DIE ZENSIERTE VERSION MEINER LISTE “GUTER“ VORSÄTZE FÜR DAS JAHR 2010

Schnell eine Madonna gekritzelt. Mit Bild sieht so ein Blogeintrag nämlich besser aus und meinen Vorsatz aus 2010 mehr zu zeichnen halte ich damit auch ein.
Beim Durchsehen alter Unterlagen entdeckte ich diese Liste halb-ernster Vorsätze für das Jahr 2010. Zugegeben: Das Allerpeinlichste habe ich rausgestrichen. Wenn’s lang genug her ist, ergänze ich die Liste. Versprochen. 
  • Madonna adoptieren, damit sie auch mal weiß, wie das so ist
  • Obama einen Schuh an den Kopf werden
  • Unregelmäßig bloggen
  • The Sartorialists persönliche Assistentin werden
  • Der Sache auf den Grund gehen
  • Hausarbeiten schreiben
  • Bungee Jumping
  • Ein tragfähiges Kleid nähen
  • Mehr Zeichnen
  • Morgens wirklich joggen und nicht nur durch die Gegend latschen, um dann den WG-Mitgliedern zu erzählen wie gut Morgensport tut
  • Meine beiden Mitbewohnerinnen, die Töchter des Technikchefs einer großen Fluggesellschaft, überreden, häufiger zu fliegen und die Welt zu erkunden. Sie fliegen UMSONST, meine Güte!
  • Aktivistin für irgendetwas werden
  • Eine Alternative für blue tack finden. Mein Wandbehang fällt neuerdings ständig herunter.
  • „I’ve heard about Turkey, but hungry?“ twittern.
  • Feindliche Lektüre lesen. Auch den Feind muss man kennen. Fange an mit „Clash of Civilizations“.
  • Einen (Alb)Traum realisieren: Kabelhalter beim nächsten Twilight-Film werden. Meine Mitbewohnerin ist nämlich ein hyperradikaler Fan. Sie kann Stunden davon erzählen und ein Beispiel aus Twilight in jede akademische Diskussion einbinden. Sie spricht so oft davon, dass ich kürzlich von Twilight träumte. Ich war Kabelhalterin und fand den Job großartig. Kabel halten und kostenlos durch die Welt zu reisen – warum nicht?

Merkwürdig, was ich vor drei Jahren meinte, auf eine halb-ernste „gute Vorstätze“-Liste schreiben zu müssen – gar nicht mit der Absicht diese “Vorsätze” zu realisieren, sondern vielmehr mich selbst durch den Kakao zu ziehen. Interessant, wie viel so eine Liste über einen Menschen aussagen kann. Meine unbändige Reiselust, Verlangen nach kreativer Arbeit oder mein Bewusstsein dafür, dass ich mir jedes Jahr viel zu viel vornehme.  
Ich führe schon lange kein Tagebuch mehr, mein Blog war Tagebuch genug für mich. Doch mein Blog ist natürlich nur die zensierte Version meiner Gedanken. Das Allermeiste wird hier gar nicht festgehalten. Hier finden sich nur Dinge, die ich mich traue mit der Öffentlichkeit zu teilen. Ganz frei und ungeniert schreibe ich nur für das Private, in Gedichten, Zeichnungen und kleinen Notizen. 
Vielleicht, denke ich mir, sollteich mit dem Tagebuchführen nach Jahren doch wieder anfangen. Es geht zu viel verloren – vor allem an peinlichen Sachen.

WUT VERLASSEN

 

Irgendwann habe ich beschlossen, nicht mehr wütend zu sein. Nicht mehr wütend über die bis in den Himmel stinkenden Ungerechtigkeiten von Menschen und auf ihre Macht. Denn die Wut ändert nichts an der Ungerechtigkeit, aber mich. Sie macht den Wütenden kaputt, verbittert. So will ich nicht werden.

Und dann ist es passiert: Die Wut war weg. Ich kann nicht mehr genau sagen, wann das geschehen ist. Die Wut ist langsam und vorsichtig gegangen und hat eine seltsame Gelassenheit in mir hinterlassen. Eine, die mich manchmal selbst überrascht. Ich spüre kein dringendes Verlangen mehr, alles und jeden zu überzeugen, mich zu verteidigen. In Menschen, die mich aufgrund von Äußerlichkeiten nicht mögen oder gar hassen, sehe ich eine spannende Herausforderung. Ich will sie verstehen.

Vielleicht ist das nur eine Phase, vielleicht bin ich jetzt erwachsen. Ich vermute aber, dass es die Reisen sind, die mich verändert haben. Die neuen Menschen und Welten; Dinge, die mich herausfordern. Momente, in denen ich mich mit Menschen verbunden fühle, mit denen ich – scheinbar – nichts gemeinsam habe. Es ist als würde man beim Reisen Graben überwinden, Normen und Gewohnheiten.

Im Zug zwischen Davis und Berkeley an der Westküste der USA schreit mich eine Frau an. Sie schimpft über die Muslime, die den Westen ruinierten. Dann schaut sie mir in die Augen. „Nichts gegen dich“, sagt sie. „Aber die Muslime sollten endlich zurück in ihre Länder. Und ihr Öl können sie mitnehmen!“

Sie dreht sich um und setzt sich auf den Platz direkt vor mir. Ihre Hose ist hinten verdreckt, das T-Shirt zerrissen und ihre ergrauten Haare zerzaust. Sie sieht müde aus.

Ich schaue aus dem Zugfenster auf die Landschaft, an der wir vorbeirasen. Es ist ein anderes Amerika, das ich bei dieser Reise erlebe. Nicht mehr nur Großstädte mit Glitzer, hellen Nächten und beschäftigten Menschen, sondern auch Natur, Grün, ruhige, kaputte Menschen, Armut und Einsamkeit. Ich nehme mir meine Kamera aus der Tasche und filme die Landschaft.

Die Frau lächelt. Sie schnappt sich ebenfalls ihre Kamera und macht Fotos. „So schön“, sagt sie und seufzt. „Endlich zurück.“ „Ja“, sage ich, „sehr schön.“

Ich beobachte, wie sie aus dem Fenster schaut, schmerzvoll lächelnd und zitternd. „Weißt du“, flüstert sie, „ich bin gekommen, um zu sterben.“ Sie habe Krebs, keine Versicherung, einen Sohn im Gefängnis, eine Mutter, die sie hasst, und bald werde es ein Tsunami geben. Sie werde ihn stoppen. Weil ihr Sohn im Gefängnis nicht weglaufen und sich schützen könne.

Ein paar Wochen später bin ich im konservativen US-Staat Texas. Meine Freundin Macarena ist dort Professorin an einer kleinen Universität. Letzte Woche hätten sie im Unterricht über Muslime diskutiert, hitzig und schwierig sei die Debatte gewesen. „Die haben noch nie Muslime getroffen“, erklärt Macarena. Heute sitze ich mit ihr vor den Studenten. Einige vermeiden Augenkontakt. Die Stimmung ist angespannt. Ich erzähle drauf los, die Stimmung löst sich. „Fragt ruhig“, sage ich anschließend. „Egal, was ihr wollt.”

Es kommen die klassischen Fragen zu Terror, Unterdrückung und Kopftuch. Dann meldet sich eine Studentin zu Wort. Ich kenne sie, sie war vergangene Woche auf der Konferenz, zu der Macarena mich eingeladen hatte. Sie möchte gerne etwas gestehen, sagt sie. Das erste Mal habe sie von Muslimen aus dem Fernsehen erfahren, der 11. September war es gewesen. Später habe sie in der Schule ein Buch über eine unterdrückte Frau in Saudi Arabien gelesen. „Jedes Wort habe ich aufgesaugt”, sagt sie.

„Und dann hatten wir eine muslimische Nachbarin. Ich habe sie nicht sehr oft gesehen.” Sie wird rot, ihre Augen gläsern. „Eines Tages stand ein Krankenwagen vor ihrem Haus. Ihr Mann hatte sie die Treppen heruntergestoßen.” Sie lächelt mich an. „Es ist das erste Mal, dass ich eine Muslimin wie Sie kennenlerne.”

Macarena schickt mir später einen Text, den die Studentin über unsere Begegnung geschrieben hat. Er endet mit den Worten: „Ich möchte meine Welt neu ordnen, verstehen und mögliche Missverständnisse beheben. Ich weiß, es wird lange dauern. Aber ich kann mir keinen besseren Weg mehr vorstellen, als mein Leben mit der Suche nach der Wahrheit zu verbringen, statt mit Lügen zu leben.“

Das möchte ich auch. Denn die Wut macht blind.

Eine verkürzte Fassung dieses Textes erschien zuvor in der Taz-Tuchkolumne am 03. Dezember 2012

Übrigens: Zusammen mit diesem Text produzierte ich dieses Video, klick hier.

TRAVEL

 
Traveling teaches you to give, to love and to move. It makes you give love and move your love. Travels give love to you and move you around the world. Travel. Give. Love. Move.

 I love coming home, relishing the steadiness and then slowly discovering how those stories you’ve heard, people you’ve met, experiences you’ve had, pop up in your mind. Ready to be written down. Or put together in a short film.
I have had been traveling a lot recently, hence the few updates. When my camera got stolen in Berkeley, California (that’s another story…) I had nothing but my iPhone left to capture those beautiful landscapes I was quickly moving by. And to my surprise, it turned out to work quite well.
The two last trips to the US have changed my perception of this country. Leaving the big cities to be with the people, to look behind closed sparkling doors to discover darkness, pain, poverty, discovering strength and determination alongside indulgence.

The beautiful and thoughtful music is “Remembrance” by the minimalist instrumental ensemble Balmorhea from Texas.