WUT VERLASSEN

 

Irgendwann habe ich beschlossen, nicht mehr wütend zu sein. Nicht mehr wütend über die bis in den Himmel stinkenden Ungerechtigkeiten von Menschen und auf ihre Macht. Denn die Wut ändert nichts an der Ungerechtigkeit, aber mich. Sie macht den Wütenden kaputt, verbittert. So will ich nicht werden.

Und dann ist es passiert: Die Wut war weg. Ich kann nicht mehr genau sagen, wann das geschehen ist. Die Wut ist langsam und vorsichtig gegangen und hat eine seltsame Gelassenheit in mir hinterlassen. Eine, die mich manchmal selbst überrascht. Ich spüre kein dringendes Verlangen mehr, alles und jeden zu überzeugen, mich zu verteidigen. In Menschen, die mich aufgrund von Äußerlichkeiten nicht mögen oder gar hassen, sehe ich eine spannende Herausforderung. Ich will sie verstehen.

Vielleicht ist das nur eine Phase, vielleicht bin ich jetzt erwachsen. Ich vermute aber, dass es die Reisen sind, die mich verändert haben. Die neuen Menschen und Welten; Dinge, die mich herausfordern. Momente, in denen ich mich mit Menschen verbunden fühle, mit denen ich – scheinbar – nichts gemeinsam habe. Es ist als würde man beim Reisen Graben überwinden, Normen und Gewohnheiten.

Im Zug zwischen Davis und Berkeley an der Westküste der USA schreit mich eine Frau an. Sie schimpft über die Muslime, die den Westen ruinierten. Dann schaut sie mir in die Augen. „Nichts gegen dich“, sagt sie. „Aber die Muslime sollten endlich zurück in ihre Länder. Und ihr Öl können sie mitnehmen!“

Sie dreht sich um und setzt sich auf den Platz direkt vor mir. Ihre Hose ist hinten verdreckt, das T-Shirt zerrissen und ihre ergrauten Haare zerzaust. Sie sieht müde aus.

Ich schaue aus dem Zugfenster auf die Landschaft, an der wir vorbeirasen. Es ist ein anderes Amerika, das ich bei dieser Reise erlebe. Nicht mehr nur Großstädte mit Glitzer, hellen Nächten und beschäftigten Menschen, sondern auch Natur, Grün, ruhige, kaputte Menschen, Armut und Einsamkeit. Ich nehme mir meine Kamera aus der Tasche und filme die Landschaft.

Die Frau lächelt. Sie schnappt sich ebenfalls ihre Kamera und macht Fotos. „So schön“, sagt sie und seufzt. „Endlich zurück.“ „Ja“, sage ich, „sehr schön.“

Ich beobachte, wie sie aus dem Fenster schaut, schmerzvoll lächelnd und zitternd. „Weißt du“, flüstert sie, „ich bin gekommen, um zu sterben.“ Sie habe Krebs, keine Versicherung, einen Sohn im Gefängnis, eine Mutter, die sie hasst, und bald werde es ein Tsunami geben. Sie werde ihn stoppen. Weil ihr Sohn im Gefängnis nicht weglaufen und sich schützen könne.

Ein paar Wochen später bin ich im konservativen US-Staat Texas. Meine Freundin Macarena ist dort Professorin an einer kleinen Universität. Letzte Woche hätten sie im Unterricht über Muslime diskutiert, hitzig und schwierig sei die Debatte gewesen. „Die haben noch nie Muslime getroffen“, erklärt Macarena. Heute sitze ich mit ihr vor den Studenten. Einige vermeiden Augenkontakt. Die Stimmung ist angespannt. Ich erzähle drauf los, die Stimmung löst sich. „Fragt ruhig“, sage ich anschließend. „Egal, was ihr wollt.”

Es kommen die klassischen Fragen zu Terror, Unterdrückung und Kopftuch. Dann meldet sich eine Studentin zu Wort. Ich kenne sie, sie war vergangene Woche auf der Konferenz, zu der Macarena mich eingeladen hatte. Sie möchte gerne etwas gestehen, sagt sie. Das erste Mal habe sie von Muslimen aus dem Fernsehen erfahren, der 11. September war es gewesen. Später habe sie in der Schule ein Buch über eine unterdrückte Frau in Saudi Arabien gelesen. „Jedes Wort habe ich aufgesaugt”, sagt sie.

„Und dann hatten wir eine muslimische Nachbarin. Ich habe sie nicht sehr oft gesehen.” Sie wird rot, ihre Augen gläsern. „Eines Tages stand ein Krankenwagen vor ihrem Haus. Ihr Mann hatte sie die Treppen heruntergestoßen.” Sie lächelt mich an. „Es ist das erste Mal, dass ich eine Muslimin wie Sie kennenlerne.”

Macarena schickt mir später einen Text, den die Studentin über unsere Begegnung geschrieben hat. Er endet mit den Worten: „Ich möchte meine Welt neu ordnen, verstehen und mögliche Missverständnisse beheben. Ich weiß, es wird lange dauern. Aber ich kann mir keinen besseren Weg mehr vorstellen, als mein Leben mit der Suche nach der Wahrheit zu verbringen, statt mit Lügen zu leben.“

Das möchte ich auch. Denn die Wut macht blind.

Eine verkürzte Fassung dieses Textes erschien zuvor in der Taz-Tuchkolumne am 03. Dezember 2012

Übrigens: Zusammen mit diesem Text produzierte ich dieses Video, klick hier.

7 Comments WUT VERLASSEN

  1. Chadidscha

    Danke für diesen schönen Text. Hoffentlich regt er noch andere an, sich von unfruchtbarer (Rechtfertigungs-)Wut zu verabschieden. Ich bin jedenfalls dabei.

    Diejenige Wut aber, die dazu beiträgt, Veränderungen zum Besseren anzustoßen, Veränderungen, welche die Welt ein klein wenig gerechter machen könnten, die sollten wir uns erhalten. Vielleicht reicht es, einfach das “W” gegen ein “M” auszutauschen.

    Reply
  2. Yasmin S.

    Danke für den Artikel liebe Kübra.
    Jeder sollte diesen Artikel mal lesen, den leider sehen wir nur die Reaktionen der Menschen und wollen uns gar nicht bewusst werden dass de Reaktion auch einen Auslöser hat …Nicht nur wie wir vllt grob annehmen von den Medien manipuliert..jeder Mensch hat seine eigne Geschichte und Erfahrungen gemacht..Wir sollten lernen unsere Wut weg zustecken und anfangen Empathie mit unseren Mitmenschen zu empfinden..Erst dann kann man deren Reaktionen verstehen …nur leider leben wir in einer Zeit wo sich kaum einer noch Zeit nimmt um über andere Gedanken zu machen (im positiven sinne) oder überhaupt sich mit sich selbst wirklich auseinander setzt, so wie die Studentin aus deinem Artikel.. :)
    Wir sollten uns alle diese Studentin als Vorbild nehmen.

    Reply
  3. Büsra

    Das ist das Hauptproblem. Es fehlt einfach an Erfahrung und solchen Menschen muss bewiesen werden, dass sie sich irren und das ist nur durch das Verhalten und die Art und Weise wie man sich präsentiert möglich. Sehr interessanter und spannender Artikel :)

    Reply

thoughts?