DAMALS

IMG_0036Es ist Sonntagnachmittag in Hamburg. Meine Großfamilie hat sich bei meinen Großeltern versammelt, um sie zu verabschieden. Sie werden – wie jedes Jahr – ein halbes Jahr in der Türkei verbringen. Jedes Mal, wenn sie gehen, fühle ich mich durstig nach ihren Geschichten, ihrer Vergangenheit. Jedes Mal ergreift mich die Sorge, es könnte die letzte Gelegenheit sein. Ich spüre den Drang, sie festzuhalten, als Geschichten. Bevor sie vergessen werden könnten – so als hätte es sie nie gegeben.

“Hast du schon mal jemanden sterben sehen?”, frage ich meinen Onkel und stochere lustlos im Kartoffelsalat. “Hm, ja”, sagt er und beißt in die Hähnchenkeule. “Echt?” “Ja. Zwei Kumpel von mir.” Er isst weiter. Ich lege meine Gabel hin und schaue ihn ungläubig an. “Also vor deinen Augen?” Er nickt und füllt sich den Teller auf. Ich schnappe mir mein Notizbuch.

Beim ersten Mal war mein Onkel gerade einmal 12 Jahre alt. Mit seinen Freunden Georgie und Johnny spielte er nach Schulschluss auf dem Fußballfeld hinter der Schule. Sie hielten sich am Lattenrost des Fußballtors fest und baumelten hin und her, als das Tor nach hinten kippte und Georgies Kopf einklemmte und tödlich traf. Georgies Familie gehörte ein griechisches Restaurant. Nach Georgies Tod sind sie mit ihrer Tochter für immer nach Griechenland zurückgekehrt, erzählt mein Onkel.

Ein paar Jahre später, mein Onkel war inzwischen ein Jugendlicher, hatte er sich mit Freunden auf dem Spielplatz versammelt, als ihr Freund Schlappi dazukam, mit einer Waffe in der Hand. “Na, soll ich schießen?”, fragte er und lachte. Dann zielte er auf Stefans Kopf: “Soll ich dich erschießen, Stefan?” Er drückte ab, die Kugel schoss durch Stefans Kopf und tötete ihn. Abdus, der hinter ihm stand, wurde durch die Wange in die Luftröhre getroffen. Entgeistert sei Schlappi davongerannt, erzählt mein Onkel. Später erfahren sie durch die Polizei, dass er sie eigentlich nur erschrecken wollte. Er hatte heimlich die Waffe seines Vaters genommen und die Munition entfernt. Eine Kugel sei aber noch im Lauf gewesen. “Schlappi ist danach abgetaucht. Wir haben ihn nie wieder gesehen”, sagt mein Onkel. “Und Abdus?” “Er hat heute noch eine Narbe an der Wange.”

Mein Onkel hatte schon immer eine gewisse Coolness an sich. Als Jugendlicher war er sportlich, gut gebaut, Ringer, trug gepflegte Tolle, Pilotenbrille, Jeans und T-Shirt. So habe ich ihn aus Kameraaufnahmen in Erinnerung. Noch heute, Geschäftsmann mit Frau und drei Kindern, hat er eine Lässigkeit, als würde er der Welt sagen wollen “Macht doch mal locker.”

Es ist das erste Mal, dass er mir im Detail Geschichten aus seiner Jugend erzählt, von Hamburgs Straßen vor zwanzig Jahren und dem Leben in den Gastarbeitervierteln. Davon, wie seine Freunde und er am Wochenende nach Bergedorf fuhren, um dort Neonazis zu verprügeln. “War Rassismus damals Thema bei euch?”, frage ich. “Natürlich.” Mein Onkel erzählt von Solingen, Mölln, Hoyerswerda und Rostock. Von der Wut, dem Ärger. Und wie sie damals aus Hamburg gemeinsam nach Solingen fuhren, um zu demonstrieren.

Es ist das erste Mal, dass er mir die Türen zu einem anderen Hamburg öffnet. Das erste Mal, dass ich einen neuen, persönlichen Blick auf die Brandanschläge bekomme, die sich diese Woche zum zwanzigsten Mal jähren. Es ist aber auch das erste Mal, dass ich ihn frage.

 

Diese Kolumne erschien zunächst in der Taz vom 27. Mai 2013

 

“TAKTLOS” – REAKTIONEN ZU ANNE WILLS THEMENWAHL AM 20. JAHRESTAG VON SOLINGEN

Die Diskussion heute auf Twitter zu Anne Wills Sendung “Allahs Krieger im Westen – wie gefährlich sind radikale Muslime”, die ausgerechnet am 20. Jahrestag des rassistischen Brandanschlags in Solingen stattfindet, habe ich auf Storify zusammengefasst:

 

 

ZWANZIG JAHRE

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Standbild aus den ARD-Aufnahmen des Brandes am 29. Mai 1993 in Solingen

20 Jahre ist der Brandanschlag in Solingen her. Doch es ist, als brenne das Haus von Mevlüde Genc noch heute lichterloh. So präsent, so wichtig und aktuell erscheint das Feuer.
Mögen Hülya Genç, Gülistan Öztürk, Hatice Genç, Gürsün İnce und Saime Genç in Frieden ruhen.

Wir müssen zusammen leben wie Geschwister. Wir sind alle Menschen, die von Gott erschaffen wurden. Wir haben den gleichen Gott. – Mevlüde Genc

Heute findet in Solingen die Premiere des Dokumentarfilms 93/13 von Mirza Odabasi statt. Odabasi reiste durch Deutschland und dokumentierte die vergangene, gegenwärtige und künftige Erinnerung des Brandanschlags in einem berührenden Film.

DIE DEUTSCHEN HAUSTÜRKEN

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Necla Kelek und Thilo Sarrazin am 30. August 2010 auf der Pressekonferenz anlässlich Sarrazins Buchveröffentlichung “Deutschland schafft sich ab” in Berlin (Bildcredit Taz)

Auch als Minderheit hat man Privilegien. Beispielsweise dann, wenn man sich in der Öffentlichkeit bewegt. Dort haben wir eine Deutungs- und Meinungshoheit über unsere Leute, unsere Minderheit. Das ist unsere Geldmaschine. Unsere Macht.

Ich könnte jeden Schwachsinn erzählen, ich würde immer irgendwo Menschen finden, die ihn bereitwillig glauben. Denn wenn ich es sage, „die Türkin“, „die Muslimin“, dann wird es schon stimmen. Ich muss nichts beweisen. Das fängt an bei ironischen Märchen wie: „Na klar duschen wir mit dem Kopftuch“ (schon passiert). Und hört tatsächlich nirgendwo auf. Er geht so weit, wie „der Türke“ oder „die Türkin“ ihn gerne treiben mag.

„Die [islamisch erzogenen, Anm. der Red.] Menschen haben nicht die Fähigkeit, ihre Sexualität zu kontrollieren“, sagte Necla Kelek im ZDF und fuhr fort: „Besonders der Mann nicht, und der ist ständig eigentlich herausgefordert und muss auch der Sexualität nachgehen. Er muss sich entleeren, heißt es, und wenn er keine Frau findet, dann eben ein Tier […].“

Tja, wenn selbst „die Türkin“ (und wenn sie Lust hat, auch „die Muslimin“) Kelek erzählt, dass muslimische Männer ihre Sexualität an Tieren entleeren, dann muss es halt stimmen. Und ganz egal, was die UNO kürzlich dazu sagte – Thilo Sarrazin kann kein Rassist sein, weil „die Türkin“ Kelek doch eifrig nickte, bei seiner Buchveröffentlichung mit am Tisch saß. Wenn selbst „die Türkin“ ihm zustimmt, dann hat er sicher recht. Continue reading

ÜBER DEN BEGRIFF “HAUSTÜRKEN”

Mit “Die imaginären Haustürken” hat Anatol Stefanowitsch einen klugen und kritischen Kommentar zu meiner letzten Kolumne in der Taz “Die deutschen Haustürken” geschrieben. Deshalb möchte hier auf meinem Blog darauf eingehen. In seinem Kommentar kritisiert er die Verwendung des Begriffs “Haustürken.”

Seine erste Kritik bezieht sich auf den historischen Zusammenhang. Nachdem er den Zusammenhang und die Berechtigung der Nutzung dieses Begriffs durch Malcolm X erklärt, fährt Stefanowitsch wie folgt fort:

Tatsächlich aber dürften wenigstens Zweifel an der Existenz einer großen Zahl von „Onkel Toms“ angebracht sein. (Quelle: “Die imaginären Haustürken”)

Ich denke nicht, dass die Zahl der “Onkel Toms” in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist, da es sich um eine Typologisierung einer Mentalität handelt.

Auch Haussklaven waren Sklaven, die ausgebeutet und missbraucht und ohne Rücksicht auf Familienbeziehungen ge- und verkauft wurden. Die Idee, dass sie das nicht durchschaut und sich stattdessen in großer Zahl mit ihren Peinigern solidarisiert haben, dürfte eher (weißen) medialen Darstellungen als der Wirklichkeit entspringen. Zumindest verbietet es sich, die Narrative unreflektiert zu übernehmen und auf andere Zusammenhänge anzuwenden, wie Gümüsay das tut. Spätestens mit dieser Übertragung akzeptiert man den Wahrheitsgehalt, und damit die rassistische Perspektive, dieser Narrative. (Quelle: “Die imaginären Haustürken”)

So habe ich Malcolm X nicht verstanden. Continue reading