DIE ZENSIERTE VERSION MEINER LISTE “GUTER“ VORSÄTZE FÜR DAS JAHR 2010

Schnell eine Madonna gekritzelt. Mit Bild sieht so ein Blogeintrag nämlich besser aus und meinen Vorsatz aus 2010 mehr zu zeichnen halte ich damit auch ein.
Beim Durchsehen alter Unterlagen entdeckte ich diese Liste halb-ernster Vorsätze für das Jahr 2010. Zugegeben: Das Allerpeinlichste habe ich rausgestrichen. Wenn’s lang genug her ist, ergänze ich die Liste. Versprochen. 
  • Madonna adoptieren, damit sie auch mal weiß, wie das so ist
  • Obama einen Schuh an den Kopf werden
  • Unregelmäßig bloggen
  • The Sartorialists persönliche Assistentin werden
  • Der Sache auf den Grund gehen
  • Hausarbeiten schreiben
  • Bungee Jumping
  • Ein tragfähiges Kleid nähen
  • Mehr Zeichnen
  • Morgens wirklich joggen und nicht nur durch die Gegend latschen, um dann den WG-Mitgliedern zu erzählen wie gut Morgensport tut
  • Meine beiden Mitbewohnerinnen, die Töchter des Technikchefs einer großen Fluggesellschaft, überreden, häufiger zu fliegen und die Welt zu erkunden. Sie fliegen UMSONST, meine Güte!
  • Aktivistin für irgendetwas werden
  • Eine Alternative für blue tack finden. Mein Wandbehang fällt neuerdings ständig herunter.
  • „I’ve heard about Turkey, but hungry?“ twittern.
  • Feindliche Lektüre lesen. Auch den Feind muss man kennen. Fange an mit „Clash of Civilizations“.
  • Einen (Alb)Traum realisieren: Kabelhalter beim nächsten Twilight-Film werden. Meine Mitbewohnerin ist nämlich ein hyperradikaler Fan. Sie kann Stunden davon erzählen und ein Beispiel aus Twilight in jede akademische Diskussion einbinden. Sie spricht so oft davon, dass ich kürzlich von Twilight träumte. Ich war Kabelhalterin und fand den Job großartig. Kabel halten und kostenlos durch die Welt zu reisen – warum nicht?

Merkwürdig, was ich vor drei Jahren meinte, auf eine halb-ernste „gute Vorstätze“-Liste schreiben zu müssen – gar nicht mit der Absicht diese “Vorsätze” zu realisieren, sondern vielmehr mich selbst durch den Kakao zu ziehen. Interessant, wie viel so eine Liste über einen Menschen aussagen kann. Meine unbändige Reiselust, Verlangen nach kreativer Arbeit oder mein Bewusstsein dafür, dass ich mir jedes Jahr viel zu viel vornehme.  
Ich führe schon lange kein Tagebuch mehr, mein Blog war Tagebuch genug für mich. Doch mein Blog ist natürlich nur die zensierte Version meiner Gedanken. Das Allermeiste wird hier gar nicht festgehalten. Hier finden sich nur Dinge, die ich mich traue mit der Öffentlichkeit zu teilen. Ganz frei und ungeniert schreibe ich nur für das Private, in Gedichten, Zeichnungen und kleinen Notizen. 
Vielleicht, denke ich mir, sollteich mit dem Tagebuchführen nach Jahren doch wieder anfangen. Es geht zu viel verloren – vor allem an peinlichen Sachen.

WUT VERLASSEN

 

Irgendwann habe ich beschlossen, nicht mehr wütend zu sein. Nicht mehr wütend über die bis in den Himmel stinkenden Ungerechtigkeiten von Menschen und auf ihre Macht. Denn die Wut ändert nichts an der Ungerechtigkeit, aber mich. Sie macht den Wütenden kaputt, verbittert. So will ich nicht werden.

Und dann ist es passiert: Die Wut war weg. Ich kann nicht mehr genau sagen, wann das geschehen ist. Die Wut ist langsam und vorsichtig gegangen und hat eine seltsame Gelassenheit in mir hinterlassen. Eine, die mich manchmal selbst überrascht. Ich spüre kein dringendes Verlangen mehr, alles und jeden zu überzeugen, mich zu verteidigen. In Menschen, die mich aufgrund von Äußerlichkeiten nicht mögen oder gar hassen, sehe ich eine spannende Herausforderung. Ich will sie verstehen.

Vielleicht ist das nur eine Phase, vielleicht bin ich jetzt erwachsen. Ich vermute aber, dass es die Reisen sind, die mich verändert haben. Die neuen Menschen und Welten; Dinge, die mich herausfordern. Momente, in denen ich mich mit Menschen verbunden fühle, mit denen ich – scheinbar – nichts gemeinsam habe. Es ist als würde man beim Reisen Graben überwinden, Normen und Gewohnheiten.

Im Zug zwischen Davis und Berkeley an der Westküste der USA schreit mich eine Frau an. Sie schimpft über die Muslime, die den Westen ruinierten. Dann schaut sie mir in die Augen. „Nichts gegen dich“, sagt sie. „Aber die Muslime sollten endlich zurück in ihre Länder. Und ihr Öl können sie mitnehmen!“

Sie dreht sich um und setzt sich auf den Platz direkt vor mir. Ihre Hose ist hinten verdreckt, das T-Shirt zerrissen und ihre ergrauten Haare zerzaust. Sie sieht müde aus.

Ich schaue aus dem Zugfenster auf die Landschaft, an der wir vorbeirasen. Es ist ein anderes Amerika, das ich bei dieser Reise erlebe. Nicht mehr nur Großstädte mit Glitzer, hellen Nächten und beschäftigten Menschen, sondern auch Natur, Grün, ruhige, kaputte Menschen, Armut und Einsamkeit. Ich nehme mir meine Kamera aus der Tasche und filme die Landschaft.

Die Frau lächelt. Sie schnappt sich ebenfalls ihre Kamera und macht Fotos. „So schön“, sagt sie und seufzt. „Endlich zurück.“ „Ja“, sage ich, „sehr schön.“

Ich beobachte, wie sie aus dem Fenster schaut, schmerzvoll lächelnd und zitternd. „Weißt du“, flüstert sie, „ich bin gekommen, um zu sterben.“ Sie habe Krebs, keine Versicherung, einen Sohn im Gefängnis, eine Mutter, die sie hasst, und bald werde es ein Tsunami geben. Sie werde ihn stoppen. Weil ihr Sohn im Gefängnis nicht weglaufen und sich schützen könne.

Ein paar Wochen später bin ich im konservativen US-Staat Texas. Meine Freundin Macarena ist dort Professorin an einer kleinen Universität. Letzte Woche hätten sie im Unterricht über Muslime diskutiert, hitzig und schwierig sei die Debatte gewesen. „Die haben noch nie Muslime getroffen“, erklärt Macarena. Heute sitze ich mit ihr vor den Studenten. Einige vermeiden Augenkontakt. Die Stimmung ist angespannt. Ich erzähle drauf los, die Stimmung löst sich. „Fragt ruhig“, sage ich anschließend. „Egal, was ihr wollt.”

Es kommen die klassischen Fragen zu Terror, Unterdrückung und Kopftuch. Dann meldet sich eine Studentin zu Wort. Ich kenne sie, sie war vergangene Woche auf der Konferenz, zu der Macarena mich eingeladen hatte. Sie möchte gerne etwas gestehen, sagt sie. Das erste Mal habe sie von Muslimen aus dem Fernsehen erfahren, der 11. September war es gewesen. Später habe sie in der Schule ein Buch über eine unterdrückte Frau in Saudi Arabien gelesen. „Jedes Wort habe ich aufgesaugt”, sagt sie.

„Und dann hatten wir eine muslimische Nachbarin. Ich habe sie nicht sehr oft gesehen.” Sie wird rot, ihre Augen gläsern. „Eines Tages stand ein Krankenwagen vor ihrem Haus. Ihr Mann hatte sie die Treppen heruntergestoßen.” Sie lächelt mich an. „Es ist das erste Mal, dass ich eine Muslimin wie Sie kennenlerne.”

Macarena schickt mir später einen Text, den die Studentin über unsere Begegnung geschrieben hat. Er endet mit den Worten: „Ich möchte meine Welt neu ordnen, verstehen und mögliche Missverständnisse beheben. Ich weiß, es wird lange dauern. Aber ich kann mir keinen besseren Weg mehr vorstellen, als mein Leben mit der Suche nach der Wahrheit zu verbringen, statt mit Lügen zu leben.“

Das möchte ich auch. Denn die Wut macht blind.

Eine verkürzte Fassung dieses Textes erschien zuvor in der Taz-Tuchkolumne am 03. Dezember 2012

Übrigens: Zusammen mit diesem Text produzierte ich dieses Video, klick hier.

TRAVEL

 
Traveling teaches you to give, to love and to move. It makes you give love and move your love. Travels give love to you and move you around the world. Travel. Give. Love. Move.

 I love coming home, relishing the steadiness and then slowly discovering how those stories you’ve heard, people you’ve met, experiences you’ve had, pop up in your mind. Ready to be written down. Or put together in a short film.
I have had been traveling a lot recently, hence the few updates. When my camera got stolen in Berkeley, California (that’s another story…) I had nothing but my iPhone left to capture those beautiful landscapes I was quickly moving by. And to my surprise, it turned out to work quite well.
The two last trips to the US have changed my perception of this country. Leaving the big cities to be with the people, to look behind closed sparkling doors to discover darkness, pain, poverty, discovering strength and determination alongside indulgence.

The beautiful and thoughtful music is “Remembrance” by the minimalist instrumental ensemble Balmorhea from Texas.

MANCHE GEFÜHLE LEBEN NUR IN BESTIMMTEN SPRACHEN

Plötzlich weinte ich.

Es war der Festtagsmorgen, an Bayram. Wir saßen in Oxford am Frühstückstisch, als im Radio eine Sendung über das Bayramfest in Deutschland lief. Der Moderator erzählte von Vätern, die sich auf den Weg in die Moschee machen, von der Aufregung, die zuhause herrscht, die letzten Vorbereitungen für das große Frühstück und die Kinder, die erwartungsvoll um die Geschenktüten herum tanzen. Die vertrauten Geräusche aus dem Radio erfüllten unsere Küche – und ich sah zum ersten Mal die Leere. Die fehlenden Menschen. Meine liebevollen Eltern und Geschwister, meine sentimentalen Großeltern, Tanten und Onkels, Cousinen und Cousins. Die Älteren der Gemeinde, die mich jedes Mal fest an sich drücken und davon erzählen wie ich so war als Kind und wie die Zeit doch vergehe.

Doch eigentlich waren nicht sie abwesend, sondern ich. Ich bin fort, ich lebe im gurbet. Was das ist?

Als ich mich an meinen Schreibtisch setzte und versuchte meine Gefühle in Worte zu fassen, tanzten meine Finger auf der Tastatur. Ich schrieb fließend, ganz natürlich. Erst viel später bemerkte ich, dass ich auf Türkisch geschrieben hatte.

„Es ist merkwürdig“, schrieb eine Freundin, „das Wort ‚gurbet’ lässt sich nicht so einfach in andere Sprachen übersetzen.“ Würde ich gurbet als „das Leben in der Fremde“ übersetzen, würde es niemals ausreichen, um meinem Gegenüber das Gefühl zu beschreiben, dass dieses Wort erzeugt.

Gurbet. Ganz alleine, ohne jeglichen Zusatz kann dieses Wort den Menschen, der gurbet kennt, Erinnerungen hervorrufen lassen, Sehnsucht und Schmerz fühlen lassen, die Wangen nässen. Die türkische Autorin Elif Safak beschreibt es als einen unsichtbaren Splitter unter der Haut, an der Spitze des Fingers. „Willst du ihn entfernen, vergeblich. Versuchst du ihn zu zeigen, ebenso vergeblich. Er wird zu deinem Fleisch, deinen Knochen, ein Teil deines Körpers. Ein Gliedmaß, das sich nicht mehr entfernen lässt, sei es dir noch so fremd, so anders“, schreibt sie.

Gurbet ist eines der vielen Worte, für die ich im Deutschen keine einfache Übersetzung finde. Genauso, wie ich Gedanken im Deutschen in keinen einfachen türkischen Satz fassen kann. Ich will auch mal „doch“ im Türkischen sagen. Ich will die „Herausforderung“ erklären, das „Dasein“ und die „Schadenfreude“. Für jedes einzelne Wort braucht es mehrere Sätze. Nur dann versteht mein Gegenüber, das, was ich dabei fühle.
So leben manche Gefühle nur in bestimmten Sprachen. Sprache öffnet uns die Welt und grenzt uns ein – im gleichen Moment.

„Bir lisan, bir insan. Iki lisan, iki Insan“, lautet ein türkisches Sprichwort: Eine Sprache ist ein Mensch, zwei Sprachen sind zwei Menschen. Folglich sind drei Sprachen, drei Menschen.

Im Deutschen spreche ich viel und schnell. In die Zeit, die man mir gibt, versuche ich so viel unterzubringen, wie nur möglich – denn ich will erzählen, erklären. Deutsch sprudelt aus mir heraus. Ich liebe diese Sprache, mit dessen Worten ich gerne spiele und vor der ich großen Respekt habe.

Im Englischen bin ich ruhiger. Ich rede nicht so eloquent wie im Deutschen, aber da ist es mir auch nicht so wichtig. Ich vertraue auf das, was ich sage, und auf mein Gegenüber, das mit mir denkt. Dort überlasse ich den Gedanken Raum. Und wenn mir mal ein Wort nicht einfällt, erfinde ich einfach eines. Meistens funktioniert’s.

Im Türkischen schreibe ich Gedichte. Im Türkischen bete ich. Im Türkischen weine ich. Es ist die Sprache, die ich als Erstes lernte. Die Sprache, in der ich von meiner Familie geliebt wurde, die Sprache, in der ich das erste Mal weinte, die Sprache, in der ich das erste Mal liebte.

Und so, egal in welcher Sprache ich spreche, es fehlt die andere. Und das ist eine schöne Herausforderung.

Nachtrag

Den türkischen Text “Özlem“, den ich in der Kolumne erwähne, findet ihr hier. Ich möchte mich für die vielen wunderbaren Reaktionen auf den Text bedanken. Diejenigen wissen sicher, dass sie gemeint sind. Danke! Eine möchte ich jedoch namentlich nennen, meine geliebte Canan Abla. Senin sohbetine doyum olmuyor.

ÖZLEM

Basit bir radyo programıydı beni bugün kahvaltıda ağlatan. Beklenmedik bir anda yakaladı o beni. O tanıyamadığım his.

 

Her sabah kahvaltıda eşimle birlikte farklı dillerde radyodan haberleri dinleriz. Almanya ve Mısır’dan sonra Ingiltereye yerleştik, bir senedir Oxford’da yaşıyoruz. Kahvaltıda Alman bir radyo kanalının Türk programında Almanyadaki bayramı anlatıyorlardı. Babaların bayram namazına gitmelerini, evde ailelerin birlikte bayram kahvaltısı hazırlamalarını, börekleri, çörekleri, tatlıları, hediyeleşmeleri, büyüklerin, küçüklerin, herkesin bir arada olmalarını anlatıyorlardı. O eşsiz karmaşayı, sevgiyi ve muhabbeti – benim eşimle beraber o anda mahrum olduğum bir bayram ortamını tasvir ediyorlardı.


Kahvaltı masasında ilk defa o sevdiğim insanların yokluklarını hissettim. Bir ah çektim içimden. „Bizler de bir gün, Allah bizlere çocuklar nasip eylerse, böyle bir ortam sağlayabilir miyiz?“ diye sordum kendime. Tutamadım gözyaşlarımı. Eşim şaşkınlıkla bana baktı. „Özlüyorum“ dedim, bükük bir dudakla. Komik durmuş olmam lazım ki, güldü. Ama haklı, beni öyle tanımıyordu ki. Ben bile kendimi böyle tanımazdım. Gezmekten, dolaşmaktan, dünyayı, farklı insanları, yenilikleri keşfetmekten hoşlanan, meraklı biriyim ben. Ailemi severim, ama her ayrılığında elbette bir sonu olduğunun bilinciyle yaşadığım için, özlem çekmezdim. Aksine ayrılıktan hoşlanır, farklı hazinelerle geri dönüp paylaşmayı severdim. Herkes dünyayı gezsin, herkes bir köşesini görsün, bir dalından tutsun, sonra bir araya gelip birbirimizi zenginleştirelim, dalları toplayalım isterdim. Benim için ayrılık her zaman zenginlik demekti.


Arkadaşlarımı uzaktan severim, devamlı olarak telefonlaşıp, yazışmam. Hemen hemen hiç birini doğum gününde arayıp tebrik etmem. Bana yazmazlarsa gönül koymam. Çünkü sevgi ve muhabbetin tarihlerden ibaret olmadığına inanırım. Ben onları her gün severim, her gün düşünürüm. Aynı zamanda buluşmak için çok çabalarım. Gezerken, onların bulunduğu şehirlerden geçerken muhakkak onları ziyaret edip, onları görmek isterim. Sevgimi o zaman en içten, en doğal ve dürüst haliyle gösteririm onlara. Muhabbetlerine doyamam, zor ayrılırım. Birçok arkadaşımla iki sene hiç görüşmemişimdir, ama kalbimde yerleri halen aynıdır.


Ta ki, bu sabahki kahvaltıya kadar. Continue reading

AB IN DIE WUTBOX

Ganz ehrlich? Ihr könnt mir mal den Buckel runterrutschen, ihr hasserfüllten Paukenhauer, globalen Klassenclowns und mediengeilen Störenfriede. Ihr lauten Menschen. Kauft euch ’ne schalldichte Wutbox und tobt euch dort aus, haut euch gegenseitig die Köppe ein. Aber das würdet ihr niemals alleine machen. Ihr funktioniert nämlich nicht ohne uns, die Moderaten dieser Welt. Ihr braucht uns. 
Was wäre eine Demonstration muslimischer Extremisten ohne Publikum? Was wären die islamischen Hassprediger auf der einen Seite und Ayaan Hirsi Ali plus Henryk M. Broder auf der anderen ohne uns? Nichts. Sie brauchen uns, damit wir über sie diskutieren. Darüber, ob sie recht haben oder nicht. Ob es in Ordnung ist, wie sie sind, was sie tun und was das für Folgen haben könnte. 
Wir verhelfen ihnen damit zu noch mehr Prominenz und noch mehr Aufmerksamkeit. Wir holzen Hunderte von Bäumen ab, nur um in Zeitungen darüber zu grübeln, wie wir ihren Anliegen gerecht werden, ihren Vorwürfen begegnen, ihr Geschrei beruhigen. Und schon während ich diesen Text schreibe, tut es mir leid um die Bäume. Aber einmal muss es raus. 
Was wären die Extremisten ohne einander? Wie Nietzsche richtig sagte: „Wer davon lebt, einen Feind zu bekämpfen, hat ein Interesse daran, dass er am Leben bleibt.“ Nur so kommen die Autoren der Extremen zu ihren Titelseiten, zu ihren Medienauftritten, zu ihrer Aufmerksamkeit und letztendlich zu Geld. Politisch passt es manchem Regierenden auch sehr gut in den Kram. Schön, wenn sich die Beherrschten eher über einen angeblichen Feind, den ihnen Extremisten immer willig zeigen, aufregen als über den Mist, den die Machthaber bauen. 
 Und während die Moderaten von der einen Seite zur anderen hoppeln, in dem Bemühen, den Extremen die anderen Extremen zu erklären, stilisieren die sich als mutige Heroen, die endlich ansprechen, was sich niemand anders traut. 
An sich selbst als an das Gute und Hehre zu glauben, während der Feind durch und durch böse ist – komfortabler lässt es sich im eigenen Oberstübchen nicht einrichten. Dabei sind die wahren Helden die Moderaten. Es braucht Mut, moderat zu sein. Es braucht Kraft, nicht ins verlockend simple Schwarz-Weiß abzudriften und selbst im vermeintlichen Feind noch einen Menschen zu sehen. 
Und einfach ist es wahrlich nicht, um das herauszufinden, braucht es keine berühmten Hetzer aus der Presse. Was macht man zum Beispiel, wenn sich der Mann neben einem im Flugzeug als amerikanischer Waffenlobbyist entpuppt? Als er mir seinen Beruf beschrieb, wusste er sehr schnell, wie ich das fand. Übel. Den Rest des Flugs sprachen wir über unsere Familien. 
Er, Ende vierzig, polnisch-italienischer Herkunft, erzählte von seiner Kindheit, dem frühen Tod seiner Mutter und wie er nun versucht, seinen Kindern das zu geben, was er niemals hatte: eine große Familie mit viel Leben und Geborgenheit. Zwischendurch schob ich Gewissensfragen ein. Er wich aus. Wir entdeckten unsere gemeinsame Leidenschaft für gute Küche. Wir tauschten Filmtipps aus und luden uns gegenseitig nach Hause ein, wohl wissend, dass wir uns niemals besuchen werden. Wir mochten nicht, was der jeweils andere tat, aber wir waren deshalb keine Feinde. Wir haben uns wunderbar unterhalten.

FRAGEN IM FERNSEHEN

Eva hat Abdul Zuhause besucht, hat mit seiner Schwester ein Kopftuch anprobiert, ist mit ihm durch Berlin gelaufen, in eine Moschee und hat neugierig Fragen gestellt. Miteinander sprechen, einfach mal aufeinander zugehen, einfach mal den Menschen im Gegenüber sehen. Das ist schön.
Darüber haben dann Franziska, Eva und ich im Münchner Klub Konkret Studio geredet. Ein großartiger Tag war das. Danke!(Und heute Morgen sprach ich im DeutschlandRadio Kultur darüber, dass Islamophobie mehr ist als nur eine Angst vor eine Religion: Klick zum Nachhören!)

40 KILO FREMDSCHÄMEN


Kennen Sie diese türkischen Großfamilien, die mit etlichen Koffern, zig Kartons, Rucksäcken und Taschen am Flughafen stehen und ewig lange am Flughafenschalter mit dem Personal diskutieren? Ich kenne sie. Und kennen Sie die pubertierende Tochter der Großfamilie, die ihr Gesicht beschämt in einem Buch vergräbt? Das war ich.
Jedes Jahr die gleiche Tortur. Ich stand etwas abseits, las und versuchte möglichst unbeteiligt auszusehen. Ab und an schüttelte ich meinen Kopf, trat unauffällig einen weiteren Schritt zur Seite. Und bewunderte dabei aus dem Augenwinkel das Verhandlungsgeschick meines Vaters, der so lange mit der Frau am Schalter redete, bis sich unsere vierzig Kilo Übergepäck in Nichts auflösten. Blieben nur noch die vielen Rucksäcke, Taschen und Handkoffer. Die standen gut versteckt außerhalb der Sichtweite der Flughafenfrau.
Ich hatte versucht, es zu verhindern – mit Nörgeln. Beim Einpacken fing ich an. „Warum“, fragte ich meine Mutter, „müssen wir denn so viel mitnehmen?“, und zeigte auf die sich stapelnden Gemüsekartons. Die Hälfte unseres Gepäcks war befüllt mit Gurken, Paprika, Gewürzen, Tee, Baklava, Trauben, Feigen, Orangen und Olivenöl. „Als ob es diese Sachen nicht auch in Deutschland gibt. Da kannst du das alles doch auch kaufen“, nervte ich weiter. Sie sollte endlich zur Vernunft kommen.
Kam sie aber nicht. Meine Mutter war nörgelresistent. Die von meinem Großvater liebevoll handgepflückten Gurken, Paprika, Trauben, Feigen, Orangen, das natürliche Olivenöl aus dem Garten unseres Ferienhauses, die Gewürze, die meine Oma höchstpersönlich für meine Mutter getrocknet hatte und die besten Baklava der türkischen Urlaubsstadt wurden in Kartons verstaut und zum Flughafen transportiert. 
„Das hat mit Sehnsucht zu tun“, sagte meine Mutter. Ich verstand das nicht. Im Auto lehnte ich mich entnervt auf den Gurkenkarton und nörgelte weiter: „Können wir nicht einmal, nur einmal Urlaub machen wie die anderen?“ Nur einmal, wünschte ich mir, elegant das kleine Gepäck über den glänzenden Flughafenboden zu tragen, statt die groben großen Gepäckwagen mit Mühe durch die Menschenmenge zu schieben.
Einmal nicht als letzte Familie am Gepäckband in Hamburg stehen und auf unseren Karton warten, unsicher, ob er nicht schon irgendwo unter dem Kofferhaufen auf einem der Gepäckwagen steckt. Und einmal nicht bestürzt feststellen, dass das Olivenöl ausgelaufen ist, und dem Fleck hinterher starren, der riesig groß auf dem Gepäckband glänzt. Einmal nicht so aussehen, als würden wir Hilfsgüter zu einer Katastrophe ungekannten Ausmaßes transportieren.
Letzte Woche stand ich am Hamburger Flughafen am Schalter, ich war auf dem Weg zurück nach Oxford. Mein Koffer enthielt die Tarhana-Suppenmischung meiner Großmutter, handgefertigtes Paprikagewürz meiner anderen Großmutter, einen großen Vorrat an deutschem Gouda, türkischem Käse, deutscher Schokolade, natürlich Lakritze und noch einiges mehr.
Mein mindestens fünfzehn Kilo schweres und mit Büchern vollgestopftes Handgepäck stand gut versteckt und außerhalb der Sichtweite der Flughafenfrau bei meinem Vater. Als ich meinen Koffer erfolgreich ins Flugzeug verhandelt hatte und auf ihn zuging, grinste er. Wir wussten beide: Das hat mit Sehnsucht zu tun.


Übrigens, mein Lieblingskommentar zu dieser Kolumne kommt vom “Käseschlepper” (Taz-Kommentarbereich):

“Ganz sicher ist manchen damals in der ‘inwendigen Dachgepäckträger-Ära der Turkish Airlines’ auch ein Junge(Mann) aufgefallen, der beladen mit einem 50 kg schweren Schafskäsekanister sich auf Geheiß der Frau Mama je Boardingetappe jeden Sommer immer wieder aufs Neue zu bewähren hatte. Es galt den besagten Kanister bis zum Punkt-of-no-return soweit in die Kabine zu schmuggeln und danach einige der angeblich sichersten Sitzplätze, welche die ersten Sitzreihen im Flugzeug sein sollten, zu ergattern.”

UNTER DEM WALNUSSBAUM

Ich musste lachen, als ich zum ersten Mal einen türkischen Friedhof besuchte und auf den Grabsteinen Daten wie 1290–1928 oder 1305–1940 las. So lange lebt doch niemand; was für ein bitterer Fehler ausgerechnet auf dem Grabstein, dachte ich. Bis ich vor dem meines Urgroßvaters Molla Mehmet stand. Er lebte von 1328 bis 1990, in aufwühlenden Zeiten.

In einer kleinen Hütte ohne Fenster, versteckt zwischen den Orangenbäumen neben seinem Haus, lehrte Molla Mehmet 18 Jahre lang jede Nacht seine Schüler den Koran, bis im Morgengrauen der Gebetsruf Tanr uludur, tanr uludur, haydi namaza (»Gott ist groß, Gott ist groß, auf zum Gebet«) von den Minaretten der kleinen Stadt im Südwesten der Türkei ertönte. Seine Schüler, Kinder und Erwachsene, verschwanden in der Dunkelheit. Molla Mehmet ging dann in sein Haus, wusch sich, zog sich ein sauberes weißes Hemd an, kämmte seinen Bart und machte sich – als sei nichts gewesen – auf den Weg zum Morgengebet in die Moschee. In die Moschee, wo das Lesen und Lehren des Korans neuerdings verboten war.

Die laizistische Türkische Republik hatte der Religion den Kampf angesagt. Unter anderem war der Kalender umgestellt worden. Es galt nicht mehr der islamische, der 622, mit dem Jahr der Auswanderung des Propheten Mohammed aus Mekka, beginnt und der in Mondjahren zählt, sondern der gregorianische. So folgte in der Türkei auf den 31. Dezember 1341 der 1. Januar 1926. Auch das arabische Alphabet wurde abgeschafft und stattdessen das lateinische eingeführt.

Von einem Tag auf den anderen wurden Tausende von Gelehrten und Studierten zu Analphabeten. Und statt des arabischen Gebetsrufes Allahu Akbar ertönte nun der türkische, Tanr uludur, von den Minaretten. Militärs patrouillierten vor den Moscheen und inhaftierten Imame, die sich den Anordnungen widersetzten. Schließlich stürmten Soldaten sogar in die Häuser und verbrannten alle Korane, die sie finden konnten. Molla Mehmet versteckte seine in der kleinen Hütte zwischen den Orangenbäumen. Dort führte er seinen ganz eigenen Widerstand.

Viele Jahre später war mein Urgroßvater einer der angesehensten Männer der Stadt. Durch sein Wissen, seine Ehrlichkeit, seine tiefe Religiosität und seine ruhige, weise Art war er für viele in der Kleinstadt zu einer Respektsperson geworden. Menschenschlangen bildeten sich vor seinem Haus. Die Leute fragten ihn um Rat. Neuankömmlinge – Lehrer, Bürokraten und Gäste – klopften bei ihrer Ankunft in der Stadt zuerst an seine Tür. Er baute zwei Moscheen und gründete in den siebziger Jahren ein religiöses Gymnasium. »Und trotzdem nahm er sich für jeden seiner Enkel Zeit«, erinnert sich meine Mutter. Sie erzählt, wie er sie bei den Hausaufgaben für die Schule unterstützte, sie ermahnte, sich zu bilden, und sie viel religiöses Wissen lehrte. »Deshalb haben wir, seine Enkel, ausnahmslos alle studiert.« Noch heute ist meine Mutter voller Bewunderung für ihn, für seine Geduld, sein Wissen, seine Offenheit.

Ich habe meinen Urgroßvater nie kennengelernt. Aber ich finde überall seine Spuren. Etwa wenn wir im Sommer unter dem großen Walnussbaum vor seinem Haus sitzen und die Älteren uns von früher erzählen, zum Beispiel von der Kindheit meines Urgroßvaters.

Er kam als Halbwaise zur Welt. Sein Vater, ebenfalls ein Gelehrter und Imam, war auf der Pilgerreise in Mekka erkrankt und gestorben. Als Molla fünf Jahre alt war, starb auch seine Mutter. Er wurde von seinen Tanten großgezogen, die ihn als Jugendlichen in eine Madrasa, eine religiöse Schule, schickten. Als kurz vor dem Ende seiner Ausbildung die Madrassen auf Geheiß Atatürks geschlossen wurden, kehrte er zurück zu seiner Familie. »Wir stammen von den Yörüks ab«, erzählt mein Großonkel. Die Yörüks waren ein urtürkischer Nomadenstamm, der mit seinem Vieh durch das Land zog. Und so kam es, dass mein Urgroßvater damals als Hirte in den Bergen lebte und sich gleichzeitig weiterbildete, Bücher las, philosophierte.

Manchmal frage ich mich, woher die Rastlosigkeit in mir kommt, während ich durch die Welt reise, immer auf der Suche nach neuen Orten, neuen Menschen. Ich frage mich, woher mein Durst nach Wissen kommt. Und die Liebe zur Religion, die Bindung zu ihr.

Wenn ich dann durch die kleine Stadt im Südwesten der Türkei gehe, durch die Orangenhaine, wenn von den Minaretten der Gebetsruf ertönt, wenn ich an den Moscheen vorbeilaufe und wenn ich vor dem Grab meines Urgroßvaters stehe, weiß ich, wie die Antwort lautet.

Dieser Text erschien zuerst in ZEIT Geschichte “Der Islam in Europa” und hier auf Zeit Online.