ZERRIEBEN

Zürich, Dezember 2011
In den Monaten vor ihrem Verschwinden schaute sich Seher stundenlang Videos von islamischen Predigern im Internet an. Anfangs ist die religiöse türkische Familie unbesorgt. Dann distanziert sich Seher immer mehr von ihren Eltern. Schließlich kritisiert sie ihren Vater, er würde sein Geld unislamisch verdienen. In diesem Haushalt könne sie deshalb nicht Essen, nicht Trinken, das sei nicht halal, nicht islamkonform. Dann verschwindet sie.
Zwei Wochen später erreicht die Familie dann ein Anruf von einer salafitischen Gemeinde in Mönchengladbach. Die Tochter sei gesund und wohlauf. Sie sollen sich keine Sorgen machen, Seher sei bei ihnen untergekommen. Selbstverständlich werde man sich bemühen, sie nach Hause zu schicken, sagt das Gemeindemitglied am Telefon. Aber – das müsse auch gesagt werden – die Tochter habe recht. Der Vater solle sich eine neue Arbeit suchen.
Sehers Geschichte ist eine von vielen, die mir ein muslimischer Soziologe erzählt. Er betreut Familien, die sich hilfesuchend an ihn wenden. Familien, die nicht wissen, wie sie mit dem Salafismus und der neu gewonnen Religiosität ihrer Kinder, die so anders als ihre ist, umgehen sollen.
Für Nurhan sind diese Geschichten nichts Neues. Sie ist engagierte Schulsprecherin, erfolgreiche Schülerin und religiös praktizierende Muslimin. Lange war sie eine der wenigen Kopftuchträgerinnen auf ihrem Gymnasium, heute sind es deutlich mehr. Und denen ist Nurhan heute nicht islamisch genug mit ihrem bunten Kopftuch, der hellen Kleidung und ihrer Freude am Kontakt zu Frauen wie Männern; deshalb wird sie schon mal „Muslim light“ geschimpft.
Es ist Abiball-Zeit. Die Stufe diskutiert mit einem Lehrer die Organisation des Abends, Thema ist Alkohol. Weil viele Muslime in der Stufe sind, plädiert Nurhan dafür, erst ab der zweiten Hälfte des Abends Alkohol auszuschenken, kurz vor dem Partyteil. Zwei Sitze entfernt sitzt Hamza. „Ich dachte, du wärst eine richtige Muslimin“, sagt er zu Nurhan. „Warum sagst du das?“, fragt sie. „Wenn man in einem Raum so eng mit so vielen Frauen und Männern sitzt, im Haus des Shaytan (des Teufels), was passiert dann mit deinem Iman (Glauben)?“ Wer zum Abiball gehe, sei ein Munafiq, ein Heuchler. Nurhan ist verletzt, leise versucht sie, sich zu wehren.
Dann ruft der Lehrer alle, die nicht zum Abiball kommen, dazu auf, sich vor die Stufe zu stellen und zu rechtfertigen. Als niemand aufsteht, tut es Nurhan. „Das können Sie nicht verlangen“, sagt sie dem Lehrer, „der Abiball ist keine Pflichtveranstaltung. Es gibt einige, die können es sich finanziell nicht leisten, andere, die aus religiösen Gründen nicht wollen. Sie können sie doch nicht vor den anderen bloßstellen“, kritisiert sie.
„Ich will vermitteln“, sagt Nurhan und wird dabei zerrieben. Da sind die Lehrer, die über die „Islamisierung“ der Schule schimpfen und spöttisch über die muslimischen Schüler herziehen, und die Klassenkameraden, die Nurhan vorschreiben wollen, wie sie den Islam zu leben habe. „Aber die Salafisten haben auch viel Gutes gemacht“, sagt sie. „Sie haben viele von der Straße und aus der kriminellen Szene geholt. Sie haben ihnen Zusammenhalt geboten, wie eine Familie.“ Statt die Salafisten zu kritisieren, müssten die übrigen Muslime eine Alternative anbieten, sagt sie. Bis dahin werde sie sich zerreiben lassen müssen.

11 Comments ZERRIEBEN

  1. Anonymous

    Tja die Ursache kennen wir auch. Aber was ist die Heilung den du anbietest? Das ist wie ein Tunnel ohne licht was du hier erzählst. Es bedarf ein wenig Mut um über die Heilung zu erzählen. Ich weiss nicht, ob du den Mut dafür hast. Oder sollen die Kommentatoren die Heilung anbieten? Ich selbst würde das nicht tun. Denn du bist diejenige die A gesagt hat. Also dann musst du auch B sagen können.

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  2. Gregor Molzberger

    Kritik allein reicht nicht, man macht es sich damit zu leicht. Zu einfach macht es sich aber auch der Lehrer, der doch am besten wissen müsste, wie man Ausgrenzung vermeidet.

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  3. Anonymous

    heilung schmeilung. wenn das leben so einfach wäre, hätten wir weniger probleme. und nicht jeder, der probleme benennt muss die perfekte lösung liefern-vor allem wennd ies nicht das ist,was der berichtende intendiert

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  4. Anonymous

    das wissen wir alle kübra. was ist denn nun deine lösung? als gläubige muslime musst du uns doch eine lösung geben. welche kreise ziehst du mit deinem zirkel? oder wo setzt du deine zirkel überhaupt an? oder willst du uns nur deine literarisches kunst beweisen.

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  5. Kübra Gümüsay (geb. Yücel)

    Ich muss gar nichts. Weder B sagen, noch eine Lösung anbieten, noch wunderheilen, noch Menschen wieder zum Leben erwecken, auf Wasser laufen, die Erde zurückdrehen, 2013 verhindern, die Erderwärmung stoppen, den Euro entkriseln, Royale und Trierweiler zu Freunden machen, meiner Nachbarin einen Mann finden, den blöden Knopf meiner Jacke annähen oder mein Ellenbogen mit der Zungenspitze berühren.

    Könnt ihr selber machen.

    Im Notfall: Ich habe hiervon gelesen, könnte genau das sein, wonach ihr sucht. Nur nicht so wirklich mein Ding.

    http://www.verfassungsschutz.niedersachsen.de/ps/tools/download.php?file=/live/institution/dms/mand_30/psfile/docfile/99/Radikalisi4fe42f061ea87.pdf&name=Radikalisierungsbroschuere&disposition=attachment

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  6. Diandra

    Engstirnigkeit ist leider nie eine Lösung. Weder auf Seiten einiger konservativer Muslime noch auf Seiten der nicht-muslimischen Mehrheit. Leider sind in der Gesellschaft die Fronten inzwischen so verhärtet, dass es immer schwieriger wird, zu vermitteln.

    Religion ist Privatsache. Niemand hat das Recht, einem anderen reinzureden und zu sagen, wie er zu leben, zu beten oder sich zu verhalten hat. Andererseits muss die Gesellschaft auch sicherstellen, dass jeder die Möglichkeit hat, seine Religion auszuleben, ohne dadurch in Schwierigkeiten zu kommen – natürlich immer so lange, wie keine grundlegenden Regeln der Gesellschaft (zu denen die Religionsfreiheit genau so gehört wie Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung) verletzt wird.

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  7. Gregor Molzberger

    Ist schon nicht einfach, klar. Jeder Mensch hat in jungen Jahren genau fünf Möglichkeiten für die Reise seines Lebens. Er kann nach Osten, Süden, Westen oder Norden fahren und er kann – als fünfte Möglichkeit – einfach nicht einsteigen. Dann bleibt er da, wo er ist. Kann aber sein, dass er dort schnell einsam wird, wenn alle anderen wegfahren.

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  8. Anonymous

    lieber kübra

    selbstverständlich ist die salafistische richtung nicht ganz in ordnung. ich wollte dich natürlich nicht kritisieren. als eine muslimin wollte ich einfach um deine meinung bitten, wie man dieses problem aus muslimische perspektive lösen könnte, um etwas sanfter auszudrücken. ich bitte um entschuldigung, wenn es etwas zuviel verlang war. özür dilerim

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  9. Nicky

    Liebe Kübra,

    mir gefällt das Thema, welches Du aufwirfst. Ich habe mich viel damit beschäftigt. Wenn man sich in eine muslimische Community einliest, wird einem genau klar, wovon Du sprichst.

    Nun, meines Erachtens wird hier klar, wie unterschiedlich Muslime in ihrem Glauben sein können. Und wie belastend es auch ist, zu seinem Glauben stehen zu wollen – denn man kommt heute nicht mehr drumherum, dann auch ganz genau zu spezifizieren, worum es einem geht. Das ist für Christen nicht anders.

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