WENN FRAUEN DAS KOPFTUCH ABLEGEN.

Auf einer Geschäftsreise in Europa will es die ägyptische Journalistin Nadia El Awady endlich einmal ausprobieren: das Leben ohne Kopftuch. Nach Jahren nimmt sie es zum ersten Mal in der Öffentlichkeit ab. Sie läuft durch die Straßen und wartet auf eine Reaktion. Nichts passiert. „War ich immer so unsichtbar?“, fragt sie sich. Und während die Menschenmassen an ihr vorbeiströmen, fühlt sie, dass sie in der Masse untergetaucht ist – eine von vielen.

Es war ein komisches Gefühl, als ich ein weiteres Mal auf einem sozialen Netzwerk Bilder einer Freundin ohne Kopftuch entdeckte. Für alle sichtbar, öffentlich. Sie hatte das Kopftuch abgelegt, wie so viele andere in meinem Bekanntenkreis in den vergangenen Jahren. Wie würde man auf sie reagieren? Denn genauso wie viele in der muslimischen Community den Kopftuchtragenden „Religiosität“, „Spiritualität“ oder „Reinheit“ zuschreiben, verkehrt sich das bei einer Frau, die das Kopftuch ablegt ins Gegenteil. Weit mehr als bei einer Frau, die noch nie ein Kopftuch trug. So als ob sie mit dem Kopftuch auch dem Islam und der Gemeinschaft den Rücken gekehrt hätte. Sie gehört nicht mehr dazu. Selbst wenn niemand über sie spricht, ein stilles Urteil ist gefällt.

Es gibt Frauen, die das Kopftuch ohnehin nie tragen wollten, die dazu – offen oder subtil – gezwungen worden sind. Oder die sich so weit geändert haben, dass der Islam und das Kopftuch keine Rolle mehr in ihrem Leben spielen. Andere Frauen empfinden das Kopftuch als Einschränkung. Das Ablegen ist eine Befreiung für sie.Für meine Freundin A. war es eine Qual. Nach etlichen Job-Bewerbungen, nach eben so vielen Absagen, nach Monaten der Perspektivlosigkeit, nachdem man ihr wiederholt in Bewerbungsgesprächen dazu riet, das Kopftuch doch bitte abzunehmen, nach einer großen inneren Krise, nachdem sie sich zu schwach fühlte, um die Blicke und den permanenten Druck, sich beweisen zu müssen, auszuhalten, legte sie es ab. Unfreiwillig. Und doch, obwohl sie die Gleiche war, ebenso spirituell und muslimisch wie zuvor, war sie es nicht mehr in den Augen anderer.

S. hingegen hatte einen ganz anderen Grund: die Politisierung des Kopftuchs, die Bilder und Vorstellungen, die mit dem Kopftuch verbunden sind. „Ich war nur noch damit beschäftigt, den Islam zu verteidigen. Ich habe nur noch außen hin gearbeitet und dabei meine Spiritualität verloren.“ Um sich wieder näher und tiefer mit ihrer Religion zu beschäftigen, ohne von außen daran gehindert zu werden, ohne eine konstante Unruhe zu spüren.

Ja, die Politisierung des Kopftuchs durch die Außenwelt, hat die Trägerinnen zu Anwältinnen und Pressesprecherinnen des Islams gemacht, die sich unfreiwillig und unbewusst diesem Bild fügen. Und tatsächlich besteht hier die große Gefahr, das Eigentliche zu vergessen: den Glauben. Heute ist S. religiöser als zu der Zeit, in der sie noch ein Kopftuch trug. „Wenn ich mich wieder bereit dazu fühle, stark genug bin, werde ich es vielleicht bald wieder tragen. InshAllah – so Gott will.“

KOPFTUCHNEUGIER: EIN BISSCHEN SPAß MUSS SEIN

Sportunterricht in der Schule. Meine Freundin Shaima steht in der Schlange, um ihren Basketball in das Korb zu werfen. Hinter ihrem Rücken schleicht sich leise ihr Klassenkamerad Stefan heran, hebt vorsichtig ihr Kopftuch und kaum dass er einen Blick erhaschen kann, dreht sie sich um. Angstvoll schaut er sie an, böse schaut sie zurück. „Ich w… wollte nur “, stammelt er und ringt nach Worten, „w… wollte doch nur wissen, was darunter ist.“

„Haare“ reichen als Antwort auf die Frage nach dem mysteriösen Etwas unter dem Kopftuch nämlich nicht aus. “Haare” befriedigen nicht die Neugier der Außenstehenden. Denn wenn schon versteckt wird, dann muss da doch etwas sein. Etwas Fantastisches. Medusa-gleiche Schlangenhaare vielleicht oder eine tätowierte Glatze. Es sind jedenfalls auf keinen Fall Haare und wenn doch, dann zumindest keine normalen.

Legenden muss man füttern, beschlossen meine Schwester und ich. Zusammen verbreiteten wir deshalb zu Schulzeiten das Gerücht, dass unsere lockig-glatten Haare pink-grün gestreift gefärbt seien. Nicht selten stand dann jemand vor uns sagte tatsächlich mit großen Augen „Wirklich? Wirklich pink-grün?“ Willig alles zu glauben, was wir sagten, antworteten wir „Ja, wirklich!“ – in der Hoffnung die Absurdität möge eines Tages für sich sprechen.

Thomas, mein Sitznachbar, fragte mich irgendwann, was passieren würde, wenn er meine Haare sehen würde. „Dann musst du mich heiraten“, antwortete ich. Ich grinste. Kreidebleich drehte er sich zur Tafel.

Einige Wochen später spielten die Jungen wieder Schwammschlacht in der Klasse. „Wusch“ machte es über meinem Kopf und der fliegende Schwamm zog mein Kopftuch nach hinten. „Ahh“, schrie ich und bückte mich, um meine Haare zu bedecken. „Ahh“, schrien die Jungen und hielten sich die Augen zu. „Ahh“, schrien meine Freundinnen und leisteten Sichtschutz, indem sie herbeirannten. Ganz so scharf darauf, das Geheimnis zu lüften, waren wir dann doch nicht – bei den möglichen Folgen…

An der Uni bekam ich es dann mit einer neuen Form der Neugier zu tun. Sie war anders. Sie war merkwürdig. „Was“, fragte ein Kommilitone, nachdem ich ihm erklärte, dass ich zu Hause natürlich kein Kopftuch trage, „was, wenn ich eines Tages an eurem Haus vorbeikomme, durch den Garten laufe und zufällig durch das Fenster schaue und dich ohne Kopftuch sehe?“ Irritiert schaute ich ihn an. Nach einem gruseligen Moment der Stille, lachte er und sagte: „Spaaß!“ „He, he“, sagte ich und bemühte mich um ein Grinsen.

Ich enttäusche ja nur ungern, aber unter dem Kopftuch sind wirklich nur Haare. Nichts Außergewöhnliches. Kopftuchtragende Frauen sind nicht hübscher oder hässlicher als andere Frauen. Sie färben sich die Haare, glätten sie und frisieren sie oder überlassen sie der Natur, wie alle anderen auch. Vielleicht sind einige ein bisschen mutiger, weil sie einen misslungenen Friseurbesuch gut unter dem Kopftuch verstecken können. Aber das wäre auch der einzige Grund für Neugier. Sonst erstreckt sich dort auch die gleiche Langeweile wie bei den Füßen in den Socken. Alles halb so wild, ganz normal halt. Kein Grund für besondere Fantasien.

Kurz vor Ende der Schulzeit schickte mir Thomas übrigens ein Bild. „So siehst du ohne Kopftuch aus“, schrieb er. Zu sehen war ein Bild von mir mit zackigen und abgehakten Paint-Strichen, die Haare darstellen sollten. Knallblonde, wohlgemerkt.

PS: Bildcredit geht oben nicht an Thomas. :)

Taz, Tuch-Kolumne, 11. April 2012

DER NEUE MUSLIMISCHE MANN + DIE FRAU UND DIE GESELLSCHAFT


Schockiert schaute ich Marie an. Meine französische Freundin meinte es ernst: „Ich will am liebsten in einer polygamen Ehe leben.“

In einer Rastafari-Gemeinschaft hatte sie sich in den verheirateten Leiter verliebt und er sich in sie. Seine Frau, die Wochen später dazukam und die Marie als „unheimlich stark und mütterlich“ bewunderte, bekam mit, was los war, und verbannte Marie.

Seitdem lebt sie mit diesem Traum: „Ein starker Denker mit seiner starken Erstfrau und ich. Er wird mein Mann, sie eine Schwester. Mit meinen Kindern werde ich manchmal mit ihnen leben, meist aber unabhängig durch die Welt ziehen.“

Die nächsten Tage versuchte ich, ihr diese Idee auszureden: „Wie willst du so ein Paar finden? Und wie soll das je harmonisch funktionieren?“

Eine Dokumentation hatte kurz vorher gezeigt, wie stark Erstfrauen in polygamen Ehen unter der Existenz der Zweitfrauen psychologisch leiden – unabhängig davon, wie etabliert diese Lebensweise in ihrer Kultur ist. „Auch im Islam“, erzählte ich, „darf man eine polygame Ehe nur dann eingehen, wenn der Mann unter anderem garantieren kann, dass er alle Frauen gleich behandeln werde. Und welcher Mensch kann das schon?“ Doch Marie blieb dabei.

Dann las ich kürzlich, dass erfolgreiche, studierte und karrierebewusste muslimische Frauen in England freiwillig polygame Ehen eingehen – weil es ihnen an muslimischen Männern fehle, die mit ihrem Erfolg mithalten oder umgehen könnten.

„Die Nachfrage nach polygamen Ehen geht vor allem von Frauen aus, nicht von Männern“, sagt Mizan Raja, Organisator von muslimischen Partnervermittlungsveranstaltungen in der ganzen Welt.

Überrascht las ich zu Hause in Oxford diese Nachricht. Ausgerechnet emanzipierte Musliminnen suchen sich diesen Lebensentwurf aus? Leider ist das gar nicht so überraschend, wie es klingt. Seit einigen Monaten führe ich zusammen mit einer Berliner Freundin nebenher eine private muslimische Single-Datenbank. Mission: Verkupplung. Allerdings: Auf 14 Frauen kommen durchschnittlich 3 Männer.

Nicht, dass es nicht genug muslimische Männer gäbe. Das Problem ist vielmehr die gewünschte Mischung aus Erfolg, Identität und Religiosität.

Eine Single-Freundin beschrieb mir ihre Lage: „Muslimische Männer gehen immer ins Extreme. Entweder spielen sie den superstrengen Heiligen oder schmeißen ihren Glauben beim Verlassen der Haustür in die Tonne. Entweder sind sie studiert, erfolgreich, aber dafür hyperassimiliert und wollen um keinen Preis als ausländisch oder gar muslimisch erkannt werden; oder sie lassen die Uni links liegen und lassen stattdessen überall den Muslim oder den Ausländer raushängen. Kann es denn so schwer sein, sich in der goldenen Mitte zu bewegen?“

Vielleicht nicht, aber es fehlt an Vorbildern. Jedenfalls an männlichen. Denn viele muslimische Frauen – mit und ohne Kopftuch – schaffen es, Erfolg, Religiosität, Tradition und das Leben in einem westlichen Wertesystem miteinander zu vereinbaren. Könnte ja auch ein Vorbild für Männer sein.

Taz, Tuch-Kolumne, 28.03.2012

EIN LANGER NACHTRAG:

DER NEUE MUSLIMISCHE MANN, DIE FRAU UND DIE GESELLSCHAFT

Tja, diese Frauen haben halt zu hohe Erwartungen und wollen schließlich Karriere statt Kinder – schrieb mir jemand sinngemäß.

Das ist ein hartnäckiges, zerstörerisches Gerücht. Viele dieser erfolgreichen Single-Frauen würden nur zu gerne eine Familie gründen. Eine solche karrierebewusste Freundin sagte gar, dass sie die Suche nach einem Mann ganz aufgeben und stattdessen ein Kind adoptieren oder zur Samenbank gehen wollen würde, um ihrem Kinderwunsch endlich nachzugehen. In dem Zusammenhang ist es unverantwortlich, dass manche trotzdem an dem Gerücht der vermeintlich Kinder-hassenden Karrierefrauen halten wollen.

Das ist mitunter auch der Grund, weshalb einige – wie in der Kolumne erwähnt – in England nun polygame Ehe-Gemeinschaften eingehen. Zudem liegt es an uns – der Gesellschaft – es möglich zu machen, Karriere und Familie harmonisch miteinander vereinbaren zu können (durch ausreichend Kindergartenplätze, Teilzeit-Arbeitsplätze etc). Arbeit muss die Frau (oder eigentlich auch: den Mann) nicht aus dem Haus verbannen, das Haus nicht aus der Arbeitswelt.

WO SIND DIE MÄNNER?

(Notiz: In den folgenden Beobachtungen beschränke ich mich auf praktizierende Muslime und konzentriere mich im Speziellen auf die Probleme von religiösen und erfolgreichen muslimischen Frauen. Die Wahl eines nicht-muslimischen Partners wird hier ausgeklammert.
Viele der Probleme, die ich hier nenne, entsprechen in Teilen eins zu eins den Problemen nicht-muslimischer Karrierefrauen. Probleme sind also nicht zwangsläufig spezifisch auf die muslimische Gemeinschaft zurückzuführen.
Zudem werde ich problematische Erklärungen wie „nach oben“ oder „unten heiraten“ verwenden. Das ist keinesfalls wertend gemeint. Über bessere und weniger wertende Bezeichnungen wäre ich dankbar.)

Während Männer mit Leichtigkeit Frauen wählen können, die weniger gebildet, weniger erfolgreich und weniger selbstständig sind, bleibt Frauen diese Wahl oftmals versperrt.

Eine erfolgreiche Zahnmedizin-Studentin erzählte, wie sie nach Jahren ihre Beziehung zu ihrem Freund, Nicht-Akademiker, aufgeben musste. Ihr war es egal, wie erfolgreich ihr Freund war, sie liebte ihn für seine Art, seinen Charakter. Auch er gab vor, dass es ihm egal sei. In kleinen Streitereien kam das Thema allerdings immer wieder hoch, bis irgendwann klar war, dass er mit ihrem Erfolg nicht zurechtkam. Sie mussten sich trennen.

Genauso gibt es natürlich wiederum Frauen, die einen erfolgreicheren Partner zur Bedingung für das Beziehungsglück machen. Insgesamt bleibt damit aber Frauen die Option jemand weniger erfolgreicheren zu heiraten versperrt.

Bei der Partnersuche können Männer außerdem auch auf ihre „Heimatländer“ ausweichen: „Importbräute“, wie einige abfällig sagen, gibt es mittlerweile immer seltener, aber es gibt sie.

Selten sind es aber Frauen, die einen Partner aus der „Heimat“ wählen, denn die starke Abhängigkeit von der Frau macht den Männern zu schaffen. Nachdem sie in der Heimat erfolgreich und selbstbewusst ihren Berufen nachgehen konnten, sind sie zu Anfang in Deutschland bei jedem Behördengang, jedem Arztbesuch auf die Frau angewiesen. Meist enden diese Beziehungen mit der Auswanderung in die „Heimat“ oder einer Trennung. Deshalb kommt der „Importpartner“ für viele Frauen erst gar nicht in Frage. Für Männer hingegen schon.

Damit haben wir eine Schicht von erfolgreichen, studierten, religiösen, familienbewussten Frauen, die nicht nach „unten“ hin heiraten können. Auf ihrem Niveau oder nach „oben“ hin gibt es wiederum nicht genügend Männer, die ihresgleichen heiraten.

„Wen sollen die Kopftuchtragenden Frauen heiraten?“, fragte mal ein türkischer Kolumnist, als immer mehr Söhne reicher religiöser Familien es vorzogen, Frauen zu heiraten, die „vorzeigbar“ und „gesellschaftsfähig“ seien, also kein Kopftuch trugen. Kopftuchtragende Frauen der Elite blieben damit immer häufiger Single. Eine heiße Debatte kochte auf.

Eine ähnliche Frage lässt sich auch in Bezug auf deutsch-muslimische Karrierefrauen (mit und ohne Kopftuch) stellen.

Was muss sich also ändern?

1. Wir brauchen mehr Verantwortungsbewusstsein auf Seiten der Männer. Eine emanzipierte Frau mag nicht dem alt-klassischen Bild der idealen Ehefrau entsprechen, aber die wichtigste Frage bei der Partnerwahl sollte ohnehin nicht sein, was die Norm wünscht, sondern welches persönliche Ideal man hat. Die Frage nach dem idealen Partner muss jeder für sich neu beantworten, Erwartungen selber bestimmen. Dazu später mehr im Verlauf des Textes.

2. Wir brauchen mehr erfolgreiche, religiöse Männer der „goldenen Mitte“ im Allgemeinen. In der Kolumne sprach ich dieses Phänomen an und halte die Diskussion dieser Problematik für gerechtfertigt und wichtig.

Selbstverständlich kann es sein, dass meine Beobachtung unvollständig ist und dass es sehr wohl sehr viele erfolgreiche muslimische Single-Männer gibt, die erfolgreiche muslimische Frauen heiraten wollen. Sollte dem so sein, dann bitte ich diese mir bislang unbekannte Gruppe sich bei mir zu melden oder woanders ans Tageslicht zu treten. Sie werden dringlichst gesucht.

Sollte ich mit meiner Beobachtung allerdings zu Teilen richtig liegen, stellt sich die Frage, warum es so wenige erfolgreiche Männer der „goldenen Mitte“ gibt. Ich habe keine abschließende Begründung zu bieten, sondern eher eine vage Vermutung: Ich denke, dass es am Kopftuch liegen könnte.

Die Entwicklung einer selbstbewussten muslimischen Identität in einer nicht-muslimischen Umgebung ist eine vollkommen andere Herausforderung für Männer als für Kopftuchtragende Frauen, die immer und überall als Muslime identifiziert werden können und damit insgesamt eher dazu neigen, sich tiefer mit ihrer Religion zu beschäftigen, und gleichzeitig nach Wegen suchen, sich in einer nicht-muslimischen Umgebung zu etablieren. Der Mann hingegen hat den Luxus in der Masse untertauchen zu können und wird nicht in dem gleichen Maße zur Reflektion gezwungen wie die Frau.

Im Sinne der religiösen und spirituellen Identität könnte dieser Luxus des muslimischen Mannes ein Nachteil und das Kopftuch ein Vorteil der Frauen sein. Beispiel: Die Hürde mit dem Kopftuch Alkohol zu trinken ist größer, da mit dem Kopftuch auch für das nicht-muslimische Umfeld Erwartungen verbunden sind. So müsste eine Kopftuchtragende Frau nicht nur sich selbst und die eigenen religiösen Pflichten und Regeln überwinden, um zu trinken, sondern auch die Reaktionen des Umfelds. Die Konsequenzen sind also andere.

Das Kopftuch könnte die Entwicklung einer selbstbewussten muslimischen Identität bei Frauen beschleunigt haben. So könnte es sich bei Männern auch nur um eine Verzögerung der Entwicklung dieser Identität handeln.

Darüber hinaus gibt es in Bezug auf Heirat viele weitere Probleme innerhalb der Gemeinschaften. Im Folgenden werde ich zuspitzend schreiben, ungenau und keinesfalls allumfassend. Diese realen Horrorszenarien beschreibe ich, um den Blick für weitere Probleme zu schärfen. Jede/r Leser/in kann für sich entscheiden, inwieweit diese seinen/ihren eigenen Erfahrungen und Beobachtungen entsprechen oder nicht. „Herkes kendine bir pay bicsin“, sagen wir im Türkischen. Nehme sich jeder seinen Anteil an den nachfolgenden Beschreibungen:

ERWARTUNGEN KILL US ALL.

Viele der Erwartungen an die Ehe sind gesellschaftlich normiert, deshalb häufig nicht nur zu hoch, sondern auch einfach nicht richtig, ungesund und schädlich.

Die Frau wünscht sich eine pompöse Hochzeit, die das Paar gleich zu Anfang der Ehe in den finanziellen Ruin treibt, perfekt eingerichtete Wohnungen und etliche Geschenke. Überzogene materielle Wünsche im Allgemeinen sind für viele heiratswillige Männer eine große Hürde überhaupt zu heiraten. Viele befinden sich häufig noch im Studium und können eine solche Sicherheit noch gar nicht bieten. Sie arbeiten deshalb nebenher, um den Erwartungen gerecht werden zu können – das Studium bleibt dabei auf der Strecke. Hier gehen viele potentielle Akademiker verloren.

Der Mann soll bitte der starke Ernährer sein, er soll immer und überall Sicherheit und Schutz bieten. Keine Schwäche oder Unwissenheit zeigen. Der niedliche Prince Charming mit der Intelligenz von Einstein, dem Geld von Rupert Murdoch und dem Mut von Vin Diesel, sozusagen.

Leider höre ich bei vielen jungen Frauen immer wieder raus, dass sie umworben werden wollen. „Er soll ein bisschen zappeln“, sagen sie. Sie wollen den ersten Antrag ablehnen, den zweiten auch und bei dem dritten? „Dann vielleicht.“ Und wie kommen diese Frauen bitte auf die Idee, dass es einem Mann so einfach fallen würde, einen Antrag zu stellen und trotz Abweisung immer wieder nachzufragen? Tja, das liegt daran, dass früher die Familien für die Partnersuche verantwortlich waren und für ihren Sohn die Familie des Mädchens anfragten. Gleich beim ersten Mal ihre Tochter „wegzugeben“, das galt in vielen Kreisen als unehrenhaft. Aber wie gesagt, das war früher. Heute kann man diese Erwartung getrost ablegen.

Auf Seiten der Männer hingegen bestehen weniger materielle, denn soziale Erwartungen an die Frau: Das gemeinsame Zuhause darf Hotel Mama in nichts nachstehen, sie wollen umpflegt und bemuttert werden wie zuvor auch. Die Familie soll das neue Zentrum im Leben der Frau werden. Studium, Arbeit, soziales Engagement leiden sehr unter diesem neuen Druck. Selbstverständlich muss die Frau darüber hinaus gängigen Schönheitsidealen entsprechen. Intellektuell darf sie nur so weit herausfordern, wie es nicht am Ego des Mannes kratzt. Es gibt Ärztinnen, die des Mannes wegen ihren Beruf niemals ausüben.

Eine Freundin, Akademikerin, beschrieb mir das Ende eines Kennenlern-Gesprächs mit einem Akademiker wie folgt:

Er sagte zu mir am Ende: “Ich brauche ein Vierzigstel von dem, was du hast und bietest – an Intelligenz, Schönheit, Sprachvermögen, Poesie und Erfolg.” Mir blieb die Spucke weg! Er ist selber angehender Akademiker; weniger intelligent war er auch nicht. Aber wir standen so ziemlich auf der selben Stufe des Treppchens.

Frauen und Männer zugleich sind geprägt von Bildern und Vorstellungen, die uns die Gesellschaft diktiert. Angefangen von achso-unschuldigen Disney-Filmen über Musik, Fernsehen, Bücher, Familie, Freunde, die Neider bis zum eigenen Neid. Die gesamte Außenwelt.

Und ich wünschte, ich würde diese Beispiele nicht kennen. Aber ich kenne sie, denn es gibt sie. Fälle, in denen die unterschiedliche Erwartungshaltung zu der Trennung von Paaren führt, die sich eigentlich gefunden und geliebt hatten. Unsterblich. Bis die Erwartungen uns scheiden.

Expectations kill love.
DAS RECHT DARAUF, NICHTS ZU HABEN

Doch deshalb in vorauseilendem Gehorsam zu reagieren und zu resignieren wäre falsch. Eine gemeinsame Zukunft muss nicht den Erwartungen der Außenwelt entsprechen, sondern den Bedürfnissen und Zielen des Paares selbst. Doch selbst unsere Bedürfnisse und Ziele sind nicht „unsere“. Auch die müssen wir selber definieren. Das fängt mit einem Eingeständnis an: Wir sind Produkte unserer Außenwelt.

In einem Text über ideale Beziehungen schrieb ich folgendes:

„Es gibt keine idealen Beziehungen, denn es gibt keine idealen Menschen. Doch es gibt Ideale, die uns unsere Gesellschaft aufträgt. Sie lassen uns in Erwartungen verirren und blind werden für den geliebten Menschen, der in seiner wunderbaren Unvollkommenheit vor uns steht. Wir konditionieren unser Glück. Doch das Glück kennt keine Konditionen.

Und trotzdem darf sich eine Beziehung niemals auf Unvollkommenheiten ausruhen und statisch werden. Eine Beziehung muss sich wandeln dürfen, zusammen mit den beiden Menschen, die sich um ein besseres Ich bemühen – um gemeinsam ein besseres Wir zu werden.

Glück ist ein Balanceakt zwischen Zufriedenheit im Jetzt und Streben für die Zukunft.“

Und wenn dann das nächste Mal Nachbarchtantchen Zuhause antanzen und beim Anblick des Wohnzimmers der Frischverheirateten bemitleidend ausrufen: „Ach mein Kind, euch fehlt ja dies und jenes!“, dann erinnert sie daran, wie stolz sie sonst immer davon erzählen, dass sie früher gar nichts hatten.

Denn auch wir, wir jungen Leute, haben das Recht darauf, gar nichts zu haben. Das Recht darauf keine starken Ernährer, keine selbstsicheren Menschen, keine Supermodels und keine perfekten Hausfrauen zu sein.

Wir haben das Recht auf Fehlerhaftigkeit. Das sagt nichts darüber aus, wo wir in zehn, zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren sein werden. Das gibt uns aber das Recht, auch mit vermeintlichen Mängeln, Fehlern und Unvollständigkeiten glücklich zu sein.

Geben wir dieses Recht auch den Menschen um uns herum.


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Teil 2 dieser Reihe findet ihr hier: Der muslimisch-akademische Heiratsmarkt
Eine männliche Sicht auf diese Thematik findet ihr hier: “Zeit für einen Diskurs – überall”