MACHTSPIEL

Die Routine ist eine Maske, die den Menschen vor dem Sturm im Inneren bewahrt.
Bild: Maske im American Indian Museum in Washington, USA.
Tayfun ist still. Sein Leben ist routiniert. Er ist fleißig in der Schule, gut im Sport und loyal zu seinen Freunden. Schule, Sport, Freunde. Schule, Sport, Freunde. Ein ruhiger Mensch. Eine geballte Faust.

Es ist Donnerstagabend vor ein paar Jahren in Hamburg. Tayfun ist fertig mit dem Kickbox-Training und schaut auf die Uhr. In 15 Minuten schließt die Servicestelle des Hamburger Verkehrsverbunds in Billstedt. Er rennt los. Morgen macht seine Klasse einen Ausflug, seine Monatskarte ist abgelaufen. Er muss sie heute unbedingt erneuern.

Als er erschöpft ankommt, hat der Schalter bereits geschlossen. Dann entdeckt er das Schild: Die Servicestelle am Hauptbahnhof habe heute noch bis 20 Uhr auf. Sieben Stationen und 12 Minuten. 62 Euro hat er dabei. Exakt so viel, wie die Monatskarte kostet. Nicht mehr. Er steigt trotzdem in die Bahn, ohne Ticket. Wird schon.

Als er am Hauptbahnhof aussteigt, geht es nur langsam voran. Oben, am Ende der Treppe, stehen Fahrkartenkontrolleure und lassen niemanden unkontrolliert durch. Tayfun versucht es trotzdem. “Fahrkarte?”, fragt ihn der Kontrolleur. “Ich war gerade auf dem Weg mir eine Monatskarte zu holen”, erklärt Tayfun. Jetzt ist er doch ein bisschen aufgeregt. “Ja, ja, erzähl das der Polizei!”, sagt der Kontrolleur, nimmt ihn am Arm und führt ihn aus der Menge. Tayfun ist überrascht. “Warum denn gleich die Polizei? Ich sagte Ihnen doch, ich war gerade dabei meine Monatskarte zu holen. In Billstedt hatten sie zu”, ruft er. Der Kontrolleur zerrt ihn in einen Hinterraum.

Tayfun hat Angst, das hatte er nicht erwartet. Zwei Polizisten betreten den Raum. Tayfun versucht, sich zu erklären. Einer der Polizisten baut sich vor ihm auf. “Setz dich!”, sagt er. Ein Machtspiel. Tayfun kann nicht glauben, was passiert. “Nein, ich setz mich nicht!” – “Setz dich!” – “Hier!”, Tayfun holt aus seiner Hosentasche den sorgfältig ausgefüllten und gefalteten Bogen für die Monatskarte und knallt ihn zusammen mit dem Geld auf den Tisch, “Sehen Sie?” Der Polizist packt ihn an den Schultern und drückt ihn auf den Stuhl. “Setzen!” Tayfun wehrt sich. Sofort schlägt ihn der Polizist zusammen mit seinem Kollegen auf den Boden. Tayfun fühlt, wie sich seine Schulter verrenkt. Er versucht, sich zu befreien. Die Polizisten drücken noch fester zu – und der Kontrolleur trifft Tayfun mit dem Knie mitten ins Gesicht.

Ein Passant, der gerade an der offenen Tür vorbeigeht, beobachtet die Szene und stürmt rein. “Was machen Sie?”, ruft er.

Tayfun gibt auf.

Es folgen zwei Gerichtsverhandlungen. Tayfuns Vater ist sauer auf seinen Sohn. Trotzdem heuert er einen Anwalt an. Viel Geld geht drauf. Der Passant ist nicht auffindbar. Ein junger Deutschtürke gegen zwei Polizisten und einen Kontrolleur. Tayfun muss 20 Sozialstunden ableisten, wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt. Er sei milde, sagt der Richter über sich, weil Tayfun nicht vorbestraft sei.

So fängt Tayfuns Routine an. Still nimmt er das Urteil entgegen. Still leistet er die Sozialstunden ab. Still bleibt er.

Er schaut Fremden nicht mehr in die Augen. Manchmal selbst Freunden nicht. Dann knirscht er mit den Zähnen. Seine Augen sprechen tausend Worte. Tayfun presst die Lippen zusammen und geht. Mit seiner immer geballten Faust.

Taz, Tuch-Kolumne 15. Februar 2012

STOLZE HTML-KÖNIGIN ODER: DAS PAINT-PROFI-SYNDROM

9Gag ist der Ort an dem sich Paint-Profis tummeln und Photoshop-Hipster neidvoll hinglubschen. Edit: Dieses Bild aber stammt von Hyperbole and a Half.

Endlich, endlich, endlich!

Mein Blog entspricht endlich meinem derzeitigen Geschmackszustand. Der hat sich nämlich – wie so vieles in den letzten Jahren – gewandelt. Ganz im Gegensatz zu meinem Blogdesign: Das blieb gleich. Langweilig. Nicht, dass ich nicht schon vorher versucht hätte, daran etwas zu ändern. Aber – Ihr müsst wissen – ich leide am Paint-Profi-Syndrom.

Wir Paint-Profis sind Menschen, die aus den beschränkten Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, das Beste machen. Und eigentlich sind Paint-Profis auch ganz glücklich so. Bis sie dann den Photoshop-Hipster kennenlernen, der in zwei Sekunden mit Ctrl+Y+@+^+Whateva ruckzuck das macht, wofür wir Paintler in mühevollen zehn Minuten mit sehr viel Liebe am Bildschirm klebend versuchen den Farbeimer über dem richtigen Feld auszuschütten.
Oder aber: Wenn wir zu unserem Entsetzen feststellen müssen, dass es auf Mac-Computern kein Paint-Äquivalent gibt.

Paint: Du bist das, was ich aus PC-Zeiten am meisten vermisse. Das kann ich nicht mehr machen. Oder das unddas . Und das auch nicht.

Doch trotz mehrerer Jahre als Macler, empfinde ich mich noch immer als Paint-Profi. An meine einfache Herkunft und beschränkten Mittel aus damals erinnert mich nämlich täglich Blogger, mein Blogbetreiber. Als Blogger-Nutzer schielte ich immer wieder nach WordPress und zuletzt auch nach Tumblr, wo alles schneller, schöner und überhaupt einfach mal grandioser war. “Ich muss umziehen!” redete ich mir ein und schob meinen Umzug vor mir her – denn trotz allem hing hier ja irgendwie mein Herz dran.

Gestern Abend also wagte ich mich in den HTML-Bereich meines Blogs. Der Ort, an dem ich in Angst schwimme, ich könnte versehentlich irgendwas weg- oder falschmachen und alles, all die vielen Jahre Arbeit, könnte mit einem Klick wegflutschen und im Internetnirvana verschwinden.

Doch ein Paintprofi weiß: Er muss das Beste aus seiner Situation machen. Das tat ich dann auch.

Meine Damen und Herren. Schauet und genießet das neue Design. Ich bin eine HTML-Königin mit Paint-Profi-Syndrom. Und das ist auch gut so.

JEDES MAL IN ZÜRICH.

Jedes Mal, wenn ich in Zürich bin (bisher zwei Mal), besuche ich das Dada Haus, Cabaret Voltaire. Mein derzeit absoluter Lieblingsort in Zürich. Beim ersten Mal 2010 – kurz nach dem Minarettverbot – entdeckte ich beim Verlassen das obere Schild, beim zweiten Mal – Ende 2011 – das untere. Lust’ge Schilder.

Lachen tat ich übrigens oft und unfreiwillig im Zusammenhang mit Zürich.

Denn jedes Mal, wenn ich in Zürich bin (bisher zwei Mal), erlebe ich all die Flugabenteuer, von denen ich sonst nur lese und mir sicher bin, dass sie immer nur anderen geschehen. Mir jedenfalls nicht (von Flugzeugverpassen mal abgesehen oder anderen Begebenheiten wie alte Anzugtragende männliche Sitznachbarn, die vor dem Start des Flugzeugs irritiert durch meine Existenz, drei Reihen nach vorne springen, um dem Realitätsschock zu entgehen).

Beim ersten Mal sollte es von Zürich zurück nach London gehen. Dort schneite es aber, deshalb entschloss sich London City Airport eine halbe Stunde vor unserer Landung unser Flugzeug samt Inhalt (also uns) zurück nach Zürich zu schicken. Als der Kapitän ankündigte, dass wir mitten im Flug kehrt machen würden, war es einen kurzen Moment lang still. Dann lachten wir Fluggäste – bis das Flugzeug tatsächlich in der Luft umdrehte und zurück nach Zürich flog. Umgekehrt! Wegen ein paar weißer lockerer Flocken, die vom Himmel fielen.

So standen wir fünf Stunden später verzweifelt, müde, hungrig und böse an der Riesenschlage am Schalter der Fluggesellschaft, wo man uns endlich ein Hotel für die Nacht zuwies. Als ich irgendwann nach Mitternacht erschöpft und erleichtert meine Hotelzimmer-Tür öffnete, lag ein nackter Mann in meinem Bett. Und schnarchte.

Hysterisch lachend lag ich eine Stunde später im einzigen noch freien und nicht doppelt gebuchten Zimmer des Hotels, dem Raucherzimmer, und versuchte dabei möglichst wenig zu atmen.

Beim zweiten Mal raste ich zum Irrgarten-Flughafen Heathrow, suchte den CheckIn-Shalter und hielt dem Boden-Steward meinen Pass hin.
“Which flight?”, fragte er.
- “20.30 to Zurich.”
“That flight’s been cancelled, Ma’am.”
- “… ”
Wie bitte?. Jajaja, die lust’gen Schweizer Firmenmitarbeiter! Lachend fragte ich:
“You must be kidding, right?”
- “No, why would I?”

WESTLIEBE

Nazim heißt er und er gehört in den Westen.

Groß und gerade steht Nazim, etwas breit. Er hat eine kräftige Statur. Seine gebräunte Haut ist ledrig, die Zähne vergilbt vom Rauchen. Doch man sieht sie ohnehin nur selten, denn er redet nicht viel. Und wenn, dann bebt sein ganzer Körper. Seine tiefe Stimme hallt in der Brust, vibriert. Er ist ein verschlossener Mensch. Mit seinen tiefschwarzen Augen beobachtet er aufmerksam und durchdringend die Menschen um ihn herum – Menschen, die ihm durch seine Arbeit als Polizist fremd geworden sind.

Nazim ist angekommen. Als sich die Türen öffnen und er seinen Bruder hinter der Absperrung am Berliner Flughafen entdeckt, steckt Nazim seine goldene Halskette unter sein Hemd. Der Bruder braucht sie nicht sehen.

Zusammen betreten sie die Wohnung des Bruders. Es riecht nach türkischem Gebäck und Essen. Sein Blick schweift langsam über die arabischen Kalligraphien im Flur und bleibt an dem Kopftuch seiner Schwägerin hängen. Sie nickt ihm zu und zwingt sich zu einem Lächeln. Er öffnet seinen Mund, um etwas zu sagen, und schließt ihn gleich wieder seufzend. Es lohnt sich nicht.

Die kleine Nichte tritt heran, um ihm die Hand zu küssen. Er zieht sie weg und streicht ihr stattdessen kurz über das Haar. Hier und trotzdem rückständig.

Beim Abendessen reden nur Nazim und sein Bruder. Ein bisschen über die Kindheit und Fußball. Keine gefährlichen Themen. Die Schwägerin schweigt und stochert lustlos auf ihrem Teller herum. Dann gehen den Brüdern die ungefährlichen Themen aus. Nazim wartet noch einen Moment und bedankt sich dann für das Essen. Jetzt schnell.

Umgezogen steht Nazim an der Tür zum Wohnzimmer. Er schaut kurz rein und hebt die Hand zum Abschied. Sein Bruder, der mit Tee, Mandeln, Nüssen und gesalzenen Sonnenblumenkernen auf ihn wartete, schreckt überrascht hoch und eilt ihm nach. Er kuckt Nazim wortlos an. Du bist doch erst heute aus der Türkei gekommen. Willst du dich nicht ausruhen? Wortlos schaut Nazim zurück. Ich bin nicht wegen dir hier, das weißt du.

Draußen knöpft Nazim sein Hemd auf. Die goldene Kette kommt zum Vorschein. Praktizierende muslimische Männer tragen kein Gold. Rückständige tragen kein Gold.

Ich bin hier, sagt Nazim sich. Endlich. Nur um hier zu sein, ist Nazim in der Türkei auf die Polizeischule gegangen. Irgendwann als Kommissar würde er mit einem yesil pasaport, dem grünen Pass für hohe Beamte, Europa bereisen. In die Wiege der Moderne wollte Nazim. Und ausgerechnet sein Bruder lebt hier. Der rückständige, religiöse Bruder. Er hatte sich in die Tochter der deutschtürkischen Familie, die jeden Sommer in der Nachbarwohnung lebte, verliebt und war mit ihr nach Berlin gezogen. Seit acht Jahren lebt er mit seiner Familie hier, während Nazim in einer kleinen Stadt an der Westküste der Türkei Streife fuhr. Alleine. Ich, ich gehöre hierher.

Nazim ignoriert die türkischen Imbisse, den libanesischen Supermarkt, das italienische Restaurant. Das ist es nicht. Das auch nicht. Das auch nicht. In einer Seitenstrasse, endlich, entdeckt Nazim eine Kneipe. Als er die Tür öffnet, weht ihm eine Alkoholfahne ins Gesicht. Nach Bier riecht es hier. Ein bisschen klebrig ist es von dem Frittierten, das hier verkauft wird. Er setzt sich an den hintersten Tisch des Raumes, von dort aus kann er alles beobachten. Als die Kellnerin kommt, zeigt er auf ein Bier in der Karte. Er trinkt und trinkt. Und beobachtet.

Die korpulente Frau hinter der Theke mit dem lauten Lachen. Ihr rotes Unterhemd zeigt einen tiefen Ausschnitt, der immer weiter rutscht, wenn sie lacht. Und der Mann im karierten Hemd, der sich weit über die Theke lehnt, macht weiter Witze. Der alte türkische Mann mit dem vernarbten und eingefallenen Gesicht, der seit Ewigkeiten vor ihm sitzt und ihm sein Leid erzählt, schnappt sich sein Glas. Nazim lacht. Die Touristen sind hier.

Die Touristen, die jeden Sommer den Westen in seine türkische Kleinstadt bringen und die Cafes füllen. Wegen derer die Stadt die Palmen auf den Mittelinseln wässert und die Clubs und Bars wieder auch in der Woche länger aufhaben. Die, die Geld bringen. Und Freiheit und Sorglosigkeit. Hier sind sie und ich bin bei ihnen. In der Moderne.

An einem warmen Sommerabend steht Nazim am Ufer der türkischen Kleinstadt und während seine Augen nur bis zum Horizont des rauschenden Meeres reichen, sind seine Gedanken schon viel weiter. Im Westen war er noch nie.

Dieser Text erschien in zunächst in gekürzter Form in der taz-Tuch-Kolumne am 01.02.2012