Immerhin scheint der Westen jetzt eine Schiiten-Politik zu haben.

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  6. Thomas Holm

    @Chris

    “anfreunden … mit der russischen Welt”. Kunststück, wo Neu-Russland mit der Losung “No borders !” ernst macht.

    Russland ist es gelungen, sich unentbehrlich zu machen – angesichts einiger westlicher Enttäuschungen mit der Welt der Muslime. Die für “Nation-building” verpulverten Trillionen sind nicht ohne Wirkung geblieben, sodass man jetzt eher den “Zerfall” von Staaten mit Langmut begleitet. Das Haus al-Assad hat es x-Mal angekündigt und jetzt läßt man es laufen und hofft noch, dass der Iran sich ja vielleicht mäßigend engagieren könnte. Wahrscheinlich ist diese Naivität noch nicht mal gespielt; eben sowenig, wie die Naivität bei “Nation-building”.

    “auch die Meinung der meisten Deutschen, auch wenn sie es nicht offen zugeben”

    Die mangende Bereitschaft, echte Begeisterung für Putin zu zeigen, wird jedoch freundlicherweise durch fleißige Subbotniks in einschlägigen Troll-Fabriken ausgeglichen. Relativ offenherzig wird dagegen in Teilen unserer post-progressiven Jugend eine bemerkenswerte Kurdistan-Begeisterung gepflegt.

    Man fährt tatsächlich im Che Guevara T-shirt an eine improvisierte NATO-Südflanke gegenüber einem “Gewalttätigen Extremismus” dem sich der dortige NATO-Felsen nicht so wirklich zu erwehren motiviert scheint.

    Auch MärtyrerInnen gibt es bereits. Kann jemand beurteilen, ob dieser internationalistische Genosse gut kurdisch spricht ?

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