YUVA KIYMETİ

Auf Franks staubigem Papierstapel lag ein Zettel. Ein türkisches Lied stand darauf in Schreibmaschinenschrift geschrieben. Ein bisschen Geschichte, Vergangenheit und Erinnerung hielt ich in den Händen. “Wert der Heimat” lautete die Überschrift. “Sie setzten mich in einen Zug in der Türkei”, sang Metin Türköz, “grüßt mir die Frau und die Freunde.” Die zweite Strophe begann er mit: “Für meine drei Kinder habe ich diesen Weg eingeschlagen…”
 Großvater, Großvater, dachte ich.
Vaters Vater, Großvater.
“Wie geht es dir?”, frage ich.
“Allah sei dank”, sagst du lächelnd.
Und weinst.
 “Wenn du willst, kannst du ihn haben”, sagte Frank und hielt mir den Zettel hin. “Besser, ihn besitzt jemand, der ihn zu schätzen weiß.”
Schätzen ist ein schönes Wort, Großvater.

Frankın masasında tozlanmış bir kağıt duruyordu. Eski bir türkü, daktilo ile yazılmıştı. Sanki geçmişi, tarihi, hatıraları tutuyordum ellerimde. “Yuva kıymeti” diye yazmış yazan insan. “Türkiyeden bindirler Trene / Selam söyle eşe dosta yarene” Sonra “Üç yavrum yüzünden düştüm yollara” diyor. 

Dedem, ah, Dedem, diye geçiriyorum içimden.

“Nasılsın?”, diye soruyorum.
“Elhammmdulillah” diyorsun, sakin ve gülümseyerek.
Ağlıyorsun.

“Istersen senin olsun” diyordu Frank. “Bir şey ancak değerini bilenin yanında kıymetlidir.”
Kıymet ne güzel bir kelime, değilmi Dedem?

STILLE.

 

Nichts. 
Es ist eine merkwürdige Stille am Telefon.
Er, nennen wir ihn Yunus, schweigt. 
Dann ringt er nach Worten.
„Wie bitte?“ Er räuspert sich. „Wie kommst du da drauf?“, fragt er. „Also, das sagen ja viele, aber … Ich bin nicht so. Bin ich nicht.“ Die Stimmung ist angespannt. Ich entschuldige mich.
Ich entschuldige mich für die unangenehme Situation, in der wir uns beide jetzt befinden. Yunus ringt nicht nur mit Worten, er ringt mit sich. „Es tut mir wirklich leid. Ich wollte dir nicht zu nahe treten“, sage ich. „Kein Problem“, beeilt er sich. Obwohl offen und geradeheraus so etwas zu fragen, sei ja doch schon ziemlich komisch, fügt er hinzu und lacht vorsichtig. Ich stimme ihm zu und entschuldige mich noch einmal.
„Du bist natürlich nicht die Erste“, erklärt er. „Meine Mutter hat mich groß gezogen – ohne Vater. Deshalb bin ich so, wie ich bin, und manche Leute sprechen mich halt schon darauf an. Sie sagen, das liege daran, dass ich so höflich spreche.“ Er pausiert. „Aber das ist doch etwas Gutes. Höflich sprechen ist doch gut. Ich verstehe das nicht. Und ich bin ja wirklich nicht, also …“ Er verhaspelt sich. „Du musst mir nichts erklären. Egal was ist, das ist deine Privatsache, das geht mich überhaupt nichts an. Das anzusprechen war falsch von mir“, sage ich. „Ja, stimmt. Ich muss nichts erklären“, wiederholt Yunus.
Yunus und ich hatten uns zufällig auf einer islamischen Veranstaltung kennengelernt. Ob ich ihm mit ein paar beruflichen Tipps helfen kann, hatte er gefragt. „Klar“, hatte ich gesagt. Wochen später telefonierten wir.
Er hat da ein kleines Projekt vor, das Thema verrät er nicht. Ich dränge nicht, frage nicht nach. Irgendwann ahne ich aber, worum es gehen soll. Ich warte ein bisschen. Wir sprechen weiter. Ich bin mir jetzt sicher. „Habe ich recht?“, frage ich. Er ist überrascht. „Ist ja naheliegend“, erkläre ich, „so wie du das beschrieben hast.“ – „Ja, stimmt, so kommt man sehr schnell drauf“, sagt er nachdenklich.
Ein schwieriges Thema habe sein Projekt, denn man spreche nie darüber. Das Thema sei ein Tabu. Yunus war bei Imamen. Die seien keine Hilfe gewesen, ganz im Gegenteil. Die einen sagten ihm, das sei eine Krankheit, das müsse behandelt und geheilt werden. Die anderen sagten, sie wüssten auch nicht weiter. Das müsse man selbst lösen, selbst entscheiden. Das sei halt eine harte Prüfung, da müsse man durch.
Tabu. Stille.
Es war nichts und es ist nie etwas gewesen.
Eine sehr harte Prüfung, denn es ist absolut verboten.
Entweder oder. Es gibt kein Dazwischen, kein Beides. Zumindest keines, das akzeptiert wäre. Etwas, worüber sich Gelehrte einig wären. „So ein Mensch könnte ja einfach sagen: Dann bin ich halt nicht mehr religiös!“, sagt Yunus. Einfach den einfachen Weg könnte „so ein Mensch“ wählen.
Aber was ist, wenn „so ein Mensch“ glaubt?
Wenn „so ein Mensch“ tief im Herzen glaubt
und weiter glauben will?
„So ein Mensch“ sei ratlos, sagt Yunus. Und traurig auch. Die Leute sprächen nicht darüber. Die meisten fänden das krank. „Aber das gibt es halt. Es gibt solche Muslime.“
„Und du?“, frage ich. Schon während ich die Frage stelle, bereue ich sie.
Nichts.
Es ist eine merkwürdige Stille am Telefon. 
Er, nennen wir ihn Yunus, schweigt.

THOUGHTS ON THEIR WAY

Sometimes I keep some thoughts to myself, because I feel they aren’t complete. Such as this one here. It’s been almost a year when I first wrote this thought down. But then I left it as a draft. It hasn’t made its way to the outside world.

But this time it will make its way. Even if I feel it’s incomplete.

After all, aren’t all our thoughts, whether we consider them complete or not, just a state of mind? Aren’t we in constant change, revising and rethinking who we are, want to be and what we think is right? Or at least: Shouldn’t we aim to be in constant development? Being full of energy and ease – full of energy to develop ourselves; full of ease about our flaws and imperfection. Aren’t we just on our way anyways? We will never be complete. And not even death will bring this to an end.
But it is us all who neglect our imperfection. We – as a whole – don’t give each other the freedom to be a traveller on the path of change.

We falsely believe that every thought we speak has to be armed and shielded against every attack. Sometimes, we feel the pressure to strongly defend every single thought we share. And so: Inner discussions stay inner discussions.

However, isn’t it more interesting to speak out these inner thoughts, fears and voices; to discuss them on a broader scale – just to find out that there are thousands of others who share our inner conflicts? Will this not bring us relief?

But we fear criticism. We fear being sanctioned. We fear judgement. We fear being human, imperfect. Being a traveller. Who we are.
And so, we keep on the safe side. Our thoughts keep running in our head. Our mouth keeps shut. But one day that thought will be gone, without us even noticing it.

So from time to time you will find some of those imperfect incomplete thoughts here, thoughts in progress. A snapshot of inner discussions that have not yet come to an end – and never will.

Because I am a traveller and so are you. Let me lead, let me be led. Don’t chase, don’t let yourself be chased. Watch my way, not the place I stop to take a rest.